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Interferenz versus Transferenz. Vergleich grammatikalischer Strukturen des Russischen mit Strukturen des Russlanddeutschen

Hausarbeit 2016 27 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interferenz
2.1. Herkunft und Bedeutung von Interferenz
2.2. Differenzierung der Definition
2.2.1. Positive und negative Interferenz
2.2.2. Proaktive und retroaktive Interferenz
2.2.3. Interlinguale und intralinguale Interferenz

3. Transferenz
3.1. Transferenz in der Linguistik
3.1.1. Intrusiver und inhibitiver Transfer
3.1.2. Positiver und negativer Transfer
3.2. Transferleistungen: Code-Wechsel
3.2.1. Code-Switching
3.2.2. Borrowing
3.2.3. Code- Mixing

4. Gegenüberstellung der Termini Interferenz und Transferenz

5. Interferenz- bzw. Transferenzerscheinungen
5.1. Lexikalischer Transfer
5.2. Phonologischer und prosodischer Transfer
5.3. Morphologischer Transfer
5.4. Syntaktischer Transfer

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sprachkontakt ist eine wechselseitige Beeinflussung von zwei oder mehreren Sprachen und das Ergebnis von Mehrsprachigkeit. Zum einen stehen zwei oder mehr Sprachen in Kontakt, wenn sie von ein und demselben Individuum abwechselnd gebraucht werden. Laut dieser psycholinguistischen Begriffsbestimmung stellt sich in der Sprachwissenschaft die Frage, was in den Individuen vorgeht, wenn sie mehrere Sprachen verwenden (Weinreich 1953). Dieser Sprachkontakt kann bei Sprechern auftreten die bilingual aufwachsen oder später eine Fremdsprache erlernen. Demgegenüber gibt es den soziolinguistischen Ansatz, wobei man sich für die Sprecher als Gesellschaft oder Gruppe interessiert. Die Sprachkontaktforschung befasst sich mit Phänomenen, die am häufigsten dort erscheinen, wo Sprecher zwei oder mehr Sprachen nebeneinander gebrauchen. Eines dieser Phänomene ist das Einwirken des einen Systems auf das andere. Mit dieser Sprachkontakterscheinung wird sich in dieser Arbeit befasst.

Die vorliegende Arbeit ist folgendermaßen aufgebaut: Zunächst wird auf das Phänomen eingegangen, wobei erstsprachliche Strukturen auf äquivalente Strukturen einer Fremdsprache bzw. Zweitsprache und umgekehrt übertragen werden. Es soll der Ursprung dieser Entdeckung und Namensgebung erkannt werden und wie unterschiedliche Linguisten diesen Terminus kategorisierten und die Definition differenzierten. Dies ist aufgrund dessen wichtig, da der Terminus zum einen als Interferenz auftaucht, zum anderen aber auch als Transferenz. In Kapitel 2 wird sich mit der Interferenz sowie dessen Diversifizierungen beschäftigt, wobei der Linguist Weinreich von Bedeutung ist. In Kapitel 3 wird näher auf den Begriff Transferenz eingegangen. Dabei sollen Transferleistungen wie Code-Switching und Borrowing als kategorisierte Transfererscheinungen eine bessere Kenntnis bieten, da besonders Code-Switching ein oft gebrauchter Begriff beim Thema ‚Kontakterscheinung‘ ist. Dem folgt in Kapitel 4 eine Gegenüberstellung der beiden Termini und es soll konkludiert werden, was bei dieser unterschiedlichen Namensgebung perspektivisch zu beachten ist.

Im letzten Kapitel dieser Arbeit wird die Übertragung zweitsprachlicher Strukturen auf äquivalente Strukturen der Erstsprache anhand mehrerer Beispielen erläutert. Dabei wird sich auf die Ebenen der Lexik, Phonologie/ Prosodie, Morphologie und Syntax spezialisiert. Durch diese Erläuterungen soll dem Leser diese Sprachkontakterscheinung so gut wie möglich erklärt werden und wie diese zu einem Sprachwandel oder auch einer Sprachattrition führen kann. Ich werde mich im Kapitel 5 ausschließlich auf Beispiele beziehen, die sich im Russlanddeutschen zeigen. Einerseits wird sich dadurch noch spezieller an das Seminarthema ‚Sprachen und Sprachverhalten von Russischsprachigen in Deutschland ‘ angeschlossen, wobei auch die Sprache der Russlanddeutschen in Russland behandelt wurde, andererseits gibt Riehl sehr passende Beispiele dazu (2009).

Die Vielzahl von Dialekten, die die Siedler aus zahlreichen deutschen Herkunftsräumen seit 1764 in diese Sprachinseln in Russland mitbrachten, sind kennzeichnend für eine einzigartige, russlanddeutsche Sprachsituation (Rosenberg 1993). Diese deutschen Sprachinseln waren lange Zeit zur Außenwelt so abgeschottet, dass die Siedlungen einen sozialen, ökonomischen, kulturellen und auch konfessionellen Abstand zur Bevölkerung der Umgebung aufwiesen. In den ersten Jahren nach der Übersiedlung aus Deutschland fand in den Kolonien ein ständiger Prozess der Dialektmischung statt, infolge dessen sich einheitliche Ortsmundarten herausbildeten. Der Kontakt zur russischen Umgebung war in der Frühzeit somit äußerst selten und beschränkte sich auf Handelskontakte und bestimmte Dienstleistungen (Rosenberg 1993). Mit der Aufhebung der Sonderrechte für deutsche Kolonisten im Jahr 1871 begann die allmähliche Russifizierung. Es gab von nun an Wehrpflicht und alle Schulen mussten Russisch unterrichten.

Die ausgeprägte Diglossiesituation mit fester Verteilung der Sprachdomänen des Deutschen und Russischen ließ die nächsten Generationen erkennen, dass nur das Russischen ihnen beruflichen und finanziellen Aufstieg ermöglichen würde. Oft zogen sie in größere, russische Städte und legten ihre deutsche Identität, besonders zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges, ab. Dadurch ist es nicht verwunderlich, dass die Sprache der Russlanddeutschen heutzutage viele Transfererscheinungen aus der russischen Sprache aufweist. Mit diesen Erscheinungen wird sich also im letzten Kapitel beschäftigt.

2. Interferenz

Beginnend mit dem Terminus ‚Interferenz‘ soll zunächst eine Erläuterung über dessen Herkunft sowie Bedeutung gegeben werden. Danach werden die einzelnen Differenzierungen des Phänomens dargestellt und wie Linguisten aus unterschiedliche, sprachwissenschaftlichen Bereichen den Begriff ‚Interferenz‘ definieren.

2.1. Herkunft und Bedeutung von Interferenz

Sprachliche Phänomene werden oft von der Gesellschaft übersehen und erst wahrgenommen, sobald sich Sprachwissenschaftler mit ihnen beschäftigen. Dies ist ein unbestimmter Prozess, der durch die Forschung kontrolliert wird und im stätigen Wandel steht. Die Entdeckung des Phänomens, das Schwerpunkt dieser vorliegenden Arbeit ist, wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts durch den russischen Lehrer und Sprachwissenschaftler Bogoroditzky beim Sprachunterricht entdeckt und erstmals verschriftlicht. Dabei erwähnte er, dass seine Schüler Elemente aus der tatarischen Muttersprache auf das zu erlernende Russisch übertrugen. Diese Übertragung würde aufgrund der unzureichenden Kenntnis der fremden, nicht genügend angeeigneten russischen Sprache sowie des stetigen Gedankens an die Muttersprache geschehen (Bogoroditzkij 1927: 1-2).
Zeitgleich weckte dieses Phänomen von muttersprachlich bedingten Fehlern auch das Interesse der Vertreter des behavioristischen Ansatzes, wobei die Behavioristen, im Kontrast zu Bogoroditzkys Erkenntnisse, den Ursprung dieser Fehler weniger in einem ideellen Prozess als in einer gehemmten Verinnerlichung neuer sprachlicher Muster entdeckten (Böttger 2008: 20). Um dieses Phänomen zu benennen, entlehnten die Behavioristen den Begriff ‚Interferenz‘ aus der Physik, der in der dortigen Wissenschaft einen Prozess beschreibt, bei dem die Überlagerung zweier oder mehrerer kohärenter Schwingungen zur gegenseitigen Abschwächung oder Verstärkung bewirkt (vgl. DUDEN 5 2015). Etymologisch betrachtend geht das Wort Interferenz auf die lateinischen Wörter inter ‚zwischen‘ und ferire ‚schlagen, treffen‘ zurück. Das daraus abgeleitete Fremdwort interferieren bedeutet ‚sich überlagern, überschneiden, einander beeinflussen‘.

Der Begriff Interferenz führt also auf etwas zurück, das einander beeinflussend ist. Das nennende Beispiel, wobei Schüler die muttersprachlichen Elemente des Tatarischen auf das erlernende Russisch übertrugen und eine Beeinflussung beider Sprachen auftrat, zeigt demnach also ein typisches Exempel dieses Phänomens. Diachron betrachtend gibt es jedoch Unstimmigkeiten zu einer genauen Definition des Begriffs, sodass eine Erläuterung der einzelnen Auffassungen expliziert werden muss. Als einer der ersten, der alle Sprachbereiche erfassend den Begriff ‚Interferenz‘ beschrieb, muss der Linguist Weinreich genannt werden. Anders als bei dem oben genannten Beispiel, wobei es sich um den Erwerb einer Fremdsprache handelt, bezieht sich Weinreich bei dem Begriff ‚Interferenz‘ allein auf ein Phänomen der Zweisprachigkeit. Interferenz erscheine nach ihm dann, wenn Abweichungen von Normen der einen oder anderen Sprache eines bilingualen Sprechers verzeichnet werden. Der Sprachkontakt würde also in der Rede des Zweisprachigen aufgrund der Vertrautheit zu mehr als einer Sprache zu einer Umordnung der Struktur führen, die sich aus der Einführung fremder Elemente in die stärker strukturierten Bereiche der Sprache ergibt (Weinreich 1977: 15). Zu diesen Bereichen gehören beispielsweise das phonologische System, die Morphologie, Syntax sowie Lexik. In Abgrenzung zur Entlehnung betont er, dass bei einer Interferenzerscheinung jede Bereicherung oder Verarmung eines Systems notwendig mit der Reorganisation aller bisher bestehenden distinktiven Oppositionen des Systems verbunden ist. So könne nur in nicht strukturierten Bereichen, einige Bereiche der Syntax oder auch der nebensächliche Wortschatz, von einer ‚Entlehnung‘ eines Elements gesprochen werden, das nichtdestotrotz als eine Interferenz nicht ausgeschlossen werden kann.

Anders als Weinreich lehnen Linguisten wie Sapir und Meillet die Möglichkeit einer grammatischen Interferenz ab (Weinreich 1977: 49) und auch Haugen betont die Nichtigkeit grammatischer Interferenzerscheinungen (Haugen 1953: 178). Ab den sechziger Jahren befassen sich immer mehr Sprachwissenschaftler mit der Interferenzproblematik und viele Artikel sind ihr gewidmet. Demnach ist es auch nicht verwunderlich, dass es viele unterschiedliche Theorien zur Interferenz gibt. Juhász (1970) beispielsweise verweist in seinem Artikel auf eine neue Kategorisierung der Interferenzfehler und gibt einen genauen Überblick über die Problematik. Nach ihm sei Interferenz „die durch die Beeinflussung von anderen sprachlichen Elementen verursachte Verletzung sprachlicher Norm“ (Juhász 1970: 9).

Bezugnehmend auf die muttersprachlichen Elemente, die nach Gerbert eine Eigenständigkeit erlangen, ist für ihn Interferenz der „Vorgang und das im Sprachgebrauch sichtbar werdende Ergebnis der durch den Einfluss anderer sprachlicher Elemente verursachten Verletzungen einer sprachlichen Norm sowie ein reflexartiger Gebrauch einer Sprache nach einem systemfremden Model, das im Bewusstsein des Sprechers dominiert“ (Gerbert 1973: 196).

Andere Sprachwissenschaftler definieren Interferenz lediglich als eine einzigartige Benutzung sprachlicher Elemente, wobei der Sprecher bei der Verletzung sprachlicher Normen oft einen wichtigeren Part spielt. Nach Richards (1971: 12) ist somit Interferenz zu verstehen als „the use of elements from one language while speaking another“ und Czochralski konkretisiert diese Auffassung, indem er zu verstehen gibt, dass Interferenz ein Gebrauch von Elementen eines Sprachsystems nach den Strukturgesetzen eines anderen Sprachsystems sei (Czochralski 1973: 191). Beide Autoren nennen jedoch in ihren Artikeln keine Verantwortlichen für diesen Gebrauch und der Sprecher als Benutzer der Sprache bleibt unerwähnt. Auch in anderen Werken dieser Autoren wird über dieses unpersönliche Verhältnis nicht aufgeklärt und es stellt sich heraus, dass sie Wirken und Bewirken synonymisieren. Aufgrund der sich herausgestellten unzureichenden Erläuterungen, bleiben beide Autoren nur kurz erwähnt.

2.2. Differenzierung der Definition

In den darauffolgenden Jahren wurden aufgrund zahlreicher Untersuchungen über den Einfluss einer bereits angeeigneten Sprache auf das Sprechen oder Erlernen einer weiteren Sprache mehrere Neuerkenntnisse erforscht. Dadurch gibt es weitere Differenzierungen des Begriffs ‚Interferenz‘, die im Folgenden erläutert werden sollen.

2.2.1. Positive und negative Interferenz

Aufgrund der unterschiedlichsten Ansätze zu Interferenz erschienen bereits in den 1970er Jahren Diversifizierungen des Begriffs und Linguisten erläuterten in ihren Aufsätzen, wie sie diesen Terminus definieren würden. Deybser beispielsweise schlug vor, die negative Beeinflussung von Strukturen der Zielsprache durch die Strukturen der Erstsprache als Interferenz zu bezeichnen (1970: 36). Den positiven Einfluss sollte man demnach Transfer nennen. Hierbei wird erstmalig der Begriff ‚Transferenz‘ aufgegriffen, der im Folgen noch Bedeutung haben wird.

Anders als Deybser nennt Juhász diesen positiven Einfluss eine ‚positive Interferenz‘, die jedoch nur im lexikalischen Bereich anwendbar sei, indem die Übertragung eines muttersprachlichen Elements auf die Fremdsprache bei generell vergleichbaren Bedeutungs- sowie Distributionsstrukturen nicht als ein Vergehen der Normen an die Oberfläche treten kann, sondern sich positiv auf den Erwerb der Zielsprache auswirkt (Juhász 1970: 78f). Allerdings betont er im Weiteren, dass positive Interferenz als ein Synonym für den Begriff des Transfers zu verstehen sei. Hierzu formulierte Juhász Anforderungen, die kurz erwähnt werden sollen (Juhász 1977: 1). Demnach betont er, dass es sich um Transfer handle, „wenn das mutter-sprachliche und das fremdsprachliche Element sich auf ähnliche Weise in das jeweilige Sprachsystem einfügen“ und es dabei keine Verstöße gegen die Norm der Zweitsprache geben würde. Zudem betont er, dass die Muttersprache störend und interferierend wirke, sobald sich das „muttersprachliche und das fremdsprachliche Element“ auf verschiedene Weise in das jeweilige Sprachsystem einfügen sowie auf den Lernprozess übertragen würde. Dies könnte zu Fehlern gegenüber der Norm führen. Ansonsten schließt Juhász sich der Definition Deybsers an.

Der Sprachwissenschaftler Czochralski definiert den Begriff ‚positive Interferenz‘ wiederum anders und bestimmt den Einfluss der Muttersprache in entgegengesetzter Richtung. Für ihn erklärt sich positive Interferenz als eine falsche Benutzung sprachlicher Einheit und negative Interferenz als eine Vermeidung, oder besser eine unbenutzte Verwendung, von Elementen des fremdsprachlichen Systems (Czochralski 1973: 191).

Auch wenn alle drei genannten Sprachwissenschaftler Ungleichheiten in der Definition von ‚Interferenz‘ aufzeigen, die also zu einem Normverstoß führen, sind die Unterschiede nicht gravierend. Da es sich hierbei um die beiden Attribute ‚positiv‘ sowie ‚negativ‘ handelt, können die Perspektiven der Forscher in eben diese eingesetzt und somit verdeutlicht werden (Böttger 2008: 22). Bei Juhász wird durch die Attribute nämlich die Wirkung bezeichnet, bei Czochralski hingegen die Ursache. Da beide sowohl Ursache als auch Wirkung in ihre Definition mit aufnehmen, ist hier bereits der erste Widerspruch erkennbar.

2.2.2. Proaktive und retroaktive Interferenz

Mit Jacobovits geschieht eine weitere Diversifizierung des Begriffs Interferenz, wobei der zurückführende Einfluss der Muttersprache auf die Fremdsprache näher betrachtet wird. Jacobovits unterschiedet deshalb unter ‚proaktiver Interferenz‘ sowie ‚retroaktiver Interferenz‘ (Jacobovits 1969: 70). Dieses Phänomen tauche hauptsächlich im fortgeschrittenen Stadium des Zweitspracherwerbs auf, wodurch sich die enge Verwandtschaft mit Sprachkontakt-phänomenen erkennen lässt.

Auch Zatovkanjuk definiert beide Richtungen der Interferenz. Nach ihm verstehe man unter sprachlicher Interferenz „das Eindringen phonetischer, grammatischer und lexikalischer Elemente der dominierenden Sprache“, meist Muttersprache, auf die zu erlernende Sprache. Retroaktiv betrachtend könne dieses Eindringen jedoch genauso gut bei der zu erlernenden Sprache auf die dominierende Sprache geschehen. Dies seien demnach Fehler, die auch als Fehler gewertet werden sollten (Zatovkanjuk 1973: 74). Anders als beispielsweise Weinreich, der Interferenz alleine auf ein Phänomen bei Bilingualismus bezieht, benennt Zatovkanjuk Interferenz nur im Zusammenhang mit Fremdsprachenerwerb.

2.2.3. Interlinguale und intralinguale Interferenz

Als eine der häufigsten Subkategorisierung des Begriffs ist die Unterteilung in ‚interlinguale‘ sowie ‚intralinguale‘ Interferenz zu nennen. Dies sind Synonyme der entweder ‚internen‘ und ‚externeren‘ Interferenz oder auch ‚interstrukturellen‘ und ‚intrastrukturellen‘ Interferenz. Von der Benennung der internen sowie externen Interferenz sprechen Czochralski (1973: 191) und Gerbert (1973: 196), Nickel spricht dagegen in seinen Werken von interstruktureller und intrastruktureller Interferenz (1972: 11f). Da jedoch die erstgenannten Begriffe bei den meisten Sprachwissenschaftlern auffindbar sind, wird im Folgenden diese Benennung gebraucht.

Unter interlingualer Interferenz versteht man die Beeinflussung der Zweitsprache, Zielsprache, auf die Erstsprache, Ausgangssprache. Eine intralinguale Interferenz hingegen wäre die Beeinflussung der Zweitsprache durch die Zweitsprache, also eine Einwirkung innerhalb einer Fremdsprache (vgl. Nickel 1972: 12; Czochralski 1973: 191f).

Eine interlinguale Interferenz kann jedoch auch zwischen zwei unterschiedlichen Fremdsprachen geschehen. Diese Art von Interferenz beschreibt Duškova erstmalig (1969: 11) und bleibt im weiteren Verlauf der Interferenzerforschungen auch unbedeutend, da bei kontrastiven Untersuchungen meistens nur die Interferenzart zwischen Erstsprache sowie Zweit- bzw. Fremdsprache von Belang ist.

3. Transferenz

Im Folgenden soll der Begriff ‚Transferenz‘ erläutert werden, da dieser sich im Laufe der Sprachkontaktforschung etablieren konnte und dabei ist, den Begriff ‚Interferenz‘ zu verdrängen. Zunächst folgt ein kleiner Überblick der unterschiedlichen Definitionen sowie Differenzierungen, danach werden die Transferleistungen Code-Switching, Borrowing sowie Code-Mixing ausführlicher dargestellt.

3.1. Transferenz in der Linguistik

Da in der Sprachwissenschaft von zwei unterschiedlichen Definitionen des Transfers gesprochen wird, sollen beide Auffassungen des Begriffs benannt werden. Zunächst gibt es die Annahme des Transfers, der sich auf den Vorgang der Beeinflussung späteren Lernens durch vorangegangenes Lernen als auch auf das Ergebnis der Lernerleichterung bzw. Lernerschwerung bezieht. Dabei spricht Bausch von positiven sowie negativen Transfer, wobei der Begriff ‚Transfer‘ als übergeordneter und neutraler Begriff für die Ausdehnung eines Lerneffekt auf einen anderen Lerngegenstand und seine spezifischen Ausprägungen versteht wird (Bausch 1973: 174). Diese Definition wird auch in der Psychologie sowie Pädagogik angewandt und ist daher für unsere weitere Arbeit irrelevant. Nichtsdestotrotz war sie erwähnenswert, um die unterschiedliche Begriffsbestimmung von ‚Interferenz‘ zu veranschaulichen.

Andererseits wird ‚Transfer‘ in aktuellerer Literatur immer wieder in Zusammenhang mit dem Begriff ‚Interferenz‘ gebraucht. Während man in der älteren Sprachkontaktforschung von Interferenz spricht, machte sich in den darauffolgenden Jahren der Begriff ‚Transferenz‘ breit. Einige Linguisten kritisierten, dass der Terminus ‚Interferenz‘ negativ sei, weil er ‚Einmischung‘ bedeute (vgl. Riehl 2009: 33) und Clyne schlug vor, von nun an den Begriff ‚Transferenz‘ zu verwenden, der so viel wie ‚Übertragung, Übernahme‘ ausdrücke. Als Grund nannte er dafür, dass Transferenz für den Prozess der Übertragung beliebiger Elemente, Funktionen oder Regeln stehe, die von der einen auf die andere Sprache übernommen würden. Auch der Übernahmeprozess an sich definiert Clyne als Transferenz und betont, dass jedes konkrete Beispiel von Transferenz als Transfer zu bewerten sei (Clyne 1975: 16). Bei Interferenz beschränkt Clyne sich dagegen auf den allgemeinen Verwirrungsprozess im Sprachkontakt.

Clyne nennt Transferenz also als ein Synonym der Interferenz nach Weinreich, das durch die Bedeutung der ‚Übertragung‘ nur nicht so negativ klinge. Auch Riel schließt sich dem an und gebraucht nach kurzer Erläuterung der Terminus-Umbenennung den neuen Begriff ‚Transferenz‘ (Riel 2009: 33).

Jedoch muss berücksichtigt werden, dass Interferenz nach Weinreich sowie Transferenz nach Clyne nicht von allen Sprachwissenschaftlern als ein Synonym betrachtet wird. Andernorts spricht man von Transferenz, sobald durch Einfluss eines muttersprachlichen Elements nicht gegen eine Norm der Fremdsprache verstoßen wird, und von Interferenz, wenn das übertragende Element der Muttersprache auf die weitere Sprache störend wirkt (Böttger 2008: 30f). Oft wird dabei allerdings nicht zwischen Grund und Erscheinung unterschieden.

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Details

Seiten
27
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668415003
ISBN (Buch)
9783668415010
Dateigröße
902 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355526
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Institut für Slavistik
Note
Schlagworte
Interferenz Transferenz Russisch Russland Russlanddeutsch Code-Switching Code-Mixing Transfer Linguistik

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Titel: Interferenz versus Transferenz. Vergleich grammatikalischer Strukturen des Russischen mit Strukturen des Russlanddeutschen