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Ist die Convivencia ein Mythos? Geschichte und Leben in Andalusien

Hausarbeit 2016 13 Seiten

Theologie - Islamische Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Eroberungen
1.1. Eroberung Spaniens
1.2 Das umawiyyūnische Emirat (756-929)
1.3 Das Kalifat von Córdoba (929-1031)
1.4 Die Fitna
1.5 Die Berber-Dynastien (1090-1248)
1.6 Die Banū Naṣr in Granada (1246-1492)

2. Die Convivencia
2.1. Zeit vor 756
2.2. Bevölkerungsgruppen in al-Andalus
2.3 Die ḏimma
2.4 Die Juden
2.5 Aufstände in Andalusien
2.6 Die Hauptstadt Córdoba
2.7 Gerechtigkeit auf dem Markt
2.8 Mathematik

3. Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Vom 7. - 15. Jahrhundert leben die drei Weltreligionen, der Islam, das Christentum und das Judentum, auf der iberischen Halbinsel zusammen. Dieses Zusammenleben ist uns heute mit dem spanischen Wort "Convivencia", übersetzt also Zusammenleben oder Koexistenz, bekannt. Aus der Geschichtsschreibung erfahren wir, dass vorher schon Muslime, Christen und Juden in einem Land zusammen gelebt haben. Doch mit Andalusien ist es das erste mal, dass dieses Zusammenleben auf europäischem Boden geschieht. Ob es sich hierbei um ein friedliches und fruchtbares Zusammenleben ohne Diskriminierung einer der drei Weltreligionen, oder um eine Unterdrückung der Bevölkerung durch die Muslime und die muslimische Herrschaft handelt, ist bei Geschichtswissenschaftlern stark umstritten. Viele begründen diese Aussage damit, dass das Land mit politischen Intrigen und Machtkämpfen um den Thron überfüllt gewesen ist und so kein friedliches Zusammenleben geschaffen werden konnte. Auf der anderen Seite wird die Auffassung vertreten, dass sich diese Intrigen nicht auf die Bevölkerung ausgewirkt haben. Sie sollen in einer fruchtbaren Symbiose zusammengelebt, die kulturellen und religiösen Unterschiede als Bereicherung anerkannt und wirkungsvoll umgesetzt haben.

Im Umfang dieser Hausarbeit soll zunächst ein historischer Rahmen festgelegt werden. Daher wird zu Beginn auf die Eroberung der iberischen Halbinsel durch die Muslime im Jahre 711 eingegangen, um anschließend Faktoren bis hin zum Fall im Jahr 1492 kurz zusammenzufassen. Anschließend widme ich mich der Convivencia in Spanien. Wie sehen die Zustände vor und nach der Eroberung der Iberischen Halbinsel durch Muslime aus? Darüberhinaus wollen wir uns im Umfang dieser Arbeit genauer mit den Aufständen in al-Andalus beschäftigen. Zudem soll die sog. Blütezeit zwischen den Jahren 929-1031 kritisch unter Augenschein genommen werden. Machen Wissenschaften, wie Mathematik, Astronomie, Biologie, Philosophie und Theologie in Andalusien enorme Fortschritte? Laut Geschichtswissenschaftler wird Andalusien während dieser Blütezeit zu einem Treffpunkt vieler Denker und Wissenschaftler aus der ganzen Welt. In einem letzten Schritt soll die Frage "Ist die Convivencia eine Utopie?" beantwortet werden.

1. Eroberungen

1.1. Eroberung Spaniens

Das erste Mal erblicken die Muslime das heutige Spanien auf dem Gebirge zwischen Ceuta und Tanger in Nordafrika im Jahre 710. Der Stellvertreter (Târiq ibn Ziyâd) des Oberkommandaten Mûsâ ibn Nusayr, schickte eine Vorhut mit 400 Mann über die Meerenge, welche an der Landungstelle die Stadt Tarif gründen. Am darauf folgenden Jahr 711 überquert Târiq ibn Ziyâd mit 7000 Berbern die Meerengen und stößt auf die Vorhut zu. Zusammen ziehen sie gen Norden und treffen mit dem westgotischen König Rodrigo aufeinander. Rodrigo stirbt im Krieg und die Muslime gehen siegreich hervor. Somit beginnt der Eroberungskurs der Muslime in Spanien.[1] In nur wenigen Jahren wird bis auf die im Norden Spaniens liegende Provinz Covadonga, die ganze Halbinsel erobert. Die Muslime erleiden dort ihre erste Niederlage gegen die Truppen von Pelayo, einen gotischen Adligen (Zeitpunkt zwischen 718 und 740). In Covadonga bleibt die christliche Heerschaft somit bestehen und wird zur Grundlage der späteren Rückeroberung Spaniens.[2]

Die Herrschaft der Muslime über al-Andalus dauert zwischen 711 und 1492 an. In diesem Zeitintervall kommt es oft, hauptsächlich wegen der instabilen Herrschaft, zu internen Auseinandersetzungen. Kriege nach Außen finden nur gegen Ende der Herrschaft statt.

1.2 Das umawiyyūnische Emirat (756-929)

Zu Beginn wird das Reich von Gouverneuren in Vertretung des umawiyyūnischen Kalifen von Damaskus regiert. Später errichtet der letzte Überlebende der Al-Umawiyyūn `Abd al- Rahmân (750 wurden alle männlichen Mitglieder, bis auf einen, der Al-Umawiyyūn-Familie von den Banû ´Abbas in eine Falle gelockt und ermordet), nachdem er siegreich 756 in Córdoba einzieht, diese zur Hauptstadt Andalusiens und ernennt sich selber zum Emir (amīr = Befehlshaber). Die Zeit des Emirats (756-929) war durch Stabilität nach außen und mit Kämpfen im Inneren des Reiches gekennzeichnet.[3]

1.3 Das Kalifat von Córdoba (929-1031)

´Abd al-Rahman III. bestieg den Thron im Jahre 912 und sorgte für interne Ruhe indem er die flammenden Rebellionen erstickte. Im Jahre 929 lässt er verkünden, dass er der rechtmäßige Kalif Amīr al-Mu'minīn (Beherrscher der Gläubigen) ist.[4] Al-Hakam II. erbt im Alter von 47 den Thron und führt das Kalifat zum ihrem Höhepunkt. 976 ernennt er seinen unmündigen 12 jährigen Sohn Hišām als seinen Nachfolger. Eines von zwei schwerwiegenden Fehlern, welches den raschen Untergang des Kalifats hervorrufen wird. Sein zweiter Fehler besteht darin, dass er berberischen Söldnern zu viel Macht im Hofleben einräumt.[5]

1.4 Die Fitna

Die Periode zwischen 1009 - 1031 wird auf arabisch als fitna "Verwirrung" bezeichnet. Sie beginnt im August 1009 mit einer Palastrevolte.[6] Von da an kommt es in dieser Zeitspanne oft zu Machtkämpfen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppierungen (Al-Umawiyyūn, al-ʿĀmiriyūn, al-Ḥamdāniyūn) um den Thron. Dies hat zufolge, dass die Zentralmacht stark lädiert und schließlich zusammenbricht. Durch die Dezentralisierung kommt es zu Zersplitterung zu Kleinstaaten, welche sich bekriegen. Diese Kleinstaaten werden auch ṭāʾifa-Königreiche genannt. Am Ende der fitna, gleicht Spanien einem Flickenteppich mit bis zu 60 kleinen Staatsgebilden.[7] Wie erwähnt bekriegen sich diese ṭāʾifa-Königreiche untereinander und sind im Vergleich zum geeinten al-Andalus militärisch gesehen sehr schwach. Aus diesem Grund zahlen einige ṭāʾifa-Königreiche den Christen im Norden Schutzgelder, damit diese ihnen militärischen Beistand gegen die konkurrierenden Nachbarreiche geben. Zudem wahren diese Schutzgelder den Frieden mit den christlichen Nachbarn. Das Machtverhältnis verschiebt sich mit den Einnahmen, die die Christen erhalten. So können sie, im Jahre 1064 Barbastro im Pyrenäenvorland einnehmen. Die al-Murābiṭūn -Bewegung aus Nordafrika, welche fundamentalistisch-islamisch gesinnt war und danach strebte die politische Gemeinschaft unter den Muslimen wiederherzustellen, bedrohte die ṭāʾifa-Königreiche, da diese ihrer Meinung nach den Islam nicht richtig ausleben. Die al-Murābiṭūn nehmen bis 1116 alle restlichen ṭāʾifa-Königreiche ein und die ṭāʾifa-Könige fielen dem murābiṭūnischen Kalifen in die Hand. Dieser bestraft sie, da diese sich mit ihren Glaubensgegnern zusammengetan haben, statt sich ihm zu unterwerfen. Die Epoche der ṭāʾifa-Könige war aber auch ein Zeitalter einzigartiger kultureller Bereicherung, da die Königreiche neben dem Kriegen auch bei Künsten und Wissenschaften wetteifern.[8]

1.5 Die Berber-Dynastien (1090-1248)

Al-Andalus wird somit zur Provinz des Berber-Imperiums (Das Imperium erstreckt sich von Zentralafrika bis an die Grenze von Libyen; Hauptstadt war Marrakesch). Im Jahr 1102 wird Valencia von den Al-Murābiṭūn erobert, um weiter gen Norden marschieren zu können. Die Christen reagieren auf diese Eroberungen, in dem sie gegen die einfallenden Feinde vorgehen, sodass es zu Eroberungen und Rückeroberungen von Gebieten kommt. Während dieser Auseinandersetzungen formt sich in Nordafrika eine neue Bewegung: Die militärisch-religiöse Bruderschaft der Al-muwaḥḥidūn[9], die zuerst Marrakesch nach dem Tod des letzten Kalifen 1147 besetzen und binnen 10 Jahren das zentrale al-Andalus von Valencia bis Sevilla beherrschen.[10] 1212 kommt es zur endgültigen Auseinandersetzung. Papst Innozenz II. ruft zum Kreuzzug in Hispanien auf. Der muwaḥḥidūnische Kalif stellt ebenfalls eine Streitmacht auf, sodass sich 200.000 Mann in einem letzten Krieg entgegen stehen. Die Al-muwaḥḥidūn stecken eine verheerende Niederlage ein. 150.000 Soldaten fallen in dieser Schlacht, woraufhin das Imperium der Al-muwaḥḥidūn kurz daraufhin untergeht.[11] Hiernach beginnt die Gran Reconquista und binnen weniger Jahre wird al-Andalus von den Christen, bis auf ein kleines Reich im Südosten, erobert.[12]

1.6 Die Banū Naṣr in Granada (1246-1492)

Muhammad ibn Yûsuf ibn Naṣr schafft sich 1231 eine Machtbasis in Arjona und expandiert durch sein politisches Geschick nach Jaén und Guádix. Er unterwirft sich König Ferdinand III. und hilft ihm Córdoba einzunehmen. Als Gegenleistung übergibt ihm Ferdinand III. Granada. Ibn Naṣr kann Granada nur bis zum Ende des 15. Jahrhunderts halten, da er die hohen Zahlungen und Tribute der katholischen Könige nicht länger begleichen kann. Somit endet die politische Macht des Islam auf der Iberischen Halbinsel und Spanien wird zu einem geeinten Land, mit einer staatlichen Religion.[13]

Diese kurze zeitliche Zusammenfassung der muslimischen Geschichte auf al-Andalus beinhaltet nur die wichtigsten Ereignisse hinsichtlich der Machtkämpfe. Sie dient lediglich zur Veranschaulichung der Atmosphäre die zu dieser Zeit geherrscht hat. Wie zu sehen ist, ist die iberische Halbinsel mit Intrigen und Machtkämpfen, in den 800 Jahren, die die Muslime dort geherrscht bzw. gelebt haben, überfüllt. Es fällt auf, dass es sich hierbei öfters um interne Auseinandersetzungen handelt als externe. Im Folgenden Abschnitt widmen wir uns dem Schwerpunkt dieser Hausarbeit: Das Zusammenleben der Muslime, der Christen und der Juden in Hispanien.

2. Die Convivencia

2.1. Zeit vor 756

Vor der Eroberung der Iberischen Insel besitzt das westgotische Reich ungefähr drei Millionen Bewohnern. Die Mehrheit besteht aus Hispano-Romanen, welche von einer kleinen gotischen Oberschicht regiert werden. Daneben gibt es zwei Minderheiten: Die heidnischen Basken, die unterworfen und christianisiert sind und die Juden. Die Goten haben sich streng von ihnen abgegrenzt und zahlreiche diskriminierende Gesetze gegen sie erlassen[14] Laut wissenschaftlichen Angaben unterliegt Hispanien zu dieser Zeit einem Verfallsprozess. Als die Araber Hispanien Einnehmen, zählt man weniger als 3 Millionen Menschen. Die Städte entvölkerten sich, die Wege waren nicht sicher und der Handel blühte nicht. Es wird zu einem Land, welches in Armut versinkt, wo sich Räuberbanden bilden, wo Eltern ihre Kinder ermorden, da diese sowieso wegen der Dürre und der Pest umkommen würden und wo Sklaven und Leibeigene vor der Knechtschaft aufs Land fliehen.[15] Diese dem Untergang geweihtem Land, schenkten die Araber nach der Eroberung der Iberischen Halbinsel neues Leben.

2.2. Bevölkerungsgruppen in al-Andalus

Das Land besteht nun aus mindestens 5 Bevölkerungsgruppen, welche Miteinander leben.

1. Die politisch mächtigste Gruppe, den Arabern.
2. Den Berbern
3. Die muwalladūn (die in einen arabischen Clan Aufgenommenen oder die Integrierten), also die in den Islam konvertierten Christen, welche auch den größten Anteil der Bevölkerung ausgemacht haben.
4. Die Christen, welche ihre Religion beibehalten haben.
5. Die Juden, welche in der Minderheit waren.[16]

Es kommt zu einem schnellen Umschwung. Alle integrieren sich rasch und vollständig an die herrschende arabische Kultur und der arabischen Schriftsprache. Viele Hispano-Romanen nehmen den Islam als Glauben an. Gegen Ende der Jahrtausendwende umfassen die Muslime den größten Teil der Bevölkerung. Die Islamisierung ist somit ein langer Prozess, welcher ein Jahrhundert andauert. Konversionen von Juden in den Islam kommen vereinzelt vor. Die Diskriminierung, welche die Juden vorher erleiden mussten, gibt es bei den Muslimen nicht.

[...]


[1] Ebd. Georg Bossong Das Maursiche Spanien S.14-15

[2] Ebd. S. 17-18

[3] Ebd. S. 19-21

[4] Ebd. S. 23-24

[5] Ebd. S. 25-26

[6] Ebd. S. 28

[7] Ebd. S. 31-32

[8] Ebd. S. 40-41

[9] Ebd. S. 45

[10] Ebd. S. 48-49

[11] Ebd. S. 50-51

[12] Ebd. S. 54

[13] Ebd. S. 54-58

[14] Ebd. Georg Bossong Das maurische Spanien S.66-67

[15] Ebd. Antonio Munoz Molina Stadt der Kalifen S. 37-38

[16] Ebd. Raimund Allebrand Terror oder Toleranz S.65-66

Details

Seiten
13
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668416932
ISBN (Buch)
9783668416949
Dateigröße
743 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355748
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Schlagworte
Convivencia Andalusien Iberische Halbinsel Christentum Judentum Islam

Autor

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