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Berichterstattung der deutschen Presseerzeugnisse BILD und Süddeutsche Zeitung im Onlinebereich. Eine quantitative Inhaltsanalyse

Wie schafft es ein Minderheiten-Thema in die massenmediale Presse? Purer Zufall oder ein Spiel nach Regeln?

Bachelorarbeit 2016 55 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Inhaltsverzeichnis

II. Abbildungsverzeichnis

A. TheoretischerTeil
1. Vorwort
2. Ausgewählte Theorien der Nachrichtenselektion
2.1 Gatekeeping-Ansatz
2.2 Nachrichtenwerttheorie
2.3 Forschungsstand
2.4 Ableitung von Hypothesen
3. Begriffserklarungen
3.1 Minoritaten-Thema
3.2 Ausgewähltes Minoritaten-Thema: LGBTI
3.3 Publikationsplattform: massenmediale Presse

B. EmpirischerTeil
4. Methodik
4.1 Vorgehen
4.2 Materialund Unterthemenauswahl
4.2.1 Unterthema: „Homo-Ehe“
4.2.2 Unterthema: Queere Fluchtlinge
4.2.3 Unterthema: Adoptionsrecht/Regenbogenfamilie
4.3 Analysierte Onlineauftritte von Zeitungen
4.3.1 Bild
4.3.2 Suddeutsche Zeitung
4.4 Angaben zum Codebuch
5. Ergebnisse
5.1 Gesamtuberblick
5.2 Uberprufung der Hypothesen und Auswertung der Ergebnisse
6. Fazit und Ausblick
III. Anhang
Literaturund Quellenverzeichnis
Danksagung
Codebuch

II. ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1. Selektionsprozess der Nachrichtenauswahl - eigene Grafik

2. Faktoren, die den Nachrichtenfluss beeinflussen - eigene Grafik

3. Akzeptanz von Homosexuality weltweit - Wikipedia

4. Publikation nach Jahren (SZ und Bild gesamt) - eigene Grafik

5. Bezugsquellen - eigene Grafik

6. Einteilung des Wortumfangs - eigene Grafik

7. Auswertung des Umfangs in Artikelanzahl - eigene Grafik

8. Aufnahme vom Christopher Street Day - dpa

9. Grober Uberblick der Anzahl von Nachrichtenfaktoren - eigene Grafik

10. Detaillierte Aufschlusselung der Nachrichtenfaktoren - eigene Grafik

11. Ranking der Nachrichtenfaktoren - eigene Grafik

12. Absolute Haufigkeiten der Nachrichtenfaktoren - eigene Grafik

13. Ressortzuteilung - eigene Grafik

A. TheoretischerTeil

1. Vorwort

Joumalismus, wenn er erfolgreich sein soil (und das kann zuallererst nurhei- Hen: wenn er die Mehrzahl derMenschen erreichen soll), lasst sich nicht ohne Verkurzung und Vereinfachung, Polemik und Emotion betreiben, was immerunsere puristischen Sonntagsredner dazu sagen mogen.

Horst Stern, deutscherJournalist und Sachbuchautor[1]

Ob dem wirklich so ist, wie es der deutsche Journalist Horst Stern darstellt, will die vorliegende Bachelorarbeit fur Minderheiten-Themen herausfinden. Braucht es wirklich eine emotionale, angriffslustige Berichterstattung in ausreichendem Umfang und moglichst einfach gehaltener Sprache, um eine Masse an Rezipienten zu erreichen? Konnte es auch einfach Zufall sein? Oder steckt doch ein Konzept dahinter, warum manche Themen erfolgreich sind, wahrend andere es niemals auf die massenmediale Agenda schaffen? All diese Fragen sollen durch eine Analyse der Randgruppenberichterstattung beantwortet werden. Mithilfe eines Special-Interest-Themas, das es in die Presse schafft, obwohl es mit der Ausgangsbedingung ,,kleine Zielgruppe" stets abseits der Massenmedien operiert, soll der Nachrichtenwert eines Beitrages uberpruft werden. Wann ein Ereignis als berichtenswert gilt und somit als Nachricht anzusehen ist, bestimmt neben dem Journalisten auch der Nach­richtenwert. Dieser ist aber nicht einfach so festzulegen, sondern ergibt sich aus der Anzahl und Kombination von Eigenschaften eines Ereignisses. Taglich geschehen unzahlige Ereignisse aufder Welt, die potentieller Gegenstand fur die Berichterstattung der Medien sind. In Deutschland alleine gibt es knapp 20 Nachrichtenagenturen, die die wesentlichen Ereignisse aufgreifen, bearbeiten und an die Medienhauser weitergeben. Doch auch die Agenturen erfahren nur von einem Bruchteil der Ereignisse und schaffen es nur bedingt, das Weltgeschehen abzubilden. Die dpa beispielsweise publiziert rund 750 Meldungen pro Tag, der Sportdienst „sid“ 200 bis 300 reine Sportmeldungen.

Auch die Agenturen KNA und epd versenden mit ihrem Basisdienst taglich 50 bis 80 kirchliche Meldungen. Einen kleinen Teil davon liefern sie an Zeitungs- , Fernseh-, Radiound Onlineredaktionen. Dort wird das eingegangene Mate­rial erneut selektiert und reduziert. Doch wie wird dabei vorgegangen?

Diese Bachelorarbeit wird das Randgruppenthema „LGBTI“ (Lesbian, Gay, Bi­sexual, Transgender, Intersexual) daraufhin naher untersuchen. Mit Hilfe des Gatekeeping-Ansatzes und der Nachrichtenwerttheorie soll ein Uberblick uber die bisherigen Erkenntnisse der Nachrichtenauswahl in Medienhausern gegeben werden. Im Anschluss daran werden die Forschungstradition und zwei ausgewählte Studien einbezogen. Durch die Erkenntnisse dieser Studien können danach Hypothesen fur die Forschungsfrage ,,Wie schafft es ein Minderheiten-Thema in die massenmediale Presse - purer Zufall oder ein Spiel nach Regeln?“ abgeleitet werden. Im Vorfeld der empirischen Untersuchung findet eine Definition der Begrifflichkeiten ,,Minoritatenthema“, „LGBTI“ und ,,massenmediale Presse“ statt.

Im empirischen Teil wird mit Hilfe der Methodik der quantitativen Inhaltsanalyse Datenmaterial erhoben. Insgesamt 150 Artikel der deutschen Onlinepublikationen von ,,Bild“ und ,,Suddeutsche Zeitung“ zu den Unterthemen ,,Homo- Ehe“, ,,Queere Fluchtlinge“ und „Regenbogenfamilie/Adoptionsrecht“flieften in die Analysearbeit ein. Dafur gilt es ein Codebuch mit inhaltlichen und formalen Kriterien zu erstellen, anhand derer man den Nachrichtenwert eines Beitrages messbar machen kann. Die Ergebnisse sind zunachst handschriftlich in Codierbogen niederzuschreiben, um danach in eine Excel-Tabelle ubertragen zu werden. Als letzte Arbeitsschritte im empirischen Teil stehen die Auswertung der Ergebnisse und die Uberprufung der Hypothesen an. Durch sie kann eine Antwort auf die Forschungsfrage gegeben werden.

Die einzelnen Arbeitsschritte bauen inhaltlich aufeinander auf und sind deshalb in dieser Reihenfolge gewählt. Meine Motivation, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, ergibt sich einerseits aus meiner starken Faszination bezuglich der Arbeit von Journalisten und Selektionsprozessen in Medienhau­sern, andererseits aus meinem Interesse fur das Thema ,,LGBTI“. Da ich bei meiner Literaturrecherche keine Studien zur Nachrichtenwerttheorie oder dem

Agenda-Setting bezuglich Special-Interest-Themen im Pressebereich gefunden habe, reizt mich die Herausforderung, das Themenfeld eigenstandig aufzuarbeiten.

2. Ausgewählte Theorien der Nachrichtenselektion

Schon Ignaz Wrobel alias KurtTucholsky stellte 1921 fest, dass der Charakter einer Tageszeitung daraus besteht, was sie bringt und was sie nicht bringt.

,,Niemand wird annehmen, daft [sic!] taglich grade so viel geschieht, wie in sechzehn Seiten hineingeht - aber fast Jeder wird annehmen, daft [sic!] da das Wesentlichste, gewissermaften der Extrakt aller taglichen Geschehnisse, zu lesen sei. [...]- fest steht, daft [sic!] die Presse nicht einfach spiegelt, sondern auswählt[...].“[2]

Und diese Auswahl durchlauftmehrere Stadien: Angefangen bei derTatsache, dass nur ein Bruchteil des taglichen Geschehens uberhaupt zur Kenntnis der Presse gelangt, uber den Journalisten, der nach subjektiven Kriterien und einem vermeintlichen Mehrwert fur den Rezipienten weiterhin selektiert, bis hin zu dem, was am Ende des Tages dann wirklich publiziertwird oder aus Platzmangel niemals den Weg in die Medien findet. Doch damit ist dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen. Auch auf Seiten der Konsumenten eines Medienproduktes wird fleiftig weiter selektiert. In dieser Arbeit finden jedoch nur die Schritte zwei (Gatekeeping-Ansatz und Nachrichtenwerttheorie) und drei (Publikation) Beachtung (siehe Abbildung 1).

Man kann daruber streiten, ob zuerst die Nachrichtenwerttheorie oder der Ga­tekeeping-Ansatz zu betrachten ist. Muss ein Ereignis uber gewisse Nachrichtenfaktoren verfugen, um vom Journalisten ausgewählt zu werden oder wählt ein Journalist ein Ereignis aus und fugt erst durch seine redaktionelle Bearbeitung diese gewissen Faktoren hinzu? Beispielsweise ist ein Erdbeben in Ostsibirien zwar ein Ereignis, ohne einen Bezug dazu - sei es raumlicher, zeitlicher Oder personlicher Art - aber noch lange keine Meldung wert. Erst mit dem Hintergrundwissen, dass zum Beispiel eine ostsibirische Pipeline Erdgas nach Deutschland transportiert, gewinnt das Ereignis an Wert fur den durchschnittlichen deutschen Medienkonsumenten.

Abb. 1: Selektionsprozess der Nachrichtenauswahl[3]

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

2.1 Gatekeeping-Ansatz

Geht man vom Gatekeeping-Ansatz als ubergeordnetem Konzept aus, so sind die Nachrichtenfaktoren auf der Ebene der Arbeitsroutine verankert, personliche Interessen, Einstellungen und Wertvorstellungen eines Journalisten hingegen auf der individuellen Ebene. Beide Ebenen haben zweifelsohne einen Einfluss auf die Nachrichtenauswahl. Doch auch redaktionelle oder gesellschaftliche Zwange spielen eine Rolle. So spann der Kommunikationswissenschaftler David Manning White in den 1950er Jahren die Arbeit des Sozialpsychologen Kurt Lewin weiter, indem er dessen Feldtheorie als Grundlage fur seine Forschung und Fallstudie uber „Mr. Gates" hernahm. Mr. Gates - der Name ist abgeleitet vom englischen Begriff „Gatekeeper" und bedeutet ubersetzt so viel wie ,,Torwachter" - war ein typischer, amerikanischer Zeitungsredakteur, der fur eine Lokalzeitung in einer typischen amerikanischen Stadt arbeitete. White beobachtete ihn eine Woche lang und stellte anschlieftend fest, dass der Journalist - einfach gesagt - oft nach seinen eigenen Vorlieben handelte und einen groften Einfluss darauf ausubte, welche Ereignisse redaktionell aufgegriffen würden. Denn Geschehnisse, die er nicht thematisiert hatte, empfand er laut Notizen als „Blodsinn" oder ,,uninteressant". Oder aber Mr. Gates hatte sie schlichtweg aus Platzmangel in der Zeitung ausgelassen. Als eben jener Mr. Gates knapp 20 Jahre spater vom Wissenschaftler Paul B. Sni­der erneut zu Forschungszwecken herangezogen wurde, ergaben sich trotz veranderter Arbeitsbedingungen ahnliche Ergebnisse. Die Replikation derStudie fuhrte dazu, dass der Gatekeeping-Ansatz auch heute noch Gehor in der Wissenschaftswelt findet.[4]

In der vorliegenden Arbeit wird der Gatekeeping-Ansatz lediglich als Erganzung zur Nachrichtenwerttheorie betrachtet. Genauer gesagt bedeutet das, es flieften in den Codierbogen nicht nur die Faktoren der Nachrichtenwerttheorie ein, sondern auch ausgewählte Kategorien, die das Verhalten des jeweils ausfuhrenden Journalisten beschreiben. Da man beim Gatekeeper-Ansatz nie sicher sein kann, ob ein Journalist bei einer Befragung auch wirklich das laut ausspricht, was er denkt und fuhlt oder nicht, ob ein Verlagshaus zwar nach auften bestimmte Grundsatze suggeriert, intern aber eine ganz andere Sprache spricht, macht das die Messbarkeit intrinsischer Motivation ungenau bis unmoglich. Aber auch aus Platzgrunden beschrankt sich die folgende Untersuchung auf offensichtliche Kategorien wie etwa die politische redaktionelle Linie einer Zeitung oder deren Publikumsorientierung.

2.2 Nachrichtenwerttheorie

Wahrend sich also der Gatekeeping-Ansatz allein um den Journalisten und seine Nachrichtenselektion dreht, geht es bei der Nachrichtenwerttheorie um Ereignisse und ihren Wert. Hauptaugenmerk in dieser Arbeit soll vor allem auf der Nachrichtenwerttheorie liegen, weil sie eine klare, objektive Sprache spricht: Ein Text enthalt bestimmte Nachrichtenfaktoren oder eben nicht. Das stellten 1965 auch schon die Friedensforscher Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge fest:

„Since we cannot register everything, we have to select, and the question is what will strike our attention.“[5]

Darauf gekommen waren sie durch ihren Landsmann und ebenfalls Friedens­forscher, den Norweger Einar 0stgaard. Er wiederum orientierte sich am Grundkonzept der Nachrichtenwert-Theorie des wohl beruhmtesten Kolumnisten der USA, Walter Lippmann. Der Pulitzer-Preistrager Lippmann, der auch schon den Begriff des Gatekeepers gepragt hatte, und zwar lange bevor Lewin oder White davon Gebrauch machten, hatte 1922 den Verdacht geauftert, dass Ereignisse ubergewisse Eigenschaften verfugen mussten. Diese würden sie mehr oder weniger interessant machen und ihnen folglich einen bestimmten Grad an Aufmerksamkeit verschaffen. Dabei gelte: Je polarisierender ein solches Attribut sei, desto berichtenswerter sei das Geschehnis. Die Bezeichnung des ,,news value", des Nachrichtenwerts, war geboren.[6] Das norwegische Trio um Einar 0stgaard entwickelte die Ideen des Amerikaners und sein erstes kognitionspsychologisches Konzept Mitte der 1960er Jahre weiter. Wahrend 0stgaard einen allgemeinen Ansatz wählte und drei Gruppen von Nachrichtenfaktoren festlegte (Vereinfachung, Identifikation, Sensationalismus), gingen Galtung und Ruge mit Hilfe einer Inhaltsanalyse tiefer ins Detail. Dazu nahmen sie sich die Berichterstattung einer Vielzahl von norwegischen Zeitungen uber politische Krisen in ausgewählten Landern vor und analysierten diese. Am Ende konnten sie sich zwolf Nachrichtenfaktoren ableiten sowie die Erkenntnis, dass die Wahrnehmung der Medien sehr der individuellen menschlichen Wahrnehmung ahnelt.[7]

Die zwolf Faktoren teilten sie in zwei Gruppen auf. Gruppe 1 beschaftigt sich mit den anthropologischen Faktoren, Gruppe 2 mit den kulturell abhangigen Faktoren. Vor allem im Hinblick auf die internationale Verwendung und Anwendung der Nachrichtenwerttheorie erschien den Forschern letztere Gruppe notig. Die vier darunterfallenden Faktoren namlich sind stark abhangig von dem jeweiligen Kulturkreis und der Gesellschaft, in der eine Nachricht erzeugt wird. In nachstehenderTabelle werden die Faktoren, die den Nachrichtenfluss beeinflussen, in vereinfachterVersion dargestellt.

Abb. 2: Faktoren, die den Nachrichtenfluss beeinflussen[8]

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Im Codebook zu dieser Arbeit werden die von der Verfasserin herangezogenen Nachrichtenfaktoren spater noch einmal genauer erlautert und auch um eine eigene Auswahl erweitert.

Eines gilt es jedoch immer zu beachten: Nachrichtenfaktor ist ungleich Nachrichtenwert. Zwar besitzt ein jeder Nachrichtenfaktor einen Nachrichtenwert, ein Nachrichtenwert hingegen besteht aus mindestens einem oder gar einer Kombination aus vielen Nachrichtenfaktoren. Diese Erkenntnis haben Galtung und Ruge 1965 bereits berucksichtigt und daraufhin drei Hypothesen[9] gebildet:

1. Additivitatshypothese: Je mehr Nachrichtenfaktoren auf ein Ereignis zutreffen, desto grower ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zur Nachricht wird und sogar Schlagzeilen macht.
2. Komplementaritatshypothese: Wenn ein Ereignis eines oder einige der Kriterien uberhaupt nicht oder nur in geringem Ma&e erfullt, kann dies durch einen hohen Wert eines anderen Faktors ausgeglichen werden und das Ereignis immernoch berichtenswert sein.
3. Exklusionshypothese: Wenn auf ein Ereignis jedoch zu wenige oder gar keine Nachrichtenfaktoren zutreffen, wird nicht daruberberichtet.

Diesen Hypothesen hat der deutsche Kommunikationswissenschaftler Dr. Hans Mathias Kepplinger im neuen Jahrtausend dann sogar noch die Krone aufgesetzt. Er entwickelte im Jahr 2008 die sogenannte ,,Zwei-Komponenten- Theorie". Sie geht davon aus, dass einzelne Nachrichtenfaktoren sowie Nachrichtenfaktorenkombinationen und mit ihnen einhergehend ein bestimmter Nachrichtenwert in verschiedenen Medien zu einer unterschiedlichen Auswahl von Nachrichten fuhrt. So seien beispielsweise fur Boulevardblatter andere Faktoren von Interesse als fur Qualitatszeitungen. Kepplinger versuchte den einzelnen Nachrichtenfaktoren Maftzahlen zuzuordnen, die den relativen Einfluss ausdrucken sollten. So wusste man immer um den Nachrichtenwert eines Faktors und konnte ihn gezielt in die Berichterstattung einbringen und somit erfolgreich auf der Medienagenda platzieren. Doch noch ist dieses System nicht ausgereift. Fur jedes Medienhaus und jedes Medieninstrument mussten solche Maftzahlen aufwendig berechnet werden.[10] Im Einzelfalle mag die Theorie von Kepplinger also anwendbar sein, fur die breite Masse allerdings taugt sie aktuell noch nicht. Deshalb soll in dieser studentischen Auseinandersetzung mit dem Thema auch ohne numerische Maftzahlen gearbeitet werden. Die Ergebnisse der quantitativen Inhaltsanalyse sind stattdessen mit einfachen Skalierungen, wie etwa „schwach“, „stark“, „nicht definierbar" oder Ahnliches angegeben. Auch kann aus Platzgrunden nur eine ausgewählte Anzahl an Nachrichtenfaktoren Berucksichtigung finden. Mehr dazu ist dem empirischen Teil dieser Arbeit zu entnehmen.

2.3 Forschungsstand

In diesen Abschnitt flieftt ein, welche Erkenntnisse in Bezug auf Gatekeeping und Nachrichtenwert bisher gewonnen würden. Im Kontext der vorliegenden Arbeit und Untersuchung wird ausschnittsweise gezeigt, welche Forschungsergebnisse sich bereits durch Studien ergeben haben, die sich mit einer verwandten Fragestellung beschaftigt haben. Es werden aber auch Lucken sichtbar, denn gerade im Bereich ,,Special Interest - LGBTI in den Medien" gibt es kaum offentlich zugangliches Studienmaterial. Die Forschung hat hier noch immensen Nachholbedarf.

Es darf nicht vergessen werden, dass auch sehr lehrbuchhafte Beispiele, also Ereignisse mit einem extrem hohen Nachrichtenwert, nicht unbedingt publiziert werden mussen. Wie bereits im Gatekeeping-Ansatz erwahnt, spielt der beteiligte Journalist eine grofte Rolle im Auswahlprozess. So kann ein Ereignis zwar uber alle zwolf Nachrichtenfaktoren verfugen und dennoch niemals seinen Weg an die Offentlichkeit finden. Diese Gefahr ist jedoch verschwindend gering, weil die Medienlandschaft in Deutschland sehr vielfaltig aufgestellt ist. Doch moglich ist es durchaus. Da in den meisten Studien erst nachtraglich die Nachrichtenfaktoren und der Nachrichtenwert einzelner Ereignisse festgelegt würden, weift man uberhaupt nichts uber die Meldungen, die es nicht auf die Agenda geschafft haben. De facto kann man also nicht sagen, ob es an ihrem fehlenden Nachrichtenwert gelegen hat oder ob sie einfach ein Opfer der Selektion geworden sind.

Eine Studie, die sich generell mit den Erkenntnissen der Nachrichtenauswahl auseinandersetzt, ist die des Mainzer Kommunikationsund Medienwissenschaftlers Jurgen Wilke, eines Schulers der beruhmten Schweigespirale-Theorie-Entwicklerin Elisabeth Noelle-Neumann. Er hat in seiner Langsschnittstudie ,,Nachrichtenauswahl und Medienrealitat in vier Jahrhunderten" von 1984 mit Hilfe der Nachrichtenwerttheorie unter anderem danach geforscht, wie sich der Einsatz von Nachrichtenfaktoren im Laufe der Zeit veranderte. So fand er durch eine Inhaltsanalyse von knapp 5000 Artikeln in der ,,Staatsund gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten" und der wochentlichen Zeitung „auft mehrerley orther" (beide uberregional) heraus, dass in fruheren Jahrhunderten der Nachrichtenfaktor „Prominenz“ viel mehr dominierte als heute. Die Faktoren „Negativismus“ und ,,Bedeutsamkeit“ hingegen haben uber die Jahre hinweg an Wichtigkeit gewonnen. Den Menschen würden lokale Neuigkeiten umso wichtiger, je mehr Moglichkeiten des Konsums von Auslandsberichterstattung sie hatten. Personalisierung und Elite-Nationen halten sich laut der Studienergebnisse schon uber Jahrhunderte relativ stabil.[11]

Die wohl bekannteste Studie in Bezug auf die Nachrichtenwerttheorie ist die von Karin Stengel und Michaela Maier. Sie untersuchten ,,Nachrichtenfaktoren in deutschen TV-Nachrichten 1992 - 2007“. Dabei gliederten die beiden Wissenschaftlerinnen die Studie in zwei Teile auf. Der erste Teil beschaftigt sich mit dem Zeitraum von 1992 bis 2001 und zeigt die Haufigkeit der verschiedenen Nachrichtenfaktoren. Der zweite Teil berucksichtigt vor allem die Veranderung der Nachrichtenfaktoren von 2001 bis 2007. Interessanterweise entwickelten Stengel und Maier dafur die bisher bekannte Nachrichtenwerttheorie weiter, indem sie statt zwolf Nachrichtenfaktoren 22 festlegten und uberpruften. In sechs Stichproben analysierten sie je eine Woche lang die Hauptnachrichtensendungen der Fernsehsender ARD, ZDF, ProSieben, VOX, RTL, Sat.1, RTL II und KabelEins. Bei der Ergebnisauswertung unterschieden sie dann noch einmal zwischen offentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und privaten Programmanbietern. Das Fazit, das dabei gezogen wurde, war Folgendes: Besonders relevant fur die TV-Nachrichtenberichterstattung waren die

Nachrichtenfaktoren „Reichweite“, „Schaden“, „Prominenz“, „Nutzen“, ,,Einfluss“, ,,Faktizitat“ und ,,Visualitat“. Bei den privaten TV-Veranstaltern wurde aufterdem der Nachrichtenfaktor „Kontroverses“ uberdurchschnittlich oft gemessen. Allerdings waren diese Erkenntnisse keine Neuigkeit fur die beiden Forscherinnen. Ihre erste Studie kam weitestgehend zu denselben Ergebnissen.[12]

Beide Studien können fur die vorliegende Arbeit zwar berucksichtigt und teilweise auch als Vorbild verwendet werden, allerdings unterscheiden sie sich in einem wesentlichen Punkt von ihr: Sie behandeln Mainstreamthemen. In dieser Arbeit geht es aber darum, herauszufinden, wie es Randgruppenthemen auf die massenmediale Agenda schaffen. Dazu mussen auch weniger erfolgreiche Debatten und Unterthemen dieser Special-Interest-Berichterstattung in die Untersuchung mit einbezogen werden, um dann einen direkten Vergleich ziehen zu können. Fur das Vorgehen bei der Analyse der ausgewählten Inhaltewird das keinen Unterschied machen, bestimmtaberin den Ergebnissen.

2.4 Ableitung von Hypothesen

Als Hypothesen können aufgrund derangesprochenen Studien sowie weiterer Arbeiten zur Nachrichtenwerttheorie und zum Gatekeeping-Ansatz folgende Vermutungen aufgestellt werden:

H1: Ein Artikel benotigt mindestens zwei Oder mehr Nachrichtenfaktoren, um auf der massenmedialen Agenda aufzutauchen.

- In der Studie von Galtung und Ruge konnte bereits nachgewiesen werden, dass die Kombination von Nachrichtenfaktoren zum Erfolg einer Publikation beitragt. Dies fassten sie allgemein unter dem Begriff der Additivitatshypothese zusammen.

H2: Die Nachrichtenfaktoren „Prominenz“ Oder „Personalisierung“ finden sich am haufigsten in der Randgruppenberichterstattung beider Onlineauftritte wi­der. DerNachrichtenfaktor,,Etablierung von Themen“spieltebenfalls eine grotte Rolle.

- Wie in der Studie von Jurgen Wilke aufgezeigt wurde, spielen diese Nachrichtenfaktoren in der uberregionalen Berichterstattung seit vielen Jahrhunderten eine grofte Rolle.

H3: Das Medium „Bild“ setzt bei der Randberichterstattung verstarkt auf die Nachrichtenfaktoren ,,Kontroverse“, „Skandal“und ,,Emotionen“.

- Boulevard lebt von Skandalen, gegensatzlichen Meinungen und der Beschreibung von Emotionen.

H4: Bei der „Suddeutschen Zeitung“ findet die Randgruppenberichterstattung verstarkt im Ressort ,,Politik“ statt, bei der „Bild“ etwas haufigerin den Rubriken ,,Unterhaltung“ und ,,Lifestyle“.

- Diese Feststellung ergibt sich aus den Ausrichtungen der beiden Zeitungen. Qualitatsund Leitmedien verfugen uber ausgepragte Ressorts mit ,,harten“ Themen, wahrend Boulevardblatter auf die ,,soft facts" setzen.

Ob sich diese Hypothesen bestatigen oder falsifizieren lassen, wird die empirische Ausarbeitung im vierten Kapitel zeigen. Zunachst gilt es die Forschungsfrage genauer zu definieren.

3. Begriffserklarungen

3.1 Minoritaten-Thema

,,Minoritat" steht laut Duden fur eine Minderzahl[13], in der Berichterstattung des Journalismus also fur eine Randgruppe. Im Gegensatz zur Majoritat (der Gesamtheit) ist sie numerisch unterlegen und unterscheidet sich von dieser beispielsweise durch ihre Ethnie, Religion, Sprache oder sexuelle Identität. Eine Minderheit muss deshalb aber noch lange nicht von der Mehrheit unterdruckt werden. Wohl aber hat sie oft einen geringeren Machteinfluss als ihr Gegenpart, sofern sie nicht uber eine extrem starke Lobby verfugt. In der Sozialpsychologie unterscheiden die Fachleute zwischen der numerisch-statistischen und der sozialen Minoritat. Bei Letzterer wird die Minderheit von der dominierenden Mehrheit als minderwertig angesehen und dementsprechend behandelt.[14] Im Journalismus greift der Terminus „Minoritat“ noch viel weiter. In das Special-Interest-Genre namlich fallen nicht nur die Berichterstattungen uber gesellschaftliche Minderheiten wie Homosexuelle, Menschen mit Behinderung, Sinti und Roma, sondern auch uber ganz gewohnliche Randgruppen etwa Alpinisten, Angler oder Vogelliebhaber. Der Unterschied liegt aber ganz klar darin, ob es sich jemand aussuchen kann zur Randgruppe zu gehoren oder ob er bereits mit dem unterscheidenden Merkmal geboren wurde. Ein Angler kann immer auch ein Homosexueller oder Transsexueller sein. Wahrend er sich aber fur das Angeln als Hobby frei entscheidet, hat er bei der sexuellen Identität keine Wahlmoglichkeit. Diese Arbeit beschaftigt sich nicht mit der Frage, ob Homosexualitat angeboren, anerzogen oder frei wahlbar ist. Die angeborene Homo-, Transoder Intersexualitat wird als Faktum verstanden.

3.2 Ausgewähltes Minoritaten-Thema: LGBTI

LGBTI ist die englische Abkurzung fur Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersexual. Seltener hingegen sieht man die Abkurzung LGBTQI. Dabei steht die Erweiterung fur ,,Queer“ oder ,,Questioning“. Ins Deutsche ubersetzt besteht die Gruppe also aus Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Personen, die ihre sexuelle Orientierung sowie Geschlechterrolle hinterfragen, und Intersexuellen.[15] „Queer“ soll aufgrund seiner spateren Verwendung in der Arbeit noch naher definiert werden. Das Wort stammt aus dem Englischen und beschreibt alles Schrage und Verruckte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich ,,Queer“ jedoch zu einem Geusenwort. Das bedeutet, dass das Wort ursprunglich eine Personengruppe beleidigen sollte, dann aber von dieser einfach positiv besetzt worden ist.[16] Als queer bezeichnen sich alle, die ihre Sexualitat nicht als[17] „normal“ definieren und eine weltanschaulichere Dimension bevorzugen.17 In den 80er Jahren ist die Selbstbezeichnung im Milieu der Homosexuellen nur mude belachelt worden, weil sie suggerierte, dass man sich seiner gesellschaftlich abweichenden Sexualitat schame. Heute aber steht sie als Ausdruckfur sexuelle Selbstbestimmung und einen Entzug der Festlegung (in der LGBTI-Community als „Labeln“ bezeichnet) durch die Mehrheit der Gesellschaft. So ist nicht jeder, der von anderen als schwul oder lesbisch bezeichnet wird, tatsachlich homosexuell. Die Unterscheidung aller moglichen sexuellen Orientierungen und Identitäten wurde hier aber zu weitfuhren.

3.3 Publikationsplattform: massenmediale Presse

Schon 1963 definierte der Kommunikationswissenschaftler Gerhard Maletzke Massenkommunikation als

,,jene Form derKommunikation, bei derAussagen offentlich, durch technische Verbreitungsmittel indirekt und einseitig an ein disperses Publikum vermittelt werden.‘[18]

Rein auf die Presse bezogen sind das also alle gedruckten Zeitungen und Zeitschriften und im Zuge der Digitalisierung wohl auch sämtliche Onlineinhalte von Presseverlagen, die sich an die Masse einer Gesellschaft richten. Die bekanntesten deutschen Tageszeitungen, die unter den Begriff der „massenmedialen Presse" fallen, sind die ..Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ), „Bild“, .,Welt" und die „Suddeutsche Zeitung" (SZ). Letztere gilt als der Marktfuhrer unter den qualitativ hochwertigen Tageszeitungen.[19] Erganzt werden diese taglich erscheinenden Publika durch Wochenzeitungen und Wochenzeitschriften wie etwa ..Spiegel", „Zeit“ und „Fokus“.

[...]


[1] Zit. n. Stern, Horst (1992): Das Horst Stern Lesebuch, Munchen, S. 92, in http://www.denkschatz.com/en/quotes/Horst-Stern/Journalismus-wenn-er-erfolgreich-sein-soll-und-das-kannzuallererst-nur-heissen-wenn-er, zuletzt abgerufen am 12.06.2016.

[2] Zit. n. Wrobel, Ignaz [KurtTucholsky] (1921): Presse und Realitat, in: Die Weltbuhne, XVII. Jg., Nr. 41 v. 13. Oktober 1921,S. 373.

[3] Eigene Grafik

[4] Vgl. Maier, Michaela et al. (2010): Nachrichtenwerttheorie, Konzepte: Ansatze der Medienund Kommunikationswissenschaft. Nomos, Baden-Baden, S. 117 - 119.

[5] Zit. n. Galtung, Johan und Ruge, Mari Holmboe (1965): The Structure of Foreign News, in: Journal of Peace Research, Vol 2, No. 1, S.64-91.

[6] Vgl. Staab, Joachim Friedrich (1990): Nachrichtenwert-Theorie: formale Struktur und empirischer Gehalt, Bd. 17, Alber-Broschur Kommunikation, Freiburg, S. 608.

[7] Vgl. Weischenberg, Siegfried (1995): Journalistik. Medienkommunikation: Theorie und Pra­xis, Bd. 2, WestdeutscherVerlag, Opladen, S.173- 175.

Eigene Grafik, angelehntan Rusow, Peter: Theorien der Nachrichtenselektion, S. 16f.

[9] Zit. nach Galtung, Johan und Ruge, Mari Holmboe (1965): The Structure of Foreign News, in: Journal of Peace Research, Vol 2, No. 1, S. 71/72.

[10] Vgl. Maier, Michaela et al. (2010): Nachrichtenwerttheorie, Konzepte: Ansatze der Medienund Kommunikationswissenschaft. Nomos, Baden-Baden, S. 19.

[11] Vgl. Weischenberg, Siegfried (1995): Journalistik. Medienkommunikation: Theorie und Praxis, Bd. 2, Westdeutscher Verlag, Opladen, S.177- 178.

[12] Vgl. Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten in der Bundesrepublik Deutschland (Hg) (2008): ALM Programmbericht 2008, VISTAS Verlag GmbH, Berlin, S.133- 148, in: http://www.die-medienanstalten.de/fileadmin/Download/Publikationen/Programmbericht/2008/ALM_Programmbericht_2008-Gesamt.pdf, zuletzt aufgerufen am 03.05.2016.

[13] Vgl. Duden, in: http://www.duden.de/rechtschreibung/Minoritaet, zuletztabgerufen am 06.05.2016.

[14] Vgl. o .A. (Wikipedia), in: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Minderheit&oldid=153693688, zuletztabgerufen am 06.05.2016.

[15] Vgl. Kay, Manuela (2008): Sprachlos. Szenenbegriff. LGBT. In: L.mag, H. 6, S.33.

[16] Vgl. o. A. (Wikipedia), in: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Geusenwort&oldid=152151473, zuletzt abgerufen am 06.05.2016.

[17] Vgl. Kay, Manuela (2008): Sprachlos. Szenenbegriff. LGBT. In: L.mag, H. 6, S.33.

[18] Zit. n. Maletzke, Gerhard (1963): Psychologie der Massenkommunikation, Verlag Hans Bredow Institut, S. 28.

[19] Vgl. bpb (4/2010): Der Printmarkt in der Bundesrepublik Deutschland. In: Massenmedien. Informationen zur politischen Bildung, H. 309, S. 20.

Details

Seiten
55
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668427716
ISBN (Buch)
9783668427723
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356589
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Journalistik
Note
1,7
Schlagworte
Minderheiten-Thema Massenmedien LGBTI Journalismus BILD-Zeitung Süddeutsche Zeitung

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