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Ungewollte Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch als nicht-normative Entwicklungsaufgabe in der Adoleszenz

Hausarbeit 2015 22 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Adoleszenz und Entstehung eines sexuellen Bewusstseins
1.1 Lebensphase ‚Adoleszenz‘
1.2 Normative und Nicht-normative Entwicklungsaufgaben
1.3 Sexuelles Risikoverhalten und Kontrazeption
1.4 Demographische Daten

2 Rolle der sozialen Umwelt
2.1 Familiäre Konstellation und Reaktion der Eltern
2.2 Rolle des Partners
2.3 Schulbildung und soziale Benachteiligung

3 Innere Beweggründe und Konflikte
3.1 Beweggründe für einen Schwangerschaftsabbruch
3.2 Konflikte und Ambivalenzen mit der Entscheidung
3.3 Exkurs: Access to Abortion – Deutschland und Irland im Vergleich

Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Rahmen der von mir angefertigten Hausarbeit wird die These aufgestellt, dass ungewollte Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche eine nicht-normative Entwicklungs-aufgabe in der Adoleszenz darstellen. Um diese näher zu untersuchen teilt sich die Arbeit folgendermaßen auf: im ersten Abschnitt soll zunächst eine Heranführung an das Thema erleichtert werden durch eine Erläuterung der Begrifflichkeiten der Adoleszenz und (deren) Entwicklungsaufgaben. Das sexuelle Risikoverhalten und der Umgang mit Kontrazeption im Jugendalter wird im Anschluss näher betrachtet und dient dem Übergang zur ungewollten Schwangerschaft bei Minderjährigen. Um sich das Ausmaß dieses Themas besser vorstellen zu können, werden einige relevante demographische Daten genannt. Im nächsten Abschnitt dieser Hausarbeit wird die Rolle des sozialen Umfelds beleuchtet. Dieses beinhaltet die familiäre Konstellation und Reaktion der Eltern, die Rolle des Partners sowie die Schulbildung und potentielle soziale Benachteiligung.[1] Diese Faktoren werden sowohl in der Hinsicht betrachtet, dass sie mögliche Determinanten oder Risikofaktoren für eine ungewollte Schwangerschaft im Jugendalter sein könnten, aber auch inwiefern sie die Entscheidung einer minderjährigen Schwangeren für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch beeinflussen. Anschließend werden mögliche innere Beweggründe und Konflikte genannt, die mit der Entscheidung eines Schwangerschaftsabbruches einhergehen und das Erleben dieser Situation widerspiegeln. Vergleichend wird danach der Zugang zu einem Schwangerschaftsabbruch und den damit verbundenen Konfliktbewältigungen zwischen den Ländern Deutschland und Irland beleuchtet. Im Fazit soll schlussfolgernd verdeutlicht und somit die Fragestellung der These beantwortet werden, inwiefern eine ungewollte Schwangerschaft und ein Schwangerschaftsabbruch als nicht-normative Entwicklungsaufgabe betrachtet werden kann und ob ein solches kritisches Lebensereignis die Entwicklung im Jugendalter und auch in späteren Lebensphasen beeinflusst.

Wichtig zu erwähnen ist, dass sich im Laufe der Recherche herausgestellt hat, dass viele Studien und auch wissenschaftliche Texte zum Schwangerschaftsabbruch aufgrund des polarisierenden Themas von den Autoren nicht selten objektiv verfasst wurden. Im Rahmen dieser Arbeit stütze ich mich jedoch auf aus meiner Sicht neutrale und objektiv verfasste Literatur. Eine Ausnahme stellt die in 3.3 Exkurs: Access to Abortion – Deutschland und Irland im Vergleich verwendete englischsprachige Studie A State of Isolation. Access to Abortion for Women in Ireland der amerikanischen Organisation Human Rights Watch dar. Diese kritisierte die Regierung des Landes stark wegen dessen Gesetzgebung, worauf ich jedoch bewusst keine Stellung nehmen werde. Über die Arbeit hinweg werde ich regelmäßig auf die Studie Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch bei minderjährigen Frauen von 2009 verweisen, deren Herausgeber die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung[2] ist. Diese Studie erschien mir eine aktuelle und vor Allen Dingen objektiv verfasste Quelle zu sein. Die Studie fand in Zusammenarbeit mit 136 profamilia -Beratungsstellen statt[3], dessen Erhebungszeitraum die Jahre 2005 bis 2007 umfasst. Die Studie beinhaltet eine quantitative Erhebung zu soziodemographischen und biographischen Daten, Angaben zum Partner und Angaben zu den Umständen der Konzeption mit 2278 minderjährigen Schwangeren und eine qualitative Befragung zu den Reaktionen auf die Schwangerschaft, den Umständen der Konzeption, den Entscheidungsprozessen und Konflikten, dem Erleben des Schwangerschaftsabbruchs und der Abbruchsversorgung sowie der Sexual- und Verhütungsbiographie mit 62 minderjährigen Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch. Letztere ist eine äußerst kleine Stichprobe, weshalb es zwingend gilt, diese Ergebnisse nur mit Vorsicht auf die Allgemeinheit zu beziehen.

1 Adoleszenz und Entstehung eines sexuellen Bewusstseins

In dem folgenden Kapitel wird der Begriff der hier relevanten Lebensphase ‚Adoleszenz‘ nach Hall und Erikson definiert. Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit sich die von Havighurst postulierten Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz anwenden und wie sich normative und nicht-normative Entwicklungsaufgaben differenzieren lassen. Des Weiteren wird explizit auf das Thema Sexuelles Risikoverhalten und Kontrazeption bei Jugendlichen eingegangen. Dies dient einem leichteren Einstieg in die Arbeit und zusammenfassend mit der Nennung relevanter demographischer Daten als Heranführung an das Thema Ungewollte Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch als nicht-normative Entwicklungsaufgabe in der Adoleszenz.

1.1 Lebensphase ‚Adoleszenz‘

Der Begriff ‚Adoleszenz‘ leitet sich vom lateinischen adolescere (‚heranwachsen‘) ab. Theoretisch bezeichnet es eine Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, praktisch wird es häufig als Synonym für die Teenagerjahre verwendet. Die Meinungen in der Wissenschaft sind über den Anfang und das Ende der Adoleszenz unterschiedlich. Viele Autoren betrachteten als Untergrenze der Adoleszenz den Beginn der Pubertät. Für den Abschluss des Jugendalters ist ein biologisches Kriterium nicht festlegbar. Als Kennzeichen des Erwachsenenstatus wird vor Allem die soziale und ökonomische Unabhängigkeit gesehen.

Nach Oerter und Dreher (2002, S.271) „ist das Jugendalter eine Phase innerhalb des Lebenszykluses, welche durch das Zusammenspiel biologischer, intellektueller und sozialer Veränderungen zur Quelle vielfältiger Erfahrungen wird.“

Der amerikanische Psychologe und Pädagoge G. Stanley Hall war der erste Wissenschaftler, der sich mit der Adoleszenz[4] befasste. Hall war ein Anhänger von Darwins Evolutionstheorie und glaubte, dass die kindliche Entwicklung den Lauf der Evolution widerspiegelt und alle Menschen sich gemäß ihrer Erbinformationen entwickeln. Besonders fasziniert war Hall von ‚Sturm und Drang‘, der Genieperiode der deutschen Literatur, in der ‚junge Wilde‘ sich über alle Regeln hinwegsetzten. Analog dazu bezeichnete er die Adoleszenz als ‚Sturm und Drang‘-Phase des Lebens. In dieser Zeit lechzten die Heranwachsenden nach starken Gefühlen und neuen Eindrücken. Die Jugendlichen nehmen sich selbst und ihre Umgebung viel bewusster wahr, empfinden stärker und wollen intensive Gefühle um ihrer selbst willen erleben. Für Erik H. Erikson hingegen folgt die menschliche Entwicklung dem epigenetischen Prinzip, das besagt, dass jeder Organismus mit einem Entwicklungsziel geboren wird. Laut Erikson entfaltet sich die Persönlichkeit eines Menschen in acht Stadien und steht in ständiger Wechselwirkung zwischen Erb- und Umwelteinflüssen. Mit der Adoleszenz beginnt die fünfte Phase, deren Thema ‚Identität gegen Rollenkonfusion‘ lautet. In dieser entwickeln Jugendliche ein Gefühl der Kontinuität ihres Ichs. Im Idealfall entsteht ein einheitliches Selbstgefühl - die Ich-Identität. Ungünstige Verläufe können zur ‚Identitätskrise‘ führen (Noack, 2010).

1.2 Normative und Nicht-normative Entwicklungsaufgaben

Robert J. Havighurst erarbeitete in den 1940er Jahren das Konzept der Entwicklungsaufgaben. Die zentrale Idee dieses Konzepts beruht darauf, dass prototypische Anforderungen oder Lernaufgaben als Entwicklungsaufgaben in einer bestimmten Lebensphase bewältigt werden müssen. Somit fasst Havighurst Entwicklung als Lernprozess auf, wodurch Fertigkeiten und Kompetenzen erworben werden. Seine Definition (Havighurst, 1956, S. 215, aus der Übersetzung von Dreher, E. & Dreher, M., 1985, S. 30) dazu lautet folgendermaßen:

„Eine ‚Entwicklungsaufgabe‘ ist eine Aufgabe, die in oder zumindest ungefähr zu einem bestimmten Lebensabschnitt des Individuums entsteht, deren erfolgreiche Bewältigung zu dessen Glück und Erfolg bei späteren Aufgaben führt, während ein Misslingen zu Unglücklichsein, zu Missbilligung durch die Gesellschaft und zu Schwierigkeiten mit späteren Aufgaben führt ... Die Entwicklungsaufgaben einer bestimmten Gruppe haben ihren Ursprung in drei Quellen: (1) körperliche Entwicklung, (2) kultureller Druck (die Erwartungen der Gesellschaft), und (3) individuelle Wünsche und Werte.“

Zusammenfassend stellt eine Entwicklungsaufgabe folglich eine Bindeglied im Spannungsverhältnis zwischen individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Anforder-ungen dar (Oerter & Dreher, 2008). Havighurst verbindet mit der hier relevanten Lebenspanne ‚Adoleszenz‘, der er das 13. bis 17. Lebensjahr zuordnet, folgende Entwicklungs-aufgaben: Körperliche Reifung, Gemeinschaft mit Gleichaltrigen und Heterosexuelle Beziehungen. Mit dem 18. Lebensjahr beginnt laut Havighurst die ‚Jugend‘, in der die Autonomie von den Eltern, die Identität in der Geschlechterrolle, ein internalisiertes moralisches Bewusstsein und die Berufswahl als Entwicklungsaufgaben fungieren (Havighurst, 1948).[5]

Allgemein lassen sich Entwicklungsaufgaben in zwei Kategorien einteilen, nämlich in normative und nicht-normative Entwicklungsaufgaben. Normative Entwicklungsaufgaben definieren sich als Anforderungen, die für alle Menschen einer bestimmten Kultur auf einem bestimmten Entwicklungsniveau gelten. Damit ist gemeint, dass diese dem statistischen Durchschnitt des jeweiligen Alters und der jeweiligen Lebenssituation entsprechen. Diese Form von Entwicklungsaufgaben ist leichter zu bewältigen, führt seltener zu einem Versagen und bedeutet somit häufiger einen Entwicklungsfortschritt. Nicht-normative Entwicklungs-aufgaben hingegen kommen zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten und bei nicht allen Menschen vor. Eine solche Form der Entwicklungsaufgabe, wie eine ungewollte Schwangerschaft in der Adoleszenz, kommt meist unerwartet und erzeugt eine hohe Anforderung an die Bewältigung (Flammer & Alsaker, 2002).

Innerhalb kritischer Lebensereignisse weichen Ereignisse von den kognitiv repräsentierten Erwartungen und Wünschen ab (Roschl-Inglehart, 1988). Diese nicht-normativen Einschnitte im Lebenslauf werden oftmals als belastend erlebt und erfordern eine Bewältigung: das Eintreffen eines kritischen Lebensereignisses verlangt eine Problembewältigung, bei der neue Entscheidungen getroffen werden müssen; Verlustbewältigung wie wieder aufzubauendes Selbstvertrauen; die Bewältigung sozialer Konflikte, die mit dem Partner oder den Eltern entstehen können und eine Bewältigung von belastenden Emotionen wie zum Beispiel die Abwendung von Vorwürfen und Selbstverschuldung (Oerter & Montada, 2008).

1.3 Sexuelles Risikoverhalten und Kontrazeption

In der Adoleszenz entsteht bei jungen Frauen und Männern ein sexuelles Bewusstsein. Die Jugendlichen wollen die eigene Attraktivität für das andere Geschlecht testen, neue Freundschaften knüpfen und erste sexuelle Erfahrungen machen. Das sexuelle Bewusstsein erzeugt aber auch, abhängig von der Stimmungslage und der Selbstwahrnehmung, diverse Ängste. Die Jugendlichen kämpfen mit ihrer Identität, ihren hormonell bedingten Stimmungsschwankungen, Rückfällen in kindliches Verhalten und zweifeln hinsichtlich der eigenen Normalität. Sexuelles Verhalten ist nicht immer planbar, weil es von Affekten, Verlangen und (unbewussten) Wünschen oder Ängsten beeinflusst wird. Irrationalität und Spontaneität, Selbstvergessenheit und das „Ausschalten“ rationaler Erwägungen gehören zu sexuell leidenschaftlichen Erfahrungen. Verhütung erfordert aber das genaue Gegenteil: Planungskompetenz, Voraussicht und Selbstkontrolle. In Anbetracht dieser beiden Aspekte, tendieren junge Menschen dazu sich sexuell ‚riskant‘ zu verhalten (Matthiesen & Schmidt, 2009). Sexuelles Risikoverhalten wird im Allgemeinen als Versagen sich beim Sex zu schützen definiert (Gebhardt, Kuyper, & Greunsen, 2003). Ein solches Verhalten in der Adoleszenz geht aber auch mit einer Unsicherheit der Kontrazeption einher. Grundsätzlich geht man davon aus, dass Jugendliche die notwenigen Informationen und Handlungskompetenzen erwerben können und erworben haben sollten, bevor sie sexuell aktiv werden. Dieser handlungstheoretische Ansatz wird jedoch durch die soziale Lage ergänzt.[6]

Wenn Jugendliche schwanger werden, so ist dies in der Regel ein Ergebnis gescheiterter Verhütung (Matthies & Schmidt, 2009). Es besteht die verbreitete Vorstellung, dass es für jede Frau geeignete, einfach zu handhabende und nebenwirkungsfreie Verhütungsmittel zur Verfügung stehen. Betrachtet man aber das Verhütungsverhalten junger Frauen im Detail, so erweist sich diese Vorstellung als falsch. Es zeigt sich vielmehr ein mühevoller Prozess des Suchens und Ausprobierens bis ein geeignetes Verhütungsmittel gefunden ist. Der Mythos der ‚einfachen Verhütung‘ führt dabei häufig zu einer Diskriminierung schwangerer Minderjähriger. Zudem findet in der Adoleszenz eine Wechselwirkung zwischen der gesellschaftlichen Stigmatisierung und der individuellen Verdrängung statt: eine ungewollte Schwangerschaft zwingt junge Frauen sich mit drastisch negativen Zuweisungen auseinanderzusetzen. Daher fällt es gerade denjenigen jungen Frauen, die sorgfältig verhüten und sich verantwortungsvoll um Verhütungsmittel gekümmert haben, schwer, zu realisieren, dass ‚so etwas‘ auch ihnen passieren kann (Matthiesen & Schmidt, 2009).

Die sexuellen Risikolagen wie ungewollte Schwangerschaften stellen in der Jugendphase eine besondere Problematik dar, da die ersten sexuellen Erfahrungen in eine Lebensphase fallen, in der gleichzeitig andere neue Entwicklungsaufgaben zu bewältigen sind. Ohne Zweifel belasten diese Risiken und Erfahrungen Jugendliche.

1.4 Demographische Daten

„Teenager mit Kindern: Mutter mit 14 – und was kommt dann?“ und „Junge Mutter: Zwölfjährige bringt Kind auf Klassenfahrt zur Welt.“ In der Boulevardpresse wird immer wieder und oft sensationsbetont über Schwangerschaften oder Geburten jüngerer Frauen berichtet. Solche Berichte vermitteln den Eindruck, Teenagerschwangerschaften seien ein neues oder zunehmendes Problem. Demgegenüber ist jedoch festzuhalten, dass diese frühen Schwangerschaften ein äußerst seltenes Ereignis sind und aus statistischer Sicht das extreme Ende einer Verteilung markieren, die, wie alle soziosexuellen Phänomene, eine große Streubreite aufweist (Schmidt, 2009). Über 80% der Jugendlichen haben tatsächlich ihren ersten Geschlechtsverkehr irgendwann zwischen 15 und 19 Jahren (Schmidt, 2009).[7] Dieses Ergebnis zeigt nicht nur, dass die erste sexuelle Handlung selten vor dem 15. Geburtstag stattfindet, sondern auch, dass die meisten jungen Frauen in der Lage sind, ihr eigenes Tempo zu finden. In den Jahren 1996 bis 2006 wurden in Deutschland zwischen 6,9 und 9,1 von 1000 15- bis 17-jährigen Mädchen schwanger.[8] Seit einigen Jahren ist diese Zahl sogar rückläufig. Der Verlauf der Jahresindizien von frühen Schwangerschaften zeigt demnach allgemein geringe Schwankungen auf. Erwartungsgemäß werden vor Allem die älteren Teenager schwanger Drei Viertel der Studien-teilnehmer sind 16 oder 17 Jahre alt und nur 1% ist 13 Jahre oder jünger (Schmidt, 2009).

Es ist festzuhalten, dass, unabhängig vom Alter, 91% der Befragten der BZgA ungewollt schwanger wurden (Schmidt & Mix, 2009). Im Jahr 2006 entschieden sich von 1000 15- bis 17 jähriger Frauen 4,3 für einen Abbruch und 3,0 für die Austragung der Schwangerschaft. Mit der sinkenden Schwangerschaftsrate sinkt natürlich auch die Abbruchs- und Geburtenrate. Es ist jedoch auffällig, dass sich seit 1997 die Jugendlichen eher für einen Abbruch als für die Austragung einer Schwangerschaft entscheiden (vgl. Abbildung 6).[9]

2 Rolle der sozialen Umwelt

Junge Frauen befinden sich in einer Lebensphase zwischen Autonomiewünschen und faktischer Abhängigkeit von ihren Eltern. Dieser Konflikt akzentuiert sich in der Situation einer ungeplanten Schwangerschaft, denn die Schwangerschaft auszutragen würde für die meisten jungen Frauen bedeuten, sich in eine umfassende Abhängigkeit von familiärer Hilfe und Unterstützung zu begeben. Gleichzeitig ist eine ungewollte Schwangerschaft für eine minderjährige Frau und ihren Partner auch mit Gefühlen von Peinlichkeit, Scham und Versagen assoziiert. Diese beziehen sich sowohl auf die Tatsache, dass ihre Sexualität auf diese Weise quasi ‚öffentlich‘ wird, als auch auf das Scheitern der Kontrazeption (Matthiesen, 2008). Im folgenden Kapitel wird erläutert, inwiefern die familiäre Konstellation, der Partner und die Schulbildung und soziale Benachteiligung[10] im Einzelnen sowohl als Risikofaktoren einer ungeplanten Schwangerschaft einzustufen sind als auch wie sie die Entscheidung für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch beeinflussen.

[...]


[1] Faktoren wie Migrationshintergrund und Konfession wurden auf Grund der fehlenden statistischen Signifikanz und des begrenzten Umfangs dieser Arbeit bewusst außer Acht gelassen.

[2] Fortlaufend wird die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit ‚BZgA‘ abgekürzt.

[3] Eine Validierungsstudie wurde in 223 Beratungsstellen des Diakonischen Werks der evangelischen Kirche durchgeführt. Diese hat keine Relevanz für diese Arbeit und wird somit nicht weiter erwähnt.

[4] Im Verlauf dieser Arbeit werden die Begriffe Adoleszenz, Jugendalter, Jugendliche, junge Frauen, Mädchen und Teenager synonym verwendet.

[5] Aufgezählt wurden lediglich die nach Havighurst bestimmten Entwicklungsaufgaben, die für das Thema dieser Arbeit relevant sind bzw. mit einer ungewollten Schwangerschaft als nicht-normatives Lebensereignis kollidieren könnten.

[6] Vgl. Kapitel 2

[7] Vgl. Tabelle 7: Alter schwangerer Frauen unter 18 Jahren

[8] In der Studie der BZgA wird betont, dass eine Darstellung von absoluten Zahlen kein gutes Maß für zeitliche Trends sind, da sich neben der Schwangerschaftsrate auch die Teenagerpopulation stets verändert. (Schmidt, 2006)

[9] Vgl. Abbildung 6: Schwangerschaften, Geburten und Schwangerschaftsabbrüche von 15- bis 17-jährigen Frauen

[10] Soziale Benachteiligung ist die stärkste Determinante für das Entstehen von Jugendschwangerschaften. Sie beeinflusst das Verhütungsverhalten und auch die Entscheidung, die Schwangerschaft auszutragen oder einen Abbruch vornehmen zu lassen (Block & Schmidt, 2009).

Details

Seiten
22
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668404960
ISBN (Buch)
9783668404977
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354437
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Schlagworte
ungewollte schwangerschaft schwangerschaftsabbruch entwicklungsaufgabe adoleszenz

Autor

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Titel: Ungewollte Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch als nicht-normative Entwicklungsaufgabe in der Adoleszenz