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Die Differenz des privaten und unternehmerischen Risikoverhaltens bei Investitionsentscheidungen

Unter Beachtung der Prinzipal-Agenten-Theorie

Masterarbeit 2016 88 Seiten

VWL - Mikroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Die Problemstellung

2. Die Wirtschaftstheoretischen Grundlagen
2.1. Die Entscheidungstheorie
2.2. Die Neue Institutionenökonomik
2.2.1. Die Prinzipal-Agenten-Theorie
2.2.2. Homo oeconomicus vs. Opportunismus
2.3. Die Rationalität
2.3.1. Die Nutzentheorie
2.3.2. Die Präferenzen
2.3.3. Die Erwartungsnutzentheorie

3. Die Verhaltensökonomik
3.1. Die Prospekt-Theorie
3.2. Der Framing-Effekt und die Verlustaversion
3.3. Der Endowment-Effekt

4. Risiko vs. Unsicherheit
4.1. Risikoneutralität, -aversion & -affinität
4.2. Die Begriffsunterscheidung
4.3. Die Risikominderung
4.3.1. Die Diversifikation
4.3.2. Die Versicherung
4.3.3. Die Beschaffung weiterer Informationen

5. Das µ-σ-Kriterium

6. Der Forschungsfragebogen
6.1. Die Forschungsfragen
6.2. Die Vorgehensweise
6.3. Der Aufbau des Fragebogens
6.4. Die Grundgesamtheit

7. Die Methodik
7.1. Die Bernoulli-Befragung
7.2. Die Basis-Referenz-Lotterie
7.3. Die Mittelwert-Kettungs-Methode
7.4. Die Alternativenauswahl bei Unsicherheit
7.5. Die Forschungsergebnisse

8. Schlussfolgerung und kritische Würdigung

9. Das geschlechtsspezifische Risikoverhalten

10. Die Anreizsysteme in Prinzipal-Agenten-Beziehungen

11. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 : Typische Wertefunktion der Propekt-Theorie

Abbildung 2 : Erwartungsstruktur von Entscheidungen

Abbildung 3 : µ-σ-Grafik zur Basis-Referenz-Lotterie

Abbildung 4 : Nettoeinkommen der Umfrageteilnehmer

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 : Übersicht zur Verteilung der Grundgesamtheit

Tabelle 2 : Übersicht zur Altersstruktur der Grundgesamtheit

Tabelle 3 : Überblick zur Basis-Referenz-Lotterie

Tabelle 4 : Überblick zur Mittelwert-Kettungs-Methode

Tabelle 5 : Überblick zur Alternativenauswahl

Tabelle 6 : Ergebnisse der Basis-Referenz-Lotterie

Tabelle 7 : Ergebnisse Basis-Referenz-Lotterie nach Geschlecht

Tabelle 8 : Risikoeinschätzung der Finanzanlagen (absolut)

Tabelle 9 : Risikoeinschätzung der Finanzanlagen nach Geschlecht

Tabelle 10 : Ergebnisse der Mittelwert-Kettungs-Methode

Tabelle 11 : Ergebnisse der Alternativenauswahl

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Die Problemstellung

„ Am risikoreichsten rechnen die,

die mit dem Geld anderer wirtschaften.“

- HORST- JOACHIM RAHN [1]

Menschen treffen täglich Entscheidungen. Inwieweit diese Entschei-dungen risikobehaftet sind und wie diese Risiken dabei überhaupt wahrgenommen werden, hängt von unterschiedlichen teils psycho-logischen Faktoren ab und ist individuell verschieden.[2]

Der Inhalt dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Risikoverhalten von Individuen bei Investitionsentscheidungen und geht dabei im Besonderen auf dessen Unterschiede zwischen privaten und unternehmerischen Finanzentscheidungen ein. Zu Beginn soll dazu ein wirtschaftstheoretischer Rahmen geschaffen werden, um sich der Problematik anzunähern und diese in den wirtschaftswissen-schaftlichen Kontext einordnen zu können. Neben der Entscheidungstheorie soll ebenso die „Neue Institutionenökonomik“ als Grundlage dienen, um ein einheitliches Verständnis über die Thematik zu vermitteln und die Problemstellung weiter zu verdeutlichen. Des Weiteren soll ein Bewusstsein dafür vermittelt werden, inwieweit Rationalität bei der Betrachtung von Risikoverhalten eine Rolle spielt.

Um ein umfassendes Bild über verschiedene Verhaltensanomalien zu erhalten, werden im Anschluss einige Ansätze der Verhaltensökonomik diskutiert, welche das Risikoverhalten bei Investitionsentscheidungen maßgeblich beeinflussen. Dies vorangestellt erfolgt im Anschluss eine genauere Abgrenzung des eigentlichen Risikobegriffs sowie eine Definition verschiedener Risikoneigungen.

Im Kern dieser Arbeit steht die Erläuterung und die Auswertung einer empirischen Untersuchung, welche den Zusammenhang von Finanz-entscheidungen und Risikoverhalten analysiert. Um an die empirischen Daten zu gelangen, wurde eine Befragung unter Studierenden der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der Technischen Universität Chemnitz und der Universität Leipzig durchgeführt. Die Chemnitzer Probanden wurden innerhalb dieser Befragung gebeten, sich gedanklich in die Rolle eines institutionellen Finanzentscheiders hinein zu versetzen und die Fragen aus der Perspektive eines solchen unternehmerischen Entscheidungsträgers zu beantworten. Die andere Vergleichsgruppe, bestehend aus den Leipziger Studierenden, wurde hingegen instruiert, den Fragebogen so zu beantworten, als würden sie private Investitionsentscheidungen für sich selbst treffen.

Aus den so erhaltenen Daten sollen Vergleiche gezogen werden, um Aussagen über allgemeine Trends und Risikoneigungen von privatem und unternehmerischem Investitionsverhalten treffen zu können. Auf diese Weise soll versucht werden, die eingangs formulierten und theoretisch begründeten Erwartungen über das Risikoverhalten, anhand der Empirie zu überprüfen. Womöglich können hierdurch Rückschlüsse auf das realwirtschaftliche Investitionsverhalten von Finanzentscheidern gezogen werden. Neben dem Fokus auf dem Unterschied von privaten und unternehmerischen Risikoverhalten, soll bei der Auswertung der empirischen Daten darüber hinaus ein Augenmerk auf das geschlechtsspezifische Risikoverhalten gelegt werden. Abschließend werden in dieser Arbeit verschiedene Anreizsysteme kurz vorgestellt, welche dazu führen sollen, das unternehmerische Risikoverhalten zu kontrollieren.

Aus Gründen der Textökonomie werden in der vorliegenden Arbeit personenbezogene Bezeichnungen, die sich zugleich auf Frauen und Männer beziehen, in der generischen Form angeführt. In diesen Fällen ist die weibliche Form in dieser Masterarbeit der männlichen Form gleichgestellt; lediglich aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wurde die männliche Form gewählt.

2. Die Wirtschaftstheoretischen Grundlagen

Die Entscheidungstheorie sowie die „Neue Institutionenökonomik“[3] (NIÖ) stellen mit ihren jeweiligen Betrachtungsweisen und Hypothesen die theoretischen Grundlagen für die weitere Betrachtung des privaten und unternehmerischen Risikoverhaltens bei Investitionsent-scheidungen dar.

2.1. Die Entscheidungstheorie

Unter dem Begriff Entscheidungstheorie versteht man im Allgemeinen die Untersuchung von Entscheidungsmöglichkeiten, die einzelnen Individuen oder Gruppen zu einem entsprechenden Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort zur freien Wahl stehen. Weiterhin analysiert und vergleicht die Entscheidungstheorie verschiedene methodische Ansätze, die den Individuen zur Verfügung stehen, um sich für eine der Möglichkeiten zu entscheiden.[4]

Dabei unterscheidet man einerseits in deskriptive und andererseits in präskriptive Entscheidungstheorie. Die deskriptive Entscheidungs-theorie beschäftigt sich mit der ex post Betrachtung von bereits getroffenen Entscheidungen. Hierbei wird untersucht, weshalb bestimmte Alternativen von den Akteuren gewählt wurden, um daraus empirisch gestützte Erkenntnisse zu gewinnen, mit denen zukünftige Entscheidungsprozesse besser vorhergesagt werden können. Die präskriptive Entscheidungstheorie (auch Entscheidungslogik genannt) erörtert hingegen ex ante rationale Entscheidungsansätze, die den Akteuren als Hilfestellung dienen sollen, um die individuell optimale Handlungsalternative zu finden.[5]

Während bei der deskriptiven Entscheidungstheorie eine Vielzahl von individuellen und subjektiven Faktoren in der Betrachtung berücksichtigt werden müssen, konzentriert sich die präskriptive Entscheidungstheorie auf einige wenige rationale Eigenschaften. Hierzu zählen bspw. die Ziele, die Präferenzen, die Risikobereitschaft, die Erwartungshaltung sowie der aktuelle Informationsstand des Akteurs.[6] Die Ergebnisse der unterschiedlichen Handlungsalternativen sind von verschiedenen Umweltfaktoren abhängig. Je nachdem, ob eine Handlungsalternative ein konkretes Folgeereignis nach sich zieht oder ob das Ereignis je nach Umweltfaktoren unterschiedlich ausfällt, unterscheidet man zwischen Entscheidungen unter Sicherheit und Entscheidungen unter Unsicherheit.[7]

2.2. Die Neue Institutionenökonomik

Erstmals wurde die „Neue Institutionenökonomik“ im Jahre 1975 durch WILIAMSON und NORTH geprägt. Mittels dieser Wirtschaftstheorie lässt sich (anomales) Verhalten von Wirtschaftssubjekten in einer nicht perfekten Welt erklären. Die NIÖ berücksichtigt in Ihren Annahmen die Unvollkommenheit des Marktes und die eingeschränkte Rationalität der Marktakteure. Auf diese Weise ist die NIÖ in der Lage gesellschaftliche und gesamtwirtschaftlich suboptimale Handlungen zu beschreiben.[8]

Den Mittelpunkt dieser Wirtschaftstheorie bilden die gesellschaftlichen Institutionen, die maßgeblich das individuelle Handeln der Wirtschaftssubjekte beeinflussen. Wichtig ist hierbei die Unterscheidung der verschiedenen Definitionen von Institutionen. Zum einen können diese Institutionen als soziales System betrachtet werden, welches sich in normativen Gesetzmäßigkeiten, kulturellen Grundsätzen sowie Werte- und Normenverständnissen ausdrückt. Zum anderen werden die Institutionen auch als organisierte Handlungs-systeme und kooperatives Agieren von Wirtschaftssubjekten verstanden.[9] Als logische Schlussfolgerung ist somit einerseits das gesellschaftliche System, innerhalb dessen sich ein Wirtschaftssubjekt bewegt, mit seinen jeweiligen sozialen Vorgaben als auch andererseits das sozioökonomische Handeln anderer Individuen richtungsweisend für die wirtschaftliche Entscheidungsfindung sowie das Handeln jedes einzelnen Individuums.[10]

Für die theoretischen Annahmen der NIÖ bilden im weitesten Sinne die Annahmen der „Klassischen Nationalökonomik“ sowie der „Neoklassik“ die Basis. Entgegen der klassischen bzw. neoklassischen Denkweise erweitert die NIÖ die grundlegenden Konzeptionen, indem die Annahmen nicht mehr nur auf individuelles Handeln, sondern auf institutionelles – also kollektives – ökonomisches Handeln übertragen werden.[11]

Die NIÖ umfasst unter anderem die These positiver Transaktionskosten, welche aus dem Tauschhandel bzw. aus der Übertragung von rechtlichen oder realen Gütern und Dienstleistungen zwischen zwei oder mehreren Individuen resultieren. Im Zusammen-hang mit der These positiver Transaktionskosten steht die These der Informationsasymmetrie. Die unter den Wirtschaftssubjekten asymmetrisch verteilten Informationen begründet die NIÖ mit der durchaus realitätsnahen Ansicht, dass Menschen nicht homogen sind. Unter dieser Prämisse geht die NIÖ davon aus, dass die Individuen ihre jeweiligen Voraussetzungen, wie bspw. Lebenserfahrung, Bildung, Fertigkeiten und andere persönliche Eigenschaften, mit in ihr ökonomisches Handeln einfließen lassen. Unter Einbeziehung der bereits genannten Institutionen geht die NIÖ fernerhin davon aus, dass alle Individuen lediglich bedingt rational und opportunistisch agieren.[12]

Unter Einbeziehung sämtlicher Vorbedingungen wird deutlich, dass die NIÖ von einem dauerwährenden Ungleichgewicht am Markt ausgeht. Die Informationsasymmetrie, die bedingte Rationalität und das opportunistische Verhalten der heterogenen Wirtschaftsakteure bedingt dieses Ungleichgewicht, welches der Markt nicht auszugleichen vermag. Als Resultat dessen kommt es zu unvollständigen Verträgen zwischen den Wirtschaftssubjekten und zu Transaktionskosten.[13]

2.2.1. Die Prinzipal-Agenten-Theorie

Eine der drei größten Theorien, die auf den Annahmen der NIÖ aufbaut, ist die „Prinzipal-Agenten-Theorie“ (PAT). Die Basis für die PAT bilden institutionsökonomische Prämissen der Informationsasymmetrie und des Opportunismus zwischen Auftraggebern, den sogenannten Prinzipalen, und den Auftragnehmern, den sogenannten Agenten. Die PAT geht davon aus, dass jeder Agent gegenüber seinem entsprechenden Prinzipal einen Vorsprung an Informationen besitzt, welchen der Agent entweder zum Vor- oder zum Nachteil des Prinzipals einsetzen kann.[14]

Daraus ergibt sich auf Seiten des Prinzipals eine Diskrepanz, da er zum einen nicht weiß, ob der vom ihm engagierte Agent für die ihm übertragenen Aufgaben geeignet ist bzw. sogar für den Prinzipal nachteilige Intentionen verfolgt. Zum anderen könnte der Agent gegenüber dem Prinzipal Informationen vorenthalten. Aus diesem Grund ist der Prinzipal indirekt gezwungen Mittel aufzuwenden, um das Handeln des Agenten zu kontrollieren oder um Anreize zu schaffen, welche den Agenten von seinem opportunistischen Verhalten abbringen.[15]

Jedoch könnte auch der Agent gewillt sein, unter Beweis zu stellen, dass er der richtige Auftragnehmer für den jeweiligen Auftrag des Prinzipals ist. In diesem Fall würden auf Seiten des Agenten Kosten anfallen, um entsprechende Tätigkeiten durchzuführen, die eine Signalwirkung auf den Prinzipal besitzen und zeigen sollen, dass keine Zielkonflikte zwischen den beiden Parteien existieren. Dies wäre zum Beispiel der Fall, wenn ein Manager bestrebt ist, eine gute Reputation zu erreichen, um ggf. seine Auftragslage oder sein Beschäftigungsverhältnis zu sichern.[16]

Aus der opportunistischen Grundhaltung des Agenten heraus wird dieser bestrebt sein, bei gegebener Entlohnung für seine Dienste, stets die Kosten zur Erreichung seiner vorgegebenen Ziele so minimal wie möglich zu halten. Der Prinzipal, der um das opportunistische Verhalten des Agenten weiß, wird hingegen versuchen dieses zu antizipieren, indem er die vertragliche Entlohnung so niedrig wie möglich ansetzt bzw. die Bezahlung an den Erfolg des Agenten koppelt.[17]

2.2.2. Homo oeconomicus vs. Opportunismus

Das Menschenbild des homo oeconomicus geht zurück bis ins 18. Jh. auf den klassischen Nationalökonom Adam Smith und ist auch für die spätere Neoklassik ein wichtiger Grundbaustein. Basierend auf drei elementaren Annahmen versuchte SMITH mit dem Modell des homo oeconomicus soziales und wirtschaftliches Verhalten von Menschen zu beschreiben und zu prognostizieren. Durch die enorme Vereinfachung des menschlichen Handelns, welches auf die drei nachfolgend beschriebenen Annahmen reduziert wird, wirkt das Menschenbild des homo oeconomicus sehr abstrakt. Es lässt sich allerdings auf diese Weise gut für wirtschaftsanalytische Zwecke verwenden.[18]

Der homo oeconomicus besitzt keinerlei subjektive Eigenschaften. Als wirtschaftender Mensch ist sein Handeln, im Rahmen der ökonomischen Betrachtung, lediglich auf seine eigenen Interessen ausgerichtet. Das zweite Axiom ist das Rationalitätsprinzip. Hierbei wird angenommen, dass der homo oeconomicus in der Lage ist, konsequent rationale, also nicht willkürliche, sondern systematisch begründete Entscheidungen zu treffen. Wichtig ist dabei, die Fähigkeit die eigenen Bedürfnisse in eine objektive Dringlichkeitsordnung zu bringen, um auch bei Güterknappheit den maximalen Nutzen aus dem ökonomischen Handeln zu schöpfen.[19] Als dritte grundlegende Annahme wird von einer Nutzung vollständiger Informationen ausgegangen. Das bedeutet, dass für den homo oeconomicus keine Informationsasymmetrien und ebenso keine Transaktionskosten oder Markteintrittsbarrieren existieren. Mithilfe der vollkommenen Informationen ist der homo oeconomicus in der Lage auf Umweltveränderungen optimal zu reagieren, da ihm jede Handlungsalternative mit ihren jeweiligen Konsequenzen bekannt ist. Dieses kausal-mechanische Vorgehen bewirkt, dass dieses Modell in seiner Gesamtheit einfach verständlich und gut formal abzubilden ist.[20]

Dem Menschenbild des homo oeconomicus gegenüber hat sich aus der NIÖ heraus die Theorie der begrenzten Rationalität gebildet. Dieser Theorie liegt die – durchaus realitätsnahe – Annahme zugrunde, dass Individuen über beschränkte kognitive Fähigkeiten, unvollständige Informationen sowie teilweise nur begrenzte Zeit bis zur Entscheidungsfindung verfügen. Die Individuen können in diesem Fall nicht absolut rational handeln, sondern nur innerhalb ihres eingeschränkten Informationsspektrums, wobei es auch durch Ausgrenzung von einzelnen Alternativen zu einer Vereinfachung von zur Verfügung stehenden Wahlmöglichkeiten kommen kann. Optimale Lösungen, wie sie mittels der rationalen Entscheidungsfindung beschrieben werden, können auf diese Weise nicht erreicht werden, da es in der Realität zu suboptimalen Handlungen kommt, welche die Vollständigkeitsbedingung der Erwartungsnutzentheorie[21] aufgrund eingeschränkter Informationen verletzen.[22]

Eng mit der Theorie begrenzter Rationalität verbunden, ist die Annahme opportunistischer Motive von Individuen. Da die Individuen durch ihre beschränkten kognitiven Fähigkeiten, verbunden mit der Möglichkeit von Präferenzen, innerhalb dieses theoretischen Ansatzes keine uneingeschränkt rationalen Entscheidungen fällen können, ist Opportunismus, also teilweise listiges Handeln zur Maximierung des eigenen Nutzens bzw. zum eigenen Vorteil und gegen eventuelle Vertragspartner, möglich. Es wird dabei davon ausgegangen, dass die Neigung zu opportunistischem Verhalten naturgemäß in jedem Individuum vorhanden ist und dass der unzureichende Informations-stand dazu beiträgt, dass die Individuen sich der Tragweite ihres Handels bei ihren Vertragspartnern nicht bewusst sind.[23]

Die beschränkte Rationalität, die aus den unvollkommenen Informationsständen und dem individuellen Vermögen der kognitiven Verarbeitung resultiert, bewirkt unter anderem auf Seiten des Prinzipals, dass suboptimale Handlungen und Charakterzüge bzw. potenzielles Fehlverhalten bei Agenten sowohl vor als auch nach Vertragsabschluss nicht beobachtet oder abgeleitet werden können. Dadurch ist eine mögliche Sanktionierung des opportunistischen Verhaltens des Agenten ausgeschlossen. Im Allgemeinen ist davon auszugehen, dass dem Agenten dieser Umstand bekannt ist. Aus diesem Grund kann der Agent innerhalb der vertraglichen Rahmen-bedingungen die Maximierung seines Eigennutzens anstreben.[24]

2.3. Die Rationalität

Für die weitere Betrachtung des Risikoverhaltens spielt der Begriff der Rationalität eine bedeutende Rolle. Die Rationalität soll im Folgenden kurz erörtert werden, um ein einheitliches Grundverständnis für die darauf aufbauende Diskussion zu schaffen.

Bei der Analyse von Verhaltensweisen auf Rationalität existieren in der Wissenschaft verschiedene Herangehensweisen. Einer von drei grundlegenden Ansätzen betrachtet die Rationalität von Handlungen im Hinblick auf das beabsichtigte Ziel unter Berücksichtigung der eingesetzten Mittel. Bei dieser Herangehensweise erschließt sich das rationale Handeln aus der Analyse der Wechselwirkung zwischen Ursache und Wirkung. Ein weiterer Ansatz, welcher die Rationalität nicht nur anhand der Effizienz einer Handlung versteht, sondern auch den verfolgten Zweck mit in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt, ist der Zweckrationalismus. Innerhalb dieses Ansatzes wird die Rationalität mehr zum Maß der Effektivität, wobei auch die nachfolgenden Konsequenzen einer Handlung mit in die Betrachtung einfließen.[25]

Das dritte Verständnis von Rationalität, welches hier angeschnitten werden soll und welches auch maßgeblich Einzug in die wirtschaftswissenschaftliche Betrachtung von rationalen Entschei-dungen gehalten hat, begreift Rationalität als die Beherrschung von Methoden und Verfahren. In diesem Aspekt stehen vor allem die Konsistenz der Argumentation, des Vorgehens und des Ermessens der Individuen im Vordergrund. Darüber hinaus spielen hier die persönlichen Charaktereigenschaften und subjektiven Fähigkeiten der Handelnden eine Rolle.[26] In Bezug auf die Entscheidungsfindung wird rationales Verhalten in der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie unter der Annahme von Vollständigkeit und Transitivität auch dann verstanden, wenn ein Individuum sich für diejenige Alternative entscheidet, die innerhalb seiner individuellen Präferenzenordnung an oberster Stelle steht.[27]

Dies bedeutet wiederum, dass ein rationaler Entscheidungsprozess den nachfolgenden drei Anforderungen genügen sollte. Eine rationale Entscheidung folgt erstens stets konsequent einer übergeordneten Zielvorgabe. Als zweite Prämisse basieren rationale Handlungen auf vorzugweise objektiven sowie vollständigen Informationen. An dieser Stelle herrscht jedoch auch im Hinblick auf die Rationalität ein Trade-off bezüglich der Kosten-Nutzen-Relation durch die möglicherweise auftretenden Kosten der Informationsbeschaffung. Drittens ist rationales Vorgehen stets systematisch. Das bedeutet auch, dass das methodische Handeln von außenstehenden Beobachtern nachvollzogen werden kann. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der etwaige Beobachter zu denselben Handlungen gelangen muss, wie der Akteur. Darüber hinaus ist rationales Vorgehen auch unabhängig vom Erfolg desselben. Was wiederum vice versa ebenfalls nicht bedeuten muss, dass eine erfolgreiche Vorgehensweise unweigerlich rational zustande kommt bzw. zustande gekommen ist.[28] Um zu einem annähernd einheitlichen Verständnis von Rationalität zu gelangen, soll es im Rahmen dieser Arbeit genügen Rationalität nach dem Vorbild des homo oeconomicus vor dem Hintergrund einer gezielten und effizienten Gewinn-maximierungsabsicht zu definieren.

2.3.1. Die Nutzentheorie

Ein Bestandteil der Haushaltstheorie in der Mikroökonomik ist die Nutzentheorie, welche in der Vergangenheit bereits viel kritisiert wurde.[29] In der Haushaltstheorie wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass die Haushalte bzw. Individuen im Rahmen ihrer Möglichkeiten darauf bedacht sind, die eigenen Bedürfnisse bestmöglich zu befriedigen. Zur Erreichung dieses Zieles wird den Individuen die Eigenschaft zugesprochen, einzelne Güter oder Güterkombinationen nach ihrer Nützlichkeit bewerten zu können.[30]

An diesem Punkt setzt die Nutzentheorie an und ordnet den jeweiligen Güterbündeln konkrete quantifizierte Nutzenwerte zu, wobei bevorzugte Güter einen höheren Wert erhalten als weniger bevorzugte Güter. Unterschieden wird hierbei grundlegend der Ansatz der kardinalen Nutzentheorie von der ordinalen Nutzentheorie.[31] Bei der kardinalen Nutzentheorie wird den Güterbündeln ein Nutzenwert zugewiesen welcher, laut theoretischer Annahme, interpretierbar ist. Auch die dadurch entstehenden Differenzen von Nutzenwerten unterschiedlicher Güterbündel, lassen sich nach dieser Auffassung ermitteln und interpretieren. Auf diese Weise können ebenso Aussagen über den Grenznutzen getroffen werden. Mithilfe der kardinalen Nutzenwerte können Nutzenfunktionen berechnet werden, mit denen wiederum Rückschlüsse auf die Nachfragefunktion der Haushalte gezogen werden können.[32]

Die ordinale Nutzentheorie hingegen betrachtet den Nutzen, welcher den Gütern zugeordnet wird, als einen Ausdruck von Präferenz und somit nicht als ein Maß der Bedürfnisbefriedigung. Der Nutzen wird somit als eine Möglichkeit betrachtet Güterbündel untereinander vergleichbar zu machen und in eine Reihenfolge zu bringen. Die absolute Differenz der verschiedenen Nutzenwerte sowie die einzelnen Grenznutzen spielen hierbei keine Rolle und sind in diesem Fall auch allenfalls in Bezug auf ihr jeweiliges Vorzeichen, jedoch ansonsten nicht direkt interpretierbar. Der ordinale Nutzen von Güterbündeln lässt sich in Nutzenindexfunktionen darstellen.[33]

Obgleich die Nutzentheorie ein fester Bestandteil in der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre als theoretische Grundlage für die Erklärung rationalen Verhaltens ist, so erweist sie sich in der Praxis als ein eher ungeeignetes Mittel zur Entscheidungsfindung. Wie viele andere Modelle scheitert auch die Nutzentheorie in der Realität an ihren Annahmen. Dies liegt vorrangig am inkonsistenten und inkonsequenten Verhalten des Menschen und der damit einhergehenden mangelnden Transitivität. Individuen neigen dazu ihre Prioritäten und Meinungen zu wechseln oder darüber ungenaue Aussagen zu treffen. Dadurch verliert die Nutzentheorie ihre Aussagekraft sowie ihre zeitliche Stabilität.[34]

2.3.2. Die Präferenzen

Die Schwachstellen der klassischen Nutzentheorie lassen nur schwer Rückschlüsse auf getroffene Entscheidungen in der Realität zu. Da viele reale Phänomene, wie bspw. der Snob-Effekt[35] und der Mitläufer-Effekt[36], nicht durch die Nutzentheorie erklärt werden können und der Nutzen selbst nicht eindeutig messbar ist, greift man in der Praxis auf Präferenzordnungen zurück. Dabei wird davon ausgegangen, dass Individuen in der Lage sind zwischen mehreren Güterbündeln Präferenzrangfolgen zu bilden. Auf diese Weise wird der Wert bzw. die Wichtigkeit der Güterbündel zumindest i. w. S. ordinal messbar. Die Präferenzen sind dabei unabhängig vom individuellen Vermögen der Akteure und den Preisen der jeweiligen Warenkörbe.[37] Hierbei kommen die folgenden Annahmen zum Tragen. Es wird als erstes von einer Vollständigkeit der Präferenzen ausgegangen. Dies bedeutet, dass die Individuen in der Lage sind die verfügbaren Güterbündel vergleichend zu bewerten, sodass zum Beispiel entweder ein Güterbündel einem anderen konsequent vorgezogen wird oder dass die Individuen zwischen beiden Güterbündeln indifferent sind. In diesem Fall stiften die Güterbündel denselben Nutzen für das Individuum.[38]

Als weitere Annahme für die Präferenzen gilt die Transitivität. Hierbei wird davon ausgegangen, dass es innerhalb der Rangfolge an präferierten Güterbündeln keine Widersprüche gibt. In logischer Konsequenz bedeutet dies; würde ein Güterbündel A dem Güterbündel B vorgezogen werden und würde wiederum B dem Güterbündel C vorgezogen werden, so würde ebenfalls das Güterbündel A dem Güterbündel C vorgezogen werden. Ringförmige Präferenzen werden in der theoretischen Betrachtung durch diese Annahme ausgeschlossen, obwohl diese ebenso in der Realität vorkommen. Die dritte Annahme bezieht sich auf die Nichtsättigung innerhalb der Warenkörbe. Ein Individuum wird demnach immer das Güterbündel präferieren, in welchem sich die größere Menge an Gütern befindet, auch wenn dieses jeweilige Güterbündel nur minimal besser ist. Diese Annahme gilt uneingeschränkt, weshalb von einer Nichtsättigung gesprochen wird. Abgesehen von sogenannten „Ungütern“, gilt somit, dass mehr immer besser ist.[39]

2.3.3. Die Erwartungsnutzentheorie

In der Realität folgen auf getroffene Entscheidungen nicht stets eindeutig vorhersagbare Ereignisse. Die Erwartungsnutzentheorie geht davon aus, dass ein Individuum in der Lage ist, solche speziellen Entscheidungen unter Unsicherheit[40] trotzdem, entsprechend der eigenen Präferenzen, in eine nutzenbedingte Rangfolge zu bringen.[41]

Befindet sich das Individuum in einer Entscheidungssituation unter Unsicherheit, wie bspw. bei einer Lotterie[42], so ist der Nutzen, der sich aus der Lotterie für den Entscheidungsträger ergibt, einerseits abhängig von den Präferenzen des Individuums für die einzelnen potenziellen Ereignisse und andererseits von der Eintritts-wahrscheinlichkeit der Ereignisse. Der Erwartungsnutzen ergibt sich hierbei aus einer Linearkombination aus den theoretischen Nutzenwerten der Ereignisse multipliziert um die jeweiligen Wahrscheinlichkeiten. Ein Individuum wird sich demnach stets für die Alternative entscheiden, aus welcher sich der größte Erwartungsnutzen ergibt.[43] Mithilfe der Erwartungsnutzentheorie lässt sich die Rationalität des Verhaltens von Wirtschaftssubjekten bzw. deren jeweiliges Risikoverhalten anhand von theoretisch angenommenen Nutzenfunktionen prüfen.[44]

3. Die Verhaltensökonomik

Ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften, welches zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die Verhaltensökonomik, auch Behavioral Economics genannt. Die Verhaltensökonomik beschäftigt sich mit dem psychologischen Hintergrund des wirtschaftlichen Agierens von Individuen.[45]

Dabei grenzt sich die Verhaltensökonomik in drei wesentlichen Modellprinzipien von traditionellen ökonomischen Ansätzen ab. Während die traditionelle Ökonomik die Erwartungsnutzentheorie zu Grunde legt, bei der die Individuen ihren persönlichen Nutzen anhand von Eintrittswahrscheinlichkeiten prognostizieren und diesen so versuchen zu maximieren, bildet für die Verhaltensökonomik die Prospekt-Theorie die Basis. Bei dieser Theorie wird davon ausgegangen, dass die Wirtschaftssubjekte die Eintrittswahrscheinlichkeiten von Gewinnen und Verlusten unterschiedlich bewerten, Verluste scheuen und sich an Referenzpunkten orientieren, um ihre eigene Situation zu bewerten.[46]

Die zweite wichtige Unterscheidung zur traditionellen Ökonomik ist die Ablehnung des exponentiellen Diskontierens. Nach traditionellem Verständnis wird der Nutzen von Entscheidungen über die zukünftigen Perioden konsistent abgezinst, wodurch eine zeitpunktunabhängige Bewertung von Handlungen möglich ist. Innerhalb des Ansatzes der Behavioral Economic wird jedoch von einer hyperbolischen Diskontierung ausgegangen, bei der der Nutzen zeitpunktabhängig ist und bspw. innerhalb der künftigen Perioden auch abnehmend verlaufen kann. Auf diese Weise kann inkonsistentes menschliches Verhalten formal beschrieben werden.[47]

Als drittes Axiom der Verhaltensökonomik wird der soziale Nutzen verstanden, welcher der Maximierung des persönlichen Nutzens nach traditioneller Auffassung entgegensteht. Dies bedeutet, dass die Individuen nicht nur auf ihren eigenen Nutzen bedacht sind, sondern ebenfalls auf Gerechtigkeit und das Wohlbefinden anderer Rücksicht nehmen.[48]

3.1. Die Prospekt-Theorie

Die Prospekt-Theorie, welche auch Neue Erwartungstheorie genannt wird, geht zurück auf KAHNEMAN und TVERSKY. Sie bildet das Gegenstück zur Erwartungsnutzentheorie, welches entwickelt wurde, um das reale Verhalten von Entscheidungsträgern geeigneter abbilden zu können.[49]

Die Prospekt-Theorie ist eine deskriptive Entscheidungstheorie, welche psychologische Phänomene in die Erklärung von Entscheidungs-verhalten mit einfließen lässt. Im Kern dieser Theorie steht die Annahme, dass sich die Entscheider ausgehend von einem subjektiven Referenzpunkt in Gewinn- bzw. Verlustsituationen unterschiedlich verhalten. Während sich die Entscheidungsträger bei Gewinnen eher risikoavers verhalten und versuchen Gewinne möglichst schnell zu realisieren, ist in Verlustsituationen das Gegenteil der Fall. Werden Verluste verzeichnet, kommt es annahmegemäß zu risikoaffinen Verhalten. Darüber hinaus erfolgt eine ungleich gewichtete Bewertung von Gewinnen und Verlusten dahingehend, dass ein Verlust, im Vergleich zu einem gleich hohen Gewinn, doppelt so schwer gewichtet wird.[50]

Strukturell unterscheidet sich diese Theorie von der klassischen Erwartungsnutzentheorie in drei elementaren Aspekten. Als erstes wird dem Entscheidungsprozess eine sogenannte „Editing-Phase“ voran-gestellt. Innerhalb dieser Phase – so die theoretische Annahme – obliegt es dem Entscheider in bis zu fünf Schritten das vorliegende Problem geeignet zu organisieren bzw. umzuformulieren. Als einen der fünf Schritte nennt die Theorie das „Coding“, welches dazu dient den bereits erwähnten individuellen Referenzpunkt, also die Ausgangslage des Akteurs, zu definieren, um nachfolgende Gewinne und Verluste entsprechend bewerten zu können.

Im zweiten Schritt, „Combination“ genannt, werden mögliche gleiche Ergebnisse identifiziert und deren Eintrittswahrscheinlichkeiten zusammengefasst. Mittels der „Segregation“ trennt der Entscheider die sicheren von den riskanten Ergebnissen. Es schließt sich die sogenannte „Simplification“ an, welche durch Rundungen der Erträge und Wahrscheinlichkeiten zu einer vereinfachten Kalkulation beiträgt. Bei der „Cancellation“ kommt es schließlich zu einer Aussonderung von redundanten Komponenten, sofern mehrere Alternativen zur Wahl stehen. Als letzten Schritt beschreibt die Prospekt-Theorie die „Detection of Dominance“, bei dem dominante Alternativen identifiziert und ausgesondert werden.[51]

Der zweite Aspekt, durch den sich diese Theorie von der Erwartungsnutzentheorie abgrenzt, ist die Beschaffenheit der Wertefunktion. Gemäß KAHNEMAN und TVERSKY verläuft die Wertefunktion oberhalb des Referenzpunktes konkav und unterhalb des Referenzpunktes konvex. Außerdem sinkt mit der Entfernung vom Referenzpunkt jeweils der Wertzuwachs der Wertfunktion. Aufgrund der eingangs beschriebenen Risikowahrnehmung verläuft die Wertefunktion jedoch nicht symmetrisch im Gewinn- und Verlustbereich, sondern sie besitzt im Verlustbereich einen steileren Verlauf, wie in Abb. 1 dargestellt.[52]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Typische Wertefunktion der Prospekt-Theorie[53]

Der dritte wesentliche Aspekt bezieht sich auf die Wahrscheinlichkeitsgewichtungsfunktion und besagt, dass die Entscheider dazu neigen kleine Eintrittswahrscheinlichkeiten überzubewerten und im umgekehrten Fall große Wahrscheinlichkeiten unterzubewerten. Dies hängt mit der eingeschränkten Fähigkeit der Individuen zusammen extreme Wahrscheinlichkeiten korrekt einzuschätzen. Darüber hinaus finden extrem unwahrscheinliche Ereignisse keine hinreichende Beachtung, da diese in der „Editing-Phase“ ausgesondert werden und somit annahmegemäß nicht in die Evaluationsphase mit einfließen und entsprechend für die Wahlhandlung keine Rolle spielen.[54]

3.2. Der Framing-Effekt und die Verlustaversion

In engem Zusammenhang mit der Prospekt-Theorie steht der sogenannte Framing-Effekt. Mithilfe dieses Effekts werden psychologische Einflüsse beschrieben, welche die subjektive Wahrnehmung, Bewertung und Entscheidungsfindung von Individuen beeinträchtigen. Das Phänomen des Framing-Effekts beschreibt somit, dass verschiedene Formulierungen, durch welche gleiche Inhalte oder Entscheidungsprobleme geschildert werden, bei den Empfängern zu unterschiedlichen Verhalten führen können. Das bedeutet, dass der Rahmen, also die Art und Weise, wie eine Problemstellung dargelegt oder betrachtet wird, ebenfalls Einfluss auf die Herangehensweise der Entscheider hat.[55]

Vor dem Hintergrund der Prospekt-Theorie kann dieses Phänomen auf die unterschiedlichen Ausgangssituationen der Individuen und somit auf die individuellen Referenzpunkte übertragen werden. Demnach führt eine befriedigende oder gute Ausgangslage zu einer höheren Risikoaversion, wohingegen eine schlechte Ausgangslage risiko-freudiges Verhalten begünstigt. Die Rahmenabhägigkeit durch diesen individuellen situativen Bezugspunkt wirkt sich auf die Handlungen der Entscheider aus, obgleich die Wahrscheinlichkeiten und die Höhe des Gewinns bzw. Verlusts identisch sind.[56]

In Verbindung mit der Prospekt-Theorie postulieren KAHNEMAN und TVERSKY, dass Verluste von Individuen stärker bewertet werden. Durch diese empirisch zu beobachtende Verlustaversion werden
- ausgehend von einem Referenzpunkt - Vermögenseinbuße stärker negativ bewertet, als Gewinne in gleicher Höhe eine positive Bewertung erhalten würden.[57]

[...]


[1] Rahn, H. (2016), S. 394.

[2] Vgl. Fischer, K. (2011), S. 42-44.

[3] Siehe dazu Kapitel 2.2.

[4] Vgl. Wessler, M. (2012), S. 1-2.

[5] Vgl. Laux, H./Gillenkirch, R./Schenk-Mathes, H. (2014), S. 3-4.

[6] Vgl. Gawel, E. (2009), S. 231-233.

[7] Siehe dazu Kapitel 4.

[8] Vgl. Opper, S. (2001), S. 602-604.

[9] Vgl. Vanberg, V. (1982), S. 32-35.

[10] Vgl. Rawls, J. (1975), S. 74-78.

[11] Vgl. Bardmann, M. (2014), S. 374.

[12] Vgl. Richter, R./Furubotn, E. (2010), S. 175-178.

[13] Vgl. Stigler, G. (1961), S. 213.

[14] Vgl. Voigt, S. (2009), S. 84-87.

[15] Vgl. Erlei, M./Leschke, M./Sauerland, D. (2016), S. 101-103.

[16] Vgl. Bardmann, M. (2014), S. 394-396.

[17] Vgl. Jost, P. (2001), S. 15-17.

[18] Vgl. Daxhammer, R./Facsar, M. (2012), S. 22-23.

[19] Vgl. Baumbach, F. (2015), S. 299-301.

[20] Vgl. Dierksmeier, C. (2015), S. 31-35.

[21] Siehe dazu Kapitel 2.3.3.

[22] Vgl. Blonski, P. (2015), S. 52-54.

[23] Vgl. Pitschner-Finn, S. (2015), S. 63-67.

[24] Vgl. Thießen, F. (2011), S. 221-224.

[25] Vgl. Pulham, S./Deeken, M. (2015), S. 3.

[26] Vgl. Pulham, S./Deeken, M. (2015), S. 4.

[27] Vgl. Goldberg, J./Nitzsch, R. (2004), S. 43-46.

[28] Vgl. Grünig, R./Kühn, R. (2013), S. 38.

[29] Vgl. Hufnagel, R. (2001), S. 19.

[30] Vgl. Wied-Nebbeling, S./Schott, H. (2007), S. 23.

[31] Vgl. Piekenbrock, D. (2008), S. 94-98.

[32] Vgl. Wagener, M. (1983), S. 75-79.

[33] Vgl. Wiese, H. (2014), S. 53-55.

[34] Vgl. Fleßa, S. (2010), S. 160 f.

[35] „Mit dem Snob-Effekt meinen wir das Ausmaß in dem die Nachfrage nach einem Konsumgut infolge der Tatsache abnimmt, daß auch andere das gleiche Gut konsumieren (bzw. ihren Konsum dieses Gutes steigern). Darin drückt sich das Streben nach Exklusivität aus, das Streben, anders zu sein, mit der »großen Masse« nichts zu tun zu haben.“ [sic], Leibenstein, H. (1966), S. 236.

[36] „Ein [Mitläufer-Effekt] liegt vor wenn die Nachfrage nach einem bestimmten Gut steigt, wenn und weil andere Käufer das gleiche Gut verlangen.“, Rinsche, G. (1961), S. 170.

[37] Vgl. Engelkamp, P./Sell, F. (2013), S. 62-66.

[38] Vgl. Pindyck, R./Rubinfeld, D. (2013), S. 109-110.

[39] Vgl. Böventer, E./Illing, G. (1997), S. 59-64.

[40] Siehe dazu Kapitel 4.

[41] Vgl. Graber, M./Schubert, R. (1997), S. 6-7.

[42] „Eine Lotterie […] bezeichnet eine Wahrscheinlichkeitsverteilung. Bei der Notation solcher Wahrscheinlichkeitsverteilungen werden die einzelnen Ergebnisse mit den zugehörigen Wahrscheinlichkeiten nacheinander in eine Klammer geschrieben. […] Die letzte Wahrscheinlichkeit ergibt sich automatisch, denn die Summe aller Wahrscheinlichkeiten muss immer 1 sein.“, Dörsam, P. (2013), S. 59.

[43] Vgl. Engelkamp, P. (1980), S. 14-23.

[44] Vgl. Kroll, E. (2010), S. 21-23.

[45] Vgl. Stock, C./Goldberg, J. (2013), S. 9-22.

[46] Vgl. Beck, H. (2014), S. 9-13.

[47] Vgl. Erlei, M. (2015), S. 46-47.

[48] Vgl. Jäger, C./Knoche, J./Frere, E. (2014), S. 46-49.

[49] Vgl. Lerch, H.-J./Schlesier, A./Schmidt, M. (1998), S. 158-161.

[50] Vgl. Petrow, A. (2011), S. 16-19.

[51] Vgl. Jeske, K.-J. (2008), S. 135.

[52] Vgl. Winkler von Mohrenfels, H. (2010), S. 36.

[53] Eigene Darstellung in Anlehnung an Wang, M. (2006), S. 4.

[54] Vgl. Winkler von Mohrenfels, H. (2010), S. 37 f.

[55] Vgl. Holtfort, T. (2011), S. 4-6.

[56] Vgl. Nippa, M. (1999), S. 24-26.

[57] Vgl. Maeke, R. (2009), S. 60 f.

Details

Seiten
88
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668417632
ISBN (Buch)
9783668417649
Dateigröße
5.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355573
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Mikroökonomie
Note
1,7
Schlagworte
differenz risikoverhaltens investitionsentscheidungen unter beachtung prinzipal-agenten-theorie

Autor

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Titel: Die Differenz des privaten und unternehmerischen Risikoverhaltens bei Investitionsentscheidungen