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Die wirtschaftliche Bedeutung des internationalen Projektes der "Neuen Seidenstraße" und seine geopolitischen Herausforderungen und Risiken für die Volksrepublik China

Bachelorarbeit 2017 55 Seiten

BWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Zielsetzung und Abgrenzung der Arbeit
1.2. Aufbau der Bachelor Thesis

2. Geschichtlicher Hintergrund und Grundlagen zu der Seidenstraße
2.1. Was wardieSeidenstraße
2.2. Wie verlief die Route der Seidenstraße
2.3. Welche Gründe gab es für eine Seidenstraße
2.4. Für die Gegenwart relevante Aspekte der historischen Seidenstraße

3. Aktuelle wirtschaftliche Lage der VR China und die Bedeutung von Handel

4. Die neue Seidenstraße
4.1. Hintergrund
4.2. Konzept der Neuen Seidenstraße
4.3. Verlauf der neuen Seidenstraßen
4.3.1. Verlauf des Gürtels
4.3.2. Verlauf der Straße
4.4. Welche Motive hat die VR China, um die Neue Seidenstraße zu fördern
4.4.1. WirtschaftlicheGründe
4.4.2. Politische Gründe

5. Was sind die Herausforderungen und Risiken der Landroute
5.1. Die größten Herausforderungen des Gürtels
5.2. Die größten Risiken des Gürtels
5.2.1. PolitischeRisiken
5.2.2. WirtschaftlicheRisiken
5.2.3. Sicherheitsrisiken
5.3. Gegenmaßnahmen

6. Die vorläufigen Erfolge der Neuen Seidenstraße und der Ausblick des Projektes.

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die Volksrepublik China (VR China) und ihre Rolle in der Welt ist im Umschwung. Wenn wir in die nicht sehr entfernte Vergangenheit schauen, sahen wir ein Land, das passiv war, wenn es um internationale Themen in Politik und in der Wirtschaft ging. Das Land wurde beeinflusst von großen Wirtschaftsnationen und spielte in der Welt nur eine kleinere und ausführende Nebenrolle in der internationalen Politik. Doch Vieles hat sich in den letzten Jahren geändert und ändert sich weiterhin tagtäglich. Aus dem jungen Staat - und man kann ihn sicherlich jung nennen, bei etwas mehr als 60 Jahren Gründungsgeschichte - wird ein Teenager. Rebellisch, seinen Status testend und mit vielen Ambitionen für die Zukunft. Wolfgang Ischinger beschreibt es in einem Artikel sehr gut:

„Es ist vorbei mit der früheren chinesischen Zurückhaltung, sich nur um das eigene Umfeld zu kümmern.“[1]

Vor dem Hintergrund der schwächer werdenden Weltwirtschaft mit stark fluktuierenden Finanzmarktturbulenzen und die in sich verwobenen und abhängigen Wirtschaft der Nationen impliziert, dass Zusammenarbeit von Vorteil ist, wobei Konflikte für alle Parteien schädlich sein kann. Betrachtet man die Großmächte der heutigen Welt, sieht man allerdings, dass aus den geopolitischen Wettbewerben und besonders aus den Konflikten resultierend, komplizierte internationale Beziehungen entstehen. Die nicht nur wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des heutigen Chinas seit seiner Reform und der Öffnung nach außen beweist, dass diese Entwicklung ohne den Rest der Welt bis heute und besonders die weitere Entwicklung ohne seine Nachbarstaaten in der nahen Zukunft nicht möglich ist. Es wird geschätzt, dass das Land in den nächsten fünf Jahren Waren im Wert von 10 Billionen US-Dollar importieren wird und die Direktinvestitionen nach außen ein Volumen von 500 Milliarden US-Dollar übersteigen werden. Je weiter sich China entwickelt, desto mehr Möglichkeiten wird es für Asien und letzten Endes auch für die Welt geben, sich weiter zu entwickeln.[2]

Während meiner Recherche für diese Arbeit, aber auch im täglichen Leben, komme man nicht umher, fast täglich etwas zum Weltpoltischen Thema "China" zu lesen. Politische Probleme im Südchinesischen Meer, Konflikte mit Taiwan, Konflikte mit Singapur über abgefangene Panzer im Hafen Hong Kongs und natürlich Hong Kong selbst, dass immer mehr zu einem Brandherd für politischen Aufruhr durch die Bevölkerung wird. Fallende Exportwerte und ein immer weiter sinkendes Wachstum sorgen im Land selbst für Unruhen, besonders aber innerhalb der Kommunistischen Partei des Landes.

Um den Einfluss und die Macht des Landes bei diesen vielen Konflikten zu sichern und zu legitimieren, hat Xi Jinping in der jährlichen Konferenz des Boao-Forums für Asien am 6.-8. April 2013 die Zeit um den Wiederaufbau der historischen Seidenstraße unter dem Titel „One Belt, One Road“ (zu Deutsch: „Ein Gürtel, eine Straße“) beworben. Seitdem sind erst vier Jahre vergangen, dennoch rückt das Thema immer wieder in die Medien, auch wenn man es als Erstes nicht diesem Projekt zuordnen mag:

„China leiht seinem Nachbarn Kirgistan 300 Millionen Dollar für den Bau einer Nord-Süd Straßenverbindung“ 04.07.2015, Deutschlandfunk

„China und Kasachstan vereinbaren Projekte im Wert von umgerechnet 30 Milliarden Euro“ Sjb

„China hilft bei der Finanzierung einer Eisenbahnverbindung zwischen Ungarn und Serbien“ 06.07.2015, Deutschlandfunk

Diese Agenturmeldungen stehen für Kacheln eines gewaltigen Mosaiks und sie beweisen, dass die Initiative „Neue Seidenstraße“ längst mehr als nur eine Idee ist.[3] Die „Neue Seidenstraße“, oder auch „One Belt, One Road“ benannt, wird mittlerweile als die wichtigste und weitreichendste Initiative, die Chinaje hervorgebracht hat angesehen und umfasst ein ganzes Netz an Verbindungen und Kooperationen, die auf den Traditionen der alten Seidenstraße aufbauen: Austausch von Kultur und Wissen und das Ziel, gemeinsam miteinander zu Wachsen.[4]

1.1. Zielsetzung und Abgrenzung der Arbeit

Die Volksrepublik China hat viele Überkapazitäten, besonders in der Schwerindustrie, einen schwächer werdenden Handel und ein, mit dem Jahr 2015 vergleichend, schwindendes Wachstum. Nur durch ein starkes Wachstum aber legitimiert sich die Partei und gewährleistet dadurch eine inländische soziale Stabilität. Sie sucht deshalb nach neuen Exportmöglichkeiten für das Land.

Ziel dieser Arbeit ist es zu analysieren, warum das Projekt der Neuen Seidenstraße ins Leben gerufen wurde. Auf dessen Bedeutung, Herausforderungen, Risiken und die damit verbundenen möglichen Gegenmaßnahmen und den bereits erzielten Erfolgen der heutigen Neuen Seidenstraße wird ebenso eigegangen. Dabei konzentriert sich diese Thesis auf die Landroute, den „Gürtel“, der Neuen Seidenstraße.

Aufgrund der Aktualität dieser Thematik und der noch fehlenden Fachliteratur zu dieser, basieren die Quellen in dieser Arbeit hauptsächlich auf Informationen aus dem World Wide Web. Ein Großteil davon aus offiziellen Kanälen, wie der chinesischen Ministerien oder Statistiken der Wirtschaft, andere wiederum sind aus Nachrichtenquellen gezogen worden. Diese wurden auf ihre Korrektheit, Seriosität und Wahrheit hin untersucht und nach bestem Gewissen mehrfachgeprüft und gegenkontrolliert. Dennoch kann derAutor nicht für die vollständige Korrektheit dieser Quellen bürgen und verwendet diese nur mit gutem Gewissen, sie vorher gründlich geprüft zu haben. Sämtliche Quellen wurden am 1. Januar 2017 zuletzt geprüft, was auch den Informationsschnitt dieserArbeit darstellt.

1.2. Aufbau der Bachelor Thesis

Anfangs wird mit einem theoretischen Teil zu der alten Seidenstraße eingeleitet. Es wird erläutert, was die alten Seidenstraßen waren, wie deren Routen verliefen und welche Gründe es für diese gab. Anschließend wird die aktuelle wirtschaftliche Lage der Volksrepublik China dargestellt und die Bedeutung von Handel für das Land untersucht. Relevante Punkte für das „Neue Seidenstraße“-Projekt werden dabei in den Vordergrund gestellt.

Anschließend wird das „Neue Seidenstraße“-Projekt „Ein Gürtel, eine Straße“ analysiert. Als Erstes wird auf den Hintergrund und das Konzept der Initiative eingegangen. Danach wird der Verlauf dargestellt. Der darauffolgende Teil spezialisiert sich auf die Landroute, den sogenannten „Gürtel“ der Seidenstraße. Hierbei werden die wirtschaftlichen und politischen Motive erläutert. Ebenso die Herausforderungen und die größten Risiken des Gürtels (politische, wirtschaftliche und Sicherheitsrisiken) und deren Gegenmaßnahmen.

Im Schlussteil wird dann abschließend auf vorläufige beispielhafte Erfolge eingegangen und es wird ein Fazit gezogen.

2. Geschichtlicher Hintergrund und Grundlagen zu der Seidenstraße

Wie es in jedem Geschichtsunterricht gelehrt wird: Wenn eine bessere und erfolgreichere Zukunft erreicht werden soll, muss die Vergangenheit verstanden und aus ihr gelernt werden. Um die neue Seidenstraße und ihren Hintergrund zu verstehen, wird zuerst ein historischer Querschnitt genommen. Dieser, im Folgenden beschriebene historische Bezug ist von immenser Wichtigkeit, um besser zu verstehen, welche große Bedeutung die chinesische Führung bei der Konzeption der Neuen Seidenstraße dem alten kulturellen Erbe zuweist. Sie hat sich bei dem aktuellen „Ein Gürtel, eine Straße“-Projekt, tief an dieses Erbe zurückbesonnen. Selbst im heutigen China verstehen nur wenige die tiefere Bedeutung dieser Initiative. Sie geht weit überdas bloße wirtschaftliche Interesse Chinas hinaus und umfasst ebenso wie damals die Gewinnung von neuen Informationen durch Austausch und die politische Stabilisierung durch die geschaffene wirtschaftliche Abhängigkeit im Handel.[5]

2.1. WaswardieSeidenstraße

Der deutsche Geograf und Reisende Ferdinand Freiherr von Richthofen benutzte als Erster den Begriff der Seidenstraße in der Singularform, als auch in seiner Pluralform „Seidenstraßen“, sowohl in seiner Vorlesung im Jahre 1877, als auch in seinem geografischen und historischen Werk „China (1877-1912)“. Für ihn beschrieb der Begriff Seidenstraße nicht nur eine, sondern sämtliche Handelsrouten die das Han-Kaiserreich nutzte, um Seide nach Zentralasiens und Europa zu versenden.[6] ·[7][8] Hierbei sei zu beachten, dass die meisten Gelehrten den Begriff in seiner Pluralform aus Korrektheit nutzen.[9] Hierbei beschreibt der Begriff der Seidenstraßen ein weitspannendes Netzwerk von Land- und Meeresrouten, die für Kommunikation und insbesondere Handel benutzt wurden. Sie verbanden den Fernen Osten, Zentralasien, den indischen Subkontinent, die iranischen und anatolischen Hochebenen, den Kaukasus, die arabische Halbinsel, die Mittelmeerregion und letzten Endes Europa miteinander. Der permanente und unaufhörliche Austausch von Waren, Wissen, Glauben und Traditionen und die Bewegung von Menschen entlang dieser wohl längsten Handelsrouten der damaligen und heutigen Welt hat eine fast 3000-jährige Geschichte.[10] Diese begann etwas vor der Zeit von 100 v.Chr. und hatte ihren Höhepunkt um 1450.[11]

Doch auch wenn man immer von der Historie, der Länge und Weite und dem Ausmaß der Seidenstraße spricht und die Tatsache beachtet, dass in vielen Geschichtsbüchern das Bestaunen und das Lob der damaligen Römer über die Feinheit chinesischer Seide erwähnt wird, darf man nicht außer Acht lassen, dass entlang der Seidenstraße viel mehr als nur Seide transportiert wurde, obwohl Seide zu den kostbarsten Gütern zählte. Die vielen Waren und Erfindungen, wie Wolle, Papier, Schwarzpulver und domestizierte Pferde, hatten einen viel größeren Einfluss als die Seide an sich. Entlang dieser Routen fand ein erster bedeutender Austausch von Wissen, Religion und Kultur zwischen dem fernen Osten und dem damaligen Westen statt.[12] Die meisten Saiteninstrumente, wie sie im heutigen Europa und Asien existieren, als Beispiel für Kultur genommen, wurden durch die Reitnomaden in den Steppen entlang der Seidenstraße als kulturelles Gut verbreitet.[13] Ebenso und dabei nicht zu verachten sei auch die politische Macht, die der Handel entlang der Seidenstraße schaffte. Durch den Austausch von Waren und die dadurch gewonnenen Ideen und den geschaffenen Reichtum konnten die Mandschu während des Qing-Reiches ihr Territorium größtenteils friedlich um ein Sechstel vergrößern.[14]

Den Verfall an Bedeutung der Seidenstraßen setzte allerdings bereits während der Song­Dynastie ein. Abschottung des Landes nach Westen, der verstärkte Seehandel Chinas, die Entstehung neuer Märkte im südostasiatischen Raum und die hohen Zölle der arabischen Nationen begünstigten den Verfall der einstig florierenden Seidenstraßen. Auch durch die stark fortschreitende Desertifikation in dem Taklamakangebiet gerieten die Routen derSeidenstraßen in Vergessenheit.

Vergessen werden darf aber keinesfalls der Jahrhunderte währende, größtenteils friedliche Austausch zwischen dem Osten und dem Westen, der in seiner langen Geschichte viele Kulturen entlang der Seidenstraßen veränderte und prägte. Diese historischen Verbindungen und Erfahrungen halten, wie in diesem Teil verdeutlicht, viele wichtige Lehren für unsere jetzige Gesellschaft und für das Potential der Neuen Seidenstraße bereit.[15]

2.2. Wie verlief die Route der Seidenstraße

Obwohl sich viele Karavanrouten aufgrund von sich immer wieder ändernden Umweltbedingungen und politischen Grenzen über die Zeit öffneten, wieder schlossen oder sich verschoben haben, beschreibt die Seidenstraße traditionell und vereinfacht dargestellt eine Route zwischen dem ostasiatischen Raum und dem Mittelmeergebiet. Sie spannte sich überden zentralen Raum des eurasischen Kontinents und umfasste die Regionen Zentralasiens, Zentraleurasiens, Innenasiens, Transoxianiens sowie die 'stans-Länder (Afghanistan, Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan und Turkmenistan).[16],[17] Es darf auf keinen Fall angenommen werden, dass die Handelsrouten nur zwischen Rom und dem damaligen Han-Reich stattfanden. Viele Länder auf der Seidenstraße selbst waren wichtige Knotenpunkte für den weiteren Handel. Hierbei wird das Persische Reich als das wichtigste Beispiel gesehen. Die Perser haben die Güter durch ihr Reich kontrolliert, reguliert und versteuert. Somit wurde die persische Sprache für eine Zeit die Lingua Franca der Seidenstraße.[18] Von daher ist sie eher als ein Netzwerk von Routen anzusehen, als eine einfache lineare Straße, wie es viele Leute heutzutage falsch verstehen.[19]

Die Umgebungen und Landschaftszonen Zentralasiens können, wenn sie grob beschrieben werden, als eine ganze Reihe von völlig verschiedenen Umweltzonen bezeichnet werden.

Im äußersten Norden, im arktischen Kreis des Nordens Sibiriens, befindet sich die Tundra. Sie besteht fast ausschließlich aus einem Permafrostboden mit minimaler Vegetation und wenigen, dort lebensfähigen Tieren. Nur sich den niedrigen Temperaturen angepassten Jägern und Hirten ist es möglich, unter so extremen Bedingungen zu überleben.

Südlich der Tundra befindet sich die Taiga, eine Gegend, die hauptsächlich aus Nadelwäldern besteht, mit Ausnahme der südlichsten Gegenden, wo ebenso Laubwälder präsent sind. In dieser Zone liegen Länder wie Sibirien und die ehemalige Mandschurei.

Aufgrund der schlechten Bedingungen für Landwirtschaft oder Viehzucht in diesen Gebieten, war die Haupthandelsware Pelz verschiedenster Tiere: Nerze, Zobel, Wiesel, Fuchs, Bieber und das anderer Säugetiere. Das Fell der Tiere der nördlichen Wälder war sehr begehrt bei den Eurasierinnen, da es ein sehr dickes, reichhaltiges Fell war.

Südlich der Taiga befindet sich die Hügellandschaft oder auch Steppe, eine semitrockene Graslandschaft, die den Großteil Eurasiens bedeckt. In der Nähe der vielen kleinen Flüsse kann sehr gut Landwirtschaft betrieben werden. Der Großteil der damaligen Produktion aber war die Viehzucht. Der sehr grasige Boden war ideal hierfür. Ebenso eignete sich der überdurchschnittliche harte Boden exzellent für den Pferdekarrentransport.[20]

Noch weiter südlich und die Steppe immer weiter durchdringend, liegt der Wüstengürtel Eurasiens. Angefangen in der Gobi, im südlichen Teil der Mongolei und nördlichen China liegend, zieht er weiter westlich durch Gansu bis hin zurTaklamakanwüste Xinjiangs und dem Hochwüstenplateau von Tibet im Süden.

Westlich der Pamirberge erstreckt sich das Trockengebiet nach Usbekistan und reicht weiter bis hin zum Aralsee und Kaspischen Meer, entlang des nördlichen Teil Iraks und reicht letzten Endes in die Arabische Halbinsel und in die afrikanische Sahara hinein. Trotz des sandigen Untergrunds in diesen Gebieten, gab es viele steinige Passagen, die einen schnellen Transport und eine rapide Reise ermöglichen.[21] Auch Zentralasien wird von vielen Gebirgen und Gebirgsketten durchzogen. Die wichtigsten hierunter sind der Kunlun, Tianshan, Karakorum und das Pamirgebirge, welches ein Ausläufer des Himalayas ist. Durch ihn im Zentrum des Kontinents, wird das Klima stark beeinflusst. Die Gebirge schotten Zentralasien nicht nur vom Pazifischen und Indischen Ozean ab, sondern sorgen auch für einen Hochdruck in den Hochländern, der Regenfall dort größtenteils vermeidet. Die wichtigsten aus den Gebirgen stammenden Flüsse sind der Amu Darya, Syr Darya, Tarim und der Irtysh. Wichtig deshalb, da sie die einzige Quelle von Wasser für die Landwirtschaft sind. Jede wichtige Stadt der Seidenstraße lag entlang dieser Flüsse. Trotz der vielfältigen Auswüchse dieser Wasserrouten, wurden die Flüsse nur lokal zum Transport von Gütern benutzt. Keine der Flüsse Zentralasiens bot eine lukrative Anbindung zum Meer. Es erforderte eine Reise über die Berge und durch Indien (heute Pakistan) um Reisende zum Arabischen Meer zu bringen und von dort über das Rote Meer und den Persischen Golf hinein in den Mittelmeerraum. Dies war die meistgenutzte Route, um Waren aus Ostasien nach Rom oder andere Mittelmeergebiete zu bringen. Die Überlandroute wurde aufgrund der geografischen Lage weniger verwendet.[22] Die Seidenstraße ist also mehr als eine bloße Route von Ost nach West und vice versa. Sie umfasst ein so weit gespanntes Netzwerk an Ländern und deren so unterschiedlichen Klimata, dass dieser Kontrast zu der Vielfältigkeit an Waren, Rohstoffen und Kulturen beitrug und diese Komplexität keinesfalls als Nachteil betrachtet werden sollte.

2.3. Welche Gründe gab es für eine Seidenstraße

Handel war einer der wichtigsten und natürlichsten Gründe der Seidenstraßen. Ob es sich nun um Seide handelte, die aus den Tiefen des Chinesischen Reiches den ganzen Weg nach Rom gebracht wurde oder ob es sich nur um den Transport von Vieh aus den gemäßigten Gebieten in die ariden Gebiete handelte. Handel war, und ist heute wieder bzw. immer noch, einer derwichtigsten Gründe für die Seidenstraßen.[23]

Abgesehen vom Handel, gehörte die Religion und die damit verbundene Missionierung ebenso zu einer der schwerwiegendsten Gründe für die Existenz der Seidenstraße. Die Religionen des Buddhismus, des Christentums und des Islams zogen sich quer entlang der vielen Routen, erfuhren Austausch und breiteten sich in den vielen Städten entlang dieser aus. In den Städten bildeten sich religiöse und kulturelle Zonen für die Praktizierung der gemeinsamen Religionen. In diesen Zonen wurde nicht nur die gemeinsame Religion gefördert, sondern es wurden auch politische Ideen und die Sprache der verschiedenen Länder ausgetauscht. Ein Multilinguismus war der Schlüssel für den weiteren Austausch, ob er religiöser oder anderer Natur war.[24] Ein Beispiel für die Bedeutung des Sprachaustausches und das damit verbundene Wissen ist ein Tang­Buddhist aus dem 7. Jahrhundert aus Xuanzang. Seine Schrift der „Westlichen Regionen“, formte die Kernlehre der chinesischen Geografie über Zentralasiens und Indiens für Jahrhunderte und verhalf alte, verlorengeglaubte Wüstenstädte in derTaklamakanwüste wiederzufinden.[25] Somit gehörten die Religion und der damit verbundene Austausch ebenso zu einer der wichtigsten Eckpfeiler der Seidenstraßen. Hierbei sei anzumerken, dass am Ende des Tages natürlich nicht nur religiöse Informationen und Wissen durch das immerweiterwachsende Netzwerk der religiösen Mönche und Missionare floss. Die vielen Interaktionen zwischen Indien und China brachten viele Aspekte indischer Wissenschaft, Technologie und Kunst in das Land der Mitte, genauso wie die Doktrinen des Buddhismus. Das Ausweiten des Islams und der persischen Sprache im Eurasischen Raum führte dazu, dass die hellenische und muslimische Medizinkunde zu einem System verbunden und synthetisiert und später im westlichen Europa angewandt und weiterentwickelt wurde. Jesuiten brachten europäische Astronomie, Kartografie, Mathematik, Musiklehre und Kunst in das Chinesische Reich und an den chinesischen Hof. Diese wiederum brachten Wissen aus China zurück nach Europa. Die bekannteste Figur hierbei ist sicherlich Marco Polo und seine Reisen.[26]

Der Begriff Seidenstraße umfasst also mehr als nur den jahrhundertelangen Handel von Seide zwischen Rom und China. Er steht für den Austausch von Gütern und Ideen durch Handel, Diplomatie der Länder, Migration von Menschen und Missionierungen, Eroberungen, Pilgerungen und vielen mehr. Missionare, Mönche, Nomaden, Künstler und natürlich Händler haben alle zu diesem fortschreitenden Austausch entlang dieser einzigartigen Route beigetragen und haben der Seidenstraße damit ihren Sinn und ihren Grund gegeben, ob er nun wirtschaftlicher, politischer oder religiöser Natur war.[27]

2.4. Für die Gegenwart relevante Aspekte der historischen Seidenstraße

Von Handel und dem Austausch von Ideen und Wissen haben alle Beteiligten etwas. In jedem Wirtschaftsbuch steht es geschrieben und hier kurz zusammengefasst: Jeder konzentriert sich auf das, was er mit maximalem Ertrag am besten kann. Im anschließenden Austausch an Waren profitieren beide (oder mehrere) Seiten.

Bei der Seidenstraße war dies ebenso. Entlang der Routen bildeten sich Hochkulturen und florierende Zentren der Macht. Fokussiert auf China heißt das, dass die Öffnung nach Außen und der damit verbundene Handel und Austausch extrem wichtig sind. Obwohl sich bis heute Zentralasien und andere Gebiete der historischen Seidenstraßen immens verändert haben, bleiben die mitschwingenden kommerziellen, politischen technischen und kulturellen Definitionen erhalten, beziehungsweise haben sich noch verstärkt. In der heutigen globalen Verflechtung kommt man nicht umhin, die Wirtschaft als das zu bezeichnen, was die Seidenstraße vor hunderten von Jahren schon war: ein schier unendlicher und nicht abnehmender Austausch. Diese Romantisierung, so sehr sie auch Wirklichkeit ist, wird heutzutage stark politisiert genutzt. Die wohl erste moderne Nutzung des Begriffs „Seidenstraße“ ist der damaligen Staatssekretärin Hillary Clinton zuzuschreiben, als sie am 20. Juli 2011 im indischen Chennai sagte:

„Historically, the nations of South and Central Asia were connected to each other and the rest of the continent by a sprawling trading network called the Silk Road. [...] Let’s work together to create a new Silk Road. Not a single thoroughfare like its namesake, but an international web and network of economic and transit connections. That means building more rail lines, highways, energy infrastructure, [...]”[28]

Schon damals war es die Idee, eine enge wirtschaftliche Verbindung der Länder in Zentralasien zu schaffen und damit den Frieden in der Region zu fördern, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa geschah. Wirtschaftliche Verbundenheit und Abhängigkeit ist das beste Mittel für politischen Frieden. Genau diese Aspekte des Austausches und der Verbundenheit sollten relevant für die heutige Seidenstraße werden.

3. Aktuelle wirtschaftliche Lage der VR China und die Bedeutung von Handel

Der Handel und der wirtschaftliche Erfolg verknüpft mit diesem, ist für die Volksrepublik China im weitesten und für die Kommunistische Partei Chinas (KPC) im engeren Sinne von immenser Bedeutung. Der Erfolg innerhalb der Weltwirtschaft und das konstante Wachstum im Reich der Mitte ist essentiell für die Legimatisierung der Macht der KPC.

Problematisch hierbei ist, dass das Wachstum des Bruttoinlandproduktes (BIP) der Volksrepublik Chinas im Jahr 2016 ein neues Tief erreicht hat. Es fiel unter die wichtige 7%-Marke und ist damit am tiefsten Punkt seit Anfang der Neunziger Jahren (siehe nachfolgende Abbildung).[29] [30]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: The World Bank - Wachstum BIP30

Weiter problematisch hierbei ist, dass für das Jahr 2017 mit einem weiteren Fall des BIPs gerechnet wird. Die Chinesische Akademie für Sozialstudien (CASS) hat für das Jahr 2017 ein Wirtschaftswachstum von nur 6,5% vorhergesagt, was demnach das geringste in 25 Jahren chinesischer Wirtschaftsgeschichte wäre.[31] Führenden Wirtschaftsanalytikern zufolge jedoch muss auch bei diesem, für die Volksrepublik China so geringem Wachstum, von einer Übertreibung und Inflationierung ausgegangen werden. Die tatsächliche Zahl wird von diesen um einiges tiefer eingeschätzt. Analysten sprechen von einem 7%-Zwang, wenn es um das jährliche Wachstum der Volksrepublik China geht. Diese Zahl darf laut internen Berichten nicht stark unterschritten werden und wird aufgrund dessen entsprechend geändert und angepasst. Doch nicht nur Peking spielt bei der Anpassung der Wachstumsdaten eine Rolle. Auch die vielen Provinzen ändern ihre Daten so, dass sie dem Plan der KPC entsprechen und das aus gutem Grund. Zum Ersten ist die Lage am Aktienmarkt eine sehr prekäre und anfällige. Wie im Jahr 2016 zu beobachten war, reagieren die Anleger auf schlechte Wirtschaftsdaten mit Panikverkäufen, was wiederum wichtiges Kapital vernichtet.[32] Zum Zweiten ist das konstant bleibende Wachstum der wichtigste Grund für die zuvor bereits genannte Legitimation der KPC. Nur durch das Wirtschaftswachstum kann sie die immer weiter fortschreitenden Umweltverschlechterungen rechtfertigen und dem Volk zumuten. Im Umkehrschluss werden nur durch das Wachstum diese Zustände vom Volk akzeptiert. Abgesehen von den verseuchten Flüssen, dem überdüngtem Land und der fortschreitenden Desertifikation der Wüsten, ist der zunehmende Smog besonders in den Ballungsgebieten im Norden eine der schlimmsten Nebeneffekte des Wachstums. Würde das jährliche Wachstum zu sehr sinken, würde das Volk die Zustände der Umwelt nicht mehr tolerieren und die Führung der KPC nicht mehr anerkennen. Ebenso kann nur durch ein weiteres stätiges Wirtschaftswachstum das Versprechen der KPC, das Hinterland - hier besonders den Westen Chinas - auszubauen und zu fördern, eingelöst werden. Handel ist also von großer Bedeutung. Doch wie ist die aktuelle wirtschaftliche Lage im Inland und in den Wirtschaftsbetrieben? Schon bei kurzer Recherche fällt auf, dass Chinas Industrie viele Probleme hat, im Folgenden wird auf die beiden Größten und für die „Neue Seidenstraße“ am Relevantesten eingegangen.

Chinas schwächer werdender Handel

Um einen kurzen Überblick zu gewinnen und ohne zu sehr in Details zu gehen, werden die aktuellen Statistiken und Nachrichten als Quelle herangezogen.

Bei genauer Betrachtung ergibt sich für die zukünftigen Aussichten des Handels der Volksrepublik China ein graues Bild. Trotz der im Vergleich starken Exportzahlen wird deutlich, dass die Exporttendenz des Handels stark abschwächt und sogar im Vergleich zu den vorherigen Jahren fällt. Für die in der Zukunft prognostizierten Zahlen ergibt sich ein ganz ähnliches Bild: Wie es in Abbildung 3 zu sehen ist, wird davon ausgegangen, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter fallen werden.[33]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[34]

Zieht man einen Vergleich mit dem Deutschen Handelsvolumen im Export, dann kann deutlich erkannt werden, dass es sich nicht um ein globales Problem, sondern um ein rein chinesisches Problem handelt. (Siehe nachfolgende Abbildung 4)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Handelsvolumen Export VR China - Deutschland (1950 - 2016)[35]

Wird nun auch der allgemeine jährliche Handelsüberschuss hinzugenommen, ist das Ergebnis ähnlich. Der Handelsüberschuss nimmt, ebenso wie das Exportvolumen weiter Stück für Stück ab.[36] (siehe nachfolgende Abbildung 5)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Handelsüberschuss VR China (2006 - 2016)[37]

Wir kommen also zu der Erkenntnis, dass der für die VR China so wichtige Handel kontinuierlich stagniert. Dies bedeutet Überproduktion und, wie anfangs bereits erwähnt, Probleme für die Führung der Partei.

Chinas Probleme in den Produktionsbetrieben

Mit der Verlangsamung der Wirtschaft und den für ein Schwellenland üblichen Problemen der steigenden Kosten der Produktion, besonders hervorgerufen durch den Anstieg der Gehälter, und den stärkerund komplexer werdenden Nachfragen der Verbraucher, haben die Betriebe der Volksrepublik alle Hände voll zu tun. Hinzu kommt, dass viele der ehemals profitablen Produktionsstätten der ausländischen Firmen im Inland zu kostspielig werden. Das zuvor erwähnte langsame Wachstum und die fallenden Investitionen nach China zeugen von dem Wegfall des wichtigsten Teils der chinesischen Wirtschaft: die Manufaktur.[38]

[...]


[1] Remme, 2015

[2] Xi, 2013

[3] Remme, 2015

[4] Winter und Diplomat, 2016

[5] Engdahl, 2015

[6] Cheung, 2016

[7] Andrea2014, S. 107

[8] Millward 2013, S. 4-5

[9] Andrea2014, S. 106

[10] Andrea 2014, S. 118

[11] Andrea 2014, S. 105

[12] Millward 2013, S. 6

[13] Millward 2013, S. 7

[14] Millward 2013, S. 6

[15] Shabahang, 2016

[16] Millward 2013, S. 3

[17] Andrea 2014, S. 111

[18] Millward 2013, S. 6-7

[19] Millward 2013, S. 7

[20] Millward 2013, S. 8-9

[21] Millward 2013, S. 9-10

[22] Millward 2013, S. 9-10

[23] Millward 2013, S. 15

[24] Millward 2013, S. 16

[25] Millward 2013, S. 17

[26] Millward 2013, S. 18

[27] Millward 2013, S. 18-19

[28] Clinton, 2011

[29] The World Bank

[30] Abbildung unverändert übernommen aus The World Bank

[31] Chen und Glenn

[32] Illmer, 2016

[33] Trading Economics, 2016

[34] Abbildung verändert übernommen aus: Trading Economics, 2016

[35] Abbildung unverändert übernommen aus: Trading Economics, 2016

[36] Trading Economics, 2016

[37] Abbildung verändert übernommen aus Trading Economics, 2016

[38] McKinsey & Company, 2016

Details

Seiten
55
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668414372
ISBN (Buch)
9783668415492
Dateigröße
883 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355901
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung Konstanz
Note
1,0
Schlagworte
China Seidenstraße Neue Seidenstraße One belt one road Silkroad New Silkroad

Autor

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Titel: Die wirtschaftliche Bedeutung des internationalen Projektes der "Neuen Seidenstraße" und seine geopolitischen Herausforderungen und Risiken für die Volksrepublik China