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Sind Fortschritt und Nachhaltigkeit vereinbar? Kunsthistorische und philosophische Überlegungen

Essay 2016 15 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Evolution des Fortschrittsparadigmas
2.1 Von der Linearperspektive zu Condorcets Fortschrittsbegriff
2.2 Wie Fortschritt und Wachstum eins wurden

3. Nachhaltigkeit

4. Zur Vereinbarkeit von Fortschritt und Nachhaltigkeit
4.1 Grünes Wachstum
4.2 Postwachstum und Hindernisse
4.3 Fortschritt neu denken

5. Ausblick

6. Literatur

„Plus Ultra“ (lat.: Immer weiter )
Devise des spanischen Königs Karl V.

„ Klar ist: Ein Weiter-so darf es nicht geben.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel [1]

1. Einleitung

Sind Fortschritt und Nachhaltigkeit miteinander vereinbar? Um diese Frage diskutieren zu können, ist es notwendig, die beiden Begriffe näher zu beleuchten. Als Ausgangspunkt dieses Essays soll deshalb die Darstellung der Genese des modernen Fortschrittsbegriffes dienen. Dabei wird auf eine kunsthistorische Entwicklung der Renaissance, die Einführung der Zentralperspektive, und auf den philosophischen Entwurf des französischen Aufklärers Condorcets eingegangen. Dann soll ausgehend von Adam Smiths Werk „Der Wohlstand der Nationen“ nachgezeichnet werden, wie Fortschritt zunehmend mit wirtschaftlichem Wachstum in Verbindung gebracht wurde. In diesem Zusammenhang wird auch auf die vermeintliche Messbarmachung von Fortschritt durch die Verbreitung des statistischen Maßes des Bruttoinlandsproduktes eingegangen.

Im Anschluss wendet sich der Essay der Entstehung des Paradigmas der Nachhaltigkeit beziehungsweise der Nachhaltigen Entwicklung und seiner steigenden Bedeutung im weltweiten Diskurs zu. Verschiedene Konzepte (Green Growth, Postwachstum, Buen Vivir) werden auf ihr Fortschrittsverständnis hin beleuchtet und zur Vereinbarkeit desselben mit Nachhaltigkeit befragt. Bei dieser Betrachtung wird deutlich, dass bei der Diskussion um den Fortschrittsbegriff grundsätzliche Fragen nach dem Verständnis von Wohlstand und dem guten Leben aufgeworfen werden. Im abschließenden Fazit wird die Frage nach der Vereinbarkeit von Fortschritt und Nachhaltigkeit grundsätzlich bejaht und eine entsprechende Fortschrittsvision kurz formuliert.

2. Evolution des Fortschrittsparadigmas

Wir schreiben das Jahr 1516. Der Habsburger Karl V. wird König von Spanien und wählt als sein persönliches Motto „plus ultra“ („immer weiter“). Nur gut zwei Jahrzehnte zuvor hatte Christoph Kolumbus die sogenannte Neue Welt „entdeckt“. Diese wirkte nun geradezu endlos, erforschbar und zur Aneignung durch den Menschen bereit. Erst durch die Überwindung der Vorstellungen von gewissen räumlichen oder zeitlichen Grenzen der Welt, wie sie die mystischen Säulen des Herakles in der Antike oder die mittelalterliche Furcht vor dem Tag des Jüngsten Gerichts darstellten, konnte sich das lineare und säkulare Fortschrittsverständnis der Moderne entwickeln. Als Startpunkt dieses Prozesses, der in Condorcets philosophischem „Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes“ aus dem Jahr 1793 seinen Endpunkt findet, kann die Einführung der Linearperspektive in der Renaissance interpretiert werden (Lepenies 2014: 4).

2.1 Von der Linearperspektive zu Condorcets Fortschrittsbegriff

Die Linearperspektive, wie sie in Masaccios Trinitätsfresko aus dem Jahr 1425 prominent zur Anwendung kommt, war mehr als nur ein neues technisches Werkzeug. Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky argumentiert in seinem 1927 erschienen Essay „Die Perspektive als symbolische Form“, dass die Verwendung von Perspektive eine neue Herangehensweise an Raum, Mathematik und Unendlichkeit darstellte (Panofsky 1927). Die Vorstellung, dass Objekte in einem konzeptionell erst zu schaffenden Raum mit Hilfe der Geometrie gemäß mathematischer Regeln präzise platziert werden konnten, markierte einen Wendepunkt im westlichen Denken.

Dieses war in der Renaissance geprägt von einer zunehmenden Säkularisierung und einem neuen Anthropozentrismus. Der Mensch, so die Überzeugung, konnte die Natur nicht nur verstehen, sondern sie auch aktiv formen und verändern. Den Künstlern ging es nicht mehr darum, wie im Mittelalter heilige Bilder für religiöse Zwecke zu schaffen. Vielmehr konstruierten sie die Welt anhand genauer Anleitungen und Regeln, wie sie beispielsweise Leon Battista Albertis „De Pictura“ oder Dürers Kupferstiche darstellten, nach. Dabei befand sich der Künstler selbst in einer privilegierten Position. Er nahm die Welt wie durch ein Fenster blickend wahr und übersetzte sie durch die Sprache von Geometrie und Proportionen ins Bild, wodurch er gewissermaßen selbst zum Schöpfer wurde (Lepenies 2014: 37).

Die Verwendung der Linearperspektive und die damit einhergehende „Erfindung“ von Horizont und Fluchtpunkt, beeinflusste somit das Verständnis von Raum, Zeit und Unendlichkeit maßgeblich. Sie brachte die optimistische Idee einer unbegrenzten Zukunft mit sich, die durch den Menschen gestaltet werden konnte (ebd.: 39). Die physische Welt war erklärbar geworden, keine mystische Angst hielt den Menschen mehr davon ab, sie zu erforschen und sich anzueignen.

Im Zeitalter der Aufklärung formte sich aus diesen Entwicklungen und Strömungen eine kohärente Weltanschauung, die eine säkulare Alternative zur christlichen Eschatologie bot. Dies war möglich geworden, weil die Kirche durch verschiedene politische Ereignisse, wie den Dreißigjährigen Krieg, zunehmend an Macht eingebüßt hatte und damit auch ihre Deutungshoheit bezüglich der Vorstellungen von Zeit und Zukunft verloren hatte (ebd.: 62). Das Ende der Welt rückte in immer weitere Ferne und eine neue Strömung von Naturwissenschaftlern und Philosophen, zu denen beispielsweise René Descartes und sein frühneuzeitlicher Rationalismus gehörten, traten durch ihre Lehren in Konflikt mit der Kirche.

Von den Jakobinern verfolgt, schrieb der französische Philosoph und Politiker Condorcet im Jahr 1793 seinen „Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes“ nieder (Condorcet 1793). In einem historischen Abriss unterteilte er die Entwicklung der Menschheit in zehn Stufen und legte ihren kontinuierlichen Fortschritt in Richtung einer Vervollkommnung dar. Dies geschehe, so Condorcet, durch den Einsatz der Vernunft, ein Akt der Freiheit, der die Menschheit durch Fortschritt und Zivilisierung unaufhörlich weiter vorantreiben werde. Durch universelle Bildungsprogramme und den Einsatz sozialer Mathematik könne der Prozess hin zu einer Massenaufklärung und der idealen Zukunft sogar noch beschleunigt werden. Letztendlich gäbe es aber aufgrund der bisherigen Entwicklung der Menschheit keinen Zweifel an der Entwicklung hin zu einer Gleichheit zwischen den Nationen, innerhalb der Völker und letztlich der wirklichen Vervollkommnung des Menschen (ebd.: 345). Der französische Philosoph war damit der erste, der eine Theorie des Fortschritts mit der Prophezeiung einer säkularen und zielgerichteten Zukunft verband (Lepenies 2014: 71).

2.2 Wie Fortschritt und Wachstum eins wurden

Während Condorcets Vision der Zukunft durch einen fortlaufenden geistigen Fortschritt charakterisiert war, war dieser für seinen Zeitgenossen, den schottischen Ökonomen Adam Smith, materieller Natur. Das grenzenlose Gefühl des Menschen es immer besser haben zu wollen, sah Smith als biologisch gegeben an: „(...) the desire of bettering our condition (...) comes with us from the womb, and never leaves us till we go into the grave.“ (Smith 1776: 20). In seinem 1776 veröffentlichtem Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ fasste er wirtschaftstheoretische Erkenntnisse liberaler Vordenker zusammen und richtete sich gegen Handelsschranken und die vorherrschende Politik des Merkantilismus. Smith war der Überzeugung, dass durch die positiven Effekte der Arbeitsteilung und das rationale Eigeninteresse des Menschen als treibende Kraft eine deutliche Ausweitung der Produktion möglich werden würde. Diese könnte, in einer gut regierten Gesellschaft, eine „ universal opulence which extends itself to the lowest ranks of the people “ ermöglichen (ebd.: 6). Dieses materielle Fortschrittsversprechen, war jedoch weit entfernt von der historischen Realität des 18. Jahrhunderts. Erst knapp 200 Jahre später schienen sich diese Hoffnungen für weite Teile der Gesellschaften des Globalen Nordens zu erfüllen. Die Wohlstandsausweitung der 1950er und 1960er prägte das Verständnis von Fortschritt und Entwicklung in den westlichen Industriegesellschaften nachhaltig. Dabei spielte der weltweite Siegeszug einer statistischen Kennzahl eine zentrale Rolle.

Während in den 1930er Jahren noch unterschiedliche Vorstellungen existierten, wie sich wirtschaftliche Vorgänge in Zahlen abbilden ließen, etablierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg das Bruttosozialprodukt (BSP) als weltweiter Standard.[2] Die Besonderheit des Ansatzes war, dass er die Produktion als entscheidende Parameter abbildete und sich und nicht wie andere Ansätze beispielsweise das besteuerbare Einkommen zur Grundlage nahm. Das BSP eignete sich damit, um das Kriegspotential der amerikanischen Wirtschaft zu bestimmen und wurde später mit dem militärischen Sieg positiv in Verbindung gebracht (Lepenies 2011: 152). Auch nach dem Krieg wurde die statistische Kennzahl von politischen Entscheidungsträgern als nützlich betrachtet. So galt eine Steigerung des BSP schnell als einziger Weg, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen und wirtschaftliche Krisen zu verhindern. Mit dem Marshallplan wurde in der Nachkriegszeit nicht nur die Vision von materiellem Wohlstand ins zerstörte Europa, sondern auch das passende statistische Berechnungsinstrument exportiert (ebd.: 160).

Diese Entwicklung wurde auch wissenschaftlich begleitet, wobei die Theoriebildung eher nachholend verlief (ebd.: 161). Ökonomen wie Paul Rosenstein-Rodan beschäftigten sich beispielsweise mit Entwicklungsunterschieden zwischen verschiedenen Ländern und untermauerten die Vorstellung, dass das reale Pro-Kopf-Einkommen das einzig relevante Maß des Fortschritts sei (Rosenstein-Rodan 1944). Diese Einflüsse bildeten auch die Grundlage für die in den 1950er Jahren entstehende Entwicklungspolitik innerhalb des Systems der Vereinten Nationen. Werke wie „The Theory of Economic Growth“ von Arthur Lewis trugen aktiv dazu bei, dass sich der Zuwachs des BSP als Definition von Entwicklung und Fortschritt durchsetzte (Lewis 1955). Gleichzeitig untermauerten die realen Wachstumserfahrungen in den westlichen Gesellschaften diese Vorstellung und gaben ihr Legitimität. Durch die stetige Ausweitung der Produktion, gehörte das Phänomen der Massenarmut in vielen westlichen Gesellschaften bereits gegen Ende der 1950er Jahre der Vergangenheit an. Der Lebensstandard vieler Menschen hatte sich innerhalb eines Jahrzehnts spürbar verbessert. John Kenneth Galbraith beschrieb den daraus resultierenden gesellschaftlichen Wandel in seinem Werk „The Affluent Society“ und auch in der Bundesrepublik war Armut in Zeiten des Wirtschaftswunders kein Thema in der öffentlichen Diskussion mehr. „Wohlstand für Alle“ schien für Ludwig Erhard durch die soziale Marktwirtschaft möglich geworden (Erhard 1957).[3] Fortschritt und (wirtschaftliches) Wachstum waren eins geworden. Grenzen waren keine in Sicht.

[...]


[1] Zit. nach Michael Bauchmüller/Jeanne Rubner, „Merkels Wende“, in Süddeutsche Zeitung v. 09.12.2008.

[2] Das Bruttosozialprodukt ist weitestgehend mit dem heute verwendeten Bruttoinlandsprodukt identisch, zur genauen Unterscheidung siehe: Lepenies 2011: 17f.

[3] Einzelne Autoren wie Peter Townsend plädierten allerdings bereits zu Beginn der 1960er Jahre für ein relatives Verständnis von Armut, die sie damit keinesfalls als besiegt sahen (Townsend 1962).

Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668405165
ISBN (Buch)
9783668405172
Dateigröße
786 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354468
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Nachhaltigkeit Fortschritt Kunstgeschichte Adam Smith Condorcets Renaissance Zentralperspektive

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