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Bewusstseinsbildende Jugendarbeit. Wie kann Soziale Arbeit dissozialen Jugendlichen Desorientierung und Unsicherheiten nehmen?

Diplomarbeit 2010 91 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Warum eine Handlungstheorie?
2.1. Klärung der Begrifflichkeiten
2.1.1. Definition Jugendlicher - Eingrenzung
2.1.2. Definition Jugendarbeit
2.1.3. Definition Bewusstsein - Bewusstseinsbildung
2.1.4. Definition Handlungstheorie
2.2. Status Quo
2.3. Derzeitige Rolle der SA im Jugendbereich

3. Theoretische Begründung18
3.1. Humanismus
3.1.1. Radikaler Humanismus
3.1.2. Empowerment
3.2. Psychotherapie
3.2.1. Personen-zentrierter Ansatz
3.2.2. Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung
3.2.3. Bindungstheorie
3.3. Methoden
3.3.1. Konfrontative Soziale Arbeit
3.3.2. Akzeptierende Soziale Arbeit

4. Ebenen der Theorie 35
4.1. Mikroebene: Autonomie der Jugendlichen
4.1.1. Identitätsfindung
4.1.2. Das “Ego”
4.1.3. Jugendlichen Bewusstheit lehren
4.2. Mesoebene: Familie und Gemeinschaft
4.2.1. Ansprüche an die Jugendlichen und die Moral
4.2.2. Systeme, in denen Jugendliche sich bewegen
4.2.3. Ego in Familien
4.3. Makroebene: Gesellschaft und Umwelt
4.3.1. Menschenrechte
4.3.2. Sozialer Wandel
4.3.3. Das kollektive Ego

5. Bewusstseinsbildende Jugendarbeit 51
5.1. Humanismus als Wertebasis
5.1.1. Wertesystem
5.1.2. Liebe
5.1.3. „Äußere Welt“
5.1.4. „Innere Welt“
5.2. Psychotherapeutische Einflüsse
5.2.1. Arbeit mit „Herz“ und „Kopf“
5.2.2. Bindungen erkennen und Störungen vermeiden
5.2.3. Zeitfaktor
5.3. Interventionsmethoden
5.3.1. Erikson’s Stufenmodell
5.3.2. Akzeptierende Arbeit
5.3.3. Konfrontative Arbeit
5.3.4. Abbau egomotivierter Verhaltensweisen
5.4. Umsetzung der Ebenen
5.4.1. Jugendlicher autonom
5.4.2. Jugendlicher in der Gemeinschaft
5.4.3. Jugendlicher in der Welt
5.5. Elternarbeit
5.5.1. Bedeutung der Eltern
5.5.2. Bewusstseinsarbeit
5.6. Zusammenfassung

6. Bedeutung für die Soziale Arbeit 75
6.1. Funktion der SozialarbeiterInnen
6.1.1. Anforderungen an SozialarbeiterInnen/ Skills
6.1.2. Verantwortlichkeit
6.1.3. Bewusstsein schulen
6.2. Ausblick/ Zukunftsvisionen

7. Schlusswort

8. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wertesystem nach Baur

Vorwort

In Anbetracht des langen Weges, den die vorliegende Diplomarbeit mit mir gehen musste, halte ich es für notwendig dieses Vorwort zu nutzen, um mich bei bestimmten Menschen für ihre Unterstützung und ihren Beistand zu bedanken.

Zu allererst möchte ich mich bei den MitarbeiterInnen und vor allem den Jugendlichen des Jugendhauses „Trafo“ für die intensive Zeit der Praktika bedanken. Ihr habt es erst ermöglicht, dass diese Arbeit entstehen konnte.

Vom ersten Gedanken bis hin zur fertigen Diplomarbeit war es ein langer und harter Weg. Die Person, die mir von Anfang an Beistand, ist Kevin Brown BA (Hons.), MA, CQSW, PTA. Es war eine intensive, verwirrende und anregende Zeit, die wohl uns beiden lange in Erinnerung bleiben wird. Vielen Dank für deine Ausdauer und deine Unterstützung!

Weiters gilt mein Dank meinen Arbeitskollegen Mag. (FH) Fabian Ridl und Mag. (FH) Jakob Wohlfarter, die mir in schwierigen vernebelten Zeiten halfen, meinen inneren Nebel zu lichten und mir mit ihrer konstruktiven Kritik einen nicht unerheblichen Teil Klarheit verschafften. Ohne eure Offenheit und Ehrlichkeit wäre meine Diplomarbeit nicht das was sie jetzt ist. Danke!

Als große moralische und emotionale Stützen möchte ich an dieser Stelle Patrick Ranigler, Mag.a (FH) Christina Ladurner Rennau und meine Mutter nennen. Ich liebe euch!

Nicht zu vergessen sind alle anderen Menschen, die mich auf diesem Weg bewusst oder unbewusst beeinflusst und unterstützt haben, auch wenn ich sie nicht alle namentlich nennen kann.

Traditionell widme ich meine Arbeiten einer bestimmten Person, so auch dieses Mal: Ich widme meiner Schwester diese Arbeit, in der Hoffnung ihr ein Licht zu sein.

Für Nicola, meine Muse und mein Gänseblümchen!

1. Einleitung

„Be the change You want to see In the world.“

- Mahatma Ghandi -

In dieser Arbeit geht es um auffällige Jugendliche, wie sie oftmals in den Medien und der Politik besprochen werden. Es soll eine Antwort darauf gefunden werden, warum Jugendliche scheinbar vermehrt auffällig oder delinquent 1 sind und wie von Seiten der Sozialen Arbeit sinnvoll damit umgegangen werden kann.

Ein Erlebnis während meines Berufspraktikums hat mich sehr geprägt und war ausschlaggebend für Verfassung dieser Abschlussarbeit:

Ich arbeitete in einem Jugendhaus in Deutschland, welches offene und gemeinwesenorientierte Jugendarbeit anbietet. Es wirkte auf mich lange Zeit, als hätten Jugendliche generell wenig Interesse am öffentlichen und eigenen Leben. Als hätten sie keine Verpflichtungen, wollten keine Verantwortung und nur das tun, was ihnen kurzzeitig Spaß brachte. Auf den ersten Blick sah es auch so aus, als hätten vor allem die Jungen keine Lust zu arbeiten und auch kein Interesse daran über ihre Zukunft nachzudenken. Sie lebten alle in den Tag hinein und kümmerten sich recht wenig um die in den Augen der Erwachsenen „wichtigen Dinge“. Noch dazu waren sie alle im einen oder anderen Bereich auffällig. Aggressivität, Provokation, Delinquenz oder Drogenkonsum waren die häufigsten Ausprägungen in ihrem Verhalten. Die so genannte „Null - Bock“ - Einstellung war den Jugendlichen anzusehen. Bis dato überlegte ich, wie den Jugendlichen aktive Teilhabe am Leben vermittelt werden könne. Es folgte ein Erlebnis, was mich radikal umdenken ließ. Eines Nachmittages kam ein junger Mann, der noch nie zuvor da war, ins Jugendhaus. Er trainierte im nächsten Raum mit einem anderen Jungen Kampf- und Abwehrtechniken. Der junge Mann war vom äußeren Erscheinungsbild nicht von den anderen zu unterscheiden. Der Unterschied wurde im Gespräch offensichtlich, welches ich mit ihm dann später vor dem Jugendhaus führte. Er konnte sich gut ausdrücken und machte den Anschein, als hätte er ein gutes Selbstvertrauen und wisse genau, wer er ist und was er kann. Nach wenigen Minuten kam der erste Jugendliche heraus und stellte sich mit ein wenig Abstand zu uns, dann zwei weitere. Mir kam das Verhalten der Jugendlichen befremdlich vor, da die Jugendlichen sonst nie zu einem Gespräch dazu stießen. Erst später wurde mir bewusst, dass sie kamen, weil sie dem jungen Mann zuhören wollten und seine Nähe suchten. Die Art, die der junge Mann ausstrahlte war wie ein Magnet für die Jüngeren. Es war, als ob sie sich an ihm orientierten, um damit zu ihrer eigenen Identität zu finden. Deshalb drängte sich mir der Gedanke auf, dass die Jugendlichen von heute nicht an der „Null - Bock“ - Einstellung, sondern an Orientierungslosigkeit und Unsicherheit sowie an Zukunftsangst leiden. Auch hier in Österreich habe ich diese Dynamik erlebt. Ein ähnliches Beispiel fand im Rahmen des Schulsozialarbeitsprojektes des Studiums Soziale Arbeit am Management Center Innsbruck (MCI) statt. Dort orientierte sich eine Schülerin in den Beratungsstunden an der Studentin, um durch ihre Rückmeldung selbst zu wachsen.

Wie kann Soziale Arbeit den so genannten dissozialen Jugendlichen also diese Desorientierung und die Unsicherheiten nehmen? Wie können diese Jugendlichen gestärkt werden?

Dies ist die Schlüsselfrage, auf die hier, in Sinne einer Handlungstheorie, eine Antwort gefunden werden soll. Jugendliche selbst sind in der Lage Lösungen aufzuzeigen. Sie dann ernst zu nehmen und zu ermutigen gehört primär zu den Aufgaben der Eltern oder in weiterer Folge des HelferInnennetzwerkes. Empowerment im Sinne von Befähigung ist dabei eine wichtige Methode. Entscheidungsfreiheit, Selbstvertrauen und Respekt sind Kernwerte, die in der Arbeit mit den Jugendlichen eine wichtige Rolle spielen.

Diese Handlungstheorie hat den Namen „Bewusstseinsbildende Jugendarbeit“, da die Hauptpunkte sind, sich über sich selbst bewusst zu werden. Zu wissen, wer man ist, was man kann und demnach sein Leben zu gestalten bedeutet, sich intensiv über die eigene Identität Gedanken zu machen.

Die Theorie der Bewusstseinbildenden Jugendarbeit soll präventiven Charakter haben, also nicht erst dann Anwendung finden, wenn eine Intervention unabwendbar scheint, sondern das mögliche Problem vorwegnehmen und es angehen, bevor nur noch darauf reagiert werden kann. Nur zu reagieren nimmt wichtigen Spielraum, denn es muss schnell eine Lösung gefunden werden, die Besserung verspricht, wobei nicht immer ausreichend darauf geachtet wird, dass dies auch eine langfristig gute Lösung ist, wie ich durch mein Praktikum in einer niederschwelligen Tiroler Einrichtung erfahren habe, in der oftmals kurzfristige Besserung vor langfristige Sinnhaftigkeit gestellt wurde. Außerdem sollen die Jugendlichen lernen, dass die Soziale Arbeit nicht etwas für sie übernimmt, was in ihrer Eigenverantwortung liegt. Sie sollen gestärkt werden, ihr Leben aktiv anzugehen und die Verantwortung nicht an das HelferInnensystem abzugeben. Präventives Arbeiten bietet dabei ein breites Repertoire an Möglichkeiten der Intervention.

Ein weiterer Punkt beinhaltet die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, genauer gesagt mit den Strategien, Mechanismen und Bindungen, die in der Kernfamilie erlernt wurden und die heute maßgeblich die Jugendlichen beeinflussen und lenken. Sich diese Mechanismen bewusst zu machen und direkt darauf einzuwirken soll den Jugendlichen helfen, ihre Identität zu finden und sich loszulösen von den möglicherweise erschwerenden Einwirkungen der erlernten und vorherrschenden Strategien und Bindungen.

Diese Arbeit hat viele psychotherapeutische Einflüsse. Psychotherapie und Soziale Arbeit beschäftigen sich beide mit dem Menschen. Wie in der Therapie sind auch für die Soziale Arbeit die inneren Vorgänge des Menschen relevant, um mit diesem arbeiten zu können. Daher gibt es einige Überschneidungen, wie zum Beispiel mit der Bindungstheorie, welche in ihren Ansätzen für die Bewusstseinsbildende Jugendarbeit verwendet wird. Tiefgehende Arbeit in diesem Bereich kann nicht von SozialarbeiterInnen geleistet werden. Dafür sind nach wie vor TherapeutInnen notwendig.

Ein angrenzender Bereich, oder eine zweite Säule, der BewusstseinsbildendenJugendarbeit ist die Arbeit mit den Eltern. Bei Eltern soll das Bewusstsein geschaffen werden, dass sie die Verantwortung, die eine Elternschaft mit sich bringt, ernst nehmen und auch sie sich der Dynamiken in der Familie bewusst werden. Die Arbeit mit den Eltern geht über die Arbeit mit Jugendlichen im Alter von 16 bis 19 Jahren hinaus, wird in dieser Diplomarbeit deshalb nur kurz angerissen.

Die Arbeit ist in 5 Teile unterteilt. Im ersten Teil wird die Notwendigkeit eines neuen Handlungsansatzes vorgestellt.

Der zweite Teil gibt Einblick in die für die Bewusstseinsbildende Jugendarbeit verwendeten Theorien und Ansätze. Diese Theorien sind dreigeteilt: Humanismus als Ausgangspunkt der Betrachtungsweise der Theorie der Bewusstseinsbildenden

Jugendarbeit; Psychotherapie als überschneidender Bereich zur Sozialen Arbeit und als drittes die Vorstellung der praxisrelevanten Methoden.

Im dritten Teil wird die Theorie der Bewusstseinbildenden Jugendarbeit in drei Ebenen unterteilt. Diese Unterteilung verdeutlicht den holistischen Ansatz in der Arbeit mit den Jugendlichen. Diese Ebenen sind: Autonomie der Jugendlichen, Familie und Gemeinschaft und Gesellschaft und Umwelt.

Die konkrete Vorstellung der Bewusstseinbildenden Jugendarbeit folgt im vierten Teil der Diplomarbeit. Beginnend bei den Werten und den Einflüssen der theoretischen Grundlagen über zu den Interventionsmethoden und den konkreten Umsetzung der Theorie. Der Elternarbeit kommt, als angeschnittenes Thema, in diesem Kapitel ebenfalls Bedeutung zu.

Zuletzt wird im fünften Teil die Bedeutung und Umsetzbarkeit in der Sozialen Arbeit angeführt. Auch gibt es einen Ausblick, wo und wie die Theorie der Bewusstseinsbildenden Jugendarbeit eingeführt werden könnte. Des weiteren werden ganz kurz zwei Einrichtungen vorgestellt, die bereits im Sinne bzw. in ähnlicher Weise der Bewusstseinsbildenden Jugendarbeit (wie sie hier vorgestellt wird) arbeiten.

Diese Arbeit hat das Ziel, dass auch in Zukunft das Thema der Bewusstseinsbildung bei Jugendlichen professionelle Beachtung findet. Es gibt in dieser Diplomarbeit keinen empirischen Teil, da der Fokus auf der Vermittlung der theoretischen Gedanken liegt. Das kommt daher, dass die Theorie bestimmte Grundannahmen beinhaltet, die im Vorfeld geklärt werden müssen. Sind die Grundannahmen geklärt, macht es Sinn die Theorie empirisch zu prüfen. Die Empirie in diesem Bereich der Sozialen Arbeit kann folgen, wenngleich sie in dieser Diplomarbeit keinen Platz finden wird.

Aufgrund der fehlenden Überprüfbarkeit erhebt diese Arbeit keinen Anspruch auf allgemeine wissenschaftliche Gültigkeit. Es ist vielmehr ein Anfangspunkt in der Befassung mit der Bewusstseinsbildung bei Jugendlichen, der in weiterer Folge weiter ausgebaut werden müsste.

Aus Gründen der Einfachheit wird in Folge entweder von „den Jugendlichen“ oder „dem Jugendliche“ gesprochen, d.h. entweder im Plural oder in der männlichen Form Singular. Es sind jedenfalls beide Geschlechter angesprochen und es ist kein Geschlecht diskriminiert oder benachteiligt.

2. Warum eine Handlungstheorie?

2.1. Klärung der Begrifflichkeiten

2.1.1. Definition Jugendlicher - Eingrenzung

Zunächst wird erklärt warum die Theorie der Bewusstseinsbildenden Jugendarbeit für Jugendliche konzipiert ist und nicht zum Beispiel für Kinder oder Erwachsene.

Kinder sind vom Aspekt der Denkoperationen nicht geeignet, da ihre kognitiven Fähigkeiten für diese Art des Denkens und Handelns noch nicht ausreichend entwickelt sind,

„…denn wir nehmen an, dass das Individuum erst in der Adoleszenz in seinemphysiologischen Wachstum, in der geistigen Reifung und in der sozialenVerantwortung die Vorbedingungen entwickelt, um die Krise der Identität zuerleben und zu durchlaufen.“(Erikson 1974, 91)

Auch Erwachsene eignen sich nicht für die Durchführung der Theorie, da die Entwicklung der Persönlichkeit und die Rolle der Identitätsfindung nicht mehr im Vordergrund steht. Möglicherweise haben sie durch ihre Entwicklung im Erwachsenenalter Strategien entwickelt, sich im Leben zurechtzufinden ohne eine in sich geschlossene und stimmige Identität ausgebildet zu haben. Nach Erikson ist ab dem jungen Erwachsenenalter, sprich ab 24 Jahren die Phase der Identitätsfindung abgeschlossen und sie geht über in die nächsten Phasen, wie Intimität (Phase VI, frühes Erwachsenenalter), also die Ausbildung einer erfüllenden, dauerhaften Liebesbeziehung, Generativität (Phase VII, Erwachsenenalter), die Fähigkeit zur Fürsorge, wie Erziehung, Unterrichten und soziales Engagement und Integrität (Phase VIII, Alter), also eine Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Tod. Wird diese Phase erfolgreich gemeistert, so „erlangt der Mensch das, was Erikson Weisheit nennt.“ (http://de.wikipedie.org/wiki/StufenmodellderpsychosozialenEntwicklung am 27.08.2009) Somit ist die Identität bzw. die Identitätsfindung nicht mehr von derartigem Gewicht, wie es in der Pubertät der Fall ist.

Jugendliche befinden sich in der Zeit der Pubertät zum einen in einer dominierenden Phase der Identitätsfindung und Persönlichkeitsbildung. Das bedeutet, dass sie diesbezüglich empfänglich für etwaige Impulse sind. In dieser Phase verbinden sich die anerzogenen Werte mit den neu gefundenen. Es ist auch die Phase, in der die Jugendlichen beginnen über ihre Erziehung nachzudenken und möglicherweise herausfinden, dass nicht zwangsläufig alles von den Eltern Mitgegebene gut sein muss.

Zum anderen setzt die Anwendung der Theorie voraus, dass die KlientInnen schon ein bestimmtes Maß an Bewusstsein ausgebildet haben müssen. Für die Arbeit mit den Jugendlichen ist es wichtig, dass sie rein kognitiv die Fähigkeit zur Reflexion und Selbstkritik besitzen. Nach Jean Piaget befinden sich Kinder ab 11 Jahren im Stadiumder formalen Denkoperationen.

„Ab diesem Zeitraum der formalen Denkoperationen können Jugendliche die Fähigkeit erwerben, ihr Denken selbst zum Gegenstand ihrerÜberlegungen zu machen. Das Denken wird flexibler und abstrakter.“(Amann/ Wipplinger 2001, 105)

Zur heutigen Zeit ist der Begriff Jugend schon so geläufig, obwohl er erst

„…in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts aufgetreten (ist) und (…) zunächst negativ besetzt(war). Die Jugendhilfe bezeichnete damit männliche Jugendliche aus der Arbeiterklasse, die zwischen 13 und 18 Jahren alt waren und Tendenzen zur Verwahrlosung und zur Kriminalität zeigten.“(http://www.buchklub.at/magazine/doppelklick/doppelklick10/jugend.htmam 07.05.2009)

Davor gab es weder den Begriff der Kindheit noch den der Jugend. Noch im 17. Jahrhundert war die Sicht auf Jugendliche, wie die Sicht auf kleine Erwachsene,

„…die genauso in den Arbeitsprozess eingebunden waren wie ihre Eltern. Erstdurch die Modernisierung und die dadurch verbundene längere Schul- undBerufsausbildung ist Jugend entstanden.“(ebenda)

Während des Nationalsozialismus wurde der Jugendbegriff dann erstmals positiv verwendet und die „Jugend als Hoffnungsträger für die Zukunft“ propagiert. Erst in den 60er Jahren, „(…) als sich Erziehungs- und Bildungsziele der Eltern wandelten und eine eigene Konsum- und Unterhaltungsindustrie für Jugendliche entstand(,)“(ebenda) entwickelte sich der Jugendbegriff zu einer relativ eigenen Lebensphase.

Es lässt sich also sehen, dass die Jugendkultur einem Wandel unterworfen war und auch heute noch unterworfen ist. Der historische Aspekt darf nicht vergessen werden, da die Jugend nur durch die Geschichte dort hingekommen ist, wo sie heute steht und auch frühere Methoden, wie mit Kindern und Jugendlichen umzugehen sei, heute noch die Erziehung maßgeblich mitbestimmen, wie zum Beispiel die Anwendung körperlicher Gewalt als vermeintlich adäquates Mittel zur Erziehung.

In dieser Arbeit gilt die Definition der UN-Generalversammlung, die 1985, anlässlich des Jahres der Jugend, „die Jugend als Zeitspanne von 15-24 Jahren definiert. Dazwischen wird aufgrund der unterschiedlichen Probleme noch einmal zwischen den Teenagern (13-19) und den jungen Erwachsenen (20-24) unterschieden.“(http://www.buchklub.at/magazine/doppelklick/doppelklick10/jugend.htmam

07.05.2009)

So umschließt jugendlich zu sein in dieser Definition eine Alterspanne von 9 Jahren. Jedes Alter hat seine Eigenheiten und besonderen Problemlagen, denn die Adoleszenz beschreibt die Übergangszeit zwischen der Kindheit und dem Erwachsensein. Diese Zeit ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl von Umbrüchen und Veränderungen. Hierunter fallen körperliche (Hormonumstellung, Wachstum), soziale (Schule- Ausbildung), psychische/ kognitive (Identitätsbildung) und emotionale (Abnabelung vom Elternhaus, erste Liebe) Veränderungen. Aber auch geistige Veränderungen finden in dieser Phase statt. Die Welt wird meist anders als bisher wahrgenommen und auch das Bild von sich selbst in der Welt ändert sich.

Da dieser Abschnitt des Lebens so viele Umbrüche beinhaltet und es nur schwer möglich ist adäquat darauf zu reagieren, ist das Konzept der Bewusstseinsbildenden Jugendarbeit auf Jugendliche zwischen 16 und 19 Jahren eingegrenzt. Auch hier gibt es noch einen Unterschied von vier Jahren, welcher nach wie vor von bestimmten Problemen und Ereignissen geprägt sind. Solche Ereignisse sind u.a. die Arbeits- oder Ausbildungssuche, intime Beziehungen und der Autoführerschein. Das alles sind Symbole eines sich realisierenden Verlangens auf ein eigenständiges, unabhängiges Leben abseits vom Elternhaus. Bei der Eingrenzung auf eine Altersspanne zwischen 16 und 19 Jahren setze ich, neben den prägenden Ereignissen und Problemlagen in diesem Alter, auch einige Lebenserfahrung und die Fähigkeiten zu abstrakten Denkprozessen voraus, um mit den Jugendlichen reflexiv über sich und ihre Umwelt nachzudenken.

Eine wesentlich schwierigere Überlegung, nachdem das Alter bestimmt ist, ist die Eingrenzung, an welchen Typus von Jugendlichen sich die Theorie richtet. Nicht alle Jugendlichen bedürfen einer Bewusstseinsbildung und nicht alle Jugendlichen brauchen in ihrem Leben intervenierende Unterstützung.

Die Theorie der Bewusstseinsbildenden Jugendarbeit richtet sich daher an Jugendliche im Alter zwischen 16 und 19 Jahren,

- die innerlich zerrissen, orientierungslos und/oder unsicher sind o die Probleme haben sich in der Gesellschaft zurechtzufinden o die ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden haben

- deren eigene Ressourcen nicht ausreichend sind und Unterstützung bei den oben genannten Punkten benötigen

Was zur Festigung und Orientierung der Jugendlichen und ihrer Identitätsbildung beiträgt ist die Erdung durch die Kernfamilie. Erikson beispielsweise spricht von der Ausbildung des Urvertrauens in den ersten Lebensjahren. Kann die Kernfamilie, aus welchen Gründen auch immer, den Jugendlichen nicht ausreichend erden, sprich ihn verwurzeln, so fehlen ihm die Grundlagen, die er für die Ausprägung seines Selbstvertrauens und für die Ausbildung seiner Identität braucht.

Die Aussage der Erziehungsberaterin Sarah Renold schließt sich in dieser Hinsicht Eriksons Ansicht an und sagt:

„Kinder müssen als Fundament für eine gesunde Entwicklung ein Urvertrauen, also Wurzeln, entwickeln. Auf diese Weise gelangen sie zu einem gesunden Selbstvertrauen.“(http://www.familienleben.ch/erziehung/selbstvertrauen am

03.10.2009)

Im Laufe der Zeit prägen sich bei Jugendlichen je nach Erfahrung und Erziehung Verhaltensmuster oder Auffälligkeiten ein, die nach außen sichtbar werden. Nun klingt das bisher aber recht wage und wenig greifbar.

Deshalb werden hier nun Indikatoren aufgestellt, anhand derer erkannt werden kann, ob der Jugendliche eine solche Problematik in sich trägt oder nicht. Diese Aufzählung ist ohne Gewähr und sie wird in der Praxis jedes Mal aufs Neue überprüft werden müssen, dennoch stellt die Aufzählung eine Orientierungshilfe dar. Generell ist zu sagen, dass sich dieser innere Konflikt und diese Orientierungslosigkeit in (mehrfach- )auffälligem und so genanntem „dissozialen“2 Verhalten äußert. Konkret könnte dies sein:

- delinquentes Verhalten (Verletzung rechtlicher Normen)
- aggressives Verhalten
- Konsum von Sucht- und Rauschmitteln o depressive Verstimmungen
- eine gespielte Gleichgültigkeit 3 o Grenzüberschreitung

Diese Aufzählung lässt sich bis zu unbestimmtem Maße differenzieren und verfeinern. Jeder einzelne Punkt lässt Spielraum für weitere unzählige Unterpunkte. Deshalb ist anzumerken, dass die nach außen sichtbare „Ausübung“ des inneren Ungleichgewichts nicht eine derartige Relevanz besitzt. Es geht vielmehr darum, bestimmte Verhaltensweisen als äußerliche Manifestation der inneren emotionalen und psychischen Vorgänge anzusehen und als solche zu erkennen.

2.1.2. Definition Jugendarbeit

Jugendarbeit hat immer einen pädagogischen Anteil.

„Das sozialpädagogische Handlungsfeld der Kinder- und Jugendarbeit ist einvielfältig strukturiertes, von freien undöffentlichen Trägern verantwortetes,pädagogisches Handlungsfeld.“(Cloos 2007, 11)

Es umfasst Jugendfreizeiteinrichtungen, Jugendsozialarbeit, Jugendhilfe, Jugendverbandsarbeit und politische, kulturelle und sportliche Jugendbildungsarbeit. Für diese Theorie relevant sind Einrichtungen der Jugendhilfe und der Jugendsozialarbeit.

2.1.3. Definition Bewusstsein - Bewusstseinsbildung

Die Erforschung des Begriffs Bewusstsein geht weit zurück. Der deutsche Philosoph Christian Wolff beschreibt Anfang des 18. Jahrhundert das Bewusstsein als lateinisch conscientia, übersetzt mit Gewissen. Descartes führte den Dualismus des sinnlich- zusammengesetzt. Dissoziales Verhalten verletzt die sozialen Regeln und Prinzipien der Gesellschaft. Der Jugendliche passt nicht in ein bestehendes Gesellschaftssystem, bzw. hat

Probleme sich in ein solches einzufügen. (http://de.wikipedia.org/wiki/Dissozial am 26.09.2009) äusseren Bereichs (Physik, Biologie) und der geistigen inneren Sphäre (Moral, Ethik, Religion) in die Diskussion um das Bewusstsein ein.

(http://www.bewusstsein.ws/wissen/ursprung.htm am 03.10.2009) Wo anfänglich Philosophen sich um das Bewusstsein Gedanken machten,

„(…) begannen auch Psychologen und die Vertreter der empirischen Naturwissenschaften nach dem Wesen des Bewusstseins in der Materie zu forschen. (http://www.bewusstsein.ws/wissen/ursprung.htmam 03.10.2009)

Der von Descartes angesprochene Dualismus von „Innen“ und „Außen“ gilt heute als überwunden, da ein Zusammenhang zwischen Körper und Geist angenommen wird.

„Geistes- und Bewusstseinszustände hängen demnach von chemischen und biologischen Prozessen im Körper ab. So suchen Hirnforscher, Neurobiologen und selbst Quantenphysiker nach den Ursachen und den Bedingungen des

Bewusstseins.“(http://www.bewusstsein.ws/wissen/materie-geist.htmam

03.10.2009)

Trotz Messung von Hirnströmen und Feststellung von elektrochemischen und biologischen Vorgängen im Körper bleibt die Frage

„(…) wie aus körperlichen Vorgängen ein zusammenhängendes, individuellesganzes Bewusstsein entstehen kann.“(ebenda)

Eine weitere Definition beschreibt das Bewusstsein als

„Das Wissen um das eigene Sein.“

(http://www.bewusstsein.ws/wissen/definition.htm#12am 03.10.2009)

Carl Rogers schreibt im Zuge seines Personen-zentrierten Ansatzes vom den Auswirkungen des Selbst - Bewusstsein des Menschen.

„Mit gesteigerter Selbst-Bewusstheit ist es möglich, eine aufgeklärtere Wahl zu treffen, eine Wahl freier von Introjekten4, eine bewusste Wahl, die mit dem Evolutionsstrom in noch besserem Einklang steht.(…) Je größer die Bewusstheit eines Menschen, desto gewisser wird er sich in einer Richtung bewegen, die mit der des zielgerichteten Evolutionsstromes in Einklang steht“(Rogers 1987, 78)

Rogers spricht damit die größere Ordnung aller Organismen im Universum an, die allesamt nach Entwicklung und Evolution streben. Dabei sind Menschen wie Tieren und auch Pflanzen gleichermaßen gemeint. Wobei für die Diplomarbeit der Fokus auf dem Menschen an sich und dem Menschen in der Welt liegt.

Zusammenfassend sind für die Definition des Bewusstseins das Wechselspiel von inneren Vorgängen und deren äußere Manifestation ausschlaggebend. Bewusstheit besteht durch das Erkennen der inneren Vorgänge, welches es ermöglicht, wie Rogers sagt, „eine aufgeklärtere Wahl zu treffen“.

2.1.4. Definition Handlungstheorie

Payne (2005) beschreibt eine Theorie folgendermaßen:

„A theory is an organised statement of ideas about the world.”(Payne 2005, 5)

Hier liegt eine Handlungstheorie der Sozialen Arbeit vor. Eine Handlungstheorie impliziert, im Gegensatz zu (Meta-) Theorien, schon etwaige konkretisierte Umsetzungsmöglichkeiten.

Payne beschreibt die Notwendigkeit bestimmter Eigenschaften, die eine Theorie besitzen muss, um in der Praxis angewendet werden zu können (Payne 2005, 5):

- Models (what happens during practice in an general way then extract certain principles and patterns of activity)
- Perspectives (values or views of the world)
- Explanatory theory (why an action results in or causes particular consequences, identify circumstances)

Ein Modell, die dazugehörige Perspektive und die erklärenden theoretischen Hindergründe sind essentiell für die Anwendung in der Praxis, da durch fehlerhafte oder ungenaue Ausarbeitung die Theorie nicht oder nur unzureichend in die Praxis umgesetzt werden kann (Payne 2005, 6).

Zusätzlich gibt es Unterscheidungen in den Arten von Theorien. Es gibt Theorien was Soziale Arbeit ist, wie Soziale Arbeit getan werden soll und Theorien über die Welt der KlientInnen (ebenda).

Die theoretische Herangehensweise in dieser Arbeit wird Eklektizismus genannt. Eklektizismus ist die Möglichkeit aus bestehenden abgeschlossenen Theorien Teile herauszugreifen und diese neu zusammenzusetzen. Wichtig dabei ist, die Grundgedanken und Werte der Basistheorien nicht aus dem Auge zu lassen, um die verwendeten Teile in der eklektisierten Form nicht zu entstellen (Payne 2005, 31).

2.2. Status Quo

Folgender Artikel stammt aus einer deutschen Zeitung, der auf seine ganz eigene Art und Weise mit dem Thema der „aggressiven“ und „faulen“ Jugendlichen umgeht:

"Liebe Jugendliche,

reißt euch endlich zusammen. Eine Woche hätten wir gerne unsere Ruhe. Doch Ihr drängelt rücksichtslos in die Schlagzeilen. Ihr spielt den ganzen Tag Killerspiele, werdet aggressiv und verhaut Rentner - oder fallt ins Koma. Ihr seid zu fett, werdet deshalb wahrscheinlich aggressiv und würdet noch mehr Rentner verhauen, wenn sie nicht zu schnell für Euch wären. Außerdem liegt ihr nur faul herum, könnt laut Pisa schlechter rechnen als finnische Säuglinge, dafür mit lauter Handy-Musik nerven und Rentner verhauen. Wenn ihr so weitermacht, kommt ihr ins Camp. Und dann haben wir später keine Rente und Ihr niemanden zum Verhauen. Mco".(Aus„Rheinpfalz am Sonntag“ vom 03.02.2008)

Dieser Artikel, ob nun satirisch gemeint oder nicht, versucht auf die verschiedenen Schlagzeilen über Jugendliche einzugehen. Oft habe ich Erwachsene fragen hören, wo das mit den Jugendlichen noch hinführen soll und was getan werden kann. Ratlosigkeit macht sich breit. Das im Artikel wahrscheinlich gemeinte Bootcamp ist in Folge dessen eine mögliche Intervention, um die Jugendlichen wieder passend zu machen, doch „Kinder und Jugendliche sind keine‚Materialien’, die nach Plan und Bedarf ‚bearbeitet’werden könnten. Die moralische Qualität eines Erwachsenen ist nicht das Resultat fortgesetzter Einwirkungen der Erziehung, die auf technischer Weise gar nicht nachthaltig sein kann.“(Horster/Oelkers 2005, 8)

Das dissoziale, delinquente und auffällige Verhalten von Jugendlichen bemerkte ich ganz stark während meiner Praktika in einer Einrichtung der offenen und gemeinwesenorientierten Jugendarbeit in Deutschland (vgl. Kapitel 1). Mich beschäftigte die Frage warum die Jugendlichen (überwiegend Burschen) glauben sich in dieser Art verhalten zu müssen und ob sie deshalb schlechte Menschen seien. Durch Beobachtungen und Gespräche mit den Jugendlichen zeigte sich mir, dass ich sie nicht als s chlecht abstempeln konnte, denn eine Klassifizierung in Gut oder Böse war im Umgang mit ihnen nicht hilfreich. Sie wirkten auf mich eher wie verwirrte und desorientierte junge Männer, die sich metaphorisch gesprochen im Meer der Welt nicht auskennen und wild um sich schlagen müssen, um sich aufgrund des starken Windes der Einflüsse über Wasser zu halten. Die Frage ist nun, warum Jugendliche in der heutigen Zeit so sehr schwimmen, warum sie so desorientiert sind.

„Die heutige Erfahrungswelt von Kindern und Erwachsenen ist historisch völlig neu. Das gilt nicht nur für die trivialen Beispiele der Medien oder der ‚Scheidungskinder’, vielmehr ist das Ensemble der Lebenswelt‚Erziehung’neu, also das Zusammenspiel aller Faktoren, die die Praxis von Familien, Schulen und außerschulische Erfahrungsräumen bestimmen(…).“(Ziehe in Horster/Oelkers 2005, 11)

Meiner Ansicht nach fehlt es den Jugendlichen heute an Selbstvertrauen und Sicherheit, da sie so vielen Einflüssen ausgesetzt sind und sie oftmals mit ihren Erfahrungen und Empfindungen sich selbst überlassen sind.

König schreibt dazu:

„Wir (die Jugendlichen) sind das Produkt unserer Zeit. Wir sind eine Protestgeneration, wir verweigern nicht mehr den Konsum, wir verweigern eure Werte. Wir sind die passive Konterrevolution. Wir sind manisch und depressiv, wir glauben, das uns die Welt gehört, und uns bedrückt der Gedanke, daßwir in einigen Jahren die Verantwortung für dieses ungeheuer komplexe System Menschheitübernehmen müssen. (…) Irgend jemand von uns mußdas mal machen, diese Aufgabenübernehmen, so wie das jetzt irgend jemand von euch macht. Wir haben es einfach wie kaum jemand und werden davonüberfordert.“(König 1993, 1)

Es verändert sich im jugendlichen Alter (die Eingrenzung liegt bei Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren) so viel, die Technik schreitet voran, die Nachrichten bringen neue (schockierende) Meldungen etc., sodass sie umso mehr jemanden brauchen, der ihnen die Dinge erklärt, ihnen zur Seite steht, Sicherheit und vor allem Zeit gibt.

Entwicklungspsychologisch sind die ersten Bezugspersonen, sprich Eltern, jene Personen, an denen Kinder und Jugendliche sich zu allererst orientieren. Die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten haben somit eine tragende Rolle und können die Entwicklung des Sprösslings maßgeblich beeinflussen. Diese Beeinflussung kann in jegliche Richtung gehen, je nachdem, ob es sich um überforderte Eltern handelt, um Eltern, die selbst noch Kinder sind oder um Eltern, die ihren Kindern eine gesunde Entwicklung ermöglichen. Der Entwicklungsstand der Eltern bestimmt die Entwicklung des Kindes, denn die Eltern geben ihr Gelerntes an ihre Kinder weiter. Nehmen die Eltern nun ihre Elternrolle nicht verantwortungsbewusst wahr, so kann das weit reichende Folgen für die Entwicklung der Jugendlichen und ihr späteres Leben haben. Im dritten und fünften Kapitel gibt es nähere Ausführungen zur Wichtigkeit und Rolle (bewusster) Eltern.

2.3. Derzeitige Rolle der SA im Jugendbereich

Im Internet bin ich auf eine Aussage gestoßen, in der „[e]in Jugendarbeitsprofi (…) die theoretische Orientierung der heutigen Zeit nicht besonders optimistisch als«Zeit des individuellen Durchwurstelns [beschreibt].“(http://www.jugendarbeit.ch/download/jarueberblick.pdfam

13.03.2009)

Wenn sich die Jugendarbeit also in einer Zeit des „individuellen Durchwurstelns“ befindet, so spricht das gegen alles, was in der Ausbildung des Diplomstudienganges Soziale Arbeit vermittelt wurde. Unter Durchwursteln verstehe ich eine Arbeit ohne System, ohne Plan und vor allem aber ohne Ziel. Wie soll sinnvolle und langfristig zielorientierte Arbeit stattfinden? Und wie sollen dabei Jugendliche begleitet und unterstützt werden? Noch dazu kommt, dass pädagogische Theorien

„[…] fast immer zustimmend gelesen (werden), ohne härteren argumentativenTests ausgesetzt zu werden.“(Horster/Oelkers 2005, 8)

Das stützt sich auf den vorherrschenden Glauben, dass „(…) pädagogische Konzepte auf alle Zeiten immer undüberall anwendbarseien.“(ebenda)

Diese Theorie erhebt nicht Anspruch auf universelle und überdauernde Gültigkeit. Im Gegenteil. Die Bewusstseinsbildende Jugendarbeit kann eine Theorie sein, die für die jetzige Zeit und den mitteleuropäischen Raum passt. Irgendwann wird sie nicht mehr passen, denn irgendwann werden sich die hier angesprochenen Jugendlichen verändert haben und eine andere Art der Hilfe wird notwendig werden.

Auch Erziehung ist nicht auf alle Zeit die Selbe. Früher wurden Kinder am Gängelband gehalten und fest verschnürt über den Ofen gehängt, um sie ruhig zu stellen. Solche Erziehungsmaßnahmen klingen heutzutage absurd und lächerlich, dennoch kommen viele pädagogische Konzepte von eben solchen vergangenen Zeiten. Sind alte Konzepte oder „individuelles Durchwursteln“ nun eine probate Methode für die heutige Arbeit mit Jugendlichen und jugendlichen Problemlagen?

Auch der Staat hat die Jugendproblematik aufgegriffen und auf seine Weise darauf reagiert. Im deutschen Fernsehen gibt es Sendungen wie „die Supernanny“, „Bootcamps“ für delinquente Jugendliche und „Die harte Schule der 50er Jahre“, in denen Jugendlichen das Wissen, die Disziplin und die Strenge der 50er Jahre eingebläut wird, in der Hoffnung den rebellischen Jugendlichen Einhalt zu gebieten. Doch auch im internationalen Vergleich scheint die strenge und harte Hand der Disziplin zu herrschen. In Russland, England und Frankreich gelten für junge Straftäter harte Regeln. Rückfällige Jugendliche werden in Frankreich nach dem Erwachsenenrecht verurteilt, die Strafmündigkeit beginnt mit 10 Jahren. In England stehen ebenfalls 10-jährige vor Gericht, wobei die Ursachenbekämpfung bei all der Strenge in den Hintergrund tritt. Russland als heftigstes Beispiel schickt jugendliche Ladendiebe in die Strafkolonie, in der die Erziehung der Jugendlichen dem Zufall überlassen wird.

„Die primären Ziele des Jugendstrafrechts sind(...) Bestrafung und

Abschreckung.“(http://www.dvjj.de/veranstaltung.php.php?artikel=129am

13.10.2009)

Diese Herangehensweise ist fragwürdig, da so die Jugendlichen ab einem frühern Alter kriminalisiert werden und ihnen den Handlungsspielraum genommen wird, Lernerfahrungen zu machen. Ein Moratorium, die Aufschubperiode in der Pubertät vor dem Erwachsenwerden, wie es laut Erikson einem jeden Jugendlichen zuerkannt wird, gibt es nicht mehr.

Wie soll sich dabei die Jugendarbeit weiterentwickeln?Einrichtungen der offenen Jugendarbeit und andere Institutionen, die mit Jugendlichen arbeiten, beobachten diese Tendenzen und sind oft ohnmächtig. Es scheint schier unmöglich, dem in angemessenem Maße entgegenzutreten. Woran liegt das? Ist es der fehlende rote Faden in der Arbeit? Sind es die mangelnden Ressourcen? Welches Statement sollte stark genug sein, um in der Öffentlichkeit einen Gegenpol zu der bereits vorhandenen Strenge und Kontrolle entwickeln zu können?

Im Folgenden wird eine Alternative dargestellt, wie Jugendarbeit auch funktionieren kann. Ich stelle eine Handlungstheorie vor, die sehr stark auf die Entscheidungsfreiheit des einzelnen Jugendlichen baut. Auf das innere Bedürfnis das Leben nach eigener Vorstellung zu gestalten und somit einen Platz in der Welt zu finden. Einen Platz, der nicht unbedingt mit der Norm oder dem Gewollten der Mehrheit /Gesellschaft konform gehen muss. Bei den Jugendlichen soll damit das Bewusstsein geschärft werden, dass sie sich frei entscheiden können und die Verantwortung für die Gestaltung ihres Lebens übernehmen müssen.

Methodisch sollen Bereiche erschlossen werden, die bisher in der Jugendarbeit nur gelegentlich Anwendung fanden. Die akzeptierende Pädagogik wird meist in der Arbeit mit Jugendlichen in rechten Jugendcliquen angewandt (Hammerbacher, 2007). Eine weitere Methode ist die konfrontative Arbeit, dies geschieht meist mit straffälligen Erwachsenen und Jugendlichen (Weidner, 2006), selten jedoch in der offenen Jugendarbeit. Sowohl der akzeptierende, als auch der konfrontative Ansatz mit ihrer konkreten Anwendung in der Bewusstseinsbildenden Jugendarbeit werden in den Kapiteln 3.3 und 5.3 beschrieben.

3. Theoretische Begründung

Die Theorie der Bewusstseinsbildenden Jugendarbeit ist aus verschiedenen großen Theorien zusammengesetzt, die jeweils unterschiedliche Einflüsse in ihrer Ausprägung und Relevanz zeigen. In diesem Kapitel werden die jeweiligen Theorien vorgestellt, die im Sinne des Eklektizismus Einfluss auf die Theorie der Bewusstseinsbildenden Jugendarbeit haben.

Die Grundprinzipien stützen sich auf den Humanismus. Abgeleitet davon haben die Psychotherapie und verschiedene Methoden der Sozialen Arbeit eine gewichtige Rolle.

3.1. Humanismus

Malcolm Payne, Direktor der Psychosocial and Spiritual Care in Großbritannien beschreibt Humanismus wie folgt:

„Humanism believes in the capacity of conscious human beings to reason, make choices and act freely, uninfluenced by gods and religion.”(Payne 2005, 182)

Humanistische Ideen und Grundsätze sind in Sozialarbeitstheorien oft zu finden, da die Autonomie des einzelnen Menschen in Bezug auf Entscheidungsfindung und Lebensgestaltung sowohl in der Theorie als auch in der Praxis der Sozialen Arbeit hohen Stellenwert besitzt.

Ein Humanist wird poetisch folgendermaßen definiert:

„Humanist ist,

wem der Mensch verschieden ist und darin gleich und solidarisch in der Pflicht.

Darum ist ein Mensch als eines Menschen Feind kein Humanist.

Daraus folgt: ich kann Feinde haben, aber ich darf ihnen nicht Feind sein.

Der Mensch kann nur siegen durch Menschlichkeit.“(http://www.humanistische.de/am 15.10.2009)

Eine weitere Definition des Humanismus stammt vom deutschen Philosophen, Michael

Schmidt-Salomon. Er stellt die so genannte Humanistische Basis-Setzung (HBS) dar: „Alle Menschen(…) sind gleichberechtigt und frei in ihrem Streben, ihre individuellen Vorstellungen vom guten Leben im Diesseits zu verwirklichen, sofern dadurch nicht die gleichberechtigten Interessen anderer in Mitleidenschaft gezogen werden, und es ist die unaufkündbare Aufgabe eines jeden Menschen mit allen zur Verfügung stehenden Kräften dazu beizutragen, dass möglichst wenigen (im Idealfall: niemandem) die Inanspruchnahme dieses

fundamentalen Rechts versagt bleibt.“(http://www.schmidt-

salomon.de/erk4.htm am 20.09.2009)

Menschlichkeit, Entscheidungs- und Willensfreiheit, Gleichberechtigung und die Würde des Menschen sind demnach Werte des Humanismus.

3.1.1. Radikaler Humanismus

Michael Schmidt-Salomon erklärt weiter, aus dem Recht auf freie Lebensgestaltung im Diesseits (wie immer diese aussehen mag) entspringt ebenso die Pflicht eine Einschränkung anderer nicht nur zu unterlassen, sondern im Falle aktiv dagegen anzugehen. Dieser Ansatz wird radikaler Humanismus genannt.

„Der radikale Humanismus der Neomoderne verpflichtet den Menschen dazu, nicht nur Rücksicht auf die gleichberechtigten Ansprüche anderer zu nehmen, sondern auch nach Kräften verändernd tätig zu werden, wenn erkennbar ist, daßdie Rechtsansprüche anderer ungerechtfertigt durch direkte, strukturelle oder kulturelle Gewalt bedroht werden.“(http://www.schmidt-

salomon.de/erk4.htm am 20.09.2009) „Nach Kräften verändernd tätig zu werden“ bedeutet alle Verhältnisse anzuprangern, in denen Einzelnen das Recht auf freie Entscheidung und freie Lebensgestaltung verwehrt wird.

„Nicht nur dieökonomischen Verhältnisse werden angegriffen, sondern auch die Geschlechterverhältnisse, die Beziehungsverhältnisse von Eltern und Kindern, LehrerInnen/SchülerInnen usw. Mit anderen Worten: Die hier verhandelte Maxime bezieht sich auf alle Ebenen des menschlichen Lebens, auf das Gebiet des Mikro-, Meso- und Makrokosmos, das heißt: auf die Ebene des Individuums, die Ebene der face-to-face-Beziehungen, sowie auf die Ebene der sozialen Strukturen/Institutionen, dieüber face-to-face-Kontakte hinausgehen.“(ebenda)

Ist der Humanismus vorrangig mit dem Mensch als Individuum beschäftigt, so tritt im radikalen Humanismus die strukturelle Komponente in den Vordergrund. Gilt im radikalen Humanismus die Maxime Spaß zu haben, solange es niemand Anderen beeinträchtigt (Schmidt-Salomon; Zitat oben), so wird dadurch die Mesoebene, also die Gemeinschaft, einbezogen. Dies beinhaltet Rücksichtnahme und Respekt gegenüber Menschen im Umfeld.

Jugendliche befinden sich auf der Mesoebene sehr stark in diesem Spannungsfeld, denn sie wollen Spaß haben, sollen aber niemanden damit beeinträchtigen. Wann genau ein anderer Mensch beeinträchtigt wird, ist unklar. Es gilt einzuschreiten, wenn

„(…) die Rechtsansprüche anderer ungerechtfertigt durch direkte, strukturelle

oder kulturelle Gewalt bedroht werden.“(http://www.schmidt-

salomon.de/erk4.htm am 20.09.2009)

Diese Aussage kann nun von zwei Seiten betrachtet werden. Sind Jugendliche diejenigen, die die Rechtsansprüche anderer bedrohen? Oder sind es vielleicht die Jugendlichen selbst, die unter direkter, struktureller oder kultureller Gewalt leiden?

Der radikale Humanismus impliziert ein Moralverständnis, welches, abhängig von der jeweiligen Gesellschaft, bestimmte Verhaltenskodizes vorgibt.

Auch Mullaly beschäftigt sich mit dem radikalen Humanismus. Er geht davon aus, dass

Changing people by personal consciousness-raising on a massive scale is aprerequisite for changing society.”(Mullaly 2007, 289)

3.1.2. Empowerment

Bevor sich eine Gesellschaft sichtbar wandelt, muss ein persönlicher Wandel stattgefunden haben. Dieser Wandel muss freiwillig, das heißt ohne Zwang geschehen, da er sonst wenig effektiv ist. Eine Methode, um diese Freiwilligkeit zu beschleunigen ist das Empowerment. Die Grundannahme zum Empowerment ist, dass jeder Mensch ein Maß an Macht besitzt (Mullaly 2007). KlientInnen soll vom passiven zum aktiven Verständnis ihres Lebens verholfen werden.

„I define empowerment as a process that enables the transition from a state ofpassivity to one of activity and control over one’s life. (...) By becoming active,they attempt to take, or take back, control over themselves and theirenvironments:”(Rondeau in Mullaly 2007, 299)

Empowerment im Sinne von Ermutigung und Befähigung ist gerade im radikalen Humanismus ein wichtiger Bestandteil.

[...]


1 Delinquenz gilt als „abweichendes Verhalten von der gesetzlichen Norm“ (Kluge & Von Randow 1979, S. 5) und daher „von allgemeinen gesellschaftlichen Normen“ (Psychoblogger 2006, S. 1) (…). (http://www.stangl.eu/psychologie/definition/Delinquenz.shtml am 03.10.2009)

2 Definition „dissozial“: aus dem lateinischen Präfix dis-, „entzwei“, „auseinander“, „weg-“, „zer-“, und dem deutschen Wort Sozial von lat. socius, „gemeinsam“, „verbunden“, „verbündet“,

3 Ich schreibe hier von „gespielter Gleichgültigkeit“, da Jugendliche oft nur vorgeben sich für nichts zu interessieren. Verweisen möchte ich hier auf meine Erfahrungen während meines Langzeitpraktikums in einer Einrichtung der offenen Jugendarbeit in Deutschland (S. 2f). Bei genauerer Betrachtung konnte bei jedem Jugendlichen festgestellt werden, dass es Dinge gab, die sie beschäftigten und über die sie sich Gedanken machten, wenngleich es nach Außen nicht so wirkte.

4 Introjekt: Ein Introjekt ist ein Wert oder eine Norm, die durch Sozialisation vom Menschen übernommen wird. Es ist „das, was beim Introjizieren entsteht; das unverdaute Nahrungsmittel, das schwer im Magen liegt; der unverstandene Lehrsatz, der sinnlos‚nachgebetet’wird; die aufgezwungene Regel, die zwanghaft befolgt wird.“ (http://www.gestalttherapie- lexikon.de/introjekt.htm am 25.10.2009)

Details

Seiten
91
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668424135
ISBN (Buch)
9783668424142
Dateigröße
684 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356626
Institution / Hochschule
Management Center Innsbruck Internationale Fachhochschulgesellschaft mbH
Note
3,0
Schlagworte
Soziale Arbeit Sozialpädagogik Jugendarbeit Theorie Bewusstsein

Autor

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Titel: Bewusstseinsbildende Jugendarbeit. Wie kann Soziale Arbeit dissozialen Jugendlichen Desorientierung und Unsicherheiten nehmen?