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Veränderung von Stereotypen im Wandel der Zeit - Am Beispiel von Frankreich und Deutschland im Vergleich

Seminararbeit 2000 26 Seiten

Kulturwissenschaften - Empirische Kulturwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Aufbau und Zielsetzung der Arbeit

2 Stereotyp, Vorurteil und Image
2.1 Zeiten des Wandels oder zur Konjunktur des Stereotyps?
2.3 Stereotyp und Vorurteil – eine abgrenzende Diskussion
2.4 Images: Begriff und Abgrenzung

3 Historie und das Bild vom Anderen
3.1 Ein historischer Exkurs
3.1 Französische Deutschlandbilder
3.2 Deutsche Frankreichbilder

4 Frankreich und die Deutsche Einheit
4.1 Die deutsche Wiedervereinigung - französische Reaktionen
4.2 Ein verändertes Deutschlandbild? - Ein Querschnitt

5 Zusammenfassung

A n h a n g

L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: S. 12 - Eigene Zusammenstellung von positiven wie

negativen französischen Deutsch[en]land-bildern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Das deutsch-französische Verhältnis hat seit dem Krieg verschiedene Phasen durchlebt, welche maßgeblich durch die internationalen Rahmenbedingungen determiniert wurden.

„[I]n der Erkenntnis, daß die Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern einen unerläßlichen Schritt auf dem Wege zum vereinigten Europa [.] [darstellt], welches [darüber hinaus] das Ziel beider Völker ist.“[1], liegt auch das Bewußtsein, wonach die deutsch-französischen Beziehungen nicht von der Europapolitik zu trennen sind. Obgleich beide Länder in der Verteidigungs-, Wirtschafts- und Finanzpolitik höchst unterschiedliche Wege gingen, bildeten sie vermittels einer erfolgeichen Gemeinsamkeit den Motor der europäischen Einigung.[2]

Waren die deutsch-französischen Beziehungen in den 80er Jahren noch durch ruhende Kontinuität gekennzeichnet, änderte sich die französische Haltung mit den Ereignissen, die zur deutschen Einheit führten, vielfach grundlegend.[3] Eine Vielzahl von Beiträgen, welche, verfaßt kurz nach dem Fall der Mauer, Reaktionen der französischen Regierung auf die deutschen Vorgänge beinhalteten, bilanzieren die Skepsis und die Befürchtungen, mit denen sowohl französische Politiker als auch die Medien der deutschen Wiedervereinigung begegneten.[4] Da ist von der französischen Angst eines erneuten Großdeutschlands ebenso die Rede wie von der übermächtigen Sorge, daß das Wirtschaftsimperium Deutschland nun überdies zu einem politischen Riesen avancieren könne.[5]

Die Ängste dokumentieren es: Es scheint, als regierten „im deutsch-französischen Informationsaustausch immer noch die Klischees, das Halbvergorene und scheinbar Einleuchtende [dergestalt], als handele es sich um solide völkerpsychologische Erkenntnisse. Was wirklichem Verständnis im Wege steht, sind [offenbar immer noch] jene unausrottbaren Vorurteile, [.] Klischees [...]“[6] und Stereotype, welche trotz sich wandelnder Ausprägungen je nach politischer Lage immer noch einen markanten Effekt verzeichnen.

1.1 Aufbau und Zielsetzung der Arbeit

Nachfolgende Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, der Fragestellung nachzugehen, inwieweit das Verschieben einer nationalen Grenze in der Folge der deutschen Wiedervereinigung von Seiten Frankreichs wahrgenommen und kommentiert wurde und inwiefern die Entwicklung des deutsch-französischen Verhältnisses, Beeinflussung durch die deutsche Einheit fand. Weiterhin ist die Arbeit bestrebt, zu hinterfragen, ob vor dem Hintergrund dieses Ereignisses alte Selbst- und Fremdbilder in Frankreich und Deutschland wiederbelebt wurden. Hierzu stößt man zwangsläufig auf deren Ausprägungen und Erscheinungsformen in Form von Stereotyp, Vorurteil und Image.

Abschnitt 2 sieht sich in diesem Sinne eröffnend mit der Erstellung einer brauchbaren Analyse der Stereotypenentwicklung in Deutschland und Frankreich konfrontiert, und wird, soweit angezeigt und möglich, sowohl eine ausführliche inhaltliche und definitorische Klärung geben als auch eine Abgrenzung der relevanten Begriffe zueinander. Abschnitt 3 ist nachfolgend bemüht, vermittels eines historischen Exkurses, welcher schwerpunkt-orientiert das französische Deutschlandbild zu thematisieren versucht, einen grundlegenden Überblick zu schaffen und hierdurch Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Länder erkennen zulassen. Abschnitt 4 eröffnet anschließend den exemplarischen Teil und ist bestrebt die Stereotypenentwicklung im deutsch-französischen Verhältnis synoptisch zu umreißen und zu analysieren. Abschnitt 5 schließt und gibt eine Zusammenfassung.

2 Stereotyp, Vorurteil und Image

2.1 Zeiten des Wandels oder zur Konjunktur des Stereotyps?

Wie bereits einleitend angedeutet, begannen die französischen Medien in der Perzeption der Wiedervereinigung wieder das Bild eines übermächtigen Deutschlands zu thematisieren, daß für Frankreich zur Bedrohung werden könnte. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts und der deutschen Einigung griffen die französische „classe politique“ und die Öffentlichkeit dabei zum Teil auch auf veraltete Vorstellungen und Klischees zurück, um das Verhältnis zum Nachbarn zu beschreiben. Analog der These Jurts, wonach „Zeiten des Umbruchs besonders `stereotypogen´ sind“[7], soll dies im Verlauf der Arbeit untersucht werden. Zuvor bedarf es jedoch einer eingehenden Klärung der relevanten Begriffe. Diese sind: Stereotype, Vorurteile und Images.

Neben den Definitionsversuchen von Manz[8] und Hofstätter[9], auf welche hier besonders hingewiesen werden soll, liegen eine ganze Reihe von Vorschlägen zum Stereotypenkonzept vor. Um eine möglichst umfassende Erläuterung zu gewährleisten, wurden an dieser Stelle verschiedene Erklärungsansätze berücksichtigt und zur ausführlichen Erklärung herangezogen.

2.2 Der Stereotypbegriff

Manz umschreibt vermittels des Begriffes „Stereotyp“ jenes Bild, welches eine Gruppe von sich selbst (Autostereotypen) oder von anderen (Heterostereotypen) haben kann.[10] Wie Picht bemerkt, ist das Bild vom anderen abhängig vom Selbstbild, also fortwährend in einer Wechselbeziehung verhaftet, die das Selbstbild durch das Fremdbild bedingt.[11] Die stereotypen Formen der Fremdwahrnehmung ordnen hierbei nicht nur der Fremdgruppe bestimmte Attribute zu, sondern sind immer auch reflexiv. Dabei wird der Andere zunächst auf einer Typusebene festgeschrieben, damit sozial faßbar gemacht und erst im Anschluß daran als individuelle Person betrachtet. Derartige Formen von Verallgemeinerungen und Vereinfachungen (Kategorisierungen) erfolgen, so Coburn-Staege,[12] automatisch und erschaffen einerseits die Grundlage für soziale Beziehungen, als daß sie andererseits auch Entscheidungen im Sinne eines adäquaten Handelns erleichtern. Damit offenbart sich an dieser Stelle, was oftmaliges Festhalten an respektive Rückgriff auf Stereotypen verständlich werden läßt: Stereotypen bergen eine Entlastungsfunktion, da sie zum einen die Orientierung und zum anderen das soziale Verhalten in neuen und damit unsicheren Situationen erleichtern.[13] Es sei an dieser Stelle mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß es der Argumentation dieser Arbeit fern liegt, potentielle Gefahren von Stereotypen als lediglich vermeintlich darzustellen, es der Vorgehensweise an dieser Stelle vielmehr darum geht, auch die ebenso vorhandenen Qualitäten von Stereotypisierungen herauszustellen, „ [...] was um so wichtiger ist, da sich das Stereotyp schlechterdings als unvermeidlich erweist.“[14]

Um exakte Erläuterungen zu gewährleisten, erfordern begriffliche Klärungen vielfach auch Abgrenzungen zu ähnlichen bzw. vermeintlich ähnlichen Begriffen. Kommt es zur Thematisierung des Stereotypbegriffs schwingt der Ausdruck V orurteil oftmals bereits mit oder wird gar gleich im selben Atemzug genannt. Nachfolgender Abschnitt ist daher bemüht diese und weitere vermeintlich ähnliche Begriffe und ihren nichtsdestotrotz uneinheitlich erfolgenden Gebrauch klärend näher zu beleuchten und ihre Unterschiede herauszustellen.

2.3 Stereotyp und Vorurteil – eine abgrenzende Diskussion

Wie soeben aufgezeigt wurde, brechen die Begriffe Stereotyp und Vorurteil oftmals im selben Atemzug hervor, werden dann aber dennoch einer uneinheitlichen Verwendung zugeführt.

Die wissenschaftliche Diskussion offenbart, daß einige Autoren den Begriff des Stereotyps als kognitiven Erkenntnis- und Erfahrungsmodus sehen, Vorurteil[15] dagegen eher als eine affektive und moralische Einstellung. Ungeachtet dessen gestaltet sich deren Verwendung verhäuft als frei austauschbar. Verweisend auf einen Beitrag Bausingers, umschreibt beispielsweise Steinmann[16] diesen als jemanden, welcher Vorurteilen durchaus wertvolle und positive Funktionen zuschreibt. Tatsächlich jedoch argumentiert Bausinger an keiner Stelle des Beitrages vermittels dem Begriff Vorurteil, sondern stets mit dem des Stereotyps. Ähnliches läßt sich auch den Argumentationen von Althaus und Mog entnehmen, welche der traditionellen Stereotypenforschung vorwerfen, Vorurteilen einen mangelnden Realitätsbezug zu unterstellen und sich statt dessen zu sehr Diskussionen widmen, welche die Unangemessenheit von Stereotypen thematisieren.[17] Offenbar erscheinen Beiträge, die sich den Begriffen Stereotyp und Vorurteil zuwenden, stets als mit gleichartigen Problemen befaßt und die Schwierigkeit insofern virulent, vor einem durch starke begriffliche Verwirrung geprägten Hintergrund, eindeutige Abgrenzungen vornehmen zu können. Allport, welcher sich in seinem Beitrag dem Begriff des Vorurteils zuwendet, versteht diesen als attitude und belief und führt in weiterer Erklärung an, daß ein ethisches Vorurteil eine Antipathie ausdrücke, deren Begründung in einer fehlerhaften und starken Verallgemeinerung zu suchen sei.[18] Auch Bierhoff schreibt dem Begriff Vorurteil die Eigenschaft einer Einstellung zu und erörtert hierzu beispielhaft eine Tendenz hin zu diskriminierendem Verhalten, welche gegenüber bestimmten Personen bzw. Personengruppen bestehe respektive zustande komme.[19] Es erscheint somit einsichtig, dem Begriff Vorurteil eine Bedeutung im Sinne von Vor-Urteil, als vorschnelle, negativ wie positiv eingefärbte Verallgemeinerung gegenüber Personengruppen zuzuschreiben, wohingegen der Ausdruck Stereotyp[20] als Urteil aufgefaßt werden kann.

Weiss geht mit seinem Beitrag noch weiter und führt eine Argumentation, wonach „[b]eide [.] nämlich nicht Urteile bzw. Generalisierungen aufgrund bestehender Fakten [sind], sondern das Ergebnis historischer Sozialbeziehungen zwischen Gruppen“.[21] Markefka wiederum versteht unter Vorurteil ein „abwertendes Urteil einer Person(engruppe) über eine andere“ und übersieht dabei interessanterweise die zugegebenermaßen nicht so häufig auftretende (aber dennoch bestehende) Möglichkeit positiver Vorurteile, eliminiert also die Zuschreibung positiver Eigenschaften.[22] Um noch einmal Weiss‘ Argumentation aufzu-greifen, so teilt dieser die Betrachtung des Terms Vorurteil zum einen in eine den engeren Sinn und zum anderen in eine den weiteren Sinn fokussierende. Im engeren Sinne seien ihm zufolge die Ausstattung und Eigenschaften, welche einer Gruppe bzw. einem Individuum stereotypisch zugeschrieben werden, erfaßt, wohingegen im weiteren Sinn eine Bewertung dieser Ausstattung erfolgt. Der Verständlichkeit halber hierzu ein Beispiel: Die Zuschreibung der Attribute „pünktlich, genau und ordentlich“ stellt zwar ein Vorurteil gegenüber „Deutschen“ dar - muß aber keineswegs zur Grundlage einer negativen Einstellung werden. Typisch für das Vorurteil ist also, daß es keiner Bestätigung bedarf und eine Einstellungs-änderung auch durch neues Wissen nicht erfolgt. Vorurteile können in einem anderen gesellschaftlichen Kontext sowohl weiterbestehen als auch dann noch aktualisiert werden, wenn die auslösenden historischen bzw. sozialen Verhältnisse längst nicht mehr existent sind.[23] Damit erscheinen Dettmars Ausführungen nachvollziehbar: „Sind Vorurteile erst einmal kulturell verankert und zu eingefahrenen Wegen (zu Stereotypen) geworden, dienen sie als Handlungsanleitung und bestätigen sich so immer wieder selbst“.[24] Im Zuge nachfolgend beabsichtigter Verdeutlichung dieser Problematik anhand von deutsch-französischen Beispielen, erweist sich die Erörterung des Imagebegriffes als dritten und letzten Term, als zentral, da sich beispielhafte erläuternde Schilderungen zumeist dieses Terms bedienen. Insofern gilt es, nicht nur den Begriff an sich und sein Wesen zu umreißen, sondern sich auch der Bildung und den verschiedenen Typen von Images erörternd zuzuwenden.

[...]


[1] Vgl., http://www.auswaertiges-amt.de/6_archiv/1/6-1n.html

[2] http://www.auswaertiges-amt.de/5_laende/fra/54c-fra4.htm; Ein grundlegender Überblick zu Stand und Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen.

[3] Vgl. Kübler, C.: (1997), S. 82.

[4] Vgl. Ebd.: (1997), S. 84.; vgl. hierzu auch Fritsch, A.: Bilanz eines ungewöhnlichen Jahres – Zwar Fehlurteile, aber ein solides deutsch-französisches Fundament, IN: Dokumente 6/1990, S. 462-468.; und auch Picht, R.: Deutsch-französische Beziehungen nach dem Fall der Mauer: Angst vor „Großdeutschland“?, IN: Integration 2/1990, S. 47ff.

[5] Guérin-Sendelbach, V.: (1999), S.51.

[6] Schmid, K.-P.: Die Deutschen, „besonders nackt und laut“, IN: Der Spiegel, Nr. 28/1985, S. 100-102.; [zitiert nach]; Kolboom, I.: (1991), S. 20

[7] Jurt, Joseph: Deutsch-französische Fremd- und Selbstbilder in der Literatur und Publizistik der Gegenwart, In: Frankreich-Jahrbuch 1995, Hrsg.: Deutsch-Französisches Institut, Opladen 1996, S. 77.

[8] Vgl. Manz, W.; (1968), S. 41ff.

[9] Vgl. Hofstätter, P.R., (1949), S. 31f.; S. 51.

[10] Manz, W., (1968), S. 92.

[11] Picht, R.: Die Fremdheit des Partners. Genügen die kulturellen Beziehungen?, IN: ders. (Hrsg.), Das Bündnis im Bündnis. Deutsch-Französische Beziehungen im internationalen Spannungsfeld, Berlin 1982, S.193-219; darin heißt es: „Das Interesse am anderen wird von eigenen Interessen und der Suche nach der eigenen Identität gesteuert. In diesem Prozeß historischer Wechselwirkungen spiegelt das französische Deutschlandbild daher immer ein Frankreichbild, das deutsche Frankreichbild immer auch die schwierige Auseinandersetzung Deutschlands mit sich selbst.“

[12] Coburn-Staege, U., (1973), S. 18.

[13] Vgl. ebd., (1973), S. 18.

[14] Vgl. Bausinger, H., (1988), S. 39ff.

[15] interessant hierzu ist auch: http://www.dfjw.org/paed/texte/evalua8.html.

[16] Steinmann, S., (1992), s. 217ff.

[17] Althaus, H.-J./Mog, P., (1992), S. 27.

[18] Allport, G. W., (1954), S. 6ff.

[19] Vgl. Bierhoff, (1986), S. 281.

[20] zum Umgang mit Stereotypen in den Massenmedien siehe dazu auch: http://ella.phil.uni-freiburg.de/RomSeminar /Berg/workshop99/expose.html.

[21] Weiss, H., (1984), S. 10.

[22] Markefka, M., (1990), S. 7.

[23] Vgl. Dettmar, E., (1989), S. 72.

[24] Vgl. dazu: ebd., S. 68.

Details

Seiten
26
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638354738
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v35612
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – IWK
Note
1,0
Schlagworte
Veränderung Stereotypen Wandel Zeit Beispiel Frankreich Deutschland Vergleich

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