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Grenzen und Möglichkeiten einer Willkommenskultur. Der figurations-soziologische Ansatz von Norbert Elias

Hausarbeit 2014 24 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. GEGENSTAND: WILLKOMMENSKULTUR IN DEUTSCHLAND
2.1. Willkommenskultur - was ist das?
2.2. Unterscheidet sich Anerkennungskultur von Willkommenskultur?
2.3. Zielgruppe der Willkommenskultur
2.4. Kritik zur Willkommenskultur
2.5. Chancen f ü r gesellschaftlichen Wandel

3. THEORETISCHER HINTERGRUND: NORBERT ELIAS´ FIGURATIONSANALYSE
3.1. Figuration
3.2. Struktureigent ü mlichkeit
3.3. Machtbalance
3.4. Gruppencharisma
3.5. Selbstzwang
3.6. Wir-Ideal
3.7. Stigmatisierung
3.8. Rangordnung
3.9. Langfristige Prozesssoziologie

4. ANALYSE
4.1. Analyse der deutschen Willkommenskultur und deren Grenzen und
M ö glichkeiten
4.1.1. Figuration
4.1.2. Struktureigent ü mlichkeit
4.1.3. Machtbalance
4.1.4. Wir-Ideal
4.1.5. Selbstzwang
4.1.6. Stigmatisierung
4.1.7. Rangordnung
4.1.8. Langfristige Prozesssoziologie

5. BILDUNGSWISSENSCHAFTLICHE PERSPEKTIVE

6. FAZIT

7. LITERATUR

1. Einleitung

Im Zuge des fortschreitenden demografischen Wandels und der angestrebten Fachkräftesicherung für die Wirtschaft sollen die Rahmenbedingungen für die Zuwanderung nach Deutschland neu ausgerichtet werden. Ziel ist - im Gegen- satz zu der Gastarbeiteranwerbung in den 1960er Jahren - Zuwanderer zu ge- winnen, die langfristig und dauerhaft zum Wohlstand Deutschlands beitragen. Willkommenskultur kann jedoch nicht per Gesetz verordnet werden, sondern findet auf mehreren Ebenen statt: auf der Ebene des Individuums, der Ebene interpersonaler Beziehungen, der Ebene von Organisationen und Institutionen und der Ebene der Gesamtgesellschaft (Heckmann, 2012).

In dieser Arbeit sollen die Grenzen und Möglichkeiten einer Willkommenskultur in Deutschland nach Norbert Elias´ Erkenntnissen aus Winston Parva beleuchtet werden.

2. Gegenstand: Willkommenskultur in Deutschland

Mit der Idee einer Willkommenskultur möchte Deutschland den erforderlichen Perspektivenwechsel in der Aufnahmegesellschaft steuern und gestalten. Einen Perspektivenwechsel in Richtung interkultureller Öffnung, Wertschätzung und Anerkennung gesellschaftlicher Vielfalt und langfristiger Teilhabe sowie Gleichstellung aller Menschen in der Gesellschaft.

2.1. Willkommenskultur - was ist das?

Der Soziologe Friedrich Heckmann (2012) stellte im Rahmen der Bundeskon- ferenz der Integrationsbeauftragten von Bund, Ländern und Kommunen in Wiesbaden fest, dass „der Begriff von einer im gewissen Sinne „sinnvollen Unschärfe“ gekennzeichnet sei, die es gestattet ihn in unterschiedlichen Kon- texten milieugerecht produktiv anzuwenden.“ Heckmann differenziert den Be- griff „Willkommenskultur“ auf vier Ebenen: Individuum, interpersonale Be- ziehung, Organisationen und Institutionen sowie die Ebene der Gesamtgesell- schaft.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geht von einem mo- dellhaften Zuwanderungsprozess aus, dem die drei Phasen „ Vorintegration “ , „ Erstorientierung “ und „ Etablierung in Deutschland “ zugrunde liegen. „Will-

kommenskultur“ richtet sich demnach an Neuzuwander_innen und bezieht sich vor allem auf die Phasen 1 und 2. Für die Phase der Etablierung verwendet das Bundesamt den Begriff der „ Anerkennungskultur “. (Merx / Ruster / Szukitsch, 2013)

2.2. Unterscheidet sich Anerkennungskultur von Willkommenskultur?

Laut der Studie „Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Bayern“ (Lutz/Heckmann, 2010), die den Stand der Integration und integrationspoliti- schen Maßnahmen untersuchte, ist es 70 % der in Bayern lebenden Ausländern prinzipiell möglich dauerhaft in Deutschland zu bleiben. Kann eine Einbürge- rungsquote ein Indikator für eine gelungene Integration sein? Zielt eine Aner- kennungskultur auf die verstärkte Nutzung der Ressourcen jener Menschen, die bereits in zweiter oder dritter Generation der „Gastarbeiter“ in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, vom Bildungssystem und Arbeitsmarkt aber nach wie vor ausgegrenzt werden? (Schneider / Yemane / Weinmann, 2014).

2.3. Zielgruppe der Willkommenskultur

Willkommenskultur ist nicht für die gesamte Gruppe der Zuwanderer gedacht. In relevanten Publikationen und Portalen, z. B. www.make-it-in-Germany.de , werden Zuwanderer nach dem Nutzen für Deutschland, im Speziellen für den deutschen Arbeitsmarkt, unterschieden und die Rahmenbedingungen für Ein- wanderung und Aufenthalt differenziert: Fachkräfte in Branchen mit Fach- kräftemangel (Bundesagentur für Arbeit, Positivliste/Whitelist), Fachkräfte aus Drittstaaten mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, Fachkräfte aus Dritt- staaten mit einem Hochschulabschluss (Hochqualifizierten-Richtlinie bzw. Blaue Karte EU), Studierende und Promovierende deutscher Hochschulen aus Drittstaaten sowie auf Jugendliche aus Drittstaaten, die zum Zweck einer Aus- bildung zuwandern (Vorrang-Prüfung). Flüchtlinge und Asylwerber sind vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Mit deutlicheren Worten: Mit dem in Deutsch- land gültigen Rechtsrahmen für die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte wird eine aktive Steuerung und Beschränkung der Zuwanderung zum Zwecke der Beschäftigung vorgenommen (Brenning / Emminghaus / Kluth / Laub / Neureiter / Schultz / Steinbrück / Wielage, 2014).

Die Regelung von Kompetenzfeststellung bzw. die gesetzlich verankerte Aner- kennung von ausländischen Berufsabschlüssen in Deutschland lässt die Frage aufkommen, ob die Kriterien für die Anerkennung zu einer Machtbalance beitragen oder eine Etablierten-Außenseiter-Figuration manifestieren?

2.4. Kritik zur Willkommenskultur

Die vielfältigen kritischen Stimmen zur Willkommenskultur in Deutschland stellen die Diskriminierung der Zuwanderer in den Fokus und fordern dringend eine Auseinandersetzung der Aufnahmegesellschaft, der Etablierten, mit Dis- kriminierung und Rassismus, die zum Alltag von Außenseiter gehören, ein.

Für Klaus J. Bade ist der Weg zur gelebten Willkommenskultur noch weit und er sieht sogar „Willkommenskultur“ als Kandidat für das Unwort des Jahres. „Solange es noch keine Chancengleichheit am Arbeitsmarkt gibt; solange das gruppenfeindliche Optionsmodell gilt, obgleich nach einer aktuellen Forsa- Umfrage inzwischen sogar die Mehrheit der Deutschen für die Hinnahme von Mehrstaatigkeit bei der Einbürgerung ist; solange für Drittstaatsangehörige mit Daueraufenthalt das kommunale Wahlrecht fehlt;“ (Bade, 2012, S. 37).

Für Maria do Mar Castro Varela ist der Begriff „Willkommenskultur“ ledig- lich eine „Marketingstrategie der Regierung, die bemerkt hat, dass man es sich aus rein ökonomischen Gründen nicht mehr leisten kann, sich gegen Migration abzuschotten.“ (do Mar Castro Varela, 2012, S. 45). Auf der einen Seite der Appell zur Willkommenskultur, auf der anderen Seite bezahlt Deutschland Millionen für Programme wie Frontex und Eurosur an die Europäische Union für die High-Tech-Abschottung der EU-Außengrenzen. „So gesehen ist der Willkommenskulturdiskurs ein Feel-good-Diskurs, aber kein Instrument für soziale Gerechtigkeit.“ (do Mar Castro Varela, 2012, S. 45).

Willkommenskultur setzt nach Birte Weiß eine Antidiskriminierungskultur voraus. Die Benachteiligung am Arbeitsmarkt beginnt bereits im Bewerbungs- verfahren, gefolgt von der rechtlich geforderten Vorgehensweise, dass die Be- troffenen selbst aktiv gegen Diskriminierung vorgehen müssen und letztlich die Ursachen der Diskriminierung bei ihnen selbst verortet werden, wie zu schlechte Deutschkenntnisse, ausländische Berufsausbildung bzw. in Deutsch- land unbekannte Abschlüsse, zu wenig „angepasstes“ Auftreten. „Teilhabe und Inklusion sind kein festgeschriebener Istzustand, sondern ein gesellschaftlicher Prozess um [zugewanderten Menschen die] Chance auf Teilhabe zu er- möglichen, statt sie allein auf der Grundlage erhobener Defizite optimal in den bestehenden Arbeitsmarkt zu integrieren oder eben auszuschließen. (Weiß, 2012, S. 40)

Hubertus Schröer macht die unheilvolle Tradition der aktuellen Willkommenskultur deutlich: „Ausländerpolitik war über Jahrzehnte immer Arbeitsmarktpolitik gewesen. `Gastarbeiter_innen` wurden angeworben, als die deutsche Wirtschaft sie brauchte. Ausländer_innen sollten `rückgeführt´ werden, wenn der Arbeitsmarkt schwächelte. Das aktuelle Willkommen aus Politik und Wirtschaft bezieht sich nicht auf Flüchtlinge, Armutswanderung und Minderqualifizierte. Mit solchen Differenzierungen wird sich ein gesellschaftlicher Kulturwandel kaum erreichen lassen.“ (Schröer, 2012, S. 48).

2.5. Chancen für gesellschaftlichen Wandel

Auch wenn „Willkommenskultur“ als Schlagwort, als Marketingbegriff unre- flektiert übernommen wurde und wird, bietet der entstandene Diskurs die Möglichkeit, Einwanderung in Deutschland auf breiterer Ebene zum Thema zu machen. Nach Hubertus Schröer markiert die für die angestrebte Willkom- menskultur erforderliche interkulturelle Orientierung eine sozialpolitische Haltung von Personen und Organisationen, die Verschiedenheit und Vielfalt respektiert. „Diese Haltung zielt auf Anerkennung und Wertschätzung - der Anerkennung von Verschiedenheit und der Anerkennung von Gleichheit.“ (Schröer, 2012, S. 47.) Dieser Paradigmenwechsel von Integration zur Inklu- sion würde auch die Haltung bewirken, dass die Zugehörigkeit der Zuwande- rer, Fremden, Ausländer, Menschen mit Migrationshintergrund zur Gesell- schaft von Anfang an postuliert ist. Der bisher von der Aufnahmegesellschaft unter dem Begriff „Integration“ einseitig geforderten Anpassungsleistung der Zuwanderer müsste eine „Grundhaltung der Anerkennung und Wertschätzung von Vielfalt als eine Art neuer Staatsräson“ in Deutschland folgen. „Die realen Herausforderungen etwa durch den demografischen Wandel könnten zu einem gesellschaftlichen Diskurs führen, der die perspektivischen Aspekte der Zu- kunftssicherung mit der existentiellen Notwendigkeit von Zuwanderung ver- bindet und die gesellschaftliche Stimmung und die Akzeptanz von Zuwande- rung langfristig verändern hilft.“(Schröer, 2012, S. 49)

3. Theoretischer Hintergrund: Norbert Elias´ Figurationsanalyse

Norbert Elias stellt das wechselseitige Beziehungsgeflecht von Menschen in Gemeinschaften, der sog. Figuration, und den Prozesscharakter, den perma- nenten Wandel von Gesellschaften, in den Mittelpunkt seines soziologischen Ansatzes. Elias, der sich selbst Menschenwissenschaftler nennt, wehrt sich gegen dichotome Denkmuster in der Soziologie und den unreflektierten Ge- brauch von soziologischen Begriffen wie Gesellschaft oder Individuum. Nach Elias erfordern veränderte gesellschaftliche Konstellationen neue Begriffe mit Prozesscharakter: Figuration statt Interaktion und Entwicklung im Sinne von Gewordensein.

In seinem Leben selbst von Ausgrenzung auf verschiedenen Ebenen betroffen - sein Habilitationsverfahren wurde 1933 abgebrochen, er musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft während der Zeit des Nationalsozialismus Deutsch- land verlassen und nach England emigrieren - beschreibt er in Etablierte und Au ß enseiter die Interdependenzen, „die zwei Menschengruppen [Anmerkung: Etablierte und Außenseiter,] in eine nicht von ihnen selbst geschaffene Figura- tion verstrickt und die bestimmte Spannungen und Konflikte zwischen ihnen erzeugten“ (Elias / Scotson, 1990, S.246). Menschliche Figurationen weisen immer ein bestimmtes Spannungs- und Konfliktniveau auf. Und die Menschen haben ein Bedürfnis danach. Gruppen in kontrollierter Spannung nennt Elias beispielsweise die Figuration eines Fußballspieles: Zwei Gruppen von Indivi- duen, die ihre Beziehungen zueinander bei fortlaufender gegenseitiger Abhän- gigkeit voneinander ständig in Raum, Zeit und Bewusstsein, also fünfdimen- sional, ändern.

3.1. Figuration

Unter dem Begriff Figuration versteht Elias die Beziehungsgeflechte, die wechselseitige Abhängigkeiten, Interdependenzen von einzelnen Menschen bzw. Menschengruppen, wie die Gruppe der Etablierten und die Gruppe der Außenseiter in Winston Parva. „Menschen sind keine gesellschaftslosen Indi- viduen und Gesellschaften keine menschenlosen ,Systeme‘. Mit dem Figurati- ons-Begriff kann man der „traditionellen Zwickmühle der Soziologie: ‚Hier Individuum, dort Gesellschaft’“ (Figuration 1986/2006, S. 103) entgehen.“ (Treibel, 2012, S. 57) Vergleichbar mit einem dichtgewebten Netz sind menschliche Entscheidungen, menschliche Handlungen immer auf andere Menschen bezogen und somit von anderen abhängig und beeinflusst. Gleich- zeitig dürfen die Zwänge der Gemeinschaft nicht als übermächtig verstanden werden. Kein Mensch, so Elias, ist absolut autonom, sondern relativ autonom. (Yüksel, 2011)

Figurationen sind keine statischen Momentaufnahmen, sondern sie sind stän- dig in Bewegung, in Veränderung. Soziologische Theorien, die sich auf stati- sche Zustände gesellschaftlicher Phänomene beziehen, hält Elias für unreali- stisch. Die Gesellschaft ist ständig in Bewegung und die Dynamik des Wandels sowie die damit verbundene Veränderung von Gruppenregeln und -normen, hat ihre immanente Folgerichtigkeit. Wie sich Menschen verändern, so verän- dern und entwickeln sich auch Gesellschaften. Gesellschaftliche Entwicklung - Elias führt die Begriffe Soziogenese für die gesellschaftliche und Psychogenese für die individuelle Entwicklung ein - korrespondiert mit der Persönlichkeits- entwicklung des Einzelnen und umgekehrt. Diese wechselseitige Beeinflussung führt zum permanenten Wandel von Machtverhältnissen und Hierarchien. In Etablierte und Au ß enseiter erörtert Elias den Kern einer Etablierten-Außensei- ter-Figuration: Es ist der stärkere Zusammenhalt und die Möglichkeit, „soziale Positionen mit einem hohen Machtgewicht für die eigenen Leute zu reservie- ren, was seinerseits ihren Zusammenhalt verstärkt, und Mitglieder anderer Gruppen von ihnen auszuschließen;“ (Elias / Scotson, 1990, S.12)

3.2. Struktureigentümlichkeit

Menschen und Gesellschaften befinden sich in permanenten Wandlungsprozes- sen mit immanenter Ordnung, die Elisas Ordnung des Wandels nennt. Elias interessiert das zugrundeliegende Muster gesellschaftlicher Veränderung, die sogenannte Struktureigent ü mlichkeit. Selbst dem vermeintlichen Chaos liegt eine innere Logik, eine Ordnung zugrunde, die mit den unauflösbaren Bezie- hungen der Menschen untereinander zu tun hat. Elias betont, dass gesellschaft- liche Entwicklung keinen absoluten Nullpunkt, keinen Ausgangspunkt hat und sondern ungeplant erfolgt.

Macht ist für Elias eine zentrale Struktureigent ü mlichkeit in menschlichen Figurationen.

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Details

Seiten
24
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668430211
ISBN (Buch)
9783668430228
Dateigröße
781 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v357344
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Fakultät Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
2,7
Schlagworte
Willkommenskultur Norbert Elias Figuration Etablierte-Außenseiter-Theorie Willkommenskultur in Deutschland Gastarbeiter

Autor

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