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Das Berlinische. Wandlungen einer Stadtsprache

Unterschiede zur Standardsprache hinsichtlich grammatischer Merkmale

Hausarbeit 2016 22 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Stadtsprache

3. Das Berlinische
3.1. Geschichtlicher Überblick
3.2. Grammatische Merkmale
3.2.1. Phonologische Merkmale
3.2.1.1. Vokale
3.2.1.1.1. Diphthonge
3.2.1.2. Konsonanten
3.2.2. Morphologische Merkmale
3.2.2.1. Wortbildung
3.2.3. Syntaktische Merkmale
3.2.3.1. Akkudativ
3.2.4. Lexikalische Merkmale
3.2.4.1. Wortschöpfungen
3.2.5. Pragmatische Merkmale
3.2.5.1. Die Berliner Schnauze
3.3. Die sprachliche Konsequenz der Teilung Berlins
3.4. Schlussfolgerung

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Städte zeigen ein großes Variantenspektrum an Sprachen, die in den letzten Jahrzehnten nicht nur das Interesse der Soziolinguistik auf sich gezogen haben, sondern auch das der Dialektologie. Die Stadt ist aber auch bedeutsam für die Sprachkontaktforschung und Ethnolinguistik, zudem ist das sprachhistorische Interesse an der Stadt in den letzten Jahren gewachsen. Aufgrund dieser gemischten Zugänge hat sich in letzter Zeit eine eigentliche Stadtsprachenforschung herausgebildet. Einige dieser Forscher beschäftigen sich seit einigen Jahren mit der Stadtsprache Berlins, dem Berlinischen. Dabei hielt man sich zunächst an die amerikanische Sprachsoziologie, die in New York ein ideales Betätigungsfeld fand (Göttert 2011). William Labov hatte 1966 in Warenhäuser unterschiedlicher Stadtteile die Artikulation bzw. Nichtartikulation des r erkundet und dabei einen Zusammenhang mit der sozialen Schichtung gefunden. Dieses Vorgehen ließ sich auch auf Berlin übertragen und so verglich man die Aussprache in Arbeiterbezirken wie Wedding mit der Artikulierung in Villenvierteln wie Zehlendorf und fand so Unterschiede, die in der Arbeit von Peter Schlobinski aus dem Jahr 1987 näher betrachtet wurden

Im Folgenden wird zunächst die Stadtsprache allgemein erläutert und wie diese entstehen und sich weiter entwickeln können (Kapitel 2). Dem folgt das wesentliche Kapitel über das im Großraum Berlin-Brandenburg gesprochene Berlinisch und wie dieses entstanden ist und sich durch viele sprachliche Einflüsse sowie aufgrund historischer Ergebnisse entwickelt hat (3.1.). Zudem wird auf die grammatischen Merkmale des Berlinischen eingegangen, da durch diese eine Abgrenzung zur Standardsprache erst ersichtlich wird und sich von anderen Sprachen unterscheiden lässt (3.2.). Das Berlinische zeigt eine andere Artikulierung von Vokalen (3.2.1.1.), Diphthongen (3.2.1.1.1.) sowie Konsonanten (3.2.1.2.) als im Standarddeutschen und auch die Wortbildung ist auffällig anders (3.2.2.1.). Syntaktisch gesehen gibt es ein weiteres Phänomen, nämlich den Zusammenfall von Akkusativ und Dativ (3.2.3.1.) und da der Wortschatz des Berlinischen gegenwärtig von zahlreichen lexikalischen Besonderheiten geprägt ist, die von der Schriftsprache abweichen beziehungsweise regional begrenzt und vor allem wortschöpferisch einzigartig sind, wird auch darauf näher eingegangen (3.2.4.). Auch ein Kapitel über die bekannte Berliner Schnauze darf nicht fehlen, sodass dieses pragmatische Merkmal den Teil der Grammatik beendet (3.2.5.1.). Zuletzt wird auf die sprachliche Konsequenz der Teilung Berlins und der Untersuchungen nach dem Mauerfall eingegangen (3.3.), da diese historischen Ereignisse für die Stadtsprache Berlins gerade in den letzten Jahren ausschlaggebend waren.

2. Die Stadtsprache

In der Sprachwissenschaft spricht man bei einer Sprachvarietät, die in einer Stadt oder städtischen Region gesprochen wird, von einer Stadtsprache. Auch die Begriffe Urbanolekt und Stadtdialekt sind dafür auffindbar, jedoch haben sich diese in der Sprachwissenschaft noch nicht etablieren können.

Die Stadtsprache ist eine gesprochene Umgangssprache, die zwischen den örtlichen Dialekten beziehungsweise Dialekten der Umgebung sowie der gesprochenen Hochsprache beziehungsweise Standardsprache angesiedelt ist und oft zur Vermittlung zwischen Dialekt und Hochsprache eingesetzt wird (Schmidt & Herrgen 2011).

Stadtsprachen entstehen durch die Entwicklung von Großstädten, die im Wandel der Zeit zu wichtigen Zentren für Handel, Kultur sowie Gesellschaft werden. Durch diese aufstrebenden Zentren begegnen sich nun Bewohner der Stadt mit den naheliegenden oder fernliegenden Dörfern, wodurch ein Sprachkontakt entsteht. Zum Beispiel Händler mit unterschiedlichsten Dialekten aus der ferneren Umgebung, Zwischenkäufer mit örtlichen Dialekten sowie Endkäufer mit gesprochener Hochsprache oder Standardsprache treffen aufeinander und durch sprachlichen Kontakt sowie dem Wunsch, sich besser verständigen zu können, können Stadtsprachen entstehen. Als Basis einer Stadtsprache dienen daher meistens eine oder mehrere regionale Mundarten (Berner 2009: 131). Wenn sich dann die Stadtsprache entwickelt hat, kann auch die Stadtsprache Einfluss auf die umliegenden Dialekte ausüben, sodass ein ständiger Kontakt der gesprochenen Sprachen und Varietäten immer wieder zu einem Wandel der Stadtsprache führen kann. Eine Stadtsprache hat somit auch die Funktion, das Selbstbewusstsein ihres sprachlichen Raums zu stärken und damit deren Mundart zu stabilisieren (Ruoff 1997: 144). Oft kommt es dabei vor, dass sich Stadtsprachen über die unmittelbare Stadtregion hinaus verbreiten und immer mehr Bedeutung bekommen. Dadurch kann die Stadtsprache mehr Einfluss auf die Sprachen im Umland ausüben und entwickelt sich zu einer Sprachvarietät, die in einer städtischen Metropolregion gesprochen wird. Dies ist dann ein Wandel von einer Stadtsprache zum Metrolekt (Schlobinski 1987).

Wegen der Komplexität moderner Städte ist es üblich, dass in einer Stadt mehrere Varietäten einer Stadtsprache auffindbar sind. Stadtsprachen sind meistens sehr heterogen, da die Normen nicht schriftlich festgehalten werden und die Sprachvarietät von Sprechern unterschiedlicher Gruppen in verschiedenen Situationen verwendet wird. Die Unterschiede in der Stadtsprache sind also abhängig von dem Stadtviertel, der Situation oder auch der sozialen Schichtung (Dittmar & Schlieben-Lange 1982: 64). Die soziale Schichtung der Stadt spiegelt demnach die Polarisierung der Varietät wider, denn die obere Schichtung der Gesellschaft steht dem sprachlichen Prestige und der Schriftsprache näher, die untere Schichtung der Mundart und der im Alltag gesprochenen Varietät. Dadurch kann eine Stadtsprache des Öfteren auch als Soziolekt klassifiziert werden.

3. Das Berlinische

Im Folgenden wird das Berlinische als Beispiel einer Stadtsprache zunächst auf historischer, dann auf grammatischer Ebene erläutert. Das Berlinische, im Großraum Berlin-Brandenburg gesprochen, wurde bereits von Sprachwissenschaftlern untersucht und wird je nachdem als Stadtsprache, Metrolekt, Mundart, Halbmundart, Dialekt, Slang, unreines Deutsch oder Gassenjargon angesehen (Berner 2009: 122). Zusätzlich sind sich Linguisten nicht einig, ob das Berlinische als ein Dialekt, Soziolekt oder einfach als Umgangssprache zu werten ist. Auch werden sowohl diachrone als auch diastratische Merkmale vermischt, wodurch wiederum ein undeutliches Bild des Berlinischen entsteht

Es gibt also unterschiedliche Definitionen des Begriffs ‚Berlinisch‘. Da sich diese Arbeit jedoch vorzugsweise auf Untersuchungen bezieht, die das Berlinische als eine Stadtsprache definieren, wird sich an dessen Auffassung orientiert.

3.1. Geschichtlicher Überblick

Durch die Veränderungen sozialer, ökonomischer und kultureller Strukturen sowie langwieriger sprachhistorischer Prozesse seit dem Frühmittelalter entwickelten sich im deutschen Sprachraum Dialekte und großräumige Umgangssprachen (Berner 2009: 122). Somit ist es nicht verwunderlich, dass sich das Berlinische aufgrund verschiedener sprachlicher Einflüsse von seiner ursprünglichen Form bis zur heutigen Ausführung stark entwickelte. Zudem ist zu vermerken, dass es in Berlin keinen diachron einheitlichen, beständigen Sprachgebrauch gab und dass sich die Sprachvarietät von Region und sozialer Schicht unterschied. Auch dadurch wurde die Entwicklung der Stadtsprache immer wieder beeinflusst.

Nach der Völkerwanderung besiedelten nicht mehr nur Germanen, sondern ab dem 7. Jahrhundert auch slawische Stämme das heutige berlinische Gebiet, worauf die sprachlichen Einflüsse der Ortschaften zurückzuführen sind, wie Stresow oder Treptow. Mit der Gründung der ersten Städte und dem Beginn der Kolonisation durch die Askanier unter Albrecht dem Bären kamen Siedler aus den elbostfälischen, mitteldeutschen, rheinfränkischen und ostmitteldeutschen Gebieten (Rosenberg 1986: 79). Aufgrund der geographisch günstigen Lage entwickelte sich die Stadt bald zu einem wichtigen Handelszentrum und kultureller sowie sprachlicher Kontakt zu umliegenden Dörfern entstand.

Während im 13.Jahrhundert vereinzelt noch lateinische Einschübe in berlinischen Urkunden zu finden waren, wurde im 14.Jahrhundert eine durchgehend niederdeutsche und hochdeutsche Sprachtradition geschaffen. Von da an wurde das Latein nur noch für kirchliche Zwecke verwendet und der niederdeutsche Sprachgebrauch etablierte sich sowohl im Alltag als auch im Schriftverkehr.

Durch die Aufnahme Berlins in die Hanse fand ein weiterer Sprachkontakt zum Norden statt und es lassen sich noch heute viele Beeinflussungen des Niederdeutschen im Berlinischen erkennen (Schildt & Schmidt 1986). Nicht nur die Einflussnahme durch die Hanse, sondern auch die wachsende Machtstellung Berlins sowie die Stärkung der Bevölkerung unterstützten den Gebrauch der niederdeutschen Mundarten im Berliner Raum. Der enge Kontakt mit markgräflichen und kurfürstlichen Beamten trug stattdessen in der Oberschicht zur hochdeutschen Sprachentwicklung bei, sodass auch das Hochdeutsche Mitte des 14.Jahrhunderts Einfluss auf das Berlinische nahm. Nichtsdestotrotz behielten die Stadtkanzleien Berlins die niederdeutsche Sprache in schriftlicher Form bis ins 16. Jahrhundert bei (Schildt & Schmidt 1986). Jedoch ist hierbei zu beachten, dass der niederdeutsche Konsonantenstand blieb und die gesprochenen Umlaute und Diphthonge nicht verwendet wurden, um eine Verständigung im Schriftverkehr zu garantieren (Schlobinski 1987).

Bereits im 16.Jahrhundert wurde das Hochdeutsche als Verwaltungssprache gebraucht. Allerdings besaß Berlin noch keine sprachliche Einheit und Varietäten unterschieden sich nach sozialen Schichten. Mit dem Niedergang der Hanse und der berlinischen Neuorientierung nach Osten, stand das Berlinische kurzzeitig unter Einfluss der ostmitteldeutschen Dialekte. Auch wenn diesbezüglich, vor allem jedoch über die Beeinflussung des märkischen Dialekts auf das Berlinische, nicht viel bekannt ist, kann man eine neu entstandene Mischform annehmen, die auf den damals berlinischen sowie mittelniederdeutschen, mitteldeutschen und märkischen Merkmalen beruht. Dabei formte im 16.Jahrhundert das gesprochene Ostmitteldeutsche die Basis des Berlinischen, die Aussprache war dagegen auf das Niederdeutsche zurückzuführen. Neben berlinischen Merkmalen waren auch hochdeutsche Elemente parallellaufend auffindbar, sodass nicht nur ‚Apfel‘ und ‚ich‘, sondern auch ‚Appel‘ und ‚ick‘ gebraucht wurden (Rosenberg 1986).

Zum Ende des 16. Jahrhundert entwickelten sich soziale Klassen, die sich auch durch ihren Sprachgebrauch voneinander abgrenzen wollten. Die niederdeutsche Sprache wurde von nun an von der unteren Schicht und das Berlinische von der bürgerlichen Schicht sowie am Hofe gesprochen. Mit der Zeit entwickelte sich eine Stadtsprache mit unterschiedlichen Merkmalen, die sich allmählich zu einer städtischen Umgangssprache mit lokalen Besonderheiten entwickelte (Dittmar 1997). Mit der Immigration der protestantischen Hugenotten sowie Juden wurde nicht nur die Wirtschaft stark beeinflusst, sondern auch das Berlinische. Noch heute ist in der Lexik die damals französische Einflussnahme in Wörtern wie ‚Boulette‘ oder ‚Budike‘ (für Boutique) erkennbar (Rosenberg 1986).

Zu Beginn des 18.Jahrhunderts sprach die allgemeine Bevölkerung Berlins noch Berlinisch, allerdings verlor dieses seine Attraktivität und es gab einen Sprachwechsel der Stadtsprache von der Oberschicht zur Unterschicht. Von nun an bevorzugte die Oberschicht also nicht mehr das Berlinische, sondern vielmehr die hochdeutsche Sprache in sprachlicher und schriftlicher Form. Die Unterschicht stattdessen wechselte vom Niederdeutschen zum Berlinischen, wodurch auch Probleme mit der 1716 eintretenden preußischen Schulpflicht entstanden (Dittmar & Schlobinski 1988). Das Berlinische basierte bis dahin nämlich auf keinen orthographischen Normen und ist es somit verständlich, dass überlieferte Texte aus der Zeit meistens nur im Hochdeutschen zu finden sind. Das Hochdeutsche entwickelte sich also nicht nur aufgrund der Standardisierung der deutschen Sprache zur Sprache Berlins, sondern auch durch die Bestrebung einer verständlichen, analogen Sprache zur besseren Verständigung aller, in Zeiten der Industrialisierung, Bevölkerungsexplosion sowie Zuwanderung von der Bevölkerung aus umliegenden Städten aber auch immigrierten Juden (Schildt & Schmidt 1986). Dadurch entwickelte sich wiederum das Berlinische. Mit dem neuen Schulsystem, das eine Vereinheitlichung der Schriftsprache forderte, wurde es immer mehr aus den Schulen und somit als Sprache der Gebildeten verdrängt. Mit der Industrialisierung entstanden zwei Klassen, Bourgeoisie und Proletariat, die sich auch sprachlich voneinander distanzierten und wodurch das Berlinische an Prestige verlor. Und auch mit dem Bevölkerungszuwachs aus nahen und fernen Gebieten, flossen neue Dialekte bis hin zu Fremdsprachen in das Berlinische ein und die Stadtsprache änderte sich enorm.

Das Berlinische blieb als Sprache der proletarischen Klasse auch zu Zeiten, als Berlin zur Hauptstadt des Deutschen Reiches 1871 gekürt wurde, erhalten und „wurde zum Stempel sozialer Klassenlage, zum Jargon der Arbeiter“ (Schlobinski 1987: 9), wodurch die schichtabhängige Trennung zwischen Standardsprache und lokaler Sprachvarietät verstärkt wurde. Nunmehr galt der Gebrauch des Berlinischen also als Zeichen geringer Bildung und Zugehörigkeit der Unterschicht. Nichtsdestotrotz verbreitete sich die Stadtsprache immer mehr im Großraum Berlin, sodass seitdem auch von einem Regiolekt gesprochen werden kann, das im berlin-brandenburgischen Raum als Umgangssprache dient.

Mit dem Bau der Berliner Mauer gab es einen weiteren Einschnitt in die Sprachgeschichte des Berlinischen. Mit der Unterbrechung der Kommunikation zwischen der berlinischen Bevölkerung entstand ein Sprachfilter, da der Einfluss der west-berlinischen Sprache auf den Osten transparenter war als andersherum (Rosenberg 1986). Mit der Wiedervereinigung wurde dieses Ausmaß an sprachlicher Differenzierung deutlich, als sich die Bevölkerung erstmals mit der kommunikativen Problematik konfrontiert sah und es zu Kommunikationsschwierigkeiten und sogar zu Missverständnissen kam. Auch aus einer Untersuchung des Meinungsinstituts Forsa im Auftrag der Gesellschaft für deutsche Sprache im Herbst 2014 zeigt sich, dass Berlinisch heutzutage hauptsächlich im Ost-Bereich der Stadt gesprochen wird. Demnach sind dies meistens Männer über 45 Jahre, Alt-Berliner (bereits vor 1990 in Berlin wohnhaft) und mit niedriger bis mittlerer Bildung (Schlobinski 2015).

3.2. Grammatische Merkmale

Im Folgenden werden die grammatischen Merkmale des Berlinischen auf der phonologischen, morphologischen, syntaktischen, lexikalischen sowie pragmatischen Ebene anhand Beispielen erläutert und wie sich diese zum Standarddeutschen gleichen beziehungsweise abgrenzen.

3.2.1. Phonologische Merkmale

Das Berlinische zeigt phonologische Merkmale auf, die sich von der deutschen Standard- sprache unterscheiden. Da sich diese Sprachmerkmale jedoch nicht bei jedem Sprecher im selben Umfang zeigen, kann das Berlinische in drei Gruppen unterteilt werden: das starke, standardsprachenferne Berlinisch, das mittlere Berlinisch und das leichte, standardsprachnahe Berlinisch (Schönfeld 2001: 43).

3.2.1.1. Vokale

Das geschriebene <e> im Deutschen zeigt sich in der Aussprache des Berlinischen anders als in der Aussprache des Standarddeutschen. Vor einem Konsonanten fällt er als Schwundvokal meistens aus, sodass die Wörter Deckel und bessere statt [ˈdɛkəl] bzw. [ˈbɛsəʁə] als [ˈdɛkl̩] bzw. [ˈbɛsʁə] ausgesprochen werden (Schönfeld 1986). Dieser Vokalschwund ist jedoch nicht nach <r>, <chn> und <tm>, sodass intressant,. rechnen, atmen bzw. apmen realisiert wird und nicht * intrssant, *rechnn oder *atmn bzw. *apm.

Wenn ein <-er> in unbetonter, letzter Silbe am Wortteil oder Wortende auftritt, wird meistens ein [a] stattdessen realisiert. Dadurch wird besser [ˈbɛsəʁ] zu bessa [ˈbɛsa] und Bäcker [ˈbɛkəʁ] zu Bäcka [ˈbɛka]. Hierbei ist erkennbar, dass sich die Aussprache sehr der Realisation des Deutschen im Nord-Westen Deutschlands gleicht.

Nach kurzem <i> oder <u> wird in der Aussprache des Berlinischen ein Schwundvokal eingefügt, sodass Teil [taɪ̯l] zu [ˈtaɪ̯əl] und aus [aʊ̯s] zu [aʊ̯əs] wird. Nach <nn> wird apostrophiert, wobei <nn> doppelt ausgesprochen wird (Rosenberg 1986). Als Beispiel dafür dient das Verb können [kœnən], das als [kœnː] realisiert wird.

Zusätzlich kann ein offenes <e> zu einem [ø] tendieren, sodass man oft [ølf] für die Zahl elf zu hören bekommt. Das schriftsprachliche <i> ist besonders vor <r> und einem weiteren Konsonanten zu einem [y] gerundet, siehe [ky:ür‘ʃə] und [by:rnə] statt Kirsche, Birne (Schönfeld 1986).

Im Berlinischen sehr typisch ist die sogenannte r-Vokalisierung, wobei eine Korrelation zwischen Velarisierung und Dialektalität vorliegt (Schlobinski 1996). Nach einem langen Vokal wird das <r> als [a̯] ausgesprochen, nach kurzem Vokal wirkt das <r> auf den Vokal verlängernd. Entgegen dem Hochdeutschen ist dabei auffällig, dass der Vokale offen bleibt, obwohl er lang realisiert wird (Lasch 1928): Wort [vɔʁt] wird zu Wort [vɔːa̯ʁt], Woat [vɔːt], Wooatt [vɔːa̯t]. Letztere Realisierung hat sich dabei im Ostberlinischen stärker etabliert, wodurch gezeigt werden kann, dass das Berlinische nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ stratifiziert ist (Schlobinski 1996).

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Details

Seiten
22
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668426375
ISBN (Buch)
9783668426382
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356866
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
berlinisch berliner sprache schnauze lehnwörter linguistik

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Titel: Das Berlinische. Wandlungen einer Stadtsprache