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Das Martyrium in Gryphius' "Catharina von Georgien" als politisches und religiöses Ereignis

Hausarbeit 2012 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2.1 Definition Märtyrer
2.2 Definition Martyrium

3. Der Märtyrer im barocken Trauerspiel

4. Catharinas Rolle als Märtyrerin
4.1 Catharina als politische Märtyrerin
4.2 Catharina als christliche Märtyrerin
4.2.1 Christliche Vorbilder und Anlehnungen in Catharina von Georgien

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit setzt sich intensiv mit Andreas Gryphius’ Catharina von Georgien Oder Bewehrete Besändigkeit auseinander. Die Deutungsgeschichte dieses Dramas ist lang und hat unterschiedlichste Interpretationen hervorgebracht.[1] In dieser Hausarbeit soll das Martyrium in Catharina von Georgien bezüglich seiner Bedeutung in politischer und religiöser Dimension hin untersucht werden.

Über das Entstehungsdatum des Werkes gibt es widersprüchliche Angaben, aber auf Grund von Hinweisen Gryphius’ an den Verleger Dietzel kann angenommen werden, dass Catahrina von Georgien um 1649 entworfen wurde.[2] Gryphius beschreibt in diesem Trauerspiel den letzen Tag im Leben der Catharina von Georgien, der Königin eben jenes Landes. Bei Verhandlungen mit dem persischen Herrscher Chach Abas wird Catharina gefangen genommen. Chach Abas’ Plan, die Königin zu ehelichen scheitert. Daraufhin ordnet er die Hinrichtung Catharinas an.

Da aufgezeigt werden soll, inwiefern die Figur Catharina als christliche, aber auch als politische Märtyrerin bezeichnet werden kann, ist zunächst eine Definition der Begriffe Märtyrer und Martyrium von Nöten. Außerdem wird kurz die Rolle des Märtyrers im barocken Trauerspiel analysiert.

Die Grundlage dieser Arbeit sind neben Gryphius Dramen, herausgegeben von Eberhard Mannack, die Texte Das Martyrium als Politikum. Religiöse Inszenierung eines politischen Geschehens in Andreas GryphiusCatharina von Georgien von Torsten W. Leine sowie Literatur und Selbstopfer von Katja Malsch. Ich habe diese Texte ausgewählt, weil sie das Martyrium der Catharina aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Während Leine, wie schon im Titel impliziert, das Martyrium eindeutig als Politikum interpretiert, geht Malsch, ohne politische Beweggründe auszuschließen, intensiv auf die religiösen Aspekte, bzw. die imitatio Christi, ein.

Ferner stützt sich diese Arbeit auch auf Erkenntnisse aus Der Tod der Königin: Frauenopfer und politische Souveränität im Trauerspiel des 17. Jahrhunderts von Peter-André Alt, der einzelne Aspekte in dem vorliegenden Trauerspiel beleuchtet, deren Tragweite sich mir zuvor nicht erschloss und auf Klaus Reichelts Aufsatz Politica dramatica. Die Trauerspiele des Andreas Gryphius, der sich intensiv mit den Gegenständen der Trauerspiele von Andreas Gryphius auseinandersetzt.

2. Begriffsdefinitionen

In den folgenden beiden Unterpunkten sollen die Begriffe Märtyrer und Martyrium kurz definiert werden.

2.1 Definition Märtyrer

Der Begriff Märtyrer ist aus dem altgriechischen Wort μάρτυς entlehnt, welches Zeuge bedeutet.[3] Ein Märtyrer bezeugt demnach seinen Glauben, er bekennt sich zu subjektiver Wahrheit, zur Tugend oder zu den Gesetzen der Religion.

Für Benedikt XIV. kann ein Märtyrer nicht ausschließlich jemand sein kann, der für den Glauben an Gott sein Leben lässt, sondern auch derjenige, „der für den Glauben an Christus oder für einen anderen Akt der Tugend freiwillig den Tod auf sich nimmt oder ihn geduldig erträgt.“[4]

2.2 Definition Martyrium

Laut Benedikt XIV. zeichnet sich das Martyrium, also der Leidensweg des Märtyrers, durch drei Charakteristika aus: 1.: Der physische Tod muss eintreten. 2.: Die Ursache des Todes muss der öffentlich gemachte Glaube an Gott sein. 3.: Der Tod muss freiwillig in Kauf genommen werden und durch die Hand eines anderen, nicht also durch Freitod, zu verantworten sein.[5] Das Martyrium kann ebenfalls die Erlösung von der Tyrannis sein – der Märtyrer versucht trotz Gefangenschaft und Abhängigkeit souverän zu handeln.[6]

3. Der Märtyrer im barocken Trauerspiel

Thematisch können viele barocke Trauerspiele dem Märtyrerdrama zugerechnet werden. In diesen steht dem/der großmütigen und nicht affektgeleiteten Helden/Heldin ein affektbeherrschter Tyrann gegenüber. Durch den Tod des Märtyrers wird die Grausamkeit des Tyrannen ebenso aufgezeigt wie die Beständigkeit des Helden in seinem Glauben. Somit siedelt sich der Ort der Handlung, wie auch bei Catharina von Georgien, häufig im Orient an.[7]

Walter Benjamin konstatiert, dass das Märtyrerdrama „nirgend bündig“ sei, „wenn nicht in einem Satze Harsdörffers gefordert worden“[8]: „Der Held ... sol ein Exempel seyn aller vollkomenen Tugenden/ und von der Untreue seiner Freunde/ und Feinde betrübet werden; jedoch dergestalt/ daß er sich in allen Begebenheiten großmütig erweise und den Schmertzen/ welcher mit Seufftzen/ Erhebung der Stimm und vielen Klagworten hervorbricht/ mit Tapferkeit überwinde.“[9]

Für Benjamin stellt sich der Märtyrer im Drama des Barock als „ein radikaler Stoiker“ dar, er „legt sein Probestück aus Anlass eines Kronstreits oder Religionsdisputes ab, an dessen Ende Folter und Tod ihn erwarten.“[10]

Als Besonders benennt Benjamin die Tatsache, dass eine Frau „als Opfer des Vollzugs“ in einige Märtyrerdramen einführt. Als Wahrzeichen „physischer Askese“ behauptet die „keusche Fürstin“ für Benjamin im Märtyrerdrama den ersten Platz.[11]

4. Catharinas Rolle als Märtyrerin

In den folgenden Punkten soll erläutert werden, inwiefern Catharina von Georgien als politische Märtyrerin und als christliche Märtyrerin betrachtet werden kann, bzw. muss.

4.1 Catharina als politische Märtyrerin

Catharina von Georgien ist mehr als eine Figur, die, wie im Titel schon besagt, in bewehreter Beständigkeit an ihrem eigenen Glauben festhält. Sie ist Königin des - wenn auch kleinen - Staates Georgien. Als Königin vertritt sie den Herrschaftsanspruch Gottes auf Erden und auch den rechtmäßigen Thronfolger, ihren Sohn Tamaras. Sie trägt Verantwortung ihrem Volk gegenüber, sowohl im politischen als auch im religiösen Sinne, denn als georgische Christin vertritt sie genauso das ganze christliche georgische Volk. Sich selbst sieht Catharina als Stellvertreterin, an der sich „sowohl die Leidens- als auch die Heilsgeschichte des georgischen Volkes vollzieht.“[12]

Dass sie sich ihrer Verantwortung auf mehreren Ebenen bewusst ist, zeigt sich schon in der ersten Abhandlung, dort wendet sich Catharina an Chach Abas: „Ich fühle keiner Kummer Last. Ich will diß Sorgenvolle Leben Für Reich und Sohn dir willig geben.“[13]

Jedoch ist Catharina in der ersten Abhandlung noch nicht in der Lage, ihre Ängste zur Tugend der Beständigkeit, der constantia, werden zu lassen. Vielmehr wird sie dargestellt als „weltzugewandte, politisch denkende Figur, deren Affekte deutlich hervortreten.“[14] So heißt es: „Mein Leben ist beschlossen; Doch schnaub’ ich in der Angst.“[15] Der Lagebericht des georgischen Gesandten Demetrius und der ausführliche Bericht von Catharina an den russischen Gesandten erhalten den Eindruck dieser zur Welt gewandten und politischen Persönlichkeit auch über die nächsten Abhandlungen hinweg aufrecht.[16]

Dem Leser wird nicht der Eindruck vermittelt, die Königin Catharina sei ein gänzlich tugendhafter Mensch, eher das Gegenteil ist der Fall: Dass Catharina, wie sie in ihrem Bericht schildert, sich Constantin als Gattin empfiehlt und dieser sich dadurch sicher wägt, führt dazu, dass Catharina zum Überraschungsschlag ausholen und ihr Reich verteidigen kann. Tugendhaft oder moralisch unbedenklich ist eine solche List nicht zu nennen.[17]

[...]


[1] Malsch, S. 60.

[2] Mannack, S. 921 f.

[3] Meyer / Steinthal, S. 50.

[4] Marckhoff, S. 140.

[5] Marckhoff, S. 140.

[6] Weigel, S. 14f.

[7] Bremer, S. 194.

[8] Benjamin, S. 242.

[9] Benjamin, S. 242.

[10] Benjamin, S. 243.

[11] Benjamin, S. 243 f.

[12] Malsch, S. 67 f.

[13] Mannack, S. 139, 1. Abh. Z. 406 ff.

[14] Leine, 163.

[15] Mannack, S. 135, 1. Abh. Z. 293 f.

[16] Leine, S. 163.

[17] Leine, S. 163.

Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668429352
ISBN (Buch)
9783668429369
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v357319
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Märtyrer Dramen Andreas Gryphius Frühe Neuzeit

Autor

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