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Der Medienbegriff im Prisma der Multioptionalität. Das veränderte Medienverständnis im Zeitalter sozialer Netzwerke

Bachelorarbeit 2015 46 Seiten

Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing, Social Media

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Der Medienbegriff – Begriffsgeschichte und Bestandsaufnahme der Konzepte
1.1 Zum Nutzen von Begriffen und Definitionen
1.2 Definitionspluralismus des diffusen Begriffes „Medium / Medien“

2 Das Internet und seine Eigenschaftsdimensionen
2.1 Das Internet als Medium erster Ordnung oder Infrastruktur
2.2 Die Eigenschaftsdimensionen des Internets
2.2.1 Konvergenz / Multimedialität
2.2.2 Interaktivität
2.2.3 Potenzial des Internets vs. Prozesse im Internet
2.2.4 Multioptionalität
2.2.5 Selektivität
2.3 Zwischenfazit: Die Entscheidungsgewalt der User

3 Social Network Sites – am Beispiel Facebook
3.1 Individualkommunikation (Dialog und Polylog) vs. Massenkommunikation
3.2 SNS – Begriffsbestimmung mithilfe von Eigenschaftsdimensionen
3.3 Facebook als Plattform für multiple Handlungsoptionen

4 Kritische Würdigung

5 Resümee

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

„Plötzlich geht es darum, was wir wollen, und nicht mehr darum, was die Verteilungskanäle wollen.“ (Anderson 2007: 240, H. i. O.)

Einleitung

Medien sind allgegenwärtig und durchdringen dabei sowohl unseren privaten als auch beruflichen Alltag (vgl. Altmeppen et al. 2013: 53; Wang et al. 2014: 229). Daher folgen nicht nur Kommunikationswissenschaftler und Medientheoretiker dem Credo eines bekannten Werkes von Marshall McLuhan, das müßiger ist, als sein schlichter Klang erahnen lässt: „Understanding Media“. Nein, auch Psychologen, Soziologen, Politikwissenschaftler, nicht zu vergessen Politiker sowie „die Medien“ selbst, Journalisten also – sie alle nehmen Teil an dem Unternehmen unserer Mediengesellschaft, Medien zu verstehen.

Erschwert wird dies allerdings durch die heterogene Verwendung des Medienbegriffs, der basal für die Kommunikations- und Medienwissenschaft, aber auch von Bedeutung für andere Disziplinen ist. Der Term ist, „wie viele andere Grundbegriffe, bislang nicht zufriedenstellend definiert.“ (Merten 2007: 134) Durch das „Medium“ Internet und darauf aufbauende Social Media wird diese Crux des mehrdeutigen Medienbegriffs zusätzlich verschärft, da sie durch gänzlich andere Medieneigenschaften geprägt sind als z.B. der Rundfunk oder die Tageszeitung.

So besteht das Ziel dieser Arbeit darin, das veränderte Begriffsverständnis von „Medien“ zu dokumentieren, welches das Internet allgemein und speziell soziale Netzwerke zeitigen. Hierfür werden, nach einer Bestandsaufnahme zur per se problembehafteten Begriffsgeschichte von „Medien“ (Kapitel 1), die Eigenschaftsdimensionen des Internets reflektiert, die dem Verständnis traditioneller (Massen)Medien mitunter gar diametral entgegenstehen (Kapitel 2). Solche Eigenschaften – wie gesteigerte Selektivität und Multioptionalität – speisen sich vornehmlich daraus, dass die individuelle Gebrauchsweise des Internets nicht technisch determiniert ist. Im darauffolgenden Abschnitt wird ferner aufgezeigt, dass Nutzer über die Gebrauchsweise nicht nur der medialen Infrastruktur Internet entscheiden, sondern auch über die individuelle Nutzung darauf aufbauender Social-Media-Kanäle (Kapitel 3).

Obgleich also über drei Stationen – vom Verständnis von Medien allgemein zum „Medium“ Internet und von dort aus zu speziellen Medien (Social Media) – übergeleitet wird, handelt es sich um kein deduktives Vorgehen. Vielmehr folgt dieser Aufbau der Logik, dass traditionelle Konzepte, Klassifikationen und Definitionen von Medien und Massenmedien vorerst aufgeführt werden müssen, um darauf aufbauend zu zeigen, dass ebensolche Auffassungen für neue (Internet) und neuere Medien (Social Media bzw. Social Network Sites) ungeeignet sind. Dieser Konzeption entspricht zwangsläufig auch die Quellenauswahl dieser theoretischen Arbeit. So entscheiden die jeweiligen Zeiträume der Debatten über Medien und deren Eigenschaften über die zu Wort kommenden Autoren: Werden zu Beginn v.a. vielbeachtete Auffassungen über Medien allgemein (Kriterien: Aufmerksamkeit / Verbreitung) dargestellt, werden, wenn es um das Internet und soziale Netzwerke geht, vor allem aktuelle und internationale Quellen verwendet. Damit folgen sowohl der Aufbau als auch die Quellenauswahl dem Ziel der Arbeit, aufzuzeigen, dass traditionelle Medienkonzepte mit Aufkommen des Internets und sozialer Netzwerke an Plausibilität einbüßen. Obgleich diese Arbeit theoretisch konzipiert ist, werden die Annahmen zu den Eigenschaftsdimensionen durch neueste empirische Studien belegt.

Da sich die dezidierte Erforschung einer speziellen Social Network Site (SNS) nicht nur als kurzweiliger nationaler Trend abzeichnete, sondern sich regelrecht global manifestieren konnte, wird sich hier Facebook als dem weltumspannenden Netzwerk gewidmet, das nicht nur die meisten User inklusive längster Verweildauer, sondern auch die größte öffentliche und wissenschaftliche, also teilöffentliche Aufmerksamkeit vorweist (vgl. Rains und Brunner 2014). Nach der kritischen Würdigung (Kapitel 4) werden abschließend im Resümee die Konsequenzen ausgeleuchtet, die sich für ein interdisziplinäres Fach wie die Kommunikationswissenschaft (vgl. DGPuK 2008: 3) aus einem vielfach verwendeten, doch gleichsam mehrdeutigen Medienbegriff ergeben. Zugleich liefert diese Arbeit Lösungsansätze, um die Verständigung über das polyseme Phänomen „Medien“ zu erleichtern.

1 Der Medienbegriff – Begriffsgeschichte und Bestandsaufnahme der Konzepte

Unter den Begriff „Medium“ fallen sehr unterschiedliche Dinge wie z.B. Luft, Vermittler zwischen Diesseits und Jenseits oder das Telefon. Dieser erste Teil der Arbeit widmet sich daher der Problematik des diffusen Objektbereichs des Medienbegriffes. Dies soll für die ohnehin diffizile Begriffsgeschichte des zentralen Terminus „Medium / Medien“ sensibilisieren, um im Anschluss daran die Besonderheiten des „Mediums“ Internet[1] zu analysieren, die die Komplexität von den Dingen, die unter „Medien“ verstanden werden können, zusätzlich steigern.

1.1 Zum Nutzen von Begriffen und Definitionen

Die begriffliche Präzisierung eines Zustandes oder Ereignisses ist die notwendige Voraussetzung dafür, ihn oder es beschreiben und erklären zu können. Da Wissenschaften aller couleur nicht mit konkreten Ereignissen, sondern vielmehr mit in Sprache gefasster Realität arbeiten, muss „der gemeinte Sinn“ offenbart werden (Schnell et al. 2011: 46). Anschaulicher formuliert: Stellt die Sprache unser Werkzeug zur alltäglichen Verständigung dar, so muss dieses Werkzeug hin und wieder geschärft werden, um nicht aneinander „vorbeizureden“. Das geschieht über die Definition von denjenigen Begriffen, die nicht logisch, sondern empirisch, also „außerlogisch“ (Prim und Tilman 1975: 40-41) sind. Um einen logischen Begriff handelt es sich z.B. bei „und“ sowie „oder“, bei abstrakten Worthülsen wie „Medium“, „Institution“ oder „Handeln“ hingegen muss dargelegt werden, was im jeweiligen Kontext darunter verstanden werden soll und was nicht; es sind hiernach außerlogische Begriffe.

Die Funktion eines solchen Begriffes, also eines durch Abstraktion gewonnenen gedanklichen Konzeptes, besteht darin, Gegenstände oder Sachverhalte aufgrund bestimmter Eigenschaften und/oder Beziehungen zu klassifizieren (vgl. Bußmann 1990: 128). Begriffe, die durch trennscharfe Definitionen präzisiert wurden, bilden somit die Möglichkeitsbedingung für Theorien, gleich, ob Basistheorien, Supertheorien oder Theorien mittlerer Reichweite (vgl. Weber 2003: 19). Daher gelten sie auch als „die kleinste Einheit der wissenschaftlichen Analyse“ (Neuberger 2007: 33). Um die Güte einer Definition zu bemessen, können drei Kriterien als Maßstab verwendet werden: Präzision, Eindeutigkeit und Zweckmäßigkeit (vgl. Opp 1995: 127-132). Indessen lässt sich mit Neuberger (2007: 33) feststellen, dass sich diese drei Kriterien gegenseitig behindern können: Gängige, also alltagstaugliche Definitionen können in der Theorie gänzlich irrelevant sein, zweckmäßigere Definitionen hingegen schüren oft Missverständnisse. Vor allem dann, wenn sich Vertreter verschiedener Theorieperspektiven oder gar verschiedener Fachrichtungen verständigen wollen oder sollen. Auf eine funktionierende Verständigung sind Fächer wie die auf transdisziplinäre Forschungsarbeit ausgelegte Kommunikationswissenschaft besonders angewiesen. Fruchtbare Forschungsallianzen bestehen beispielsweise mit der geisteswissenschaftlich orientierten Medienwissenschaft, vornehmlich aber auch mit der Psychologie und der Soziologie (vgl. DGPuK 2008). Von grundlegender Bedeutung sind kommunikationswissenschaftliche Grundbegriffe also nicht nur für intradisziplinäre Forschungsambitionen. Sie erweisen sich zudem als Möglichkeitsbedingung für diejenigen Theorie- und Konzept-Importe aus anderen Subsystemen der Wissenschaft, die die Omnipräsenz ihres Untersuchungsgegenstands – mediale Kommunikation – einfordert.

Nachdem hiermit die Notwendigkeit begrifflicher Präzisierungen sowohl in wissenschaftlichen als auch alltäglichen Kommunikationsprozessen erläutert wurde, werden im nächsten Schritt die Hindernisse für die wichtige, doch gleichsam schwierige Aufgabe aufgezeigt, spezifische Begriffsbedeutungen von „Medien“ trennscharf von anderen abzugrenzen.

1.2 Definitionspluralismus des diffusen Begriffes „Medium / Medien“

Warum sollte sich gerade der Medienbegriff gegen eine leistungsfähige Definition sperren, wo er doch „heutzutage in der Alltagssprache und in den Alltagstheorien der Mediengesellschaft gang und gäbe“ (Neverla 2005: 206) ist? Es lässt sich plausibel argumentieren, dass die Mehrdeutigkeit nicht trotz, sondern vielmehr wegen der wachsenden Aufmerksamkeit gegenüber Medien gesteigert wird (vgl. auch Mock 2006: 183):

Aufgrund ihrer wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung wenden sich ihnen alle Kultur- und Sozialwissenschaften zu. Das hat zur Folge, dass sich die Wissenschaften – ausgehend von ihrem eigenen Fachverständnis – aus dem gemeinsamen Objektfeld der Medien ihren eigenen Gegenstand auswählen. Sie modellieren sich damit ihren spezifischen Gegenstand ›Medien‹. (Hickethier 2010: 5).

Eine weder unkritische noch allzu resignative[2] Perspektive hierzu vertritt Neverla. Es möge verwirrend wirken, dass über den Begriff der Medien keine Klarheit besteht, ja, dass er bis heute schillernd geblieben ist. […] Es ist aber auch Merkmal einer pluralistischen Theorienbildung in einem ungesteuerten offenen Wissenschaftssystem, und es ist – nicht zuletzt, wie sich an der jüngsten Entwicklung mit dem ›Medium‹ Internet zeigt – auch unabdingbare Begleiterscheinung eines Gegenstandes, der sich dynamisch entwickelt.“ (Neverla 2005: 208)

Aus eben dieser Perspektive ist die vorliegende Arbeit konzipiert: Weder geht es darum, festzustellen, dass Grundbegriffe der Kommunikationswissenschaft eine große semantische Streubreite aufweisen und dies „eine ärgerliche Tatsache“ (Neuberger 2007: 33) sei. Ebenso wenig soll geklärt werden, wer an der „Intransparenz“ und dem „Black-Box-Charakter“ (Rühl 2006: 355) des Begriffes „Medien“ Schuld ist. Vielmehr geht es darum, erstens für die Polysemie der vielverwendeten Begriffshülse „Medien“ und die damit einhergehende Vielfalt an Bedeutungen, mit denen sie aufgeladen wird, zu sensibilisieren ohne jemanden oder etwas dafür zu kompromittieren. Zweitens soll aufgezeigt werden, dass einst gängige Medienklassifikationen und -definitionen umso unbrauchbarer werden, je gewaltsamer versucht wird, sie dem medialen Handeln im digitalen Zeitalter anzulegen.

Eine häufig zitierte Arbeit, die sich ausschließlich dem zentralen Medienbegriff[3] widmet, stammt von Mock (2006)[4]. In seiner Literaturstudie vergleicht er mehr als 20 Ansätze, Konzeptionen, Klassifikationen und Typologien, die sich explizit auf Medien beziehen bzw. den Begriff reflektieren. Von der Prämisse ausgehend, dass Medien immer auch Elemente von Kommunikation sind, weil sie ihr dienlich oder förderlich sind (vgl. Mock 2006: 188), synthetisiert er vier kommunikationswissenschaftliche Grundverständnisse von Medien: Medien als Mittel der Wahrnehmung, Medien als Mittel der Verständigung und Medien als Mittel der Verbreitung (vgl. Mock 2006: 189-191). Zusätzlich fügt er Medien als Form der Kommunikation hinzu, wobei das Kriterium hierfür nicht Wahrnehmung, Zeichen oder Technik, sondern Institution im soziologischen Verständnis (für den Begriff der Institution vgl. Esser 2000a: 53; Esser 2000b: 6) lautet: Gemeint sind Medienakteure, die im Rahmen von Organisationen Wirklichkeitskonstruktionen verbreiten.

Je nachdem, wie weit der Medienbegriff gefasst wird, können auch andere und vor allem mehr prototypische Bedeutungen gefunden werden (vgl. exemplarisch Hoffmann 2002: 27, der sieben Typen bildet, oder Merten 2007: 145, der ebenfalls eine vierstufige Hierarchie verfechtet). Die Analyse wird dadurch erschwert, dass es sich bei „Medium“ nicht um einen Substanzbegriff[5] – der einen eindeutigen Bezug zu einem Realobjekt hätte – sondern um einen Funktionsbegriff handelt (vgl. Kerlen 2003: 9). „Ein Medium in diesem Sinne ist immer nur ‹Medium› in Bezug auf etwas anderes […].“ (Mock 2006: 189)

Neben den Sprachwandel, der prozesshaft veränderte Verständnisse von Medium/Medien zeitigt[6], treten abstrakte Medienauffassungen. Diese weiten den Objektbereich möglicher gemeinter Dinge bei der Rede von Medien noch weiter aus. Exemplarisch zu nennen sind an dieser Stelle Parsons (1963), der unter Generalized Media abstrakte Tauschmedien, Geld, Macht oder Einfluss versteht oder Luhmann, mit dem sich selbst die Liebe noch als Medium verstehen lassen könne (vgl. Luhmann 2008: 65).

Dem Sammelsurium an Definitionsversuchen entspricht nicht zuletzt auch ein weites Feld an Klassifikationen und Ordnungsversuchen, die den Objektbereich von Medien eingrenzen sollen. Häufig genannt wird bspw. noch immer die vergleichsweise alte Klassifikation in primäre, sekundäre und tertiäre Medien (vgl. Pross: 1970), die sich noch durch „quartäre Medien“ (vgl. Burkart 2002: 38) für Folgeprodukte der Digitalisierung erweitern ließe. Indessen bleibt die Frage offen, wie zielführend es heute sein kann, „veraltete Klassiker“ wiederzubeleben, indem man sie unter großen Anstrengungen aus ihrer ursprünglichen Sprachkrypta befreit und auf neuere Phänomene zu übertragen versucht. So soll in diesem Beitrag auch keineswegs ein Medienbegriff unter vielen plausibilisiert oder erneut fruchtbar gemacht werden. Vielmehr soll mithilfe dieses Kapitels konturiert werden, dass auf intra- und auch interdisziplinärer Ebene bei der wissenschaftlichen Verständigung über Medien Unsicherheit über das Gemeinte besteht, weil unzählige Konzepte miteinander konkurrieren. Und das Restrisiko, bei der Rede über Medien Missverständnissen zu erliegen, wird nicht zuletzt dadurch erhöht, dass es zudem noch ein häufig verwendeter alltagssprachlicher Begriff ist. So schreiben oder sprechen bspw. „die Medien“ vielfach über sich selbst, wofür im angelsächsischen Sprachraum der Term „Meta-Journalism“ verwendet wird. Aber auch Politiker sprechen vielfach über Medien, vornehmlich wenn es um öffentliche Meinung oder den Wahlkampf geht. In dieser Arbeit wird dem von Mock (2006) erarbeiteten Minimalkonsens zugestimmt, dass Medien nur als solche verstanden werden sollen, wenn sie der Kommunikation dienen. Hiermit sollen abstrakte soziologische Medien ausgeschlossen und der Versuchung ein Riegel vorgeschoben werden, alle möglichen Artefakte als Medien zu bezeichnen, die gar nichts mit Kommunikation zu tun haben. Zu solchen Auffassungen führen bspw. die essayistischen Mediendefinitionen von Marshall McLuhan, der sämtliche Apparaturen und Hervorbringungen des Menschen als Medien begreift, sofern sie einer „Körperextension“ dienen – z.B. das Fernrohr als Instrument zur Leistungssteigerung der Augen (vgl. McLuhan 1995: 43).

2 Das Internet und seine Eigenschaftsdimensionen

Im vorangestellten Abschnitt wurde sich ausschließlich dem Medienbegriff im Allgemeinen gewidmet. Wieso aber wurde der ihm doch nah verwandte Begriff der Massenmedien ausgespart? Zuvörderst ließe sich argumentieren, dass sich diese Arbeit doch mit digitalen Medien beschäftige, insbesondere mit der SNS Facebook – also nicht mit Massenmedien. Indessen kann auch eine tragfähigere Begründung geliefert werden, die zugleich als Präludium für dieses Kapitel über digitale Medien dienen soll:

Der Digitalisierung nämlich ist es geschuldet, dass die Begriffe „Massenmedien“ und „Massenkommunikation“ rapide an Trennschärfe verlieren (vgl. Neuberger 2007: 33; Loosen 2005: 117; Weischenberg 1998) – die „broadcasting logic“ (Scolari 2009: 944) scheint überholt. So ließ sich vor einigen Jahren noch interpersonale von Massenkommunikation vergleichsweise unproblematisch unterscheiden: Während das Handy ein Medium zur Individualkommunikation darstellte, galt das Fernsehen als Massenmedium ohne Rückkopplungsmöglichkeiten. Das gleiche galt für synchrone und asynchrone Kommunikationsmedien sowie für Ablauf- und Abrufmedien. Sie alle ließen sich relativ unproblematisch voneinander trennen (vgl. Krotz 2005: 288).

Massenmedien gelten oder vielmehr: galten, wie diese Arbeit noch zeigt, als technische Distributionsmedien, die keine Interaktion zwischen Kommunikator und Rezipient ermöglichen (vgl. Luhmann 1996: 10-11, 33-34). Zugespitzter konnte demnach gar von einem „Interaktionsverbot“ (Görke 2001: 57) die Rede sein. Nach Neverla (2005: 207) gilt Maletzkes Definition von Massenmedien als die „berühmteste“: Massenmedien seien „die technischen Instrumente oder Apparaturen, mit denen Aussagen öffentlich, indirekt und einseitig einem dispersen Publikum vermittelt werden.“ (Maletzke 1963: 76)

Allerdings soll hier nicht im Fokus stehen, ob man Autoren wie Morris und Ogan (1996: 42-43) Recht geben möchte, dass das Internet selbst ein Massenmedium sei, das nur eben nicht ausschließlich Massenkommunikation, sondern „one-to-one asynchrone Kommunikation, many-to-many asynchrone Kommunikation, synchrone Kommunikation in Form von one-to-one, one-to-many sowie die asynchrone selektionsbasierte Kommunikation in den Ausprägungen many-to-one, one-to-one und one-to-many“ ermögliche. Vielmehr geht es darum, aufzuzeigen, welche Besonderheiten das „Medium“ Internet aufweist und inwiefern auch durch konvergenzinduzierte Praktiken (Online-Zeitung, Online-Radio etc.) die Begriffe Massenmedien und Massenkommunikation ihrer Kontur beraubt werden.[7] Auch Neverla (2005: 207) stellt fest, dass der monopolistische Verteilcharakter der klassischen Massenmedien zwar nicht obsolet, aber als dominanter Prototyp in der modernen Gesellschaft überholt sei; insbesondere durch interaktive Medien, so Scolari (2009: 958). Pointierter noch: „Streng genommen, kann nunmehr auch der Begriff der Massenmedien nicht mehr zentraler Bezugspunkt und Basiseinheit des Faches Journalistik und Kommunikationswissenschaft sein.“ (Neverla 2005: 207). Dem stimmt auch Couldry (2009: 438) zu, der eine tiefgehende Revolution der Denkweise fordert, “that challenges the ontology on which the mass communication paradigm was based.”

Wie sich zeigen lässt, befindet sich das Verständnis von öffentlichen und interpersonalen Kommunikationsformen einerseits, andererseits aber auch das Verständnis von denjenigen Medien, die sie ermöglichen, in einem ständig vom Wandel begriffenen Umbruch. Dies bestätigen auch aktuelle Forschungsunternehmungen. Die Wissenschaftler Rice und Fuller (2013: 353-377) zeigen in ihrer Literaturstudie zweierlei, das auch die hier vorliegende Arbeit und ihren Themenbereich legitimiert: Erstens demonstrieren sie, wie breit das Spektrum bereits umgesetzter Forschungsambitionen zum weiten Feld „Internet“ ist und zweitens, dass dabei insbesondere Medieneigenschaften (wie in der vorliegenden Arbeit auch) der intensivsten kritischen Revision unterzogen werden – eben weil die Digitalisierung eine solche Analyse einfordert. Die Autoren haben die Datenbank der International Communication Association (ICA) nach allen internationalen sozialwissenschaftlichen Fachzeitschriftenartikeln durchsucht, die zwischen 2000 und 2009 erschienen sind. Alle Artikel mussten einem qualitätssichernden Peer-review-Verfahren unterzogen worden sein und die Schlagworte „Internet“ oder „World Wide Web“ und „communication“ und „theory“ in Titel oder Abstract enthalten. Insgesamt erhielten sie 315 Artikel aus 46 Zeitschriften, die sie ausgewertet und nach Themenbereichen und Schwerpunkten geordnet haben. Angeführt wurde die Liste der Themenschwerpunkte von Medieneigenschaften, Öffentlichkeit und „Community“, wohingegen Glaubwürdigkeit / Vertrauen und kulturellen Differenzen am wenigsten Beachtung geschenkt wurde (vgl. Rice & Fuller 2013: 370). Wie sich auf den folgenden Seiten zeigen wird, haben die veränderten Medieneigenschaften (Platz 1 der Rangliste Rice und Fullers) direkte Auswirkungen auf die veränderten Konzepte von Öffentlichkeit und Community (Platz 2) – eben weil die Eigenschaftsdimensionen des Internets Kommunikation ermöglichen, die zwischen öffentlicher und privater, also in der Community, oszilliert. Im Folgenden werden in gebotener Kürze Grundannahmen zum Internet dargestellt, um danach die Eigenschaftsdimensionen darzulegen, die das Internet von klassischen Medien trennen.

2.1 Das Internet als Medium erster Ordnung oder Infrastruktur

Das Internet stellt in zweierlei Hinsicht eine Besonderheit im Ensemble der Medien dar: Es ist erstens nicht nur ein Contentmedium, sondern auch eine Verbreitungsplattform der klassischen Medien. Zweitens fungiert das Internet nicht nur als Massenmedium, sondern wesentlich als Medium der interpersonalen Kommunikation. (Breunig et al. 2014: 122)

Diese Aussage – sie mag einen spekulativen Gehalt haben, denn „wesentlich“ erschwert es „wesentlich“, den empirischen Gehalt dieser These zu überprüfen – soll hier als Teaser dienen. Dass das Internet hiernach ein Medium eigener Art ist, weil es v.a. ein vergleichslos kostengünstiger Distributionskanal ist und sowohl Individual- als auch Massenkommunikation ermöglicht, ist vor allem eins: die Konsequenz von etwas. Die Besonderheit des Internets fußt nämlich auf der Tatsache, dass dessen Verwendungsweisen nicht technisch determiniert sind. Schließlich kann das Internet von privaten Nutzern lediglich als Abrufmedium für Suchanfragen dienlich sein oder als massenwirksames Verbreitungsmedium eigens erstellten Inhalts (User-generated Content) verwendet werden, wie der arabische Frühling beweisen konnte.

Daher sprechen viele Autoren auch nicht bloß vom „Medium Internet“, sondern vom Internet als Medium erster Ordnung (vgl. Joerges und Braun 1994: 19; Kubicek 1997: 218-220; Kubicek et al. 1997: 32ff.; Beck 2010), um seinen distributiven Charakter zu betonen. Es fungiere als technische Plattform, „auf der ein – technisch zunehmend auf Web-Interfaces integriertes – Bündel von Medien zweiter Ordnung aufbaut.“ (Beck 2010: 17) Beck verdeutlicht zugleich das technische Potenzial des Internets, das von interpersonaler Kommunikation – dialogischer und polylogischer Natur (vgl. Beck 2010: 33) – bis hinzu öffentlicher Kommunikation reicht: Die individuelle Verwendung gehorcht keinen technischen Vorgaben und ist damit schwerlich antizipierbar, weil der persönliche Nutzenanspruch konstitutiv für das konkrete Handeln im Netz ist.

Einige Autoren, die eine Einteilung in Medien erster und zweiter Ordnung befürworten, sprechen auch mitunter vom Netz als Hybridmedium (vgl. Höflich 2003: 75-76; Loosen 2005: 115; Beck 2010: 15), wobei der Begriff ursprünglich für Bulletin Board Systeme konzipiert war (vgl. Morris und Ogan 1996). Worauf der Begriff „Hybridmedium“ abzielt, macht der erste Teil des Kompositums deutlich: Hybrid, etymologisch vom lateinischen hybrida („Bastard, Mischling“) abgeleitet, attestiert dem Internet „vermischte“ Verwendungsmöglichkeiten. So lassen sich z.B. nach Beck (2010: 21-22) drei Kommunikationsrahmen finden, die das Hybridmedium Internet ermöglicht: Einen Distributionsrahmen, wenn das Internet lediglich als Abrufmedium von Massenkommunikation verwendet wird, zweitens einen Diskursrahmen, wenn neben dem Rezipieren auch selbst Kommunikate erzeugt werden, und drittens einen Rahmen der interpersonellen Kommunikation.

Eine aktuelle Studie Sandvigs (2013) hingegen plädiert dafür, das Internet lediglich als Infrastruktur[8] zu definieren und folgt damit u.a. Burkart (2002: 44) und Kubicek et al. (1997: 32-33): „[It argues, Anm. K. T.] for the study of Internet Infrastructure and also for the value of considering the Internet infrastructurally, as a system foundational to other activities.” (Sandvig 2013: 86) Infrastruktur wird hierbei demnach als basales Element, präziser noch: als Voraussetzung für sekundäres Handeln verstanden.[9] Jener „Schritt zurück“ durch den Fokus auf die technischen Gegebenheiten entspricht auch dem vorher genannten Ansatz, das Internet als Medium erster Ordnung aufzufassen: „Studying the infrastructure […] implies turning away from the symbolic and investigating the structural – this is the Internet not as ‹what people say with it› but as ‹how it works›.“ (Sandvig 2013: 90) In Analogie dazu sehen die User des Internets zwar Nutzeroberflächen der Medien zweiter Ordnung, die sie verwenden – das Medium erster Ordnung hingegen bleibt unsichtbar (Kriterium 1 Sandvigs: invisibility). Für welche Bezeichnung des Internets man sich auch entscheidet – als Medium erster Ordnung oder Infrastruktur – jeweils wird deutlich, dass es die technische Möglichkeitsbedingung für darauf aufbauende Strukturen liefert: Für Blogs oder Nachrichtenseiten für ein disperses Publikum, Gruppenchats, Instant Messaging zur Individualkommunikation u.v.m.

Im folgenden Textabschnitt geht es um die veränderten Annahmen über medial vermittelte Kommunikation, die aus dem Digitalisierungsprozess hervorgehen. Nach Scolari (2009: 957) lauten die „basic features of this transformation” Hypertextualität, Multimedialität und Interaktivität. Neben der Transformation des Prozesses, wie Kommunikation produziert wird, zählen auch Konvergenz und „networking“ zu den Faktoren, die die Komplexität des Medienbegriffs steigern und es nötig machen, die früheren Überlegungen zu (Massen)Medien kritisch zu hinterfragen (vgl. Scolari 2009: 947-956). Es werden ebensolche Faktoren eigenständig aufgeführt und diskutiert, wobei die Grenzen zwischen ihnen mitunter fließend sind – so hängen bspw. das Potenzial eines Mediums und die daraus resultierende Multioptionalität für den Nutzer zwangsläufig zusammen.

[...]


[1] Trotz der Tatsache, dass der Großteil der Autoren von Aufsätzen in Büchern und Fachzeitschriften einen solchen Hinweis scheinbar für unnötig oder spitzfindig hält, erachtet der Urheber dieser Arbeit ihn für angebracht: Unter dem Begriff „Internet“ soll in dieser Arbeit das suchmaschinenbasierte, also das World Wide Web verstanden werden – exklusive des Deep Web resp. Hidden Web.

[2] Eine sehr kritische Perspektive nimmt beispielsweise Merten (2007: 135) ein, der so weit geht, einen „unzulässigen Umgang“ mit diesem Begriff zu postulieren, aus dem die „kommunikationswissenschaftlich mehrdeutige (polyseme) Verwendung“ resultiere.

[3] Für zentrale Termini allgemein und besonders für den Medienbegriff gelte, dass sie eine strittige Extension, unklare Intensionsmerkmale und eine Bedeutungskonstitution nicht allein aus dem Sprachsystem, sondern auch aus dem diskursiven Sinn eine klare evaluative Komponente haben (vgl. Hoffmann 2002: 21).

[4] Arbeiten neueren Datums, die in einer vergleichbaren Ausschließlichkeit den Medienbegriff und dessen Polysemie diskutieren, sind weder in den eher unspezifischen internationalen Fachzeitschriften wie z.B. Journalism and Mass Communication Quaterly oder dem European Journal of Communication, noch in den speziell auf netzbasierte Kommunikation konzentrierten wie New Media & Society oder Journal of Computer-Mediated Communication, geschweige denn in den deutschsprachigen Fachzeitschriften aufzufinden. So wird dieser Aufsatz von Mock trotz seines Erscheinungsjahrs 2006 herangezogen – nicht zuletzt deshalb, weil hier traditionelle Medienklassifikationen präsentiert werden und die Klassifikation des „Mediums“ Internet und des sozialen Mediums Facebook in Kapitel 2 und 3 eigenständig erfolgt.

[5] Substanzbegriffe sind z.B. „Tisch“ oder „Katze“, die unabhängig von einem Bezugsobjekt immer das gleiche bedeuten.

[6] So war es bspw. im 17. Jahrhundert noch üblich, unter „Medium“ ausschließlich naturwissenschaftlich „Vermittler“ als „Träger physikalischer Prozesse“ zu verstehen (Vgl. Kluge 2002: 608), später traten noch okkultistische resp. spiritistische Medien als mögliches Gemeintes hinzu, geeignete Versuchspersonen in Experimenten etc. pp.

[7] Die technische Konvergenz sorgt dafür, dass sich die Grenzen zwischen den Einzelmedien systematisch auflösen, z.B. zwischen Rundfunk und Internet (Vgl. Breunig 2007; 2008). Ferner lässt sich zeigen, dass auch die Nutzung traditioneller Massenmedien (z.B. Fernsehen) aus ihrer Ausschließlichkeit gelöst wird. So zeigen neueste empirische Studien, dass Anschlusskommunikation oder Diskussionen während der Rezeption immer stärker zunehmen, v.a. durch mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets (Phänomen „Second Screen“) (Vgl. Gleich 2014a) und dadurch die Aufmerksamkeit verringert wird (vgl. Cauwenberge et al. 2014: 100-109).

[8] Für die “attributes of infrastructure” vergleicht Sandvig (2013: 96-98) in seiner Meta-Studie eine Vielzahl an Aufsätzen wissenschaftlicher Fachzeitschriften und kategorisiert sie in die fünf Dimensionen „invisibility, dependence on human practices, modularity, standardization, and momentum“.

[9] Eine nicht minder plausible Negativdefinition liefert Edwards (2003: 187): „[…]perhaps ‹infrastructure› is best defined negatively, as those systems without which contemporary societies cannot function.”

Details

Seiten
46
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668411050
ISBN (Buch)
9783668411067
Dateigröße
869 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355065
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Kommunikationswissenschaft
Note
1,1
Schlagworte
Medien Social Media Medienbegriff Massenkommunikation

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