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Die Kontroverse zwischen Assimilation und Multipler Inklusion. Wie Integration funktioniert

Hausarbeit 2016 11 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Verlauf der Integration
2a) „Vier Dimensionen“ nach Hartmut Esser
2b) Abhängigkeit von eigenen und äußeren Einflüssen
2c) Die „Exspected-Utility-Theorie“

3) Objektive Wirksamkeit/Umsetzbarkeit der Modelle
3a) Resultate der Studie des SOEP
3b) Zusammenfassung der Ergebnisse

4) Subjektives Empfinden der Betroffenen
4a) Die identifikative Integration
4b) Aussagen Betroffener und Zusammenfassung

5) Schluss: Beantwortung der gestellten Frage

6) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Die Integration von Migranten ist heutzutage ein wichtiges politisches Thema, aber dennoch keine neumodische Erscheinung. Deutschland gilt als traditionelles Einwanderungsland und erlebte bereits viele Einwanderungswellen. Beispielsweise zog es viele Menschen in den 1960er Jahren nach Deutschland, die ihre Arbeitskräfte anboten und so ihren Teil zum wirtschaftlichen Aufschwung der Bundesrepublik beitrugen. Auch aufgrund der momentanen Flüchtlingssituation ist die Integration ein hochaktuelles Thema, dass für viel Diskussionsstoff sorgt.

Ist die Beibehaltung der eigenen Kultur und der eigenen Werte bei Migranten ein Hindernis zur Integration? Das ist nur eine von vielen Fragen rund um das Thema Integration, aber zugleich die, mit welcher ich mich im Zuge dieser Hausarbeit auseinander setzen möchte. Hierfür werde ich zwei Integrationsmodelle gegenüberstellen: Das Modell der Assimilation und das der Multiplen Inklusion.

Um am Ende eine möglichst präzise Aussage treffen zu können, gehe ich nicht nur auf die Wirksamkeit und Umsetzbarkeit beider Modelle ein, sondern auch auf den grundlegenden Ablauf der Integration. Dafür beziehe ich mich beispielsweise auf die Werke des Soziologen Hartmut Essers oder auch die „Exspected-Utility-Theorie“.

Grundsätzlich lässt sich die Integration in die Sozial – und die Systemintegration unterteilen. Ersteres beschreibt die Integration des Individuums und letzteres die Integration ganzer Systeme in den Kontext. Der Ablauf der Sozialintegration, von welchem im Folgenden die Rede sein soll, lässt sich grundsätzlich in vier Fälle einteilen: die Marginalität (Ausschluss aus jeglichen sozialen Bezügen), die Segmentation (Einbindung in die eigene ethnische Gruppe unter Vernachlässigung der Aufnahmegesellschaft), die Assimilation (Fixierung auf die Aufnahmegesellschaft) und die multiple Inklusion (Teilhabe an beiden sozialen Systemen).

Wie bereits erwähnt, sind lediglich die letzten beiden Begrifflichkeiten relevant für meine Fragestellung, weshalb ich kurz noch auf sie eingehen möchte:

Die Assimilation geht von der Übernahme der Kompetenzen, Beziehungen und Orientierungen des Einwanderungslandes aus und kann auch als „ the process by means of which persons originally possessing heterogeneous frams of reference converge towards common frames of reference as a result of social interaction“ (Taft,1953: 49) definiert werden.

Der Prozess der Multiplen Inklusion beschreibt hingegen die Entstehung einer „Hybrid-Identität“: Also das Entwickeln von Zugehörigkeitsgefühlen zu mehreren kulturellen Räumen, ohne vollständigen Anpassungs- oder Angleichungsprozess.

Doch welches Modell eignet sich besser? Muss eine vollständige Anpassung vollzogen werden, damit die Integration gelingt?

2) Verlauf der Integration

Es existiert kein allgemein gültiger Ablauf der Integration. Jede Integration eines Individuums ist ein individueller Prozess, aber durch verschiedene Theorien ist es möglich, sich diesem Prozess anzunähern. Hartmut Esser veröffentlichte 1980 sein Modell der vier Dimensionen, auf das ich nun gerne eingehen möchte.

2a) „Vier Dimensionen“ nach Hartmut Esser

Laut Hartmut Esser durchläuft jeder sich integrierende Mensch vier Dimensionen, die aufeinander aufbauen und miteinander zusammenhängen. Diese Phasen müssen nicht zwingend in einer bestimmten Reihenfolge ablaufen, ermöglichen allerdings eine möglichst gute Zurechtfindung in der Aufnahmegesellschaft.

Die Kulturation beschreibt den Erwerb von Wissen, Kompetenzen, Vorlieben und Gewohnheiten. Auch das Erlernen von kulturspezifischen Normen findet hier statt, was auch als die Codierung des Handelns gilt. Als Beispiel: Man greift auf das Klischee zurück, dass alle Deutschen pünktlich sind und verallgemeinert dies. Pünktlichkeit ist damit also eine deutsche Norm, die ein Migrant kennenlernt und dann wohlmöglicherweise auf sein eigenes Handeln anwendet. Er erscheint also immer pünktlich zu vereinbarten Terminen.

Als wichtigste Komponente der Kulturation nennt Esser die Sprache „ an der oft genug der Zugang zu den strukturellen Dimensionen der Sozialintegration (Bildung und Arbeitsmarkt insbesondere) hängt.“ (Esser, 2006: 28) Der Zweitspracherwerb bildet somit das Fundament der Integration.

Eine weitere Dimension bildet die Interaktion: Hierbei knüpfen Migrant/innen (in)formelle Kontakte und erhalten jene aufrecht. Zugleich werden emotionale Assoziationen und das Situationsempfinden entwickelt und gestärkt, was vorteilhaft für die Identifikation ist. Für jede soziale Interaktion ist der Zweitspracherwerb unumgänglich.

Wie bereits erwähnt ist die Identifikation eine weitere Dimension. Darunter versteht man die emotionale Zuwendung zu Gruppen und Gemeinschaften oder auch das Schätzen von Elementen des Aufnahmelandes. Hierbei kann es sich um Religionszugehörigkeit handeln, aber auch um den Beitritt eines Sportclubs, der eine landestypische Sportart anbietet. Zusätzliche Effekte der Identifikation können beispielsweise die Aufwertung von Fertigkeiten, Praktiken und Netzwerkbeziehungen sein oder auch die Bildung von Interessen. Diese Entwicklung machen es zum einen einfacher passende soziale Kontakte zu finden (Interaktion) und zum anderen bringen diese auch Vorteile in der letzten Dimension, der Platzierung, mit sich.

Der Vorgang der Übernahme von Positionen oder Besetzungen (also das Einbringen des Individuums auf dem Arbeitsmarkt) wird als Platzierung bezeichnet. Durch bereits erworbene Vorteile anderer Dimensionen (Sprachkompetenz, Kontakte, Begabungen, etc.) kann sich dieser Vorgang erleichtern.

Jegliche Aktivitäten können als Investitionen in Kapitale angesehen werden. Bewirbt sich eine Migrantin also beispielsweise als Altenpflegerin, so stellt sich damit ihre Arbeitskraft zur Verfügung und investiert somit in das „ökonomische Kapital“.

2b) Abhängigkeit von eigenen und äußeren Einflüssen

Der Fortschritt des Durchlaufens jener Phasen steht immer in Relation zu weiteren Faktoren und Annahmen. Man geht grundlegend von zwei Vorgängen aus: Bei der Integration wird ein weiteres Element in ein bereits bestehendes Repertoire aufgenommen. Zugleich ist der Fortschritt immer von Attraktivität und Gelegenheiten beeinflusst: Ein junger Mann mit französischem Migrationshintergrund bewirbt sich auf eine gut bezahlte Stelle (Attraktivität), da er die entsprechende Qualifikation besitzt (Gelegenheit).

Gleichzeitig kann der Fortschritt durch weitere spezielle Einflüsse gehemmt werden. Das lässt sich an einem Beispiel des Arbeitsmarktes verdeutlichen: Bei Diskriminierung des Arbeitnehmers durch den Arbeitgebers, ist es ersterem nicht möglich, eine Job zu erhalten oder diesen unter optimalen Bedingungen auszuführen.

Aber auch die Zurückhaltung des Arbeitnehmers hegt Einfluss auf den Fortschritt. Gründe hierfür kann zum Beispiel die schlechte Bezahlung des Berufes (wenig ertragreiche Opportunität) oder auch das Fehlen von Informationen über die Aufnahmegesellschaft in Berufen sein, welche im Bereich einer Enklave liegen.

2c) Die „Exspected-Utility-Theorie“

Je mehr sich die Integration für eine(n) Migranten/in lohnt, desto eher ist er/sie bereit, sich für einen Erfolg zu bemühen. Für diesen logischen Zusammenhang lässt sich eine Ungleichung aufstellen, die auch als „Exspected.Utility-Theorie“ bezeichnet wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Abkürzungen „RC“ sowie „EC“ stehen für „receiving context“ (also die angenommenen Werte, Normen, etc.) und „ethnic context“ (also die ursprünglichen Werte, Normen, etc.).

Die Differenz des Ertrage des RC und des Ertrages des EC wird mit der Wahrscheinlichkeit der erfolgreichen Übernahme (p(eff) beschreibt die Effizienz des Individuums und wird dazu addiert) des RC multipliziert und letztendlich werden die Kosten des RC subtrahiert. Ist der Wert der Ungleichung größer als 0 rentiert sich eine Integration. Diese Gleichung ist auch auf andere Sachverhalte anwendbar.

Als Beispiel: Eine junge Frau mit spanischem Migrationshintergrund möchte Deutsch lernen. Der Ertrag/die Gebräuchlichkeit der spanischen Sprache in Deutschland wird von dem Ertrag/der Gebräuchlichkeit der deutschen Sprache in Deutschland abgezogen. Anschließend wird die Differenz mit der Wahrscheinlichkeit des erfolgreichen Erlernens multipliziert (wir gehen davon aus, dass sie sehr lernfähig und engagiert ist). Letztendlich werden die Kosten für Kurse, Bücher, etc. abgezogen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Endergebnis größer als 0 ist, sodass sich der Zweitsprachenerwerb rentiert.

3) Objektive Wirksamkeit/Umsetzbarkeit der Modelle

Das sozio-ökonomische Panel (SOEP) führte im Jahre 2002 eine Studie durch, welche Effekte die Assimilation und die Multiple Inklusion auf die „Vier Dimensionen“ Essers und letztendlich auch die allgemeine Integration haben. Hierzu wurden verschiedene Daten von Migranten/-innen ausgewertet und letztendlich tabellarisch festgehalten, um so das objektiv erfolgversprechendere Modell zu ermitteln. Neben Daten flossen auch verschiedene zeitkonstante Faktoren ein: Bildung und Migration der Eltern, Aufenthaltsdauer im Aufnahmeland, Einreisealter, Dauer von Heimatsbesuchen und die De-Segmentation.

3a) Resultate der Studie des SOEP

Folgende Schlussfolgerungen kann man aus den Ergebnissen der Studie ziehen:

Gute Bildung der Eltern und ein längerer Aufenthalt in Deutschland wirken sich positive auf die Kulturation und insbesondere auf den Zweitspracherwerb aus. Auch ein frühes Einreisealter ist vorteilhaft, da in jüngeren Jahren in der Regel eine höhere Lernfähigkeit gegeben ist. Insgesamt erzielt die Assimilation in der Dimension der Kulturation bessere Ergebnisse als die multiple Inklusion. Der Lernprozess und die Aufnahmefähigkeit wirken besser, wenn sich Migranten/-innen auf eine Kultur, Sprache, etc. konzentrieren.

Für die Dimensionen der Interaktion und der Identifikation wird hauptsächlich das Beherrschen der Zweitsprache vorausgesetzt. Auch hier hat die Multiple Inklusion eher negative Ausmaße: Doppelidentifikationen behindern interethnische Netzwerke, da diese emotionale Zuwendung brauchen und so eher binnenethnische Netzwerke gefördert werden.

Dasselbe gilt für die Platzierung: Da die Dimensionen aufeinander aufbauen und miteinander verknüpft sind, wirken sich die Nachteile der multiplen Inklusion der vorherigen Phasen auch auf die Platzierung aus. Für die Muttersprache gibt es eher wenige Verwendungsmöglichkeiten, sodass diese und andere ethnische Ressourcen nur minimale Verwendung finden. Zudem können mitgebrachte Qualifikationen teils nicht auf dem Arbeitsmarkt genutzt werden oder es treten Transaktionskosten auf.

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Details

Seiten
11
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668418288
ISBN (Buch)
9783668418295
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356074
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,5
Schlagworte
kontroverse assimilation multipler inklusion integration

Autor

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Titel: Die Kontroverse zwischen Assimilation und Multipler Inklusion. Wie Integration funktioniert