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Dilemmata im Philosophie-Unterricht

Analyse der Dilemma-Methode von Lawrence Kohlberg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 20 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Vorstellung des Themas und der Leitfrage
1.2 Überblick über die Gliederung der Hausarbeit

2. Moralerziehung bei Lawrence Kohlberg
2.1 Lawrence Kohlbergs Leben und Wirken
2.2 Hintergründe und Grundzüge von Kohlbergs Moralerziehung
2.3 Zielsetzung und Durchführung der Dilemma-Methode

3. Schulischer Kontext
3.1. Dilemma-Diskussion im schulischen Philosophie-Unterricht
3.2. Chancen und Risiken im Schulalltag
3.3. Umsetzbarkeit von Kohlbergs Dilemma-Methode in der Schule

4. Fazit
4.1. Bewertung der Dilemma-Methode und Beantwortung der Leitfrage
4.2. Abschließende Bemerkungen

5. Literaturverzeichnis & Anhang

1. Einleitung

1.1 Vorstellung des Themas und der Leitfrage

Diese Hausarbeit wurde inspiriert durch Lawrence Kohlbergs Schriften über die Möglichkeiten und Chancen der Dilemma-Methode, welche den Menschen in seiner Moralerziehung fördern, schulen und fordern kann. Speziell geht es um die Umsetzbarkeit der Methode im schulischen und philosophieunterrichtlichen Kontext, und wie die Einbindung in den Schulalltag zu bewerten ist.

Die Fragestellung dieser Arbeit lautet: Kann man die Dilemma-Methode nach Kohlberg im Schulalltag einsetzen und wie sollte man sie als Philosophie-Lehrender durchführen?

1.2 Überblick über die Gliederung der Hausarbeit

Um diesem Forschungsanspruch gerecht zu werden, wird der Hauptteil der vorliegenden Arbeit in mehrere Abschnitte unterteilt. Jeder Abschnitt beschäftigt sich dann mit einer speziellen Facette des zugrunde liegenden Themas. Es liegen zwei große gedankliche Abschnitte vor.

Das zweite Kapitel befasst sich mit Lawrence Kohlbergs Werken und Ideen rund um die Moralerziehung. Es werden biographische Eckdaten gegeben und seine Vorstellungen zur stufenweisen Moralentwicklung vorgestellt. Im letzten Unterkapitel wird die Dilemma-Methode nach Kohlberg vorgestellt und erläutert. Im zweiten Kapitel werden unter anderem mehrere Werke Kohlbergs und die umfassende Kohlberg-Biographie von Detlef Garz herangezogen.

Im dritten Kapitel wird ein Bezug zum schulischen Philosophieunterricht hergestellt. Die Umsetzbarkeit und die Vorteile von Dilemmata im Allgemeinen werden erläutert, bevor untersucht wird, inwieweit sich Kohlberg Dilemma-Methode im Philosophieunterricht einsetzen lässt. Das dritte Kapitel fußt auf Aspekten der Kernlehrpläne des Philosophieunterrichtes, außerdem werden auch hier Kohlbergs Arbeiten und Erkenntnisse rund um Dilemmata erläutert.

Das vierte Kapitel beinhaltet ein Fazit und die Antwort auf die Leitfrage.

2. Moralerziehung bei Lawrence Kohlberg

Lawrence Kohlberg wird am 25. Oktober 1927 in Bronxville in New York geboren und stirbt am 19. Januar 1987 im Alter von 59 Jahren in Winthrop in Massachusetts. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit Psychologie und Erziehungswissenschaft. Er gilt als Gründer der Stufentheorie der Moralentwicklung, bei welcher der Mensch mehrere Stufen während seiner moralischen Entwicklung durchläuft.

2.1 Lawrence Kohlbergs Leben und Wirken

Kohlberg wird in eine jüdische Familie der Mittelklasse in Bronxville geboren. Er besucht eine angesehene Schule, fällt aber durch eine aufsässige und einfallsreiche Art auf, welche dazu führt, dass er während der gesamten Schulzeit unter Bewährung und Beobachtung steht. Gleichzeitig zeigt er jedoch exzellente schulische Leistungen, weswegen er von seinen Lehrern geschätzt wird.

Nach seiner Schulzeit dient er als Wehrdienstleistender in Europa, gerät in Kriegsgefangenschaft und wird erst Jahre später befreit. Die Kriegsgefangenschaft dient ihm seinen Aufzeichnungen nach als diejenige Zeit, in welcher er versucht, die Handlungsmaxime der unterschiedlichen Kriegsmächte zu untersuchen und nach einer zugrunde liegenden Moral zu forschen.

Zurück in den Staaten beginnt er ein Psychologiestudium, weil er im Krieg und in der Gefangenschaft die „institutionelle Ungerechtigkeit“ (Garz, S. 13) erfahren hat und ihr entgegen wirken möchte. Er erweist sich hierbei als überdurchschnittlich guter Student.

Im Anschluss an das Studium arbeitet Kohlberg als Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität von Harvard. Hier gründet er selbst das Center for Moral Education and Development, und arbeitet noch lange Zeit als Lehrender und Forscher an der amerikanischen Universität (vgl. Garz, S. 15).

Er leidet in den letzten 16 Jahren seines Lebens an einer durch einen Parasiten hervorgerufenen Infektionskrankheit, welche ihn mit starken Schmerzen plagt. Nach langem Ertragen dieser Krankheit, welche ihn mehr und mehr in die Abhängigkeit von der Hilfe anderer Menschen treibt und ihn dadurch psychisch sehr stark belastet, nimmt er sich schließlich im Januar 1987 selbst das Leben durch Ertränken (vgl. Garz, S. 19).

2.2 Hintergründe und Grundzüge von Kohlbergs Moralerziehung

Lawrence Kohlbergs Moralerziehung fußt auf dem Gedanken, dass moralische Urteile, innere Einstellungen zu Handlungen und die Motivationen, gewisse Handlungen wegen moralischen Aspekten durchzuführen oder zu unterlassen, sich im Laufe des Lebens des Individuums immer wieder ändern können (vgl. Becker, S. 19). Der Mensch setzt sich stets mit neuen Situationen auseinander und erlebt viele Veränderungen der äußeren Umstände. Dies führt dazu, dass sich die Haltung eines Menschen zu moralisch-ethischen Positionen verändern kann.

Kohlberg wählt also einen „entwicklungspsychologischen Zugang zu moralischen Phämomenen“ (Becker, S. 19). Er stützt sich bei der Modellierung seines Konzeptes zum Teil auch auf die Forschungsergebnisse von Jean Piaget, genauer auf Piagets Entwicklungskonzept (vgl. Kohlberg 1974, S. 58ff., und Becker, S. 19). Dieses besagt, dass die Begründung von Meinungen und inneren Haltungen eines Individuums in einen Prozess eingebettet sind, welcher durch einen hierarchischen Aufbau gekennzeichnet ist. Das Individuum durchläuft aufeinander aufbauende Stufen und verfügt mit der Zeit so über „ein zunehmend größeres Problemlösungspotenzial“ (Becker, S 19), welches bei komplexeren Problemen zum Tragen kommen kann. Das Individuum durchläuft immer mehr Stufen und so bildet sich ein ausgeklügeltes System von Werten und Normen, auf welches das Individuum bei neuerlichen Entscheidungen zurückgreifen kann (vgl. Becker, S. 19). Dieses System ist jedoch nicht starr, sondern veränderlich (vgl. Kohlberg 1974, S. 58ff.).

Charakteristisch für Piaget und Kohlberg ist, dass sie ihre Stufen und darüber hinaus die gesamten Entwicklungsmodelle nicht starr an das Lebensalter des Kindes anlehnen, sondern schlicht daran, wie weit das einzelne Kind ganz persönlich in seiner Entwicklung fortgeschritten ist. So wird bereits bei Piaget betont, dass ein Kind in verschiedenen motorischen oder kognitiven Belangen auf unterschiedlichen Stufen stehen kann, und auch, dass die Übergänge zwischen den Stufen fließend sind und die Möglichkeit gegeben ist, zwischen einzelnen Stufen hin und her zu schwimmen (vgl. Seel & Hanke, S. 357).

Piaget hat auch eine genaue Stufendefinition, welche die einzelnen Stufen charakterisiert, formuliert. Kohlberg greift diese Definition in seinen Arbeiten auf. Er verändert sie jedoch in manchen Belangen und entwickelt sie weiter. Piagets Stufenmodell geht von verschiedenen Entwicklungsschritten aus, die das Kind im Laufe der Kindheit durchläuft, und neue Fähigkeitsstufen, die es dadurch erlangt (vgl. Seel & Hanke, S. 357). Die kognitive Entwicklung bei Piaget beschreibt vier Stufen, die das Kind bis zur Adoleszenz durchläuft (vgl. Seel & Hanke, S. 357), die moralische Entwicklung des Kindes läuft simultan ab und lässt sich in drei Stadien einteilen (vgl. Seel & Hanke, S. 370): an erster Stelle steht die vormoralische Stufe, hierauf folgt die heteronome Moral, als letztes kommt die autonome Moral. Die beiden ersten Stufen zeichnen sich dadurch aus, dass Kinder den Regeln unterliegen und sie erlernen müssen (1. Stufe) beziehungsweise ihnen folgen (2. Stufe), in dem Glauben, dass diese Regeln fix und unveränderlich sind (vgl. Seel & Hanke, S. 370). Erst mit dem Erreichen der dritten Stufe beginnen Kinder, sich selbstständig mit der Sinnhaftigkeit und den moralischen Hintergründen von Regeln auseinander zu setzen und eventuell nach eigenen Gesetzen, die sich an den entstehenden Werte- und Normenvorstellungen orientieren, zu leben (vgl. Seel & Hanke, S. 370).

Kohlberg geht in der Definition seiner Stufen einen ähnlichen Weg, verfeinert aber die Eigenschaften der einzelnen Stufen und zeigt Schwierigkeiten auf.

Er legt sechs Stufen der moralischen Entwicklung fest, welche er jeweils gepaart in 3 Ebenen unterteilt (vgl. Horster, S. 21f.).

Die erste Ebene nennt er Präkonventionelle Ebene. Sie enthält die Stufe 1, welche durch Orientierung an Strafe und Gehorsam charakterisiert ist, und in welcher blinder Gehorsam des Kindes die zentrale Rolle spielt, denn das Kind möchte Strafen durch Autoritätspersonen vermeiden. Auch die Stufe 2 findet sich in der ersten Ebene, sie gibt die instrumentell-relativistische Orientierung vor, also eine Art fairen Tauschhandel von Maßnahmen, die die eigenen Bedürfnisse befriedigen, mit Maßnahmen, die Bedürfnisse anderer Personen befriedigen.

Die zweite Ebene heißt Konventionelle Ebene. Hier findet sich die 3. Stufe, welche sich um die zwischenmenschliche Konkordanz dreht. Kinder erlernen, dass es gut ist, nett zu sein und sich um andere zu kümmern, sie orientieren sich mehr und mehr an dem Modell „guter Junge / gutes Mädchen“ (Seel & Hanke, S. 371). Die Stufe 4 beinhaltet die Orientierung des Individuums an Gesetz und Ordnung, das Kind erlernt, den sozialen Verpflichtungen in der Gesellschaft zu entsprechen.

Die dritte und letzte Ebene nennt Kohlberg die Postkonventionelle Ebene. Hier findet sich die 5. Stufe, die sich mit der legalistischen Orientierung am Sozialvertrag beschäftigt und ausdrückt, dass die Individuen in dieser Stufe bemüht sind, die Grundrechte zu respektieren und sich an dem gesellschaftlichen Werte- und Normensystem zu orientieren (vgl. Seel & Hanke, S. 371). Die Stufe 6 behandelt die Orientierung an universellen ethischen Prinzipien, welche „für die ganze Menschheit gelten – überall und immer“ (Seel & Hanke, S. 371).

Die letzte Stufe drückt somit sehr stark aus, dass das Wesen nun über universell anerkannte und auch geforderte Fähigkeiten verfügt, welche ihm eine Kommunikation und ein Interagieren mit anderen Menschen ermöglicht.

Das Erlernen und Anwenden von Kompetenzen rund um die moralische Urteilsfindung führt dazu, dass die unterschiedlichen Stufen zueinander in Beziehung gesetzt werden (vgl. Reinhardt, S. 28). Bisher durchlaufene Stufen werden immer in das darauf folgende eingebaut. Es wird stets auf bereits erlangtes Wissen und auf bereits gewonnene Fähigkeiten aufgebaut und mit neuen Kompetenzen erweitert (vgl. Habermas, S. 138).

Das Lernen bei Kohlberg ist eine produktive Auseinandersetzung mit der Lebenswelt eines Menschen (vgl. Reinhardt, S. 28). Die Stufen des Entwicklungsmodells „spiegeln weder direkt Reifungsprozesse noch Lernprozesse als Folge von Konfrontationen mit spezifischen Umweltstimuli, Verstärkungen usw.“, sagt Kohlberg (1973, S. 228). Stattdessen sind die durchlaufenen und noch zu durchlaufenen Stufen Repräsentanten für „ausgewogene Interaktionsmuster zwischen Organismen und der Umwelt“ (Kohlberg, 1973, S. 228). Das Subjekt lernt hier aktiv und produktiv, es setzt sich seine eigene Lebenswelt zusammen und wird somit ein Ko-Konstrukteur seiner eigenen Welt (vgl. Hurrelmann, 1986).

2.3 Zielsetzung und Durchführung der Dilemma-Methode

Lawrence Kohlberg ist bekannt für seine Arbeiten und Ideen rund um die Behandlung von Dilemmata. Diese Dilemmata nutzt er beispielsweise, um die moralische Entwicklung von Menschen nachvollziehen, einschätzen und unterstützen zu können.

Er möchte identifizieren, inwiefern ein Mensch in der Lage ist, moralische Urteile zu fällen, und greift hierfür auf einen dreistufigen Versuchsaufbau zurück (vgl. Garz, S. 54).

In der ersten Stufe konfrontiert er die Versuchsperson mit einem hypothetischen Dilemma (vgl. Garz, S. 54). Dieses kann beispielsweise das von Kohlberg entworfene und sehr berühmte Heinz-Dilemma sein (vgl. Kohlberg, 1996, S. 495):

Im Heinz-Dilemma wird die Geschichte von einem Ehepaar erzählt. Die Ehefrau bekommt von ihrem Arzt die Diagnose mitgeteilt, sie habe eine tödliche Form einer bestimmten Krebsart. Ein Apotheker in derselben Stadt, in der die beiden wohnen, entwickelt kurz vor der Diagnosefindung ein rettendes Medikament. Dieses verkauft er für 2000 Dollar, obwohl ihn der Herstellungsprozess des Medikaments nur 200 Dollar kostet. Der Ehemann in dem beschriebenen Paar, ein Mann namens Heinz, leiht sich bei all seinen Bekannten Geld, um die Kosten für das Medikament tragen zu können, er erreicht jedoch nur eine Summe von 1000 Dollar. Als er den Apotheker fragt, ob er ihm das Medikament auch für 1000 Dollar überlassen würde, oder ob er ihn die Differenz später begleichen ließe, verneint dieser. Schlussendlich bricht Heinz in die Apotheke ein und stiehlt das Medikament für seine Frau, da ihm kein anderer Weg mehr einfällt.

Kohlberg entwirft und beschreibt noch weitere Dilemmata, welche typischerweise Situationen beschreiben, in denen es keine pauschal richtige oder falsche Lösungsmöglichkeit für die beschriebenen Probleme gibt. So befasst sich Kohlberg beispielsweise auch mit den Themen Sterbehilfe oder beispielsweise einem Disput zwischen einer Tochter und ihrer Mutter (vgl. Rothgang, S. 70 und S. 69).

Im zweiten Teil von Kohlbergs dreistufigem Versuchsaufbau steht ein strukturiertes Interview im Vordergrund (vgl. Garz, S. 54). Kohlberg stellt im Anschluss an eine der vorangegangenen Geschichten inhaltliche Fragen, und solche, die von den Interviewten Urteile fordern und eine Einteilung in richtig / falsch erwarten. So könnten im Anschluss an das Heinz-Dilemma beispielsweise diese oder ähnliche Fragen gestellt werden (vgl. Kohlberg, 1996, S. 495):

- Hätte Heinz das Medikament stehlen sollen? Warum oder warum nicht?
- Warum ist es so wichtig, das Leben der Frau zu retten? Wäre der Diebstahl auch gerechtfertigt, wenn der Kranke ein Fremder wäre und nicht wie hier die eigene Frau? Warum oder warum nicht?
- Heinz wird für den Diebstahl des Medikaments verhaftet. Soll der Richter ihn verurteilen oder freisprechen?
- Ist der Diebstahl moralisch falsch oder richtig?

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668418042
ISBN (Buch)
9783668418059
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356274
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Schlagworte
Dilemma Dilemmata Kohlberg Lawrence Philosophie Philosophie-Unterricht Philosophieunterricht Schule Dilemma-Methode
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Titel: Dilemmata im Philosophie-Unterricht