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"langage SMS". Eine Gefahr für die französische Sprache?

Hausarbeit 2017 14 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Produktionsbedingungen von SMS-Kommunikation
2.1 Mediale Bedingungen
2.2 Kommunikative Bedingungen

3. SMS-Kommunikation zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit

4. Sprachliche Merkmale des langage SMS
4.1. Verschriftungsstrategien
4.2 Morphemkonstanz

5. Langage SMS als Gefahr für die französische Sprache?

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Jtexplicré 2m1 ;) toi explik me ltruc ac le gro ta“ (Fairon et al. 2006: 58) .

Kurznachrichten wie diese werden in Frankreich tagtäglich millionenfach versendet. Die Kommunikation mittels SMS (Short Message Service) ist aus dem kommunikativen Alltag ihrer Interaktanten[1] kaum mehr wegzudenken. Doch gerade in Frankreich häufen sich Stimmen von Sprachpuristen, die angesichts eines normfernen Schriftkodes einen Sprachverfall der französischen Sprache wittern. In einer Forumsdiskussion mit dem Thema „Langage SMS vs langue française“ schreibt die Nutzerin Nefertari2205: „Il est atroce de voir notre belle langue française ainsi maltraitée […]. Mais utiliser ce langage un peu débile, je trouve cela lamentable, c'est ainsi que les jeunes et parfois moins jeunes n'ont plus la notion de la belle écriture et des beaux mots...“[2] In der zuweilen polemisch geführten öffentlichen Debatte scheint klar zu sein: SMS-Sprache und Sprachverfall stehen miteinander in enger Verbindung. Doch haben wir es wirklich mit einer besorgniserregenden Entwicklung zu tun? Müssen wir uns tatsächlich vor einer Verrohung der Sprache fürchten?

Sprachwissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahre stellen fest, dass der langage SMS von den Normen der Schriftsprache zwar deutlich abweicht, dies allein jedoch für die Schriftkultur noch keine Verarmung darstellt. Es sind technische und kommunikative Rahmenbedingungen, die die SMS-Sprache zu einem dialog- und interaktionsorientierten Schreiben und somit der Schriftnorm fern werden lassen.

Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag für ein besseres Verständnis des Phänomens SMS-Sprache leisten und diskutieren, inwiefern ihre Existenz als Gefahr für die französische Schriftnorm zu werten ist. Im ersten Schritt wird auf die besonderen Rahmenbedingungen für SMS-Sprache hingewiesen; es soll verdeutlicht werden, dass das Zusammenspiel aus medialen und kommunikativen Produktionsbedingungen das Herausbilden eines SMS-spezifischen Schriftkodes bewirken. Die eingangs präsentierten Rahmenbedingungen sollen nun dabei helfen, SMS-Kommunikation im Spektrum zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu verorten. Hierbei werde ich vorrangig auf das Nähe-Distanz-Modell von Koch und Oesterreicher eingehen. Anschließend soll der langage SMS anhand zentraler sprachlicher Merkmale charakterisiert werden. Aufgrund der gesammelten Informationen wird die Streitfrage nach der potentiellen Gefahr für das normierte Französisch beantwortet werden können.

2. Produktionsbedingungen von SMS-Kommunikation

Für ein besseres Verständnis von SMS-Kommunikation erscheint es im Vorfeld sinnvoll, ihre Produktionsbedingungen auf außersprachlicher Ebene zu beschreiben. Im ersten Schritt sollen die medial-technischen Merkmale, im zweiten die kommunikativen Bedingungen kurz erläutert werden.

2.1 Mediale Bedingungen

Das Medium Handy als technisches Hilfsmittel zur Speicherung und Übertragung digitaler Informationen macht SMS-Kommunikation erst möglich. Die ständige zeit- und ortsungebundene Verfügbarkeit sowie die sekundenschnelle Übertragung machen handyvermittelte Kommunikation einzigartig. Als umständlich erweist sich die Texteingabe: auf maximal 160 Zeichen begrenzt erfolgt sie auf dem wenig ergonomischen und vergleichsweise kleinen Bildschirm bzw. Tastenfeld des Handys. Über Smartphones erstellte SMS-Texte bieten zwar die Möglichkeit einer etwas differenzierteren Textgestaltung mittels Sondereffekten wie Smileys oder variierender Schriftfarbe, ansonsten sind SMS-Texte typografisch etwa in Bezug auf Schriftart oder –größe weitgehend uniform (vgl. Reinkemeyer 2013: 62). Es sind nicht zuletzt diese – wie Liénard (2005: 50) sie nennt - „technischen Einschränkungen“ wie begrenzte Zeichenzahl oder aufwändige Texteingabe, die maßgeblich zur Entwicklung effizienter und innovativer Verschriftungsstrategien beitragen.

2.2 Kommunikative Bedingungen

SMS-Kommunikation ist ein von Raum und Zeit losgelöster, schriftbasierter Informationsaustausch. Reinkemeyer (2013: 69) betont, dass dadurch „weniger die traditionellen Funktionen von Schrift im Sinne von Aufbewahrung der Kommunikation und Konservierung von Wissen im Vordergrund [stehen] als vielmehr die Übernahme von bislang der fernmündlichen Kommunikation vorbehaltenen Funktionen.“ Hieraus ergibt sich trotz schriftlich geführter Kommunikation ein durchaus mündlicher Gesprächscharakter. Einer ausführlicheren Verortung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit wird sich der folgende Unterpunkt widmen.

Dürscheid (2002: 94) sieht den wesentlichen Unterschied zum Telefongespräch in der zeitversetzten, asynchronen Kommunikation; trotz sekundenschneller Nachrichtenübertragung ist eine direkte Interaktion nicht möglich. Somit verhindert SMS-Kommunikation die „gegenseitige[n] Einflußnahme [sic] im Prozess“ (Bittner 2003: 194), nicht aber Interaktivität und Dialogizität. Reinkemeyer (2013: 84) stellt in Hinblick auf diese charakteristischen Faktoren die plausible These einer „diskreten Aufdringlichkeit“ von SMS-Kommunikation auf: SMS-Schreiben bietet die Möglichkeit schriftlicher Nähekommunikation bei physischer Distanz und Asynchronität; Kurzmitteilungen gelangen zwar direkt in den Nahbereich des Kommunikationspartners, ohne jedoch in direkten Kontakt mit ihm treten zu müssen.

3. SMS-Kommunikation zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Aufbauend auf den zuvor genannten technischen und kommunikativ-relevanten Faktoren soll nun unter Zuhilfenahme der Terminologien sowie des Nähe-Distanz-Modells von Koch und Oesterreicher (2011) handyvermittelte Kommunikation im Spektrum zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit verortet werden. Es wird sich herausstellen, dass dieser Schritt für eine Versachlichung der öffentlichen Debatte um Sprachverfall durch SMS-Verkehr notwendig und sinnvoll ist.

Nach jahrhundertelanger Abwertung gesprochener Sprache rückt diese vor allem in den letzten Jahren in den Fokus der Sprachwissenschaft. In den 1980er Jahren entwickelten Koch und Oesterreicher ein vielbeachtetes Modell zur Beschreibung des Verhältnisses von Mündlichkeit und Schriftlichkeit (vgl. Sinner 2014: 209-212), das trotz seiner Entstehungszeit vor Durchbruch der digitalen Kommunikationsformen für eine Darstellung von SMS-Kommunikation zweckdienlich ist (vgl. Reinkemeyer 2013: 85).

Koch und Oesterreicher nehmen eine auf Söll (1985) zurückgehende Unterscheidung zwischen Medium und Konzeption vor. Während ersteres sich auf die Realisierungsform der Äußerung bezieht (phonisches/graphisches Medium), betrifft letztere den sprachlichen Duktus von Äußerungen (gesprochene/geschriebene Konzeption); zwischen dem phonischem und dem graphischen Medium herrscht eine strikte dichotome Beziehung, das Verhältnis von gesprochener und geschriebener Konzeption hingegen kann als Kontinuum zwischen extremen Ausprägungen begriffen werden (vgl. Koch & Oesterreicher 2011: 3-4). Darüber hinaus unterstreichen die Autoren starke Affinitäten, die zwischen gesprochen und phonisch sowie zwischen geschrieben und graphisch bestehen; SMS-Kommunikation kann somit als „gegenläufige[r] Kombinationstyp“ (ebd.: 4) bezeichnet werden.

Konzeptioneller Mündlichkeit (bzw. Nähesprache) und Schriftlichkeit (bzw. Distanzsprache) ordnen Koch und Oesterreicher jeweils charakteristische Versprachlichungsstrategien und Kommunikationsbedingungen zu. Wendet man diese Parameter auf SMS-Kommunikation an, so ergibt sich ein recht heterogenes konzeptionelles Relief. Insgesamt scheint SMS-Kommunikation jedoch dem konzeptionellen Nähepol deutlich näher zu stehen, was hauptsächlich auf den hohen Grad an Vertrautheit, Dialogizität und emotionaler Beteiligung zurückzuführen ist. Vor allem der Parameter der physischen Distanz zwischen den Kommunikationspartnern spricht jedoch für eine eher schriftliche Konzeption. Die physische Distanz kann dank einer schnellen Nachrichtenübertragung und eines großen gemeinsamen Wissenskontexts in einer Art technisch vermittelten Nähe in Richtung Nähekommunikation kompensiert werden (vgl. Reinkemeyer 2013: 88-89).

Es lässt sich festhalten: das vergleichsweise junge Phänomen der Kommunikation durch SMS bietet trotz räumlicher Distanz die Möglichkeit der kommunikativen Nähe im Bereich der medialen Schriftlichkeit. Hieraus ergeben sich folgerichtig Versprachlichungsstrategien aus dem Bereich der Nähesprache wie etwa geringe Planung und Komplexität sowie Informalität. Konkret bedeutet dies ein Herausbilden völlig neuartiger Gestaltungsressourcen und sprachlicher Ausdrucksmittel, die in einem eigenen langage SMS kumulieren. Wichtig für die sprachkritische öffentliche Diskussion um den Verfall der französischen Sprache ist die Erkenntnis, dass sich SMS-Kommunikation als interaktionsorientiertes Schreiben am mündlichen Gespräch, das heißt an den für mündliche Interaktion typischen Gepflogenheiten und Formulierungsmustern orientiert. SMS-Sprache hat demnach mit formellem Distanzschreiben wenig gemein.

4. Sprachliche Merkmale deslangage SMS

In der folgenden innersprachlichen Untersuchung zentraler Verschriftungsstrategien soll gezeigt werden, dass SMS-Schreiben keineswegs regellos ist, sondern durchaus gewisse Regelhaftigkeiten und Normen bestehen bleiben. Anhand der Ergebnisse kann abschließend diskutiert werden, inwieweit der langage SMS tatsächlich als sprachliche Revolution und als Gefahr bzw. Verarmung für die französische Sprache zu werten ist.

4.1. Verschriftungsstrategien

Reinkemeyer (2013) und Liénard (2005) nehmen eine vergleichbare und sehr einleuchtende Typologisierung der Verschriftungsstrategien vor. Drei Klassen zeichnen sich hierbei ab: (1) vereinfachende bzw. effiziente Verschriftungsstrategien, (2) komplexe bzw. enigmatische Verschriftungsstrategien und (3) expressive Verschriftungsstrategien.

(1) Es besteht ein maßgebliches Bedürfnis der Verfasser, möglichst ökonomisch zu verschriften, d.h. hinsichtlich Platz- und Zeiteinsparung effizient zu sein (vgl. Reinkemeyer 2013: 122). Vermutlich entsteht dieses Bedürfnis aufgrund technischer Voraussetzungen wie unkomfortabler Handytastatur und Zeichenbegrenzung und bedingt somit die Auswahl geeigneter Verschriftungsstrategien.

Effiziente Verschriftungsstrategien zielen auf eine Vereinfachung der französischen Sprache ab. Dies geschieht in der Regel durch graphische Reduktionen. Bei Kurzwörtern handelt es sich um lexikalische Kürzungen, die sich in Aphärese, Synkope und Apokope einteilen lassen und im Vergleich zu ihrer Vollform einen beachtlichen Ökonomieeffekt mit sich bringen: ordi für ordinateur oder prof für professeur. Weniger konventionalisierte Kurzformen wie etwa tain für putain oder zick für musique kennzeichnen sich verstärkt durch Aphäresen, ein typisches Merkmal französischer Jugendsprache (vgl. Reinkemeyer 2013: 124-125). Eine weitere sehr verbreitete Abkürzungsmethode sind die von Anis so genannten „konsonantischen Skelette“ (1998: 88), bei der alle Vokalgrapheme getilgt werden. Häufig verwendete Formen wie bcp für beaucoup oder qd für quand werden schnell zur Konvention; weniger frequente Varianten führen zuweilen zu Zweideutigkeiten bei der Bedeutungszuweisung und werden aus diesem Grund eher vermieden – ms für sowohl mes als auch mais. Eine weitere effiziente Strategie der Verschriftung ist die pseudophonetische Schreibung, bei der die Orthographie auf ein phonetisches Abbild des Graphems reduziert ist.[3] Zu nennen sind hier Reduktionen von qu zu k (koi für quoi), ss zu c, (acé für assez).

Die Reduktion von Doppelkonsonanten sowie stummer wortinitialer oder –finaler Buchstaben stellt außerdem ein rekurrentes Phänomen mit beachtlicher Platz- und Zeitökonomie dar: elle wird zu ele, terre zu ter, aller zu alé und heureusement zu eureusemen.

(2) Komplexe bzw. enigmatische Verschriftungsstrategien stellen neben effizienter Schreibung eine Dimension dar, in der Nutzer einen originellen, kreativen Umgang mit der Sprache demonstrieren. Diese Elemente verschlüsselter Sprache sind trotz Ineffizienz aufgrund ihrer Originalität und schwierigeren Durchschaubarkeit häufig vorzufinden. Zwei zentrale Schreibweisen zeichnen sich hier ab. Der von Liénard (2005: 53) eingeführte Terminus „semiophonologische Schreibung“ besteht darin, dass einzelne Buchstaben oder Ziffern den Lautwert ganzer Silben oder Silbenbestandteile graphisch repräsentieren und somit eine Art Ideogramm darstellen. Je nach Anzahl der betroffenen Silben – eine Silbe: 2main für demain, zwei Silben: dcéd für décédé, vollständiges Wort: o6 für aussi – ist ein vergleichsweise hoher Mehraufwand sowohl für Kodieren als auch Dekodieren der Kurznachricht konstatierbar (vgl. Reinkemeyer 2013: 138). Dieses Verschriftungsverfahren erfährt seine Zuspitzung in der sogenannten Rebusschreibweise. Hierbei werden nicht nur Buchstaben und Ziffern, sondern auch sonstige Zeichen eingesetzt, um die kryptische Dimension hervorzuheben. Nachrichten wie de grande @ für de grandes oreilles setzen in der Tat einen hohen Kompetenzgrad im spielerischen Umgang mit den Verschriftungsmöglichkeiten voraus und fordern den Empfänger gewissermaßen zum „Mitspielen“ auf (vgl. Reinkemeyer 2013: 138). Als zweite zentrale enigmatische Verschriftungsstrategie sind Agglutinationen zu nennen. Fairon et al. (2006: 38) verstehen hierunter eine „liaison“ zweier syntaktisch zusammengehöriger Wörter.

Häufig betroffen sind Personalpronomen, die Präposition de und die Konjunktion que gemeinsam mit dem Folgewort: les études verschmilzt zu lezétudes, m’acheter zu mhté und je suis zu chui.

(3) Expressive Verschriftungsstrategien in SMS-Texten kompensieren die physische Distanz der Kommunikationspartner und die fehlende Möglichkeit zu prosodischen, gestischen oder mimischen Informationen. Solche Merkmale einer direkten mündlichen Sprache wie etwa Sprachtempo, Lautstärke, emotionale Einstellung oder nonverbale Informationen werden in SMS-Texten simuliert, um die kommunikative Nähe zwischen den Interaktanten möglichst zu vergrößern (vgl. Reinkemeyer 2013: 141-142). Was die expressive Funktion in Kurznachrichten angeht, heben Fairon et al. (2006: 37-38) die Wiederholung von Buchstaben oder Satzzeichen hervor. Dieses Verfahren findet bei Interjektionen und Onomatopoetika wie pfff, hmmmm oder ke jeu taimmmmmmmmmmeu häufige Verwendung und bewirkt einen Dehneffekt der betroffenen Silbe, der die Affektivität der Nachricht steigert.

[...]

[1] Um einen besseren Lesefluss zu gewährleisten verzichtet diese Arbeit auf generische Feminina. Frauen sind selbstverständlich gleichermaßen angesprochen wie Männer.

[2] Das Zitat stammt aus einem Forum der französischen Tageszeitung Le Figaro und veranschaulicht die kritische Haltung, die nicht wenige Franzosen gegenüber dem langage SMS einnehmen. URL: http://evene.lefigaro.fr/forum/livres-et-lettres/langue-francaise/1291329

[3] Reinkemeyer (2013: 129) verwendet den Ausdruck „pseudophonetisch“ aus dem Grund, dass es im Französischen durchaus Vokal- und Konsonantenphoneme gibt, für die sich kein unmittelbar korrespondierender Buchstabe finden lässt. Fairon et al. sprechen in diesem Zusammenhang nichtsdestotrotz von „orthographe phonétique“, da diese Schreibweise darauf abziele der mündlichen Sprechform der Nutzer möglichst nahezukommen (2006: 33).

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668430655
ISBN (Buch)
9783668430662
Dateigröße
773 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358044
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Romanisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
SMS Französisch Sprachpurismus Sprachverfall Internetkommunikation Linguistik

Autor

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Titel: "langage SMS". Eine Gefahr für die französische Sprache?