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Der Machtkomplex in Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. „Törleß“ im Spiegel der (Wiener) Moderne

2. Definitionen der Macht
2.1. Foucault
2.2. Nietzsche

3. Der Machtkomplex in Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“
3.1. Basini - Das Opfer
3.2. Reiting - Der Machtbesessene
3.3. Beineberg - Der esoterische Forscher
3.4. Törleß - Der Masochist

4. Der Machtkomplex - Gruppenanalyse

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit soll sich mit dem Machtkomplex in „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ befassen, bezogen auf den Aufbau der sozialen Machtgefüge zwischen den Hauptcharakteren Törleß, Basini, Reiting und Beineberg. Macht ist ein sehr abstraktes und vielfältig zu analysierendes Konzept und so sind auch die verschiedenen Arten der Machtausübung, die im Roman zu finden sind, vielfältig.

Ich möchte mich in dieser Arbeit auf das Machtverhältnis zwischen den vier Protagonisten beschränken. Zur thematischen Einleitung werde ich den Roman vorerst in seine Epoche einordnen und Verknüpfungen der Thematik des Romans zu wichtigen Themen der Epoche aufzeigen. Im Anschluss möchte ich grundlegend zwei verschiedene Machtdefinitionen der Philosophen Nietzsche und Foucault vorstellen, damit wir einen besseren Zugang zu dem eigentlichen Konzept „Macht“ erhalten. Danach steht das Hauptthema dieser Hausarbeit, der Machtkomplex, im Fokus, in welchem ich die Charaktere darstellen werde und anschließend eine Gruppenanalyse dieser durchführen möchte, um die Machtverhältnisse zwischen ihnen aufzuzeigen. Der letzte Punkt wird dann ein abschließendes Fazit sein, dass die Frage nach dem Aufbau der Herrschaft und Unterdrückung im Roman beantworten soll.

1.1. „Törleß“ im Spiegel der (Wiener) Moderne

Der Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Robert Musil entstand um 1900, der Epoche der Moderne. Einer Zeit voller Unsicherheit, von Grenzüberschreitung und Umbrüchen. Demokratisierungsversuche werden seitens der Autoritäten unterdrückt und nicht öffentlich gemacht. Bei den Menschen besteht eine große Unsicherheit darüber, wie die Zukunft aussehen mag. Diese Epoche, auch Wiener Moderne genannt, steht für kulturelle, soziale und politische Veränderung und war besonders vom Individualismus und Sigmund Freuds Psychoanalyse geprägt, die zu dieser Zeit entstand. Die Epoche beschäftigt als zentrales Thema „Die nicht verarbeitete Erfahrung der Wirklichkeit als ein Moment in der Entwicklung des Individuums, aber ebenso eines in der Entwicklung der Gesellschaft.“1 Die Moderne war stark geprägt von einer Zunahme an

Individualitätsansprüchen und Selbstentfaltungsansprüchen2. Diese Neigung wurde auch in der Erziehung zunehmend berücksichtigt. In der Schule und unter den Schülern sind die Weltbilder „in hohem Maße ausdifferenziert“3, der Glaube an Religion geht zurück. Die Wissenschaft, die allem Sinn zu geben scheint und den Menschen eine Art Sicherheit bietet, steht im Fokus. Wie die Schüler im Konvikt des Roman strebt man nach einem Bild des „gelungenem Lebens“4. Körperlich steht innere Disziplinierung im Vordergrund, man versucht seine „innere Natur“ unter Kontrolle zu bringen und seinen Körper „dem Willen zu unterwerfen“5.

Auch Musils Protagonist Törleß versucht im Roman seine Empfindungen zu kontrollieren. Es findet in seinem Fall jedoch ein innerer Kampf zwischen Neigung und Macht der Beherrschung statt. Wie in dieser Arbeit hervorgehoben werden soll, spielt auch Macht über Andere eine Rolle. „Die Verflechtung von Machtstreben und Rationalität verwehrt dem Musilschen Helden nach einigen Blindversuchen die Liason mit der Herrschaft.“6, wie Dawidowski formuliert. Törleß zeigt trotz seiner masochistischen Neigung Moral, die es ihm unmöglich macht eine absolute Herrschaftsposition zu erreichen. Sadismus und Masochismus spielen ebenfalls eine zentrale Rolle in der Thematik des Romans.

Es wird verdeutlicht, dass die zentrale Diskussion der Komplexe des Sadismus beziehungsweise des Masochismus, die durch die verschiedenen Protagonisten Beineberg, Reiting und Törleß dargestellt werden, von der Frage nach verbindlicher Moralität und deren Verbindung zu rational organisierten Machtstrukturen zu trennen sind. Viel mehr produzieren die vorhandenen Herrschaftsgefüge eine Art repressive Sexualität.7 Das Über-Ich konvergiert mit den ethischen Normen des Staates, hierzu zählen Obrigkeitshörigkeit, Anpassung und Gehorsam.8

2. Definitionen der Macht

2.1. Foucault

Foucault nach ist Macht etwas, dass sichtbar gemacht werden soll, durch hierarchische Rituale und durch Repression.9 Dies wird besonders an seinem Werk „Überwachen und Strafen“ deutlich. Darin wird beschrieben, wie sich Einwohner einer Stadt der ernannten Autorität unterwerfen. Alles ist reglementiert. Wenn sich die Einwohner den Regeln widersetzen, werden sie bestraft.10 Die Bewohner werden öffentlich von der Autorität bedroht, alle Individuen werden stets überwacht - Foucault beschreibt, dass diese Stadt unter der Macht erstarrt ist.11

Diese Art von Macht wird in Institutionen, wie beispielsweise dem Konvikt, weitergeführt. Man nennt sie Disziplinarmacht und sie strebt danach Individuum und Masse beherrschbar zu machen.12 Foucaults These nach, ist Macht überall und allgegenwärtig. „Eine Gesellschaft ohne Machtverhältnisse kann nur eine Abstraktion sein“13, so hält es Foucault unmissverständlich fest, denn „wir sind nirgendwo frei von jeder Machtbeziehung.“14 Wichtig ist laut Foucault jedoch, dass es überall da wo Macht ist auch Widerstand geben muss, „ein mit der Macht automatisch mitgegebenes Phänomen: Keine Macht ohne Widerstand.“15 Foucault sieht die Macht nicht als etwas, das man besitzen kann, das man somit auch verlieren kann, sondern beschreibt vielmehr, dass die Macht von unzähligen Punkten ausgeht und sich im zwischenmenschlichen Bereich vollzieht.16 Gemeinsam haben Foucault und Nietzsche in ihrer Machtdarstellung, dass Macht nur existieren kann, indem sie sich auf eine entgegenwirkende Macht bezieht.

Es gibt also keinen Widerstand gegen die Macht, es gibt nur Macht und Gegenmacht.17

Foucault grenzt jedoch den Herrschaftsbegriff vom Machtbegriff ab, da die Herrschaft keine moralische Frage aufwirft, und die Macht in ihrer Offenheit und Beweglichkeit gefährden würde, denn Herrschaft muss immer auf bestimmte Individuen bezogen sein und Macht ist immer frei beweglich.18

2.2. Nietzsche

Nietzsche erklärt: „Es gibt nichts am Leben, dass Werth hat, ausser dem Grade der Macht - gesetzt eben, dass Leben selbst der Wille zur Macht ist.“19 Damit stellt er Macht auf eine andere Ebene als Foucault. Sie ist nicht institutionalisiert, bedarf nicht der öffentlichen Ausübung oder Demonstration, sie ist natürlich gegeben. Die Macht ist nach Nietzsche nicht nur in allem Lebendigen zu finden, sondern auch in allem Beherrschten, alles Seiende ist Herrschaftsgefügen unterworfen.20 Das Nicht-Wollen des Regierens und Beherrschens kennzeichnet Nietzsche als Schwäche und Blindheit21. Er stellt zudem fest, dass es keinen Willen gibt, stattdessen gibt es nur unsere Triebe und unser gedankliches System22. Somit ist auch der Trieb der Macht etwas Natürliches und keinen Trieb zu herrschen und diese Herrschaft auszuweiten zu zeigen, zeuge von einem fehlerhaftem System, es sei sogar unnatürlich. Sowohl bei Nietzsche, als auch bei Foucault kann, wie bereits erwähnt, Macht nur durch Gegenmacht bestehen, sie kann sich nur durch diesen Widerstand äußern.23 Eine singuläre Macht existiert nicht.

3. Der Machtkomplex in Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“

Zur Analyse der sozialen Macht innerhalb des Romans werde ich nun auf die einzelnen Charaktere eingehen. Dazu werde ich die Protagonisten Basini, Reiting, Beineberg und Törleß mit Augenmerk auf ihre Persönlichkeit, ihre Motivik und ihre Beziehung untereinander darstellen, um aufzuzeigen inwieweit der Einzelne zu der vorhandenen Machtstruktur durch seinen individuellen Charakter beiträgt. Abschließend werde ich dann eine Gruppenanalyse durchführen, um darzustellen wie der Machtkomplex des Romans aufgebaut ist. Daran soll als Endergebnis die zwischenmenschlich-hierarchische Struktur zwischen den Charakteren veranschaulicht werden.

3.1. Basini - Das Opfer

Über Basini wird berichtet, dass er einen schwächlichen Körperbau und ein feminines Gesicht hat, auch scheint er nicht sehr aufgeweckt zu sein, er sei von „geringem Verstand“24, zudem wird er als unsportlich dargestellt. Was ihm jedoch zu eigen ist, sind Freundlichkeit und Charme. Der Erzähler beschreibt in Bezug auf Basini: „Er vermochte keiner Eingebung Widerstand entgegenzusetzen und wurde von den Folgen stets überrascht.“25 Diese Naivität Basinis soll ihm im weiteren Verlauf zum Verhängnis werden. Niekerk erklärt: „Von der Basini angekreideten Weiblichkeit ist es nur ein kleiner Schritt bis zu seiner „moralischen Minderwertigkeit“26. Es wird deutlich, dass alle Protagonisten fehlende Männlichkeit mit Minderwertigkeit und Weiblichkeit gleichsetzen. Es finden sich mehrere Textstellen hierzu, beispielsweise die Szene in der Törleß Basinis nackten Körper betrachtet. „Basini war schön gebaut, an seinem Leibe fehlte fast jede Spur männlicher Formen, er war von einer keuschen, schlanken Magerkeit wie der eines jungen Mädchens.“27.

Nach Johann ist Basini eine Personifizierung dessen, was Jaques le Rider im Hinblick auf die 'Wiener Moderne', als „Krisen der männlichen Identität“ bezeichnet hat - der Verlust von Ordnung und Halt.28 Diese „Haltlosigkeit“ meint, dass er geschwächt ist, da er weder durch seinen Charakter, noch körperlich, noch durch Einfluss oder Finanzen Stärke bezieht. Er ist also schwach und zudem wie anfänglich beschrieben, naiv und gutmütig. Durch seinen Diebstahl und dessen Aufdeckung völlig verzweifelt, kann er sich nicht gegen die Drohungen durch Reiting wehren und ist ihm hilflos ausgeliefert, er begibt sich in die Opferrolle. „Danach bettelte er mich von neuem. Er wolle mir gehorsam sein, alles tun, was überhaupt ich wünsche […] Um diesen Preis bot er sich mir förmlich als Sklaven an, und die Mischung von List und gieriger Angst , die sich dabei in seinen

[...]


1 Arntzen, Helmut: Musil-Kommentar sämtlicher zu Lebzeiten erschienener Schriften außer dem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. München 1980, S.104.

2 vgl. Fend, Helmut: Sozialgeschichte des Aufwachsens . Bedingungen des Aufwachsens und Jugendgestalten in der Moderne, Frankfurt am Main 1988, S.69.

3 vgl. ebd. S.67.

4 vgl. ebd. S.67.

5 vgl. ebd. S.65.

6 Dawidowski, Christian: Die geschwächte Moderne. Robert Musils Frühwerk im Spiegel der Epochendebatten, Frankfurt am Main 2000, S.33.

7 vgl. ebd. S.43.

8 vgl. ebd. S.45.

9 Niekerk, Carl: Foucault, Freud, Musil: Macht und Masochismus in den „Verwirrungen des Zöglings Törleß“. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 116.4., 1997, S.26.

10 vgl. Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main 1976, S.251.

11 ebd. S.255.

12 vgl. Matzky-Eilers, Michael: Theoretische Aspekte Michel Foucault. In: Macht - Herrschaft -Gewalt. Gesellschaftswissenschaftliche Debatten am Beginn des 21. Jahrhunderts Band 1. Hrsg. von Martin Krol, Timo Luks, Michael Matzky-Eilers und Gregor Straube, Münster 2005, S.71.

13 Foucault, Michel: Das Subjekt und die Macht. In: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Band IV. Hrsg. Daniel Defert/ Francois Ewald. Berlin 2005, S.257.

14 Foucault, Michel: Sex, Macht und die Politik der Identität. In: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Band IV. Hrsg. Daniel Defert/ Francois Ewald, Berlin 2005, S.916.

15 Klaas, N. Tobias: Foucault und der Widerstand: Anmerkung zu einem Missverständnis. In: Widerstand Denken. Michel Foucault und die Grenzen der Macht. Hrsg. von Daniel Hechler/ Axel Phillips. Bielefeld 2008, S.151.

16 vgl. ebd. S. 160.

17 vgl. ebd.

18 vgl. ebd.

19 Nietzsche, Friedrich: Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwerthung aller Werthe, Erstes und Zweites Buch 1884-1888. Gesammelte Werke, 18. Band, München 1926, S.47.

20 vgl. Müller-Lauter, Wolfgang: Über Werden und Wille zur Macht. Nietzsche Interpretationen I, Berlin 1999, S.58.

21 vgl. Der Wille zur Macht, S.35.

22 vgl. ebd. S.36.

23 vgl. Über Werden und Wille zur Macht, S.59.

24 Musil, Robert: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, Stuttgart 2013, S.77.

25 ebd. S. 78

26 Niekerk, Carl: Foucault, Freud, Musil: Macht und Masochismus in den „Verwirrungen des Zöglings Törleß“. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 116.4, 1997, S.10.

27 ebd. S. 159

28 vgl. Johann, Klaus: Grenze und Halt: Der Einzelne im „Haus der Regeln“. Zur deutschsprachigen Internatsliteratur. Heidelberg 2003, S.314.

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668425002
ISBN (Buch)
9783668425019
Dateigröße
647 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356662
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,8
Schlagworte
Robert Musil Törleß Macht Zögling

Autor

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