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Das pädagogische Konzept von Anton Semjonowitsch Makarenko

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Mensch Anton Semjonowitsch Makarenko
2.1. Biografisches
2.2. Weltanschauung und Menschenbild

3. Die Gorki-Kolonie
3.1. Geschichtlicher Hintergrund
3.2. Das Pädagogische Konzept
3.2.1 Ziel
3.2.2 Kollektiv
3.2.3 Selbstverwaltung und Verantwortung
3.2.4 Perspektiven, Arbeit und Bildung
3.2.5 Traditionen, Stil und Ton
3.2.6 Disziplin, Strafe und Explosion

4. Die Heimerziehung in der DDR und Makarenkos pädagogische Methoden und Prinzipien
4.1 Die Rolle der Sowjetpädagogik in der DDR
4.2. Die Heimerziehung in der DDR
4.2.1 Hintergründe
4.2.2 Makarenkos Methoden und Prinzipien im Alltag der Heime in der DDR
4.2.2.1 Der Einzelne und das Kollektiv
4.2.2.2 Perspektiven, Bildung und Arbeit
4.2.2.3 Disziplin und Strafen

5. Fazit

Literatur

Anton Semjonowitsch Makarenko - Das pädagogische Konzept der Kollektiverziehung und sein Einfluss auf die Heimerziehung in der DDR

1. Einleitung

Anton Semjonowitsch Makarenko (1888 - 1939) gilt heute als einer der bedeutendsten sowjetischen Pädagogen und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. So nannte ihn zum Beispiel Hermann Nohl1 eine „große pädagogische Erscheinung von historischem Rang“2 und verglich sein wohl bedeutendstes Werk Ein pädagogisches Poem mit Pestalozzis Stanzer Brief. Dieser Wertschätzung für Makarenko schlossen sich sowohl in dessen Heimat, als auch international viele Wissenschaftler an. Gleichwohl gibt es auch kritische Stimmen die seine kommunistische Weltanschauung, insbesondere seine Haltung in der Ära des Stalinismus verurteilen. Dies soll jedoch hier nicht vertieft werden.

Für ein annähernd objektives Bild von Makarenko ist ein Blick in die umfangreiche Forschung über sein Leben und Schaffen, um die sich insbesondere das Marburger Makarenko-Referat seit Mitte der 1960er Jahre verdient gemacht hat, unerlässlich. Neben Hermann Nohl und Leonhard Froese haben insbesondere Götz Hillig und Siegfried C. Weitz, die maßgeblichen Initiatoren der Marburger Forschungen, aber auch Isabella Rüttenauer, Wolfgang Sünkel und Edgar Günther Schellheimer sowie weitere namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Ost und West versucht, Makarenkos Erbe zu erforschen. Die Ergebnisse zeichnen wichtige Stationen seiner Entwicklung als Mensch, als Pädagoge und als Schriftsteller nach.

Das meist rezensierte Werk Makarenkos, das bereits genannte Pädagogische Poem3, beschreibt und reflektiert sein pädagogisches Experiment in der Gorki-Kolonie, die Schaffung des „neuen Menschen auf neue Weise“4. So lautete der Auftrag des Leiters der Gouvernements-Volksbildungsabteilung an den jungen Pädagogen, der dafür die Gorki-Kolonie, eine „Arbeitskolonie für minderjährige Rechtsbrecher“5 gründen sollte. Die Schaffung des neuen Menschen auf neue Weise erforderte ein neues pädagogisches Konzept, das Makarenko in der Gorki-Kolonie entwickelte und in seinem literarischen Werk, Ein pädagogisches Poem reflektierte und öffentlich machte.

Die Persönlichkeit A.S. Makarenkos, seine Weltanschauung und sein Menschenbild sowie prägende Vorbilder und Einflüsse seiner Zeit sollen zunächst näher betrachtet werden um die Entstehung seines pädagogischen Konzeptes der Kollektiverziehung besser verorten zu können. Was war das Besondere an diesem neuen Konzept und welchen Einfluss hatte es auf die Heimerziehung in der DDR? Waren die pädagogischen Methoden und Prinzipien Makarenkos, die er in seiner Gorki-Kolonie in der Sowjetunion in den 1920er Jahren entwickelt und später vervollständigt hat einfach übertragbar auf eine andere pädagogische Situation, in einem anderen Land und zu einer anderen Zeit? Wurden sie richtig verstanden?

2. Der Mensch Anton Semjonowitsch Makarenko

2.1 Biografisches

Das Marburger Makarenko-Referat, das 1968 am Institut für Erziehungswissenschaft der Philipps-Universität Marburg, Forschungsstelle für Vergleichende Erziehungs- wissenschaft gegründet wurde, beschäftigte sich intensiv mit der historisch- biografischen Erforschung des sowjetischen Pädagogen und Schriftstellers Anton Semjonowitsch Makarenko. In den Augen des Referats war Makarenko nicht nur „ein noch nicht hinreichend erforschter `moderner Klassiker der Pädagogik` […] [und der] herausragendste[n] sowjetische[n] Pädagoge[n], sondern zugleich […] [der] bedeutendste[n] pädagogische[n] Schriftsteller russischer Sprache, der nicht nur der eigenen engeren, sondern auch der übrigen Welt einiges zu sagen habe.“6 Neben der Erarbeitung einer wissenschaftlichen Biografie hatten sich die Marburger Forscher die Edition einer kritischen Makarenko-Ausgabe zum Ziel gesetzt. Letzteres aufgrund neu entdeckter Quellen, aber auch weil die zugänglichen Materialien von den sowjetischen Herausgebern vor der Veröffentlichung teilweise verfälscht worden waren.7 Um das Referat, das seit seiner Gründung versuchte, „den ´echten` A. S. Makarenko wieder `herzustellen`“8, ist es heute, 44 Jahre nach seiner Gründung genauso still geworden wie um Makarenko selbst. Bis in die 1990er Jahre erhielt es für seine Arbeit internationale Anerkennung, zunehmend auch von sowjetischen Wissenschaftlern, die sich 1988 sogar an der Publikation Hundert Jahre Anton Makarenko von Götz Hillig (Hg.) beteiligten.

Die Eckdaten der folgenden Kurzbiografie zu Makarenko können im Wesentlichen als gesichert gelten.

Abbildung in 9 dieser Leseprobe 10 nicht enthalten

Wenige Tage nach seiner Beisetzung begann die intensive Sicherung seines literarischen und damit auch pädagogischen Erbes durch den Schriftstellerverband und Makarenkos Ehefrau, Galina Stachievna Salko Makarenko (1892 - 1962). Ihr war es ein besonderes Anliegen, die „Einzigartigkeit und Aktualität der Vorstellungen ihres verstorbenen Mannes“11 öffentlich bekannt zu machen, was letztlich auch international gelang. Als spätere Leiterin der Arbeitsstelle zur Erforschung von A. S. Makarenkos pädagogischem Erbe am Institut für Theorie und Geschichte der Pädagogik (Akademie der pädagogischen Wissenschaften der RSFSR12 ) war sie jedoch im Wesentlichen mit verantwortlich für die Manipulationen an Makarenkos Texten, die schließlich sein Erziehungskonzept als die sowjetische Pädagogik propagierten und eine objektive Erforschung und Interpretation dieser Quellen teilweise auch heute noch erschweren.

2.2 Weltanschauung und Menschenbild

Die unterschiedliche Interpretation der literarischen Quellen als Forschungsgegenstand erschwert eine eindeutige weltanschauliche Zuordnung Makarenkos, während sein Bild vom Menschen hingegen klarer definiert werden kann.

Vor und nach der Februarrevolution von 1905 scheint Makarenko politisch eher desinteressiert. Er ist aber Zeit seines Lebens offen für gesellschaftliche Veränderungen die er stets aus pädagogischer Sicht reflektiert. Mit dem Sturz des Zaren 1917 sieht er in erster Linie die Chance für demokratische Veränderungen und ungeahnte Möglichkeiten für seine Pädagogik. Der Entwicklung in der Sowjetrepublik begegnet er dennoch zunächst skeptisch und bezeichnet sich zeitlebens als parteilosen Bolschewiken. Zeugnis davon gibt ein ungewöhnliches Dokument, eine Anlage zu einem Studienantrag an das Zentralinstitut für die Organisatoren der Volksbildung im Jahre 1922 wie folgt:

Zu meiner politischen Überzeugung - ich bin parteilos. Ich halte den Sozialismus in seinen allerschönsten Formen menschlichen Zusammenlebens für möglich, aber ich meine: Solange die Soziologie nicht durch ein festes Fundament einer wissenschaft- lichen Psychologie, insbesondere einer Kollektivpsychologie, untermauert ist, ist die wissenschaftliche Ausarbeitung sozialistischer Formen unmöglich, ohne eine wissenschaftliche Fundierung jedoch ist ein vollkommener Sozialismus unmöglich.13

Erst ab Mitte der 1920er Jahre beginnt Makarenko sich mit Lenins Werken zu beschäftigen, wieder vorrangig aus Interesse an dessen pädagogischem Gehalt. Seine spätere Frau Galina, die bereits seit 1918 Mitglied der kommunistischen Partei ist, dürfte dann entscheidend dazu beigetragen haben, dass sich Makarenko nun auch kommunistischen Ideen öffnete.14 Niederschlag fand dies sowohl in seiner pädagogischen als auch literarischen Tätigkeit. Die Schaffung des neuen Menschen für die große Gemeinschaft sah er nun als seinen Beitrag zum Aufbau und zur Stärkung des neuen Sowjetlandes.

Die bereits erwähnten Verfälschungen seiner Biografie und pädagogischen Konzeption, aber auch Makarenkos Haltung in der Zeit des Stalinismus haben ihm trotz weltweiter Anerkennung auch den Ruf eines treuen Anhängers des stalinistischen Regimes eingebracht. Ob seine bestätigten, Stalin zustimmende Bekenntnisse in der Zeit dieses Terrors auf Überzeugung beruhten, ist nicht nachgewiesen. Die internationale Makarenko-Forschung sieht in ihnen mehrheitlich die Angst vor eigener Bedrohung und Repressalien durch das Regime.

Makarenkos Menschenbild ist unbestritten ein humanistisches. Es wurde in starkem Maße geprägt von seinem großen, nicht nur literarischen Vorbild Maxim Gorki, dem Namenspatron seiner Arbeitskolonie. In Gorkis Werken fand er Antworten auf all die von der Revolution unbeantwortet gebliebenen pädagogischen Fragen. Gorkis „Fähigkeit, in jedem Menschen, selbst in furchtbaren Lebenskatastrophen, selbst im tiefsten Morast der unter dem Joch des Kapitalismus lebenden Welt - die herrlichen Züge des Menschen, jene geistigen Kräfte zu sehen, die ein besseres Los, eine bessere Gesellschaftsordnung verdienen“,15 spiegelte sich in starkem Maße auch in Makarenkos Einstellung zu seinen Zöglingen wider. Im Pädagogischen Poem ist der Porträtist stets „bemüht, einen lebendigen, echten, menschlichen Zug [bei seinen Protagonisten] aufzuspüren und zu zeigen, selbst wenn der unter allem möglichen seelischen und körperlichen Schmutz verborgen ist.“16 In einem Brief an Gorki im November 1928, nach seinem Weggang aus der Gorki-Kolonie schreibt er treffend: „Ohne Orientierung an dem besonderen Wert des Menschen kann es keine Erziehung geben.“17 Mit Gorki verband Makarenko und seine Zöglinge in der Gorki-Kolonie bis zu dessen Tod eine langjährige Brieffreundschaft. Gorki ist auch das Erscheinen des Pädagogischen Poems zu verdanken. Er hat Makarenko motiviert, seine wertvollen pädagogischen Erfahrungen niederzuschreiben und letztendlich mit dafür gesorgt, dass sie veröffentlicht wurden.

3. Die Gorki-Kolonie

3.1 Geschichtlicher Hintergrund

Die Entstehung der Gorki-Kolonie ist eng verbunden mit der Jugendverwahrlosung und Resozialisierung minderjähriger Rechtsbrecher in der jungen Sowjetrepublik nach der Oktoberrevolution 1917. In diesen ersten Jahren glaubte man die geerbten vorrevolutionären Probleme leicht mit „utopischen Resozialisierungskonzepten“18 des

[...]


1 Hermann Nohl (1879 - 1960) bedeutender deutscher Erziehungswissenschaftler

2 Kemnitz, Heidemarie: Anton Makarenko. In: Tenorth, Heinz-Elmar (Hg.): Klassiker der Pädagogik 2. München (Beck) 2012, S. 164

3 In der DDR auch unter dem Titel „Der Weg ins Leben“ publiziert

4 Makarenko, A.S.: Der Weg ins Leben. Ein pädagogisches Poem. Berlin (Aufbau) 1952, S. 10

5 Lüpke, Friedemann: Pädagogische Provinzen für verwahrloste Kinder und Jugendliche. Böhm, Winfried u.a. (Hg.) Würzburg (Ergon) 2004, S. 144

6 Froese, Leonhard: Zum Geleit: Der historische Makarenko. In: Hillig, Götz (Hg.):Hundert Jahre Anton Makarenko. Neue Studien zur Biographie. Bremen (Edition Temmen) 1988, S. 9; Auslassungen und Einfügungen: P.M.

7 Dunstan, John: Beitrag eines Beobachters zum Silbernen Jubiläum. In: 1968 -1993 Philipps-Universität Marburg Forschungsstelle für Vergleichende Erziehungswissenschaft MAKARENKO-REFERAT 25 Jahre. Marburg, MakarenkoReferat. 1993, S. 19

8 Hillig, Götz: Anton S. Makarenko. Ein Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik? Lüneburg (edition erlebnispädagogik) 1995, S. 5

9 Julianischer Kalender

10 In sowjetischen Veröffentlichungen als Einzelkind dargestellt, passte insbesondere Bruder Vitalij, der sich 1919 den konterrevolutionären Truppen der Weißgardisten anschloss, nicht ins Bild eines zum Vorbild stilisierten bolschewistischen Pädagogen. Bolschewiki = „Sowjetmacht“

11 Hillig, Götz: Die Ruhe vor dem Sturm. Innen und außenpolitische Voraussetzungen der Kanonisierung A.S.Makarenkos. In: Sieg, Martin und Heiner Timmermann (Hg.): Internationale Dilemmata und europäische Visionen. Festschrift zum 80. Geburtstag von Helmut Wagner. Berlin (Lit) 2009, S. 213

12 RSFSR - Russische Sozialistische Förderative Sowjetrepublik

13 Bybljuk, Marian: Die Anschauungen A.S. Makarenkos am Schnittpunkt zweier Epochen. In: Weitz, Siegfried C. und A.A. Frolov (Hg.): Makarenko Studien international. Makarenko in Ost und West II. Marburg (td publications) 1993 S. 190

14 Hillig, Götz: Der schwierige Weg zum Kommunismus. Makarenkos Entwicklung zu einem „parteilosen Bolschewiken“. In: Hillig, Götz (Hg.):Hundert Jahre Anton Makarenko. Neue Studien zur Biographie. Bremen (Edition Temmen) 1988, S. 208ff

15 Makarenko, Anton: Lieber, Teurer, Unvergeßlicher! In: Weitz, Siegfried C. und Ekkehard Sauermann (Hg Makarenko und Gor´kij. Zeugnisse einer schöpferischen Freundschaft. Fronhausen (td publications) 1991, S. 183

16 Balabanowitsch, Anton Semjonowitsch: Anton Semjonowitsch Makarenko. Ein Abriß seines Lebens und Schaffens. Berlin (Neues Leben) 1953, S. 200; Einfügung: P.M.

17 Makarenko an Gorki. Brief vom 28.11.1928. In: Zeugnisse einer schöpferischen Freundschaft. Fronhausen (td publications) 1991, S. 108

18 Weitz, Siegfried C.: Jugendverwahrlosung in der Sowjetunion. Ein historischer Überblick. In: Weitz, S.E. und A.A. Frolov (Hg.): Studien International. Makarenko in Ost und West II. Marburg (td publications) 1993, S. 260

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668428911
ISBN (Buch)
9783668428928
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356638
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Note
1,0
Schlagworte
konzept anton semjonowitsch makarenko

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