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Wirtschaft und Moral. In welchem Verhältnis stehen ökonomisches und moralisches Handeln?

Hausarbeit 2014 9 Seiten

Soziologie - Wirtschaft und Industrie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ökonomisches Handeln und Moral

2. Literaturverzeichnis

1. Ökonomisches Handeln und Moral

„Ohne ethische Grundsätze kann langfristig nichts funktionieren. Keine Gesellschafts- und Weltordnung kann sich dementsprechend den Luxus leisten, auf sie zu verzichten.“ (Saña 2003, 237)

Bereits bei Darwins „Survival of the fittest” standen nicht, wie eigentlich zu vermuten wäre Eigenschaften wie Konkurrenzdenken oder Egoismus im Vordergrund, sondern auch Solidarität, Freundschaft und Hilfsbereitschaft. (Vgl. De Weck 2009) Wettbewerbe und Konkurrenzdenken werden oft als einziger Förderer von Innovationen angesehen, dass Teamwork dies jedoch viel eher stärkt, wird oftmals außeracht gelassen. Allein schon unsere Lebenserfahrung zeigt, dass wir nicht nur als homo oeconomius agieren und nur auf unseren eigenen Vorteil aus sind, sondern in der Realität oft Courage und Hilfsbereitschaft erfahren, ohne jeglichen Gegenaufwand dafür leisten zu müssen.

Ganz ähnlich verhält es sich zwischen ökonomischem Handeln und Moral. Schenkt man den Medien und der allgemeinen Meinung der Gesellschaft Glauben, so fehlt es den Marktteilnehmern an den grundlegendsten Voraussetzungen, die einen Hauch von Moral überhaupt erst zulassen würden: „Anstand, Verantwortung, Solidarität und Gerechtigkeitssinn – mit einem Wort: Empathie.“ (De Weck 2009) Erstaunlich ist es jedoch wie oft die Gegenseite, also die Marktteilnehmer selbst bekunden wie wichtig ihnen die Bedeutung von Moral und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft sind und wie gerne sie bereit sind beides zu gewährleisten. Doch wie passen diese gegenläufigen Bildnisse zusammen? Wie kann es sein, dass Moral in der Ökonomie einen so großen Stellenwert einnimmt, während auf der anderen Seite wirtschaftliches Handeln und alles was damit verbunden ist, immer undurchsichtiger wird und wir somit immer mehr darauf angewiesen sind, dass entsprechende Angaben über faires Verhalten stimmen. In der Realität scheinen Wirtschaft und Moral also weit voneinander entfernt zu sein. Ist dies jedoch tatsächlich so? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander, wie kommt es zu gegenseitigen Beeinflussungen und welch Rolle könnte ihnen in der Zukunft zukommen? Mit diesen und weiteren Fragen wird sich die folgende Arbeit befassen. Vorerst einmal nähern wir uns der genaueren Betrachtung der beiden tragenden Elemente an. Was macht eigentlich die Wirtschaft aus und was wird unter Moral verstanden? Unter Wirtschaft versteht man die „Gesamtheit der Einrichtungen und Maßnahmen, die sich auf Produktion und Konsum von Wirtschaftsgütern beziehen.“ (Duden[1] 2014) Also alle Bereiche die dazu verhelfen bestimmte Güter herzustellen oder Dienstleistungen anzubieten. Von Verantwortungsübernahme oder Moral ist an dieser Stelle noch keine direkte Rede. Das übergeordnete Ziel der Wirtschaft ist es demnach alles dafür zu tun, damit eben diese Güter oder Dienstleistungen zur Verfügung stehen können. Dies allein reicht jedoch noch nicht. Nur an die Hoffnung geknüpft Gewinne einzufahren, ist die Wirtschaft auch für den Unternehmer von Interesse. Unternehmen sind sogar geradezu verpflichtet Gewinne einzufahren um weiterhin bestehen zu können. So sind „Verluste [sind] unsozial, nicht Gewinne.“ (Thieme 2013) Unsozial wären Verluste nämlich der Belegschaft und all denen gegenüber, die beispielsweise im Falle von Kürzungen oder gar Betriebsschließungen betroffen wären. Allerdings ist es auch nicht der Sinn der Wirtschaft anderen Menschen, beziehungsweise Lebewesen, der Umwelt oder sonst etwas Schaden zuzufügen. Und an dieser Stelle kommt die Moral ins Spiel. Denn ab welchem Punkt ist es in Ordnung, dass Wirtschaftsakteure eigennützig handeln, ohne vorher die Verantwortung genau abzuwiegen? Oder handeln Wirtschaftsakteure gar nicht eigennützig? Für wen handelt die Wirtschaft überhaupt? Für sich selbst, oder für die Gesellschaft? Wer sollte die Regeln aufstellen? Kommen wir zunächst zur Moral. Durkheim beschreibt die Moral als etwas, dass uns Menschen Ziele vorgibt, die wir zu verfolgen haben, ganz gleich was dies auch sein mag. (Vgl. Schröder, 334) Der Duden als eine „Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden.“ (Duden[2] 2014) Stellt man diese Definitionen von Moral nun in ein Verhältnis mit der Wirtschaft und den Marktteilnehmern, scheint es als wären beide „[…] scheinbar entgegengesetzte[n] Pole […]“ (Bauchmüller 2010) Doch woher kommt das? Wie können zwei Faktoren die in der Gesellschaft selbst ihren Ursprung finden so gänzlich unterschiedlich sein? Eine Betrachtungsmöglichkeit bezieht sich auf das Verhältnis in dem man die Beziehung zwischen Wirtschaft und Moral einordnet. Dies geschieht nämlich meist im Verhältnis zum eigenen Alltag. Und so wie der Alltag, „[…] folgt auch die Wirtschaft zunächst einem binären Code, einem Schwarz und Weiß.“ (Bauchmüller 2010) Im Bereich der Wirtschaft bezieht sich dieser binäre Code beispielsweise auf Gewinne auf der einen Seite und Verluste auf der anderen Seite. Die Moral passt in diese Unterteilung eigentlich nicht hinein, schafft es aber dennoch auf verschiedenen Wegen. Einer diese Wege bezieht sich darauf, dass wirtschaftliche Märkte von uns Menschen selbst geschaffen werden. Dadurch ist es möglich, dass sich die Moral sich einen Weg in die Wirtschaft bahnt. (Vgl. Bauchmüller 2010)

Spricht man von Moral, gesellt sich automatisch auch der Begriff der Verantwortung hinzu. Die beiden Begriffe sind jedoch voneinander abzugrenzen, da Verantwortung lediglich bedeutet für etwas einzutreten, sich quasi zu etwas zu bekennen. Ob dies moralisch oder eher verwerflich ist, ist vollkommen unabhängig von der Verantwortung. Sie kann von Hingabe bis zur Opferbereitschaft aus den verschiedensten Gründen erfolgen. Das Übernehmen von Verantwortung erfolgt also nicht nur aus einem bestimmten Grund, es können verschiedene Formen unterschieden werden. Eine dieser Formen ist die moralisch zwingende Verantwortung, welche beispielsweise Eltern für ihre Kinder übernehmen. Tun sie dies allerdings nicht, kann es zu erheblichen Folgen für sie kommen. (Vgl. Rucht et al. 2007, 10) Die Moral zwingt sie also dazu sich um ihre Kinder zu kümmern. Auf der anderen Seite gibt es die sozial erwünschte Verantwortung, welche kein Muss ist und auch nicht zwingend erwartet wird, jedoch trotzdem gerne gesehen ist, wie beispielsweise Nachbarschaftshilfe und Ähnliches. (Vgl. Rucht et al. 2007, 10) Auch dies kann in Verbindung mit der Moral stehen, wenn man sich zum Beispiel moralisch verpflichtet fühlt, seinen Nachbarn zu helfen. Hilft man ihnen nicht, hat man keine drastischen Folgen zu erwarten.

Wirtschaftliche Akteure beziehen sich in der Öffentlichkeit oftmals auf moralische Werte und bekunden ihre Übernahme von Verantwortung. Dies geschieht auch wenn beispielsweise innerhalb ihres Unternehmens Prozesse ablaufen, die in der Gesellschaft weniger oder gar überhaupt nicht geduldet werden würden. Dennoch kommt es in den meisten Fällen nicht zu tatsächlichen Erklärungen, warum ein Unternehmen einen bestimmten Weg einschlägt, sondern zu Bekundungen die sich meist auf das Gemeinwohl der Gesellschaft beziehen und somit allgemein anerkannter sind. An dieser Stelle lassen sich zwei unterschiedliche Argumentationsweisen feststellen. Die erste Argumentationsweise bezieht sich auf den argumentativen Zwang. Unmoralisches, wirtschaftliches Handeln soll hierbei über „[…] gesellschaftlich anerkannte Werte und Interessen […]“ legitimiert werden. (Schröder 2011, 334) Die tatsächlichen Beweggründe aus denen die wirtschaftlichen Akteure handeln, wie sie eben handeln, werden verschwiegen, verdreht oder einfach gänzlich anders dargestellt. Es wird also versucht die eigenen Handlungen auf der moralischen Ebene durch bestimmte Rechtfertigungen in ein anderes Licht zu rücken. Letztendlich führt dies dazu, dass entsprechende Rechtfertigungen einmal ausgesprochen, nicht mehr zurückgenommen werden können. Unabhängig von den Meinungen und den Diskussionen die daraufhin innerhalb der Gesellschaft ablaufen, wird der argumentative Zwang ausgeübt. Durch die vorgeschobenen Rechtfertigungen kommt es zu einer Verstrickung aus der es so gut wie unmöglich ist wieder herauszukommen. Versucht man es doch, kann es schnell zu einem unglaubwürdigen Image kommen. Da die Rechtfertigungen „[…] eine Eigendynamik, die Argumentationsmöglichkeiten und Handeln immer weiter einschränkt [.]“ (Schröder 2011, 345), entwickeln, ist man schließlich dazu gezwungen den Argumentationsstrang weiterhin zu verfolgen und argumentativer Zwang wird ausgeübt.

Versuchen wirtschaftliche Akteure gar nicht erst sich mithilfe von moralischen Argumenten vor den Reaktionen der Gesellschaft zu verteidigen, kann der eben genannte argumentative Zwang auch nicht greifen. An diese Stelle tritt der indirekte Zwang. Dieser wirkt auf Akteure ein, die offen preisgeben aus welchen Gründen sie bestimmte Dinge tun, oder auch nicht tun, auch wenn allgemein bekannt ist, dass es gesellschaftlich geächtet wird. Dies ist auf der einen Seite durchaus positiv, da so keine vorgeschobenen Argumente eingesetzt und somit die wahren Gründe für bestimmtes Handeln versteckt werden. Jedoch kann diese Offenheit auch ihre Schattenseiten haben, nämlich dann, wenn es zu Streiks, Demonstrationen und Arbeitsausfällen bis hin zu Produktionsstillständen kommt. Ein solcher Fall würde enorme Kosten für das wirtschaftliche Unternehmen darstellen. Um dies zu umgehen oder schlimmere Folgen zu verhindern, ist es notwendig sich mit dem sozialen Umfeld zu einigen. Dieses Vorgehen beschreibt den indirekten Zwang. Wirtschaftsunternehmen lassen sich nicht auf moralische Argumentationsweisen ein, was „[…] jedoch selbst Legitimationsprobleme und damit indirekten Zwang mit sich […]“ (Schröder 2011, 346) bringt.

In der Realität scheint es, als würde die Argumentation bei eben solchen öffentlichen Debatten auf der moralischen Ebene so gut wie immer der ersten Argumentationsweise folgen. In den seltensten Fällen rechtfertigen wirtschaftliche Akteure ihr Handeln mit Gewinnstreben und Profitge danken. Aber warum ist dies so, wenn es doch der eigentliche Sinn eines Unternehmens bzw. der einzelnen Akteure innerhalb der Wirtschaft ist, Gewinne zu erzielen? Dies kann unter anderem auf die verschiedenen Sichtweisen zurückgeführt werden. Es gibt selbstverständlich nicht das moralisch richtige Verhalten. Innerhalb eines Unternehmens beispielsweise wird das Handeln mehr danach beurteilt, ob es wirtschaftliche Ziele verfolgt werden, wie Gewinnmaximierung, etc. und weniger danach, ob es gesamtgesellschaftlichen Werten entspricht. Für Unternehmenschefs kann es so zum Beispiel durchaus moralisch sein den Produktionsstandort in ein anderes Land zu verlagern, wenn so Kosten gesenkt, Gewinne erzielt und das gesamte Unternehmen gesichert werden kann . In diesem Falle wäre ihr Handeln aus ihrer Sicht heraus eine moralische Tat für die Wirtschaft. Eine andere Sichtweise könnte die der Öffentlichkeit sein. Für diese stehen selbstverständlich nicht wirtschaftliche Ziele im Vordergrund, sondern eher Werte die in der gesamten Gesellschaft anerkannt sind. Eine Verlagerung des Produktionsstandortes wäre aus Sicht der Gesellschaft somit äußerst unmoralisch. Arbeitsplätze im Ursprungsland der Produktion würden verloren gehen wodurch Menschen ihre Existenzgrundlange verlieren würden. Es kommt demnach also ganz darauf an, aus wessen Sicht man ökonomisches Handeln mit Moral in Verbindung setzt. Da die Gesellschaft sich im Normalfall nicht vor der Wirtschaft für ihr Handeln rechtfertigen muss, muss sie sich auch keine Gedanken darüber machen auf welche Weise sie argumentieren. Andersherum muss die Wirtschaft sich jedoch den Meinungen innerhalb der Gesellschaft stellen und somit auch entsprechende Rechtfertigungen und Argumente liefern. Auf welche Art und Weise diese Argumentation erfolgen kann, wurde bereits zuvor beschrieben.

Da die Wirtschaft mit der Zeit immer mehr an Macht gewinnt, stellt sich automatisch die Frage wie es somit auch in der Zukunft um die Moral steht. Wird moralisches Handeln eine immer kleinere Rolle spielen und kann die Wirtschaft quasi machen was sie will?

Es ist noch gar nicht so lange her, da entfachte ein Vorschlag der Europäischen Kommission zahlreiche Diskussionen in denen es ebenfalls um ökonomisches Handeln und Moral ging. Der Vorschlag den die Kommission machte, bezog sich auf die Liberalisierung des europäischen Trinkwassermarktes, im Zuge derer Konzessionen an private Unternehmen vergeben werden sollten, welche daraufhin für die Trinkwasserversorgung zuständig sind. Aus wirtschaftlicher Sicht wurde argumentiert, dass innerhalb der Europäischen Union ein freier Waren- und Dienstleistungsverkehr herrscht und somit auch Wasser dieser Regelung unterliegen sollte. Zudem wurde angemerkt, dass große Unternehmen, die sich im Bereich der Trinkwasserversorgung bereits auskennen effizienter arbeiten können, als beispielsweise kleinere Stadtwerke, die speziell dafür zusammenkommen um bloß einige Orte mit Wasser zu versorgen. Dem gegenüber standen kritische Meinungen, die den Vorschlag der Kommission für schlichtweg unmoralisch erklärten. Statt steigender oder wenigstens bleibender Qualität des Wassers befürchteten Gegner des Vorhabens eine sinkende Qualität durch reines Profitstreben der Unternehmer. Die Befürchtung des Profitstrebens ist wie bereits zuvor beschrieben nicht weit hervorgeholt. Da es der Sinn eines Unternehmens ist Gewinne zu erzielen, wäre dies im Falle einer Wasser-Privatisierung nicht anders. Selbstverständlich würde sich kein Unternehmer um eine Konzession bewerben, nur des Besitzes wegen. Wie in allen anderen ökonomischen Bereichen auch, würde es auch hier um Profite gehen. Natürlich möchte dieses Profitstreben niemand direkt zugeben. Auch im Beispiel der Wasser-Privatisierung ist dies der Fall und es kam zu einer Verstrickung mittels indirektem Zwang. Investitionen in Rohre, Leitungsnetze und die Qualität des Wassers wurden versprochen. Die erste europäische Bürgerinitiative Right2water fand sich als Gegner der Wasser-Privatisierung zusammen und rief eine erfolgreiche Petition ins Leben. Als Reaktion auf die öffentlich gemachte Abneigung der europäische Bürger gegen dieses Vorhaben, änderte die Europäische Kommission die Richtlinien, sodass die Wasserversorgung nicht von den EU-Konzessionsrichtlinien betroffen ist. (Vgl. Right2water) Als kritisch wurde es angesehen, dass die Lebensgrundlage Wasser, die von den Vereinten Nationen sogar als Menschenrecht festgehalten ist, zur Ware und somit zum Spekulationsobjekt gemacht werden sollte. Großkonzerne hätten so noch mehr Macht als ohnehin schon und könnten über Preis, sowie Qualität entscheiden, wodurch insbesondere einkommensschwache Menschen betroffen wären. (Vgl. Otto et al. 2013)

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Details

Seiten
9
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668423190
ISBN (Buch)
9783668423206
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356559
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2,0
Schlagworte
ökonomisches handeln moral welchem verhältnis

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Titel: Wirtschaft und Moral. In welchem Verhältnis stehen ökonomisches und moralisches Handeln?