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Die klassische Migrationstheorie von Hoffmann-Nowotny: Darstellung und kritische Anmerkungen

Hausarbeit 2003 29 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Migration und Migrationsforschung
2.1 Zur Relevanz und Begriffsklärung der Migration
2.2 Zur Entwicklung der internationalen Migrationsforschung: klassische und neuere Ansätze

3. Darstellung der Migrationstheorie von Hoffmann-Nowotny
3.1 Ausführliche Darstellung der Theorie
3.2 Kritische Anmerkungen zur Theorie

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird die Migrationstheorie des Schweizer Soziologen Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny dargestellt und kritisch betrachtet. Seine ‚Theorie struktureller und anomischer Spannungen’ ist erstmalig in den 70er Jahren veröffentlicht worden (Hoffmann-Nowotny, 1970, 1973, 1987; Hoffmann-Nowotny und Hondrich, 1982). Sie stellt einen mikro- und makrosoziologischen Ansatz dar, und zählt heute zu den klassischen Migrationstheorien. Ziel der Theorie ist es, eine allgemeine Erklärung und Analyse von Migrationsprozessen zu liefern. Im Rahmen der Theorie werden die Folgen und Voraussetzungen von Migrations­prozessen für die Herkunfts- und Ankunftsregionen und die einzelnen Migranten untersucht. Ausgangspunkt in dieser Theorie sind soziale und strukturelle Spannungen, die durch nicht-balancierte Macht-Prestige Relationen entstehen. Können diese nicht ausgeglichen werden, entstehen anomische Spannungen. Migration – als ein Wechsel der Positionen im sozietalen System – stellt dabei eine von mehreren möglichen Verhaltensweisen dar, durch die Spannungen abgebaut und transferiert werden können.

Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny gilt heute als der Begründer der westeuropäischen Migrationssoziologie, da er als einer der ersten Sozial­wissen­schaftler in den 60er Jahren das Phänomen der Migration theoretisch wie empirisch thematisierte. Sein Ansatz ist neben der handlungsorientierten, individualistischen Theorie von Hartmut Esser (1980) eine theoretisch wie methodologisch befriedigendste Theorie im Bereich der Migrationssoziologie (Nauck, 1988).

Bevor jedoch genauer auf die ‚Theorie der strukturellen und anomischen Spannungen’ eingegangen bzw. diese detailliert dargestellt werden kann, wird im folgenden Kapitel zunächst allgemein in die Thematik der Migrations­forschung eingeführt. In Kapitel 3 wird dann die Theorie ausführlich dargestellt sowie kritisch diskutiert. Das letzte Kapitel dieser Arbeit beinhaltet eine Zusammenfassung und Resümee dieser Arbeit.

2. Migration und Migrationsforschung

Ziel dieses Kapitels ist es, eine kurze Einführung in die Thematik der Migration zu geben. Hierbei geht es zum einen um die Relevanz und die Begriffsklärung des Phänomens Migration. Zum anderen wird die Entwicklung der Migrations­forschung thematisiert und die klassische und neue Migrations­forschung dargestellt. Eine Differenzierung zwischen diesen beiden ist notwendig, da ihnen unterschiedliche Paradigmen und Konzeptua­lisierungen zugrunde liegen. Durch diese Einführung soll dem Leser eine bessere Verständlichkeit und Einordnung der Theorie von Hoffmann-Nowotny in den Gesamtkontext der Migrationsforschung ermöglicht werden.

2.1 Zur Relevanz und Begriffsklärung der Migration

Migration und Wanderungsbewegungen gehören zur Kulturgeschichte der Menschen und stellen damit eine Grunderfahrung der Menschheit dar (Bade und Bommes, 1996; Han, 2000; Pries, 1997, 2001; Treibel, 1999). Schon zur Zeit der Jäger- und Sammlerkulturen gab es Wanderbewegungen, ferner sind u.a. die (unfreiwilligen) Massenwanderungen der Arbeitskräfte im 17. und 18. Jahrhundert aus Afrika nach Nordamerika (Sklavenhandel) und die Massenwanderungen der Europäer im 18. und 19. Jahrhundert nach Nordamerika dokumentiert. In Europa lässt sich eine ständig zunehmende Migrationsbewegung seit dem 2. Weltkrieg feststellen wobei die Migrationsströme der so genannten Gastarbeiter aus den südlichen in die nördlichen europäischen Länder in den 50er und 60er Jahre besonders hohe Ausmaße erreichten. Im Laufe der Zeit wurden diese Wanderbewegungen immer differenzierter, so dass heute von einem „age of migration“ (Castles und Miller, 1993, S. 3) gesprochen wird. Nach Schätzungen leben momentan weltweit über 100 Millionen Menschen nicht dort wo sie geboren sind, d.h. weltweit gibt es über 100 Millionen Migranten und Flüchtlinge (Opitz, 1997).

Die enorme Relevanz und Bedeutung der Migration als soziales, gesellschaftliches Phänomen wird ersichtlich, wenn die verschiedenen Ebenen bzw. gesellschaftlichen Einheiten betrachtet werden, welche durch Migration und Migrationsbewegungen „soziale Einschnitte“ (Treibel, 1999, S. 13) erfahren. Migrationsbewegungen wirken sich einmal auf die sozialen und gesellschaftlichen Strukturen der Herkunfts- und Ankunftsregionen aus. Zudem bedeuten sie soziale Veränderungen sowohl für die soziale Gruppe der Migranten im Herkunftsland als auch für die soziale Gruppe in der Ankunftsregion, auf die die Migranten treffen. Drittens wirkt sich eine Migration natürlich auf das migrierende Individuum selbst aus, auf dessen soziale Umwelten, ökonomischen, kulturellen und sozialen Lebensbedingungen, dessen Orientierungen, Wertesysteme, Verhaltensweisen und Identitätsentwicklung (Treibel, 1999). Außerdem wirkt sich eine Migration auch auf die physische und psychische Gesundheit der Individuen aus.

Damit wird deutlich, dass eine Migration und Migrationsbewegungen auf die verschiedenen gesellschaftlichen Einheiten Einfluss ausüben, und zwar auf die individuelle, die Gruppen- und die makrogesellschaftliche Ebene. Damit stellt die Migration nicht nur für die Sozialwissenschaften ein relevantes Phänomen dar, sondern auch für viele weitere wissenschaftliche Disziplinen:

In den Sozialwissenschaften liegt das Interesse vor allem bei den gesellschaftlichen Folgen der Migration, die Auswirkungen der Migration für die Ankunfts- und Herkunftsregion, sowie die Verhaltensmodelle der Migranten und der autochthonen Bevölkerung. In den Erziehungswissenschaften hingegen liegt der Schwerpunkt eher auf den Fragen der Integration der Migranten (und der zweiten und weiteren nachfolgenden Generationen) in Schule, Freizeit und dem Bildungsbereich, und der Theorie und Praxis der interkulturellen Erziehung (z.B. Prengel, 1995). In der Psychologie wird auf die persönlichkeitsbedingten Ursachen und Auswirkungen der Migration fokussiert, wobei hier je nach Teildisziplin unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. So interessiert z.B. einmal die Identitätsentwicklung der Migranten (in der Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie), ein andermal die Einstellungen und Wertehaltungen der Migranten und einheimischen Bevölkerung sowie Gruppenprozesse und -konflikte zwischen diesen Gruppen (in der Sozialpsychologie). Die Auswirkungen der Migration auf die physische und psychische Gesundheit und Kausalfaktoren werden in der Gesundheitspsychologie und der Klinische Psychologie erforscht.

Auch in vielen weiteren Disziplinen, wie z.B. den Rechtswissenschaften, den Wirtschaftswissenschaften, der Geographie, der Demographie und der Anthropologie ist Migration ein wichtiges Thema und wird unter den entsprechenden inhaltlichen Ausrichtungen thematisiert.

Diese kurze Einleitung hat deutlich gemacht, dass Migration kein neues Phänomen ist, sondern ein Teil der Menschheitsgeschichte. Außerdem ist das Phänomen der Migration für Gesellschaften auf verschiedenen Ebenen (der individuellen, der Gruppenebene und den sozialen ökonomischen Strukturen) als auch für die wissenschaftlichen Diskurse (in den Sozialwissenschaften und angrenzenden Disziplinen) von großer Bedeutung und aktueller Relevanz.

Aber was genau wird im sozialwissenschaftlichen Sinn unter Migration eigentlich verstanden? Im Laufe der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Migration hat sich dessen Definition natürlich gewandelt (Treibel, 1999; Stienen, 1991), so dass sich heute eine Reihe von verschiedenen Definitionen gegenüber stellen lassen (siehe z.B. Hoffmann-Nowotny, 1970, 1994; Lee, 1972, Castles, 1993; Eisenstadt, 1954; Wagner, 1989; Wenning, 1996)[1].

Allgemein wird im sozialwissenschaftlichen Sinn unter Migration ein dauerhafter, freiwilliger oder unfreiwilliger Wohnortswechsel verstanden. Annette Treibel definiert Migration als einen

„auf Dauer angelegte[n] oder dauerhaft werdende[n] Wechsel in eine andere Gesellschaft bzw. in eine andere Region von einzelnen oder mehreren Menschen.“ (Treibel, 1999, S. 21)

Von Bedeutung sind hierbei vier Elemente: die räumliche Differenz, die Dauerhaftigkeit (der zeitliche Aspekt), die Freiwilligkeit bzw. Unfreiwilligkeit (Ursache) und der Umfang der Migrationsbewegung. Hinsichtlich der Dauerhaftigkeit wird zwischen einer permanenten und einer temporären Migration (Ein- bzw. Auswanderung im Gegensatz zu einem temporären Wohnortswechsel wie z.B. der Saisonarbeit) unterschieden. Der räumliche Aspekt weist daraufhin, dass Migration in Form von Binnenmigration oder in Form einer internationalen Migration auftreten kann. Binnenmigration bezeichnet einen Wohnortswechsel innerhalb national­staatlicher Grenzen von einer politischen Gemeinde in eine andere. Häufig sind hier jedoch Ortswechsel von ländlichen in städtische Regionen eines Landes. Die internationale Migration hingegen bezeichnet einen Wohnortswechsel zwischen Nationalstaaten (z.B. von Deutschland nach England) oder auch zwischen zwei Kontinenten. Durch die Spezifikation des räumlichen und zeitlichen Aspekts werden im sozialwissenschaftlichen Verständnis Bewegungen wie Pendeln, Tourismus oder Wandern als Freizeitbeschäftigung aus der Definition der Migration ausgeschlossen.

Der Aspekt der Freiwilligkeit bzw. Unfreiwilligkeit einer Migration bezieht sich auf die Ursache einer Migration. Eine Migration kann freiwillig erfolgen, oder aber auch erzwungen sein: durch politische Vertreibung, Kriege oder Naturkatastrophen. Ersteres wird als Fluchtmigration, letzteres als Arbeitsmigration bezeichnet. Allerdings ist diese Unterscheidung umstritten, da eine klare Trennung der Ursachen schwierig ist (Han, 2000; Pries, 2001, Treibel, 1999). Der Aspekt des Umfangs einer Migrationsbewegung bezieht sich auf die Anzahl der Personen die migrieren, es wird hier zwischen einer Individual-, einer Kollektiv- und einer Massenmigration unterschieden.

Diese Auslegung weist darauf hin, dass Migration – verstanden als ein dauerhafter Wohnortswechsel – kein einheitliches Phänomen darstellt, sondern in verschiedenen zeitlichen und räumlichen Formen auftreten und auch durch verschiedene Ursachen bedingt sein kann.

2.2 Zur Entwicklung der internationalen Migrationsforschung: klassische und neuere Ansätze

Wie im vorherigen Abschnitt geschildert wurde, sind Migrationsbewegungen ein Teil der Menschheitsgeschichte. Eine wissenschaftliche Thematisierung und Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Migration begann allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts. Dies ist jedoch darauf zurückzuführen, dass die empirischen Sozial- und Naturwissenschaften sich erst zu diesem Zeitpunkt etablierten.

Als einer der ersten amerikanischen Soziologen veröffentlichte E. G. Ravenstein Ende des 19. Jahrhundert eine wissenschaftliche Arbeit zur Migrationthematik unter dem Titel „Laws of Migration“ (1885, 1889). Als erster deutscher Soziologe thematisierte Georg Simmel (1858 - 1918) den Migrationsprozess in einem großen gesellschaftlichen und historischen Blickwinkel. Sein Fokus lag auf den Auswirkungen der Wanderungen für die betroffene soziale Gruppe und dem Zusammenhang zwischen Vergesellschaftungsformen und flächenräumlichen Daseinsformen (Simmel, 1903 in Pries, 1997). In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts bildete die soziologische Migrationsforschung einen bedeutsamen Forschungsschwerpunkt an der Universität Chicago. Es folgten weitere wissenschaftliche Veröffentlichungen u.a. von Williams und Znaniecki (1958) und Gordon (1964). Der thematische Schwerpunkt dieser frühen Arbeiten lag hauptsächlich in der Frage der Eingliederung der Migranten in die Ankunftsregion (Assimilation, Marginalität). Dieser Eingliederungsvorgang wurde im Rahmen verschiedener Zyklen- und Phasenmodelle als Prozess beschrieben und analysiert. In den 60er Jahren kam es in Amerika zu einer kritischen Auseinandersetzung mit diesen Modellen und infolgedessen zu einem Paradigmenwechsel und der Entwicklung umfassenderer Theorien (Han, 2000; Seifert, 1995).

In Deutschland war die Migrationsforschung bis in die 60er Jahre hinein weniger bekannt als in Nordamerika. Das wissenschaftliche Interesse wurde vor allem durch die in den 50er und 60er Jahren einsetzende Arbeitsmigration und die darauf in den 70er Jahren folgenden sozialen Probleme geweckt (Han, 2000). Dies führte zu einer Entwicklung verschiedenster Migrationstheorien und der Durchführung vieler Forschungsarbeiten.

Heutzutage werden die in den letzten Jahrzehnten entwickelten Ansätze und Theorien und durchgeführten Forschungsarbeiten entweder der so genannten klassischen oder der neueren, modernen Migrationsforschung zugeordnet. Diese beiden Forschungsansätze thematisieren beide internationale Migrationsprozesse, stützen sich jedoch auf unterschiedliche Paradigmen und Konzeptualisierungen des Phänomens Migration.

In der klassischen Migrationsforschung (zu der verschiedene theoretische Ansätze zählen, die weiter unten kurz thematisiert werden) wird Migration als ein unidirektionaler, einmaliger, zeitlich begrenzter Ortswechsel zwischen örtlich fixierten Lebenszusammenhängen verstanden (Han, 2000; Pries, 1997, 2001; Seifert, 1995). Grundlegend für das Verständnis der Migration hier ist die sogenannten Containerkonzeption (Behälterraumkonzeption). Dies bedeutet, dass von einer Ankunfts- und einer Herkunftsregion ausgegangen wird, die voneinander getrennt, jeweils einen eigenen Sozial- und Flächenraum beinhalten.

[...]


[1] Es sei hier darauf hingewiesen, dass diese Definitionen das Verständnis der Migration innerhalb der klassischen Migrationsforschung wiederspiegeln. Eine ausführliche Abgrenzung des Verständnisses von Migration im Rahmen der moderneren Forschung im Vergleich zu den klassischen Ansätzen erfolgt in Abschnitt 2.2. Die sich hier in diesem Abschnitt anschließende Definition greift auf die Konzeption der Migration im Rahmen der klassischen Migrationsforschung zurück.

Details

Seiten
29
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638355025
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v35657
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,5
Schlagworte
Migrationstheorie Hoffmann-Nowotny Darstellung Anmerkungen Soziologische Migration

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