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Saumtier, Ochsenkarren oder Pferdewagen?

Ein Verfahren zur Bestimmung von Fahrzeug-Spurweiten in Muldenhohlwegen von Altstraßen

Forschungsarbeit 2017 20 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Saumtiere und Saumpfade

2. Einachsige und zweiachsige Fahrzeuge: Karren und Wagen

3. Das Palm als Grundmaß des Verkehrswesens der Antike

4. Profilmodell für Muldenhohlwege

5. Von der Profilbreite der Hohlwege zur Spurweite der Fahrzeuge

6. Im Freistaat Sachsen an realen Hohlwegen ermittelte Spurweiten

7. Resümee

Bildnachweis:

Saumtier, Ochsenkarren oder Pferdewagen?

Ein Verfahren zur Bestimmung von Fahrzeug-Spurweiten in Muldenhohlwegen von Altstraßen

von Bernd Hofmann, Dresden

1. Saumtiere und Saumpfade

Der Transport von Waren mit Saumtieren ist durch Felszeichnungen bei Carschenna über den Splügenpass (2115mNN) an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien bereits seit etwa 1000 v. Chr. belegt. Spätestens in römischer Zeit entstanden mit Reschenpass, Malojapass, Septimerpass und Julierpass karrentaugliche Wege über die Alpen. Nach dem Niedergang des Handels zur Zeit der Völkerwanderung etablierte sich seit dem Mittelalter das Saumwesen neu, vor allem in den europäischen Gebirgsregionen[1]. Sogar bis in die frühe Neuzeit wurde dort der Lastentransport noch teilweise mit Tragtieren abgewickelt. Hierfür wurden besonders im südlichen Europa häufig Maultiere (Mulis) eingesetzt. Mulis sind ein Kreuzungsprodukt eines Eselhengstes mit einer Pferdestute. Sie sind relativ einfach zu züchten und wurden anfangs gegenüber Pferden aufgrund ihrer größeren Ausdauer und Unempfindlichkeit bevorzugt[2]. Nördlich der Alpen wurden dagegen zunehmend Pferde als Tragtiere eingesetzt, da sie größere Lasten tragen konnten. Eine Pferdelast betrug, regional unterschiedlich, etwa 120 kg bis 130 kg und wurde Saum genannt. Das Transportgut wurde mit Packsätteln auf den Tieren befestigt. Ein sog. Saumzug bestand aus einem oder mehreren Saumtieren, die hintereinander auf dem Saumpfad gingen, siehe Bild 1 [3]. Ein Saumpfad ist in der Regel eine für Wagen oder Gespanne zu steile, zu schmale oder zu unwegsame Altstraße, meist im Gebirge. Oft wird nur das erste Tier von einem Führer geführt, die weiteren Tiere laufen angebunden oder frei hinterher[4]. Wie Bild 1 zeigt, haben deshalb auch Saumpfade teilweise Hohlwegabschnitte im Gelände hinterlassen. Diese sind aber in der Regel deutlich schmaler und teilweise auch steiler als Hohlwege, die von Fahrzeugen stammen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 1:

Saumtier-Karawane auf einem Hohlweg des „Goldenen Steiges“ über den Böhmerwald (Rekonstruktion)

2. Einachsige und zweiachsige Fahrzeuge: Karren und Wagen

Für die zeitliche und funktionelle Einordnung von Altstraßen ist es wünschenswert, die Spurweite der einstmals auf diesen Straßen verkehrenden Karren oder Wagen zu kennen. Als Karren werden in der Regel einachsige Fahrzeuge bezeichnet, die von Maultieren, Ochsen oder Pferden gezogen wurden (Bild 2)[5]. Im Unterschied dazu sollen zweiachsige Fahrzeuge, die meist mit Ochsen oder Pferden bespannt wurden, Wagen genannt werden (Bild 3)[6].

Ungeachtet der Jahrhunderte und manchmal sogar Jahrtausende, die seit der Nutzung alter Verkehrswege vergangen sind, haben sich deren Relikte zumindest in Teilstücken erstaunlich oft bis heute erhalten. Diese Altstraßenrelikte treten uns in unterschiedlicher Gestalt entgegen. In Mitteleuropa finden sich besonders häufig sog. Muldenhohlwege, die in der Regel in sandig-grusig-humosen Untergründen auftreten, vor allem in Hanglagen alter Wälder. Sie wurden je nach Nutzungsart und

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Bild 2:

Eselskarren (ca. 15. Jh.)

-zeitraum sowohl von Saumtieren als auch von einachsigen Karren oder zweiachsigen Wagen hinterlassen, allerdings in unterschiedlicher Breite, Tiefe und Steigung bzw. Gefälle (Bild 4). Aus diesen Parametern kann unter günstigen Umständen sowohl auf die Nutzungsart als auch auf den Nutzungszeitraum geschlossen werden (Bild 5). Während im hohen Mittelalter und früher der Fuhrwerkslenker meist auf einem der Zugtiere oder auf dem Fahrzeug selbst saß und weitere Personen nicht neben dem Fuhrwerk gingen, mussten spätestens im

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Bild 3:

„Reisewagen der Hl. Elisabeth“ auf ihrer Fahrt von Ungarn nach Thüringen (Darstellung um 1430, Lübeck)

Zuge der verbindlichen Wieder-Einführung des Geleitswesens im Heiligen Römischen Reich gegen Ende des 15. Jahrhundert durch Kaiser Maximilian I. unter Umständen Geleitspersonen vor, hinter und ggf. neben den Fuhrwerken für deren

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Bild 4:

Typisches Profil einer mittelalterlichen Straße: Muldenhohlweg

(hier: bei Rechenberg, Osterzgeb.)

Sicherheit sorgen[7]. Da die alten Hohlwege diesen neuen Anforderungen meist nicht mehr genügten, wurden sie oft künstlich verbreitert, wodurch sie ein trapezförmiges Profil erhielten (Bild 6). In morastigen Geländeabschnitten wurden seit alters her

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Bild 5:

Muldenhohlwege (HW) im Basteiwald in Höhe „Kleiner Thümelshübel“

(Trasse Burg Wehlen – Steinerner Tisch, SBW - Schwarzbergweg)

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Bild 6:

Trapezförmiger oder Kasten-Hohlweg - das typische Profil einer Geleitsstraße (hier bei Holzhau, Osterzgeb., nach Info von V. Geupel)

auch Bohlenwege bzw. Knüppeldämme angelegt, in denen sich zusammengehörige Spurrillen der einstmals darin verkehrenden Fahrzeuge allerdings nur selten erhalten haben. In felsigem Gelände finden sich dagegen manchmal gut erhaltene

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Bild 7:

Geleise der sog. Römerstraße „Via Raetia“ bei Klais/Obb., 2.-3. Jh. n.Chr. (?, feste Spurweite, ca. 107cm) geleiseartige Hohlwegabschnitte, deren Spurrillen oft künstlich nachgearbeitet wurden. Dort kann deren Spurweite vergleichsweise einfach bestimmt werden, wenn die Spurrillen offen zu Tage liegen und gut ausgeprägt sind. Bild 7 zeigt ein Teilstück der sog. Römerstraße bei Klais in Oberbayern, eines wahrscheinlich auf die vorrömisch-keltische Besiedelung der Alpen zurückzuführenden Altstraßen-abschnittes, dessen Spurrillen im anstehenden Kalkstein über ca. 300m erhalten sind[8]. Wie Messungen des Verfassers zeigten, war die Spurweite, von Mitte zu Mitte der Spurrillen ermittelt, nahezu konstant: Sie schwankt auf einer untersuchten Streckenlänge von ca. 100m zwischen 102 und 109 cm, also nur um etwa ±3,5cm bzw. ±3,3% ! Diese Schwankungen der Spurweite konnten leicht durch die Spurrillen-breite, die in Klais vom Verfasser zu durchweg 10cm gemessen wurde, ausgeglichen werden. Sie war deutlich größer als die zu vermutende Radreifen­breite, die zumindest für die Römerzeit mit etwa ½ Handbreite = ½ Palm = 3,7cm anzusetzen ist (s.u.). Größere Schwankungen der Spurweite waren nicht ratsam, da sie bei den Fahrzeugen durch das Lagerspiel und die Elastizität der Achsen und Räder ausgeglichen werden mussten. Dies konnte zu Überbeanspruchungen dieser Konstruktionsteile bis hin zu Rad- und/oder Achsenbrüchen führen. Es liegt auf der Hand, dass derartige Vorfälle ebenso wie heute den Verkehrsfluss in den ohnehin meist "einspurigen" Hohlwegen empfindlich gestört hätten.[9]

3. Das Palm als Grundmaß des Verkehrswesens der Antike

Wesentlich ist die Erkenntnis, dass frühere Handwerker die Spurweite der Karren von Innenkant zu Innenkant der Räder gemessen haben. Diese Innenkant-Weite ist um eine Reifenbreite R (anschaulich um zwei Hälften davon) kleiner als die von Mitte zu Mitte der Radreifen zu messende Spurweite S der Fahrzeuge. Nimmt man an, das Innenkantmaß betrage ein n-faches einer zur Bauzeit gültigen Masseinheit E (mit n = ganze Zahl), so gilt

S = n x E + R .

Die Beobachtung zeigt, dass in der Antike für E ein Palm einzusetzen ist: ein Palm = 1/4 des sog. römischen Fußes von 29,6 cm, d.h.

E = 29,6/4 cm = 7,4 cm = 1 Palm.

Der sog. römische Fuß von 29,6 cm geht auf weit ältere Maßsysteme früherer Kulturen zurück. Beispielsweise hatte er denselben Wert wie der altgriechische attisch-ionische Fuß und der noch ältere altägyptische sog. Nippurfuß[10],[11]. Deshalb war auch das Palm vermutlich bereits vor der römischen Antike bis ins hohe Mittelalter ein jederzeit reproduzierbares Grundmaß, da es etwa der Breite einer Hand (ohne Daumen!) der damaligen männlichen Bevölkerung entsprach.

Die Breite R römischer Radreifen betrug etwas mehr als 3 cm breit (nach W. DRACK[12] ), was mit den engsten beobachteten Rinnen zusammen passt.

[...]


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Saumpfad, gelesen 07.02.2017

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Maultier, gelesen 21.02.2015

[3] Andreska, Jiři: Šumavské solné stezky,1994, ISBN 80-85285-55-X

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Saumpfad, gelesen 07.02.2017

[5] Schramm A., Möller Maria [Hrsg.]: Der Bilderschmuck der Frühdrucke (Band 2): Die Drucke von Guenther Zainer in Augsburg, Leipzig 1920 (Quelle: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/schramm1920ga, Abb. 174; die Biene soll ein Symbol für die Fähigkeit des Esels sein, seinen Weg ohne den Kutscher zu finden)

[6] Fahrt der Hl. Elisabeth von Ungarn zur Wartburg. Darstellung auf einem Tafelbild am Lettner des Heilig-Geist-Hospitals zu Lübeck (um 1430), vgl. Bauer H.: Wenn einer eine Reise tat. Verlag Köhler & Amelang, Leipzig 1973 (2. Aufl.), Abb.6, S.31

[7] Allgemeines Real-Wörterbuch aller Künste und Wissenschaften, Bd. XI, Frankfurt/M. 1786, S. 593, Stichwort "Geleit"

[8] Schwarz P.: Der Verlauf der Rottstraße durch die Grafschaft Werdenfels. In: Grafschaft Werdenfels 1294-1802. Garmisch-Partenkirchen 1994, S. 87. ISBN 3-9803980-0-5

[9] Brunner G.O.: Karrengeleise-ausgefahren oder handgemacht, antik oder neuzeitlich? Bündner Monatsblatt 4 (1999) S. 243-263) / gekürzte Fassung: Helvetia Archaeologica 30 (1999) S. 31- 41)

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Vormetrische_L%C3%A4ngenma%C3%9Fe#Die_ersten_sechs_Fu.C3.9Fma.C3.9Fe, gelesen 15.03.2017

[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Alte_Ma%C3%9Fe_und_Gewichte_(Antike)#L.C3.A4ngen_2, gelesen 15.03.2017

[12] Drack W., Fellmann R.: Die Schweiz zur Römerzeit. Führer zu den Denkmälern. Artemis, Zürich und München 1991, ISBN 3-7608-1045-4.

Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668428973
ISBN (Buch)
9783668428980
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356934
Note
Schlagworte
Historische Geographie Altstraßenforschung Hohlweg Spurweitenbestimmung Freistaat Sachsen Sächsische Schweiz Osterzgebirge Pillnitz

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Titel: Saumtier, Ochsenkarren oder Pferdewagen?