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Papa ist weg, na und? Auswirkungen einer Trennung/Scheidung der Eltern auf die kindliche Entwicklung

Hausarbeit 2016 19 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bindung
2.1 Begriffsbestimmung: Bindung
2.2 Bindungstheorie nach Bowlby
2.3 Postulate der Bindungstheorie
2.3.1 Qualität der Fürsorge
2.3.2 Biologische Notwendigkeit
2.3.3 Bindungs- und Explorationsbalance
2.3.4 Bindungsqualitäten
2.3.5 Internale Arbeitsmodelle

3. Bindungsforschung
3.1 Die Bedeutung des Vater für psychische Sicherheit und Bindung
3.2 Die Abwesenheit des Vaters
3.3 Bindungsqualität im Trennungs- und Nachtrennungsprozess
3.4 Veränderlichkeit des internalen Arbeitsmodells

4. Auswirkungen der Trennung auf die Kindliche Entwicklung
4.1 Psychische Folgen
4.2 Kindeswohlgefährdung als Folge hochkonflikthaften Verhaltens der Eltern
4.3 Hilfen für Eltern und Kinder

5. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine Trennung oder Ehescheidung, nachfolgend wird zur Vereinfachung von Trennung gesprochen, markieren den Schlussstrich unter einem gemeinsamen Leben eines Paares oder einer Familie.

Nach den Angaben des statistischen Bundesamtes wurde im Jahr 2014 knapp jede dritte Eheschließung in Deutschland geschieden (vgl. Statistisches Bundesamt 2015, S. 8). Von 8,1 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern leben knapp 20% bei einem alleinerziehenden Elternteil. Im Hinblick auf die Kinder und Jugendlichen spricht man von 12,9 Millionen, davon leben 17% bei einem Elternteil (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2015).

Aus meiner ehemaligen sozialtätigen Praxis, im Rahmen der ambulanten Jugendhilfe, kommen 90% der Kinder und Jugendlichen aus Trennungsfamilien, die aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten Unterstützung erfahren. So auch beispielsweise der zwölfjährige Tom (Name wurde geändert), der sich in der Schule und im Gruppenkontext stark verhaltensauffällig zeigt: zum einen droht er seinen Mitschülern, zeigt impulsives und aggressives Verhalten, schlägt schnell zu und verbucht bereits drei Anzeigen bei der Polizei. Zum anderen weist er eine niedrige Frustrationstoleranz auf, weint in Gesprächen häufig, wenn er mit seinem Verhalten konfrontiert wird und hat Schwierigkeiten sich konzentrieren zu können. Seine Eltern sind seit 8 Jahren geschieden und streiten sich, wenn sie punktuell Kontakt haben. Auf die Frage nach seinem Vater sagte er: "Papa ist weg, na und?!"

Hier stellt sich die Frage, ob sich die Trennungsgeschichte der Eltern auf die kindliche Entwicklung ausgewirkt hat?

Der Beantwortung dieser Frage wird sich in der vorliegenden Hausarbeit genähert.

So erscheint es zum einen wichtig zu sein, bindungstheoretische Annahmen hinzuzuziehen. Als erstes wird die Bindungstheorie von John Bowlby beleuchtet und die Verschiedenheit von Qualitäten der Mutter-Kind-Bindung betrachtet. Zum anderen werden neuere Forschungsergebnisse in Bezug auf Bindung behandelt. In diesen Kapitel werden die Bindungsqualitäten im Trennungs- und Nachtrennungsprozess beleuchtet. Darauf folgen mögliche psychischen Folgen, Kindeswohlgefährdung und Unterstützungsangebote für Eltern.

Im Ausblick wird das Vorangegangene zusammengefasst, die Forschungsfrage beantwortet und die Konsequenz für die Soziale Arbeit dargestellt.

Diese Hausarbeit erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da dies den Rahmen sprengen würde. Es wird auf Primär- und Sekundärliteratur zurückgegriffen und für die Bearbeitung verwendungsfähige Internetquellen herangezogen.

2. Bindung

2.1 Begriffsbestimmung: Bindung

Bindung ist ein allgemeiner Begriff, der sich auf den Zustand und die Qualität von einer individuellen Bindung bezieht (Holmes/Grossmann 2006, S. 88). Desweiteren wird Bindung nach Ainsworth, als die besondere Beziehung zwischen einem Kind und seiner Mutter oder auch sonstigen primären Bezugspersonen, die es betreuen, bezeichnet. "Sie ist im Gefühl verankert und verbindet das Individuum mit der anderen, besonderen Personen über Raum und Zeit" (Keller 1997, S. 51 und vgl. Grossmann/Grossmann 2012, S. 31). Bowlby benutzt den englischen Begriff "to attach", der zum einen "etwas befestigen" bedeutet und zum anderen "durch Gefühle der Zuneigung verbunden sein" (Grossmann/Grossmann 2003, S. 7). Wie Bowlby formuliert, setzt Bindung ein "durch spezifische Faktoren gesteuertes starkes Kontaktbedürfnis gegenüber bestimmten Personen voraus und stellt ein dauerhaftes, weitgehend stabiles und situationsunabhängiges Merkmal des Bindungsstrebenden dar“ (Bowlby, 1995, S.37).

2.2 Bindungstheorie nach Bowlby

„Die Bindungstheorie und die Bindungsforschung befassen sich mit der Psychologie von den besonderen Beziehungen zwischen Bindungspersonen und ihren Kindern“ (Grossmann/ Grossmann 2012, S. 29).

Die signifikante Bindungstheorie wird 1950 von John Bowlby, einem englischen Kinderpsychiater und Psychoanalytiker, begründet (vgl. Spangler/Zimmermann 2009, S. 9). Mary D. Salter Ainsworth, eine klinische Psychologin und mit Bowlby befreundet, untermauert seine Theorien durch empirische Befunde (vgl. Grossmann/Grossmann 2009, S. 8). Die Bindungstheorie stelle eine Konzeption der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen, als Folge seiner frühkindlichen Erfahrungen vor, in dem klinisch-psychoanalytisches Wissen mit dem evolutionsbiologischen Denken verbunden werde (ebd.).

Die Bindungstheorie besagt, dass ein Säugling ein angeborenes Bedürfnis habe, in bindungsrelevanten Situationen Nähe, Zuwendung und Schutz einer vertrauten Person zu suchen. Gleich nach der Geburt entwickeln sich Bindungsverhaltensweisen, um bei Bedarf Nähe zur Bindungsperson herzustellen. Durch dieses angeborene Verhaltensrepertoire sichere sich der Säugling im ersten Lebensjahr die Nähe seiner Bezugsperson, zu der er ein interaktives Bindungssystem aufbaue. Das Bindungsverhalten werde durch die Trennung von der primären Bindungsperson, wie auch durch das Erleben von Angst aktiviert. Bindungsverhalten zeige sich darin, dass der Säugling nach der Bindungsperson sucht, weint, ihr nachläuft und sie festumklammere. Durch körperliche Nähe zur Bindungsperson beruhige sich das Kind wieder (Briesch 2008, S. 90).

2.3 Postulate der Bindungstheorie

Die Postulate der Bindungstheorie lassen sich nach Bowlby (Grossmann/Grossmann 2012, 67f.) wie folgt fixieren:

"1. Für die seelische Gesundheit des sich entwickelnden Kindes ist kontinuierliche und feinfühlige Fürsorge von herausragender Bedeutung.
2. Es besteht die biologische Notwendigkeit, mindestens eine Bindung aufzubauen, deren Funktion es ist, Sicherheit zu geben und gegen Stress zu schützen. Eine Bindung wird zu einer erwachsenen Person aufgebaut, die als stärker und weiser empfunden wird, so dass sie Schutz und Versorgung gewährleisten kann. Das Verhaltenssystem, das der Bindung dient, existiert gleichrangig und nicht nachgeordnet mit den Verhaltenssystemen, die der Ernährung, Sexualität und der Aggression dienen.
3. Eine Bindungsbeziehung unterscheidet sich von anderen Beziehungen beson- ders darin, dass bei Angst das Bindungsverhaltenssystem aktiviert und die Nähe der Bindungsperson aufgesucht wird, wobei Erkundungsverhalten aufhört. Andererseits hört bei Wohlbefinden die Aktivität des Bindungsverhaltenssystems auf und Erkundungen und Spiel setzt ein.
4. Individuelle Unterschiede in Qualitäten von Bindungen kann man an dem Aus maß unterschieden, in dem sie das Gefühl psychischer Sicherheit vermitteln.
5. Mit Hilfe der kognitiven Psychologie erklärt die Bindungstheorie wie früh erlebte Bindungserfahrungen geistig verarbeitet und zu inneren Modellvorstellungen (Arbeitsmodelle) von sich und anderen werden" (Grossmann/Grossmann 2012, S. 70).

2.3.1 Qualität der Fürsorge

Die feinfühlige Fürsorge sei das rasche, verlässliche und adäquate Reagieren der Mutter in Bezug auf die Bedürfnisse des Kindes (vgl. Berk 2011, S. 266). Wichtig hierfür sei, dass die Mutter häufig Kontakt zum Kind habe und eine niedrige Schwelle für die kindlichen Äußerungen aufweise. Die Bindungsperson solle sich in die Situation des Kindes richtig einfühlen können. Dies bedeute z.B., dass sie den Wunsch nach Nähe als solche richtig interpretiere, dem nachkomme und eigene Bedürfnisse ausklammere. Die Bedürfnisse sollten sofort gestillt werden, da die Gedächtnisspanne des Kind im Säuglingsalter sehr kurz sei und spätere Reaktionen nicht mehr zugeordnet werden könnten (Suess/Scheuerer-Englisch/Pfeiffer 2001, S. 35f.; vgl. Keller 1997, S. 62f).

2.3.2 Biologische Notwendigkeit

Laut Karl-Heinz Brisch ist Bindung "emotionale Nahrung, die uns am Leben hält" (Brisch 2014, S. 22). Näher beschreibt er Bindung als essentiell und vergleicht dieses Bedürfnis mit lebenswichtigen Bedürfnissen wie Luft, Bewegung, Schlafen, Essen und Trinken. Kinder die keine Bindung aufweisen, zeigen baldig Symptome wie Hospitalismus, d.h. stereotype Bewegungen wie schaukeln. Werde dem Kind weiterhin kein Bindungsangebot gemacht, würden sich die motorischen Fähigkeiten zurückentwickeln und das Kind versterben (vgl. ebd.).

2.3.3 Bindungs- und Explorationsbalance

Exploration bedeute wörtlich Erkundung. Im zu beleuchtenden Zusammenhang ist das neugierige Erkundungsverhalten kleiner Kinder gemeint, was als entdeckendes Lernen bezeichnet werden kann (vgl. Tenorth 2012, 226 zit. n. Kirschke/Hörmann 2014, S. 19). Neben der Qualität der feinfühligen Fürsorge sei das Auskundschaften und Erleben der Umwelt für eine gesunde Entwicklung des Kindes wichtig. Durch die Exploration lerne und erweitere das Kind Handlungskompetenzen (vgl. Kirschke/Hörmann 2014, S. 6). "Exploration und Bindung treten dabei in Ergänzung und im Wechselspiel zu einander auf" (Kirschke/Hörmann 2014, S. 6). Damit das Kind sorglos explorieren könne, brauche es zunächst emotionale Sicherheit (vgl. ebd.). Anhand der nachfolgenden Grafik, wird das Zusammen- und Wechselspiel verdeutlicht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Kirschke/Hörmann 2014, S. 6).

Sei das Kind in einer belastenden oder bedrohenden Situation, versuche es sich z.B. durch Schreien eine Bindung zur fürsorglichen Person einzufordern, um sich sicher fühlen zu können. Fühle es sich beschützt und wohl, sei das Kind in der Lage seine Umgebung zu erkunden (vgl. ebd.).

2.3.4 Bindungsqualitäten

Die Bindungsqualität kennzeichne die Beziehung eines Kindes zu einer Bezugsperson. Sie beschreibt, in welchem Ausmaß und in welcher Weise Gefühle emotionaler Sicherheit vermittelt werden und eine Bindungsperson zu deren Aufrechterhaltung beiträgt (vgl. Grossmann/Grossmann 2012, S. 140). Laut Bowlby könne ein Kind an verschiedene Personen unterschiedlich gebunden sein und es verfüge über eine Hierarchie seiner Bindungspersonen. Gehe es dem Kind nicht gut, verlange es nach der primären Bindungsperson, was am häufigsten die Mutter sei (vgl. Klein 2010, S.8).

Ainsworth entwickelt ein Setting zur Erforschung frühkindlicher Beziehungsqualitäten, die sogenannte „Fremde Situation“. In diesen Testsituationen werden Kinder im ersten und zweiten Lebensjahr, in acht kurzen Episoden, für wenige Minuten von ihrer Bezugsperson getrennt und danach wiedervereinigt (vgl. Berk 2011, S. 261).

Bei der Auswertung werden zuerst drei unterschiedliche organsierte Bindungstypen entdeckt und definiert, die folgend näher erläutert werden (vgl. Grossmann/Grossmann 2012, S. 140f). Ein weiterer wichtiger Beitrag zum Thema Bindungsqualitäten liefern Mary Main und Judith Solomon im Jahr 1986, die die 10% der ungelösten Fälle, die nicht der organisierten Bindungsmuster zugeordnet werden konnten, untersuchten. Diese wurden als "Desorganisation" bzw. "Desorientierung" bezeichnet (vgl. Grossmann/Grossmann 2012, S. 156).

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Details

Seiten
19
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668414822
ISBN (Buch)
9783668414839
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355528
Institution / Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz) – Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Trennung Scheidung Kindeswohl Kindliche Entwicklung Kind John Bowlby

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Titel: Papa ist weg, na und? Auswirkungen einer Trennung/Scheidung der Eltern auf die kindliche Entwicklung