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Die "force de frappe". Außenpolitisches Instrument, Ausdruck der Macht und Faktor der Entwicklung Frankreichs

Facharbeit (Schule) 2016 21 Seiten

Französisch - Landeskunde

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Frankreich, die Prinzessin des Märchens“ - Annäherung an de Gaulles außenpolitische Überzeugungen und Zielsetzung der Seminararbeit

2. Analyse - „ Die ,force de frappe ’ - außenpolitisches Instrument, Ausdruck der Macht und Faktor der Entwicklung Frankreichs
2.1. Begriffsklärung - „force de frappe“
2.2. Außenpolitisches Instrument
2.2.1. Verteidigung und Abschreckung
2.2.2. „Grandeur“ und Unabhängigkeit
2.2.3. Schutz durch Andeutungen
2.2.4. US-amerikanische Unterstützung durch „trigger“-Funktion
2.3. Ausdruck der Macht
2.3.1. Begriffsklärung - „Soft Power“, „Hard Power“, Smart Power“
2.3.2. Nachweis verschiedener Spielarten der Macht am Aufbau und der Existenz der „force de frappe“
2.3.2.1. Nachweis von Merkmalen der Soft Power
2.3.2.2. Nachweis von Merkmalen der Hard Power
2.3.2.3. Die „force de frappe“ als Vertreter einer Smart Power-Strategie
2.4. Faktor der Entwicklung Frankreichs

3. Zusammenfassung der Ergebnisse und Ausblick auf die Zukunft der „force de frappe“

4. Quellenverzeichnis
4.1. Literatur
4.2 Internet

1. „FRANKREICH, DIE PRINZESSIN DES MÄRCHENS“ - ANNÄHERUNG AN DE GAULLES AUSSENPOLITISCHE ÜBERZEUGUNGEN UND ZIELSETZUNG DER SEMINARARBEIT

„ Zeit meines Lebens begleitet mich eine bestimmte Vorstellung vom Wesen Frankreichs. Das Gefühl hat sie mir ebenso eingegeben wie der Verstand. Was in mir an Gemütskräften lebendig ist, sieht Frankreich wie die Prinzessin des Märchens oder die Madonna an der Kirchenwand “ 1 Oft genug liegt der Fokus politischer Diskussionen auf der Frage, welche Ziele internationale Staatenlenker verfolgen und mit welchen Mitteln sie diese zu erreichen gedenken, insbesondere auch deshalb, weil viele historische Begebenheiten und Entscheidungen den weiteren Verlauf der Geschichte und spätere Generationen maßgeblich beeinflusst haben. Welche außenpolitische Konzeption Charles de Gaulles obiger pittoresker Vergleich vor dem Hintergrund des Aufbaus der „force de frappe“ beschreibt, also, welche außenpolitische Funktion sie darstellt, sowie die dabei von ihm angewandten Spielarten der Macht und die Auswirkungen dieses Ereignisses auf die Entwicklung Frankreich, soll diese Seminararbeit analysieren. Hierbei liegt das Augenmerk darauf, zu untersuchen, welche Eckpfeiler der gaullistischen außenpolitischen Sichtweise der Aufbau und die Existenz der „force de frappe“ repräsentieren. Bei zweitgenanntem Aspekt, der Analyse der von de Gaulle angewandten Formen der Macht, soll eine Einordnung in das von Prof. Dr. Joseph S. Nye Jr. entwickelte „Hard- Soft-Smart-Power-Gefüge“ Anwendung finden, indem typische Kennzeichen der beiden erstgenannten Arten der Macht innerhalb der gaullistischen außenpolitischen Führung Frankreichs nachgewiesen werden und die letztliche Art der Umsetzung von Zielen de Gaulles bezüglich weltpolitischen Angelegenheiten einer Machtform zugeordnet wird. Schlussendlich setzt sich diese Seminararbeit zum Ziel, Antworten auf die Frage zu finden, inwiefern der Aufbau der „force de frappe“ Frankreich verändert und bis heute geprägt hat.

2. ANALYSE - „DIE ,FORCE DE FRAPPE’ - AUSSENPOLITISCHES INSTRUMENT, AUSDRUCK DER MACHT UND FAKTOR DER ENTWICKLUNG FRANKREICHS“

2.1. BEGRIFFSKLÄRUNG - „FORCE DE FRAPPE“

Catrin Dams schreibt in ihrer Vorbemerkung zur „Entwicklung der Force de Frappe“, wörtlich übersetzt bedeute „force de frappe“ Schlagkraft und werde als Symbol für die Doktrin der nuklearen Militärstrategie Frankreichs unter der Präsidentschaft Charles de Gaulles angesehen, die zur damaligen Zeit von drei verschiedenen Komponenten geprägt gewesen sei: die „forces aériennes stratégiques“ (luftgestützte Streitkräfte), die „force océanique stratégique“ (seegestützte Streitkräfte), als auch landgestützte Streitkräfte.2

2.2. AUSSENPOLITISCHES INSTRUMENT

2.2.1. VERTEIDIGUNG UND ABSCHRECKUNG

„ Wenn Rußland uns angreift, sind wir Ihre Verbündeten und Sie die unsern.

Aber in diesem wie in jedem anderen Konfliktfall wollen wir unser Schicksal, das vor allem davon abhängt, ob wir atomaren Geschossen zum Opfer fallen oder nicht, in der eigenen Hand halten. Folglich brauchen wir etwas, das jeden denkbaren Angreifer davor zurückschrecken l äß t, den Schlag gegen uns auf unserem Boden zu führen, und das setzt voraus, daßer weiß, daßwir das auch tun werden, ohne irgendeine Genehmigung von außen abzuwarten. In einem Kampf zwischen West und Ost habt Ihr Amerikaner zweifellos die Mittel, den Gegner auf seinem Territorium zu vernichten. Aber er besitzt seinerseits das N ö tige, um euch auf eurem Territorium in Stücke zu fetzen. Wie sollen wir Franzosen nun die Gewißheit haben, daßSie sich [ … ] in eine Situation begeben, wo der Tod auf Sie herniedergeht, selbst wenn Sie mit dem letzten Atemzug noch die Hoffnung verbinden k ö nnen, das[s] russische Volk werde zur gleichen Zeit seine Seele aushauchen? Der Umkehrschlußtrifftübrigens ebenfalls zu, so daßdie Abschreckung für Rußland wie für Amerika wirklich existiert. Aber sie existiert nicht für die jeweiligen Verbündeten. Was hinderte denn die beiden daran, das zu zermalmen, was zwischen ihren Lebensnerven liegt, das heißt im Wesentlichen das europäische Schlachtfeld? [ … ] Zu allemübrigen wäre in einem solchen Fall aus vielen geographischen, politischen und strategischen Gründen gerade Frankreich in erster Linie zum Sterben verurteilt, wie zwei Weltkriege bereits zur Genüge bewiesen haben. Also besteht es darauf, sich eine Ü berlebenschance zu erhalten, wie immer die Gefahr geartet sein m ö ge und woher sie auch komme “ 3

Bei der Analyse dieses Briefs lassen sich einige verteidigungspolitische Grundlagen erkennen, die das Konzept der Außenpolitik de Gaulles prägen: Der Präsident verdeutlicht Dwight D. Eisenhower seine Sorge, die geografische Lage Frankreichs könnte seinem Land zum Verhängnis werden, da es sich zwischen den beiden konkurrierenden Supermächten USA und UdSSR befinde und somit im Falle eines atomaren Kriegs direkt in einer durch das Wettrüsten mit interkontinentalen Nukleargeschossen konstruierten Gefahrenzone läge. De Gaulle spricht hier explizit von einem „ europäischen Schlachtfeld “, das die „ Lebensnerven “ der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion trenne. Diese dramatisch-metaphorische Rhetorik wird durch die Verwendung des Verbs „ zermalmen “ unterstützt, welches in diesem Zusammenhang dem Bild der Ost-West-Spannungen einen für nicht direkt beteiligte Staaten durchaus brutalen Charakter verleiht. In Folge der für de Gaulle evidenten Gefährdung durch „ geografische, politische und strategische Gründe “ definiert er die Eröffnung von Möglichkeiten zur nationalen Verteidigung, um „ sich eine Ü berlebenschance zu erhalten “, als logische Pflicht. Er nennt in diesem Brief nicht direkt die Atomkraft als Mittel der Wahl, doch schließt seine hypothetische Konstruktion von nuklearen Angriffen dies mitnichten aus. Auf diesen Brief folgt die Entstehung der „force de frappe“, deren Grundlage die folgende gaullistische Annahme, die unter dem Begriff der „stratégie du faible au fort“4 zusammengefasst wird, war:

„ Dans dix ans, nous aurons de quoi tuer 80 millions de Russes. Eh bien je crois qu'on n'attaque pas volontiers des gens qui ont de quoi tuer 80 millions de Russes, même si on a soi-même de quoi tuer 800 millions de Fran ç ais, à supposer qu'il y eût 800 millions de Fran ç ais “ 5

De Gaulle geht somit davon aus, dass auch ein unter dem Aspekt der Schlagkraft theoretisch stärkerer Gegner atomare Angriffe unterlassen würde, sofern er mehr zu verlieren hätte.6 Infolgedessen wird die „force de frappe“ zuweilen auch „force de dissuasion“7 (Abschreckungskraft) genannt.

Zwischenfazit: De Gaulle sieht Frankreich zwischen den Fronten der nuklearen Supermächte USA und UdSSR und zieht die logische Konsequenz, Mittel zur nationalen Verteidigung zu schaffen, um jedwede Gefahr, die Frankreich bedrohen könnte, abzuwehren und will mit dieser sogenannten „force de frappe“ jene Verteidigung unabhängig von militärischen Akten auch durch Abschreckungskraft erreichen.

Schlüsselelemente: Verteidigung und Abschreckung

2.2.2. „GRANDEUR“ UND UNABHÄNGIGKEIT

Am 15. Februar 1963 hielt Charles de Gaulle an der Ecole militaire folgende außenund verteidigungspolitische Rede:

„ [ … ] A présent, la réalisation des armements nucléaires vient à son tour apporter un bouleversement complet dans ce qui est la sécuritéet, par conséquent, dans ce qui est la politique des É tats, et cela dès le temps de paix. A plus forte raison serait-ce le cas en temps de guerre. L'imagination elle-même ne parvient pas à embrasser quelles seraient les conséquences de l'emploi des armes nucléaires, sinon pour savoir que, de toutes les fa ç ons, cet emploi entra î nerait une subversion totale dans la sociétédes hommes. Nous savons tous que les capacités intrinsèques des armes atomiques sont telles, en effet, que le peuple qui en sera victime, même s'il ne s'agit que d'un emploi restreint, subira, sinon la mort, tout au moins un drame inou ï , même si ce peuple-l à , en même temps qu'il recevra les bombes, parvenait à anéantir l'adversaire qui les lui aurait lancées. Dans ces conditions, il estévident que, pour un pays, il n'y a pas d'indépendance imaginable s'il ne dispose pas d'un armement nucléaire, parce que, s'il n'en a pas, il est forcéde s'en remettre à un autre, qui en a, de sa sécuritéet, par conséquent, de sa politique. [ … ]

Pour la France, à qui sa situation géographique, sa raison d'être historique et sa nature politique interdisent la neutralité, pour la France qui, d'autre part, n'entend pas remettre son destin en propre à unétranger, si amical qu'il puisseêtre, il est absolument nécessaire qu'elle ait de quoi agir dans la guerre, autrement dit un armement atomique. [ … ] “ 8

De Gaulle spricht die letale Kraft atomarer Waffen an, nennt ihre enormen Auswirkungen, die die „ Umstülpung von ganzen Gesellschaften “ und den „ Tod von V ö lkern “ bedeuten können. Diesen Ausführungen lässt der Präsident seine Auffassung folgen, Frankreich könne „ sein Schicksal nicht in die Hände eines anderen “ legen und müsse „ im Krieg handlungsfähig sein “, was zur logischen Folge den Aufbau einer nationalen Atomkraft habe. Diese von ihm angesprochenen Punkte ließen sich ebenfalls dem Element der oben genannten Verteidigungspflicht zuordnen, doch nennt Charles de Gaulle überdies auch das Argument, es sei einem Land nicht möglich, ohne nukleare Streitkräfte die eigene Unabhängigkeit zu bewahren. Mangele es an Autarkie, so de Gaulle, sei es unumgänglich, „ seine Sicherheit und folglich seine Politik in die Hände eines anderen zu geben “, was er im weiteren Verlauf der Rede, wie bereits angesprochen, ablehnt. Infolgedessen lässt sich an dieser Rede ein weiterer Kerngedanke gaullistischer Vorstellungen bezüglich der französischen Außenpolitik erkennen: Unabhängigkeit

Oftmals wird ebenjener Begriff der Unabhängigkeit mit dem Terminus „grandeur“ in Verbindung gebracht, Catrin Dams spricht in diesem Zusammenhang auch von „ grandeur et indépendance “ 9 . De Gaulle selbst meint in „Mémoires de guerre“: „ Bref, à mon sens, la France ne peutêtre la France sans la grandeur “ 10, was Dams wiederum in einen Kausalzusammenhang mit der Notwendigkeit des Verfügens über eigene Nuklearwaffen bringt. Frankreich sei laut ihr Ende der 1950er und Beginn der 1960er in eine „ Unterrangigkeit “ bezüglich der weltpolitischen Rolle geraten, die General de Gaulle mithilfe einer eigenen Atomstreitmacht zu überwinden gedachte.11

Tony McNeill von der Universität Sunderland fasst den Gedanken wie folgt zusammen: „ De Gaulle had a vision of a Europe that would rival the great superpowers - une troisième suerpuissance “ . 12 Die gaullistische Annahme war an dieser Stelle, Frankreich solle die führende Rolle innerhalb jenes Europas einnehmen.13 US-Präsident John F. Kennedy und der britische Premierminister Harold Macmillan kreierten die Idee einer „ Vierte[n] Atommacht NATO “ 14 unter dem Namen MLF, die de Gaulle allerdings als „ nuclear farce “ 15 bezeichnete, da er „ befürchtete, dass die bereits existierende Dominanz der beiden Nuklearstaaten [USA und Großbritannien] auch in der MLF zu tragen kommen würde und Frankreich [ … ] eine weniger bedeutende Rolle tragen würde[n] “ 16 . Als Teil der Strategie „grand design“ John F. Kennedys sollte die MLF „ den europäischen Atlantikmitgliedern das Gefühl der atomaren Teilhabe verschaffen, ohne dass die Amerikaner bereit waren [ … ], ihre atomare Verantwortung zu teilen “ 17 . Insofern entspricht die Idee einer „Vierten Atommacht NATO“ der Überzeugung de Gaulles, es bedürfe einer „troisième superpuissance“ neben den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, jedoch widerspricht die Dominanz der USA, die im Übrigen durch einen amerikanischen Oberkommandierenden weiter gestärkt worden wäre18, diametral der gaullistischen Vorstellung, Frankreich solle jene führende Rolle übernehmen. Folglich zeigt der unabhängige Aufbau der „force de frappe“ den Anspruch des französischen Staatspräsidenten, die Außenpolitik nach der Idee der „ grandeur fran ç aise “ 19 zu gestalten.

[...]


1 Woyke 2010, S. 40.

2 vgl. Dams 2005, S. 5.

3 Woyke 2010, S. 46.

4 ebd.

5 Jourdier 2015.

6 vgl. Patterson 1966, S. 30.

7 Woyke 2010, S. 45.

8 O.A. O.J.(a).

9 Dams 2005, S. 20.

10 O.A. O.J.(b).

11 vgl. Dams 2005, S. 21.

12 Dams 2005, S. 21.

13 vgl. Dams 2005, S. 21.

14 Woyke 2010, S. 48.

15 Dams 2005, S. 21.

16 Dams 2005, S. 21.

17 Woyke 2010, S. 48.

18 ebd.

19 Woyke 2010, S. 42.

Details

Seiten
21
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668411173
ISBN (Buch)
9783668411180
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v355040
Note
1,00
Schlagworte
außenpolitisches instrument ausdruck macht faktor entwicklung frankreichs

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Titel: Die "force de frappe". Außenpolitisches Instrument, Ausdruck der Macht und Faktor der Entwicklung Frankreichs