Lade Inhalt...

Zur Metaphorisierung der Sprache in aktuellen italienischen Printmedien. Das Cap Anamur-Problem in den Zeitungen "La Repubblica" und "Corriere della Sera"

Magisterarbeit 2005 309 Seiten

Klassische Philologie - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung zum Thema: Zur Metaphorisierung

2 Theoretischer Hauptteil
2.1 Die semantische Theorie
2.1.1 Referenztheorie
2.1.2 Referenten
2.1.3 Explizite Referenzidentität
2.1.4 Implizite Koreferenz
2.1.5 Das Gricesche Kooperationsprinzip
2.1.6 Semantische Kreativität und Metaphernbildung
2.1.7 Operationale und analytische Betrachtung von Semantik
2.1.8 Metaphorische Sonderformen und konventionelle Metapher
2.2 Das politologische Konzept
2.2.1 Neuere Sprache- und Politikforschung
2.2.2 Sprachidealismus versus Sprachmaterialismus
2.2.3 Die Sprachfunktionen
2.2.4 Das Gricesche und Bühlersche Modell
2.2.5 Analysemodelle politischer Sprache
2.2.6 Textsorten und Textsortenklassen
2.2.7 Metapher
2.2.8 Politisches Lexikon
2.2.9 Nominationssektoren
2.2.10 Ideologischer Sprachgebrauch
2.2.11 Diskursivität
2.2.12 Diskursverlauf
2.3 Zur linguistischen Normierung
2.3.1 Die Situation in Italien
2.3.2 Das Sprachspiel im Nouvel Observateur
2.3.3 Die wichtigsten Bereiche im Einzelnen
2.3.4 Schlussfolgerungen zum Sprachspiel
2.3.5 Der pragmatische Aspekt
2.4 Die Metapher als Programm im Rahmen des sprachlichen Handelns
2.4.1 Die Metapher in der antiken Tradition
2.4.2 Metapher und Interaktion
2.4.3 Metapher, Kontext und Konterdetermination
2.4.4 Metapher und Text
2.4.5 Das Metaphernverständnis der kognitiven Linguistik
2.4.6 Idealisiertes kognitives Modell (ICM)
2.4.7 Zur Korpuserstellung und -interpretation
2.4.8 Kontrastive Metapherntheorie
2.5 Funktionen der Metapher in der Alltagskommunikation
2.5.1 Funktionen der Metapher
2.5.2 Der konterdeterminierende Kontext im Rahmen der Textproduktion
2.5.3 Metaphernproduktion(en) und Text
2.5.4 Die ausgeschlossene und die kreative Metapher
2.5.5 Metaphorik und Textlinguistik
2.5.6 Zur Vorgehensweise
2.5.7 Ergebnisse und Perspektiven
3 Praktischer Hauptteil
3.1 Die Standortbestimmung
3.2 Die Abgrenzung von Diskursthema und Korpus
3.3 Zur theoretischen Untermauerung der Analyse
3.4 Zur praktischen Korpuszusammenstellung
3.4.1 Die Artikel aus der La Repubblica
3.4.1.1 Die frühen Leitartikel und Kommentare, Texte I-VI
3.4.1.2 Die Bildempfänger der ermittelten Metaphern/ Isotopien der frühen Leitartikel aus der La Repubblica
3.4.1.3 Zusammenfassende Analyse der Texte I - VI
Zu den Textsorten
Zu den Sprachfunktionen
Zu den Analysemodellen
a) Agitationsmodell
b) Persuasionsmodell
c, 1) Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Information
c, 2) Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Bewertung
d) Kommunikationsmodell
Zu den drei Funktionen der Metapher
1) Vereinfachung komplexer Sachverhalte
2) Interpretation politischer Entwicklungen
3) Rückgriff auf Vertrautes
Zu den zwei Funktionen der Metapher in Pressetexten
1) Aufmerksamkeitsmarker
2) Einladung des Rezipienten zur Teilnahme am hermeneutischen Spiel
3.4.1.4 Die Kommentare zum Vorgehen der italienischen Politik(er), Texte VII-XIV aus der La Repubblica
3.4.1.5 Die Bildempfänger der ermittelten Metaphern/ Isotopien der prozessualen Texte aus der La Repubblica
3.4.1.6 Zusammenfassende Analyse der Texte VII – XIV
Zu den Textsorten
Zu den Sprachfunktionen
Zu den Analysemodellen
a) Agitationsmodell
b) Persuasionsmodell
c, 1) Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Information
c, 2) Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Bewertung
d) Kommunikationsmodell
Zu den drei Funktionen der Metapher
1) Vereinfachung komplexer Sachverhalte
2) Interpretation politischer Entwicklungen
3) Rückgriff auf Vertrautes
Zu den zwei Funktionen der Metapher in Pressetexten
1) Aufmerksamkeitsmarker
2) Einladung des Rezipienten zur Teilnahme am hermeneutischen Spiel
3.4.1.7 Abschließende Zeitungskommentare zum Cap Anamur – Problem, Texte XV - XXII
3.4.1.8 Die Bildempfänger der ermittelten Metaphern/ Isotopien zu den abschließenden Zeitungskommentaren
3.4.1.9 Zusammenfassende Analyse der Texte XV – XXII
Zu den Textsorten
Zu den Sprachfunktionen
Zu den Analysemodellen
a) Agitationsmodell
b) Persuasionsmodell
c, 1) Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Information
c, 2) Das Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Bewertung
d) Kommunikationsmodell
Zu den drei Funktionen der Metapher
1) Vereinfachung komplexer Sachverhalte
2) Interpretation politischer Entwicklungen
3) Rückgriff auf Vertrautes
Zu den zwei Funktionen der Metapher in Pressetexten
1) Aufmerksamkeitsmarker
2) Einladung des Rezipienten zur Teilnahme am hermeneutischen Spiel
3.4.2 Die Artikel aus dem Corriere della Sera
3.4.2.1 Die frühen Leitartikel und Kommentare
3.4.2.2 Die Bildempfänger der ermittelten Metaphern/ Isotopien der Diskurs eröffnenden Texte aus dem Corriere della Sera
3.4.2.3 Zusammenfassende Analyse der Texte I-VI
Zu den Textsorten
Zu den Sprachfunktionen
Zu den Analysemodellen
a) Agitationsmodell
b) Persuasionsmodell
c, 1) Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Information
c, 2) Das Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Bewertung
d) Kommunikationsmodell
Zu den drei Funktionen der Metapher
1) Vereinfachung komplexer Sachverhalte
2) Interpretation politischer Entwicklungen
3) Rückgriff auf Vertrautes
Zu den zwei Funktionen der Metapher in Pressetexten
1) Aufmerksamkeitsmarker
2) Einladung des Rezipienten zur Teilnahme am hermeneutischen Spiel
3.4.2.4 Die Kommentare zum Vorgehen der italienischen Politik(er), Texte VII-XIX aus dem Corriere della Sera
3.4.2.5 Die Bildempfänger der ermittelten Metaphern/ Isotopien der prozessualen Texte aus dem Corriere della Sera
3.4.2.6 Zusammenfassende Analyse der Texte VII-XIX
Zu den Textsorten
Zu den Sprachfunktionen
Zu den Analysemodellen
a) Agitationsmodell
b) Persuasionsmodell
c, 1) Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Information
c, 2) Das Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Bewertung
d) Kommunikationsmodell
Zu den drei Funktionen der Metapher
1) Vereinfachung komplexer Sachverhalte
2) Interpretation politischer Entwicklungen
3) Rückgriff auf Vertrautes
Zu den zwei Funktionen der Metapher in Pressetexten
1) Aufmerksamkeitsmarker
2) Einladung des Rezipienten zur Teilnahme am hermeneutischen Spiel
3.4.2.7 Abschließende Zeitungskommentare zum Cap Anamur – Drama, Texte XX-XXIV aus dem Corriere della Sera
3.4.2.8 Die Bildempfänger der ermittelten Metaphern/ Isotopien der abschließenden Texte aus dem Corriere della Sera
3.4.2.9 Zusammenfassende Analyse der Texte XX-XXIV
Zu den Textsorten
Zu den Sprachfunktionen
Zu den Analysemodellen
a) Agitationsmodell
b) Persuasionsmodell
c, 1) Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Information
c, 2) Das Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Bewertung
d) Kommunikationsmodell
Zu den drei Funktionen der Metapher
1) Vereinfachung komplexer Sachverhalte
2) Interpretation politischer Entwicklungen
3) Rückgriff auf Vertrautes
Zu den zwei Funktionen der Metapher in Pressetexten
1) Aufmerksamkeitsmarker
2) Einladung des Rezipienten zur Teilnahme am hermeneutischen Spiel
3.5 Vergleich der beiden Tageszeitungen aufgrund der in 3.4 ermittelten Ergebnisse
3.5.1 Zur diskurseröffnenden Phase:
A auf Textebene:
-Textsortenklassen
-Sprachfunktionen
B auf Metaphernebene:
a) Agitationsmodell versus Persuasionsmodell
b) Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Information versus Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Bewertung
c) Kommunikationsmodell versus Rückgriff und Vereinfachung
d) Metaphern, die zum politischen Interpretieren [= Interpretation politischer Entwicklungen] und wissenschaftlichen Interpretieren [= Einladung des Rezipienten am hermeneutischen Spiel] anregen und Metaphern, denen aufmerksamkeits-erhöhende Kraft [= Aufmerksamkeitsmarker] zukommt.
C auf Bildempfängerebene:
1) Gerettete Menschen aus großer Not
2) Missglückte Kommunikation zwischen der Küstenwache und der Cap Anamur
3) Das Verhalten der italienischen bzw. deutschen Regierung und der italienischen Behörden.
3.5.2 Zur diskursprozessualen Phase:
A auf Textebene:
-Textsortenklassen
-Sprachfunktionen
B auf Metaphernebene:
a) Agitationsmodell versus Persuasionsmodell
b) Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Information versus Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Bewertung
c) Kommunikationsmodell versus Rückgriff und Vereinfachung
d) Metaphern, die zum politischen Interpretieren [= Interpretation politischer Entwicklungen] und wissenschaftlichen Interpretieren [= Einladung des Rezipienten am hermeneutischen Spiel] anregen und Metaphern, denen aufmerksamkeitserhöhende Kraft [= Aufmerksamkeitsmarker] zukommt
C auf Bildempfängerebene:
1) Gerettete Menschen aus großer Not
2) Missglückte Kommunikation zwischen der Küstenwache und der Cap Anamur
3) Das Verhalten der italienischen bzw. deutschen Regierung und der italienischen Behörden.
3.5.3 Zur diskursabschließenden Phase:
A auf Textebene:
-Textsortenklassen
-Sprachfunktionen
B auf Metaphernebene:
a) Agitationsmodell versus Persuasionsmodell
b) Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Information versus Sprachhandlungsmodell in Bezug auf Bewertung
c) Kommunikationsmodell versus Rückgriff und Vereinfachung
d) Metaphern, die zum politischen Interpretieren [= Interpretation politischer Entwicklungen] und wissenschaftlichen Interpretieren [= Einladung des Rezipienten am hermeneutischen Spiel] anregen und Metaphern, denen aufmerksamkeitserhöhende Kraft [= Aufmerksamkeitsmarker] zukommt.
C auf Bildempfängerebene:
1) Gerettete Menschen aus großer Not
2) Missglückte Kommunikation zwischen der Küstenwache und der Cap Anamur
3) Das Verhalten der italienischen bzw. deutschen Regierung und der italienischen Behörden.
3.6 Versuch einer Zuordnung der vorgefundenen Bildfelder zu den Textsorten
3.6.1 Für die diskurseröffnende Phase
a) Zählung der Metaphern über alle vorhandene Bildempfänger
b) Zählung über die drei zusammengefassten Hauptbildempfänger
c) Zuordnung der vorgefundenen Bildfelder zu den Textsorten
3.6.2 Für die diskursprozessuale Phase
a) Zählung der Metaphern über alle vorhandene Bildempfänger
b) Zählung über die drei zusammengefassten Hauptbildempfänger
c) Zuordnung der vorgefundenen Bildfelder zu den Textsorten
3.6.3 Für die diskursabschließende Phase
a) Zählung der Metaphern über alle vorhandene Bildempfänger
b) Zählung über die drei zusammengefassten Hauptbildempfänger
c) Zuordnung der vorgefundenen Bildfelder zu den Textsorten

4 Schluss

5 Literaturliste

6 Anhang

1 Einleitung zum Thema: Zur Metaphorisierung

der Sprache in aktuellen italienischen Printmedien: Das Cap Anamur-Problem in den Zeitungen ,La Repubblica’ und ‚Corriere della Sera’ Die menschliche Kommunikation und somit auch die mediale Information von Tageszeitungen funktioniert weitgehend über Metonymien und Metaphern.

Ausgehend von der Vermutung, dass die zwei hier analysierten Tageszeitungen La Repubblica und Il Corriere della Sera von unterschiedlichen politischen Lagern stammen und auch für diese jeweiligen Zielgruppen geschrieben sind, wäre es sicher auch logisch, wenn sich beide unterschiedlicher Bilder und Metaphern bedienten. Selbstverständlich ist auch eine Tageszeitung in sich nicht einheitlich, und es können bestenfalls Tendenzen festgestellt werden. Daraus resultiert, dass auch Aussagen über die Metaphernverwendung nur sehr vorsichtig formuliert werden können.

In Kapitel 1 soll die von mir zugrunde gelegte aktuelle semantische Theorie von Monika Schwarz aus ihrem Werk Semantik (32001) erläutert werden.

Es soll dabei gezeigt werden, dass es dienlich ist, sich zum einen der Referenztheorie zu bedienen. In dieser Referenztheorie erläutert sie, dass unsere prozedurale Kompetenz es ermöglicht, das im Lexikon repräsentierte Wissen in Sprach-produktions- und Sprachrezeptionsprozessen zu aktivieren und zu benutzen, um schließlich auf die außersprachliche Welt referieren zu können (vgl. Schwarz, Monika/ Chur, Jeannette 32001:83).

Dabei sind zum anderen auch das Gricesche Kooperationsprinzip (vgl. Schwarz, Monika/ Chur, Jeannette 32001:90-94) und das Weltwissen mit der Möglichkeit der Koreferenz (vgl. Schwarz, Monika/ Chur, Jeannette 32001:97-98) von besonderer Bedeutung. Über die semantische Kreativität gelangt Monika Schwarz zum für unsere Zwecke außerordentlich wichtigen Begriff der Metaphernbildung (vgl. Schwarz, Monika/ Chur, Jeannette 32001:107-110). Entstanden sind die Ansätze einer neueren Semantik durch die von Stephen Ullmann vorgestellten Theorien (vgl. Ullmann, Stephen 21972:279-280 und 292).

In Kapitel 2 wird versucht sich diesem Metaphernbegriff aus einer anderen Richtung zu nähern, wobei hier politologische Konzepte angewandt werden. Dabei ist Heiko Girnths Sprache und Sprachverwendung innerhalb der Politik (2002) äußerst dienlich. Er hebt ebenso wie Schwarz/Chur die konkrete Gesprächssituation hervor (vgl. Girnth, Heiko 2002:11), das heißt die pragmatische und nicht die statische Seite von politischer Sprache; das heißt in seiner Sprache die text-/diskursorientierte Linguistik und Grundlagen der Analyse von Sprachverwendung in der Politik (vgl. Girnth 2002:10). Natürlich gelten auch für Heiko Girnth die Implikaturen und Konversationsmaximen nach Grice (vgl. Girnth 2002:43).

Heiko Girnth gibt uns fünf Modelle an die Hand, die im Rahmen einer diskurs-/korpusanalytischen Arbeit (zweier italienischer Tageszeitungen) recht brauchbar erscheinen. Diese Modelle sind: 1. das Agitationsmodell nach Klaus 1971(vgl. Girnth 2002:17-19), 2. das Persuasionsmodell nach Kopperschmidt 1973 (vgl. Girnth 2002:19-20), 3. das lexikalisch-argumentative Modell nach Grünert 1974 (vgl. Girnth 2002:21-23), 4. das Sprachhandlungsmodell nach Holly 1990 (vgl. Girnth 2002:25) und 5. das Kommunikationsmodell nach Heringer 1990 (vgl. Girnth 2002:26-28). Heiko Girnth entwickelt dabei Prinzipien einer Strukturierungsmöglichkeit für ein Text-/Diskurskorpus, indem er Begrifflichkeiten wie Initial-, Prozessual-, Terminal-, Primär- und Sekundärtext bildet (vgl. Girnth 2002:77) und anhand einer konkreten Diskursanalyse (vgl. Girnth 2002:76-82) auch Begriffe wie diskurstranszendent, diskursimmanent, diskursperipher, dominierend, variabel und metadiskursiv (vgl. Girnth 2002:77-78) anwendet.

In Kapitel 3 wird ein Beispiel zur linguistischen Norm aus der französischen Sprache vorgestellt. In diesem Zusammenhang stelle ich in Anlehnung an Christian Schmitts Beitrag La norme par le jeu ein Sprachspiel vor, welches in ziemlich moderner Form (als Multiple-Choice Quiz) dem Leser der französischen Wochenzeitung Le Nouvel Observateur dessen Kenntnisstand über die französische Sprache vor Augen führt. Dass allerdings dieses Sprachspiel einen sehr konservativen (ja geradezu sprachreaktionären) inhaltlichen Charakter hat, fällt auf den ersten Blick kaum ins Auge (vgl. Schmitt 2002: 169-170). So sollte auch bei der Metaphernanalyse nicht nur nach der reinen Grammatik oder Lexikonbedeutung gefragt werden, die ja durchaus veraltet sein kann, sondern auch der aktuelle pragmatische Aspekt, der Sprachgebrauch, hier im Text zweier anerkannter Tageszeitungen (La Repubblica und. Il Corriere della Sera) betrachtet werden, um den Metapherngebrauch auch richtig würdigen und einordnen zu können.

Die Gefahr, dass wir eine in einer Tageszeitung verwendete Metapher nicht richtig einordnen können bzw. falsch deuten, ist zu groß, wenn wir den semantisch-pragmatischen Aspekt vernachlässigen (vgl. hierzu auch unten Kapitel 5 und Schmitt 1994: 515).

In Kapitel 4 wird mit der Osthusschen kontrastiven Metaphernstudie auch eine Methodik vorgestellt, die im weiteren Verlauf unserer Text-/Diskursanalyse (vgl. dazu Kapitel 7) sehr nützlich ist. Osthus geht dabei grundsätzlich von dem Postulat aus, dass die Metapher dem Prinzip der Kontextbedingtheit sprachlicher Bedeutungen gehorcht und dass Fakten vom Schreiber instrumentalisiert werden können. Dieses sprachliche Handeln symbolisiert die neuere Interaktionstheorie und wird auch von dieser gestützt (vgl. hierzu Osthus 2000:85-86).

Osthus geht dabei davon aus, dass der Ausgangspunkt der Textsemantik die in sprachlichen Verwendungen diagnostizierte Textbedeutung ist (2000:91-92). Dabei attribuiert Osthus nicht der linguistischen Semantikforschung dieses Verdienst, sondern den Reflexionen Kants zu den Bedingungen intersubjektiver Kommunikation (2000:92). Das innerhalb von Texten wirksame Strukturierungsprinzip ist die Ausbildung semantischer Isotopien (2000:92). Osthus integriert dabei die Metapher und die Metaphorisierungsmechanismen in eine umfassende Textsemantik, indem er den Begriff der konterdeterminierten[1] und konterdeterminerenden Abgrenzung der Metapher in die Diskussion einführt (2000:94-96). Dabei stellt er jeweils einen Bildspender und einen Bildempfänger gegenüber: „Zu einer bildspendenden metaphorischen Form gesellt sich immer ein bildempfangender Kontext, der text-immanent oder textübergreifend sein kann“ (2000:96-97). Schließlich gibt Osthus in seiner Dissertation eine komplette Analysemöglichkeit beispielhaft vor, indem er kontrastiv die französische Tageszeitung Le Monde mit der französischen Monats-zeitung Le Monde diplomatique und der deutschen Tageszeitung taz: die tageszeitung vergleicht. Dieses von Harald Weinrich[2] entwickelte Bildfeld gemeinsam mit dem ICM (i. e. dem metaphorischen idealisierten kognitiven Modell) runden die Analyse-möglichkeiten ab, die uns Osthus vorstellt, (2000:126-131).

In Kapitel 5 wird die sehr präzise und bereits früher herausgearbeitete Position von Christian Schmitt (1994) vorgestellt. In diesem Zusammenhang betrachtet der Autor den metaphorischen Prozess hinsichtlich dessen Produktion und Rezeption 1. als ideologische Funktion einer semantisch genau bestimmten rhetorischen Figur und 2. als Wirkung in Texten der Alltagssprache, zu den Funktionen der Metapher zählt er: 1. Erhöhung der Aufmerksamkeit des Rezipienten und 2. Einladung des Rezipienten zur Partizipation am hermeneutischen Spiel, als Leseanreiz (1994: 508 und 511).

Schmitt sieht im konterdeterminierenden Kontext ebenso wie Weinrich und Osthus die Voraussetzung, ein sprachliches Zeichen überhaupt verstehen zu können. Dabei wird die in der Wortbedeutung angelegte Determinationserwartung enttäuscht, weil die tatsächliche Determinationserwartung des Kontextes gegen die Determinations-erwartung des Wortes gerichtet ist. Je enger dabei der lexikalische Bedeutungsumfang von Lexemen und Morphemen vorgegeben ist, desto präziser und klarer wird das metaphorisch sprachliche Handeln enttäuscht (vgl. Schmitt 1994: 509 und 514). Allerdings geht Schmitt hier noch weiter, indem er auf die Gefahr hinweist, dass ein Wort mit konterdeterminierendem Kontext auch als sinnlos oder deplaziert aufgefasst und daher nicht adäquat verstanden werden kann. Deshalb muss zu dem konterdeterminierenden Kontext auch ein Wissen über die verschiedenen Arten des Weltwissens, die bei der Textproduktion mitwirken, hinzukommen. Denn laut Schmitt wird Konterdetermination erst möglich, wenn zur Inkompatibilität einiger der syntaktisch-semantischen Charakteristika bestimmter zusammengehörender Einheiten auf Textebene die Inkompatibilität der Welt-Semantik-Interpretationen bestimmter zusammengehöriger Textteile hinzugefügt wird (1994: 510). Über eine Untersuchung der Abwicklung des Vestehensprozesses gelangt Schmitt zu den äußerst wichtigen Funktionen der Metapher, nämlich der verhüllenden, der manipulativen oder der verschleiernden Funktion, die damit zum Begriff der Intention und somit der Interpretation des Metapherngebrauches führen (1994: 512).

Weil hiermit die Bedeutung als zentrales Problem der Metapher enttarnt ist, fordert Schmitt a) die Berücksichtigung des pragmatischen Aspektes, das heißt, dass Textsender und Rezipient über gewisse gemeinsame Wissensgrundlagen verfügen müssen, und b) die Entwicklung eines Isotopie-Konzeptes, nämlich der Möglichkeit zwischen metaphorisch gebrauchten und nicht metaphorisch gebrauchten Zeichen zu unterscheiden, wobei Isotopie durch Morpheme konstituiert wird, deren Inhaltsseite auf Textebene mindestens ein gemeinsames Merkmal aufweist (vgl. Schmitt 1994: 514).

Was auf Textebene die Isotopieebenen darstellen, sind auf sprachsystematischer Ebene die Wortfelder. Dazu analog sehen Weinrich, Osthus und Schmitt die Bildfelder und die Bildfeldtheorie, die aus zwei Teilen, dem Bildspenderfeld und dem Bildempfängerfeld, besteht. Das Bildfeld ensteht dabei durch den Sprechakt selbst. Die so entstehenden Bilder sind a) bereits vorher bekannt und b) in irgendeiner Form im Sprach-bewusstsein von Sender und Empfänger programmatisch verankert (vgl. Schmitt 1994: 514 und 515).

Für Schmitt wirken a) die syntagmatische Dimension des Kontextes und b) die paradigmatische Dimension des Bildfeldes zusammen, weil Bildfelder, die im Sprachbewusst-sein verankert sind, nur bei gegebener textueller Einbettung aktiviert werden können. Somit scheint die Fähigkeit zur Produktion und Rezeption von Metaphern allein aus semantisch-pragmatischer Perspektive erklärbar (1994: 515).

Zur praktischen Vorgehensweise erläutert Schmitt, dass in einem gegebenen Textkorpus in einem ersten Schritt die Wortfeldbereiche ermittelt werden sollten und erst in einem zweiten Schritt auf dieser Grundlage gewisse Bildfelder gewissen Textsorten zugeordnet werden können, das heißt die Funktion der jeweiligen Metapher wird erst nach diesen Schritten ermittelbar (1994: 517).

In Kapitel 6 wird das Textkorpus (Textdiskurs) vorgestellt und diskutiert. Es handelt sich dabei um 10 Ausgaben der italienischen Tageszeitung La Repubblica, und zwar vom: 12.07.2004, 14.07.2004, 15.07.2004, 17.07.2004, 18.07.2004, 22.07.2004, 23.07.2004, 24.07.2004, 25.07.2004 und 31.07.2004, und um 13 Ausgaben der italienischen Tageszeitung Il Corriere della Sera, und zwar vom: 10.07.2004, 11.07.2004, 12.07.2004, 13.07.2004, 14.07.2004, 15.07.2004, 16.07.2004, 17.07.2004, 18.07.2004, 22.07.2004, 23.07.2004, 24.07.2004 und 26.07.2004.

Der Diskurs handelt von der Flüchtlingsproblematik vor der sizilianischen Küste im Juni und Juli 2004 und der besonderen Rolle, die die Cap Anamur dabei spielte.

Kapitel 7 wird eine Korpusanalyse beinhalten, in der möglichst sämtliche oben genannten Hilfestellungen und Theoriebildungen (Kapitel 1–4) Berücksichtigung finden werden.

In Kapitel 8 soll nunmehr, nach erfolgter Text-/Korpusanalyse, eine Typologisierung/ Klassifizierung/Systematisierung der in den Zeitungstexten/ im Zeitungskorpus/ im Zeitungsdiskurs ermittelten Metaphern versucht und der Metapherngebrauch funktional interpretiert werden. Dadurch sollen nach Möglichkeit weitergehende Aussagen über die jeweiligen Autoren, eventuelle Evaluierungen und Einstufungen der beiden Zeitungen ermöglicht werden.

Wenn bei dieser Arbeit dann gezeigt werden kann, dass die Motivation der Tagespolitikschreiber durchaus die Wahl der Metaphorik bestimmt, dann wäre eine Antwort auf die zentrale Fragestellung dieser Magisterarbeit erfüllt. Den anderen Zweck, eine Tageszeitung mit offenen Augen lesen und verstehen und auch folglich richtig einordnen zu können, erwähne ich hier nur als nicht zu vernachlässigendes Nebenprodukt.

2 Theoretischer Hauptteil

2.1 Die semantische Theorie

2.1.1 Referenztheorie

Unter Referenz versteht Monika Schwarz die Relation, die in einer bestimmten Situation zwischen sprachlichen Ausdrücken und Gegenständen besteht. Der Sprecher referiert mit der Hilfe von sprachlichen Zeichen und der Hörer etabliert Referenz im Verstehensprozess[3],[4].

Die Referenztheorie besagt nach Schwarz, dass wir mithilfe unserer prozeduralen Kompetenz Sprachverarbeitungsprozesse durchführen. Die Quintessenz ist dabei, dass wir das im Lexikon repräsentierte Wissen in Sprachproduktions- und Rezeptions-prozessen aktivieren und benutzen. Dabei nehmen wir mit Wörtern und Sätzen Bezug auf die außersprachliche Welt[5].

2.1.2 Referenten

Die Referenten sind a) das Wahrgenommene und b) die mentalen Bilder.

a) Das Wahrgenommene als Referent ist für Schwarz die eine Möglichkeit der Referenz. So zweifeln wir Menschen normalerweise auch nicht daran, dass wir mit sprachlichen Ausdrücken auf Objekte referieren, die außerhalb unseres Geistes einfach da sind und von allen anderen Menschen gleichermaßen erfahren werden. Diese Möglichkeit würde ich die materialistische nennen.
b) Die mentalen Bilder als Referenten sind für Schwarz die andere Möglichkeit der Referenz. Dabei muss der Gegenstand, auf den der Sprecher referiert, nicht in dessen unmittelbarem Blickfeld sein. Diese Möglichkeit ist eine Art geistiges Modell dieser Welt, und zwar durch die geistige Tätigkeit der kognitiven Abbildung von realen Objekten, sie nenne ich die idealistisch-geistige.

Somit kennen wir zwei Repräsentationsarten: a) die reproduktive, auf reale Gegenstände verweisende und b) die produktive, auf imaginative Gegenstände verweisende[6].

2.1.3 Explizite Referenzidentität

Bei der expliziten Referenzidentität handelt es sich nach Schwarz nicht um eine im mentalen Lexikon gespeicherte Bedeutungsrelation, mithin also nicht um Synonymie zu gegebenen Zeichen. Als Beispiel führt sie die Begriffe Abendstern und Morgenstern an, die sich beide auf denselben Referenten, die Venus, beziehen und dennoch verschieden in ihrer Bedeutung sind[7].

Oft aber reiche die Aktivierung dieses semantischen Wissens nicht aus. Bei den folgenden Satzsequenzen müsse der Rezipient allgemeines bzw. spezifisches Weltwissen aktivieren, um die Koreferenz zu erkennen: 1) „Das ist Chomsky. Der Verfasser der Aspects schreibt gerade an einem neuen Buch (linguistisches Fachwissen)“; 2) „Anna kommt gleich. Die blöde Ziege will bestimmt wieder Streit anfangen (persönliches Vorwissen)“; 3) „Ein sonderbarer Mann tauchte im Dorf auf. Der Fremde war uns allen unheimlich (allgemeines Weltwissen)“[8].

Anstelle von Referenzidentität spricht Schwarz auch von Koreferenz oder Anaphorik, welche nichts Anderes aussagen, als dass zwei oder mehr Ausdrücke dazu benutzt werden, um auf dasselbe Objekt Bezug zu nehmen (in einem Satz oder satzübergreifend), manchmal sei dann auch von extensionaler Identität die Rede, welche sich dann erst aufgrund der Aktualisierung von Weltwissen feststellen lasse[9].

Die semantische Kompetenz ermögliche dabei das Erkennen und Verstehen von Wort- und Satzbedeutungen, ja sogar von Texten, wobei als Text eine sprachliche Sequenz von mindestens zwei Sätzen zu verstehen sei[10].

2.1.4 Implizite Koreferenz

Nach Schwarz gibt es Sequenzen, die Koreferenz aufweisen, obgleich kein direkter, also explizit genannter Antezedens benutzt wird. Schwarz führt u. a. folgendes Beispiel an: „Sonja malte Strukturbäume an die Tafeln. Die Kreide brach dabei entzwei“. Durch Aktivierung des mentalen Verbrahmens werden dabei die nicht explizit genannten thematischen Rollen (malen involviert einen Pinsel, Stifte oder Kreide) als Antezedens eingesetzt[11]. Nicht immer sind diese Antezedenten[12] aus der semantischen Repräsentation der involvierten Verben erschließbar, wie Schwarz aufführt: „Tanja geht zur Geburtstagsfeier von Mona. Die Blumen hat sie schön eingewickelt“; oder es handelt sich sogar um abstrakte Koreferenzrelationen, bei denen Demonstrativa zur Aufnahme einer impliziten Koreferenz verwendbar sind, wie zum Beispiel: „Gestern zerbrach Mimi 10 Tassen. Das/ dieses Missgeschick ärgert sie immer noch“[13].

Das so genannte implizite Anaphernverstehen (Koreferenz), welches auf schema-basierenden Inferenzen beruht, benötige dabei nicht mehr Zeit bzw. kognitive Anstrengung als das Verstehen expliziter Anaphern. Experimentelle Untersuchungen hätten dabei gezeigt, dass wissensbasierte Schlussfolgerungen blitzschnell gezogen würden und den Textverarbeitungsprozess nicht verlangsamten[14].

2.1.5 Das Gricesche Kooperationsprinzip

Schwarz hält für eine erfolgreiche Referenz das Gricesche Kooperationsprinzip für unerlässlich. Sie listet im Prinzip die vier herkömmlichen Maximen auf, die die Garanten für die Realisation des Kooperationsprinzips sind.

Im Folgenden seien der Vollständigkeit halber das Kooperationsprinzip und die Maximen aufgeführt.

Das Kooperationsprinzip, welches den Kern und den Ausgangspunkt der Griceschen Theorie bildet, lautet: Mache Deinen Kommunikationsbeitrag so, wie er an dem Punkt der Kommunikation, an dem er erfolgt, erforderlich ist. Das, was erforderlich ist, wird durch den Zweck des Gesprächs, in dem Du Dich befindest, bestimmt.

Die dazugehörigen vier Kommunikationsmaximen lauten:

1. Maxime der Quantität: Mache Deinen Beitrag so informativ wie erforderlich.
2. Maxime der Qualität: Versuche Deinen Beitrag so zu machen, dass er wahr ist.
3. Maxime der Relation: Sage nur Relevantes.
4. Maxime der Modalität: Rede klar und unzweideutig[15].

2.1.6 Semantische Kreativität und Metaphernbildung

Nach Schwarz haben frühere Semantiktheorien Metaphern als semantische Abweichungen, als so genannte Anomalien dargestellt[16]. So komme demnach eine Metapher dadurch zustande, dass Wörter, die aufgrund ihrer semantischen Merkmale nicht kompatibel sind, unter Verletzung der Selektionsregeln miteinander zu Phrasen bzw. Sätzen kombiniert würden. So sei im folgenden Beispiel „Sie stürzte in einen Abgrund der Verzweiflung“ Abgrund ein Konkretum und Verzweiflung ein Abstraktum. Neuere positiv ausgedrückte Metapherntheorien sehen die Metaphernbildung als Ausdruck unserer kognitiven und sprachlichen Kreativität, mit anderen Worten als das Resultat semantisch-konzeptueller Prozesse, welche motiviert sind von dem Bedürfnis, uns schwer vorstellbare oder kaum denkbare Bereiche zu erschließen. Das Metaphernverständnis setze sich somit aus den folgenden beiden Grundbausteinen zusammen: 1) der wörtlichen Bedeutung der Metapher und 2) dem Weltwissen[17]. Schwarz bezeichnet an anderer Stelle das Weltwissen als semantisches Gedächtnis, welches in verschiedene semantische Felder (Bedeutungsfelder) unterteilt sei. So besitze eine Reihe von inhaltsähnlichen Wörtern 1) gemeinsame semantische Merkmale und 2) einen gemeinsamen Referenzbereich, wie zum Beispiel „rot, blau, gelb, schwarz“ ein gemeinsames Feld der Farbnamen und „Kiwi, Traube, Nektarine“ ein gemeinsames Feld der Obstnamen bilden.

Diese Erkenntnis kann nach Schwarz zu einer brauchbaren Wortfeldtheorie führen, wobei Wortbedeutung nicht isoliert im mentalen Lexikon, sondern in Relation zu anderen Wortbedeutungen stehe. Aufgrund dieser Verbindungen seien viele Wörter bestimmten Wortfeldern zuordenbar[18].

2.1.7 Operationale und analytische Betrachtung von Semantik

Wittgenstein[19] habe die operationale Betrachtungsweise favorisiert, i. e. die Be-deutung eines Wortes sei dessen Gebrauch. Aber selbst Wittgenstein habe wohl gemerkt, dass diese Auffassung zu kurz greife. Ullmann bringt als Gegenpol die analytische Betrachtungsweise ins Spiel. Die analytische Betrachtungsweise versuche die Bedeutung in ihre Bestandteile aufzulösen. Da der Kontext eine ausschlaggebende Bedeutung habe, könne man Bedeutungen am besten dadurch feststellen, dass man Wörter gegeneinander austausche, weil deren Teile ihre Bedeutung aus dem Gesamtsystem erhalten würden. Diese Betrachtungsweise habe zwar Schwächen, aber Ullmann habe gezeigt, dass diese Theorie mit der modernen Theorie kompatibel sei[20].

Ullmann stellt zu Recht fest, dass im 20. Jahrhundert die Semantk sich nach langem Zögern dem Strukturgedanken geöffnet habe, dass aber leider die andere daran beteiligte Seite, die strukturalistische Methode, sich noch immer den Betrachtungs-weisen der Semantik/ Bedeutungsforschung verschließe.[21] In seinen Ausführungen führt Ullmann auch das Saussuresche Modell von der langue und der parole an.

Dabei sei die langue etwas, was schon immer vorhanden sei, ein sogenanntes Engramm-System, auf das ein einzelner Sprecher bequem zurückgreifen könne. Die parole hingegen bilde den individuellen Sprachgebrauch, den konkreten Sprechakt ab. Sie könne als das Ergebnis angesehen werden[22].

Schwarz nennt diese Dichotomie „lexikalische (Semantik)“ versus „aktuelle Bedeutung (Pragmatik)“[23]. Die lexikalische (= wörtliche) Bedeutung sei im mentalen Lexikon permanent gespeichert und somit Bestandteil unserer semantischen Kompetenz. Die aktuelle Bedeutung hingegen sei der Bereich der Performanz, der Pragmatik. Was nichts anderes zu bedeuten habe, als dass Wörter in einem Satzzusammenhang und gleichzeitig eingebettet in einer bestimmten Rede- bzw. Rezeptionssituation ständen.[24]

Im Bereich der Engramme (Sprachsymbole) unterscheidet Ullmann drei Grundtypen sprachlicher Einheiten für eine zweckmäßige Analyse: 1) die physikalische (Phonetik), 2) die semantische (Lexikologie) und 3) eine auf die Syntax bezogene Betrachtung.[25]

2.1.8 Metaphorische Sonderformen und konventionelle Metapher

Als metaphorische Sonderformen sind die folgenden beiden erwähnenswert:

1) die Metonymie, die eine Substitution darstelle. Der ersetzende und der ersetzte Ausdruck stehen dabei in einer bestimmten Relation, der semantischen Kontiguität (Angrenzung, Berührung) zueinander, wie zum Beispiel: „Goethe lesen“ oder „ein Glas trinken“ (Gefäß/ Autor statt Inhalt). Eine metonymische Metapher sei noch nicht konventionalisiert, daher würden die semantischen Diskrepanzen zwischen den involvierten Worten (noch) wahrgenommen. Viele Metaphern jedoch seien bereits lexikalisiert, ihr Gebrauch schon konventionalisiert und ihre Bedeutung im Lexikon als habituell gespeichert.
2) Die Synästhesie, die eine eigentlich unzulässige Kombination von Sinneswahr-nehmungen darstelle, beispielsweise „silbergrauer Duft“ (visuell und olfaktorisch), „süße Stimme“ (gustatorisch und akustisch) und „raues Licht“ (taktil und visuell)[26].

Die konventionelle Metapher hingegen befinde sich schon am Ende ihrer Ent-wicklung. Bei einer solchen Metapher würden semantische Diskrepanzen zwischen den involvierten Wörtern gar nicht mehr wahrgenommen, wie folgende Beispiele zeigen sollen: die Zeit totschlagen, ein Argument durchfechten, Hüter des Gesetzes, auf den Arm nehmen, die Katze aus dem Sack lassen. Die Bedeutung könne nicht mehr aus der wörtlichen Bedeutung der einzelnen Wörter erschlossen werden. Deshalb müsse die Bedeutung solcher Phrasen im mentalen Lexikon als gesonderter Eintrag abgespeichert sein[27], spreche man von lexikalisierten Metaphern.

2.2 Das politologische Konzept

2.2.1 Neuere Sprache- und Politikforschung

Girnth untersucht die Sprachverwendung in der Politik konsequent unter sprach-theoretischem Aspekt. Ein Ziel solcher Sprachuntersuchungen sei, das typische Sprachhandlungsmuster im politischen Sprachgebrauch aufzudecken, damit allgemein und plakativ formuliert deutlich werde, dass es keine Sprache des Faschismus, des Rassismus oder des Antisemitismus gibt, sondern nur einen faschistischen, rassistischen oder antisemitischen Sprachgebrauch. Dazu konform geht Cortelazzo, der betont, dass es keine Kinosprache, Fernsehsprache usw., sondern lediglich eine Sprache im Kino, eine Sprache im Fernsehen usw. lokalisiert werden könne[28].

Die neuere Sprache- und Politikforschung stehe dabei im Kontext des pragmatischen Ansatzes; es sei nicht von Relevanz, ob sie vom Wort-im-Text oder von komplexeren sprachlichen Handlungsmustern wie dem Text ausgehe. Laut Girnth gibt es, was den aktuellen Forschungsstand angeht, zwei Richtungen der Sprache- und Politikforschung:

1) Die lexikonorientierte Forschung, welche vom Wort ausgeht. Diese Forschung habe ihren Ursprung in der Einzelanalyse politisch relevanter Wörter und habe lange Zeit den Forschungsschwerpunkt gebildet.
2) Die diskursorientierte Forschung, welche vom Text bzw. Diskurs ausgeht und für die kommunikativ-pragmatische Wende stehe. Hier sei Sprache eine Form sozialen Handelns, die in konkreten Kommunikationssituationen stattfinde. Sprecher, Adressat und Redesituation ständen in einem spezifischen Bezug zueinander[29]. Es sei diese pragmatische Seite von politischer Sprache worauf es innerhalb der Sprache- und Politikforschung ankomme[30].

2.2.2 Sprachidealismus versus Sprachmaterialismus

Es existieren laut Girnth zwei konträre Sprachauffassungen: 1) die sprachidealistische, die besagt, dass die Sprache die Sicht der Menschen von der gesellschaftlichen Wirklichkeit beeinflusse und 2) die sprachmaterialistische, die besagt, dass die natürlichen Gesellschafts- bzw. Lebensbedingungen des Menschen sein Bewusstsein, Sprechen und Handeln bestimmten. Die letztere Position sei in der politischen Sprachkritik und in der Sprache- und Politikforschung weit verbreitet.

Laut Girnth sei jede Position für sich genommen unzureichend.

Die idealistische Auffassung verkenne, dass Sprache über ihre Erzeugung in Kommunikationssituationen und über ihre institutionelle und subinstitutionelle Aufbereitung in kulturellen Traditionszusammenhängen immer schon gesellschaftlich konstituiert und vermittelt ist. Der einseitigen materialistischen Auffassung hält Girnth entgegen, dass gesellschaftliche Interaktionen und institutionalisierte gesellschaftliche Strukturen durch das allgemeine Planungsschema der Sprache konstituiert und definitionsmäßig stabilisiert sind. Deshalb hält Girnth eine vermittelnde Position für angemessen, nämlich, dass sich Sprache und gesellschaftliche Wirklichkeit gegenseitig bedingen würden. Die gesellschaftliche Wirklichkeit manifestiere sich in Sprache, gleichzeitig werde sie erst durch Sprache ermöglicht und hergestellt[31].

2.2.3 Die Sprachfunktionen

Girnth versucht, diese verschiedenen Sprachauffassungen mit den grundsätzlichen Sprachfunktionen zu vereinbaren. Diesbezüglich stellt er das von Grünert erarbeitete Modell, das vier Sprachfunktionen unterscheidet, vor.

1) Die regulative Sprachfunktion, die die Beziehungen zwischen oben und unten, zwischen Regierendem und Regierten ordnet. Um solche Machtstrukturen in Sprache umzusetzen, bedienen sich die Herrschenden bestimmter Textsorten wie die folgenden: Verfassungen, Gesetze, Verbote, Erlasse, Verordnungen.
2) Die poskative Sprachfunktion geht von Gruppen, Schichten und Klassen aus. Es ist eine Möglichkeit der Wunschäußerung gegenüber der institutionellen Macht, wie: Bitten, Petitionen, Forderungen, Ansprüche, Aufrufe, Flugblätter, Manifeste[32].
3) Die informativ-persuasive Sprachfunktion. Sie begründet, motiviert und bereitet die Analyse vor und liefert eine Kritik und Rechtfertigung politischen Handelns. Sie dominiert die gegenwärtige Sprachverwendung in der Politik, wobei es sich um Texte des folgenden Typs handelt: politische Theorien, Debattenreden, Wahlreden oder Wahlslogans. Solche Texte befänden sich primär im Handlungsfeld der politischen Werbung[33]. An dieser Stelle sei noch mal explizit der Begriff der Handlungsfelder in der Politik erwähnt. Da sich ja die neuere pragmatisch orientierte Forschung auf die speziellen situativen Rahmenbedingungen und Handlungszusammenhänge konzentriert, in denen Sprachverwendung in der Politik stattfindet, existieren spezifische Sach- und Handlungsbereiche, die den Kommunikationsbereich Politik konstituieren[34].
4) Die integrative Sprachfunktion, die von Gruppen angewandt wird, um sich nach außen abzugrenzen und nach innen zu stabilisieren, wie Gedenkrede oder Parteiprogramm[35].

Diese vier Sprachfunktionen seien die jeweils für einen Text dominanten Grundfunktionen der politischen Sprachverwendung. Der eigentlich politische Charakter der Sprachfunktionen komme erst durch Zuordnung zu bestimmten Handlungsfeldern zustande. Daraus ergebe sich, dass grobe Zuordnungen von Texten mit gleicher Funktion zu einem Handlungsfeld möglich seien. So seien beispielsweise Texte mit informativ-persuasiver Funktion primär eine Domäne des Handlungsfeldes ’politische Werbung’, Texte mit regulativer Sprachfunktion eine des Handlungsfeldes ’Gesetzgebungsverfahren’. Andererseits würden Texte aus verschiedenen Handlungsfeldern dieselben Funktionen erfüllen, wie: ’Parteiprogramme’ als exemplarische Vertreter des Handlungsfeldes ’innerparteiliche Willensbildung’ und ’Gedenkreden’ als exemplarische Vertreter des Handlungsfeldes ’Meinungs- und Willensbildung von Institutionen’ dieselbe integrative Funktion hätten[36].

2.2.4 Das Gricesche und Bühlersche Modell

Die in 2.2.3 vorgestellten Sprachfunktionen können nun auch mit den Bühlerschen Sprachfunktionen in Verbindung gesetzt werden. Bühlers Sprachmodell unterscheidet –wie heute allgemein bekannt ist- drei Funktionen

1) die Symbolfunktion, welche eine Zuordnung des sprachlichen Zeichens zu Gegenständen darstellt,
2) die Symptomfunktion, welche die Abhängigkeit der Zeichenwahl vom Sender darstellt und
3) die Signalfunktion, welche einen Appell des Zeichens an den Hörer zum Ausdruck bringt.

Ein wichtiges Gerüst, auf dessen Grundlage seitens der Teilnehmer komplizierte Schlussfolgerungsprozesse erst in Gang gesetzt werden, sind die Griceschen Konversationsmaximen, auch Implikaturen genannt. Insbesondere die scheinbare Verletzung einzelner Maximen rufe Implikaturen hervor.

Verletzt werden können

1) die Quantitätsmaxime,
2) die Qualitätsmaxime,
3) die Relevanzmaxime und/ oder
4) die Modalitätsmaxime[37].

2.2.5 Analysemodelle politischer Sprache

1. Agitationsmodell (nach Klaus 1971)

Die primäre Aufgabe der politischen Sprache und der Sprache der Agitation ist die Beeinflussung des Bewusstseins der Menschen, an die sie sich wendet, und zwar mit dem Ziel, diese zu einer bestimmten Verhaltensweise zu veranlassen bzw. die Wahrscheinlichkeit für eine solche Verhaltensweise zu vergrößern. Daher ist es ein wichtiges Ziel für den Hörer/ Leser, die Absichten, die Klaus negativ wertend als Manipulation bezeichnet, zu durchschauen. Der Agitator solle in pragmatischer Weise entscheiden, welche der folgenden drei Komponenten in der jeweiligen Redesituation vorrangig zur Geltung kommen solle, als da wären: a) Sachverhalte bezeichnen (designativ),

b) Sachverhalte bewerten (appraisiv) und

c) einen bestimmten Sachverhalt vorschreiben (präskriptiv[38]). Als Beispiel wird der Begriff Demokratie genannt: Ein Designator würde sagen, er bezeichne eine bestimmte Staatsform, ein Appraisor bewerte diese Staatsform als positiv und ein Präskriptor veranlasse die Menschen, für diese Staatsform einzutreten[39].

2. Das Persuasionsmodell (nach Kopperschmidt 1973)

Als zweites Modell stellt Girnth das Persuasionsmodell vor. Die Theorie der Persuasiven Kommunikation ist vor dem Hintergrund einer Rhetorik, die sich als Grammatik des vernünftigen Redens verstehe, zu sehen. Die Beteiligten versuchen vermittels von Argumentation einen Konsens zwischen ihnen über ihre handlungsleitenden Ziele anzustreben. Kommunikationsakte, die dieses Kriterium erfüllen, heißen peruasive Kommunikationsakte. Persuasive Kommunikation sei a) mittelbar, b) sprachlich und c) argumentativ. Außerdem gehe es bei persuasiver Kom-munikation auch hermeneutische Implikaturen, das heißt sie sei nicht nur eine instrumentelle Möglichkeit für die Durchsetzung von Zielen, sondern zugleich auch Aufklärung über mögliche Ziele. Kopperschmidt erwähne für eine erfolgreiche Analyse auch die sieben Glückensbedingungen nach Austin und Searle[40].

3. Das lexikalisch-argumentative Modell (Grünert 1974) Girnth stellt uns als drittes Modell das lexikalisch-argumentative Modell von Grünert vor. Dieses Modell beachtet die Einbettung eines Zeichens in einen engeren und weiteren Kontext, in dem das Zeichen erst seine Bedeutung im semantischen und seine Funktion im pragmatischen Sinn entfalten könne. Unter einem weiteren Kontext wird hier der ideologische Kontext verstanden, der folgende drei Bereiche beinhalte:

a) die historisch-gesellschaftliche Situation,
b) die politisch-ideologischen Bedingungen und
c) die besonderen argumentativ-kommunikativen Faktoren des Sprachgebrauchs. Der engere Kontext beinhaltet die Relation der sprachlichen Zeichen untereinander. Dieses Modell besitze zwei Achsen.

Die eine sei die präsentisch-horizontale Achse, welche aus den folgenden drei Kategorien bestehe:

a) Destination, das sind die außersprachlichen Gegenstände, b) Fundation, das ist die sprachliche Kodierung von politischen Prozessen bzw. Doktrinen und
c) Motivation, die eine gegebene Destination motiviert (sie also als notwendig bzw. nicht notwendig erweisen kann).

Die andere sei die präterital-futuristische vertikale Achse, die aus den folgenden zwei Kategorien bestehe:

a) retrospektive Kausation, welche der Begründung einer bestimmten Destination dient und
b) prospektive Konsekution, welche die Folgerungen darstellt, die sich aus einer bestimmten Destination in der Zukunft ergeben[41].

4. Das Sprachhandlungsmodell (Holly 1990) Als viertes Modell stellt Girnth das Sprachhandlungsmodell nach Holly vor. Dieses Modell liefert dem Politiker ein Muster, um seine vielfältigen Aufgaben und seinen politischen Alltag zu bewältigen. Holly zeige dies am Beispiel eines Bundestagsabgeordneten, dessen Funktionen er zweiteilt in: a) externe Parlamentsfunktionen, wie: Interessen-artikulation, Eigenwerbung, Öffentlichkeitsarbeit und Parteiwerbung und b) interne Parlamentsfunktionen, wie: Richtungsbestimmung, Orientierungssuche, Detailarbeit und Profilierung. Ein Gespräch wird analysiert und es wird nach den Sprachhandlungsmustern gesucht, etwa: „informiert, positiv bewertet, beruft sich, knüpft, erwähnt, werben, solidarisieren u. a.“. So habe Holly ein Gespräch zwischen einem Abgeordneten und einem Beobachter analysiert und bewusst nach oben genannten Sprachhandlungsmustern gesucht und die Stellen benannt. Girnth hält dieses Modell für das pragmatischste dieser vorgestellten fünf Modelle; allerdings warnt er auch vor der isolierten Anwendung des Sprachhandlungsmodells, weil die Gefahr bestehe, dass Äußerungen lediglich interpretierend paraphrasiert würden. Deshalb müsse es in Kombination mit den übrigen angewandt werden[42].

5. Kommunikationsmodell (Heringer 1990)

Diesem Kommunikationsmodell liegen die Griceschen Konversationsmaximen zu Grunde[43]. Während jedoch Grice die Kommunikations-maximen als Bedingungen der Möglichkeit rationalen Verhaltens sehe, wolle Heringer im Gegensatz dazu die Konversionsmaximen als eine Anleitung zu moralisch begründetem kommunikativen Handeln verstanden wissen. Heringer analysierte viele politische Texte und kommt zum Schluss, dass Politiker oft gegen die Relevanzmaxime verstoßen, weil sie ihre Informationen aufgrund von politischer und kommunikativer Macht zurückhalten. Es würden anstelle von Antworten Ersatzmaximen befolgt, wie: Gib deine Infos scheibchenweise; sag wenig, aber wiederhole es immer wieder; beachte nicht, was deine Adressaten wollen. Somit erweise sich dieses Modell ebenfalls als pragmatisch ausgerichtet und als Konzept, das geeignet erscheine, das konkrete Sprachhandeln von Politikern sprachkritisch zu beurteilen[44].

2.2.6 Textsorten und Textsortenklassen

Text gilt nach Girnth als Repräsentant und Überbegriff für bestimmte Klassen von Texten, die so genannten Textsorten. Textsorten seien dabei konventionell geltende Muster für komplexe sprachliche Handlungen. Der Politiker treffe aus dem verfügbaren Repertoire an Textsorten eine situationsadäquate Wahl. Die gewählten Textsorten müssten dabei angemessen sein, das heiße in der Lebenspraxis bewährte. Girnth führt einen Klassifikationsvorschlag von Klein an. Klein teile die politischen Textsorten ein nach den jeweiligen Emittenten bzw. Emittentengruppen und ihrer Funktion im politischen System. Die Kategorie ’Emittent’ sei nach Klein geeigneter für die Klassifikation von Texten als ’Sprecher’ bzw. ’Autor’, da sie sich sowohl auf schriftliche als auch auf mündliche Texte beziehe und dies von Vorteil sei, weil Texte meist Kollektivprodukte seien. Mögliche Emittenten von politischen Textsorten seien dabei: Parlamente, parlamentähnliche Versammlungen, Regierungen, Parteien, Politiker oder Verbände, Bürger, Presse. Das situative Emittentenkriterium liefere insgesamt fünf Textsortenklassen, mit fünf verschiedenen Emittenten

1) Parlament bzw. parlamentähnliche Versammlung,
2) Regierung,
3) Parteien bzw. Fraktionen,
4) Politiker und
5) Bürger, Presse, Verbände.

Mit situativ-funktionalen Kriterien wie der Adressatengerichtetheit und der textuellen Grundfunktion könne diese Einteilung weiter ausdifferenziert werden.

So könnten beispielsweise die für uns in Frage kommenden Textsorten, wie wir sie in den beiden noch zu analysierenden italienischen Zeitungen vorfinden werden, die TS[45] 1 = Verfassung und TS 2 = Gesetz sein, welche aufgrund der genannten Kriterien der TSK[46] 1 zugerechnet werden können und primär außenadressiert sind; die TS 7 = Staatsvertrag, außenpolitisch orientiert, TS 10 = Gesetzesentwurf, parlaments-adressiert und TS 11 = Regierungsbericht, parlamentsadressiert, können der der TSK 2 zugerechnet werden; TS 57 = Diskussions-beitrag, welcher dissensorientiert ist kann der TSK 4 zugerechnet werden; TS 63 = Protestresolution, TS 66 = Stellungnahme von Interessengruppen, TS 71 = Pressekommentar und TS 73 = Expertengutachten können der TSK 5 zugeordnet werden. Bei der Textbetrachtung gelte generell: Einerseits konstituieren Wörter einen Text, andererseits aber bildet sich ihre spezifische Bedeutung erst im Textzusammenhang heraus[47].

2.2.7 Metapher

Durch die Metaphernbildung werden neue sprachliche Ausdrucksmittel geschaffen und neue Konzepte sprachlich erschlossen. Die Konzeptualisierung erfolge durch a) Wahrnehmung außersprachlicher Gegenstände und b) freie Kombination von Konzepten. Das Ergebnis dieser Versprachlichung seien Metaphern. Girnth weist auf die fünf Funktionen hin, die Metaphern in der politischen Rede übernehmen können:

1) Vereinfachung komplexer Sachverhalte;
2) Bewertung der Referenzobjekte;
3) Interpretation politischer Entwicklungen;
4) Rückgriff auf Vertrautes und
5) Eröffnung von Assoziationen.

So sei der Ausdruck Dritte Welt ohne Metaphern, die zugleich ein entsprechendes Erklärungs- bzw. Handlungsmodell liefern, kaum denkbar. Als Beispiel erwähnt Girnth die Überschwemmungs- bzw. Eindämmungsmetaphorik im Zusammenhang mit Flüchtlingsbewegungen und Bevölkerungs-wachstum. So liefere das Grundvokabular in der Asylfrage, wie Flut, Strom, Damm die Muster für Problemwahrnehmumg und Problemverarbeitung. Ein weiteres Beispiel für eine Metaphernbildung gibt uns Girnth mit der Organmetapher. Er zitiert die „Politik der ruhigen Hand“ aus einer Rede Schröders vom Jahre 2001. Diese Metapher habe die Funktion, die Politik der Bundesregierung zu interpretieren und positiv zu bewerten, die Merkmale Stetigkeit, Verlässlichkeit und Gelassenheit würden hiermit konnotiert und Assoziationen eröffnet, wie der Politiker als Steuermann, der das (Staats-)Schiff allen Stürmen zum Trotz sicher auf Kurs halte und nicht hektisch das Ruder bewege. Der politische Gegner würde dies allerdings umzudeuten versuchen zu den negativ konnotierten Merkmalen der Untätigkeit und des Stillstandes[48].

2.2.8 Politisches Lexikon

Das politische Lexikon stand in der Sprache- und Politikforschung traditionell stets im Mittelpunkt. Das Lexikon einer Sprache bezeichne dabei das strukturierte Inventar der Lexeme, das politische Lexikon den lexikalischen Teilausschnitt des Gesamtwortschatzes. Die Beschreibung des politischen Lexikons stelle eine notwendige Voraussetzung dar, um anschließend seine Verwendung durch den Politiker in konkreten Nominationsakten zu untersuchen. Es sei dabei schwer das politische Lexikon von der Alltagssprache wie auch von den Fachsprachen anderer Sachgebiete deutlich abzugrenzen, weil Politik einen Handlungs- und Funktionskomplex darstelle, der alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfassen könne.

Der Grad der Durchdringung zahlreicher Lebens- und Sachbereiche durch die Politik sei vom jeweiligen Herrschaftssystem und den historisch-soziokulturellen Gegebenheiten abhängig; so sei deshalb das politische Lexikon der BR Deutschland nicht identisch mit dem politischen Lexikon der deutschen Sprache[49]. Girnth benennt zwei anerkannte Modelle für ein politisches Lexikon, von denen hier aufgrund ihrer Ähnlichkeiten zueinander eines vorgestellt werden soll.

Das politische Lexikon nach Dieckmann[50] beinhalte eine Dreiteilung in Institutionssprache, Fachsprache des verwalteten Sachgebietes und Ideologiesprache. Die Institutionssprache sei nichts anderes als die Bezeichnung für die einzelnen Institutionen und Organisationen eines Gemeinwesens, ihre interne Gliederung, die Aufgaben, die sie erfüllen und die Prozesse, in denen sie funktionieren. Die Institutionssprache sei wiederum unterteilt in Organisations- und Verfahrenssprache, wobei die Organisationssprache die Ausdrücke für die Institutionen wie Bundesrat, Parlament, Partei und ihre Gliederungen wie Fraktion, Parteivorstand, Ausschuss, ihre Aufgaben wie Verfassungsschutz, Finanzpolitik, Entwicklungs-hilfe und Amtsbezeichnungen wie Bundeskanzler, Minister, Fraktionsmitglied seien. Die Verfahrenssprache beinhalte Ausdrücke, um formale Praktiken in der Politik zu bezeichnen wie Abstimmung, Hammelsprung, konstruktives Misstrauensvotum. Die Fachsprache des verwalteten Sachgebietes sei die politische Expertensprache aus der Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Bildungspolitik. Es fehle noch die Ideologiesprache, diese sei nach Dieckmann und Girnth ein Bereich, der sich erst noch entwickle. So würden fachsprachliche Ausdrücke der Wirtschaft, die zunächst außerhalb des politischen Lexikons stehen, auch in der Wirtschaftspolitik verwandt, wie Bruttosozialprodukt, Konjunktur, soziale Marktwirtschaft, und würden dadurch ideologiegebunden[51].

2.2.9 Nominationssektoren

Nominationssektoren repräsentieren nach Girnth die für das politische Sprachhandeln zentralen Wirklichkeitsausschnitte. Die onomasiologische Fragestellung gehe von den Referenzobjekten/ den Begriffen aus und frage: Welche Nominationsausdrücke verwendet der Politiker, um auf die Wirklichkeitsausschnitte Bezug zu nehmen? Zu diesem Zweck führt Girnth sechs Nominationssektoren auf, die im Folgenden genannt werden.

1) Nominationen politischer Gruppen und Personen, die wichtig sind zum Ausdruck der Dichotomie zwischen Eigen- und Fremdgruppe; darunter fallen Begriffe wie Bürger, Christdemokrat, Deutsche, Genosse, Verfolgter.
2) Nominationen politisch relevanter Aktivitäten und Handlungszusammenhänge, die dazu dienen, die Eigengruppe positiv zu bewerten, wie Aufbau, Gestaltung, Reform und die Fremdgruppe negativ zu bewerten, wie Misswirtschaft, Vertreibung, Zick-Zack-Kurs.
3) Nominationen politisch relevanter Einstellungen. Der Politiker bekunde zum Beispiel seine Einstellung direkt zu einem Referenzobjekt durch sprachliche Zeichen wie Scham, Schmerz, Tatsache, Trauer, Wahrheit, Wissen.
4) Nominationen politisch relevanter Interessen/ Intentionen mit gruppenspezifischen Wertungen/ Deutungen, zumeist Wörter des Ideologievokabulars. Diese würden unterteilt in drei Ebenen:
a) abstrakte Ebene, welche die normative Basis bilde, wie Moral, Normen, Prinzipien, Werte;
b) konkrete Ebene, welche eine mögliche Realisierung der abstrakten Werte darstelle, wie Frieden, Freiheit, Menschenrechte;
c) scheinbar subjektive Ebene, die sich auf das einzelne Individuum beziehe, jedoch gruppenspezifischen Interessen diene, wie Aufgabe, Pflicht, Verantwortung.
5) Nominationen politisch relevanter Systeme und Institutionen, zumeist Ausdrücke des Institutionsvokabulars, wie Gewaltenteilung, parlamentarische Demokratie, Wahlen.
6) Nominationen politisch relevanter Ereignisse und Sachverhalte, welche jedoch nur für einen konkreten Sachverhalt möglich seien, wie beim Sachverhalt CDU-Spendenaffäre, die mit folgenden Nominationsausdrücken nominiert werde: Affären-Sumpf, Bimbes-Affäre, Finanzskandal, Lügensumpf, Spendenmorast und weitere.

Diese Aufteilung sei die Grundlage für eine pragmatische Gliederung der lexikalischen Sprachverwendung in der Politik. Der Vorteil sei, dass sie die prinzipielle Offenheit des politischen Lexikons und die typischen Innovationen mit einbeziehe, wobei die Sektoren 4 – 6 die typischen des politischen Lexikons seien.

Diese Unterteilung führt Girnth zum Begriff des Nominations-paradigmas, welcher gleichzusetzen sei mit den Nominationsausdrücken eines Nominationssektors, die den Sprachgebrauch einer bestimmten Sprechergruppe repräsentiert. Die Untersuchung von Nominationsparadigmen gewähre einen Einblick in gruppen-/ ideologiespezifische Deutungen/ Wertungen der sozialen Wirklichkeit[52].

2.2.10 Ideologischer Sprachgebrauch

Ideologie und typische Formen ihrer Versprachlichung sind stets im Kontext der konkreten Gesprächssituation zu betrachten. Menschliches Denken ist dabei grundsätzlich ideologiegebunden. Girnths Untersuchungsgegenstand bildet die öffentliche Kommunikation und nicht die Politik selbst. Girnth versteht Ideologie wertneutral als die einer bestimmten Gesellschaftsordnung zugrunde liegenden Wertvorstellungen und Denkmuster[53]. Girnth erläutert dabei das ideologische Zeichenmodell und stellt es dem naiv-repräsentationalen Zeichenmodell entgegen. Während das naiv-repräsentative Modell das Zeichen, so wie es ist, als Repräsentant der Wirklichkeit ansieht (in Anlehnung an marxistisch-leninistische Theorien), ist für Girnth, der das ideologische Modell bevorzugt, offenkundig, dass jedes Zeichen ideologisch geprägt ist und die Wirklichkeit durch diesen Filter abgeändert dargestellt wird. Gesellschaftliche Wirklichkeit werde über eine symbolische Sinnwelt und weniger über einen unmittelbaren und wahren Zugriff auf die Wirklichkeit wahrgenommen[54]. Girnth kommt im weiteren Verlauf seiner Betrachtungen auf die ideologische Polysemie und führt die Theorie Kleins (1989) an, die von einer Konkurrenz, einem politischen Meinungsstreit um die ’richtige’ Bedeutung eines Wortes ausgehe. Auch für ihn komme zur semantischen die pragmatische Betrachtungsebene hinzu. Der Kernbestand des Ideologievokabulars seien die so genannten Symbolwörter, welche die Funktion hätten, die komplexe Wirklichkeit verdichtend darzustellen, leicht verfügbar seien und eine emotionale Anziehungskraft auf die Adressaten besäßen. Die Semantik der Symbolwörter ermögliche Rückschlüsse auf das Denken und Handeln einer Sprachgemeinschaft, wie beispielsweise die Begriffe Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Deshalb könne auch von einer Existenz des Ideologievokabulars, das sich quer durch alle Lexikonbereiche ziehe, gesprochen werden. Dabei gebe es ideologisch-terminologische Wörter, die Glieder eines terminologischen Systems seien, und ideologisch nicht-terminologisch gebrauchte Wörter.

2.2.11 Diskursivität

Aus dem bisher Gesagten folgert Girnth, dass sich eine umfassende Linguistikforschung um die Diskursivität zu kümmern habe. Unter Diskursivität versteht Girnth das strukturierte Beziehungsgeflecht der Texte eines Diskurses, weil ein Text keine isolierte Größe sei, sondern sich dialogisch zu anderen Texten verhalte. Der Diskurs stelle den kommunikativen Rahmen dar, der Textrelationen erst ermögliche. Bei einem Diskurs handelt es sich um eine komplexe Aufeinanderfolge von thematisch zusammengehörenden Texten mit klar definierten Anfangs-, Verlaufs- und Endtexten, die für einen erkennbaren Beginn, einen adäquaten Prozess und ein sachgerechtes Ende sorgen. Von daher habe jeder Diskurs schon per se die folgenden zwei Merkmale: 1) zeitliche Begrenztheit und 2) überschaubare Menge der Texte. Die Rolle der Diskursanalyse sei dabei, das Beziehungsgeflecht dieser Texte offen zu legen und Aufschlüsse darüber zu geben, welches Textsortenrepertoire einer bestimmten Sprachgemeinschaft zu einer bestimmten Zeit zur Verfügung stehe. Dabei sei die Frage zentral, welche Textsorte zu welchem Zeitpunkt parteipolitisch am effektivsten eingesetzt werden könne[55]. Die thematische Einheit des Diskurses und damit seine Diskursivität werden durch die Nomination auf bestimmte, kommunikativ relevante Wirklichkeitsausschnitte gewährleistet.

Texte müssten in einem ersten Schritt auf die Nominationsausdrücke hin untersucht werden, mit deren Hilfe die Textproduzenten die genannten Wirklichkeitsausschnitte nominieren. Der Kommunikationsbereich Politik verfüge über ein relativ stabiles Inventar an diskursfähigen Textsorten, die im aktuellen Diskurs als Einzeltexte realisiert würden und durch ihr funktionales Zusammenwirken ein komplexes Beziehungsgeflecht bildeten[56].

2.2.12 Diskursverlauf

Girnth nennt verschiedene Merkmale diskursiver Funktionen, welche ein Grobraster darstellen, das zunächst eine Aufdeckung des makro-diskursiven Gefüges ermöglichen soll und durch eine Feinanalyse der semantisch-pragmatischen Beziehungen zwischen den einzelnen Texten ergänzt werden muss. Nach der Zusammenstellung derjenigen Texte, denen eine diskursstrukturierende Funktion zukomme, könnten diesen die ange-führten Merkmale zugeordnet werden.

Die Merkmale: initial, prozessual und terminal bezögen sich auf die Position des jeweiligen Textes im Diskurs. Sie beantworteten die Fragen, welche Texte einen Diskurs eröffnen, seinen Verlauf bestimmen und schließlich ihn beenden. Die Merkmale Primär- und Sekundärtexte finden sich in allen öffentlich-politischen Diskursen. So sei es Tatsache, dass Primärtexte, wie Wahlprogramme und Parteitagsreden in Sekundärtexte/ Metatexte, wie Nachrichten, Leitartikel und Kommentare transponiert werden. Dabei seien Institutionen wie Presse, Rundfunk oder Fernsehen an der Verbreitung von Metatexten beteiligt. Metatexte könnten bewerten und dadurch den Diskursverlauf wesentlich beeinflussen[57].

Die Merkmale diskurstranszendent, diskursimmanent und diskursperipher fänden sich auch praktisch in jedem Diskurs. Diskurstranszendente Texte seien Texte, die mehr als einem Diskurs innerhalb eines Diskurstyps zuzuordnen seien. Diese Texte würden den Diskursverlauf durch die Einführung neuer Themen beeinflussen. Diskursimmanente Texte seien Texte, die nur einem bestimmten Diskurs innerhalb eines Diskurstyps zuzuordnen seien. Die weitergehende Frage, ob bestimmte Texte in mehr als einem Diskurstyp gebraucht werden könnten, beziehe sich auf Klassen von Texten (Textsortenklassen) und lasse sich erst nach der Analyse mehrerer Diskurse beantworten. Diskursperiphere Texte seien Texte, die für einen anderen Diskurs produziert würden und den zu untersuchenden Diskurs aber beeinflussten.

Als weitere Merkmale führt Girnth die dominierenden, die variablen und die metadiskursiven Texte an.

Die dominierenden Texte seien die Texte, die den Diskursverlauf entscheidend beeinflussten. Zum Beispiel könne durch Polarisierung des Diskurses ein Text eine Fülle anderer Texte nach sich ziehen, die auf diesen wiederum Bezug nähmen.

Die Variabilität von Texten hänge davon ab, an wie viel verschiedenen Stellen im Diskurs die jeweilige Textsorte vorkommen könne. So sei eine Textsorte maximal variabel, wenn sie an jeder Stelle im Diskurs vorkommen könne, minimal variabel hingegen, wenn sie nur an einer bestimmten Stelle (Texte im Gesetzgebungsverfahren, wo die Abfolge der Texte relativ starr ist) vorkomme. Metadiskursive Texte seien Texte, in denen der Diskurs, das Diskursthema oder der Diskursverlauf thematisiert würden[58].

2.3 Zur linguistischen Normierung

2.3.1 Die Situation in Italien

In Italien erscheinen in regelmäßigen Abständen Artikel, die den Problemen des Gebrauchs der Sprache gewidmet sind. Es handelt sich dabei vor allem um den unaufhörlichen Kampf zwischen den burocratese und den politichese, und diese Debatte wird vom italienischen Publikum gerne verfolgt. So schreiben keine geringeren als Tullio de Mauro im Espresso, Giulio Nascimbene im Corriere della Sera und Umberto Eco in verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen darüber[59].

2.3.2 Das Sprachspiel im Nouvel Observateur

Aus ähnlichen Gründen ist eine solche Debatte für den Durchschnittsfranzosen interessant. So sei es nach Schmitt nicht weiter verwunderlich, dass seit mehr als fünf Jahren[60] in den Sommerausgaben des Nouvel Observateur immer wieder Aufsätze und Rätsel zur aktuellen französischen Sprache erscheinen. Dies stoße in Frankreich und auch in Italien auf größere Resonanz als dies in Deutschland je der Fall gewesen wäre oder auch aktuell sei. Schmitt hat sich nun ein auf den ersten Blick sehr interessantes Sprachspiel aus dem Nouvel Observateur als Betrachtungsgegenstand für seinen Aufsatz anlässlich des Bonner Kolloquiums im Jahre 2002 ausgesucht. Es handelt sich dabei um ein Quiz von Pierre Larendeau, welches in sechs aufeinander folgenden Ausgaben[61] des Nouvel Observateur mit jeweils 30 Quizfragen auf den Leser wartet.

2.3.3 Die wichtigsten Bereiche im Einzelnen

Schmitt analysiert in seinem Beitrag den normativen Diskurs, den das Sprachspiel von Laurendeau eröffnet. Dabei möchte Schmitt nicht die Beispiele des Sprachspiels Punkt für Punkt abarbeiten, sondern versucht die verschiedenen Gebiete der Sprache zu systematisieren:

1. Die Verbmorphologie weise in die regelmäßige Form. Es sei bekannt, dass die Anzahl der regelmäßigen Verben unaufhörlich steige. Unter dem Analogieeffekt und in Konsequenz dazu gehören die meisten verbalen Neologismen der ersten Gruppe an (der regelmäßigen Verben). Der Purist sei stets bereit, die unregelmäßigen und am Rande befindlichen Verben zu verteidigen. Er sehe als gegeben an, dass die peripheren Systeme würdig seien, erhalten zu werden, obwohl ja gerade dies dem natürlichen Entwicklungsprozess innerhalb einer Sprache widerspreche[62].
2. Die Ableitungen der Ortsnamen und Personen seien polymorph. Insbesondere die französische Sprache leide an einer unerträglichen Polymorphie.
3. Das Geschlecht einiger seltener Worte, durch die man zählen kann, werde oft mit falschen Konkordanzbeziehungen gebildet.
4. Das linguistische Quiz enthalte noch eine große Anzahl von Banalitäten und verfallenen Regeln[63].
5. Es werden weitere morphologische Fragen erörtert[64].
6. Zusammengesetzte Wörter werden analysiert.
7. Abkürzungen und Großbuchstaben und
8. die Französische Orthographie sind Thema[65].

2.3.4 Schlussfolgerungen zum Sprachspiel

Die Analyse der verschiedenen Teile des Sprachspiels zeige, dass man sehr wohl unterscheiden müsse zwischen der Form, welche spielerisch anmute, und dem Inhalt, das heißt den erwarteten Antworten, die eher ideologisch und an der Vergangenheit orientiert seien[66].

Das Sprachspiel sei entworfen worden weder a) um über die französische Grammatik zu reflektieren noch b) um über die kommunikativen Funktionen nachzudenken.

Es diene eher dazu, das wohlbekannte frankophone Prinzip zu akzeptieren, das will, 1) dass die Sprache wahrgenommen werde als Nukleus eines kulturellen Erbes und 2) dass die klassischen Regeln des Bon Usage immer noch einen unumgänglichen Kern für jeden Sprecher bilden würden. Die Verteidigung einer großen Anzahl von morphosyntaktischen Regeln habe nichts anderes zum Ziel als die Wiederherstellung von veralteten Regeln, aufgegeben im modernen Gebrauch. Die Empfehlungen von verschiedenen linguistischen Stellen und Autoritäten, die Grammatik und Recht-schreibung zu vereinfachen wurden niemals weder respektiert noch wirklich diskutiert, und es sei gewissermaßen so, dass das Prinzip einer strengen Orthographie aufrecht erhalten und verteidigt werde gegen jede pädagogische Erfahrung. Der Autor des Spiels und dadurch implizit der Nouvel Observateur habe zu einer Fortsetzung einer unveränderlichen Norm und zu einer Diskussion der normativen Regeln beigetragen, so wie es tendenziell überall in der Romania stattfinde. Schmitt führt weitere Begründungen für seine Kritik an. Der exzessive Geschmack des Autors für alle Kuriositäten und Pointen der klassischen Sprache übersteige das wünschenswerte und vom aktuellen linguistischen Standard erlaubte Maß, sogar das vom Nouveau Petit Robert (1995ff) und vom Bon Usage (Grevisse131993).

2.3.5 Der pragmatische Aspekt

So wenig wie man die französische Sprache beherrschen kann, wenn man sich lediglich auf die grammatikalischen Regeln konzentriert, ist es bei einer Metaphern-analyse ausreichend, sich lediglich auf die Lexikonbedeutung zu stützen, die ja ebenfalls durchaus veraltet sein kann. Es ist vielmehr das Gebot der Stunde, sich auch (zumindest in gleichem Maße) mit dem semantisch-pragmatischen Aspekt, das heißt den im tatsächlichen Sprachgebrauch aktualisierten Verwendungsregeln, auseinanderzusetzen. Nur so entgehen wir einer Falschdeutung der hier in den aktuellen italienischen Tageszeitungen La Repubblica und Il Corriere della Sera verwendeten Metaphern[67].

Im tatsächlichen Sprachgebrauch können Aspekte und Funktionen einer Metapher bzw. einer Metapherngruppe erzeugt und aktiviert werden oder entstehen, die so beim Blick auf die reine Metapher nicht erkennbar werden.

2.4 Die Metapher als Programm im Rahmen des sprachlichen Handelns

2.4.1 Die Metapher in der antiken Tradition

Nach Aristoteles ist die Metapher ein analogischer Übertragungsprozess der Bezeichnung eines Gegenstandes auf einen anderen Gegenstand[68]. Auch in der klassischen Rhetorik gab es eine kontroverse Debatte zum Begriff der Metapher. So sei Cicero der Meinung gewesen, dass eine Metapher ein verkürzter Vergleich sei, und Aristoteles hat ebenfalls – wenn auch in anderer Form - den Vergleich höher bewertet, indem er ihn mit der Summe einer Metapher plus Vergleichspartikel gleichsetzt. Osthus hingegen sieht die Metapher als dem Vergleich überlegen an[69]. Innerhalb der Rhetorik jedoch - und hauptsächlich nur dort - hatte die Metapher eine eher zweifelhafte Stellung, weil sie kein Charakteristikum der Alltagssprache darstellte[70].

[...]


[1] Der Autor dieser Magisterarbeit hat die passive Form zu der von Osthus angewandten aktiven Form hinzugefügt, weil er der Auffassung ist, dass die Metapher zwar einerseits eine konterdeterminierende Abgrenzung erzeugt, aber andererseits ebenfalls ihrerseits selbst vom Kontext bestimmt wird.

[2] Vgl. Weinrich 1966:43-45, Weinrich 1968:102-106 und Weinrich 1976:278-288.

[3] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:87.

[4] Vgl. Bühler21965:24.

[5] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:83.

[6] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:88-89.

[7] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:55.

[8] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:99.

[9] Vgl. oben Kapitel 2.1.2 und Schwarz/ Chur 32001:97-98.

[10] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:97.

[11] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:101.

[12] Duden Nr.5 (Fremdwörterbuch) nennt als Plural von Antezedens Antezedenzien.

[13] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:102.

[14] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:104.

[15] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:90-94.

[16] Eine ähnliche Ansicht wie die klassischen Metapherntheorien vertritt auch Richter-Reichhelm 1988:18, obwohl er bereits den neueren Theorien nahe kommt mit seinem Begriff der notwendigen Metapher.

[17] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:107-108.

[18] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:60.

[19] Vgl. Wittgenstein 1960:78.

[20] Vgl. Ullmann:279-280.

[21] Vgl. Ullmann:295.

[22] Vgl. Ullmann:25.

[23] Vgl. Schwarz/Chur32001:17-18.

[24] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:29-30.

[25] Vgl. Ullmann:28.

[26] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:108-109.

[27] Vgl. Schwarz/ Chur 32001:109.

[28] Vgl. Cortelazzo 1988b:210.

[29] Vgl. Girnth 2002:10.

[30] Vgl. Girnth 2002:9.

[31] Vgl. Girnth 2002:6.

[32] Vgl. Girnth 2002:39.

[33] Vgl. Girnth 2002:40.

[34] Vgl. Girnth 2002:37.

[35] Vgl. Girnth 2002:41-42.

[36] Vgl. Girnth 2002:42-43.

[37] Vgl. oben Kapitel 2.1.5 und Girnth 2002:43-45.

[38] Girnth schreibt preskriptiv und Präskriptor, was laut Duden nicht erlaubt ist.

[39] Vgl. Girnth 2002:17-18.

[40] Vgl. Girnth 2002:19-20.

[41] Vgl. Girnth 2002:21-23.

[42] Vgl. Girnth 2002:24-26.

[43] Vgl. oben die Kapitel 2.1.5 und 2.2.4 und Girnth 2002:43-45.

[44] Vgl. Girnth 2002:26-28.

[45] =Textsorte.

[46] = Textsortenklasse

[47] Vgl. Girnth 2002:72-75.

[48] Vgl. Girnth 2002:58.

[49] Vgl. Girnth 2002:47-48.

[50] Vgl. Dieckmann 21975:47-52.

[51] Vgl. Girnth 2002:49.

[52] Vgl. Girnth 2002:59-61.

[53] Vgl. Girnth 2002:3.

[54] Vgl. Girnth 2002:5.

[55] Vgl. Girnth 2002:76.

[56] Vgl. Girnth 2002:76-77.

[57] Vgl. Girnth 2002:77-78.

[58] Vgl. Girnth 2002:78.

[59] Vgl. Schmitt 2002:153.

[60] Anmerkung des Verfassers dieser Arbeit: Heute wären es mehr als acht Jahre.

[61] Es handelt sich im besonderen um die folgenden sechs Ausgaben des Nouvel Observateur: 1)11.-17.07.02., 2)18.-24.07.02, 3) 25.-31.07.02, 4) 01.08.-07.08.02, 5) 08.08.-14.08.02 und 6) 15.08.- 21.08.02. .

[62] Vgl. Schmitt 2002:154-155.

[63] Vgl. Schmitt 2002:158.

[64] Vgl. Schmitt 2002:158-160.

[65] Vgl. Schmitt 2002:160-161.

[66] Vgl. Schmitt 2002:169.

[67] Vgl. Kapitel 2.5 und Schmitt 1994:515.

[68] Vgl. Osthus 2000:77.

[69] Vgl. Osthus 2000:79.

[70] Vgl. Osthus 2000:80.

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Zur Metaphorisierung der Sprache in aktuellen italienischen Printmedien. Das Cap Anamur-Problem in den Zeitungen "La Repubblica" und "Corriere della Sera"