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Der Dreißigjährige Krieg. Ursachen und Verlaufsabriss

Facharbeit (Schule) 2014 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Ursachen
Mangelnde Durchsetzungkraft
Erhöhtes Agressionspotenzial
Eingeschränkte Kommunikation und mangelnde Diplomatie
Augsburger Religionsfriede
Die Bartholomäusnacht im Hinterkopf
Konfession nur ein propagandistisches Mittel zum Zweck?
Prager Fenstersturz
Staatenbildung: Mangelnde Zentralmacht im Bezug zur Frage: Das Haus Habsburg zu groß für Europa?

Der Verlauf
Böhmisch-pfälzischer Krieg (1618–1623)
Dänisch-niedersächsischer Krieg (1623–1629)
Schwedischer Krieg (1630–1635)
Schwedisch-Französischer Krieg (1635–1648)
Der Westfälische Friede

Schluss

Quellen
Literaturverzeichnis

Anhang
Tränen des Vaterlandes. Anno 1636
Ferdinand I. an seinen Sohn und Nachfolger Maximilian II.
Cicely Veronica Wedgwood:
Karte des Reiches während des Dreißigjährigen Krieges

1. Einleitung

„Hier durch die Schanz und Stadt, rinnt allzeit frisches Blut.

Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut,

Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen,

Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,

Was grimmer den die Pest, und Glut und Hungersnot,

Das auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.“[1]

Mangel, Not, Armut, Zerstörung, Leid und vor allem Tod, unter diesen Schlagwörtern hat sich der Dreißigjährige Krieg in die Köpfe eingebrannt. Die Schlacht am Weißen Berge und die darauf folgenden Hinrichtungen, die Schlacht bei Höchst und besonders die Schlacht bei Lützen und die Magdeburger Hochzeit prägten das Bild dieser Zeit und so wurde dieser Krieg noch viele Generationen später mit Schrecken erwähnt, galt bis zum Ersten Weltkrieg als der verheerendste. Spätestens mit Brechts Mutter Courage und ihre Kinder wieder in das Bewusstsein der Deutschen gerückt. Wie konnte es zu diesem, vom Magazin „Der Spiegel, Geschichte“ als „Die Ur-Katastrophe der Deutschen“[2] betitelten Krieg kommen? Der Ausbruch war anscheinend fast sicher, wie es Cicely Veronica Wedgwood beschreibt: „Alle gut Unterrichteten waren von der Wahrscheinlichkeit eines Krieges sattsam überzeugt.“[3] Die im „Volk“ verbreitete Antwort auf die Frage nach der Ursache: „Konfession!“, oft aber auch: „Religion!“ Doch ist dem wirklich so? Welche anderen Faktoren trugen noch zu der Zuspitzung des Konfliktes in einen zerstörerischen Krieg bei? Obwohl der Fokus meiner Arbeit auf den Ursachen liegen soll, ist auch ein Abriss des Verlaufs und der Folgen des Krieges enthalten. Grund dafür ist, dass der Verlauf des Dreißigjährigen Kriegs selber immer wieder neue Wurzeln seiner Fortsetzung und Brutalisierung lieferte. Die Arbeit an den Ursachen war nicht die einfachste, denn wie Axel Gotthard bereits sagte: „Bis heute ist diese Zeit einfach "unterbelichtet".[4] Deshalb habe ich im Laufe meiner Recherche beschlossen ein breites Spektrum an Ursachen zu benennen, anstatt mich auf nur wenige „klassische“ Punkte zu konzentrieren. Nur so kann eine annähernde Skizze der damaligen Verhältnisse gezeichnet werden.

Die Ursachen

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, hängen Verlauf und Ursachen eng miteinander zusammen, da der heute so bezeichnete Dreißigjährige Krieg aus mehreren Konflikten zwischen verschiedensten Parteien bestand. Jeder Konflikt für sich barg wieder neues „Schlachtpotenzial“, wie es das Folgende noch zeigen wird. Folglich sind Ursachen nicht nur in der Zeit vor dem als Beginn des Dreißigjährigen Krieges geltenden Prager Fenstersturzes zu suchen.

Eine Ursache bestand sicher im Verlauf der Reformation. Diese begann am 31. Oktober 1517. Luther schlug, jedenfalls der Legende nach, die 95 Thesen an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg an. „In dieser Schrift äußert er Kritik spezifisch an der Verweltlichung der Kirche und besonders an deren (bzw. dem päpstlichen) Ablasshandel.“[5] Dieser Akt gilt als der Beginn der Reformation im Deutschen Reich. Obwohl anfangs eine Reformierung der ursprünglichen Kirche („zurück zur wahren Kirche“) beabsichtigt war, wurden die evangelischen Reichsstände am 19. April 1529 zu „Protestanten“, indem sie sich der „vollständigen Wiederinkraftsetzung des Wormser Ediktes“[6] entgegensetzten (hiergegen protestierten) und sich mit dem Augsburger Bekenntnis ganz von der römisch-katholischen Kirche abspalteten. Eine neue Konfession war damit entstanden.

Mangelnde Durchsetzung kraft

Kurz darauf formierte sich eine Gegenbewegung, die Gegenreformation, mit Kaiser Karl dem V. (Kaiser von 1519 bis 1556) an der Spitze. Trotzdem breitete sich der Protestantismus stetig aus. Das lag besonders daran, dass Karl der V. immer wieder zeitweilig Zugeständnisse an die Protestanten machen musste und das trotz der nie zuvor dagewesenen habsburgischen Territorialmacht. (Er hatte durch glückliche Zufälle und strategische habsburgische Heiratspolitik nicht nur die Gebiete um Österreich, sondern auch das angehende Weltreich Spanien geerbt). Die innere Ursache der Zugeständnisse gegenüber den Protestanten lag in den ständig wiederkehrenden Kriegen gegen Franz den I. von Frankreich um die Vorherrschaft in Norditalien und an der Notwendigkeit der Verteidigung des Reiches gegen das Osmanische Reich. Der erste in seine Herrschaftszeit fallende Reichstag zu Speyer ist ein gutes Beispiel dafür: Karl der V. konnte selbst nicht anwesend sein, da er Krieg gegen Frankreich in Italien führte und er beauftragte deshalb seinen Bruder Ferdinand den I. damit, dort die Reichsstände für den Krieg gegen die Türken zu gewinnen. Ferdinand stellte diese Forderung auch folgerichtig an den Beginn des Reichstages, doch die evangelischen Reichstände bestanden darauf, dass zuerst die „Religionsfrage“ behandelt würde. Schließlich wurde eine „freie Auslegung“ des Wormser Ediktes eingeräumt, wonach dessen Sanktionsdrohungen faktisch ausgesetzt wurden, woraufhin dem Reich Truppen bereitgestellt wurden.[7]

„Der Türk ist der Lutheraner Glück“[8] war ein zeitgenössisches Sprichwort, welches die Situation auf den Punkt brachte. Wie oben beschrieben forderte Karl V. dann nach erfolgreicher Beendigung der Schlachten die Revision des eingetretenen „tolerierenden Zustandes“. Doch was erst einmal zugestanden war, war nicht mehr wiederzuholen und die Rückforderung vergrößerte den Graben zwischen den Konfessionen weiter.

Erhöhtes Agressionspotenzial

Zum Verständnis historischer Vorgänge ist immer auch ein Sich-Hineinversetzen in die jeweilige Zeit nötig. In diesem und dem folgenden Kapitel soll ein Solches in die „Durchschnittsbevölkerung“ ermöglicht werden: Die Zeit zwischen 1300 und 1900 wird klimageschichtlich auch als „Kleine Eiszeit“ bezeichnet. Die Sonnenaktivität erreichte im 16. und 17. Jahrhundert einen in geschichtlicher Zeit in Europa nie zuvor dagewesenen Tiefstand.[9] Somit auch die Temperatur. Verheerende Bedingungen für die Landwirtschaft. Schlechte Ernten waren die Folge. Auf Grund des später noch etwas näher beschriebenen Augsburger Religionsfriedens galt das Heilige Römische Reich Deutscher Nation als relativ liberales Land und so wanderten viele Protestanten ein, die Bevölkerung wuchs. Wegen der schlechten Ernten waren Lebensmittel sowieso schon beinahe unbezahlbar für die durchschnittliche Bevölkerung geworden und nun tat die erhöhte Bevölkerung ein Übriges.

Eingeschränkte Kommunikation und mangelnde Diplomatie

Das schnellste Transportmittel zu Lande war damals das Pferd. Folglich konnten auch alle Informationen und Neuigkeiten nur mit der Geschwindigkeit des Pferdes übertragen werden. Das war zum Beispiel nicht viel schneller, als Truppen vorrückten und so konnte der schleppende Transport von Nachrichten verhängnisvoll für Bevölkerung und politische Entscheidungsträger sein. Oft wurden deshalb Entscheidungskompetenzen an die unteren Hierarchieebenen abgegeben. Entscheidungen wurden oft zu langsam oder zu voreilig getroffen – und ohne die Kenntnis komplexer Zusammenhänge. Der erste Reichstag zu Speyer gibt ein Beispiel dafür ab: Die Zusage der Truppen war objektiv überflüssig, da die betreffende Schlacht schon zwei Tage später stattfand.[10] Sichtbar wird hier auch die mangelnde und zähflüssige Diplomatie zwischen den verschiedenen Parteien. Der betreffende Reichstag dauerte ungefähr einen Monat lang, viel zu viel Zeit für eine so existenzielle Frage, wie die der Verteidigung des Reichs. Die „Organe“ und besonders die gegenüberstehenden Parteien legten die staatlichen Exekutivmöglichkeiten lahm. Ein anderer Aspekt der angesprochenen Langsamkeit war die mangelnde Durchdringung des Volkes mit Information. Zwar war die Informationsverbreitung durch Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdruckes mit beweglichen Lettern entscheidend erleichtert worden, jedoch galt dies nur für die gebildeten bürgerlichen Schichten. Der große – analphabetische - Teil der Bevölkerung war nicht über die gegenwärtigen Geschehnisse informiert und solange es ihm nicht besonders schlecht ging verrichtete er seinen Dienst. Auch dies führte mit dazu, dass die Politik ein rein nach den Interessen der Mächtigen ausgelegtes „Spiel“ war.

Augsburger Religionsfriede

Der Augsburger Religionsfrieden war damals wohl bewusst offen formuliert worden, infolgedessen mehrdeutig und widersprüchlich formuliert, nur so war damals überhaupt ein Kompromiss zwischen den konfessionellen Interessen möglich gewesen. Diese Herangehensweise hatte wohl gut unter den liberalen Kaisern Ferdinand I. und Maximilian II. funktioniert, nun aber, als die nächste Generation unter Rudolf II. die Macht erbte, wurde wieder begonnen die Doppeldeutigkeiten des Religionsfriedens kompromisslos für sich auszulegen, da Rudolf als Antiprotestant galt. Ein Streitpunkt des Religionsfriedens war das „Reservatum Ecclesiasticum“. Es besagte, dass wenn ein katholischer Territorialherr zum Protestantismus konvertieren wollte, er seine Herrschaft und sein Amt neiderlegen musste; so sicherte sich die katholische Kirche den Erhalt ihrer Territorialmacht, womit viele Protestanten nicht einverstanden waren. Der Augsburger Religionsfrieden begann zu also bröckeln. "So hatte man sich schließlich zusammengerafft, ohne im Letzten einig zu sein – wo es nicht anders ging, auf Kosten der Klarheit und Wahrheit. Eine Zeit lang schien es, als würde sich dieses Spiel auszahlen, aber langfristig überwogen doch die Nachteile des damals gewählten Verfahrens".[11]

Die Bartholomäusnacht im Hinterkopf

In Frankreich war Calvin sozusagen das Gegenstück zu Luther, beide hatten zwar sehr ähnliche Ziele, aber nicht alle Grundgedanken glichen sich. Die französischen evangelisch Gläubigen wurden Hugenotten genannt. Die Katholiken unter der faktischen Führung Katharina de Medicis kämpften von 1562 an gegen die Hugenotten. Schließlich wurde 1570 Frieden geschlossen. Diplomatische Beziehungen bildeten sich aus und so erhofften sich die Hugenotten von dem Angebot einer Hochzeit der Tochter Katharinas mit dem hugenottischen König Heinrich von Navarra dauerhafte Befriedung. Die Hochzeitsfeierlichkeiten sollten mehrere Tage andauern und so kamen alle Führer der Hugenotten nach Paris. Der Hugenottenführer Colingy war nach der Hochzeit bei einem Anschlag verletzt worden, und so fürchteten die Katholiken einen Racheakt (andere Deutungsmuster gehen eher von einer geplanten Provokation durch den Anschlag auf Coligny aus). Die Katholiken nutzten die Tatsache der Zusammenkunft aus und richteten ein Blutbad an. Insgesamt bis zu 20.000 Hugenotten wurden umgebracht, 3000 davon in Paris und Umgebung[12], der langanhaltende politische Erfolg der Aktion blieb indes aber aus.[13] Die Angst vor der Wiederholung eines solchen Vernichtungsaktes dürfte eines der Grundmotive im politischen Denken der Protestanten gewesen sein - erschwerte Diplomatie musste die Folge sein.

Die Konfession nur ein propagandistisches Mittel zum Zweck?

Keine andere These ist kontroverser diskutiert worden, als die vorstehende, jedoch nie mit einem endgültigen Ergebnis. Die Fürsten hätten den Protestantismus nur zur Loslösung vom Papst, zum Gewinn von Territorien und Gütern und zur „Oppositionsbildung“ gegen den Kaiser unterstützt bzw. für sich gewählt. Hierfür spricht einiges, Religion wurde immer wieder (dynastischen) Machtinteressen nachgeordnet. So kämpfte der katholische, französische König Heinrich der II. einst mit den protestantischen deutschen Fürsten zur Schwächung Karls des V., was schließlich zum Augsburger Religionsfrieden führte. Zudem waren auch große Territorien im Spiel. Besitztümer die unter katholischem Einfluss standen, gingen diesem mit dem Wechsel zum Protestantismus verloren, was andererseits wieder zur Erweiterung der Machtbasis einiger protestantischer Fürsten führte.[14] Dieser Wechsel des Besitzes sollte dann aber im Augsburger Religionsfrieden - wie oben beschrieben - mit dem „Reservatum Ecclesiasticum“ unterbunden werden, die protestantischen Fürsten fürchteten deshalb die Rückforderung ihrer (neuen) Güter, die jetzt den Ausgangspunkt ihrer Macht bildeten. Auch die allgemeine Oppositionshaltung gegenüber einer als zentralistisch bekämpften kaiserlichen Macht war ein Faktor im Ursachengeflecht für den Dreißigjährigen Krieg, was später noch näher beschrieben werden wird[15]. Der Gesichtspunkt der im Reich verbreitet gewollten Loslösung von päpstlich-römischer Herrschaft muss generell auch eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben. Wenn es heißt „[.] die Priesterschaft Roms hatte vergessen, dass die Barbaren jenseits der Alpen von ihrem Papst mehr verlangten, als dass er unter den europäischen Fürsten als Mäzen an erster Stelle stehe“[16], so mag dies den Zeitgeist recht treffend erfassen. Gleichzeitig stand es für die neue Konfession insofern nicht zum Besten, das sie sich infolge ihrer steten Bedrängung eng an die weltlichen (protestantischen) Herrscher anlehnen musste. Cicely Wedgwood schreibt hierzu: „[.] die junge Bewegung wurde, weil zu schwach, um auf eigenen Füßen zu stehen, zur Dienerin des Staates.“[17] Doch steht es wirklich so schlimm um die neue Konfession? Überzeugte Glaubensbekenntnisse kann man nur Orginalquellen aus der Zeit entnehmen. Der Kampf von Protestanten gegen Katholiken ist für sich genommen allenfalls ein Indiz für eine vielleicht zugrundeliegende konfessionelle Dimension. Trotzdem fand ich ein Beispiel: Maximilian II. Er sympathisierte als späterer Kaiser des Heiligen Römischen Reiches mit dem Protestantismus. So schrieb sein Vater Ferdinand an ihn (das vollständige Zitat ist im Anhang zu finden): „[…]Gott weiß, dass mir auf Erden kein größeres Leid noch Bekümmernis vorfallen könnte, als dass Ihr, Maximilian, mein ältester Sohn von der Religion abfielet.“[18] Auch Maximilian selbst schreibt später: „Ich bin weder ein Papist noch ein Evangelischer, sondern ein Christ.“[19] Zu mehr war er wohl nicht befugt gewesen, da er vor der Wahl zum Kaiser einen Eid ablegen musste, dass er immer dem katholischen Glauben treu bleiben würde. In Religionsfragen blieb er neutral und am Ende des Lebens ließ er sich nicht die Sterbesakramente abnehmen.[20] Offenkundig hätte ihm ein Wechsel nicht den geringsten Nutzen eingebracht und trotzdem hielt er in gewisser Weise bis zu seinem Lebensende an seiner Grundeinstellung fest: Ein Beispiel für überzeugten Glauben. Auch Cicely Wedgwood, die bereits zitiert wurde, bemerkt kurz zur obigen Passage: „[…]weder die Fürsten, noch das Volk nahmen den lutherischen Glauben im Geiste jenes Zynismus an[…]“ und „[…]der Nachdruck in ihrem Innern lag auf dem Glauben[…]“[21]. Um das Zitat nicht aus dem Kontext zu reißen ist die gesamte Passage im Anhang zu finden, denn sie schreibt auch: „Sicherlich glaubten sie, weil sie glauben wollten[…]“[22]. Das Volk, da sind sich alle einig, war höchst religiös. Die neu aufkommende humanistische Wissenschaft verängstigte man klammerte sich an religiöse Gewissheiten. Man merkt schnell: Die Quellen sind mit sich selbst nicht im ganz Reinen und deshalb darf man davon ausgehen, dass die Wahrheit in der Mitte liegt. Der eine wurde aus Überzeugung Protestant und hatte die Vorzüge, oder auch nicht, der andere konvertierte auf Grund der Vorzüge, beim nächsten war es eine Mischung aus beidem. Diese Sichtweise lässt sich auf die Analyse des ganzen Krieges erweitern, Mal ging es um die Unterstützung des Glaubens, mal um geopolitische oder um dynastische Interessen, die im Folgenden noch angesprochen werden sollen.

Prager Fenstersturz

Der Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 gilt als der Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Es war der zweite Fenstersturz in der Geschichte Prags. Rudolf II. hatte den Ständen Böhmens im Majestätsbrief Religionsfreiheit und Privilegien zugesichert, da er die Stände im Streit mit seinem Bruder um die Macht, den sogenannten Brüderzwist, hinter sich wissen wollte. Unter Ferdinand (später II.) änderte sich die Situation grundlegend, da dieser ein überzeugter Katholik war. Die Rechte der Stände wurden beschnitten und die Rekatholisierung durchgesetzt. Sie gipfelte in einer Schließung einer protestantischen Kirche durch die katholische Liga, einem Verbund der katholischen Kräfte im Reich. Die empörten protestantischen Stände versammelten sich vor der Prager Burg, hielten einen Schauprozess ab und warfen dann zwei königliche Satthalter und den Kanzleisekretär aus dem Burgfenster. Alle drei überlebten zwar ohne große Verletzungen. Der Fenstersturz als (scheinbar) aufständischer Akt gegen die königliche und kaiserliche Gewalt mündete gleichwohl in den Böhmisch-Pfälzischen Krieg.

Staatenbildung: Mangelnde Zentralmacht?

Die Machtverhältnisse im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zwischen Kaiser und Fürsten waren in der Goldenen Bulle bereits 1356 geregelt worden und so war „[…]Deutschland längst das geworden, was man später einen Bundestaat nannte.“[23] Oben der König und Kaiser, gewählt von den Kurfürsten. Wahrscheinlich eine dem Reich gemäße Form, jedoch war der Kaiser zu dieser Zeit einer der Kurfürsten selbst. Der König Böhmens war seit Generationen ein Habsburger – und blieb es auch bis zum Ende des Reichs. Der Kaiser war demnach nicht „[…]Inkarnation, Herrscher, oberster Vertreter des Reiches, in allen Provinzen gleich gegenwärtig“[24], sondern selbst mächtigster Territorialfürst, alle Handlungen für oder gegen das Reich stützten „sich mehr auf seine eigenen Hilfsmittel als auf jene, die das Reich ihm zu liefern gewillt war.“[25]

Das Haus Habsburg hatte durch strategisch kluges Heiratspolitik mehrmals das Herrschaftsgebiet erweitern können. Zwei sehr bekannte Beispiele, die dem Krieg nur kurz vorausgingen, sind: Die Hochzeit Maximilians I. mit Maria von Burgund und die Phillips I. mit Johanna von Kastilien und Aragon. Durch diese beiden Hochzeiten „erheiratete“[26] sich das Haus Habsburg sozusagen erst Burgund, wozu die (später „spanischen“) Niederlande gehörten, und dann, durch den Ausfall anderer potenzieller Thronerben, Spanien mit all seinem auch überseeischen Besitz. (Wobei erstere oft auch als Liebesheirat bezeichnet wird.[27] ) Zwar trennte sich die habsburgische Linie in eine spanische- und eine österreichische Linie, jedoch wurden beide immer wieder durch Heirat verbunden und vertraten die gleichen Interessen.

Das Herrschaftsgebiet der habsburgischen Dynastie war riesig, ein Blick auf die Karte im Anhang verdeutlicht das, wenn man bedenkt, dass der spanische König nun auch der portugiesische war und Regentschaften „in der neuen Welt in Chile, Peru, Brasilien und Mexiko“[28] auch noch dazu gehörten. So war das Schicksal des Heiligen Römischen Reichs in die Interessen der Habsburger eingebunden, jedoch zentrierte es sich nicht darauf.[29] Die Zentrierung habsburgischer Politik lag auf der Bildung einer Universalmacht, in der das Reich (nur) ein Teil sein sollte. So schreibt Wedgwood: „Während die deutschen Herrscher dem Phantom einer Weltmacht nachjagten, versäumten sie die Gelegenheit, aus Deutschland eine Nationalmacht zu machen.“[30] Besonders aus dieser Versäumnis ergibt sich das immer weitere Verlangen nach mehr Macht jeder einzelnen untergebenen Instanz. Es ermangelte einer starken Zentralmacht. Trotzdem konnten die meisten der Stände nicht ohne den Schutz des Kaisers existieren.[31] Es lässt sich eine Verknüpfung zu einem vorangegangenen Kapitel ziehen: Mangelnde Durchsetzungskraft. Die beiden Kapitel korrespondieren miteinander.

[...]


[1] Gryphius, Andreas (1636 ): Tränen des Vaterlandes/1936. Anhang, Vers 9f.

[2] Siehe Cover auf: http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/a-778430.html

[3] Wedgwood, S. 10

[4] Gotthard, Axel: http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/a-778430-3.html

[5] (Vgl.) https://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/epik/reformation.htm

[6] (Vgl.) http://www.kinderzeitmaschine.de/index.php?id=401&ht=6&ut1=113&ut2=87&evt=502&x1=64&x2=-508.05

[7] (Vgl.) http://www.sehepunkte.de/2013/01/21400.html

[8] http://www.habsburger.net/de/kapitel/sympathie-fuer-protestanten-maximilian-ii

[9] (Vgl.) http://www.umweltunderinnerung.de/index.php/kapitelseiten/vormoderne-umwelten/23-die-kleine-eiszeit

[10] (Vgl.) http://de.wikipedia.org/wiki/Reichstage_zu_Speyer

[11] Gotthard, Band 08, S. 333 f.

[12] Kinder, Band 1, S.247

[13] (Vgl.) http://www.welt.de/kultur/history/article966115/Blutbad-an-der-Seine-die-Bartholomaeusnacht.html

[14] (Vgl.) http://www.koni.onlinehome.de/basisdateien/ursachen-frames.htm

[15] Siehe Staatenbildung: Mangelnde Zentralmacht?

[16] Wedgwood, S. 19

[17] Wedgwood, S. 17

[18] Ferdinand der I. : Brief an seinen Sohn. Anhang,

[19] http://www.habsburger.net/de/kapitel/sympathie-fuer-protestanten-maximilian-ii

[20] (Vgl.) http://www.habsburger.net/de/kapitel/sympathie-fuer-protestanten-maximilian-ii

[21] Wedgwood, S. 17 und im Anhang

[22] Wedgwood, S. 17 und im Anhang

[23] Mann, Band 7, S.146

[24] Mann, Band 7, S.146

[25] Mann, Band 7, S.146

[26] http://www.habsburger.net/de/kapitel/spanien-erheiraten-der-schoene-und-die-wahnsinnige

[27] http://m.schuelerlexikon.de/mobile_geschichte/Die_Heiratspolitik_der_Habsburger.htm

[28] Wedgwood, S.22

[29] (Vgl.) Mann, Band 7, S.146

[30] Wedgwood,. S.30

[31] (Vgl.) Mann, Band 7, S.147

Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668413092
ISBN (Buch)
9783668413108
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355090
Note
15
Schlagworte
dreißigjährige krieg ursachen verlaufsabriss
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Titel: Der Dreißigjährige Krieg. Ursachen und Verlaufsabriss