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Inwiefern werden Erzähl- und Darstellungsformen reflektiert?

Saul Friedländer "Das Dritte Reich und die Juden" und Hans-Ulrich Wehler "Deutsche Gesellschaftsgeschichte"

Essay 2016 6 Seiten

Geschichte - Didaktik

Leseprobe

Ruprechts-Karls-Universität Heidelberg

Heidelberg School of Education (HSE)

Übung: Geschichte und Erzählung. Implikationen des „narrative turn“ für Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik

Vorgelegt von: Johannes Konrad

Inwiefern werden Erzähl- und Darstellungsformen reflektiert? Saul Friedländer „ Das Dritte Reich und die Juden “ und Hans-Ulrich Wehler „ Deutsche Gesellschaftsgeschichte

Mitte der 1980er Jahre fand im Schatten des „Historikerstreits“ mit der „Historismusdebatte“ eine zweite geschichtswissenschafftliche Auseinandersetzung statt. Sie wurde ausgelöst vom Münchner Historiker Martin Broszat, der 1985 sein „ Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus “ publizierte hatte. Die Forderung nach einer distanzierten, nicht moralisierenden Herangehensweise an den Nationalsozialismus und die Shoa löste eine Debatte über eine angemessene Darstellung dieser Geschichte aus, an der sich unter anderem Saul Friedländer und Hans-Ulrich Wehler mit je gegensätzlichen Positionen beteiligten. Angesichts des zunehmenden Verlusts der Augenzeugenschaft über die NS-Zeit und einer zunehmend „unbefangenen“ Darstellung in der Populärkultur, scheint die Frage nach der adäquaten Form nach wie vor aktuell. Im Folgenden werde ich daher Friedländers und Wehlers Hauptwerke auf eben diese Frage hin vergleichend betrachten und untersuchen inwiefern sie diese reflektieren.

Hans-Ulrich Wehler war unter anderem von 1971 bis 1996 an der Universität Bielefeld Professor für allgemeine Geschichte und war Mitbegründer der „Bielefelder Schule“. Diese grenzte sich ab von einer auf Politik- und Ereignisgeschichte fokussierten Historiographie und rückte stattdessen gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge von Politik, Kultur, Wirtschaft und sozialer Ungleichheit ins Zentrum. Dabei verfolgte sie einen strukturalistischen Ansatz, da Einzelereignisse stets im Kontext der längerfristigen Entwicklungen der genannten gesellschaftlichen Dimensionen gedeutet wurden.[1] In Wehlers fünfbändigem Opus magnum „ Deutsche Gesellschaftsgeschichte “ bezieht sich der Autor bei der Auswahl der Dimensionen Herrschaft, Wirtschaft und Kultur explizit auf Max Weber, dem diese dazu dienen die „Basisprozesse von Großsystemen“ zu analysieren.[2] Dabei grenzt Wehler seine Darstellung von Hegels und Marx Geschichtsbild scharf ab. Während diese die kulturelle Entwicklung als einen Ausdruck der staatlichen und ökonomischen Prozesse betrachten, möchte er alle Faktoren gleichberechtigt behandeln und nur im Einzelfall Schwerpunkte setzen.[3] Wehler bezieht sich u.a. auf die „Annales Schule“ wenn er eine „Totalgeschichte“ anvisiert, die zumindest als Anspruch und Korrektiv dienen soll, an dem sich die konkrete Historiographie zu messen habe.[4] Ein wesentliches Problem einer solchen Darstellung wird im Vorwort zum ersten Band wie folgt formuliert:

„Obwohl die Orientierung an Sachgesichtspunkten ein höheres Maß an Klarheit als der streng chronologische Ereignisbericht verschafft, besteht doch der Preis leicht in einem Einfrieren der Prozesse zugunsten der Strukturen relativ statischer Querschnitte.“[5]

Struktur und Prozess bilden also die beiden Pole in Wehlers Geschichtsbild, zwischen denen er die genannten Dimensionen entfaltet. So schildert das erste Kapitel des ersten Bandes den Weg von der mittelalterlichen Feudalgesellschaft zur frühneuzeitlichen Ständeordnung zwar durchaus in seiner zeitlichen Abfolge. Hierbei beleuchtet der Autor aber sowohl die ökonomischen, wie auch die politischen und sozialen Aspekte dieses Wandels, sodass sich keine einheitliche Chronologie ergibt. Vielmehr werden einzelne „Eckpunkte“ wie der Bauernkrieg oder der dreißigjährige Krieg unter verschiedenen Gesichtspunkten genannt. Auch die Langlebigkeit einzelner feudaler Elemente bis in das 18. Jahrhundert hinein werden geschildert, sodass die Gesamtdarstellung des Zeitabschnittes zwar dem Prozesscharakter der Geschichte gerecht wird, jedoch die strukturelle Betrachtung überwiegt.[6]

Dadurch geraten die erzählenden Elemente der Darstellung unweigerlich ins Hintertreffen. Sie finden sich jedoch auf einer Metaebene durchaus wieder. Denn für Wehler ist die Vorstellung vom „deutschen Sonderweg“ paradigmatisch leitend. Die Annahme also, dass der neuzeitliche Modernisierungsprozess in Deutschland unter Sonderbedingungen und unter Abweichungen vom „westlichen Weg“ stattgefunden habe. Dieser Sonderweg habe letztendlich in den Nationalsozialismus und zur Shoa geführt, die damit zum Fluchtpunkt von Wehlers Geschichtsbild wird.[7] Wie zentral diese Perspektive ist, wird u.a. in seiner Kritik an Heinrich August Winkler deutlich. Dessen „Geschichtsteleologie“ münde in der Westbindung der Nachkriegszeit und mache die deutsche Vergangenheit somit zu einer Erfolgsgeschichte.[8] Die Historiographie mit dem Wissen um bzw. aus der Perspektive von Ausschwitz lässt sich nach Hayden Whites Theorie dagegen als Drama kategorisieren. Diese Narration findet jedoch implizit statt und wird nicht als solche benannt, sondern ergibt sich vielmehr aus Wehlers Forschungsansatz. Denn die Darstellung von Holocaust und NS-Zeit ist für ihn nur durch eine langfristige historische Betrachtung möglich. In diesem Sinne bezieht sich Wehler auch positiv auf Martin Broszats „ Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus “.[9] Broszat fordert darin eben diese Einbettung der Ereignisse der NS-Zeit in ihre lange Vorgeschichte, jedoch nicht um Erstere zu „normalisieren“, sondern um ihrem vollen Umfang gerecht zu werden.[10]

Dagegen wählte der israelische Historiker Saul Friedländer, der u.a. An den Universitäten von Los Angeles, Tel Aviv und Jerusalem tätig war eine vollkommen andere Darstellung. „ Die Jahre der Vernichtung – 1939-1945 “ wirkt auf den Leser in mancher Hinsicht fragmentiert. Unteranderem, weil die schlichte, chronologische Gliederung des Werkes in Spannung steht zur „Erzählzeit“. So beginnt das erste Kapitel des zweiten Abschnitts – „ Massenmord “ – mit Zeitzeugenberichten, die den deutschen Überfall auf die Sowjetunion und die ersten Massenhinrichtungen beschreiben. In den aus Briefen und Tagebüchern entnommenen Zeugnissen herrscht teils Unglaube gegenüber den Gräueln, die sich als Gerücht verbreiten, teils dominieren auch quasi banale Alltagsprobleme die Schilderungen. Doch auch die Fassungslosigkeit vor dem was sich ereignet wird genannt. Iryna Choroschunowa, die 1941 von einem Massaker an den Kiewer Juden berichtet schrieb in ihr Tagebuch:

„Am 29. September, als wir dachten sie würden in ein Konzentrationslager gebracht haben wir auch geweint. Aber jetzt? Können wir wirklich weinen? Ich schreibe hier aber mir stehen die Haare zu Berge.“[11]

Der Tagebucheintrag, der von Friedländer nicht kommentiert wird, zeigt wie punktuell die Ereignisse wahrgenommen wurden. Choroschunowas Ringen das Geschehene auszudrücken, verweist darauf, dass die Shoa an der Grenze dessen liegt was noch sprachlich vermittelbar ist. Diese eingeschränkte und fassungslose Wahrnehmung kontrastiert Friedländer mit einer Schilderung des Kriegsverlaufs. Sie beginnt mit einem Treffen Hitlers und hochrangigen Offizieren, bei dem die Strategie und Ausführung des Vernichtungskrieges besprochen werden und schildert deren administrative Umsetzung in den eroberten Gebieten.[12] Hier bekommt der Leser einen Gesamtüberblick über das Geschehen und seine Hintergründe. Diese geschlossene Zeitwahrnehmung ist jedoch nur aus der Täterperspektive möglich, die somit von den schlaglichtartigen Berichten der Opfer abgegrenzt wird. Dieser Gegensatz ist von Friedländer ausdrücklich beabsichtigt. Im Vorwort zu „ die Jahre der Vernichtung “ weist er auf die Vielzahl der Perspektiven hin, aus denen sich die Quellen zur Shoa zusammensetzen. Diese will der Autor zu einer Gesamtdarstellung verbinden, wobei er besonderen Wert darauf legt den Opfern eine Stimme zu geben, die bisher aus der wissenschaftlichen Betrachtung des Holocaust ausgespart worden sei.[13] Die persönlichen Aufzeichnungen sind für Friedländer jedoch auch aus einem anderen Grund unverzichtbar. Gerade durch ihren subjektiven und unmittelbaren Charakter sollen sie eine objektive „ Businass-as-usual -Historiographie“ durchbrechen, die eine Darstellung der Massenvernichtung verflachen und domestizieren würde.[14] Friedländer wählt für seine Darstellung also bewusst eine fragmentierte Form, die weder eine geschlossene Narration aus der Täterperspektive bietet, noch die Zeitzeugenberichte zur mikrohistorischen Betrachtung verknüpft. In einem Briefwechsel mit Martin Broszat gibt er zu bedenken, dass eine solche sozial- oder alltagsgeschichtliche Betrachtung des Nationalsozialismus, dazu führe könnte, den Fokus von dessen eliminatorisch-antisemitschen Kern zu verschieben. Eine differenzierte (also auch alle Lebensbereiche einbeziehende) Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus müsse daher unter einem bestimmten Ansatz erfolgen:

„(…) ein Ansatz, der davon ausgeht, daß diese zwölf Jahre eine definierbare geschichtliche Einheit darstellen und daß sie vor allem anderen geprägt waren vom „Primat der Politik“.“[15]

[...]


[1] Die Aspekte Politik, Kultur, Wirtschaft und soziale Ungleichheit bezeichnet Wehler als gesellschaftliche Dimensionen. Sie seien zwar grobe Vereinfachungen komplexer Zusammenhänge, dienen aber gerade deshalb einem tieferen Verständnis derselben. Vgl. WEHLER, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd. 1, S.6.

[2] Vgl. WEHLER, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd. 1, S.6 f.

[3] Vgl. Ebd. S.8.

[4] Vgl. Ebd. S.7.

[5] Ebd. S.30 f.

[6] Vgl. Ebd. S.35 ff.

[7] Vgl WEHLER, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte Bd. 4, S. XX f.

[8] Vgl. Ebd. S. XXI.

[9] Vgl. Ebd. S. XXII.

[10] Vgl. BROSZAT, Martin Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus, in: Merkur, Heft 435, 1.5.1985.

[11] CHOROSCHUNOWA, Iryna, in: FRIEDLÄNDER, Saul, Das Dritte Reich und die Juden, Die Jahre der Vernichtung 1939-1945, S.266.

[12] Vgl. FRIEDLÄNDER, Saul, Das Dritte Reich und die Juden, Die Jahre der Vernichtung 1939-1945, S.227ff.

[13] Vgl. Ebd. S.22.

[14] Vgl. Ebd. S.24.

[15] Vgl FRIEDLÄNDER, Saul, Historisierung des Nationalsozialismus, Ein Briefwechsel, in: Vierteljahresheft für Zeitgeschichte, 36. Jahrg. Heft 2, S. 354.

Details

Seiten
6
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668425965
ISBN (Buch)
9783668425972
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v357234
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Historisches Seminar
Note
Schlagworte
Geschichtstheorie narrative turn Narrativ Hayden White

Autor

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