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Konstruierte Männlichkeit? Über geschlechtsspezifische Sozialisation und ihre Auswirkungen auf den Sport

Hausarbeit 2002 17 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit
1.1 Relevanz der Theorie für unsere Betrachtung
1.2 Sozialisation als Konstruktion von Wirklichkeit
1.3 primäre Sozialisation
1.4 sekundäre Sozialisation

2. Das Geschlechterverhältnis als soziale Konstruktion
2.1 Vorbemerkungen zur Geschlechtsidentität
2.2 Jungensozialisation in der Schule
2.3 Sport als Sozialisationsinstanz

3. Abschließende Bemerkungen

4. Literatur

1. Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit

1.1 Relevanz der Theorie für unsere Betrachtung

Wissenschaftliches Arbeiten zeichnet nach meinem Verständnis eine systematische Bearbeitung eines Forschungsgegenstands mit dem Ziel der Erkenntnis aus. Gegenstand oder Erkenntnisobjekt sind in diesem Fall Jungen – im weiteren Sinne Jungen im Kontext Sport.

Wie bekomme ich nun meinen Forschungsgegenstand in den Griff?

Der Konstruktivismus von Berger/Luckmann bietet für meine Ausarbeitung einige wesentliche Vorteile. Zunächst ist es eine schlüssige und nicht um den Selbstzweck der Wissenschaft geschriebene Theorie, die sich explizit an der Lebenswelt des Alltags eines jeden Individuums orientiert- gleichwohl sie nicht den Anspruch erhebt, das zu erschöpfen, „was für den gesellschaftlichen Jedermann >>wirklich<< ist.“[1] Sie integriert verschiedene soziologische „Klassiker“ wie die Ideen zur Dialektik von Karl Marx, den „Positivismus“ von Emile Durkheim, den „verstehenden Soziologen“ Max Weber , oder die Sozialpsychologie George Herbert Meads.

Auch werden hier und da Ausführungen nötig sein, die eher in den Bereich der Psychoanalyse fallen, wie sie Sigmund Freud geprägt hat. Auch diese Erkenntnisse können uns helfen, die Entwicklung der Persönlichkeit besser zu verstehen.

Wollen wir diskutieren, was das Verhalten von Jungen im Sport bedingt und wie es sich nach außen darstellt, so müssen wir uns nach den Gründen für Handlungen suchen, die wir als typisch männlich identifiziert haben. In dieser Arbeit werde ich im besonderen Maße eine sozialisationstheoretische Erklärung zur Begründung heranziehen. Die soziologische Methode benutze ich gewissermaßen als Werkzeug, um gesellschaftlich geformte Zusammenhänge offen zu legen.

Betrachten wir die Gesellschaft als ein System so bildet der Sport eine Unterkategorie beziehungsweise ein Sub-System. Gesamtgesellschaftlich beobachtbare Erscheinungen werden wir deshalb auch im sportlichen Bezugsrahmen wiederfinden, dem besondere Rahmenbedingungen zu Grunde liegen (Regeln, Raum, Gruppen etc.). Womöglich lässt sich sogar beobachten, dass bestimmte geschlechtsspezifische Merkmale und Verhaltensweisen in ihrer Deutlichkeit in sportlichen Handlungen verstärkt hervortreten, ja gerade zu provoziert werden.

Es bieten sich in diesem Bereich einige interessante Untersuchungsperspektiven, wenn wir beispielsweise die Dialektik zwischen körperlicher Bewegung und der Persönlichkeitsentwicklung analysieren wollen, wobei Sport als Sozialisationsfaktor begriffen wird. Der Zusammenhang zwischen Sport und Entwicklung der Persönlichkeit unter Berücksichtigung eines Sozialisationsmodells ist Gegenstand von wissenschaftlichen Arbeit:

Die Autorin Andrea Menze-Sonnek untersuchte die Faktoren, die der Fluktuation im Sportverein zugrunde liegen und stellt ebenfalls die Bedeutung geschlechtsspezifischer Besonderheiten bei der Wahl bestimmter Sportangebote vor, die erst unter der Zugrundelegung eines Sozialisationsmodells Konturen erhalten.[2]

„Auch der gesamte Sport ist dem symbolischen System der Zweigeschlechtlichkeit unterworfen, denn es gibt keine Sozialisation außerhalb des Geschlechts.“[3]

Diese Aussage deckt sich mit derer Lidz[4], der darauf verweist, das jedes Geschlecht seine ganz eigene Sozialisation erfährt, obgleich das Kind nach seiner Auffassung nie eine rein männliche oder weibliche Sozialisation (oder auch: Erziehung) erfährt:

„Da Eltern in ihrem Kinde niemals ausschließlich nur den Jungen oder nur das Mädchen sehen, selbst auch nie in ihrem Verhalten ausschließlich Vorbilder für Männlichkeit oder Weiblichkeit sind und auch nicht konsequent typisch männliches Verhalten bei Knaben und typisch weibliches bei Mädchen loben und belohnen, gibt es kein Kind, das ausschließlich maskuline oder feminine Züge entwickelte; diese Begriffe sind in dieser Form ohnehin nur als relativ zu verstehen.“[5]

Ich könnte also zur Legitimierung meiner Ausarbeitung anführen, das geschlechtsspezifische Fragestellungen (etwa: Warum verhalten sich Jungen typischerweise aggressiver als Mädchen?) immer auch einer gesellschaftlichen Analyse dessen bedürfen, was sie zu dem handelenden Subjekt „gemacht“ hat. Zu kurz gedachte Pauschalierungen greifen bei der Beurteilung von bestimmten Phänomenen oft zu kurz. Es geht vielmehr um das „Warum?“ . Der junge Schüler ist nicht aggressiv weil er die genetische Disposition[6] dazu hat, oder weil Jungen „halt so sind“, sondern weil er dieses Verhalten offensichtlich von einer Sozialisationsinstanz – um beim Beispiel zu bleiben: z.B. von seinem Vater- gelernt und übernommen hat. Ohne den Erwerb von Kulturtechniken bleibt der Mensch ein Tier, mehr noch, er ist ohne soziale Kontakte nicht überlebensfähig, da er sich keine eigene Wirklichkeit zur Realitätsbewältigung aufbauen kann. Wie wird das Tier also zum sozialen, lernenden und reflektierenden Wesen?

1.2 Sozialisation als Konstruktion von Wirklichkeit

Jedes Individuum erfährt im gesamten Lebenszyklus durch Interaktion mit verschiedensten Sozialisationsinstanzen (beispielsweise Eltern, Geschwister, Schule, Freunde, Medien) Normen und Werte, mit denen es sich auseinandersetzt:

Sozialisation ist der Prozess, durch den das hilflose Kind allmählich zu einer Person wird, die über Fertigkeiten und ein Wissen von sich selbst verfügt, und in die kulturellen Techniken, in die sie hineingeboren eingeübt ist“[7]

Berger und Luckmann unterscheiden zwischen der primären und sekundären Sozialisation:

1.3 Primäre Sozialisation

In der primären Sozialisation soll man einerseits zum Gesellschaftsmitglied gemacht werden, und andererseits geht es darum, eine Identität zu bilden.

Der Mensch wird nicht als Teil der Gesellschaft geboren, er „übernimmt eine Welt, in der andere schon leben.“[8] Dies geschieht durch Internalisierung[9] von Wirklichkeit:

das Individuum internalisiert sinnhafte Vorgänge (Verhalten etc.) von anderen Personen und überträgt diese Sinnhaftigkeit auf sich selbst. Etwas weniger abstrakt bedeutet dies, das es die Welt nicht aus eigenem Antrieb erfasst, sondern es übernimmt zunächst einmal die Wirklichkeit der Anderen. Aus sich heraus kann ein Kind niemals eine eigene Realität aufbauen, es fehlt schlichtweg die Fähigkeit zum reflektierenden, kategorischen Denken.

Diese sogenannten signifikanten Anderen vermitteln - immer auch ein gefiltertes - Bild von Gesellschaft und konstruieren eine objektive Wirklichkeit.

Signifikante anderer könnten neben Eltern, Großeltern oder Verwandten auch dem Schüler „aufgepflichtete“ Lehrpersonen sein.

Emotionale Bindungen spielen bei diesem Vermittlungsprozess eine erhebliche Rolle:

„Wie auch immer es [das Kind] sich identifiziert, zur Internalisierung kommt es nur, wo Identifizierung vorhanden ist.“[10]

Ein Bezug zur geschlechtlichen Sozialisation wird hier schon deutlich:

„Indem sich das Kind diese Identität subjektiv aneignet (>>Ich bin John Smith<<) eignet es sich die Welten an, auf die diese Identität verweist.“

Denkt man diesen Gedanken weiter, so eignet sich das Kind demnach auch die ihm vermittelte männliche Lebenswelt auf diese Weise an:

>>Ich bin John Smith , ich bin ein Junge.<<

In der Gesellschaft wird also meist auch bestimmt, was Mädchen und was Jungen lernen sollen. Durch Geschlechtsrollenzuschreibungen der Eltern, die ja nichts anderes als im Laufe der Sozialisation erworbenes Wissen um typische Verhaltensweisen sind, erlernt das Kind auch die Erwartungen der Eltern an ein „liebes Mädchen“ oder einen „richtigen Jungen“.[11]

Menze-Sonnek erwähnt in diesem Zusammenhang aber auch eine mögliche Überwindung von stereotypen Geschlechtsrollen durch einen aktiv-kritischen Auseinandersetzungsprozess.

Sozialisation darf deshalb nicht ein einseitiger Vorgang wie eine Programmierung verstanden werden, sondern ermöglicht in späterer Konsequenz (siehe sekundäre Sozialisation) immer auch die Reflektion oder wenigstens das Umgehen mit den neu erworbenen Wissenselementen.

Die primäre Sozialisation endet, wenn sich die Vorstellungen der anderen im Individuum angesiedelt haben. Er ist nun Mitglied der Gesellschaft und subjektiv im Besitz eines Selbst und einer Welt. Der Einzelne wird nun versuchen, sich bestimmtes Rollenverhalten anzueignen und damit zu experimentieren.

[...]


[1] Berger/Luckmann, 1995, S. 16

[2] Vgl. Menze-Sonnek 1998, S. 12-13

[3] Menze-Sonnek 1998, S. 12

[4] Theodore Lidz untersuchte in seinem zweibändigen Werk zur Entwicklung der Persönlichkeit im Lebenszyklus sehr ausführlich einzelne Lebensphasen und bietet einige soziologische und sozialpsychologische Erkenntnisse

[5] Lidz 1974,S. 305

[6] Als Soziologe eine genetische Verhaltenserklärung zu liefern ist selbstverständlich nicht „politically correct“ jedoch scheint mir eine absolute Ablehnung solcher Erklärungsmuster bei einigen Soziologen unangebracht und wenig weitsichtig. Für unsere Zwecke sollen jedoch solche „Mirkobetrachtungen“ außen vor bleiben, haben sich soziologische Theorien der Gesellschaft doch offensichtlich – und mit Recht – durchgesetzt

[7] Giddens 1995, S.67

[8] Berger/Luckmann 1995, S.140

[9] I. bdeutet „das unmittelbare Erfassen und Auslegen eines objektiven Vorgangs oder Ereignisses, das Sinn zum Ausdruck bringt (...).“

[10] Berger/Luckmann 1995, S.142

[11] Vgl. Menze-Sonnek 1998, S.94 f.

Details

Seiten
17
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638355186
ISBN (Buch)
9783668239333
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v35682
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
gut
Schlagworte
Konstruierte Männlichkeit Sozialisation Auswirkungen Sport Jungen

Autor

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Titel: Konstruierte Männlichkeit? Über geschlechtsspezifische Sozialisation und ihre Auswirkungen auf den Sport