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Messung impliziter Einstellungen gegenüber homosexuellen Frauen und Männern

Entwicklung einer Methode

Hausarbeit 2014 24 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zentrale Erkenntnisse über die indirekte Messung von Einstellungen

3. Einstellung gegenüber homosexuellen Frauen und Männern

4. Methode zu Messung impliziter Einstellungen gegenüber homosexuellen Frauen und Männern
4.1 Herleitung der Messmethode
4.2 Durchführung
4.3 Auswertung der Ergebnisse

5. Einschätzung der Machbarkeit der vorgeschlagenen Messmethode
5.1 Gütekriterien
5.2 Mögliche Probleme und Fehlerquellen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Die Akzeptanz von Homosexualität ist ein aktuelles Thema: Der Großteil der deutschen Gesellschaft toleriert gleichgeschlechtliche Liebe - und trotzdem fühlen sich homosexuelle Frauen und Männer nicht akzeptiert. Kann es sein, dass die so gewollte Toleranz tief im Inneren eines Indivi­duums gar nicht vorhanden ist?

Menschen verarbeiten Informationsprozesse auf zwei unterschiedlichen Ebenen: entweder mit geringem kognitiven Aufwand, indem sie automa­tische Entscheidungsprozesse in Anspruch nehmen oder sie nutzen aktiv vorhandene kognitive Ressourcen und entscheiden bewusst und kontrol­liert (Ranganath, Smith & Nosek, 2008). Aufgrund dieser Modelle ist anzunehmen, dass Einstellungen von diesen beiden Ebenen Einfluss auf das Verhalten ausüben (Fazio & Towels-Schwen, 1999). Ergebnisse direkter Messverfahren, wie Befragungen, spiegeln in diesem Sinne nur die kontrollierten, sogenannten expliziten Einstellungen wieder. Dem Probanden wird so ermöglicht, kontrolliert zu antworten und Strategien zu entwickeln. Antworttendenzen bzw. Methodeneffekte, wie Soziale Erwünschtheit sind kaum zu vermeiden

Um automatische Prozesse und sogenannte implizite Einstellungen zu messen, werden indirekte Messverfahren genutzt. Vor allem bei gesell­schaftlich sensitiven Themen wie der sexuellen Orientierung oder bei Themen, zu denen eine politisch Korrekte Meinung vorherrscht, ist es wichtig, dass den Probanden keine Möglichkeit zur strategischen Selbst­darstellung gegeben wird. Dies ist mit indirekten Messmethoden mög­lich. So lässt sich herausfinden, ob diskriminierende Verhaltensweisen in impliziten Einstellungen begründet sein könnten, auch wenn eine Person scheinbar positiv gegenüber Homosexualität eingestellt ist.

In der vorliegenden Arbeit wird so eine indirekte Messmethode vorge­schlagen, mit der implizite Einstellungen von Heterosexuellen gegenüber homosexuellen Frauen und Männern festgestellt werden können.

2. Zentrale Erkenntnisse über die indirekte Messung von Einstellungen

Seit Anfang des 21. Jahrhunderts fokussiert sich die Forschung zuneh­mend auf die Messung impliziter Einstellungen (Cunningham, Preacher & Banaji, 2001). Diese hängen zusammen mit automatischen Entschei­dungsprozessen und repräsentieren „irrespectively unidentified (or inac­curately identified) traces of past experience that mediate favorable or unfavorable feeling, thought, or action toward social objects“ (Greenwald & Banaji, 1995).

Um implizite Einstellungen zu messen, werden indirekte Messmethoden genutzt. Dies bedeutet, dem Probanden ist nicht bewusst, dass die Ein­stellung gemessen wird und er hat keine Kontrolle über das Messergebnis (Fazio & Olson, 2003). Indirekte Messmethoden unterscheiden sich hin­sichtlich ihrer Art der angesprochenen Informationsverarbeitung und sind damit entweder deliberativ oder spontan.

Projektive Verfahren sind Beispiele für deliberative Methoden zur Ein­stellungsmessung. Der Proband erhält die Aufgabe, Eigenschaften eines Untersuchungsgegenstandes auf etwas völlig abwegiges zu übertragen, die Einstellung z.B. zu einem Produkt wird also nicht direkt erfragt. Die zur Erklärung genutzten Formulierungen spiegeln dann die Einstellung des Probanden wieder. Deliberative Verfahren geben dem Probanden die Möglichkeit, Informationen zu verarbeiten, zu evaluieren und eine be­wusst gesteuerte Antwort zu liefern. Ihr zukünftiges Verhalten bezüglich des gemessenen Einstellungsmerkmals lässt sich so vorhersagen (Vargas, Sekaquaptewa & von Hippel, 2007).

Indirekte spontane Methoden zur Einstellungsmessung sind zum Beispiel der Implizite Assoziationstest (IAT) (Greenwald, McGhee, Jordan & Schwartz, 1998) und das affektive oder evaluative Priming. Dies sind die beiden bisher am meisten erforschten Methoden. Sie basieren auf der Messung von Reaktionszeiten und messen die Einstellung (positiv oder negativ) eines Probanden gegenüber des Untersuchungsgegenstandes mit Hilfe der Assoziationsstärke. Beide Verfahren werden am Computer durchgeführt.

Beim IAT müssen Probanden zwei Entscheidungsaufgaben (z.B. Blume vs. Insekt sowie angenehmes vs. unangenehmes Wort) durch Betätigung der richtigen Taste bewältigen, die im letzten Schritt kombiniert werden. Wenn sich stark assoziierte Kategorien eine Taste teilen (z.B. „Blume“ und „unangenehm“) geschieht die Ausführung der Aufgabe schneller, wenn sich wenig assoziierte Kategorien eine Taste teilen (z.B. „Blume“ und „unangenehm“), verzögert sich die Reaktionszeit (Greenwald u.a., 1998).

Das affektive Priming kommt ohne Parallelaufgaben aus. Hier soll der Proband normierte Begriffe oder Bilder, die sogenannten „Targets“ klassifizieren. Zuvor sehen die Probanden Primes, also Stimuli, die direkt die zu messenden Einstellung betreffen. Diese werden jedoch sehr kurz oder sogar maskiert dargeboten, so dass dem Probanden der Inhalt des Primes nicht bewusst ist. Wird der Prime automatisch mit dem dargebo­tenen Target assoziiert, geschieht die Klassifizierung schneller als, wenn Prime und Target nicht miteinander assoziiert werden.

Auf Basis der Reaktionszeiten kann also die implizite Einstellung des Probanden mit beiden vorgestellten Methoden gemessen werden. Zudem schlagen sich die Effekte in der Reaktionsgenauigkeit nieder, was in Ab­schnitt 4. Näher erläutert wird.

Weitere Verfahren zur Messung impliziter Einstellungen sind unter anderem der Extrinsic Affective Simon Task (EAST), der Evaluative Movement Assessment (EMA) oder die Affect Misattribution Procedure (AMP).

3. Einstellung gegenüber homosexuellen Frauen und Männern

Die Einstellung der deutschen Gesellschaft zur Homosexualität ist in den letzten 40 Jahren immer positiver geworden. Das zeigt der Wandel zwi­schen den Antworten zu zwei Umfragen, die 45 Jahre auseinander liegen. Im Jahr 1968 halten 45% der Befragten in Westdeutschland die geplante Legalisierung von Homosexualität bei Männern für „nicht richtig“ (Abb. 3.1). Doch 2013 sind 87% der befragten Deutschen der Meinung, Homo­sexualität solle in der Gesellschaft akzeptiert werden (Abb. 3.2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3.2 Ca.1.000 Befragte in Deutschland, keine Angabe zu an 100 fehlen­den Prozentpunkten. Eigene Darstellung. Datenquelle: Pew Rese­arch Center, 2013.

Auch Warnecke leitet seinen Artikel „Wie geht es Homosexuellen in Deutschland?“ ein, indem er die Toleranz von heterosexuellen gegenüber homosexuellen Menschen in Städten hervorhebt. Dennoch vermutet er, dass „die heile Homo-Welt der Städter womöglich eine trügerische ist“. Grund dafür ist das Verhalten Heterosexueller, das von Vorurteilen bela­den ist und bis hin zu Diskriminierung führt sowie rechtliche Gegeben­heiten, die auch heute noch nicht denen von heterosexuellen komplett gleichgestellt sind (Warnecke, 2010).

Wie kann es also sein, dass Befragungen eine solch positive Einstellung wiederspiegeln, das Verhalten heterosexueller gegenüber homosexueller Menschen jedoch häufig negativ geprägt ist? Zu vermuten ist, dass zum einen bei Befragungen „politisch korrekt“ und sozial erwünscht geant­wortet wurde, um Sanktionen, wie abschätzige Bemerkungen, aus dem Weg zu gehen. Zum anderen kann es sein, dass explizite Einstellungen positiv sind, da die Befragten sich selbst und anderen ihre negative Ein­stellung zu Homosexualität nicht eingestehen. Beides sind Argumente für die Verwendung von indirekten Messmethoden, die den Störfaktoren „soziale Erwünschtheit“ verhindern und implizite statt explizite Einstel­lungen messen.

Eine mögliche Erklärung für die Inkongruenz von expliziter Einstellung und Verhalten ist begründet im MODE-Modell von Fazio & Towels- Schwen (1999). Selbst wenn die expliziten Einstellungen positiv sind, können die möglichen negativen impliziten Einstellungen das Verhalten einer Person beeinflussen. Dies ist vor Allem der Fall, wenn die kogniti­ven Ressourcen beschränkt sind, also unter Bedingungen wie Zeitdruck, Erschöpfung, Ablenkung und bei geringem Involvement. Zudem spiegelt vor allem das nonverbale Verhalten implizite Einstellungen wieder, wie Fazio & Olsen (2003) festgestellt haben. Verbale Äußerungen entstam­men kontrollierbaren, motivierten kognitiven Prozessen wohingegen die Grundlage nonverbalen Verhaltens häufig automatische Prozesse sind.

So kann es vorkommen, dass eine Person, dessen explizite Einstellung gegenüber Homosexuellen positiv ist, sich automatisch von einem homo­sexuellen Paar abwendet.

Auf Grundlage dieser Erkenntnisse ist die Forschungsfrage, die der Methode zur Messung impliziter Einstellungen gegenüber homosexuel­len Menschen in Kapitel 4 zugrunde liegt, die gleiche, wie in Steffens Studie von 2005: Hat tatsächlicher ein starker Einstellungswandel zum Thema Homosexualität stattgefunden oder sind die positiven expliziten Einstellungen eher in der wachsenden Zurückhaltung, sich und anderen negative Einstellung einzugestehen, begründet?

Steffens (2005) fand bei der Messung von impliziten und expliziten Ein­stellungen von 208 Personen heraus, dass die expliziten Einstellungen eher positiv sind, die impliziten stattdessen relativ negativ. Die Aus­nahme machten die Einstellungen von heterosexuellen Frauen gegenüber homosexuellen Frauen, die ebenfalls positiv waren.

Auch in weiteren Studien wurden tatsächlich Diskrepanzen zwischen expliziten und impliziten Einstellungen zu homosexuellen Menschen gemessen:

Seise, Banse & Neyer (2002) führten Messungen impliziter sowie expli­ziter Einstellungen zu Homosexualität an 110 Personen durch. Sie fanden beispielsweise heraus, dass affektive Einstellungen heterosexueller Frauen und Männer gegenüber homosexuellen des gleichen Geschlechts negativer sind als gegenüber homosexuellen des anderen Geschlechts.

Die explizite Einstellung heterosexueller Personen zu Homosexualität war abhängig von der Ausschließlichkeit ihrer sexuellen Orientierung und von der Qualität und Quantität ihrer Kontakte zu homosexuellen Frauen und Männern.

Steffens und Wagner (2006) führten zudem eine Messung an einer reprä­sentativen Stichprobe von 2.006 Personen durch. Ergebnisse waren zum Beispiel, dass Frauen eine positivere Einstellung gegenüber Homosexua­lität haben als Männer. Männer haben eine positivere Einstellung zu weiblicher Homosexualität als zu männlicher, Frauen unterscheiden hier nicht.

Alle genannten Studien nutzten den IAT als indirekte Methode zur Mes­sung der Einstellung, welcher auch unter https://implicit.harvard.edu/im- plicit/Study?tid=-1 online kostenlos durchgeführt werden kann. Die kon­vergente und diskriminante Validität des IAT zur Messung der Einstel­lung gegenüber homosexuellen Frauen und Männern wurde bewiesen, die interne Konsistenz als zufriedenstellend eingeschätzt (Banse, Seise & Zerbes, 2001).

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Details

Seiten
24
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668492929
ISBN (Buch)
9783668492936
Dateigröße
1012 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354715
Institution / Hochschule
Europäische Fernhochschule Hamburg
Note
1,4
Schlagworte
Einstellung Einstellungsmessung implizite Einstellung Messung von Einstellungen Einstellung zu Homosexualität Messmethode

Autor

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Titel: Messung impliziter Einstellungen gegenüber homosexuellen Frauen und Männern