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Der Umgang mit Stigmatisierung. Die Auswirkungen eines Stigmas auf die Identität und den Selbstwert

Hausarbeit 2016 21 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Verwandte psychologische Variablen von Stigma
1.1 Stereotyp
1.2 Vorurteil
1.3 Soziale Diskriminierung

2. Stigma – Was ist das?
2.1 Der Prozess der Stigmatisierung
2.2 Formen von Stigmata

3. Die Folgen von Stigmatisierung
3.1 Identitätsbegriffe nach Goffman
3.2 Die Stigma-Identitäts-These

4. Reaktion und Umgang im Zusammenhang mit Stigmatisierung
4.1 Bewältigungsstrategien im Umgang mit Stigmatisierung
4.2 Der Effekt des Selbstwertschutzes

5. Fazit

Literatur

1 Einleitung

Beleidigung, Missachtung und Gewalt – Seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte ist zwischenmenschliche Feindseligkeit Bestandteil des alltäglichen Lebens.

Menschen, die durch Äußerlichkeiten, Verhaltensweisen oder bestimmten Merkmalen von gesellschaftsspezifischen Werten und Normen abweichen, werden aufgrund ihres unerwünschten Merkmals ausgesondert und folglich auch Opfer von Stigmatisierung. Stigmatisiert werden Menschen, die aufgrund eines unerwünschten Merkmals, einer stigmatisierten Personengruppe zugeordnet werden können. Dazu gehören unter anderem: psychisch Kranke, Obdachlose, Behinderte oder homosexuelle Menschen.

Stigmatisierung ist in jeder Gesellschaft verankert und unterliegt kulturellen Unterschieden sowie historischen Veränderungen. Sie geschieht durch Mitglieder der jeweiligen Gesellschaft und kann einige Folgen für den Betroffen hervorrufen. Dem Betroffenen kann Diskriminierung, Einschränkungen der Lebensqualität und Lebenschancen, sowie erhebliche Konsequenzen in Bezug auf die eigene Person und Persönlichkeit widerfahren. Diese Annahme stellte der amerikanische Soziologe Erving Goffman in den Fokus seiner Analyse sozialer Zuschreibungsprozesse. In seiner klassischen Monographie „Stigma: Notes on the Management spoiled Idenity“ (erstmals veröffentlicht 1963) analysiert Goffman den Prozess der Stigmatisierung und die Folgen für die Betroffenen.

Der Betroffene bemüht sich im Kampf gegen den Stigmatisierungsprozess um die Wiederherstellung, beziehungsweise um das Bewahren einer möglichst positiven Definition seiner Selbst und versucht mit sogenannten Bewältigungsstrategien seinem Stigma und dessen Auswirkungen entgegen zu wirken.

Die vorliegende Arbeit handelt von den Auswirkungen eines Stigmas, dabei wird der Fokus auf die Identität und dem Selbstwert gelegt. Zunächst folgen die Begriffsdefinitionen der einzelnen Elemente eines Stigmatisierungsprozesses. Im Anschluss daran werden die Begriffe Stigma und Stigmatisierung näher definiert, bevor die möglichen Folgen auf die Identität durch die Stigma-Identitäts-These erläutert werden. Im letzten Teil dieser Arbeit werden die Bewältigungsstrategien der Betroffenen beschrieben und den Wirkungsgrad dieser mit einer empirischen Studie über den Selbstwertschutz gestützt.

2 Verwandte psychologische Variablen von Stigma

2.1 Stereotyp

Ein Stereotyp ist eine verallgemeinernde Annahme über eine Gruppe von Menschen, die all ihren Mitgliedern, unabhängig von tatsächlichen Unterschieden, dieselben charakteristischen Merkmale zuschreibt (vgl. Aronson, Wilson & Akert, 2004). In diesem Zusammenhang spielt vor allem der Aspekt der Generalisierung eine zentrale Funktion. Generalisierung bedeutet eine Verallgemeinerung bestimmter Meinungen über typische Zusammenhänge zwischen Personen und deren Eigenschaften. Sie bezieht sich auf alle oder die meisten der Personen, die einer bestimmten sozialen Kategorie zugeordnet werden (vgl. Schäfer & Six, 1998). Der Einzelne nimmt gewisse Merkmale von anderen Individuen oder Gruppen wahr und verknüpft sie mit individuellen, kulturell geprägten Ideen und Einstellungen (wie zum Beispiel, „Die Deutschen sind ordentlich“). Stereotype können dementsprechend als schematisierte Vorstellungsinhalte verstanden werden, die sich zwischen unsere Umwelt und unsere Wahrnehmung schieben (Lippman, 1922, zit. nach Lilli, 1982). Stereotype müssen ebenfalls auch keine Verknüpfung mit Emotionen aufweisen. So kann ein Stereotyp auch positiv sein, während ein Stigma im Vergleich dazu immer negativ bewertet (vgl. Schäfer & Six, 1978).

2.2 Vorurteil

Vorurteile sind ein weitverbreitetes, in allen Gesellschaften der Welt existierendes Phänomen. Nach dem Sozialpsychologen Elliot Aronson (1994) ist ein Vorurteil eine falsche oder unvollständige Information sowie eine feindselige oder negative Einstellung gegenüber einer spezifischen Gruppe und deren einzelnen Gruppenmitgliedern (Aronson, 1994, zit. Nach Ellinger & Stein, 2006). Wie alle Einstellungen bestehen auch Vorurteile aus einer kognitiven Komponente (einem Stereotyp), einer affektiven Komponente (Emotionen) und können das Verhalten in Form einer verhaltensbezogenen Komponente (Diskriminierung) beeinflussen (vgl. Schäfer & Six, 1978).

Vorurteile resultieren aus gewissen Lebenserfahrungen und aus individuellen Erlebnissen im Umgang in bestimmten Situationen sowie mit anderen Personen. Bereits im Kindes- und Jugendalter werden in erster Linie Einstellungen und Vorurteile von den Eltern oder anderen ihnen nahestehenden Familienmitgliedern übernommen.

Der Prozess der Aneignung von Vorurteilen findet nicht ausschließlich innerhalb der Familie statt, sondern kann auch auf andere Gruppenmitgliedschaften übertragen werden. In Bezug auf den Stigmatisierungsprozess gelten Vorurteile als die entsprechende negative Einstellungskomponente (vgl. Ellinger & Stein, 2006).

2.3 Soziale Diskriminierung

Der Begriff Diskriminierung lässt sich von dem lateinischen Wort „discriminare“ (trennen, absondern) ableiten und bezeichnet eine spezifische Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelnen Personen (vgl. Petersen & Six, 2008). Das Konzept der Diskriminierung umfasst häufig eine aktive Ausgrenzung, die sich verbal oder unter Anwendung von Gewalt äußern kann (vgl. Hormel, 2007). Diskriminierung spaltet sich in zahlreiche Unterkategorien wie beispielsweise, in die „soziale Diskriminierung“. Unter sozialer Diskriminierung wird die verhaltensbezogene Komponente des Vorurteils verstanden. Das umschließt die unangemessene und potenziell ungerechte Behandlung von Individuen aufgrund oder ausschließlich wegen ihrer Gruppenzugehörigkeit. Soziale Diskriminierung kann eine Folge von Stereotypen und Vorurteilen sein und als konkrete Handlung und Verhaltensweise gegenüber Personen mit entsprechenden Stigma verstanden werden (vgl. Hormel, 2007).

3 Stigma – Was ist das?

Das Wort „Stigma“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet Stich, Punkt oder Brandmal. Entscheidend zum Verständnis der Begriffsverwendung ist der historische Hintergrund, dass im alten Griechenland das Wort Stigma ein Brandmal bezeichnete, mit dem Sklaven gekennzeichnet wurden und dementsprechend gemieden werden sollten (vgl. Petersen & Six, 2008). Im psychologischen Zusammenhang beziehen sich Stigma und Stigmatisierung auf die negativen Einstellungen zu einer Person mit psychischen oder physischen Auffälligkeiten sowie spezifischen Merkmalen, welche dazu führen, dass diese als unerwünscht wahrgenommen und folglich deshalb ausgegrenzt werden. Ein Stigma ermöglicht es in der Gesellschaft bestimmte Einzelpersonen durch bestimmte Merkmale zu Gruppierungen zuzuordnen (vgl. Knigge, 2009).

Der Soziologe Erving Goffman hat den Begriff Stigma in seiner klassischen Monographie „Stigma: Notes on the Management of spoiled identity“ in der Sozialwissenschaft erstmals 1963 eingeführt und den Prozess der Stigmatisierung in der alltäglichen sozialen Interaktion untersucht. Nach Goffman gelten all diejenigen Individuen als „stigmatisiert“, die „von vollständiger sozialer Akzeptierung ausgeschlossen“ sind (Goffmann, 1970, S. 7). Ein Stigma ist dabei nicht nur ein unerwünschtes Merkmal oder eine ungünstige Eigenschaft, sondern auch jede Verallgemeinerung oder Zuschreibung von weiteren Eigenschaften, die das Individuum herabsetzen oder demütigen können. Nicht das Merkmal an sich, sondern eine negative Bedeutung im jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext, machen die betroffene Person zu einem Stigmaträger. Somit kann grundsätzlich jedes Merkmal oder jede Eigenschaft ein Stigma sein, wenn es vom Idealtypus einer Gesellschaft abweicht (vgl. Ellinger & Stein, 2006).

Die Mehrheit in einer Gesellschaft legt fest, welche Merkmale als Norm und welche als abweichend gelten. Die Aufrechterhaltung dieser Normen geschieht nicht nur durch Kontrollinstanzen wie Polizei, Schule oder Strafanstalten, sondern auch durch informelle Instanzen wie Eltern oder Peer-groups (vgl. Ellinger & Stein, 2006). Ein Stigma kann sich in einer Gesellschaft und Kultur von Epoche zu Epoche verändern und in verschiedenen Kulturen unterschiedlich ausfallen (vgl. Knigge, 2009).

3.1 Der Prozess der Stigmatisierung

Stigmatisierung beschreibt folglich einen Prozess, der dadurch gekennzeichnet ist, dass einer Person tatsächliche oder mögliche negative Eigenschaften zugeschrieben werden und somit diese Person in bestimmte soziale Gruppen zugeordnet wird (vgl. Goffman, 1970). In sozialen Interaktionen stützen wir uns bewusst oder unbewusst auf spontane Einschätzungen über eine Person bezüglich seiner sozialen Kategorie auf Grund seiner „sozialen Identität“. Die „soziale Identität“ beschreibt die Zuordnung einer Person zu bestimmten Kategorien auf Grund von Antizipationen. Ausgangspunkt ist dabei die Unterscheidung zwischen virtualer und aktualer sozialer Identität. Goffman bezeichnet diese Antizipationen als virtuale soziale Identität. Diese umfassen Eigenschaften und Merkmale, die in stereotyper Weise antizipiert werden und dadurch die Zugehörigkeit einer Person zu einer sozialen Gruppe vermuten lassen (vgl. Goffman, 1970). Daraus ergeben sich in der sozialen Interaktion normative Erwartungen bezüglich der Eigenschaften und Merkmale, über die die Personen aus der jeweiligen sozialen Gruppe verfügen sollten. Der virtualen sozialen Identität steht die aktuale soziale Identität gegenüber, mit den Eigenschaften und Merkmalen, die der Mensch tatsächlich besitzt, beziehungsweise, die dann in der sozialen Interaktion wahrgenommen werden. Offenbart sich in der sozialen Interaktion dann eine Verhaltensweise oder eine Eigenschaft als negativ abweichend von der normativen Erwartung, stellt diese Verhaltensweise oder Eigenschaft dann ein Stigma dar (Tröster, 1998, zit. nach Petersen & Six, 2008).

Ein Stigma entsteht, wenn die virtuale soziale Identität von der aktualen sozialen Identität negativ abweicht und sich somit die Erwartung von der Wirklichkeit unterscheidet (vgl. Goffman, 1970).

Laut Schulze und Angermeyer (2000) beginnt der Stigmatisierungsprozess mit der Wahrnehmung und Benennung eines Unterschieds. Anschließend folgt die Einstufung in eine Personenkategorie, wie beispielsweise in die Kategorie der „HIV – Infizierten“. Diese wird mit negativen, kulturell geprägten und aus Vorurteilen entstammenden Eigenschaften verbunden und mit den jeweiligen Stereotypen, die für diese Kategorie in der Gesellschaft bestehen, verknüpft. Diese Stereotype dienen wiederum im Stigmatisierungsprozess zunächst als Orientierung an bestimmte soziale Gruppen und anschließend als Rechtfertigung, um die stigmatisierten Personen aus der Allgemeinheit herauszulösen. Sie werden zu einer Kategorie zusammengefasst (z.B. „die HIV-Infizierten“), erleben daraus resultierend eine Abwertung ihres sozialen Status und erfahren folglich Diskriminierung. Die Konzepte Stereotype, Vorurteile, Stigmata und Diskriminierungen stehen somit in einer wechselseitigen Beziehung zueinander und sind folglich miteinander verknüpft (Schulze & Angermeyer, 2000).

Nach Goffman (1970) ist für den Prozess der Stigmatisierung ebenso kennzeichnend, dass nicht nur ein Merkmal erkannt und negativ bewertet wird (zum Beispiel, dass jemand körperlich behindert ist), sondern, dass darüber hinaus dem Stigmaträger weitere, meist negative Merkmale zugeschrieben werden, die objektiv in keiner Verbindung mit dem ursprünglichen Merkmal stehen (zum Beispiel, „ein körperlich behinderter ist hilflos“). Diese Zuschreibung weiterer Eigenschaften werden als Generalisierung bezeichnet (vgl. Goffman, 1970). Generalisierung bewirkt, dass die Mitmenschen den Stigmatisierten in erster Linie von seinem Stigma aus wahrnehmen und ihn auf sein negatives Merkmal reduzieren. Jede weiteren negativen Merkmale des Betroffenen, die zu seinem Stigma passen könnten, werden verstärkt wahrgenommen, währenddessen neutrale oder positive Merkmale entweder uminterpretiert oder nicht wahrgenommen werden (vgl. Goffman, 1970).

3.2 Formen von Stigmata

Von großer Bedeutung dafür, ob ein Stigmatisierungsprozess entsteht und welche Auswirkungen er auslöst, ist die Sichtbarkeit des unterscheidenden Merkmals. Goffman unterteilt Stigmata in sichtbare und unsichtbare und somit in Stigmata der Diskreditierten und Diskreditierbaren (vgl. Goffman, 1970). Das Stigma der Diskreditierten ist in einer sozialen Interaktion unmittelbar sichtbar, wie zum Beispiel eine Körperbehinderung oder das Körpergewicht. Das Stigma der Diskreditierbaren ist im Gegensatz dazu in der sozialen Interaktion nicht unmittelbar sichtbar. Dazu gehören zum Beispiel Homosexualität oder eine HIV-Infektion (vgl. Goffman, 1970). Ob ein Stigma sichtbar oder unsichtbar ist, hängt von der Form des Stigmas ab. Goffman unterscheidet hierbei drei Formen von Stigmata:

Die erste Form umfasst Physische Deformationen, also „Abscheulichkeiten des Körpers“ (Goffman, 1970, S. 12) wie zum Beispiel eine Körperbehinderung. Die zweite Form beinhaltet „individuelle Charakterfehler“ (Goffman, 1970, S. 12), wie zum Beispiel eine psychische Störung und die dritte Form ist gekennzeichnet durch „Phylogenetische Stigmata“ (Goffman, 1970, S. 13), dazu gehört zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe (vgl. Goffman, 1970).

4 Die Folgen von Stigmatisierung

Auf der individuellen Ebene ist Stigmatisierung immer ein Angriff auf die Persönlichkeit des Menschen. Die Folgen von Stigmatisierung können in Vorurteilen und Diskriminierung ihren Ursprung finden und sich darüber auf die Identität und das Selbstkonzept[1] des Betroffen auswirken. Grundlegend für diese Annahme und für die Auseinandersetzung mit der Identitätsproblematik im Zusammenhang mit Stigmatisierung, ist das in der Einleitung erwähnte Werk von Erving Goffman. Goffman sieht als zentrale Folge von Stigmatisierung die negativen Auswirkungen auf die Identität und die daraus resultierende „beschädigte Identität“. Die Grundlage einer beschädigten Identität ist dadurch gekennzeichnet, dass man nicht mehr subjektiv entscheiden kann, was einen ausmacht oder wer man ist, sondern das dies dann größtenteils durch Fremdbestimmung geschieht (vgl. Goffman, 1970). Das betroffene Individuum passt sich diesbezüglich an die negativen Zuschreibungen über die eigene Person an und kann dadurch Ausgliederung und Desintegration widerfahren, was wiederum zu Isolation führen und gleichzeitig einen Rückzug in eine Randgruppenexistenz bewirken kann. Weitere Folgen in der Gesellschaft können Rollenverluste und erschwerte Zugänge zu gesellschaftliche Positionen sein, die ebenfalls zu Einschränkungen in der Lebensqualität und Lebenschancen führen können (vgl. Knigge, 2009). Der Stigmatisierte ist auf Grund seines Stigmas aus der Gesellschaft ausgestoßen und hat dadurch keinen Anspruch auf einen vollwertigen Status in ihr (vgl. Ellinger & Stein, 2006). Neben den Auswirkungen von einem Stigma auf die soziale Teilhabe in der Gesellschaft, gibt es auch weitere Folgen auf das psychische und physische Wohlbefinden des Betroffenen. Dazu gehören vor allem Depressionen sowie Angst- und Schamgefühle und eine erhöhte Anfälligkeit für weitere psychosoziale Krankheiten, aber auch vermehrte Krankheitssymptome und Beeinträchtigungen der Gesundheit (vgl. Quinn & Chaudoir, 2009). In sozialen Interaktionen zwischen Nicht-Stigmatisierten und Stigmatisierten können weitere Auswirkungen von Stigmatisierung erläutert werden. Die Interaktion ist aus Sicht des Stigmaträgers durch eine permanente Informationskontrolle geprägt. Der Betroffene versucht sein Stigma (sofern es nicht auffällig sichtbar ist) so weit wie möglich vor seinem Interaktionspartner zu verheimlichen. Der Stigmatisierte weiß nicht, wie sein Merkmal und das Stigma von seinem Gegenüber eingeordnet und beurteilt werden. Deshalb beeinflussen Spannungen, Unsicherheit, Verlegenheit und Angst die Interaktionen mit Stigmatisierten (vgl. Ellinger & Stein, 2006).

Um die Auswirkungen und die Gefährdung insbesondere auf die Identität sowie die Entstehung der beschädigten Identität weiter zu erläutern, werden zunächst im folgenden Kapitel dieser Arbeit der Begriff der Identität nach Goffman näher beschrieben, um als Ausgangspunkt für das Verständnis der darauffolgenden Stigma-Identitäts-These (vgl. Cloerkes, 2001) zu dienen.

4.1 Identitätsbegriffe nach Goffman

Identität wird im Allgemeinen als ein Bewusstsein definiert, welches ein Individuum durch Individualität (die Eigenart), Kontinuität (in der Lebensgeschichte) und Konsistenz (situationsübergreifende Gleichheit der eigenen Person) von anderen Individuen unterscheidet (vgl. Zisler. 2009).

Goffman charakterisiert seinen Stigma-Ansatz durch ein rollentheoretisches Identitätskonzept und unterscheidet in seiner Definition zwischen drei Identitätsebenen, die ein Individuum besitzt: die soziale Identität, die persönliche Identität und die Ich-Identität (vgl. Goffman, 1970). Anhand dieser drei Konzepte entwickelt Goffman die jeweilige Problematik von Stigmatisierung und die Reaktionsmöglichkeiten der Betroffenen.

Die „soziale Identität“ beschreibt die Zuordnung zu bestimmten Kategorien und somit auch eine Charakterisierung auf Grund des ersten Eindrucks. Diese Kategorien werden mit verschiedenen Eigenschaften und Werten verknüpft und werden auf die einzelnen Mitglieder der Gruppen übertragen (vgl. Ellinger & Stein, 2006). Goffman unterscheidet bei der sozialen Identität zwischen der virtualen sozialen Identität (die zwangsläufige Kategorisierung und damit Charakterisierung von Personen auf Grundlage des ersten Eindrucks) und die aktuale soziale Identität (Eigenschaften und Merkmale, welche das Individuum tatsächlich besitzt und die in der sozialen Interaktion wahrgenommen werden) (siehe Kapitel 2.1).

Die „persönliche Identität“ umfasst persönliche Fähigkeiten sowie Charaktereigenschaften und bringt damit die Einzigkeit eines jeden Individuums zum Ausdruck (vgl. Ellinger & Stein, 2006). Goffman beschreibt Einzigkeit als positive Merkmale oder Kennzeichen, die aus der individuellen Lebenserfahrung heraus entstehen und dementsprechend auch den Charakter formen und prägen. Durch die persönliche Identität kann ein Individuum von allen anderen differenziert werden und sich somit als einzigartiges Wesen von den anderen unterscheiden. Diese Abweichung wird von positiven persönlichen Merkmalen, als auch von Stigmatisierungen geprägt (vgl. Goffman, 1970).

Die „Ich-Identität“ beschreibt den Innenaspekt, das „subjektive Empfinden der eigenen Situation, Kontinuität und der Eigenart“ (Goffman, 1970, S. 132). Die Ich-Identität umfasst das Empfinden in den verschiedensten Lebenssituationen und hilft dem Individuum reflexiv sich selbst und seine Umwelt wahrzunehmen. Im Zusammenhang mit Stigmatisierung ist die Ich-Identität dadurch gekennzeichnet, dass sich das Individuum darüber bewusst ist, was es über sein Stigma empfindet und wie es den Einfluss seines Stigmas für seine Lebenssituation einschätzt (vgl. Ellinger & Stein, 2006).

4.2 Die Stigma-Identitäts-These

Im Mittelpunkt der Analyse Goffmans stehen die Auswirkungen von Stigmatisierung auf die Identität des Betroffenen. Da die Stigmaträger durch den Sozialisationsprozess dasselbe Wertesystem der Gesellschaft wie ihre Mitmenschen ohne Stigma kennenlernen und teilen, ist ihnen bewusst, dass sie die normativen Erwartungen einer Gesellschaft durch eine unerwünschte Eigenschaft nicht erfüllen (vgl. Petersen & Six, 2008). Folge einer Stigmatisierung kann deshalb die Beschädigung der Identität des Betroffenen sein (vgl. Goffman, 1970).

Die klassische „Stigma-Identitäts-These“ nach Cloerkes (2001) geht davon aus, dass stigmatisierende Zuschreibungen zwangsläufig zu einer Gefährdung und Veränderung der Identität stigmatisierter Menschen führt (vgl. Cloerkes, 2001). Im Prozess der Stigmatisierung nimmt der Stigmaträger folglich die negativen Bewertungen und Zuschreibungen über die eigene Person wahr, die er im alltäglichen Leben und in der sozialen Interaktion widerfährt. Das Bewusstsein über das Stigma und die alltäglichen, tatsächlichen Erfahrungen von Ablehnung und Diskriminierung beeinflussen die Selbsteinschätzung und -wahrnehmung des Betroffenen. Der Betroffene ist sich bewusst, dass er auf Grund seines Stigmas in der Gesellschaft abgewertet werden kann. Ebenfalls kennt ein Stigmaträger auch die Stereotypen und Vorurteile, die mit seinem Stigma assoziiert werden (vgl. Cloerkes, 2001).

Der Stigmaträger empfindet hinsichtlich seiner Ich-Identität einen Widerspruch, da ihm durch normative Erwartungen in der Gesellschaft eine soziale Identität und auch eine persönliche Identität zugetragen wird, die sich mit seiner Selbstwahrnehmung und seiner Ich-Identität nicht decken. Es werden ihm Eigenschaften zugeschrieben, die nicht seiner gewünschten Rolle und seinem Charakter entsprechen. Um eine darauffolgende Identitätskrise zu vermeiden, wenden Stigmaträger Bewältigungsstrategien als Reaktion auf Stigmatisierung an (vgl. Cloerkes, 2001).

Erst wenn diese versagen, kommt es zur Anpassung des Selbst an die negativen Zuschreibungen der Gesellschaft und erst dann kann man davon ausgehen, dass die Identität beschädigt wurde und somit auch eine Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls[2] in Betracht gezogen werden kann (vgl. Cloerkes, 2001).

Diverse empirische Studien, wie beispielsweise die von Major & O’Brien, „The social psychology of stigma“ aus dem Jahre 2005, können allerdings die Stigma-Identitäts-These nicht zweifellos stützen. So belegten die Ergebnisse der Studie von Major & O‘Brien, dass Mitglieder stigmatisierter Gruppen trotz alltäglicher Stigmatisierung und Diskriminierung nicht immer ein geringes Selbstwertgefühl oder negatives Selbstkonzept besitzen oder durch Stigmatisierung eine Identitätskrise widerfahren.

Die Ergebnisse einer weiteren Studie von Katz, Joiner & Kwon „Membership in a devalued social group and emotional well-being: Developing a model of personal self-esteem, collective self-esteem, and group socialization“ aus dem Jahre 2002 stützen zwar die Stigma-Identitäts-These, indem sie in ihrer Studie den Aspekt belegen, dass die Testpersonen einen umso niedrigeren personalen Selbstwert und umso mehr depressive Symptome zeigen, je negativer sie ihre soziale Gruppe bewertet sehen. Allerdings konnten Katz et. al. durch weitere Ergebnisse in ihrer Untersuchung einen sehr entscheidenden Aspekt hinsichtlich der Stigma-Identitäts-These feststellen: Ein wichtiger Einflussfaktor bei der Entstehung einer Identitätskrise und einer Beeinträchtigung für den personalen Selbstwert ist die Identifikation mit der stigmatisierten Gruppe, beziehungsweise inwieweit Gruppenmitgliedschaften allgemein als bedeutsam für die Selbstbeschreibung gesehen werden und in diesem Zusammenhang auch in wie weit das Stigma dann als Bedrohung für den Selbstwert und die Identität empfunden wird. Ebenso spielt hierbei der individuelle Umgang mit Stigmatisierung durch Bewältigungsstrategien eine große Rolle, um eine Identitätskrise und Konsequenzen für das Selbstwertgefühl entgegen zu wirken. Das wiederum könnte eine Erklärung dafür sein, warum ein Stigma nicht zwangsläufig zu einer Reduzierung des Selbstwerts und zu einer Identitätskrise führt (vgl. Katz et. al., 2002).

5 Reaktion und Umgang im Zusammenhang mit Stigmatisierung

In der neueren Forschung werden Stigmaträger allerdings nicht mehr zwangsläufig als gesellschaftlich isolierte Wesen, sondern viel eher als aktive Akteure mit einer Vielzahl an Reaktionsmöglichkeiten im Umgang mit ihrer Stigmatisierung gesehen. Die Reaktionen der Betroffenen werden im Wesentlichen durch drei Komponenten beeinflusst: dem Charakter des Stigmas (wird die abgewertete Eigenschaft nur als Bedrohung für einen Teilbereich oder für die ganze Identität gesehen), den Charakteristika des Betroffenen (welche Strategien stehen ihm in der Bewältigung zur Verfügung) und den Situationsmerkmalen, die festlegen, wann eine mögliche Stigmatisierung als bedrohend wahrgenommen wird (vgl. Knigge, 2009). Stigmaträger sind stets der Möglichkeit ausgesetzt, Diskriminierung und Vorurteile zu widerfahren. Menschen mit einem nicht sichtbaren Stigma (zum Beispiel, eine HIV-Infektion) können zwar im Alltag normal interagieren, leben aber ständig mit der Angst, dass ihr Stigma entdeckt werden könnte. Sie sind sich meist über die negativen Wertungen über die eigene soziale Identität, die in der Gesellschaft herrschen, bewusst (vgl. Goffman, 1970).

Quinn und Chaudoir konnten in ihrer Studie „Living With a Concealable Stigmatized Identity: The Impact of Anticipated Stigma, Centrality, Salience, and Cultural Stigma on Psychological

Distress and Health“, aus dem Jahre 2009, den negativen Effekt von möglicher Stigmatisierung auf das psychologische und körperliche Wohlbefinden nachweisen. Ebenfalls konnten sie in ihrer Untersuchung den Aspekt belegen, dass stigmatisierte Personen oftmals auch unbewusst, die negativen Wertungen der Gesellschaft internalisieren und sich dementsprechend dadurch auch selbst stigmatisieren (vgl. Quinn & Chadoir, 2009).

Durch den Angriff auf die persönliche Identität durch ein Stigma, wird oftmals auch als Folge von Stigmatisierung eine Beeinträchtigung des Selbstwertes in Erwägung gezogen. In einer 20-Jährigen Untersuchung konnten Crocker & Major (1989) allerdings nur wenige Hinweise darauf feststellen. Nach Crocker & Major (1989) können negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl durch Schutzmechanismen vermieden oder verarbeitet werden. Dabei spielen die individuellen Eigenschaften und Denkweisen über das eigene Stigma eine zentrale Rolle, weil Betroffene durch eigene Ressourcen und Bewältigungsstrategien die negativen Auswirkungen ihres Stigmas so regulieren können (vgl. Quinn & Chaudoir, 2009).

Major & O’Brien (2005) sehen Stigmatisierungen erst als eine Identitäts- und Selbstwertbedrohung, wenn der Betroffene sein Stigma als Stressor erlebt, bei welchem die eigenen Schutzmechanismen und Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen. Die Einschätzung ob ein Stigma als Stressor erlebt wird ist von den gesellschaftlichen Repräsentationen des Stigmas, dem situationsbedingten Kontext und den individuellen Eigenschaften bestimmt. Trotz der vielen Reaktionsmöglichkeiten im Umgang mit Stigmatisierung sind die Prozesse der Stigmabewältigung für den Betroffenen oftmals anstrengend. Obwohl sie sich selbst und ihre Identität schützen fordern sie zusätzliche Ressourcen und Energien, was wiederum die Aufmerksamkeit auf andere Lebensaspekte beeinträchtigen und zu einer sinkenden Kapazität des Arbeitsgedächtnisses führen kann. Die Stigmabewältigung ist ein zentraler Aspekt in der Lebensgestaltung eines Stigmaträgers (vgl. Major & O’Brien, 2005).

5.1 Bewältigungsstrategien im Umgang mit Stigmatisierung

Diverse empirische Studien zur Bewältigung von Identitätsproblemen widerlegen die Zwangsläufigkeit der Stigma-Identitäts-These: Denn Stigmaträger wenden Bewältigungsstrategien an und versuchen ihre Identität und ihren Selbstwert dadurch zu schützen. Major und Eccleston (2005) differenzieren zwischen fünf möglichen Bewältigungsstrategien, auf die Stigmaträger zurückgreifen können (Major & Eccleston, 2005, zit. Nach Petersen & Six, 2008).

Zu der ersten Bewältigungsstrategie im Umgang mit Stigmatisierung gehört die Steigerung der Attraktivität als Interaktionspartner im sozialen Austausch. Stigmatisierte können ihre Attraktivität steigern, indem sie beispielsweise versuchen das Stigma zu korrigieren (zum Beispiel durch eine Diät bei Übergewicht), die Kennzeichen des Stigmas versuchen zu retuschieren (zum Beispiel durch eine kosmetische Operation) oder indem sie sich von der stigmatisierten Gruppe distanzieren (durch Verheimlichung des Stigmas, wie zum Beispiel eine HIV-Infektion).

Eine weitere Bewältigungsstrategie ist die Vermeidung von Situationen oder Interaktionen mit sozialen Kontakten, in denen Stigmatisierung stattfinden kann. Stigmaträger können einer Stigmatisierung ausweichen, indem sie Situationen oder soziale Kontakte vermeiden, in denen sie Ausgrenzung und Ablehnung widerfahren würden oder Situationen verhindern, in denen das Stigma besonders auffällig ist (wie zum Beispiel Übergewichtige, die nicht ins Fitnessstudio gehen), sowie soziale Beziehungen, in denen man ebenfalls eine Stigmatisierung erwarten kann (wie zum Beispiel romantische oder sexuelle Beziehungen).

Stigmatisierte können ebenfalls ihre Identität und ihren Selbstwert schützen, indem sie sich innerlich von den Erwartungen und Aufgaben in den für sie stigmatisierenden Lebensbereichen distanzieren. Als Beispiel dafür kann man homosexuelle Menschen anführen, die in ihrem Beruf auf Grund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden und dadurch Interesse an ihrer Arbeit verlieren und sich beruflichen Verpflichtungen entziehen (Major & Eccleston, 2005, zit. Nach Petersen & Six, 2008).

Ebenso gehört zu den Bewältigungsstrategien, dass Stigmatisierte sich verstärkt alternativen Beziehungen zuwenden, in denen sie Wertschätzung und Respekt widerfahren. In diesem Zusammenhang kann eine hohe Identifizierung mit der eigenen Gruppe sogar vor einer Reduktion des Selbstwertgefühls schützen. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Stigmatisierten sich gemeinsam innerhalb ihrer Gruppe gegen die Diskriminierung und Stigmatisierung zusammenschließen und sich alternative Sichtweisen zu den negativen Stereotypen der eigenen Gruppe aneignen (wie zum Beispiel, eine Anti-Mobbing-Kampagne) (Major & Eccleston, 2005, zit. Nach Petersen & Six, 2008).

Die letzte Bewältigungsstrategie ist die externale Attribution. Stigmatisierte können ihre Identität und ihren Selbstwert schützen, indem sie die alltäglichen Ausgrenzungen und Ablehnungen nicht auf ihre persönlichen Eigenschaften, sondern auf die Vorurteile gegenüber ihrer sozialen Gruppe beziehen. Zu dieser Bewältigungsstrategie führten Crocker und Quinn die Studie „Racism and self-esteem“ im Jahre 1998 durch und konnten mit den Ergebnissen beweisen, dass situationsbedingte und personale Faktoren dazu führen können, dass das Erleben von Stigmatisierung den personalen Selbstwert und die Identität nicht beeinflusst, wenn das Vorurteil nur auf die Gruppenzugehörigkeit wahrgenommen und nicht auf die eigene Person zurückgeführt wird (vgl. Crocker & Quinn, 1998).

5.2 Der Effekt des Selbstwertschutzes

Erfolgreich durchgeführte Bewältigungsstrategien im Umgang mit einem Stigma können vor den möglichen Folgen von Stigmatisierung schützen. Bewältigungsstrategien können ebenfalls zum Schutz des Selbstwertes eingesetzt werden. Das Bedürfnis nach Selbstwertschutz ist umso höher, je niedriger das Selbstwertgefühl in einer sozialen Interaktion wahrgenommen wird (vgl. Zisler, 2009). Im Zusammenhang mit Stigmatisierung strebt der Betroffene danach seinen Selbstwert zu schützen und gleichzeitig auch zu erhöhen, wenn eine subjektiv wahrgenommene Gefährdung durch Stigmatisierung auf den personalen Selbstwertes in Erwägung gezogen wird (vgl. Major et. al., 1998).

Major, Spencer, Schmader, Wolfe & Crocker führten 1998 die Studie „Coping with negative stereotypes about intellectual performance: The role of psychological disengagement“ durch und untersuchten den Effekt des Selbstwertschutzes im Zusammenhang mit Stigmatisierung. Getestet wurden 77 Studierende, von denen 45 eine weiße und 32 eine schwarze Hautfarbe hatten. Die Probanden wurden mit einem Wörterassoziationstest getestet, der als Prädiktor für einen zukünftigen akademischen Erfolg vorgestellt wurde. Damit wurde gleichzeitig auch auf die Nachteile von afroamerikanischen Studierenden bei der Bildungsbeteiligung hingewiesen.

Die Probanden erhielten nach jedem Item ein Erfolgs- oder Misserfolgsfeedback, welches ein Erfolgs- oder Misserfolgserleben bei der Testung gewährleisten konnte. Des Weiteren wurde der allgemeine Selbstwert nach Rosenberg (1965) und das aktuelle Leistungsselbstvertrauen mit der State-Self-Esteem-Scale nach Heatherton und Polivy (1991) erfasst. Im Anschluss an dem Wörterassoziationstest wurde noch die wahrgenommene erbrachte Leistung erhoben.

Das Ergebnis in dieser Untersuchung war, dass die weißen Studierenden nach überwiegend positiven Feedback in ihrer Testung, ihre Angaben zum Leistungsselbstvertrauen dem positiven Feedback anpassten und nach einem überwiegend negativen Feedback ebenso ihre Angaben im Leistungsselbstvertrauen dem negativen Feedback annäherten, während die afroamerikanischen Studierenden unabhängig von positiven oder negativen Feedback ihre Angaben im Leistungsselbstvertrauen nicht dem Feedback anpassten. Die Feedback-Manipulationen zeigten bei den Afroamerikanern somit keinen Effekt.

Zusammenfassend sehen Major et. al. die Ergebnisse als einen Beleg dafür, dass Afroamerikaner auf Grund ihrer stigmatisierten Ethnie ihren Selbstwert von Rückmeldungen loslösen und schützen, sowie in diesem Zusammenhang ihren Selbstwert nicht beeinträchtigen lassen. Als eine plausible Erklärung für die Wirkungslosigkeit der Feedback-Manipulationen geben sie eine mögliche chronische Entkoppelung des Selbstwertes auf Grund von alltäglichen Stigmatisierungserfahrungen an (vgl. Major et. al, 1998).

Diese Aussage wird gestützt, indem auf die Konstanz der afroamerikanischen Leistungsselbstvertrauenswerte hingewiesen wird und man möglicherweise davon ausgehen kann, dass Afroamerikaner um ihre Benachteiligung in der Bildungsbeteiligung wissen, was wiederum mit Vorurteilen und Stereotypisierung aus der Gesellschaft verknüpft ist.

In einer Folgestudie untersuchten Major et. al. (1998) die Effekte der Aktivierung der ethnischen Zugehörigkeit[3] direkt. In dieser Testung wurden 37 weiße und 30 schwarze Studierende untersucht. Dabei wurden der allgemeine Selbstwert und das Leistungsselbstvertrauen im Zusammenhang mit der Aktivierung des Selbstwissens über die ethnische Zugehörigkeit erhoben und als Vergleich, wurde in einer weiteren Testung innerhalb der Studie das Selbstwissen über die ethnische Zugehörigkeit nicht aktiviert.

Entsprechend der Annahmen belegten die Ergebnisse, dass die afroamerikanischen Studierenden bei der Aktivierung des Selbstwissens über ihre ethnische Zugehörigkeit einen höheren personalen Selbstwert erzielten als in der Testung ohne Aktivierung. Major et. al. erklären diesen Effekt damit, dass Afroamerikaner durch die Aktivierung ihrer ethnischen Zugehörigkeit, unter dem Einfluss eines negativen Stereotyps und Vorurteilen stehen und als Gegenmaßnahme gegen die Stigmatisierung somit versuchen, ihren personalen Selbstwert zu erhöhen, um die Vorurteile oder Stereotype zu widerlegen. Bei den weißen Amerikanern, die nicht unter den Folgen von Stigmatisierung leiden, konnte im Vergleich ein umgedrehter Effekt in Bezug auf personaler Selbstwert und Leistungsselbstvertrauen festgestellt werden. Die weißen Amerikaner wirken bei der Testung mit Aktivierung ihrer Ethnie dem damit verbundenen positiven Vorurteil entgegen, weshalb sie einen höheren Selbstwert angeben, wenn ihre Ethnie nicht aktiviert worden ist.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Major et. al. mit ihrer Studie belegen können, dass der Stigmatisierte seinen Selbstwert im Stigmatisierungsprozess permanent versucht durch Bewältigungsstrategien zu schützen und im Laufe seines Lebens gelernt hat, wie man auf Stigmatisierung reagiert beziehungsweise wie man mit Stigmatisierung umgeht.

Die Studie gilt als ein Beweis dafür, dass erfolgreiche Bewältigungsstrategien im Umgang mit Stigmatisierung die Betroffenen vor den möglichen Folgen von Stigmatisierung schützen können (vgl. Major et. al, 1998).

6 Fazit

Stigmatisierung ist auf der Welt allgegenwärtig und findet in jeder Kultur und Gesellschaft statt. Menschen, die durch unerwünschte Eigenschaften zu einer spezifischen Personengruppe zugeordnet werden können, unterliegen dem Prozess der Stigmatisierung. Diese spezifischen Personengruppen zeichnen sich dadurch aus, dass sie von den jeweiligen Normen und Werten einer Gesellschaft abweichen. Die Betroffenen widerfahren Ausgrenzung und Statusverlust und gelten als nicht vollwertige Mitglieder in ihrer Gesellschaft. Die Auswirkungen können viele weitere erhebliche Konsequenzen für die Betroffenen herbeiführen. Die Vertreter der sogenannten Stigma-Identitäts-These gehen davon aus, das Stigmaträger aufgrund mangelnder Fähigkeiten nicht dazu in der Lage sind, sich vor Anfeindungen gegenüber ihrer eigenen Person zu schützen und dass Stigmatisierung zwangsläufig zu einer Identitätskrise führen kann. Der Stigma-Identitäts-These folgend erscheint die Vorstellung eines negativen Selbstbezugs von Stigmatisierten somit als nahezu unumgänglich.

Empirische Studien widerlegen allerdings die Zwangsläufigkeit der Stigma-Identitäts-These. So belegen einige Studien den Aspekt, dass Stigmatisierung zwar eine mögliche Gefährdung für die Identität sowie Konsequenzen für das Selbstwertgefühl darstellen kann, allerdings können Stigmaträger durch eigene Ressourcen und individuelle Fähigkeiten auf Bewältigungsstrategien zurückgreifen und sich somit vor den möglichen negativen Folgen von Stigmatisierung schützen. Die empirische Studie von Major, Spencer, Schmader, Wolfe & Crocker[4] ist ein Beweis dafür, dass Stigmaträger, trotz alltäglicher Stigmatisierung, ihren Selbstwert von negativen Rückmeldungen entkoppeln. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass die Betroffenen durch Bewältigungsstrategien gelernt haben, wie sie mit ihrem gesellschaftlich unerwünschten Merkmal ihren Alltag meistern. Ein Stigma gilt dann erst als Identitäts- und Selbstwertgefährdung, wenn diese Bewältigungsstrategien versagen.

In der heutigen Zeit haben stigmatisierte Personen, neben ihren individuellen Bewältigungsstrategien, viele weitere Möglichkeiten im Kampf gegen die Stigmatisierung. Die Zahl der Hilfeeinrichtungen, Organisationen, Verbände sowie sozialen Beratungsstellen sind in den letzten Jahrzehnten enorm angestiegen. Betroffene können sich jederzeit Hilfe und Unterstützungsleistungen suchen. Ein weiterer interessanter Aspekt in dieser Thematik ist ebenfalls der epochale Wandel in Bezug auf unerwünschte Merkmale, die zu einem Stigma führen können. Als Beispiel dafür kann man das Stigma Homosexualität anführen. Das Stigma Homosexualität wird immer mehr zu einem „normalen Phänomen“. Durch gleichgeschlechtliche Ehe oder Adoptionen von gleichgeschlechtlichen Paaren gewinnt Homosexualität stetig an Toleranz und Wertschätzung in unserer Gesellschaft.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, das Stigma und Stigmatisierungen auch zukünftig in unserer Gesellschaft vorhanden sein werden und durch einen permanenten epochalen Wandel beeinflusst sind. Ein Stigma prägt die Lebensgestaltung eines Betroffenen in allen sozialen Bereichen.

Trotz der zunehmenden Toleranz von einigen Stigma-Phänomenen löst ein Stigma bei den Betroffenen immer eine Bereitschaft zum Schutz der eigenen Person aus. Zwischenmenschliche Feindseligkeit und die resultierenden Folgen kann man nicht verhindern, allerdings hat jeder Mensch genügend Handlungsmöglichkeiten um damit umzugehen.

Literatur

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è http://www.arts.uwaterloo.ca/~sspencer/spencerlab/articles/1998-Major-Spencer-Schmader-Wolfe-Crocker.pdf (zuletzt aufgerufen: 11.04.2016)

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è https://www.researchgate.net/publication/26852441_Living_With_a_Concealable_Stigmatized_Identity_The_Impact_of_Anticipated_Stigma_Centrality_Salience_and_Cultural_Stigma_on_Psychological_Distress_and_Health (zuletzt aufgerufen: 11.04.2016)

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Zisler, D. (2009). Wer bin ich? Grundprobleme menschlicher Existenz. Frankfurt a. M.: Peter Lang GmbH internationaler Verlag der Wissenschaften

[...]


[1] Das Selbstkonzep t umfasst die subjektive Wahrnehmung der Fähigkeiten, Eigenschaften, Vorlieben, Gefühle und Verhaltensweisen der eigenen Person (vgl. Zisler, 2009).

[2] Selbstwertgefühl: subjektive Bewertung der eigenen Person beziehungsweise die Zufriedenheit mit sich selbst (vgl. Zisler, 2009).

[3] Die Probanden wurden vor der Testung darüber eingeweiht, dass die Studie die Nachteile von ethnischen Minderheiten in der Bildungsbeteiligung überprüfen soll. Somit war das Selbstwissen über die ethnische Zugehörigkeit der Afroamerikaner in der Testsituation mobilisiert.

[4] „Coping with negative stereotypes about intellectual performance: The role of psychological disengagement“, aus dem Jahre 1998.

Details

Seiten
21
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668405417
ISBN (Buch)
9783668405424
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354526
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,7
Schlagworte
Soziologie pädagogik psychologie stigma stigmatisierung stereotyp Vorurteil diskriminierung

Autor

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Titel: Der Umgang mit Stigmatisierung. Die Auswirkungen eines Stigmas auf die Identität und den Selbstwert