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Verteufelt human. Die Humanitätsidee in "Iphigenie auf Tauris" von Johann Wolfgang von Goethe

Hausarbeit 2016 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Humanitätsidee
2.1 Humanitätskonzepte
2.2 Humanitätskonzept in Goethes Iphigenie

3. Humanität als kontinuierliches Element
3.1 Textbelege zur Kontinuierlichen Humanität
3.2 Zwischenfazit zur kontinuierlichen Humanität

4. Humanität als episodisches Element
4.1 Textbelege zur episodischen Humanität
4.2 Zwischenfazit zur episodischen Humanität

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Goethes »Iphigenie auf Tauris« ist ein Werk, welches unmittelbar mit der Humanitätsklas- sik der deutschen Sprache verbunden ist. So sagt Heidi Beutin, es stelle sich noch heute die Assoziation an Goethes »Iphigenie auf Tauris« ein, wenn die Wörter »Klassik« und »Hu- manität« im Raum stehen.1 Diese Aussagen beziehen sich explizit auf die vierte Fassung von 1787, welche dieser Arbeit ebenfalls als Grundlage dienen soll. Es besteht jedoch kei- ne Notwendigkeit sich auf die Interpretationen Dritter zu verlassen, wenn es um die Frage geht, ob das Werk die Humanitätsthematik verkörpert. In einem Brief an Friedrich Schiller schreibt Goethe selbst: »Ich bin neugierig was Sie ihm abgewinnen werden. Ich habe hie und da hineingesehen; es ist ganz verteufelt human«.2 Jedoch schrieb Goethe in einem wei- teren Brief an Schiller ebenfalls: »Das Unzulängliche ist productiv. Ich schrieb meine 'Iphi- genie' aus aus einem Studium der griechischen Sachen, das aber unzulänglich war«.3

Hier kommt die Frage auf, was Goethe mit unzulänglich meint. Beutin sagt: Goethe wusste, dass das Griechentum neben humanen auch immer inhumane und grausame Züge aufweist.4 Dieser These nach wurde die Humanitätsidee zwar in das Werk eingebunden, doch würde sie kein konstitutives Element darstellen. Vielmehr hätte sie eine episodische Funktion, die in dem Handeln »Iphigenies« erkennbar wäre.

2. Humanitätsidee

Um zu überprüfen, ob sich die Humanitätsidee des Werkes auf einer konstitutiven oder epi- sodischen Ebene bewegt, muss festgelegt sein was Humanität eigentlich bedeutet. Diese Frage ist jedoch schwer zu beantworten. Hans-Georg Werner postuliert die Sitte, die Moral und die Vernunft als wichtige Kriterien der Humanität.5 Neumann sagt hingegen: Die schöpferische Sprache und »Iphigenies« Handeln im besonderen Hinblick auf die Verwei- gerung des Opferkults, bilden zusammen ein Modell utopischer Humanität.6 So zeichnet sich bereits an dieser Stelle ab, dass es keine einheitliche Definition für das Humanitäts- konzept in Goethes »Iphigenie« gibt. Eine für diese Frage treffende Definition könnte je- doch folgendermaßen aussehen:

»Der sogenannte Humanismus ist eine Weltanschauung, die auf die abendländi- sche Philosophie der Antike zurückgreift und sich an den Interessen, den Werten und der Würde des einzelnen Menschen orientiert. Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit gelten als wichtige humanistische Prinzipien menschlichen Zu- sammenlebens«.7

Um die Wahl dieser Definition zu begründen, ist es wichtig einen Überblick über verschiedene Humanitätskonzepte zu erlangen.

2.1 Humanitätskonzepte

Eine Möglichkeit Humanismus zu erklären ist, die Humanität mit der Menschenwürde zu verbinden. Nach dieser Überlegung ist es notwendig zwei Prinzipien einzuhalten. Die Hu- manität kann nur dann zweifelsfrei gewährleistet sein, wenn die Menschenwürde als grundsätzliche Subjektstellung8 und das Prinzip der Menschenwürde als Basis9 für die Gleichheit aller Menschen eingehalten wird.10 Dieses Konzept hat jedoch den entscheiden- den Nachteil, dass eine Vielzahl sozialer Interaktionen nicht abgedeckt wird. Auf die Frage ob das Lügen erlaubt ist, gibt es in dieser Theorie keine Antwort. Auch das Quälen von Tieren wäre nach diesem Modell human. Doch es gibt weitere Ansätze die versuchen zu spezifizieren.

Aus der rechtlichen Perspektive gehen ebenfalls starke Bemühungen hervor, den Begriff der Humanität zu definieren. Ein Problem dabei ist, dass im rechtlichen Sprachgebrauch das Wort Humanität nicht im einzelnen, sondern lediglich im Zusammenhang mit weiteren Begriffen benutzt wird. So gibt es zwar zahlreiche Wortkombinationen wie humanitäres Völkerrecht, humanitäre Interventionen oder humanitäre Organisationen, doch wird der Begriff nicht im alleinigen Definiert.

»Humanität wird deshalb von vielen kurzum als eine der Menschenwürde ver- pflichtete Gesinnung beschrieben. Der Mensch soll um seiner selbst willen geach- tet werden, in gleicher Hilfsbedürftigkeit bei Not und als Ziel von Unterstützung und Zuwendung«.11

Doch auch hier lässt das Verständnis von Humanität die vorangestellten Fragen unbeant- wortet.

In der Medizin gibt es die gleichen Tendenzen. Professor Dr. Rudolf Guthoff definiert Humanität als die Umsetzung humanitär geprägter Ideen. Die Menschenliebe und die Gleichheit aller Menschen zum einen und die Nächstenliebe zum anderen. Zudem ist nach seiner Definition klar, dass Humanität nicht beschreibt was menschlich ist, sondern was wünschenswert wäre.12 So ist es nach dieser Definition ebenfalls nicht möglich, Beurteilungen über das Ausmaß Iphigenies Humanität anzustellen.

[...]


1 Vgl. Heidi Beutin: "Ich bin so frei geboren als ein Mann". Frauenbild, weibliches Priestertum und Huma - nität. In: Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident!. Goethe und die Religionen der Welt. Hg. von Wolfgang Beutin. Bd. 31. Frankfurt am Main 2000, S. 23-50, S. 43.

2 Johann Wolfgang Goethe: Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Projekt Gutenberg. Hamburg 2011, S. 407.

3 Goethe: Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, S. 410.

4 Vgl. Beutin: "Ich bin so frei geboren als ein Mann", S. 24.

5 Vgl. Hans-Georg Werner: Verteufelt human. Über den Zusammenhang zwischen Goethes 'Iphigenie' und Grillparzers 'Goldenem Vließ'. In: Literarische Strategien. Studien zur deutschen Literatur 1760 bis 1840. Hg. von ders. Stuttgart 1993, S. 229-242, S. 235-236.

6 Gerhard Neumann: "reine Menschlichkeit. Zur Humanisierung des Opfers in Goethes 'Iphigenie'. In: Hu- manität in einer pluralistischen Welt?. Themengeschichtliche und formanalytische Studien zur deutsch - sprachigen Literatur; Festschrift für Martin Bollacher. Hg. von Christian Kluwe. Würzburg 2000, S. 219- 236, S. 229.

7 Tom Schnee: Goethes Ideal der Humanität am Beispiel der Figur Iphigenie und anschließende Analyse der Abschiedsworte Thoas. München 2014, S. 1.

8 Die Aufopferung einer Einzelperson zum Wohle des Volkes oder Personengruppen ist nicht diskutabel. Sie darf in keiner Form und unter keinen Umständen zugelassen werden.

9 Die Anerkennung eines jeden Menschen, unabhängig seiner Herkunft, Hautfarbe oder Religion.

10 Vgl. Nikolaus Knoepffler: Humanitätsideal und Menschenwürde. In: Medizin zwischen Humanität und Wettbewerb. Probleme, Trends und Perspektiven. Hg. von Volker Schumpelick. Freiburg, Basel, Wien 2008, S. 37-52, S. 38-39.

11 Edzard Schmidt-Jortzig: Humanität und Menschenwürde aus rechtlicher Sicht. In: Medizin zwischen Hu- manität und Wettbewerb. Probleme, Trends und Perspektiven. Hg. von Volker Schumpelick. Freiburg, Ba- sel, Wien 2008, S. 53-59, S. 55.

12 Vgl. Rudolf Guthoff: Das Verständnis von Humanität in der Medizin. In: Medizin zwischen Humanität und Wettbewerb. Probleme, Trends und Perspektiven. Hg. von Volker Schumpelick. Freiburg, Basel, Wien 2008, S. 60-72, S. 60.

Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668430556
ISBN (Buch)
9783668430563
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v358026
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Germanistisches Seminar
Note
Schlagworte
Iphigenie Humanität Mythos Humanitätsideal Johann Wolfgang von Goethe

Autor

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Titel: Verteufelt human. Die Humanitätsidee in "Iphigenie auf Tauris" von Johann Wolfgang von Goethe