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Die Hexenverfolgung im 18. Jahrhundert. Die Rolle der Kirche im Hexenprozess "Annaberger Krankheit"

Hausarbeit 2016 17 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Vorbetrachtungen
1.1. Annaberg im Erzgebirge: Abriss der Geschehnisse 1712/13
1.2. Fragestellung

2. Die Rolle der Kirche im Annaberger Hexenprozess
2.1. Pfarrer Adamis dämonologische Deutung
2.2. Die Skepsis des Superintendenten und die Passivität der Kirche
2.3. Hexenprozesse im Schnittpunkt verschiedener gesellschaftlicher Systeme

3. Schlussbetrachtungen und Fazit

4. Literaturverzeichnis

Über diese Veröffentlichung: Diese Arbeit wurde ursprünglich im September 2016 als Hausarbeit am religionswissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig eingereicht, als Prüfungsleistung im Semi- nar "Religionsgeschichte Mitteleuropas in der Frühen Neuzeit". Die vorliegende Fassung wurde im März 2017 zur Veröffentlichung vorbereitet und ist mit Ausnahme der Korrektur weniger Tippfehler, sprachlicher Details und einer optimierten Formatierung mit der eingereichten Arbeit identisch.

1. VORBETRACHTUNGEN

1.1. ANNABERG IM ERZGEBIRGE: ABRISS DER GESCHEHNISSE 1712/13

Bei der sogenannten „Annaberger Krankheit“ handelt es sich um einen der spektakulärsten Hexenprozesse im von Hexenverfolgungen ansonsten nur wenig betroffenen Kursachsen. Die Geschehnisse im erzgebirgischen Annaberg erreichten ihren Höhepunkt zwischen 1713 und 1714 und setzten sich mit Nachwehen noch bis 1720 fort, und obgleich es im Falle der Anna- berger Hexenprozesse zu keinen Verurteilungen wegen Hexerei (und damit auch nicht zu Hin- richtungen oder anderen drakonischen Bestrafungen) kommen sollte, so ist der Fall als einer der umfangreichsten (und als der womöglich letzte) des Kurfürstentums Sachsen von Interes- se. Von besonderem religionswissenschaftlichem Interesse ist dabei das sich im Prozessver- lauf offenbarende Zusammenspiel kirchlicher und weltlicher Institutionen und konkurrieren- der akademischer Disziplinen.

Das Annaberger „Hexenfieber“ entwickelte sich vor dem Hintergrund schwerer wirt- schaftlicher und sozialer Krisen: Ein Pestausbruch im nahegelegenen Böhmen, der harte Win- ter 1712/13, in Dresden veranlasste drastische Steuererhöhungen bei gleichzeitiger, ausufern- der Korruption des Annaberger Stadtrats und dem Ende des Silberbergbaus, der die Stadt einst reich gemacht hatte. Diese Umstände und der sich daraus ergebene körperliche und psychi- sche Stress boten den idealen Nährboden für Aberglaube und Gerüchte aller Art, für Betrüge- reien und böswillige Beschuldigungen. Der Fall eines leblos aufgefundenen Säuglings, ge- folgt von einem unheilverheißenden Blitzeinschlag nahe des Fundortes, komplettiert das Bild, ebenso wie der Besuch eines Landfahrers, der Geschäfte mit einer Flugschrift machte, die von seinem einstigen Pakt mit dem Teufel und seiner erfolgreichen Lossagung mithilfe von Geist- lichen berichtete.

Seit April 1713 zeigten schließlich der fünfzehnjährige Christoph Friedrich Palmer und sein dreizehnjähriger Freund Johann Christian Wolff Symptome einer verstörenden Krank- heit: Ihre Körper wurden von Anfällen heimgesucht, sie schüttelten sich und warfen den Kopf hin und her. Beide berichteten von einem Fremden, der ihnen ein Ei bzw. Geld hätte aufdrän- gen wollen. Wolffs Schilderung erwähnt darüber hinaus, dass der Fremde eine Unterschrift mit Blut als Gegenleistung verlangt und Pferdefüße gehabt haben sollte. Gleichwohl wider- standen beide Jungen den Annäherungen des mysteriösen Fremden, was allerdings zur Folge hatte, dass sie fortan von Geistern heimgesucht wurden, die für ihre Anfälle verantwortlich sein sollten. Im Laufe der nächsten Wochen breitete sich die mutmaßliche Erkrankung auf rund 30 Personen aus, die meisten davon Kinder und Jugendliche. Die Erkrankten waren nicht länger Herr ihrer Körper, sollten hin und her und bis unter die Decke geworfen werden, Wände hochlaufen und bis zu 1000 „Bockstürze“, d.h. Purzelbäume am Tag machen müssen. Sie genossen große Aufmerksamkeit, doch war von Hexerei zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede - auch weil die Aussagen der Kinder dem typischen Schema dokumentierter Besessenheitssymptome kaum entsprachen.

Nach einigen Wochen entwickelte der gerade einmal zehnjährige Johann Gottlieb Ada- mi, der bereits seit dem Vorjahr unter langer Krankheit gelitten hatte, schließlich neue Symp- tome, die denen der anderen Betroffenen ähnelten (sowie einige weitere, die ihn am Schulbe- such und am Beten hinderten). Dieser Sohn des gleichnamigen Pfarrers Adami machte nun als erster eine (anfangs noch nicht näher bestimmte) Frau aus Annaberg für seine Anfälle und et- liche weitere Vorkommnisse verantwortlich. Damit erhob er de facto den Vorwurf der Scha- denzauberei, der dem Vorwurf der Hexerei bzw. Teufelsbündnerei mehr oder weniger gleich kam. Von noch größerer Tragweite war, dass sein Vater, der Pfarrer Adami, seinem Sohn un- eingeschränkten Glauben schenkte und die Symptome und Aussagen seines Sohnes einer dä- monologischen Deutung unterzog. Aufgrund der Bezichtigungen des Jungen und unterstützt durch das Drängen seines Vaters, erfolgte schließlich die Verhaftung einer gewissen Rosina Kuntzmann - der Frau des verachteten Sohns eines verurteilten Mörders und den Adamis Geld schuldig - und die Prozesseröffnung wegen Hexerei im August 1713. Die Aussage der so Verhafteten führte unmittelbar danach zur Verhaftung ihres Ehemannes, welcher im Verlauf der nächsten Monate fast wöchentlich weitere Verhaftungen folgten. Neben Adami hatten nämlich auch andere Erkrankte begonnen, konkrete Personen (meist hohen Alters, im Gegen- satz zum meist jungen Alter der Erkrankten; vgl. Rychlak 2009, 45f.; 276f.) für ihr Leid ver- antwortlich zu machen - was die so Angeklagten nicht selten auf solche Weise von sich wie- sen, indem sie wieder andere bezichtigten.

Die folgenden Ermittlungen brachten keine nennenswerten Resultate und erst recht kei- ne Urteile zu Tage. Da sich auch die Annaberger Ärzte über den Ursprung der Krankheit un- eins waren, ersuchte man die medizinische Fakultät der Universität in Leipzig um ein Gutach- ten, während man dem Leipziger Schöffenstuhl die Prozessakten zum Zwecke einer juristi- schen Einschätzung zukommen ließ. Die Antworten erreichten Annaberg im Sommer 1714, kurze Zeit nachdem eine der Angeklagten unter den schlechten Haftbedingungen während ihrer einjährigen Untersuchungshaft bereits verstorben war und ein weiterer Angeklagter zu- erst mehrere Mithäftlinge angegriffen und schließlich Selbstmord begangen hatte. Der Leip- ziger Schöffenstuhl sah die Indizien als unzureichend an und verlangte die sofortige Freilas- sung aller Angeklagten, sowie die Isolierung und Beobachtung der Erkrankten. Das Gutachten der Mediziner kommt zu keinem eindeutigen Urteil, wird uns in den folgenden Kapiteln aber noch einmal beschäftigen. Der Hexenprozess als solcher fand damit sein formales Ende - nicht aber die Erkrankungen und die Polemiken des Pfarrers Adami, die sich in der einen o- der anderen Weise noch bis 1720 fortsetzen sollten.

Dieser kurze Abriss soll als Einführung in die Vorkommnisse genügen. Für eine umfas- sendere aber nichtsdestotrotz noch ausreichend knappe Darstellung sei auf Johannes Dillinger (2013) verwiesen, der den Fall der Annaberger Krankheit im Rahmen seiner sehr empfeh- lenswerten Studie zu Kinderhexenprozessen (also solchen Prozessen, in denen Kinder als An- kläger bzw. Zeugen auftraten oder selbst die der Hexerei Beschuldigten waren) behandelt, die auch den Grundstock der hier vorliegenden Arbeit bildet. Die zweite entscheidende Quelle ist die ungleich umfassendere Darstellung Gabor Rychlaks (2009), welche aufgrund ihrer bemer- kenswerten Detailkenntnis, der Breite ihres Blickfeldes und ihrer Exkurslastigkeit aber erst beim Wunsch nach einer sehr eingehenderen Beschäftigung mit dem Fall empfohlen sei.

1.2. FRAGESTELLUNG

Im Folgenden sei es grundlegendes Wissen hinsichtlich der Praxis der Hexenverfolgungen in der Frühen Neuzeit vorausgesetzt, da es mir im kleinen Rahmen dieser Fallstudie nicht mög- lich sein wird, auf die gesellschaftsgeschichtlichen Hintergründe im Detail einzugehen. Aber auch mit Blick auf das „Hexenfieber“ in Annaberg möchte ich mich vornehmlich auf diejeni- gen Aspekte konzentrieren, die den Fall religionswissenschaftlich interessant machen.

Dabei stellen sich vor allem folgende Fragen: Welche Rolle spielt religiöses (christliches) Gedankengut bzw. spielen die Vertreter religiöser Institutionen bei der Verbreitung der Deutung der Geschehnisse als Hexerei? Welche Position(en) nimmt die Kirche als Antwort auf diese Hexerei-Vorwürfe in Annaberg ein? Davon ausgehend stellt sich des Weiteren die Frage, wie groß die Bedeutung bzw. wie stark der Einfluss dieser kirchlichen Position für den Fortgang des Prozesses ist, bzw. welche anderen sozialen Systeme, neben dem der Religion, die Deutung der Hexenthematik in welchem Maße für sich beanspruchen?

2. DIE ROLLE DER KIRCHE IM ANNABERGER HEXENPROZESS

2.1. PFARRER ADAMIS DÄMONOLOGISCHE DEUTUNG

Bei der Suche nach der Ursache für die merkwürdigen und teils verstörenden Leiden und Ver- haltensweisen der ersten Erkrankten stehen die Deutungen der Symptome als geistige oder körperliche Krankheit einerseits, und die als das Wirken böser Geister bzw. Dämonen ande- rerseits, keineswegs in einem sich gegenseitig ausschließendem Verhältnis zueinander. Nach gängigen Auffassungen der Frühen Neuzeit konnte eine zwar medizinisch fassbare Erkran- kung sehr wohl zugleich dem Einfluss eines bösen Geistes o.ä. geschuldet sein. Kam ferner der Verdacht hinzu, dass ein Individuum an der Beibringung einer solchen dämonischen Krankheit beteiligt sein könnte, so legte das - auch und gerade nach weltlichem Recht - den Strafbestand der Hexerei nahe.1 In Annaberg geschah letzteres an dem Punkt, als der zehnjäh- rige Adami behauptete, dass eine Frau aus Annaberg verantwortlich sei für sein Leid und für die mysteriösen Vorkommnisse im Haushalt des Pfarrers.

Die Äußerungen seines Sohnes wurden von Pfarrer Adami als der Wahrheit entspre- chend akzeptiert und im Sinne einer Hexerei-Bezichtigung interpretiert, womit sich die Ange- legenheit in eine neue und ungleich gefährlichere Richtung entwickelte. Welches waren die doktrinären Grundlagen für seine Argumentation und der damit verbundenen Anklage? Der Pfarrer war mit dämonologischer Literatur nachweislich vertraut: Er besaß mindestens den „Scheid- und Absag-Brieff“ des lutherischen Theologen Johann Conrad Dannhauer - „das für Lutheraner maßgebliche Werk über Besessenheit und anderweitige teuflische Krankheiten“ (Rychlak 2009, 314; vgl. auch 392f.). Dabei ist nicht auszuschließen, dass auch sein Sohn Tei- le des Buchs gelesen haben könnte. Das könnte die bemerkenswerten Übereinstimmungen der Symptome und Behauptungen des Sohnes mit den in Dannhauers Buch geschilderten Vorfäl- len erklären, genauso wie die Möglichkeit, dass suggestive Fragen des Vaters den Sohn zu derartigen Aussagen verleiteten (vgl. ebd., 394). Originalität wurde in Hexereiangelegenhei- ten nicht erwartet, sondern konnten der Glaubwürdigkeit einer Aussage viel eher entgegenste- hen, die oft gerade daran gemessen wurde, ob die Aussagen den durch dämonologische Literatur vermeintlich belegten Fällen in ausreichendem Maße glichen.

Auf ähnliche Weise wie frühe Dämonologen ihre Hexenkonzeption insbesondere auf der Basis bereits erfolgten Verfolgungsgeschehens und bereits erfolgter Hexenprozesse (und nicht zuletzt den darin gemachten, meist unter Folter erzwungenen Geständnissen) entwickelt hatten, so gründet auch Pfarrer Adamis Darstellung zunächst auf der eingehenden Beobach- tung seines - nun vermeintlich verhexten statt nur kranken - Kindes, dem akribischen Notie- ren dessen Verhaltens, sowie seinen (womöglich suggestiven) Befragungen desselben. Darauf aufbauend entwickelte er seine semi-professionelle dämonologische Deutung. Dabei ging A- damis Wandlung zum, wie Dillinger ihn anschaulich nennt, „Provinzdämonologen“ (2013, 169) durchaus auf Kosten seiner ohnehin geringen Reputation. Diesen Ehrverlust wie auch seine Selbst-Demontage als Familienoberhaupt war ihm seine Rolle als Warner und Hexenjä- ger aber offensichtlich wert (vgl. Dillinger 2013, 170).

Andererseits entsteht nicht unbedingt der Eindruck, dass Adami seinen dämonologischen Erklärungsansatz anderen Deutungen (natürliche Krankheit, Betrug o.ä.) schon aus Prinzip vorgezogen hätte, oder weil er von dämonologischer Literatur von vornherein vereinnahmt gewesen wäre (vgl. auch Rychlak 2009, 393). Neben dem Umstand, dass sich die Summe aller Vorkommnisse in Adami seniors und einiger anderer Beobachter Augen gar nicht anders als mit Hexerei erklären ließe, musste, wie Dillinger darlegt, die Deutung der Leiden des jungen Adami als „natürliche“ geistige oder körperliche Krankheit gerade auch aus theologischer Sicht unattraktiv erscheinen:

Zwei hergebrachte theologische Erklärungsalternativen boten sich als genu- in christliche Reaktionen auf die scheinbar nicht zu heilende Krankheit des Kin- des an. Adami waren beide zweifellos geläufig. Man hätte die Krankheit als Strafe Gottes verstehen können, die auch Kinder für die Vergehen ihrer Eltern treffen konnte. Das wäre für Adami freilich sehr belastend gewesen. Zum anderen hätte man die Erkrankung schlicht als Äußerung von Gottes Souveränität sehen können. Diese kann sich als ,unerfindlicher Ratschluss‘, als von Menschen nicht versteh- und deutbares Verhängnis realisieren, das passiv hinzunehmen oder sogar zu ak- zeptieren ist. Beide Erklärungen boten Adami kaum eine Chance, aktiv zu han- deln.

Dillinger 2013, 171f.

Pfarrer Adamis Empfänglichkeit für die dämonologische Deutung lässt sich eher verste- hen, wenn man seinen frühen Verlust der ersten von zwei Ehefrauen und von zwölf seiner insgesamt vierzehn Kinder Berücksichtigung schenkt (vgl. Rychlak 2009, 384; auch Dillinger 2013, 168). Während sich also die ersten Geschichten um die Annaberger Krankheit vor dem Hintergrund wirtschaftlicher und sozialer Krisen verbreiteten, wie sie die Bewohner der Stadt stark belastet haben mussten, so entwickelte sich Adamis dämonologische Deutung vor dem Hintergrund der persönlichen Krise, unter der seine Familie zu leiden hatte - beides sind ganz typische Nährböden für Hexengerede. Hinzu kam, dass Adami die Möglichkeit hatte, seine Sichtweise in der ihm bekannten dämonologischen Literatur bestätigt zu finden und darauf aufbauen zu können.

2.2. DIE SKEPSIS DES SUPERINTENDENTEN UND DIE PASSIVITÄT DER KIRCHE

Dass es sich beim Wortführer der Befürworter einer Eröffnung von Hexenprozessen in Anna- berg um einen offiziellen Vertreter der protestantischen Kirche handelte (und bei einem der Opfer und vermeintlichen Hauptzeugen um dessen Sohn) darf nicht zu dem Trugschluss füh- ren, dass die (evangelische) Kirche im Allgemeinen die Verfolgungsbemühungen unterstützt hätte. Wenn auch Adamis dämonologische Deutung der Krankheit in der Breite der Bevölke- rung einigen Anklang fand, so stand sie zu keinem Zeitpunkt repräsentativ für die Position der Kirche. Schon im Vorfeld der Annaberger Krankheit war Adami „in der Hierarchie der evan- gelischen Pfarrer Annabergs der unbedeutendste“ (Dillinger 2013, 168; vgl. auch Rychlak 2009, 383) und stand zudem bei den einflussreichen Familien des Annaberger Stadtrates in Misskredit, nachdem er etwa die ausufernde Korruption des Rates öffentlich angeprangert hatte (vgl. Rychlak 2009, 385-7). Dass Adami eben gerade kein ausgemachter Experte auf dem Gebiete der Dämonologie war, und dass sich das öffentliche Interesse an Verurteilungen dann doch insofern in Grenzen hielt, als der (nicht erkrankten großen Mehrheit der) Annaber- ger Bevölkerung durch die Vorkommnisse kaum irgendwelche tatsächlichen Schäden entstan- den waren, kam hinzu.

Den personellen Gegenpol zu Adami bildete sein Superintendent Andreas Kunad. Rychlak beschreibt Kunad als „nicht zur zaubereigläubigen Partei in Annaberg zählende[n] Geistlichen“ (2009, 56) - der etwa davon absah, eine ihm vor Beginn einer Predigt zugesteck- te Dankesrede vorzutragen, in der er dem zugereisten Dr. Cassel für die Heilung der „dämoni- schen Krankheit“ einer Annabergerin und der Entfernung eines ihr auf „übernatürlich[e] Wei- se“ in den Leib gebrachten Wesens danken sollte, sondern beließ es bei einer einfachen und die Leiden nicht näher spezifizierenden Danksagung (s. ebd., 55f). Ebenso war dem Superintendenten nicht verborgen geblieben, dass sich die Krankheit immer dann besonders heftig zu äußern schien, wenn Markt- oder Festzeiten bevorstanden, oder generell wenn sich Fremde in der Stadt aufhielten (vgl. ebd., 64, Fn. 1).

Rychlak sagt weiter: „Die Akten der Superintendentur zeigen [Kunad] als einen nüchte- rnen und auch politisch klar denkenden Mann, der von dem ganzen Possenspiel wenig hielt und mit dem Rat gemeinsam Annaberg zu befrieden suchte“ (2009, 89). Dass sich der Super- intendent im späteren Verlauf überhaupt so deutlich von Adami distanzierte, und sich schließ- lich gegen ihn positionierte, mochte daher nicht so sehr einer möglichen Überzeugung ge- schuldet sein, demnach er einen Einfluss des Teufels kategorisch ausgeschlossen hätte (vgl. ebd.), sondern wohl eher des Umstandes, dass Adami noch lange nach dem aus Leipzig ange- ordneten Prozessende an seiner dämonologischen Deutung festhielt und dabei lautstark gegen die vermeintliche Untätigkeit der Stadtoberen von Annaberg polemisierte (woraufhin der Stadtrat sich 1714 selbst mit einer Beschwerde an Kunad wandte; vgl. Rychlak 2009, 402). Im Rahmen einer Synode im Juli 1717 plante der Superintendent schließlich, eine Disputations- schrift vorzulegen, welche durch die oberste Zensurbehörde für theologische Fragen in Wit- tenberg bereits genehmigt worden war, die bei Adami allerdings schon deshalb Anstoß erreg- te, weil „bereits auf dem Titelblatt [nur] von einem ,morbum convulsivum‘ [„Anfallsleiden“] die Rede war und insbesondere auch von einem Verlöschen der Krankheit“ (Rychlak 2009, 63). Adami begab sich in offene Opposition zu seinem Vorgesetzten; zeitweilig erwirkte er tatsächlich „einen Befehl des Oberkonsistoriums, also der nächsthöheren und zugleich obers- ten Ebene in der sächsischen Landeskirche“ (ebd.), demgemäß Kunad seine Schrift zunächst auch in Dresden zur Prüfung vorzulegen habe. In der Zwischenzeit wollte Adami Beweise dafür anführen, dass die Erkrankung in Wahrheit nicht erloschen sei - was ihm (auch zu sei- nem eigenen Entsetzen) nicht gelingen sollte (vgl. ebd.) und woraufhin Superintendent Kunad die Erlaubnis erhielt, seine Synode wie geplant durchzuführen. Damit war „Adami […] mit seiner Auffassung vom Wesen der Krankheit auch unter seinen Kollegen isoliert“ (ebd., 63) und sogar innerhalb seiner Familie schien man seine Sicht der Dinge zu bezweifeln (vgl. Dillinger 2013, 172).

[...]


1 Genau genommen umfasste das Hexendelikt neben dem eigentlichen Schadenzauber unbedingt noch vier weitere Elemente, deren tatsächlicher Nachweis allerdings gleichermaßen unmöglich war, sodass es nur umso häufiger der Folter bedurfte, um ihre Ausübung schließlich zu „belegen“. Die fünf Elemente des Hexendelikts waren der Pakt mit dem Teufel, Geschlechtsverkehr mit Dämonen, der magische Flug durch die Luft, die Teilnahme an den geheimen Zusammenkünften der Hexen, d.h. dem „Hexensabbat“, sowie der schon erwähnte Schadenzauber. Damit ist Hexerei von anderen Formen der Magie grundsätz- lich zu unterscheiden, deren Ausübung zwar ebenso verboten oder mindestens verpönt, in der Frühen Neuzeit aber nichtsdestotrotz weit verbreitet war (vgl. Dillinger 2013, 44-53). Darüber hinaus weist Rychlak darauf hin, dass der breiten Bevölkerung die gerade genannten dämonologischen Kriterien in aller Regel egal waren und diese das Delikt der Hexerei meist schlicht mit der Ausübung eines Schaden- zaubers gleichsetzte (vgl. 2009, 274f.).

Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668418509
ISBN (Buch)
9783668418516
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v356008
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Religionswissenschaftliches Institut
Note
1,6
Schlagworte
hexen hexenverfolgung hexenverbrennung hexenprozesse annaberg 18. jahrhundert frühe neuzeit annaberger krankheit

Autor

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