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Entwicklung und Auswirkung der Kontrolle. Schule und lebenslanges Lernen in den Kontrollgesellschaften

Essay 2015 10 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Entwicklung und Auswirkung der Kontrolle - Schule und lebenslanges Lernen in den Kontrollgesellschaften

Das Lehren und Lernen an den Schulen steht - mal wieder - vor einem Wandel. Aber nicht nur die Schule und das Unterrichten verändern sich. Die Gesellschaft unterliegt einem permanenten Wandel. Die Disziplinargesellschaften, die Foucault in seinem Werk „Überwachen und Strafen“ 1975 beschreibt und analysiert, sind in der Krise und werden, nach und nach, von den Kontrollgesellschaften abgelöst. Dieser Wandel wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus und übt Macht auf uns auf, nicht nur in den öffentlichen Einrichtungen, sondern auch in unserem Privatleben, und vor allem in unserem Denken.

Durch neue Technologien und Kommunikationstechniken war eine Veränderung in der Gesellschaft nicht mehr aufzuhalten. Die Individuen würden mannigfacher, unterschiedlicher und unabhängiger. Die Disziplinartechniken werden durch Kontrollmechanismen ersetzt, die die Individuen kontrollieren und trotzdem freier erscheinen lassen. Doch nun stellt sich die Frage, ob wir in der heutigen Gesellschaft tatsächlich freier sind, oder ob wir uns nur einer veränderten, einer neuen Macht unterwerfen. Zuerst werde ich einen allgemeinen Überblick über die Disziplinarund Kontrollgesellschaften geben und anschließend die Auswirkungen und Probleme im Bereich Bildung und Schule näher beleuchten.

Kontrolle und Macht spielen in der Entwicklung der Gesellschaft schon immer eine große Rolle. Kamen diese in den Souveränitätsgesellschaft des Mittelalters noch von einer Person, dem Souverän, dem Monarchen, wurde das Machtzentrum in den Disziplinargesellschaften schon unsichtbarer, aber gewiss nicht geringer. Foucault beschäftigte sich mit dieser Gesellschaftsform. Sie entwickelten sich im 18./19. Jahrhundert und fanden ihren Höhepunkt Anfang des 20.Jahrhunderts, angetrieben durch die industrielle Revolution in den bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften. Durch spezifische Disziplinartechniken wurde der Körper durchdrungen, seine Fähigkeiten vermehrt, mit dem Ziel, ihn politisch zu unterwerfen, „ ihn im Detail zu bearbeiten; auf ihn einen fein abgestimmten Zwang auszuüben[1]. Die Masse der Gesellschaft sollte kontrollierbar sein, wurde dressiert und manipuliert. Dazu würden Einschließungsmilieus entworfen, welche eine perfekte Kontrolle ermöglichen sollten. Die Individuen würden aus einem Einschließungsmilieu in das nächste versetzt, mussten immer wieder neu anfangen, unterlagen immer neuen Strukturen und Gesetzen. „ Zuerst die Familie, dann die Schule („du bist hier nicht zu Hause“), dann die Kaserne („du bist hier nicht in der Schule“) dann die Fabrik, von Zeit zu Zeit die Klinik, möglicherweise das Gefängnis, das Einschließungsmilieu schlechthin.“[2]

Sie waren die Objekte der Macht. Eine Macht, die weit über die einer Regierung hinaus geht. Sie ist Regel, Gesetz und Verbot, zieht eine Grenze zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem. Die Individuen würden immer neu geformt und einer Rolle zugewiesen. Zuerst wurde der Körper individualisiert, kategorisiert, codiert, um ihn dann in das System einzuordnen und in der Norm verschwinden zu lassen.

Die Fabrik eignet sich hierzu als nahezu perfektes Beispiel. Mit spezifischen Disziplinartechniken würden die Massen gefügig gemacht. Durch die Parzellierung des Arbeitsplatzes wurde jedem Individuum ein fester Platz zugeordnet, Gruppen räumlich voneinander getrennt, jeder sichtbar, aber doch abgetrennt von den Anderen. Durch eine Verengung des Zeitgitters und genaue Zeitfenster für Arbeitsschritte, wurde die Leistung jedes Arbeiters einsehbar und somit auch bewertbar. War die Arbeit nicht zufriedenstellend, wurde man bestraft, beispielsweise durch das Versetzen in eine niedriger angesehene Position oder durch den Entzug von Privilegien und Freiheiten. Im Gegenzug konnte man sich jedoch auch hocharbeiten und verbessern.

Die Produktivität und damit die gesamte Ökonomie profitierte von diesem System. Durch eine genaue Rangordnung und permanente Überwachung und Sichtbarkeit, wurde dieser Zustand durch eine mikrophysische Macht von außen gesichert. Diese Macht ist nicht greifbar, hat keinen definierbaren Anfangspunkt, ist aber jederzeit spürbar. Sie durchdringt alle Bereiche des Lebens, achtet auf jedes Detail, durchdringt die Gesellschaft wie ein Netz. Hierzu taucht auch immer wieder der Begriff des „Panoptikums“ auf. Jeremy Bentham entwarf Ende des 18. Jahrhunderts dieses Konzept, um die Gefangenen im Gefängnis leichter kontrollieren zu können. Durch einen Überwachungsturm in der Mitte und Gefängniszellen, die in diese Richtung einsehbar sind, ist ein einzelner Kontrolleur in der Lage, theoretisch jeden Insassen zu jederzeit zu beobachten. Diese wissen nie, ob und wann sie tatsächlich beobachtet werden. Dieses System der permanenten Sichtbarkeit verhilft auch den Fabriken der Disziplinargesellschaft zur perfekten Überwachung.

Unter anderem durch die heran schreitende Globalisierung, Modernisierung und Digitalisierung vollzog sich ein Wandel in der Gesellschaft. Die Einschließungsmilieus gerieten nach dem zweiten Weltkrieg immer mehr in eine Krise. Es folgten zahlreiche Reformen, Schulreform, Industriereform, Krankenhausreform, Armeereform, Gefängnisreform. „ Die Kontrollgesellschaften sind dabei, die Disziplinargesellschaften abzulösen[3] schrieb Deleuze 1993 dazu in seinem Postskriptum über die Kontrollgesellschaften. „ < Kontrolle> (Hervorhebung G.D.) ist der Name, den Burroughs vorschlägt, um <das neue Monster> (Hervorhebung S.B.) zu bezeichnen[4]. Laut Deleuze steht das neue Monster noch in seinen Anfängen und beginnt langsam, alle Institutionen zu durchdringen und zu unterwerfen. Es handelt sich hierbei um Kontrolltechniken, mit einem freiheitlichen Aussehen. Ein gutes Beispiel ist die immer größer werdende Videoüberwachung. Kameras gibt es überall, manchmal offen und sichtbar, manchmal versteckt und heimlich. Sie ermöglichen eine Überwachung des Subjektes, in Momenten, in denen es sich völlig frei und unbeobachtet fühlt. In den sozialen Netzwerken geben wir bereitwillig alles von uns preis, unterstützen die ständige Kontrolle sogar und treiben die Kontrollgesellschaften weiter voran.

Aus den formbaren Individuen der Disziplinargesellschaften werden Dividuen, aufgespaltene Individuen, in Chiffren verschlüsselt, um alle Informationen zu speichern und zu nutzen. Diese Dividuen kennzeichnen sich durch eine innere Kontrolle aus. Die Disziplinierungen werden durch Kontrollformen ersetzt, welche uns ein freies Gefühl vermitteln sollen. Durch die Verschiebung der äußeren Kontrolle hin zur inneren, verändert sich die Wahrnehmung der Macht. Wir sind nun für uns selbst verantwortlich, gesteuert von unserem Pflichtbewusstsein und den erlernten Normen und Werten. Unsere Bildung, Berufsund Privatleben gestalten wir selbst und in alleiniger Verantwortung. Unter dem ständigen Druck der Gesellschaft, etwas aus unserem Leben zu machen und etwas zu erreichen. Wer sich diesem Druck nicht beugt, wird zum Außenseiter - und das natürlich vollkommen freiwillig. Es wird erwartet, dass man ständig an sich arbeitet, sich immer neu anpasst, modelliert und perfektioniert. Das lebenslange Lernen wird zum Leitspruch der Kontrollgesellschaften. Der Markt für Erwachsenenbildung und Weiterbildung boomt. Was jedoch aus den Menschen wird, die diesen Anforderungen nicht entsprechen wollen oder können, wird nirgends konkretisiert. Sie fallen einfach aus dem Raster und leben in der Gefahr, an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden.

Aus diesen gesellschaftlichen Veränderungen heraus, müssen sich auch die Institutionen umstrukturieren. An die Stelle der Fabrik rückt das Unternehmen. Dieses gleicht eher einem Gas, es ist eine Modulation, die sich ständig neu formen kann und sich anpasst. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Produktion, sondern das Produkt, welches immer an dem Markt, an dem Verkauf orientiert ist. Die Zufriedenheit der Kunden wird zum höchsten Gut. Dazu wird wiederum eine stetige Selbstund Fremdevaluation notwendig. Die Feedbackkultur ist geboren. Qualitätssicherung, ständige Kontrollen und Leistungsbeurteilungen sind nur ein Teil davon.

Und diese Unternehmensstruktur macht auch vor unseren Schulen nicht Halt. Die Disziplinartechniken bilden sich zurück. Gerhard Patzner spricht sogar von einer „ Rücknahme vieler schuldisziplinärer Errungenschaften“[5]. In den Disziplinargesellschaften wurde jede Handlung der Schülerinnen und Schüler bis ins Detail geplant, bis hin zur Haltung des Stiftes, Abweichungen würden bestraft. Nun soll sich die Schule nicht mehr als Einschließungsmilieu verstehen. Sie soll sich öffnen, wirtschaftlich Denken. Es handelt sich um eine Neuformierung von Schule im Kontext neoliberaler Gouvernementalität.

Schule habe sich als Unternehmen zu verstehen - mit der Übertragung ökonomischer Prinzipen […] als Dienstleistungserbringer für die Ökonomie - Stichwort „Erzeugung von Humankapital“ […] [6].

[...]


[1] Foucault, M.(1997) :Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Aus dem Französischen Seiter, W. Frankfurt: Suhrkamp. Seite 175

[2] Deleuze,G (1993). Unterhandlungen. Postskriptum der Disziplinargesellschaften. 1972-1990. Aus dem Französischen von Roßler, G. Frankfurt: Suhrkamp. Seite 254

[3] Deleuze,G (1993). Unterhandlungen. Postskriptum der Disziplinargesellschaften. 1972-1990. Aus dem Französischen von Roßler, G. Frankfurt: Suhrkamp. Seite 255

[4] Deleuze,G (1993). Unterhandlungen. Postskriptum der Disziplinargesellschaften. 1972-1990. Aus dem Französischen von Roßler, G. Frankfurt: Suhrkamp. Seite 255

[5] Patzner, G.(2005): Schule im Kontext neoliberaler Gouvermentalität. In: Breit,H., Rittberger, M., Sertl,M.(Red): Kontrollgesellschaft und Schule. Innsbruck: Studienverlag. Schulheft 118/2005. Seite 63

[6] Bünger, C., Mayer, R., Messerschmidt, A., Zitzelsberger, O. (Hg.) (2009): Bildung der Kontrollgesellschaften- Analyse und Kritik pädagogischer Vereinnahmungen. Paderborn: Ferdinand Schöningh. Seite 38

Details

Seiten
10
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668427617
ISBN (Buch)
9783668427624
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356572
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
2,0
Schlagworte
Foucault Kontrollgesellschaften Disziplinargesellschaften Kontrolle

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