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Staatlich organisierte Marktschaffung am Beispiel der privaten Altersvorsorge

Hausarbeit 2016 17 Seiten

Soziologie - Wirtschaft und Industrie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
I. Fragestellung und Konzept
II. These und Vorgehensweise

2. Theoretische Grundlagen
I. Die Altersvorsorge in Deutschland
II. Vorbedingungen der Marktordnung
III. Die Merkmale eines Marktes
IV. Marktschaffungsprozesse
a. Wechselseitige Anpassung
b. Staatlich organisierte Marktschaffung

3. Die Untersuchung des Marktschaffungsprozesses
I. Die Rentenreform von 2001 als Initialzündung
II. Die Märkte der privaten Altersvorsorge
III. Märkte für private Vorsorge ohne staatliche Förderung
IV. Staatliche geförderte Märkte

4. Zusammenfassung & Fazit

5. Literaturverzeichnis

Abstract:

Wie entsteht ein Markt? Mit unterschiedlichen Theorien lassen sich die Entstehungsgeschichten von Märkten erklären. Oftmals findet sich der Staat als zentraler Marktkonstrukteur, der eigene Ideen zu konkreten Märkten entwickelt. Anhand einiger Merkmale des staatlichen organisierten Schaffungsprozesses werden die Märkte für Aktien, Fonds, Riester-, Rürup- und VL-Sparen dahinein untersucht, ob sie das Ergebnis staatlicher Anstrengungen sind oder nicht. Sie alle werden mit ihren angebotenen Produkten in der Regel mit der privaten Altersvorsorge in Verbindung gebracht. Es stellt sich heraus, dass eine pauschale Aussage, dass alle diese Märkte das Ergebnis staatlicher Anstrengungen sind, nicht zutrifft. Vielmehr müssen alle Märkte, deren Produkte für die private Altersvorsorge gedacht sind, individuell auf ihre Entstehung hin untersucht werden.

1. Einleitung

Während Ökonomen die Märkte als Ergebnis einer spontanen und natürlichen Ordnung sehen, mit der sich nicht weiter befasst werden muss, betrachten Soziologen die Schaffung und Entstehung als Ergebnis sozialer Interaktionen, in dem auch kulturelle und historische Aspekte eine Rolle spielen. Während sich die Ökonomen darauf konzentrieren, wie die Märkte idealerweise funktionieren, fragen die Soziologen, wie und warum Märkte überhaupt entstehen. Dieser Betrachtung schließe ich mich in dieser Ausarbeitung an und fokussiere mich auf die Märkte für private Altersvorsorge, die in der heutigen Zeit mit einer riesigen Palette an Produkten aufwarten. Auch bei diesen Märkten ist es interessant zu untersuchen, wie sie eigentlich entstanden sind. Dazu bieten sich einige Konzepte aus der Marktsoziologie an, die den Marktschaffungsprozess aus unterschiedlichen Perspektiven erläutern. Diese werden nachfolgend neben der Fragestellung und der Vorgehensweise erläutert.

I. Fragestellung und Konzept

Da es verschiedene (soziologische) Theorien darüber gibt, wie Märkte entstehen, muss eine Auswahl getroffen werden. Die theoretische Basis für diese Ausarbeitung soll das Konzept der staatlich organisierten Marktschaffung sein (vgl. Aspers 2015: S. 150).

Die Fragestellung lautet also: Sind die Märkte für private Altersvorsorge das Resultat staatlich organisierter Marktschaffungsprozesse?

Das Konzept wird im zweiten Teil detaillierter erläutert.

II. These und Vorgehensweise

Weiterhin soll der Begriff der staatlichen Organisation spezifiziert werden. In dieser Ausarbeitung werden unter „staatlich organisiert“ all jene staatlichen bzw. politischen Instrumente verstanden, die für die Formierung von Märkten eingesetzt werden. Die These lautet also:

Die Märkte für private Altersvorsorge wurden mittels bestimmter politischer Instrumente erschaffen.

Die Vorgehensweise ist dementsprechend an der Prüfung der Hypothese orientiert. Dazu wird das Konzept mit seinen Elementen herangezogen und geprüft, ob es den Erschaffungsprozess der einzelnen Märkte für private Altersvorsorge erklären kann.

2. Theoretische Grundlagen

I. Die Altersvorsorge in Deutschland

Die Altersvorsorge war lange Zeit Bestandteil der familiären Vorsorge. Mit der zunehmenden Komplexität der Gesellschaft, allen voran der Industrialisierung und der Verarmung größerer Teile der Bevölkerung zu Beginn des 18. Jahrhundert, konnte diese Vorsorge auf familiärer Basis nicht mehr ausreichend zur Verfügung gestellt werden. Die Verantwortung wurde zunehmend auf staatliche Institutionen verlagert. Aber auch hier findet seit den 1990iger Jahren wieder eine Verlagerung hin zur Eigen(verantwortlichen)vorsorge statt, da auch die staatliche Sicherung nicht mehr als ausreichend betrachtet wird.

Man spricht mittlerweile von dem sogenannten „Drei-Säulen-Modell“ der Altersvorsorge, bestehend aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge. Maßgebliche Akteure in diesem sind die Deutsche Rentenversicherung als Träger der gesetzlichen Rentenversicherung sowie die Unternehmen der Finanzbranche, soweit sie Altersvorsorgeprodukte anbieten, also Banken, Versicherungsunternehmen und Fondsgesellschaften (vgl. Nullmeier). Auch Mischformen, wie z.B. die staatlich geförderte private Vorsorge sind im Zuge der Rentenreformen von 2001 und 2004 entstanden. Insgesamt kann mittlerweile von einem Alterssicherungsmarkt gesprochen werden, denn neben der nicht-marktlichen Form der gesetzlichen Vorsorge haben sich auch marktlich agierende Organisationen etabliert und ausgeweitet, die wiederum mit einer großen Auswahl an Produkten um die Gunst der Kunden buhlen. Wie oben bereits gesagt, soll es hier also darum gehen, zu untersuchen, wie dieser Markt entstanden ist.

II. Vorbedingungen der Marktordnung

Grundsätzlich kann man von drei Vorbedingungen sprechen, die erfüllt sein müssen, damit man überhaupt von einem „Markt“ sprechen kann.

Erstens muss klar sein, „was auf dem Markt gehandelt wird. Menschliche Organe werden nicht auf dem gleichen Markt gehandelt wie Autos […] (Aspers 2015: S. 23)

Zweitens muss klar sein, „wie auf dem Markt normalerweise agiert wird“ (ebd.). Damit ist vor allem die Kultur eines Marktes gemeint, also z.B. Verhaltensweisen und Regeln, die sich von Markt zu Markt unterscheiden.

Drittens muss klar sein, „welchen Wert das Angebot hat“ (Aspers 2015: S.24). Es geht darum, dass der ökonomische Wert eines Gutes bestimmt werden muss.

Diese drei Vorbedingungen gehen Hand in Hand mit den Marktschaffungsprozessen, die ich nachfolgend erläutere.

III. Die Merkmale eines Marktes

Grundsätzlich setzt sich der Markt aus mehreren Elementen zusammen. Hinsichtlich der Struktur des Marktes ist dies die Rollenverteilung zwischen Käufer und Verkäufer, die sich auf einem Markt gegenüberstehen. Dazu kommt die Austauschbarkeit von Käufer- und Verkäuferrollen. Auf einer Seite müssen sich immer mindestens zwei Akteure finden, deren Angebot bzw. Nachfrage austauschbar ist, sodass ein Vergleich stattfinden kann. Wirklich von einem Markt spricht man also dann, wenn mindestens drei Akteure am Marktgeschehen teilnehmen. Weiterhin ist der Markt gekennzeichnet durch eine freiwillige und friedliche Interaktion zwischen den Akteuren (vgl. Aspers 2015: S. 20). Diese haben folglich die Freiheit zur Wahl, sie „können sich bei allen als legitim betrachteten Warenangeboten dafür oder dagegen entscheiden“ (ebd.). Hinsichtlich der Frage des Angebots und wie diese zustande kommen gilt, dass die gehandelten Gegenstände nicht nur von Interesse, sondern auch als moralisch legitim gelten müssen. Ein weiteres und wahrscheinlich das bekannteste Merkmal ist der Wettbewerb, der „eine Beziehung zwischen zwei oder mehr Akteuren [ist], die alle ein Ziel verfolgen, das sie nicht miteinander teilen können“ (Aspers 2015: S. 22).

Diese Merkmale verbunden mit den drei Vorbedingungen des Marktes, die ich nachfolgend vorstelle, dienen als Verständnis für den Marktbildungsprozess.

IV. Marktschaffungsprozesse

a. Wechselseitige Anpassung

Das Konzept der „wechselseitigen Anpassung“ ist wesentlich aus der ökonomischen Theorie der „spontanen Ordnung“ entlehnt. Die Märkte werden als Ergebnis eines natürlichen Prozesses betrachtet“ (vgl. Aspers 2015: S. 145). „Die spontane Formierung eines Marktes besteht aus drei Phasen: Orientierung, Kontraktion und Kohäsion“ (ebd). Orientierung bedeutet hier, dass bestimmte Akteure ein grundsätzliches Interesse bekunden, als Marktteilnehmer aufzutreten. Allerdings wissen sie noch nicht, wie der fertige gestaltete Markt aussehen soll. Sie wissen auch noch nicht, welche Rolle sie in diesem Setting spielen.

Der nächste Schritt ist die Kontraktion. Hier geht es um „wechselseitige Beobachtung und Interaktion“ (Aspers 2015: S. 153) und vor allem um die Festigung von Rollen, üblicherweise die Einteilung in „Käufer“ und „Verkäufer“. Mit der zunehmenden Interaktion „klären sich also die Verhältnisse (Aspers 2015: S. 147).

Der letzte Schritt ist die Kohäsion, also der dauerhafte Zusammenhalt zwischen den einzelnen Marktteilnehmern, der in einen geordneten Markt mündet. Es ist nun klar, „welches Gut auf dem Markt verkauft wird; der Markt ist jetzt in der Lage, die auf ihm gehandelten Güter zu bewerten“ (Aspers 2015: S. 148). In diesem Stadium kommen auch wieder die zuvor genannten drei Vorbedingungen ins Spiel, die nun alle erfüllt sind. Jeder weiß, was auf dem Markt gehandelt, wie man sich auf dem Markt zu verhalten hat und wie die Preise auf den Märkten gebildet werden.

Dieses Konzept ist die Basis für den kontrollierten Formierungsprozess.

b. Staatlich organisierte Marktschaffung

Die staatlich organisierte Marktschaffung ist ein Sonderfall der (allgemeinen) organisierten Marktschaffung. Diese Märkte sind nicht das Produkt einer spontanen Zusammenkunft von Käufern und Verkäufern, sondern das Produkt einer Idee bzw. Vorstellung mindestens zweier Individuen, warum es z.B. für dieses Produkt einen Markt geben sollte und wie dieser zu funktionieren hat (vgl. Aspers: S. 149). Mit der Idee als Basis wird dann versucht, einen Markt zu organisieren. Alle Beteiligten und zukünftigen Marktakteure sind „politische Spieler“, die mit ihren Interessen versuchen, den Markt in ihrem Sinne zu konstruieren (ebd.). Einer dieser Interessenparteien kann auch der Staat sein, der mit politischen Mitteln und Möglichkeiten versucht, die Formierung des Marktes zu steuern.

Grundlegend kann der Staat „mithilfe von Regulierung, Patenten und Besteuerung einige Märkte blockieren und andere schaffen oder ermöglichen […]“ (Aspers 2015: S. 150). Hinsichtlich der Regulierung können dies Gebote, Verbote und Anreizprogramme sein, die der Staat als Instrument nutzt (vgl. Czada/Lütz 2000: S.15). Des Weiteren kann man auch in Betracht ziehen, dass Märkte das Ergebnis politischer Initiativen, zum Beispiel einzelner Minister oder Abgeordneter, sind.

Wir ziehen hier also drei Merkmale zur Untersuchung heran:

1) Politische Initiativen
2) Staatliche Regulierung durch Gebote, Verbote und Anreizprogramme
3) Besteuerungsmaßnahmen zur Förderung

Mit diesen drei Merkmalen des staatlich organisierten Schaffungsprozesses soll nun geprüft werden, ob die Märkte für private Altersvorsorge staatlich konstruiert wurde.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668415805
ISBN (Buch)
9783668415812
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355179
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Soziologie
Note
2,3
Schlagworte
Marktsoziologie Marktentstehung private Altersvorsorge Markterschaffung Markttheorien Marktanalyse

Autor

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Titel: Staatlich organisierte Marktschaffung am Beispiel der privaten Altersvorsorge