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Die österreichische Sozialpartnerschaft. Ein Modell für die intakte Beziehung zwischen Gewerkschaften und Unternehmen

Hausarbeit 2017 12 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozialpartnerschaft

3. Das österreichische Modell der Sozialpartnerschaft
3.1 Die vier Sozialpartner
3.2 Historischer Hintergrund der Sozialpartnerschaft
3.3 Zukunft der Sozialpartnerschaft

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aus deutscher Sicht ist Österreich eines von mehreren kleinen Nachbarländern (vgl. EIRO Country Profile 2008: 1), welches weder als bedrohlich noch als exotisch angesehen wird. Die Deutschen kennen das Land aus dem Urlaub in den Bergen oder in der Metropole Wien, politisch und gesellschaftlich galt die Alpenrepublik in der öffentlichen Wahrnehmung als eher konservativ. Die Regierungsbeteiligung der rechtspopulistischen FPÖ von Jörg Haider Anfang des 20. Jahrhunderts sorgte für Irritationen über das lange Zeit als Insel der Seligen bekannte Nachbarland, in dem der Interessenausgleich in der Politikgestaltung stets eine übergeordnete Rolle gespielt hatte (vgl. Purger 2009: 103ff.). Der Konflikt im Zuge der Flüchtlingskrise 2015/16 sowie die Bundespräsidentenwahl 2016 verstärkte dieses Bild (vgl. Klatzer/Ortega-Sánchez 2016). Das Wissen über das politische System Österreichs im Speziellen ist in Deutschland aber sehr gering.

Auch wenn Österreich für Politikwissenschaftler ein eher unscheinbares Land ist, so ist es doch ein äußerst interessantes politisches und gesellschaftliches Gebilde, welches sich unter anderem aufgrund der gemeinsamen Geschichte und Sprache und der gleichen politischen Staatsform gut miteinander vergleichen lässt. Besonders das Modell der österreichischen Sozialpartnerschaft lädt dazu ein, von wissenschaftlicher Seite aus genauer betrachtet zu werden. Bis heute gilt dieses als äußerst erfolgreiches Modell für die intakte Beziehung zwischen Gewerkschaften und Unternehmen, die in abgeschwächter Form auch in der Bundesrepublik Deutschland anzutreffen ist, dort aber weitaus kritischer beurteilt wird.

Der Autor der vorliegenden Ausarbeitung hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses österreichische Mustersystem einer Konkordanzdemokratie genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei wird er zunächst auf den Begriff Sozialpartnerschaft im Allgemeinen eingehen und diesen anhand der verwandten Fachtermini Korporatismus und Konkordanzdemokratie genauer erläutern. Anschließend geht er im Speziellen auf das österreichische Modell der Sozialpartnerschaft ein. In diesem Kapitel beschreibt er zunächst die vier Sozialpartner und erläutert ihre Stellung im politischen System Österreichs. Anschließend geht er auf die historische Entwicklung dieser gesetzlich verankerten Sozialpartnerschaft ein, um anschließend die allgemeine Kritik an dem System besser aufzeigen und abschließend einen Ausblick geben zu können. Aus forschungsökonomischen Gründen kann der Autor nicht auf alle Aspekte dieser komplexen Thematik eingehen, jedoch ist diese Ausarbeitung dazu imstande, ein umfassendes Bild der österreichischen Sozialpartnerschaft zu zeichnen.

2. Sozialpartnerschaft

Mit dem Terminus Sozialpartnerschaft ist das kooperative Verhältnis von Sozialpartnern, die in der Regel aus Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbänden bestehen, gemeint. Diese Sozialpartner verfolgen das Ziel, Interessenskonflikte aus dem Weg zu räumen (vgl. Steinmetz: 1). Sozialpartnerschaften sind in verschiedenen Ländern unterschiedlich aufgebaut und unterscheiden sich teilweise deutlich voneinander.

Als das prominenteste Beispiel für eine gut funktionierende Beziehung zwischen Gewerkschaften und Unternehmen gilt in der Politikwissenschaft bis heute die österreichische Sozialpartnerschaft. Sie wird im Vergleich mit der weniger stark ausgeprägten Sozialpartnerschaft deutlich positiver beurteilt. Diese war anfangs mehr eine lose Zielvorstellung sozial engagierter Kreise aus christlichen Unternehmen oder sozialliberalen Politikern und Wissenschaftlern und wurde erst nach und nach in die politische Praxis umgesetzt.

Ein verwandter politikwissenschaftlicher Begriff zur Bezeichnung unterschiedlicher Varianten der Beteiligung ausgewählter gesellschaftlicher Gruppen an politischen Entscheidungsprozessen ist der Korporatismus. Hier wird zunächst zwischen dem autoritären und dem liberalen Korporatismus unterschieden, wobei der autoritäre Korporatismus eine erzwungene Einbindung von Wirtschafts- oder Gesellschaftsgruppen in autoritäre Entscheidungsverfahren bezeichnet, während sich der liberale Korporatismus durch die freiwillige Beteiligung von gesellschaftlichen Organisationen auszeichnet (vgl. Nohlen et al. 2010: 517). Konkret verbunden hiermit ist auch eine Austrittsmöglichkeit der Verbandsmitglieder aus der institutionalisierten Kooperation (vgl. Behrends 1999: 97f.). Die Einbindung der Sozialpartner erfolgt bei der Formulierung politischer Ziele, bei der Entscheidung über diese und bei der Erfüllung staatlicher Aufgaben und Leistungen. Bestandteile der Interessenvermittlung sind die gegenseitige Information, das Aushandeln multilateraler Vereinbarungen und kontrollierbarer Verpflichtungen, die bei den beteiligten Akteuren ein hohes Maß an Bereitschaft zum Konsens erfordern (vgl. Nohlen et al. 2010: 517).

Den liberalen Korporatismus findet man vor allem in Konkordanzdemokratien vor. In Europa gilt das politische System Luxemburgs als stark konkordanzdemokratisch, die Schweiz, die Niederlande oder Belgien weisen mehr oder weniger stark ebenfalls konkordanzdemokratische Züge auf. Auch die Bundesrepublik Deutschland gilt als Mischform zwischen Konkordanz- und Konkurrenzdemokratie (vgl. Schmidt 2011: 35f.). Ein Beispiel für ein konkordanzdemokratisches System ist weiter auch die Sozialpartnerschaft in Österreich, welche in vergleichbarer Form in Deutschland oder in anderen sozialen Marktwirtschaften existiert. In diesem System tragen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ihre Konflikte möglichst nicht durch Arbeitskämpfe wie etwa Streik aus, sondern versuchen im Interesse der Nationalökonomie eine reibungslose Einigung zu erzielen.

3. Das österreichische Modell der Sozialpartnerschaft

Die Träger der österreichischen Sozialpartnerschaft sind zum einen die Dachverbände der Interessensorganisationen der Arbeitgeber und zum anderen die Regierung. Die Sozialpartnerschaft folgt einem spezifischen Muster der Interessenpolitik und Interessenvermittlung, welches durch Zusammenarbeit und Abstimmung der Interessen zwischen diesen Organisationen bestimmt wird und vor allem in den Bereichen der Einkommens-, Wirtschafts-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik angewandt wird (vgl. Tálos 2000: 1).

Eine unabdingbare Bedingung für dieses in Österreich dominante makrokorporatistische Muster ist die besondere Zusammensetzung des nationalen Verbändesystems, welches durch vier große Dachverbände dominiert wird, deren besondere Stellung auf dem hohen Konzentrations- und Zentralisierungsgrad und der besonderen politischen Privilegierung beruht (vgl. ebd.: 2).

Ein wesentliches Kennzeichen der Interessenspolitik ist, dass die Dachverbände in der Entscheidungsfindung und Politikformulierung der oben genannten Makroebene von Politik eingebunden sind. Weiter bedeutet das Modell aber auch die Akkordierung verschiedener Interessen zwischen den Dachverbänden und der Regierung. Wenn man diese Voraussetzungen genauer betrachtet, lassen sich zwei Modi der Interessenspolitik formulieren. Zum einen ist eine partikularistisch-lobbyistische Interessenpolitik über nahestehende Parteien und Minister zu erkennen und zum anderen eine konzertiert- akkordierte Interessenpolitik in Form von Kompromissen in Verhandlungen der Experten und Präsidenten der Interessenorganisationen untereinander und mit Regierungsrepräsentanten (vgl. ebd.).

3.1 Die vier Sozialpartner

Die vier Sozialpartner vertreten jeweils die Interessen verschiedener Personengruppen. Die Arbeiterkammer (AK) und der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) sind sozialdemokratisch geprägt und vertreten die Arbeitnehmer. Die christdemokratisch geprägte Wirtschaftskammer Österreich (WKO) vertritt die Arbeitgeber und die ebenfalls christdemokratisch dominierte Landwirtschaftskammer (LK) die Interessen der Landwirte. Die parteipolitische Färbung der Sozialpartner kann man unter anderem deutlich an ihren Präsidenten festmachen, die in der AK und dem ÖGB seit 1945 jeweils aus der SPÖ kamen und bei der WKO und der LK im selben Zeitraum jeweils von der ÖVP gestellt wurden. Insgesamt vertreten die Arbeitnehmerorganisationen deutlich mehr Menschen (AK rund 3.400.0001 und ÖGB 1.196.538 Personen2 ) als die Arbeitgebervertretungen (WKO 506.1463 und LK rund 200.000 Personen).

Die AK, WKO und LK müssen dem österreichischen Gesetz nach existieren und auch ihre Mitglieder sind gesetzliche Pflichtmitglieder. Einzig der ÖGB ist ein freiwilliger Zusammenschluss seiner Mitglieder zu einem Verband (vgl. Falkner 1999: 7).

[...]


1 Nach eigenen Angaben, s. http://www.akeuropa.eu/de/About-AKEU/

2 Nach eigenen Angaben, s. http://www.oegb.at/cs/Satellite?blobcol=urldata&blobheadername1=content- type&blobheadername2=content- disposition&blobheadervalue1=application%2Fpdf&blobheadervalue2=inline%3B+filename%3D%22Mitglieder _nach_Gewerkschaft_2015.pdf%22&blobkey=id&blobnocache=false&blobtable=MungoBlobs&blobwhere=134 2611866795&ssbinary=true&site=S06

3 Nach eigenen Angaben, s. http://wko.at/statistik/jahrbuch/mg-km.pdf 6

Details

Seiten
12
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668423312
ISBN (Buch)
9783668423329
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356296
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Schlagworte
Sozialpartnerschaft Österreich Interessenvertretung Gewerkschaft

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