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Gender und Geschlechterrollen in der Schule. Konsequenzen für die pädagogische Praxis

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die soziale Konstruktion von Geschlecht

3 Gender und Schule
3.2 „Die geschlechtsneutrale Schule“
3.2 Wie Lehrkräfte Geschlecht (mit)machen

4 Konsequenzen für die pädagogische Praxis
4.1 Dramatisierung vs. Entdramatisierung von Geschlecht
4.2 Koedukation heute - Bilanz und Chance

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Thema Gender und Schule wird zunehmend wieder sowohl öffentlich, als auch fachwissenschaftlich diskutiert. Während in den 1980er Jahren vor allem der Fokus auf der Benachteiligung von Mädchen im koedukativen Setting stand, geht es gegenwärtig eher um die Frage, ob die Schule nicht vielmehr die Jungen benachteiligt, (vgl. Jösting/Seemann 2006, S.19) Fakt ist, dass Mädchen zwar die größeren schulischen Er­folge aufweisen, sie aber trotzdem weniger Selbstbewusstsein als Jungen entwickeln und ihren beruflichen Werdegang mehrheitlich an der Vereinbarkeit von Beruf und Fa­milie orientieren, (vgl. Hoeltje/Liebsch/Sommerkorn 1995 S. 58)

Demnach scheint die Institution Schule bis heute zur Verfestigung traditioneller Ge­schlechterrollen beizutragen. Angesichts der empirischen Befunde stellt sich somit auch die Frage, ob die bisher getroffenen geschlechtsbezogenen Maßnahmen in der Schule Geschlechterungleichheiten entgegenwirken oder ganz im Gegenteil diese sogar verstär­ken. Es handelt sich dabei meist um geschlechtergetrennte Angebote oder geschlechter­getrennten Unterricht z.B. im naturwissenschaftlichen Bereich. Diese ziehen ihre Be­gründung in der Regel im Bezug auf Geschlecht und unterstellen damit erst grundlegen­de Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen, (vgl. Ehlert/Funk/Stecklina 2011, S.353) Aus diesem Grund wird gegenwärtig überlegt, wie der gemeinsame Unterricht in der Schule so gestaltet werden kann, dass Jungen und Mädchen sich individuell am bes­ten entfalten können, (vgl. Rendtorff 2011, S. 113f.)

Im Rahmen dieses Diskurses stellen sich also nach wie vor viele Fragen, welche u.a. auch verdeutlichen, wie komplex die Thematik ist und wie tief verankert Geschlechters­tereotype in unserer Gesellschaft sind. Angesichts der Tatsache, dass Jungen und Mäd­chen einen großen Teil ihrer Kinder- und Jugendzeit in der Institution Schule verbrin­gen, stellt die Schule unvermeidlich eine äußerst einflussreiche Instanz im Bezug auf „gender“ dar. Offenbar trägt sie zur Herausbildung und Reproduktion des sozialen Ge­schlechts bei. Zum einen scheint es bisher nicht zu gelingen, den unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen von Jungen und Mädchen bei Fächer-, Berufs- und Studienwahl entgegen zu wirken. Zum anderen zeigen empirische Untersuchungen, dass das Selbst­vertrauen und das Selbstwertgefühl bei jungen Frauen bis heute deutlich niedriger ist als bei jungen Männern, (vgl. Horstkemper/Kraul 1999, S.124) Veränderungen der tradi­tionellen Geschlechterrollen, die die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten innerhalb der Schule und unserer Gesellschaft einschränken, sind demzufolge nur sehr schwer zu erreichen, (vgl. Jösting/Seemann 2006, S.9)

In dieser Hausarbeit geht es daher um die Frage, wie die Institution Schule und die Lehrkräfte zur Reproduktion und Verfestigung von Geschlechterstereotypen beitragen und welche Konsequenzen sich daraus für die pädagogische Praxis ziehen lassen.

Um eine Antwort auf diese Frage zu geben, ist es notwendig etwas auszuholen, denn ohne die Theorie kann die Praxis nicht verstanden werden. Im folgenden Abschnitt wird daher zunächst der theoretische Ansatz erörtert, in der Geschlecht als soziale Konstruk­tion verstanden wird, die in Interaktionen ständig produziert wird. (vgl. Jösting/See­mann 2006, S.45) Im dritten Kapitel werden diese Überlegungen auf die Institution Schule übertragen. Der Fokus liegt darauf, die Bedingungen zu erkunden, die zu einer solchen Verfestigung von Geschlechterstereotypen führen. Hier werden insbesondere die Schulstruktur und Interaktionen näher betrachtet, die zur Reproduktion traditioneller Geschlechterrollen beitragen. Wie entstehen Stereotype in einer vermeintlich ge­schlechtsneutralen Schule? Wie tragen Erwartungshaltung der Lehrerinnen, Selbstbild der Schülerinnen und die Struktur der Institution Schule zur Verfestigung von Ge­schlechterstereotypen bei? Und wie schlagen sich diese Faktoren in alltäglichen pädago­gischen Interaktionen nieder? Im darauffolgenden Kapitel stellt sich dementsprechend die Frage, welche Konsequenzen sich daraus für die pädagogische Praxis ableiten las­sen. Das heißt wie die Institution Schule und die Lehrkräfte mit der Geschlechterfrage umgehen sollen. Ob es sinnvoll ist das Geschlecht im Schulalltag zu dramatisieren oder zu entdramatisieren? Ob Jungen und Mädchen unterschiedlich lernen und sie jeweils eine besondere Förderung bedürfen? Im Zentrum dieses Abschnittes steht die Frage, ob etwas dafür oder dagegen spricht Mädchen und Jungen getrennt oder gemeinsam zu un­terrichten. Und wie der Unterricht so gestaltet werden kann, dass für beide Geschlechter die „bestmöglichen Entfaltungsspielräume“ eröffnetwerden. (Rendtorff 2011, S.114)

2 Die soziale Konstruktion von Geschlecht

„Das Geschlecht ist eines der zentralen Gliederungsprinzipien einer Gesellschaft“ (Sauer 2013, S.75) und daher von fundamentaler Bedeutung. Die Zuordnung zu einem Geschlecht bestimmt über Denk- und Handlungsmuster und wirkt sich auf das Erleben, Verhalten und die Chancen innerhalb der Gesellschaft aus. „Die Einteilung in Männer und Frauen erscheint vergleichsweise selbstverständlich; [...] zu wissen, ob er/sie Mann oder Frau ist, wird als geradezu notwendig, empfunden, um mit einem Menschen kommunizieren zu können“(Sauer 2013, S.75). Um die Frage, wie die Institution Schule zur Verfestigung von Geschlechterstereotypen beiträgt, d.h. wie Geschlecht in schulischen Interaktionen sozial konstruiert wird, zu untersuchen, wird in diesem Kapitel zunächst der zugrunde liegende geschlechtertheoretische Ansatz dargestellt. Geschlecht wird in dieser Arbeit als soziale Konstruktion betrachtet, die in Interaktionen hergestellt wird. (vgl. Jösting/Seemann 2006, S.45) Es handelt sich dabei um einen akti­ven Herstellungs- und Gestaltungsprozess von Männlichkeit und Weiblichkeit, der auch als „Doing Gender“ bezeichnet wird. Der „Doing Gender“ Ansatz betrachtet Geschlecht nicht als Merkmal oder Eigenschaft, sondern zielt darauf ab die sozialen Prozesse in den Blick zu nehmen, in denen Geschlecht als Unterscheidung hervorgebracht und reprodu­ziert wird. Im Mittelpunkt steht die Frage, mit welchen sozialen und kulturellen Prakti­ken Jungen und Mädchen in ihre Geschlechterrolle hinein sozialisiert werden, (vgl. Gil­demeister 2010, S.137) Der Begriff Geschlecht besitzt im deutschen sehr viele Bedeu­tungsdimensionen und wird nicht mehr nur als biologisch unveränderbare Größe, son­dern als soziales Phänomen untersucht, das Gesellschaft strukturiert und zugleich ge­sellschaftlichem Wandel unterliegt, (vgl. Ehlert/Funk/Stecklina 2011, S.162) Um dies zu erfassen haben West/Zimmerman 1987 in ihrem Konzept des doing gender in Abgren­zung zur sex-gender Unterscheidung eine dreigliedrige Neufassung der Unterscheidung erarbeitet, (vgl. Gildemeister 2010, S.137) Hierbei werden die „Geburtsklassifikation (sex), soziale Zuordnung (sex-category) und soziales Geschlecht (gender) als analytisch unabhängig voneinander gedacht“(Gildemeister 2010, S.137). Das heißt die hervorgeru­fenen Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede werden über soziale und kulturelle Prakti­ken ständig neu konstruiert. „,Die Tatsache, dass wir immer nur zwei Geschlechter se- hen, ist eine kulturelle Konstruktion und nicht ein Abbild der Sache selbst’“ (Popp 2002, S.53). Im interaktiven Geschehen zwischen Individuen entsteht also erst die Tei­lung in zwei soziale Geschlechter und wird genau dort auch immer wieder durch die ständige Darstellung von Differenz aufrechterhalten. Die wiederholten Erfahrungen aus den sozialen Interaktionen, also auch die Art und Weise wie man von anderen wahrge­nommen wird, werden dann nach und nach ins Selbstbild integriert. (vgl.Grünewald- Huber/Gunten 2009, S.13f.) Daraus folgt zum einen, dass das Konzept der Zweige­schlechtlichkeit grundsätzlich kritisch hinterfragt werden kann. Zum anderen aber auch, dass Geschlechterverhältnisse veränderbar sind, d.h. das Geschlecht als etwas gemach­tes und mithin als etwas veränderbares angesehen wird. Die bewusste Veränderung und Gestaltung setzt allerdings voraus, vor allem zu wissen wie Geschlecht konstruiert wird, (vgl. Popp 2002, S.55) „Man ,hat’ ein Geschlecht erst dann, wenn man es für andere hat“(Gildemeister 2010, S. 138). Bei der Herstellung von Geschlecht in sozialen Inter­aktionen handelt es sich somit um eine Leistung, an der alle Interaktionspartner beteiligt sind. (vgl. Popp 2002, S. 57) ,,[...] Interaktion stellt einen formenden Prozess eigener Art dar, weil er Zwänge impliziert, in welche die Akteure involviert sind und denen sie nicht ausweichen können“(Gildemeister 2010, S.138). Einer dieser Zwänge ist die Zu­ordnung bzw. Einteilung der Interaktionspartner in Kategorien - und genau hier spielt die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht eine zentrale Rolle, (vgl. Gildemeister 2010, S.138) Gleichzeitig wird aber auch immer die Eigenleistung und -Verantwortung der In­dividuen für die von ihnen vorgenommene Konstruktion impliziert, (vgl. Popp 2002, S. 57) Solche Prozesse können daher der Orientierung und Autonomisierung dienen, aber auch zur Verfestigung von Geschlechterstereotypen beitragen, (vgl. Ehlert/Funk/Steckli­na 2011, S.98)

Zusammenfassend lässt sich daraus schließen, dass die ständige Produktion und Repro­duktion von Geschlecht zum einen voller Widersprüche ist und sich zum anderen die Bedingungen der Aufrechterhaltung im Verlauf des sozialen Wandels ständig verändern, (vgl. Popp 2002, S. 57) In ihrem Beitrag vertreten West/Zimmerman u.a. die Auffas­sung: „Doing Gender is unavoidable“ (West/Zimmerman 1987, S.137). Bezieht man dies auf die pädagogische Praxis „müssen die Akteure einen Umgang finden mit [...] dem Fortbestehen geschlechterdifferenzierender Praktiken und Konstrukte, sowie den Präsentationen von Geschlechtszugehörigkeit“ (Ehlert/Funk/Stecklina 2011, S.98). Es geht also darum Prozesse des Doing Gender zu erkennen und zu benennen, also um das Bewusstmachen solcher Prozesse. Gleichzeitig lässt sich die Einschätzung von West/Zimmerman, dass die geschlechtliche Kategorisierung allgegenwärtig und unhin- tergehbar sei, in zweierlei Hinsicht kritisch betrachten. Hierbei stellt sich zum einen die Frage, ob das Geschlecht in Interaktionen simultan mit Klassen- und ethnischen Unter­schieden erzeugt wird und dabei auch in den Hintergrund treten kann. Zum anderen aber auch, ob man die Prozesse des Doing Gender nicht durchbrechen, d.h. dekonstruieren kann. Also ob neben einem „doing gender“ nicht auch ein „undoing gender“ denkbar ist. (vgl. Gildemeister 2010, S. 143)

3 Gender und Schule 3.1 „Die geschlechtsneutrale Schule“

Grundsätzlich gilt für die Institution Schule das Gebot der Chancengleichheit, welches neben der Öffnung des Bildungsweges für alle sozialen Schichten u.a. gleiche Bildungs­chancen für Mädchen und Jungen impliziert. Im Gegensatz zu früher ist die Schule bis auf wenige Ausnahmen koedukativ ausgelegt, d.h. Geschlecht stellt im institutioneilen Gefüge der heutigen Schule im expliziten Sinne kein Gliederungsprinzip mehr dar. Das bedeutet die Ermöglichung gleicher Bildungschancen unabhängig von Geschlecht findet vor allem ihren Ausdruck in der Einführung der Koedukation. Anstelle der gezielten Zu­weisung von Fächern z.B. Haushaltslehre für Mädchen und Werken für Jungen, ist die individuelle Wahlmöglichkeit getreten, (vgl. Gildemeister/Robert 2008, S.80) Trotzdem scheint die Schule nicht der Einengung des inhaltlichen Spektrums der Kurswahlen der Mädchen und Jungen und in deren Folge auch der Einengung der Berufs- und Studien- wähl entgegen zu wirken, (vgl. Böhnisch/Funk 2002, S.160) Hierbei darf nicht überse­hen werden, dass ,,,[...] unsere gegenwärtige Schule keineswegs Koedukation als päd­agogisches Konzept verkörpert, sondern nur die verwaltungstechnisch einfachste Ge­währleistung gleicher Bildungschancen in Form der flächendeckenden Versorgung mit einem standardisierten Schulangebot’“(Gildemeister/Robert 2008, S. 80).

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668409743
ISBN (Buch)
9783668409750
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354913
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,3
Schlagworte
Gender Geschlecht Schule Geschlechterrolle

Autor

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Titel: Gender und Geschlechterrollen in der Schule. Konsequenzen für die pädagogische Praxis