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Gefährdete Jugendliche? Zur Bedeutung des Drogenkonsums in der Jugend

Hausarbeit 2016 20 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Belastungen und Risiken in der Jugend
2.1 Jugend als Bewältigungsphase im Lebenslauf
2.2 Bewältigungsherausforderungen der Postmoderne
2.3 Gefährdete Jugendliche?

3 Drogenkonsum in der Jugend
3.1 Die Entwicklungsfunktionalität des Drogenkonsums
3.2 Die Suche nach Identität
3.3 Drogenkonsum als problematische Bewältigungsstrategie

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Jugendliche werden in unterschiedlichen gesellschaftliche, politischen und pädagogi- schen Diskursen in Verbindung mit verschiedenen Risiken gebracht. Insbesondere das Thema Jugend und Drogen „eröffnet wie kein anderes die Möglichkeit, einer von einem breiten Konsens getragenen Dauerproblematisierung und sozialen Distanzierung von Jugendlichen“ (Anhorn 2002, S.13). Die thematische Kombination aus Jugend und Dro- gen stellt allerdings eine historisch relativ junge Erscheinung dar, die erst Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre im Zusammenspiel von Medien, Politik und Wissen- schaft im öffentlichen Bewusstsein etabliert und seitdem zu einem festen Bestandteil der wiederkehrenden Jugenddiskurse geworden ist. (vgl. Anhorn 2002, S.13) Obwohl der problemorientierte Blick auf Drogengebrauch in der Lebensphase Jugend domi- niert, wird in wissenschaftlichen Betrachtungen zunehmend auch die Funktionalität des Risikoverhaltens in den Vordergrund gestellt. Besonders im Hinblick auf erhöhte Entwicklungsanforderungen in der postmodernen Gesellschaft scheint dem Gebrauch von Drogen eine entscheidende Rolle zuzukommen. (vgl. Litau 2011, S. 10) In dieser Hausarbeit geht es daher um die Frage, warum Jugendliche Drogen konsumieren, bzw. welche Bedeutung der Drogengebrauch - unter Berücksichtigung des gesamtgesell- schaftlichen Kontexts - in der Jugend hat?

Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig zunächst etwas auszuholen. Daher wird im folgenden Kapitel zunächst die Lebensphase Jugend skizziert und versucht zu verdeutlichen, warum gerade dieser Lebensabschnitt durch besondere Bewältigungs- anforderungen gekennzeichnet ist. Dieser Aspekt erscheint insbesondere für die Beur- teilung des Drogenkonsums in der Jugend eine entscheidende Rolle zu spielen. Da sich das Entwicklungsaufgabenkonzept und die Identitätsbildung nur im Kontext gesell- schaftlicher Rahmenbedingungen verstehen lassen, werden außerdem wichtige gesell- schaftliche Kontextbedingungen, die das Verhalten Jugendlicher beeinflussen geklärt. Insbesondere gesellschaftliche Modernisierungsprozesse haben großen Einfluss auf die Bewältigung der Entwicklungsanforderungen und stellen ein erhöhtes psychosoziale Belastungsrisiko für Jugendliche dar und sollten daher keinesfalls in den Betrachtungen ausgelassen werden. (vgl. Raithel 2011, S.84) Jugendliche werden in Folge gesellschaft- licher Wandlungsprozesse mit einer Reihe von Herausforderungen und Ambivalenzen konfrontiert. Ferner stellt sich die Frage, ob Jugendliche diesbezüglich eine besonders gefährdete Gruppe darstellen? Im Mittelpunkt steht vor allem die gesellschaftliche Dar- stellung von Jugend und inwieweit eine negative Dauerthematisierung von Jugend und Drogen, Jugend als Gefährdung und Gefährlichkeit berechtigt ist und welchen Einfluss gesellschaftlichen Erwartungshaltungen auf jugendliches Risikoverhalten haben?

Darauf aufbauend widmet sich Kapitel drei speziell dem Drogengebrauch von Jugendlichen als Form von Risikoverhalten und Mittel zur Bewältigung jugendspezifischer Entwicklungsanforderungen. Theoretische Grundlage bildet hierfür das Konzept der altersspezifischen Entwicklungsaufgaben. Erörtert wird insbesondere welche Funktionen der Gebrauch bei der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben erfüllt? Welche Rolle er bei den Prozessen der Identitätsbildung im Jugendalter spielt? Und inwieweit diese Form von Risikoverhalten als problematisch zu betrachten ist?

Unter Drogen werden im folgenden alle Substanzen subsumiert, „die über das Zentral- nervensystem die subjektive Befindlichkeit eines Konsumenten direkt oder indirekt be- einflussen. Die Genussmittel Alkohol und Tabak zählen hierzu ebenso wie die illegalen Drogen Haschisch, Halluzinogene, Amphetamine, Opiate und Kokain.“ (Krüger/Grunert 2002, S.882)

2 Belastungen und Risiken in der Jugend

Jugendliches Risikoverhalten, die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben und Identi- tätsbildung lassen sich nur im Kontext gesamtgesellschaftlicher Rahmenbedingungen und ihrer Wandlungsprozesse verstehen. Wie und warum Jugendliche subjektive Risi- ken eingehen und Drogen konsumieren bedarf daher der Klärung einiger wichtiger ge- sellschaftlicher Kontextbedingungen, die das Verhalten Jugendlicher beeinflussen. (vgl. Litau 2011, S.15) In Kapitel 2 wird daher der Versuch unternommen Antworten auf die folgenden Fragen zu geben: Was kennzeichnet die Lebensphase Jugend? Mit welchen Herausforderungen und Ambivalenzen werden Jugendliche in der Postmoderne kon- frontiert? Stellen Jugendliche in diesem Zusammenhang eine besonders gefährdete Gruppe dar? Wie wird Jugend in der Gesellschaft dargestellt? Ist eine negative Dauert- hematisierung von Jugend und Drogen, Jugend als Defizit, als Gefährdung und Gefähr- lichkeit berechtigt und inwieweit beeinflusst die gesellschaftliche Vorstellung von Ju- gend jugendliches Verhalten?

2.1 Jugend als Bewältigungsphase im Lebenslauf

„Jugend ist als eine Lebensphase zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter zu begreifen“ (Litau 2011, S.21), die durch zahlreiche erhebliche Veränderungen in der psychosozialen Entwicklung gekennzeichnet ist. Jugendliche durchleben in dieser Le- bensspanne körperliche, geistige, emotionale und soziale Entwicklungen und Verände- rungen, die sie bewältigen müssen. Die Entwicklungsaufgabe dieses Lebensalters kann als Doppelaufgabe der Individuation und der Integration in die Gesellschaft beschrie- ben werden, in deren Mittelpunkt die Identitätsfindung steht. (vgl. Loviscach 1996, S.44) Obwohl sich Persönlichkeits- und Gesellschaftsentwicklungen über die gesamte Lebensspanne hinweg in wechselseitiger Abhängigkeit befinden, erfolgen die Prozesse der produktiven Auseinandersetzung mit der körperlichen und seelischen Innenwelt und der sozialen und gegenständlichen Außenwelt in der Jugendphase in einer beson- ders intensiven Form. (vgl. Hurrelmann/Quenzel 2012, S. 5) Die demografische Ent- wicklung, sowie kulturelle, ökonomische und soziale Veränderungen der Strukturierung des menschlichen Lebenslaufs haben zur Folge, dass es zu einer ständigen Ausdehnung der Lebensphase Jugend gekommen ist. (vgl. Hurrelmann 2005, S.13) „Damit stellt Ju- gend keine standardisierte Statuspassage mehr dar […], sondern zerfällt als Lebenspha- se in plurale Verlaufsformen mit unterschiedlichen Zeitstrukturen, womit sie nicht nur länger, sondern in ihrer subjektiven Bewältigung […] auch viel komplexer wird“ (Litau 2011, S.24). Dementsprechend gestaltet sich eine zeitliche Einteilung eher schwierig. Wenn allerdings Zeitnormen gegeben werden müssen, eignet sich folgende Untertei- lung:

- Frühe Jugendphase: die 12- bis 17-jährigen, wobei sich das Eintrittsalter in den letzten Generationen immer weiter nach vorne verlagert
- Mittlere Jugendphase: die 18- bis 21-jährigen
- Spätere Jugendphase: die 22- bis 27-jährigen in der Übergangszeit zur Erwach- senenrolle, wobei sich die Tendenz des Austrittsalter aus der Lebensphase im- mer weiter nach hinten verschiebt. (vgl. Hurrelmann/Quenzel 2012, S.45)

Gleichzeitig muss hervorgehoben werden, „dass aufgrund der Vielschichtigkeit der Ju- gend, also einer Ausdifferenzierung in Cliquen, Szenen und Lebensstilen, von ,Jugend- enʻ im Plural auszugehen ist“ (Litau 2011, S.22) und Jugendliche demnach keinesfalls eine homogene Gruppe darstellen.

Grundsätzlich muss allerdings zwischen Jugend als „psycho-physisches Entwicklungs- statdium“ und Jugend als „gesellschaftlich eingerichtete Lebensphase“ unterschieden werden (Böhnisch 2002, S.107). Denn Jugend als gesellschaftlich eingerichtete und ei- genständige Lebensphase, so wie wir sie heute kennen, ist ein Konstrukt der Gesell- schaft, dass erst im Kontext der industriellen Moderne entstanden ist. (vgl. Litau 2011, S.23) Aufgrund immer komplexer werdender beruflicher Tätigkeiten wurde die Lebens- phase zum Zwecke des Lernens und der Qualifikation eingerichtet. (vgl. Böhnisch 2002, S.107) Das heißt, dass „Jugend eine gesellschaftlich institutionalisierte und intern diffe- renzierte Lebensphase darstellt, deren Abgrenzung und Ausdehnung sowie deren Ver- lauf und Ausprägung wesentlich durch soziale (sozialstrukturelle, ökonomische, politi- sche, kulturelle, rechtliche, institutionelle) Bedingungen und Einflüsse bestimmt ist“ (Scherr 2009, S.24).

Jugendliche müssen die Lebensphase Jugend demnach doppelt bewältigen: Einmal hinsichtlich der Veränderungen der körperlichen und seelischen Innenwelt, zum anderen hinsichtlich der gesellschaftlichen Erwartungen an Jugend. Problematisch wird diese Bewältigung vor allem dann, wenn die gesellschaftliche Konstruktion von Jugend u.a. aufgrund gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse nicht mehr funktioniert. Die Kenntnis dieser Bewältigungsproblematik spielt auch für die Einschätzung des jugendlichen Drogenkonsums eine wichtige Rolle. (vgl. Böhnisch 2002, S.108)

Welche Herausforderungen sich in Bezug auf die Bewältigung von Entwicklungsaufga- ben, aus den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen der Postmoderne und dem gesell- schaftlichen Bild von Jugend ergeben wird nachfolgend skizziert.

2.2 Bewältigungsherausforderungen der Postmoderne

Entwicklungsprobleme im Jugendalter sind eng mit der erfolgreichen Bewältigung der Entwicklungsaufgaben verbunden. Diese spiegeln wiederum die sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen wider. (vgl. Hurrelmann 2005, S.184)

„Die mit den gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen verbundene sich rapid ver- ändernde Lebenssituation […] stellt aufgrund einhergehender Unsicherheiten ein ho- hes psychosoziales Belastungspotenzial dar, [...]“ (vgl. Raithel 2011, S.84).Hierbei besit- zen insbesondere die Prozesse der Individualisierung und Pluralisierung, eine zentrale Erklärungsfunktion, mit dessen Hilfe Strukturveränderungen und Wandlungen im sub- jektiven Lebens- und Erfahrungsbereich erläutert werden können. (vgl. Raithel 2011, S. 84f) Die Individualisierung umfasst die Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozi- alformen und -bindungen, der Verlust von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen und eine neue Art der sozialen Ein- bindung. (vgl. Litau 2011, S. 16f.)

Grundsätzlich ergibt sich aus den gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen eine ambivalente Lebenssituation für Jugendliche, die sich durch den Zuwachs vermehrter Handlungsmöglichkeiten auf der einen Seite und den gleichzeitig einsetzenden Gefähr- dungslagen und Risiken auf der anderen Seite kennzeichnet. Die Risiken resultieren aus dem Zwang zur Bewältigung immer komplexerer Lebensaufgaben ohne den Rückhalt stabiler Basissicherheiten. (vgl. Heitmeyer 1995, S.50) Die grundlegenden gesellschaftli- chen Veränderungen wie die radikale Enttraditionalisierung, sowie der Verlust von ak- zeptierten Lebenskonzepten und übernehmbaren Identitätsmustern haben somit sehr großen Einfluss auf die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben in der Jugend. Zwar ha- ben die Chancen der Lebensplanung und die Vielfalt der Optionen deutlich zugenom- men, gleichzeitig führt dies jedoch auch dazu, dass die Berechenbarkeit der Lebenswe- ge stark abnimmt.

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668410480
ISBN (Buch)
9783668410497
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354915
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,7
Schlagworte
gefährdete jugendliche bedeutung drogenkonsums jugend

Autor

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