Lade Inhalt...

Die Charismatisierung Goebbels‘ als Motiv für seine Bindung an Hitler

von Julia Sonne

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 20 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Tagebücher als Quelle für den Untersuchungsgegenstand

3. Arbeitsdefinitionen „Charisma“ und „Charismatisierung“

4. Die Charismatisierung Goebbels‘ durch Hitler
4.1 Die biographischen Voraussetzungen
4.2 Hitler als Projektionsfläche für Goebbels‘ Vorstellung vom Führer aus der Krise
4.3 Der Stellenwert der Interaktionen mit Hitler
4.4 Die Bewährung Hitlers in Goebbels‘ Krise

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die historische Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland beinhaltet die Frage danach, wie die NSDAP Adolf Hitler erfolgreich als sogenannten Führer etablieren und so den Weg zu dessen Diktatur bereiten konnte. Der dauerhafte Erfolg Adolf Hitlers war dabei eng verknüpft mit der massenhaften Bindung des Volks an seinen Führer. Dr. Joseph Goebbels, der seit seiner Ernennung zum Reichspropagandaleiter im April 1930 Kopf des Propaganda-Apparats der NSDAP war, war in diesem Zusammenhang von herausragender Bedeutung. Durch ihn wurde die Idee vom Führer ausdifferenziert und verbreitet.[1] Als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und Leiter der Reichskulturkammer von 1933 bis 1945 nutzte er zu diesem Zweck seine Kontrolle über die Medien aus und richtete das Kulturleben nationalsozialistisch aus. Mit seiner fragwürdigen Kriegspropaganda sowie antisemitischen Kampagnen trug Goebbels außerdem maßgeblich zum Erfolg der Verbrechen des NS-Regimes bei.

Goebbels‘ Wirken war auch deshalb möglich, weil die Inhalte seiner Propaganda mit seiner eigenen Ideologie übereinstimmten.[2] Betrachtet man allerdings die frühe Biographie Goebbels‘, so scheinen sein Eintritt in die NSDAP und die besondere Fixierung auf Hitler unabsehbar. Bis zu seiner Hinwendung zum Nationalsozialismus im Alter von 27 Jahren, hatte sich Goebbels nahezu gar nicht für Politik interessiert, den Ersten Weltkrieg etwa verfolgte er nur ganz am Rande. Er selbst sah sich als Künstler, Konzeptionen bezüglich Verfassung, Staatslehre oder politischer Philosophie besaß er nicht. Zudem fand er in der Arbeit für Gregor Strasser zu Anfang seiner politischen Karriere seine Tendenz zum linken Sozialismus, der einen scharfen Gegensatz zu Hitlers Kurs bildete, bestätigt. Aus der Folgenschwere seiner Entscheidung trotzdem ganz im Dienste Hitlers zu arbeiten ergibt sich daher die Notwendigkeit andere Ursachen für seine Entscheidung zu finden und zu erforschen. Inwiefern das Verhältnis, das Goebbels zu Hitler entwickelte, Folge einer Charismatisierung durch Hitler gewesen sein könnte, ist Ziel dieser Arbeit.

Von 1924 bis 1941 schrieb Goebbels regelmäßig Tagebuch, ab Juli 1941 schrieb Goebbels die Einträge nicht mehr selbst, sondern diktierte sie. Die unkommentierte Transkription der handgeschriebenen Tagebücher, die 1987 im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und in Verbindung mit dem Bundesarchiv von Elke Fröhlich herausgegeben worden ist, soll zur Beantwortung der Fragestellung herangezogen werden. Als regelmäßig verfasstes Selbstzeugnis über einen langen Zeitraum hinweg dokumentieren sie unter anderem Goebbels‘ Bild von Adolf Hitler und ihrer Beziehung. Der Untersuchungszeitraum endet mit Goebbels‘ Eintragung zum Waffenstillstand von Compiègne am 22. Juni 1940. Wie in der kritischen Betrachtung der Quelle noch zu zeigen sein wird, veränderte sich im Laufe der Zeit Goebbels‘ Intention beim Tagebuchschreiben. Schrieb er vor der Ernennung zum Gauleiter von Berlin noch in Unkenntnis seines einstigen Erfolges, tritt danach der Wunsch für ein Publikum, die Nachwelt, zu schreiben immer mehr in den Vordergrund. Da das intime Schreiberlebnis beim Diktat gänzlich verlorengeht, kam die Hinzuziehung dieses Zeitraums für die Untersuchung gar nicht in Frage. Neben der veränderten Intention des Autors bedingt die Entwicklung Goebbels‘ die konkret getroffene Eingrenzung des Untersuchungszeitraums. Obwohl Hitler von nun an den Zenit seines Erfolges überschritt und sich die militärischen Rückschläge häuften, blieb die Art der Gebundenheit Goebbels‘ an Hitler konstant. Diese Kontinuität setzte sich fort bis zum 1. Mai 1945, als Goebbels in letzter Konsequenz seiner Gebundenheit Hitler in den Selbstmord folgte.

Die Arbeit beginnt mit einer kritischen Betrachtung der Tagebücher, um deren Wert für die Beantwortung der Fragestellung zu erschließen. Der inhaltliche Zugang wurde vor allem durch die Hinzuziehung der von Goebbels verfassten Erinnerungsblätter, die den Zeitraum von 1897 bis 1923 umfassen, erleichtert. Außerdem hat die Biographie Longerichs, die gezielt auf eine Dämonisierung Goebbels‘ verzichte, entscheidend zum Verständnis der Tagebuchtexte beigetragen. Den Befund von Goebbels‘ narzisstischer Persönlichkeitsstörung, den bereits Bärsch in der neueren Literatur aufzeigt, deutet er überzeugend aus. Entsprechend soll er mit in die Analyse des Zustandekommens und der Aufrechterhaltung der Bindung von Goebbels an Hitler einfließen.

Die Frage nach einer Charismatisierung Goebbels‘ durch Hitler setzt die Präzisierung der Begriffe „Charisma“ und Charismatisierung“ voraus. Sie schließt sich daher an die Quellenkritik an und bildet die Grundlage für die weitere Bearbeitung der Fragestellung. Zur Beantwortung der Fragestellung werden die Tagebucheintragungen im Anschluss daraufhin untersucht werden, inwiefern sie einer Charismatisierung Goebbels‘ im Sinne der Arbeitsdefinition entsprechen. Diese Vorgehensweise bedingt zum besseren Verständnis des Lesers auch die Aufnahme von Zitaten aus dem Tagebuch in die Analyse. Lässt das Format dieser Arbeit dies nicht zu, so wird auf die entsprechenden Eintragungen verwiesen werden. Ob und in welchem Ausmaß die Bindung Goebbels‘ an Hitler Konsequenz seiner Charismatisierung durch diesen war wird sich somit anhand seiner Tagebucheintragungen beantworten lassen.

2. Die Tagebücher als Quelle für den Untersuchungsgegenstand

Im Zeitraum von 1924 bis 1941 verfasste Goebbels seine Tagebücher handschriftlich. Mehr als ein Drittel davon war im Rahmen der verwendeten Edition zugänglich oder bis zu diesem Zeitpunkt entdeckt. Dies entsprach 4494 Seiten. Daraus ergeben sich in der Überlieferung Lücken. Für die Bearbeitung der Fragestellung war dies von Belang, weil diese Lücken auch das erste persönliche Aufeinandertreffen von Goebbels‘ und Hitlers betreffen. Die 1987 im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und in Verbindung mit dem Bundesarchiv von Elke Fröhlich herausgegebene Edition enthält in vier Bänden lediglich die unkommentierte Transkription der Aufzeichnungen Goebbels. Dies ermöglicht einerseits den unvoreingenommenen Blick auf die Quelle, macht die Hinzuziehung weiterer Literatur gleichzeitig aber noch unerlässlicher.[3]

Die Tagebücher, die Goebbels vor seiner Ernennung zum Gauleiter Ende 1926 schrieb, verfasste er noch in Unkenntnis seiner künftigen Karriere.[4] Sie dienten ihm noch als „sorgsamer Beichtvater“[5] denen er „Alles!“[6] anzuvertrauen gedachte. Mit dem Fortschreiten seiner Karriere änderte sich auch der Zweck seines Tagebuchschreibens zunehmend. Es diente ihm jetzt auch als Möglichkeit, seine Erfolge für die Nachwelt festzuhalten. Nun lag ihm auch noch mehr daran in ihnen ein Selbstbild zu entwerfen, das einer idealisierten Vorstellung seiner selbst über sich genügte.[7] Seine Intention, die Tagebücher auch der Nachwelt zugänglich zu machen, zeigte sich vor allem auch in den diversen Sicherungsmaßnahmen, die er für deren Erhalt traf. Er selbst veröffentlichte bereits zu Lebzeiten sein Tagebuch „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“ im Jahre 1934.

Zwecks der Stilisierung seiner eigenen Person überzeichnete er Phasen der Depression oder des Glücks ins Übertriebene. Ihr Wahrheitsgehalt muss in Anbetracht dieser Befunde relativiert werden. Selten, und in Bezug auf die Fragestellung gar nicht, haben sich Behauptungen aus den Tagebüchern historisch als falsch erwiesen.[8]

Entsprechend sind die Tagebücher als historische Quelle von unschätzbarem Wert. Als Selbstzeugnisse, die in einer jahrelangen Regelmäßigkeit verfasst worden sind, ermöglichen sie Untersuchungen zu längeren Zeiträumen der NS-Geschichte. Für den Gegenstand dieser Arbeit gilt dies für den Zeitraum bis zum Waffenstillstand von Compiègne, wie in der Einleitung bereits erklärt wurde. Goebbels besondere Fixierung auf Hitler in seinen Eintragungen ermöglicht überhaupt es überhaupt erst die Fragestellung zu bearbeiten. Das Problem seiner sich verändernden Intention beim Schreiben ist für den gewählten Zeitpunkt nur von untergeordneter Bedeutung. Zwar finden sich anfänglich deutlich mehr reflexive Phasen über seine Rolle und die, die Hitler in seinem Leben spielen sollte. Trotzdem konnten auch für die späteren Jahre des gewählten Zeitraums ausreichend Passagen gefunden werden, die Rückschlüsse auf die Motive seiner Bindung an Hitler zulassen.

3. Arbeitsdefinitionen „Charisma“ und „Charismatisierung“

Charisma wird in dieser Arbeit im Weber’schen Sinn verstanden, also

als außeralltäglich (ursprünglich, sowohl bei Propheten wie bei therapeutischen wie bei Rechts-Weisen wie bei Jagdführern wie bei Kriegshelden: als magisch bedingt) geltende Qualität einer Persönlichkeit […], um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften begabt oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als „Führer“ gewertet wird.[9]

Die Entscheidung, sich in dieser Arbeit an Webers Charisma-Definition zu orientieren, ist der Tatsache geschuldet, dass seine Definition auch das religiöse Moment, das dem Charisma-Begriff ursprünglich anhaftete[10], beinhaltet. Es zeigt sich, dass ein solches Verständnis von Charisma Goebbels am ehesten entspricht.

Als Charismatisierung soll der Prozess verstanden werden, in dem eine Person die „Qualität einer Persönlichkeit“ als Charisma wahrnimmt und damit als „Führer“ für sich anerkennt. Das tatsächliche Wesen des Charismatikers spielt dabei jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Bestimmte Eigenschaften, etwa rhetorisches Talent[11], können seinem Ansehen als Charismatiker zwar zuträglich sein. Letztlich kommt es ungeachtet seines eigentlichen Wesens aber nur darauf an, dass der Verehrer ihn als charismatisch bewertet, ihm diese Eigenschaft also zuschreibt. Dazu kommt es, wenn sich der Verehrer in einer krisenhaften Situation befindet, die er entweder als nur durch den potentiellen Charismatiker zu überwinden ansieht und/oder die tatsächlich von diesem beendet wird.[12] Die Projektion von Eigenschaften in den Verehrten, die über sein tatsächliches Wesen hinausgehen, befriedigt dabei auch ein narzisstisches Bedürfnis des Charismatisierten, sich in diesem zu spiegeln.[13] Entsprechend wird der Verehrte als ideal im Sinne des Anhängers wahrgenommen.

Eine abgeschlossene Charismatisierung ist allerdings kein endgültiger Prozess. Stattdessen ist es notwendig, dass der Verehrte sein Charisma durch fortdauernde Bewährung aufrechterhält. Sein Tod oder Krankheit aber auch sein Scheitern an Bewährungsproben können dazu führen, dass er nicht länger als charismatisch angesehen wird. Eine wichtige Rolle spielt aber auch die Präsenz des Charismatikers, da die Zuschreibung von Charisma in der tatsächlichen oder empfundenen Interaktion mit dem Verehrten erfolgt.[14]

[...]


[1] Für eine genauere Betrachtung siehe Erwin Barth, Joseph Goebbels und die Formierung des Führer-Mythos 1917 bis 1934, Erlanger Studien Bd. 199, Erlangen/Jena, 1999.

[2] Claus-Ekkehard Bärsch, Der Junge Goebbels. Erlösung und Vernichtung, 2, München 2004.

[3] Zur genaueren Betrachtung des Zustandekommens der Edition siehe Einleitung Elke Fröhlich (Hrsg.), Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Sämtliche Fragmente, Band 1-4, München/New York/London/Paris 1987.

[4] Hans-Dieter Müller, Der junge Goebbels. Zur ideologischen Entwicklung eines politischen Propagandisten, Freiburg 1974, S. 10.

[5] TB, 23. März 1925.

[6] Ebd.

[7] Peter Longerich, Joseph Goebbels. Biographie, München 2010, S. 13.

[8] Zur genaueren Betrachtung siehe Einleitung Elke Fröhlich (Hrsg.), Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Sämtliche Fragmente, Band 1-4, München/New York/London/Paris 1987.

[9] Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, 5. Aufl., Tübingen 1976, S. 140.

[10] Fabian Brändle, Charisma. Über eine wirkungsmächtige Kraft an der Schnittstelle zwischen Ereignis, Individuum und politischer Kulturen in Saeculum: Jahrbuch für Universalgeschichte, 61, 2011, S. 8.

[11] Brändle, Fabian, Charisma. Über eine wirkungsmächtige Kraft an der Schnittstelle zwischen Ereignis, Individuum und politischer Kulturen in Saeculum: Jahrbuch für Universalgeschichte, 61, 2011, S. 21.

[12] Vgl. Jürgen Raab; Dirk Tänzler, Charisma der Macht und charismatische Herrschaft. Zur medialen Präsentation Mussolinis und Hitlers, in: Anne Honer; Ronald Kurth; Jo Reichertz (Hrsg.), Diesseitsreligion. Zur Deutung der Bedeutungmoderner Kultur, Konstanz 1999, S. 62.

[13] Berit Bliesemann; Tatjana Reiber, Popstars der Macht: Charisma und Politik, in: dies. (Hrsg.), Charisma und Herrschaft: Führung und Verführung in der Politik, Frankfurt 2011, S. 44.

[14] Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 140 und S. 144 – 147.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668423817
ISBN (Buch)
9783668423824
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356611
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Historisches Institut
Note
2,3
Schlagworte
Hitler Adolf Hitler Goebbels Joseph Goebbels Charisma Charismatisierung Tagebücher Tagebuch Führerkult charismatischer Führer Goebbels Tagebücher

Autor

  • Julia Sonne

Teilen

Zurück

Titel: Die Charismatisierung Goebbels‘ als Motiv für seine Bindung an Hitler