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Beschäftigen sich Auszubildende in Pflegeberufen schon mit Berufsausstiegsgedanken?

Bachelorarbeit 2013 114 Seiten

Medizin - Gesundheitswesen, Public Health

Leseprobe

Inhalt

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Der Pflegesektor im deutschen Gesundheitswesen
1.1 Analyse der relevanten Aspekte der Entwicklung des Pflegesektors im Gesundheitswesen
1.1.1 Demografie
1.1.2 Krankheit und Alter
1.1.3 Soziale Netzwerke
1.1.4 Pflegequalität

2 Der Pflegealltag professionell Pflegender
2.1 Vorzeitiger Berufsausstieg von Pflegefachkräften
a. Vereinbarkeit von Familie und Beruf
b. Der Einfluss der Arbeitszeitstruktur auf Ausstiegsgedanken
c. Berufliche Belastungen, Gesundheit und Burnout
d. Berufsverweildauer
2.1.1 Auszubildende in Pflegeberufen
a. Ausbildungsmittel
b. Ausbildungsvergütung
c. Ausbildungsablauf
d. Entwicklung in der Ausbildungszeit

3 Forschungslage
a. Hintergrundforschung
b. Wirtschaftliche Folgen von Ausbildungsabbrüchen

4 Methodik
4.1 Erläuterung des Fragebogens
a. Erfassung individueller Daten
b. Fragen zur Berufswahl
c. Fragen zur Zufriedenheit innerhalb des beruflichen Alltags in Theorie und Praxis
d. Fragen zu beruflicher Belastung
e. Fragen zu Gedanken, die Ausbildung zu verlassen
f. Frage nach der Weiterempfehlung dieses Berufswunsches

5 Ergebnisse
a. Individuelle Daten
b. Daten zur Berufswahl
c. Zufriedenheit in der Ausbildung
d. Daten zur beruflichen Belastung
e. Daten zu Gedanken zum Ausstieg
f. Die Frage nach Weiterempfehlung

6 Diskussion

7 Fazit und Ausblick

Schlagwortsuche

Quellen- und Literaturverzeichnis

Anhang
Mind Map
Der Fragebogen in der Druckversion

Abstract

Täglich sehen sich Pflegefachkräfte in der Pflicht, dem Anspruch Pflege- bedürftiger und ihrer Bezugspersonen auf eine individuell qualitativ gute Versorgung unter Beachtung ethisch-moralischer Grundsätze nach zu kommen, gleichzeitig aber den auferlegten ökonomischen Erfordernissen gerecht zu werden, die der Pflege in den letzten Jahren vermehrt auferlegt wurden. Diese Entwicklung wird sich vermutlich auch in den nächsten Jah- ren verschärfend fortsetzen und es gesellen sich weitere Umstände hinzu, die die Arbeitsbedingungen für beruflich Pflegende auch zukünftig zuneh- mend erschweren können; dies veranlasst Pflegefachkräfte z. T. schon heute zum Berufsausstieg oder zur Abwanderung ins Ausland. Der schon heute öffentlich diskutierte Pflegenotstand wird sich vermutlich noch deut- lich unter dem Aspekt des demografischen Wandels Deutschlands verstärken: Laut Pressemitteilung der Bertelsmann Studie 19.11.2012 be- trägt die errechnete Versorgungslücke bis 2030 bis zu 500 000 Pflegekräfte, denn es wird sich „ ( … ) die Zahl der Pflegebed ü rftigen bis ins Jahr 2030 auf 3,4 Millionen und bis 2050 sogar auf 4,5 Millionen erh ö hen “.

Der Blick in die Zukunft erfordert also, das Kontingent aktiver Pflegefach- kräfte möglichst dem Bedarf entsprechend zu gestalten: Neben der möglichen Zuwanderung und Rekrutierung ausländischer Kräfte ist die Ausbildung des Nachwuchses ein wichtiger Aspekt. Auszubildende erle- ben den Berufsalltag in ähnlicher Weise wie examinierte Pflegefachkräfte und hypothetisch beschäftigen auch sie sich schon mit Berufsausstiegs- gedanken. Die Befragung von n=204 Auszubildenden der Pflegeberufe in verschiedenen Ausbildungsinstituten und Bundesländern zeigt, dass sich 74,5% (n=152) mit Gedanken beschäftigt haben, die Ausbildung vorzeitig zu beenden oder den Beruf nicht ausüben zu wollen; 43,1% (n=88) be- schäftigen sich immer wieder mit dem Berufsaustritt, weil „(…) ich die unzureichende Betreuung von Patienten nicht mit meinem Gewissen ver- einbaren kann “ (Originalzitat) (Franke-Köster 2013a)

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Bevölkerungsvorausberechnung: Variante 1-W2 „mittlere“ Bevölkerung

Abb. 2 Entwicklung der verschiedenen Altersgruppen basieren auf der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberech- nung, Variante 1-W2

Abb. 3 Krankenhausfälle je 1 000 Einwohner nach Alter und Geschlecht 2008

Abb. 4 Mögliche Folgen der sinkenden Zahl der Pflegefachkräfte

Abb. 5 Anteil von Pflegepersonal mit häufigem Wunsch, den Pflege-beruf zu verlassen - in Bezug auf Einrichtung und Land

Abb. 6 Mittelwerte für persönliches Burnout nach Ländern, für Deutschland 2,5

Abb. 7 Mittelwert Burnout und Häufigkeit der Absicht, den Pflege- beruf zu verlassen

Abb. 8 Verbleib im Pflegeberuf nach Berufsstart im Alter von 20- 24 auf Basis der GEK-Daten 1990-2005

Abb. 9 Verbleib im Pflegeberuf ab Beginn einer neuen Berufsepi- sode im Alter von 35-44 Jahren auf Basis der GEK-Daten 1990-2005

Abb.10 Unplanmäßige Versetzung von Auszubildenden z. B. zur Aushilfe

Abb. 11 Prozentuale Verteilung der Überstunden von Auszubil- denden nach Gesundheits- und (Kinder-)Kranken- und Altenpflege

Abb. 12 Verteilung der zusätzlichen Nachbereitungszeit nach Aus- bildung in den Berufsgruppen

Abb. 13 Vorzeitige Vertragslösungen nach bisheriger Vertragsdau- er (Angaben in % aller Lösungen 2010; N = 142.242)“

Abb. 14 Prozentuale Verteilung von Männern und Frauen in der Befragung der Auszubildenden der Studie der Bachelor- Thesis (1) im Vergleich zum Ausbildungsreport Ver.di (2) (Quelle: Ver.di 2012a: 5, f.) und im Jahr 2011 statistisch

erfassten examinierten Pflegepersonen

Abb. 15: Häufigkeit der verschiedenen einflussnehmenden Gründe für die Berufswahl

Abb. 16 Verteilung der befragten Auszubildenden nach Semester 1+2, 3+4, 5+6

Abb. 17: Verteilung der Empfehlung für oder gegen eine Ausbil- dung in einem Pflegeberuf von Auszubildenden in Pflegeberufen (n=208)(Quelle: Franke-Köster 2013)

Abbildungen im Glossar:

Abb. A: Varianten mit Wanderungssaldo von 100 000 Personen

Abb. B: Varianten mit Wanderungssaldo von 200 000 Personen

Abb. (..) [C]: Krankenhausfälle 1995 bis 2030 (Status-Quo Szena- rio) in Millionen

Abb. (..) [D]: Krankheitsfälle bis 2030 - Vergleich zwischen dem Status-Quo-Szenario und dem Szenario „sinkende Behandlungsquoten“ in Millionen“

Abb. (..) [E]: Pflegebedürftige in Deutschland von 2005 bis 2030 (Status-Quo-Szenario)

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Pflegebedürftige 2007 bis 2030 (Status-Quo-Szenario)

Tab. 2: Entwicklung der Haushalte nach Personenzahl bis 2030

Tab. 3: Projektion der Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland nach Szenario (in Tsd.) und prozentuale Verteilung der 3.435.000 Pflegebedürftigen im Vergleich der Jahre 2009 und 2030 nach Versorgungsart und Szenario

Tab. 4: Antwortverteilung auf die Frage: „Wie oft in den vergange- nen 12 Monaten haben Sie daran gedacht den Pflegeberuf zu verlassen?“

Tab. 5: Zustände am Ende der erstmaligen pflegerischen Tätigkeit, gestartet im Alter von 20-24 Jahren auf Basis der GEK- Daten 1990-2005

Tab. 6: Verteilung von Ausbildungsrichtung in Bezug auf den Schulabschluss der Auszubildenden

Tabellenverzeichnis Glossar

Tab.(..) A: Übergangsrate nach erster Pflegetätigkeit im Alter von 20 - 24; GEK-Daten 1990-2005

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zur einfacheren und besseren Lesbarkeit

wird bei personenbezogenen Begriffen (z. B. Gesundheits- und Krankenpfleger, Pflegebedürftiger) die maskuline Form gebraucht, es sei aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass in jedem Fall damit Frauen und Männer gemeint sind.

Das Thema für diese Bachelorarbeit fand ich durch persönliche Gesprä- che mit Auszubildenden der Krankenpflege fortgeschrittener Semester, die bereits über Erfahrungen im Alltag auf verschiedenen Stationen verfügten und die mir anvertrauten, dass sie auf Grund verschiedener negativ erleb- ter Begebenheiten entweder die Ausbildung abbrechen oder aber so schnell wie möglich nach bestandenem Examen die Pflege als Berufsfeld verlassen wollten.

Auch die Gespräche mit meinen beiden jüngeren Kindern, Lena und Ale- xander, ihre Berufsvorstellungen und -wünsche betreffend, besonders aber die Gespräche mit Lena während und nach ihrem Praktikum im Pfle- geberuf, zeigten mir ebenfalls, dass es bisher nicht besprochene Themen gibt, die junge Menschen veranlassen, darüber nachzudenken, die Ausbil- dung (nach Erfahrungen innerhalb eines Praktikums gar nicht erst an zu fangen oder) nicht zu beenden oder aber so schnell wie möglich aus dem Beruf aus zu scheiden.

Auch eigene, ähnliche Erinnerungen an meine Ausbildungszeit stärkten meine Entscheidung, dieses Thema zu untersuchen.

Hanne Franke-Köster

1 Der Pflegesektor im deutschen Gesundheitswesen

„ Deswegen gleich sozusagen die Hammerfrage: Haben wir in Deutschland bereits heute einen Pflegenotstand? “

auf diese zur Zeit viel diskutierte, kritische Frage des Radiomoderators Martin Steinhage des Deutschlandradio Kultur zum Thema „Pflegenotstand ist existent“, in der Sendung „Tacheles“ vom 23.02.2013 fällt die Antwort seines Gesprächspartners Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates, nahezu erwartet dramatisch aus:

„ ( … ) mir treibt es da manchmal die Schwei ß perlen auf die Stirn, wenn ich Politiker h ö re, wir warnen vor einem drohenden Fachkr ä f- temangel und vor einem drohenden Pflegenotstand. - Nein, er ist existent.“

Auch Prof. Dr. Frank Weidner, Direktor des Deutschen Instituts für ange- wandte Pflegeforschung e.V., beschreibt die sich aktuell darstellende Situation des Verhältnisses von Pflegekräften zu Pflegebedürftigen als kritisch:

"H ä nderingend werden qualifizierte Pflegekr ä fte gesucht. Nach Griechenland und Spanien werden selbst in China schon Kranken schwestern f ü r den deutschen Markt ausgebildet ". (NDR - Panorama 3 2013).

Er stützt seine Aussage mit konkreten Argumenten, die die aktuelle Lage der Pflegekräfte veranschaulichen:

Dabei sind die Arbeitsbedingungen hierzulande alles andere als rosig - nicht nur in Altenheimen, sondern vor allem in Krankenh ä u- sern. Und deshalb gehen Pflegekr ä fte lieber nach Skandinavien, England oder in die Schweiz, um dort mit mehr Anerkennung, mehr Kompetenzen und mehr Gehalt zu arbeiten". ( NDR - Panorama 3 2013).

Indes wurde bereits für das Jahr 2005 ein Pflegefachkräftemangel von 39 000 ausgebildeten Pflegevollkräften festgestellt, „(…) der noch ü ber 1 ungelernte beziehungsweise angelernte Pflegekr ä fte kompensiert werden “ konnte (Destatis 2010a).

Konsequenterweise zeigt die Entwicklung des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage für Pflegefachkräfte auf dem Arbeitsmarkt in den vergan- genen Jahren einen deutlichen Rückgang: „ Von 2007 auf 2010 verringerte sich die Arbeitslosigkeit in Gesundheits- und Pflegeberufen um 33 Pro- zent. Das Minus fiel dabei deutlich st ä rker aus als die bundesweite Entwicklung ü ber alle Berufe (-14 Prozent) “ (BA 2011: 12). Diese herr- schende Engpasssituation konnte bis heute allerdings nicht entschärft werden, selbst in der Mitteilung des Deutschen Bundestages „Das Parla- ment Nr. 09 / 25.2.2013“, wird in Titel und Untertitel auf momentane und zukünftige Lücken in der Versorgung Pflegebedürftiger deutlich hingewie- sen: „ Schon heute fehlen 30.000 Fachkr ä fte. Und der Bedarf wird sich in den kommenden 40 Jahren verdoppeln “ (Kailitz 2013).

Die Zahl der professionell Pflegenden aller Pflegebereiche wird aber nicht nur durch Abwanderung ins Ausland auf Grund der von Prof. Dr. Frank Weidner genannten Motivationen geschmälert, sondern auch durch vor- zeitigen Berufsausstieg (s.u. 1.1.5.1 Berufsausstieg von Pflegekräften) sowie infolge einer patienten-/stationsfernen Weiterbildung examinierter Pflegekräfte; ebenso zeitigt die demografische Entwicklung ihre Folgen: Der durch den zu erwartenden Geburtenrückgang (vgl. Destatis 2009a: 23-28) zahlenmäßig geringer werdende Nachwuchs an Auszubildenden kann das schon jetzt bestehende wie auch das zukünftige Defizit nicht auf- fangen. Dies betrifft alle Pflegebereiche gleichermaßen: Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege wie auch Alten- pflege.

Betrachtet man nun die Zukunft des Pflegesektors des deutschen Gesundheitswesens ausgehend von der momentanen Situation unter Einbeziehung der zukünftigen Altersentwicklung in Deutschland, so lässt sich prognostisch festhalten, dass sowohl die Gesellschaft als Solidargemeinschaft wie auch jeder einzelne Mensch individuell vor große Herausforderungen gestellt werden wird:

„ Die Versorgungsl ü cke in der Pflege wird bis zum Jahr 2030 vor al-

lem in den Kommunen f ü r gro ß e Herausforderungen sorgen. W ä hrend die Zahl der Pflegebed ü rftigen um rund 50 Prozent zu- nehmen wird, werden nach heutigen Berechnungen ohne grundlegende Weichenstellungen rund eine halbe Millionen Stellen f ü r Vollzeitkr ä fte in der Pflege unbesetzt bleiben. “ (Bertelsmann Stif- tung 2012a: 1).

Nach den modellhaften Vorausberechnungen des Statistischen Bundes- amtes für die Bevölkerungsentwicklung Deutschlands auf der Grundlage des Mikrozensus 2008 werden für das Jahr 2025 152 000 Vollzeitäquiva- lente für die pflegerische Versorgung aller Pflegebedürftigen fehlen:

„ ( … ) Der Arbeitskr ä ftemangel wird sich bis dahin auf rund 193 000 erh ö hen. Selbst der bislang hohe Zugewinn an fachfremdem Pfle- gepersonal wird sp ä testens ab dem Jahr 2018 nicht mehr ausreichen, um den steigenden Bedarf zu decken. “ (Destatis 2010a)

Diese Zahlen sind aus gesellschaftlichem Aspekt, im Besonderen aber für ausbildende Institutionen bedeutend: Um eine Basis einer möglichst aus- reichend großen Zahl professionell Pflegender zur Sicherung einer qualitativ guten Pflege zu schaffen, sollten alle Anstrengungen unternom- men werden, eine hohe Ausbildungserfolgsquote in allen Pflegebereichen zu erreichen. Betrachtet man im Hinblick darauf die zurzeit bestehende durchschnittliche Ausbildungserfolgsquote, z. B. im Jahr 2011 72,46 % für NRW (vgl. MGEPA 2012: 59) und bezieht vorzeitige Berufssaustiege (s.u.) und Weiterbildungsmaßnahmen mit patientenfernem Berufsziel innerhalb der ersten 18 Monate nach bestandener staatlicher Berufsabschlussprü- fung (staatliches Examen) mit ein, so muss die Frage erlaubt sein, ob sich Auszubildende der Pflegeberufe bereits w ä hrend der Ausbildungszeit mit Gedanken bezüglich eines Ausstiegs schon im Verlauf der Ausbildung oder aber relativ schnell nach bestandener Abschlussprüfung beschäfti- gen: Gegebenenfalls sollte alles in die Wege geleitet werden, Auszubildenden zu ermöglichen, den angestrebten Beruf bis zur Alters- ruhezeit ausüben zu können und zu wollen.

1.1 Analyse der relevanten Aspekte der Entwicklung des Pflegesektors im Gesundheitswesen

Um die hohe Relevanz des (zu erwartenden) Pflegenotstandes im Kontext der gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen anschaulich darzustellen, ist es notwendig, die einzelnen Komponenten zu analysieren, die die Ent- wicklung des Pflegebereiches im Gesundheitswesen mitbestimmen, da alle Faktoren eng mit einander verknüpft sind und wechselseitigem Ein- fluss unterliegen; letztlich betrifft das Ergebnis dieser Wechselbeziehungen jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft: Pflegender und Pflegebedürftiger streben jeweils nach bestmöglicher qualitativer pfle- gerischer Versorgung bei Erhalt von größtmöglicher Autonomie unter individuell selbstbestimmter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, stets in wechselseitiger Verantwortung und Abhängigkeit - wie aber auch in Ver- antwortung und Abhängigkeit gegenüber der Gesellschaft und deren einzelnen Mitgliedern.

So sieht sich seit einigen Jahren auch die Politik im Allgemeinen und die Bundesregierung im Besonderen in der Pflicht, die demographischen Ver- änderungen in ihre politischen, zukunftweisenden Entscheidungen aller Bereiche mit ein zu beziehen. Demzufolge postuliert die Bundesregie- rung/Bundesministerium des Innern als eines ihrer Ziele in der Langfas- sung der Demografiestrategie der Bundesregierung „ Jedes Alter z ä hlt “ auf Seite 35:

„ Menschen mit Pflegebedarf m ü ssen sich auch zuk ü nftig darauf verlassen k ö nnen, die erforderlichen medizinischen, pflegerischen, psychologischen und sozialen Leistungen zu erhalten. “

Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, wird auf S. 37 u.a. als „ Schwerpunktma ß nahme: Pflegeberufe zukunftsgerecht weiterentwickeln; ein Pflegeberufsgesetz auf den Weg bringen “ im Katalog der Maßnahmen zur Erzielung von mehr Lebensqualität durch gute Pflege festgeschrieben ebenso werden explizit Ziele aufgeführt (S.36): Sicherung der Fachkräfte- basis der Pflege, Stärkung der Aus-, Fort- und Weiterbildung in der Altenpflege, Steigerung der Attraktivität des Berufs- und Beschäftigungsfeldes , Zusammenführung der Ausbildung in den verschiedenen Pflegeberufen in einem neuen Berufsgesetz.

Diese Schwerpunktmaßnahmen sind offensichtlich dem Umstand geschuldet, dass der bestehende Pflegefachkräftemangel (s.o.) absehbar nicht ausgeglichen werden kann und weiter ansteigen wird, wenn das Berufsfeld der Pflegeberufe nicht an Attraktivität gewinnt und somit in Zukunft mehr Berufsanwärter überzeugt, diesen Beruf zu ergreifen.

1.1.1 Demografie

In den letzten Jahren taucht das Thema der demografischen Entwicklung in Deutschland immer wieder in der öffentlichen Diskussion auf: Geburten- rückgang, Zunahme des Durchschnittalters und Schrumpfung der Bevöl- kerungszahl werden mit Blick auf die Folgen für die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme kritisch unter den verschiedensten Gesichtspunkten diskutiert. Das Thema der Gesundheitsversorgung, insbesondere die Situation des Pflegesektors ist stark „demografieabhängig“ (vgl. Destatis 2011: 3) und rückt daher in den Fokus des besonderen Interesses von Politik und Gesellschaft: Die durchschnittlich ein immer höheres Alter erreichende Bevölkerung wird großenteils bis weit in die Nacherwerbsphase körperlich und geistig ge- sund und leistungsfähig bleiben, bedingt durch eine Verbesserung der allgemeinen Lebensumstände, ein höheres Hygiene- und Gesundheits- bewusstsein, bessere medizinische und pflegerische Versorgung und nicht zuletzt auf Grund verbesserter Arbeitsbedingungen und verbesserter Unfallprävention (vgl. Destatis 2011a: 69), jedoch erhöht sich mit steigen- dem Alter auch die Wahrscheinlichkeit der Pflegebedürftigkeit auf Grund von beispielsweise chronischen oder altersspezifischen Erkrankungen.

Das statistische Bundesamt hält, basierend auf den Ergebnissen des Mik- rozensus 2008, in der 12. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, Variante 1-W2 fest, dass die Zahl der hochbetagten - per Definition Men-

schen im Alter von 80 Jahren und älter - von im Jahr 2010 annähernd 4,2

Mio. Menschen (1,6% der Gesamtbevölkerung Deutschlands) auf 6,4 Mio. Personen (8,1% der Gesamtbevölkerung) im Jahre 2030 steigen wird (s. Abb.1 Bevölkerungsvorausberechnung: Variante 1-W2 „mittlere“ Bevölkerung, Quelle: IAQ: o.J.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Bevölkerungsvorausberechnung: Variante 1-W2 "mittlere" Bevölkerung (Quelle IAQ: o. J)

Diesem wachsenden Bevölkerungsanteil älterer und alter Menschen und - damit verbunden - einem anzunehmenden steigendem Anteil an Pflege- bedürftigen steht ein geringer werdender Anteil erwerbsfähiger Menschen gegenüber - implizit ein zahlenmäßig sinkender Anteil Pflegender - denn es werden natürlicherweise entsprechend weniger Auszubildende der Pflegeberufe in den Beruf nachrücken können, da, wie bereits erwähnt, der Trend der Geburtenrate geschätzt auch in den nächsten Jahren bis 2030 um ca. 15%. rückläufig sein wird. Der Anteil der 50-jährigen und älte- ren Personen in der Gruppe der erwerbsfähigen 20-64-Jährigen wird im Jahr 2030 auf 32,8% steigen (für 2005: 25,8%) (vgl. Statistisches Landes- amt Baden-Württemberg 2009: 14), s. Abb.2: Entwicklung der verschiedenen Altersgruppen basierend auf der 12. koordinierten Bevölke- rungsvorausberechnung, Variante 1-W2 (vgl. Quelle: Destatis 2009a: 49)

(vgl. Destatis 2011: 10). Dies hätte die Konsequenz, dass die Versorgung pflegebedürftiger Menschen absehbar nicht mehr gewährleistet werden kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Entwicklung der verschiedenen Altersgruppen basierend auf der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, Variante 1-W2 (vgl. Quelle: Statistisches Bundesamt 2009a: 49)

1.1.2 Krankheit und Alter

Seit Beginn statistischer Aufzeichnungen Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich in Deutschland eine Erhöhung der Lebenserwartung um mehr als das Doppelte für Neugeborene beobachten; für im Jahr 2013 neugeborene Mädchen beträgt die Lebenserwartung im Durchschnitt bereits 82,7 Jahre (zum Vergleich: 1871/81: 38,4 J.) und für neugeborene Jungen 77,7 Jahre (zum Vergleich: 1871/81: 35,6J). Den Vorausberechnungen folgend wird 2060 (regional unterschiedlich) eine mittlere Lebensspanne von 89-91 Jahre für weibliche Neugeborene und 85-88 Jahre für männliche Neuge- borene erwartet (vgl. Statistisches Landesamt Wiesbaden 2013; Destatis 2011a: 69).

Im Jahr 2030 werden den Vorausberechnungen (Variante 1-W2) nach 22,3 Mio. Menschen in Deutschland über 65 Jahre alt sein - 28% der Ge- samtbevölkerung. Die mittlere fernere Lebenserwartung der 60-Jährigen beträgt 2030 für Frauen 27,2 Jahre und 23,5 Jahre für Männer (bpb 2012: o. A.).

Auch wenn die Gesundheit der älteren Bevölkerung bis weit über den Be- ginn der Altersruhezeit hinaus als relativ stabil erwartet werden darf, so wird insgesamt der Anteil der Menschen, die professionelle Pflege beglei- tend oder unterstützend, ambulant oder stationär benötigen, mit steigendem Alter wachsen: Alterskorrelierte Erkrankungen und/oder Ge- sundheitseinbußen somatischer wie psychischer Art, zum großen Teil auf Grund chronischer Erkrankungen sowie Erkrankungen mit einer langen Latenzzeit, Ko- und Multimorbidität und dementiellen Erkrankungen, wer- den voraussichtlich eine verstärkte Pflegebedürftigkeit bedingen (vgl. Bertelsmann Stiftung 2012: Vorwort; Nowossadeck 2012: 3). Eine Korre- lation von Lebensalter und Erkrankungsrisiko lässt sich anhand der Krankenhausstatistik (jährliche Erhebung) (vgl. Destatis 2010b: 8) aufzei- gen, siehe Abbildung 3: Krankenhausfälle j e 1 000 Einwohner nach Alter und Geschlecht 2008 (Quelle: Destatis 2010b: 8).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.[3: Krankenhausfälle je 1 000 Einwohner nach Alter und Geschlecht 2008 (Quelle: Destatis 2010b: 8)

Neben den mit steigendem Alter vermehrt zu verzeichnenden Krankheits- fällen, erweisen sich die Krankheitsverläufe in höherem und hohem Alter meist gravierender und prolongiert und erfordern daher oft einen größeren medizinisch therapeutischen wie auch pflegerischen Aufwand, dies bedeu- tet: Neben einem zu erwartenden steigenden Aufkommen an Behandlungsfällen in behandelnden Einrichtungen kann auch mit einem durchschnittlich längeren stationären Behandlungszeitraum „ allein auf- grund der Alterung der Gesellschaft im Jahr 2030 “ (vgl. Destatis 2010b: 10) gerechnet werden, dies aber hat Folgen: Mehr Kapazitäten an struktu- rellen wie personellen Ressourcen müssen bereitgestellt werden.

An der Zunahme der Lebenserwartung in Deutschland wird allgemein nicht gezweifelt, doch gibt es verschiedene Grundannahmen, die eine ausführliche wissenschaftliche Diskussion über den zu vermutenden Verlauf eines Krankheitsrisikos bei steigender Lebenserwartung angesichts der bedingenden Faktoren (s. S. 8) zum Inhalt haben: James Fries vertritt (1980) mit seiner Kompressionsthese, „ dass die Menschen mit steigender Lebenserwartung auch l ä nger gesund leben und sich schwere Krankheiten in einem festgesetzten Zeitfenster vor dem Tode ereignen “ ( Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2010b: 11).

Die Expansions- oder Medikalisierungsthese von Ernest Gruenberg (1977) hingegen geht - wie durch Destatis (2010b: 11) beschrieben - von sich ausweitenden Phasen gesundheitlicher Beeinträchtigungen aus, mit der Konsequenz, dass die Lebensspanne der Menschen zwar größer wird, diese aber dann von länger dauernden Krankheitszeiten gekennzeichnet sein wird. Allerdings kann auch mit den Daten der Vorausberechnung nicht sicher geklärt werden, welche der beiden Thesen zutreffen wird (vgl. Destatis 2010b: 11).

Allein die Tatsache, dass selbst bei angenommener günstiger Entwicklung der Krankheitsverläufe, insbesondere der der über 80-Jährigen, entspre- chend dem Szenario „sinkende Pflegequote“, die Zahl der Pflegebedürftigen auf Grund Zunahme des Anteils an alten und hochbe- tagten Menschen an der Gesamtbevölkerung steigen wird, verlangt, wie bereits an Hand der Vorausberechnung der Krankenhausfälle dargelegt, die Bereitstellung struktureller wie personeller Ressourcen. Diese müssen aber erst geschaffen werden, um die kommenden Bedarfe zu erfüllen: Beispielsweise werden im Jahr 2030 bei sinkenden Pflegequoten ca. 3 Millionen Pflegebedürftige erwartet, während es 2010 noch 2,4 Millionen waren. Für die Annahmen des Status-Quo-Szenario sehen die Vorausbe- rechnungen bis 2030 ein Zunahme um 50% der Pflegebedürftigen aller Altersgruppen vor (s. Tab.1: Pflegebedürftige 2007 bis 2030 (Status-Quo- Szenario)).

Tab.1: Pflegebedürftige 2007 bis 2030 (Status-Quo-Szenario) (vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2010b: 29)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung Deutschlands hat nicht nur Folgen für die Zahl der Pflegebedürftigen und der damit zu erwarten- den Zunahme der Versorgungslücke im Pflegebereich, sondern auch die Altersgruppe der 20-64-jährigen Erwerbsfähigen betrifft die demografische Entwicklung jetzt und in Zukunft. Schon 2012 erhielten professionell Pfle- gende durchschnittlich deutlich vor dem Erreichen des 60. Lebensjahres eine Erwerbsminderungsrente auf Grund der Belastungen des beruflichen Alltags (vgl. DGB 2012: 14), dies wird sich im Hinblick auf die beruflichen Aufgaben von Pflegekräften nicht entschärfen lassen: Durchschnittlich äl- tere Patienten mit einem höheren Pflegebedarf werden von durchschnittlich älteren Pflegenden betreut, die die höheren Anforderun- gen in Schweregrad und Komplexität der zu leistenden Pflege erfüllen müssen, eine Entwicklung, die in der Konsequenz den Pflegefachkräfte- mangel noch verschärfen dürfte.

1.1.3 Soziale Netzwerke

Familie, Lebensgemeinschaften, Kinder, Freunde, Bekannte und Nach- barn bilden ein Netzwerk von Ressourcen, auf das Pflegebedürftige zurückgreifen können, um trotz und mit ihren Einschränkungen soweit wie möglich im eigenen Lebensumfeld ihren Alltag bestreiten zu können. Aber die sozialen Netzwerke ändern sich: Familien haben durchschnittlich we- niger Kinder: Im Jahr 2000 verzeichnete das Bundesamt für Statistik deutschlandweit (unabhängig von Familienform und Bundesland) noch 1,64 Kinder pro Familie, im Jahr 2012 sind es nur noch 1,60 Kinder (Destatis 2012: 138) und die Zahl der Kinder (pro Paar) wird weiter sinken: laut Statistischem Bundesamt werden immer mehr Menschen kinderlos bleiben (s.a. Destatis 2009a: 26), . Aber nicht nur die sinkende Geburten- ziffer (1,4 Kinder im Jahr 2030) sondern auch sich verändernde Haushaltsstrukturen, die Personenzahlen betreffend, spielen im System sozialer Netzwerke eine Rolle: Die Zahl der Mehrgenerationenhaushalte (fast ausschließlich Zweigenerationenhaushalte) ging im Zeitraum von 1991 bis 2006 um 8% auf 31% aller Haushaltsformen zurück (vgl. Destatis 2008:123), die Zahl der Mehrpersonenhaushalte (Haushalte mit 3 Perso- nen und mehr) sank von 1991 noch 30,6% auf 25,4% im Jahr 2011 und hingegen wird ein Anstieg der Ein- und Zweipersonenhaushalte in den nächsten Jahren angenommen, für 2030 werden rund 23 % Einperso- nenhaushalte erwartet. (s. Tabelle 2: Entwicklung der Haushalte nach Personenzahl bis 2030, vgl. Quelle: Destatis 2011:35; vgl. bpb 2012b).

Tabelle 2: Entwicklung der Haushalte nach Personenzahl bis 2030 (vgl. Quelle: Destatis 2011:35)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die veränderten sozialen Strukturen werden in Zukunft die pflegerische Versorgung aus den eigenen Netzwerkressourcen, besonders für alte und hochbetagte Menschen unter Umständen schwierig gestalten: Familiale oder partnerschaftliche Pflege wurde bisher eher von Personen aus dem familiären Umfeld und/oder aus dem Freundes- und Nachbarschaftskreis geleistet. doch durch die zu erwartenden Veränderungen des Altersauf- baus in Deutschland wird sich Form der Pflege verändern. Für die mögliche geringer werdende Übernahme von Pflege in familialem Rahmen werden „ Urs ä chlich f ü r den R ü ckgang des relativen Pflegepotenzials (..) dabei insbesondere folgende Faktoren [angenommen]:

- Alterung der Bev ö lkerung und damit allein demographisch bedingt ein sinkendes „ (Schwieger-)T ö chterpotenzial “
- Steigende Kinderlosigkeit und r ü ckl ä ufige Zahl der Kinder pro Pflegebed ü rftigem
- Anstieg der Erwerbsquote ( … ) und insbesondere Anstieg der Frauenerwerbsquote, [führen zu:] ( … ) steigenden Opportunit ä ts kosten der Pflege (..)
- Anstieg des Anteils der Einpersonenhaushalte mit fehlendem Pflegepotenzial im Haushalt
- Ein Trend zu weniger festen Partnerschaften (Abnahme der Part nerpflege). “ (Bertelsmann Stiftung 2012: 25)

Partnerschaftliche Pflege oder Pflege im nachbarschaftlichen Kontext in hohem oder hochbetagtem Alter wird u.U. nicht auf Grund schwerwiegender gesundheitlicher Einschränkungen des Pflegewilligen übernommen werden können So wird 2012 im „ Themenreport Pflege 2030 “ der Bertelsmann Stiftung die mögliche Entwicklung von Pflegebedarfen, basierend auf den Daten der 12. koordinierten Bev ö lkerungsvorausberechnung des Statistischen Bun- desamtes, anhand drei verschiedener Szenarien diskutiert, denen die sich verändernden sozialen Strukturen zu Grunde gelegt wurden, wobei aber die Pflegequote je Geschlecht und Alterskategorie als gleichbleibend kon- stant angenommen wird, gleichzeitig werden aber regional unterschiedliche Ausgangssituationen berücksichtigt (vgl. Bertelsmann Stiftung 2012 : 23-27).

- Szenario 1 (Status quo): Fortschreibung der Anteile der Pflegebedürfti- gen in den jeweiligen Versorgungsarten je Alter, Geschlecht und Region
- Szenario 2 (formelle Pflege nimmt zu): Sinkende Angehörigenpflege, Fortschreibung bestehender Trends des Erhebungsjahres 2009
- Szenario 3 (häusliche Pflege wird gestärkt): „Wunschszenario“, Umset- zung der in § 3 SGB XI normierten „Vorrang der häuslichen Pflege“ (vgl. Bertelsmann Stiftung 2012: 20)

Geht man von einer Entwicklung nach der „Wunschvorstellung“ : Stärkung der häuslichen Pflege (Szenario 3), aus, stiege 2030 die Zahl Pflegebe- dürftigen, deren Versorgung im ambulanten Bereich erfolgt, im Vergleich zum Jahr 2009 um 2,6 % auf 33,2% an der Gesamtheit aller Pflegebe- dürftigen, dies bedeutet 1.140 000 Personen, prozentual würde sich die Zahl der im häuslichen Umfeld durch Angehörige betreuten Menschen um 48, 7% erhöhen auf 1.581000 Menschen, die stationäre Pflege bräuchte nicht erhöht werden. Allerdings wird hier dem eventuellen Rückgang der Angehörigenpflege nicht Rechnung getragen, begründet u.a. im größer werdenden Anteil Hochbetagter, für den Heimpflege dann eine höhere Relevanz bekäme auf der einen Seite und der Verkleinerung des sozialen Netzwerkes, dass die notwendige Pflege zu leisten im Stande ist, auf der anderen Seite. Dieser Umstand würde eine Erhöhung der stationären Pflege nach sich ziehen. In Tabelle 3: Projektion der Zahl der Pflegebe- dürftigen in Deutschland nach Szenario (in Tsd.) und prozentuale Verteilung der 3.435.000 Pflegebedürftigen im Vergleich der Jahre 2009 und 2030 nach Versorgungsart und Szenario (vgl. Bertelsmann Stiftung 2012:37, f.) lassen sich die Auswirkungen der angenommen Szenarien nachvollziehen: Den beiden anderen Szenarien gemäß wird sowohl die Zahl der ambulant wie auch der stationär Pflegebedürftigen deutlich zu- nehmen.

Es bleibt aber abzuwarten, welche Entwicklung die pflegerische Versor- gung nehmen wird, denn dies ist stark abhängig von den individuellen, gesundheitlichen Voraussetzungen und/oder alterskorrelierten Einschrän- kungen der Menschen, der Art der Veränderung der sozialen Vernetzung, den strukturellen Veränderungen der allgemeinen regionalen Versorgung (Verkehrsnetz, Infrastruktur zur allgemeinen Daseinsvorsorge, z.B. Le- bensmittelläden) sowie des gesundheitlich und pflegerisch versorgenden Systems in Deutschland. Das Resümee in der Betrachtung der zu erwar- tenden Gesamtlage lautet: Es bleibt offen, inwieweit Pflegebedürftige von Angehörigen pflegerisch unterstützt und versorgt werden können oder sich in die Hände professioneller Pflegefachkräfte begeben werden müs- sen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 3: Projektion der Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland nach

Szenario (in Tsd.) und prozentuale Verteilung der 3.435.000 Pflegebedürftigen im Vergleich der Jahre 2009 und 2030 nach Versorgungsart und Szenario, z.T. eigene Darstellung und Berechnung nach den vorliegenden Daten/Tabellen der Bertelsmann Stiftung (Bertelsmann Stiftung 2012: 37,f.)

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1.1.4 Pflegequalität

Pflegebedürftigkeit im Sinne des Gesetzes SGB XI § 14 (1)

„ sind Personen, die wegen einer k ö rperlichen, geistigen oder seeli- schen Krankheit oder Behinderung f ü r die gew ö hnlichen und regelm äß ig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des t ä glichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich f ü r mindestens sechs Monate, in erheblichem oder h ö herem Ma ß e ( § 15) der Hilfe bed ü rfen. “

oder auch Menschen, die im Sinne des §§ 61, ff. SGB XII Leistungen wie etwa Pflegegeld erhalten. Die durch Pflegebedürftigkeit bedingte individu- ell zu leistende Pflege wird vom Leistungsempfänger, dem Pflegebedürftigen, wie aber auch vom Kostenträger unter den Aspekten von Qualität und Wirtschaftlichkeit betrachtet und geprüft. Der Gesetzge- ber legt in § 11 (1) SGB XI die Art der Versorgung der Pflegebedürftigen in Pflegeeinrichtungen fest und verpflichtet Pflege auf den gesetzlichen Grundlagen in § 12 SGB V, § 29 SGB XI und § 112 SGB XI zu Qualität, Wirtschaftlichkeit und Angemessenheit der zu erbringenden Leistung nach allgemeinem Stand medizinisch-pflegerischer Kenntnisse, unter der Maß- gabe, Maßnahmen zur Qualitätssicherung zu ergreifen. Doch lässt sich Pflegequalität nicht durch eine einfache Definition bestimmen: Handelt es sich dabei doch um ein komplexes, multifaktorielles Gefüge, dessen Er- gebnisqualität sowohl durch dessen Prozess- und Strukturqualität als auch das individuelle Outcome des Pflegeempfängers bestimmt wird. Dies macht die Besonderheit von Pflegehandlungen (und medizinischen Leis- tungen) und ihrem qualitativen Ergebnis aus: Im Gegensatz zum industriell gefertigten Produkt, das vom Konsumenten unabhängig vom Produktions- ablauf durch Nutzung oder in Augenscheinnahme bewertet werden kann, finden im pflegerischen Handeln Produktion und Konsumierung in einem gleichzeitigen Prozess („uno actu“) statt, beide - Produktionsprozess und Konsumtion - beeinflussen einander. Abstrahiert und auf industrielle Be- dingungen übertragen, ist der an der Produktion beteiligte Abnehmer (Pflegebedürftiger) ein aktiver Bestandteil des pflegerischen Produktions- prozesses: als „ Arbeitsgegenstand “, „ Mitproduzierender “ und „ Endprodukt “. (vgl. Braun und Müller 2005: 131, f.) Büssing und Glaser formulieren dazu 2003: „ Im Prozess der interaktiven Leistungserstellung findet - gemeinsam mit dem Patienten - der eigentliche Wertsch ö pfungs prozess statt. “

Grundlage fachpflegerischen Handelns bilden heute die Erkenntnisse der Pflegewissenschaft, so wurde der Pflegeprozess und seine Beschreibung aus pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen entwickelt, ebenso wie die nationalen Expertenstandards als Leitlinie pflegerischen Handelns das Ergebnis von Pflegewissenschaft sind: gesetzlich verankert dienen sie auch der Qualitätssicherung. Somit kann Fachwissen von Pflegekräften als eine Grundvoraussetzung für Pflegequalität bezeichnet werden, diese Fachkenntnisse sind keineswegs statisch, sondern müssen immer den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen durch Fortbildung oder Studi- um von Fachliteratur angeglichen werden. (vgl. Korecic 2012: 4 -14)

Die Ergebnisqualität eines Prozesses, hier des Pflegeprozesses, ist aber nicht nur vom Fachwissen der einzelnen Pflegefachkraft abhängig, sondern auch von den strukturellen und personellen Komponenten, in denen Pflege stattfindet; diese müssen bestimmte Bedingungen erfüllen, damit eine hohe Pflegequalität erreicht werden kann, u.a.:

Ein zahlenmäßig ausreichendes Verhältnis von Pflegefachpersonen zu Pflegepersonen muss erfüllt sein, (ausgewogener Personalschlüssel; personelle Ressource)

Soziale und fachliche Kompetenz der Mitarbeiter; Ausrüstung des Pflegebereiches mit Pflegehilfsmitteln, Assessmentinstrumenten, etc. (materielle Ressource) (vgl. Korecic 2012: 4-14) Dienstplangestaltung, die sowohl der Pflegefachkraft wie auch dem Pflegeauftrag gerecht wird (zeitliche Ressource)

Pflegequalität ist demnach in hohem Maße von verschiedenen Grundbe- dingungen abhängig, dabei spielt ein ausreichender Personalschlüssel eine zentrale Rolle, also ein ausgewogenes Verhältnis von Pflegefachkräf- ten zu Pflegebedürftigen und dem zu entsprechenden Pflegeanspruch, der das Arbeitsvolumen direkt bestimmt, denn dies wiederum hat Einfluss auf die zeitliche Ressource, die pro Pflegebedürftigem zur Leistung von Pfle- ge zur Verfügung steht. Wird die Durchführung der Pflegeleistung (dauerhaft) durch einen ungünstigen Personalschlüssel unter Zeitdruck gestellt, weil „noch andere Pflegebedürftige darauf warten, gepflegt zu werden“, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass entweder die Pflegeleis- tung nicht in vollem Umfang oder diese auf Grund des Zeitdrucks mit einer höheren Fehlerquote erbracht wird; das anfallende Arbeitspensum muss auf die verbleibenden Kräfte verteilt werden, höhere physisch wie psy- chisch Belastung mit allen möglichen Konsequenzen sind u. U. die Folge (vgl. Baua 2010: 11, f.; RKI 2011: 131; s. a.: 2 Der Pflegealltag professio- nell Pflegender, S. 25 ).

Gleichermaßen beeinflusst die Zahl der Pflegekräfte die Dienstplangestaltung einer Pflegeeinheit und so zum Beispiel auch die Möglichkeit der Weiterbildung für Mitarbeiter. Fachliche Weiterbildung ist nur dann möglich, wenn die zu leistende Dienstzeit durch andere Pflegekräfte der Pflegeinstitution geplant übernommen werden kann.

Die hier beschriebenen Zusammenhänge sind nur ein Ausschnitt der ver- schiedenen Konsequenzen der einzelnen Wechselwirkungen, die das Verhältnis von zur Verfügung stehenden Pflegefachkräften zu Pflegeper- sonen beeinflussen (wie z. B. verlängerte nötige Erholungszeiten); sicherlich sind alle anderen Faktoren ebenfalls relevant und nicht außer Acht zu lassen, doch soll das Augenmerk hier auf die Notwendigkeit eines ausgewogenen Personalschlüssels gelenkt werden: Eine ausreichende Anzahl von Pflegefachkräften im Verhältnis zur Zahl der Pflegebedürftigen und der damit zu erbringenden Menge an Pflegeleistungen beeinflusst entscheidend die Pflegequalität in allen dem Pflegeprozess zugehörigen Anteilen.

Sicherlich ist Pflegequalität auch unter ökonomischen Aspekten zu be- trachten: Gute Pflegequalität ist zu allererst von individuellem Nutzen, aber vermeidet sie auch Folgekosten für die Allgemeinheit? In die Diskus- sion um Qualität in der Pflege unter zunehmend ökonomisch bestimmten Bedingungen im gesamten Gesundheitswesen und den sozialen Berei- chen müssen auch ethische Gesichtspunkte mit einbezogen werden. Frie- sacher referiert hierzu in seinem Artikel: „ Ethik und Ö konomie. Zur kritisch - normativen Grundlegung des Pflegemanagements und der Qualitätsent- wicklung“ in der Zeitschrift der deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V. Pflege & Gesellschaft, 14. Jg. 2009 auf S.9, f.:

Professionelle Pflege ist eine verberuflichte Praxis, die es mit Ein- schr ä nkungen der lebenspraktischen Autonomie der Betroffenen in besonderen Situationen zu tun hat. Diese Hilfesituationen sind ein- gebettet in einen funktional hochgradig ausdifferenzierten Rahmen, der weitgehend rechtlich und ö konomisch geregelt ist. Als ö ffentlich bereitgestellte T ä tigkeit ist Pflegearbeit legitimations- und begr ü n- dungsbed ü rftig. ( … )

Aber ein Kranker, Pflegebed ü rftiger oder Sterbender ist, anders als ein Kunde oder Nutzer, in aller Regel auch leidend, ben ö tigt Unter- st ü tzung, Begleitung, manchmal Anleitung und Rat, manchmal einfach nur N ä he und Anwesenheit. Konzepte des Patienten als kri- tischer Kunde, Nutzer und Konsument von Dienstleistungen unterschl ä gt gerade das, was Krankheit, Pflegebed ü rftigkeit und Leidenszust ä nde bedeuten und welche Bew ä ltigungsleistungen damit verbunden sind. Krankheit und Pflegebed ü rftigkeit betreffen den ganzen Menschen, zielen auf das Existentielle des Lebens.

( … ) Die nicht aufhebbare asymmetrische Konstellation, Machtpro- zesse und organisatorische Zw ä nge sind nicht durchmarktf ö rmige Konzepte einer Kunden- oder Nutzersouver ä nit ä t aufzul ö sen. “

Es bleibt also für professionell Pflegende eine Herausforderung unter den dem Beruf immanenten moralisch-ethischen Sichtweisen des Menschen und den damit verbundenen Pflegehandlungen die ökonomischen Anforderungen eines wirtschaftsmarktorientierten Denkens und Handelns vollumfänglich in die Praxis des Pflegealltags zu transportieren; hier verbirgt sich die Gefahr von Irritationen oder Störungen des Verhältnisses von Pflegefachkraft und Pflegebedürftigem, die die das Ergebnis im Sinne der Pflegequalität letztlich negativ beeinflussen können.

2 Der Pflegealltag professionell Pflegender

Die überwiegende Mehrheit der Pflegefachkräfte ist in stationären Pflege- einheiten von Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen, Vorsorge- Einrichtungen sowie Pflegeheimen beschäftigt, in denen sie die notwendi- ge „Rund-um-die-Uhr“-Versorgung von Patienten und Bewohnern im Schichtdienst (Früh-, Spät- und Nachtdienst) an sieben Tagen die Woche gewährleisten, wobei die unterschiedlichsten Schichtmodelle und Dienst- zeiten vertreten sind, die häufig eine hohe Flexibilität der Mitarbeiter verlangen: Der Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachdienst ist und kann oft nicht mit der Regelmäßigkeit erfolgen, wie es zum Beispiel in der sogenannten Conti-Schicht in Produktionsbetrieben möglich ist.

Ein Teil der professionell Pflegenden ist im Angestelltenverhältnis in (Funktions-) Bereichen mit einer Regel-Arbeitszeit zwischen 8:00 - 16:00 Uhr an Werktagen beschäftigt, meist mit Vereinbarung zur Ableistung (re- gelmäßiger) Bereitschaftsdienste, ein weiterer Teil leistet in ambulanten Pflegediensten und Heimbetreuungsdiensten (z.B.. bei Beatmungspflicht der Patienten) Pflegebedürftigen die notwendige pflegerische Betreuung innerhalb des häuslichen Umfeldes in der Tagespflege, Nachtpflege oder im 2- oder 3-Schichtdienstmodell. Nur wenige Pflegefachkräfte wagen den Weg in die Selbstständigkeit.

Das Berufsbild einer Pflegekraft hat sich über die letzten Jahre hinweg verändert. Aus dem Hilfs- bzw. Assistenzberuf für Mediziner wurde ein eigenständiger Beruf, der seinen Platz und seine spezifischen Aufgaben im multidisziplinären therapeutischen Team übernommen hat und in der interdisziplinären Zusammenarbeit die Entwicklung von Lösungen für gesundheitliche Probleme gemeinschaftlich erarbeitet. Professionell Pflegende begleiten, beraten, betreuen und versorgen Pflegebedürftige und ihre Bezugspersonen jeden Alters

entsprechend dem allgemein anerkannten Stand pflegewissen- schaftlicher, medizinischer und weiterer bezugswissenschaftlicher Erkenntnisse, [sie setzen ihre] fachliche[n], personale[n], soziale[n] und methodische[n] Kompetenzen zur verantwortlichen Mitwirkung insbesondere bei der Heilung, Erkennung und Verh ü tung von Krankheiten (..) [ein].

Die Pflege ( … ) ist dabei unter Einbeziehung pr ä ventiver, rehabilita- tiver und palliativer Ma ß nahmen auf die Wiedererlangung, Verbesserung, Erhaltung und F ö rderung der physischen und psy- chischen Gesundheit der zu pflegenden Menschen (..) [ausgerichtet]. Dabei sind die unterschiedlichen Pflege- und Le- benssituationen sowie Lebensphasen und die Selbst ä ndigkeit und Selbstbestimmung der Menschen zu ber ü cksichtigen (..).“ (Kran- kenpflegegesetz 2003: § 3)

Im Rahmen dieser Zielsetzung zählt zu professionellem pflegerischem Handeln:

„ 1.die folgenden Aufgaben eigenverantwortlich auszuf ü hren:

a) Erhebung und Feststellung des Pflegebedarfs, Planung, Organi- sation, Durchf ü hrung und Dokumentation der Pflege,
b) Evaluation der Pflege, Sicherung und Entwicklung der Qualit ä t der Pflege,
c) Beratung, Anleitung und Unterst ü tzung von zu pflegenden Men- schen und ihrer Bezugspersonen in der individuellen Auseinandersetzung mit Gesundheit und Krankheit,
d) Einleitung lebenserhaltender Sofortma ß nahmen bis zum Eintref- fen der Ä rztin oder des Arztes,

2. die folgenden Aufgaben im Rahmen der Mitwirkung auszuf ü hren:

a) eigenst ä ndige Durchf ü hrung ä rztlich veranlasster Ma ß nahmen,
b) Ma ß nahmen der medizinischen Diagnostik, Therapie oder Reha- bilitation,
c) Ma ß nahmen in Krisen- und Katastrophensituationen,

3. interdisziplin ä r mit anderen Berufsgruppen zusammenzuarbeiten und dabei multidisziplin ä re und berufs ü bergreifende L ö sungen von Gesundheitsproblemen zu entwickeln. “ (Krankenpflegegesetz 2003: § 3)

Diese Beschreibung der beruflichen Aufgaben einer Pflegefachkraft lassen

erkennen, dass fachpflegerisches Handeln unter ganzheitlicher Sichtweise des Menschen den Pflegebedürftigen, seine Angehörigen oder Bezugs- personen sowie seine direkte Umwelt kontinuierlich systemisch betrachtet und mit einbezieht, Pflegebedarfe detektiert, entsprechende Interventio- nen eruiert, koordiniert, durchführt und evaluiert. Dies bedeutet und hat zur Folge, dass professionell Pflegende häufig eine außerordentliche Nä- he zum Pflegebedürftigen benötigen und erhalten, die es ihnen erlaubt, sich in der Intimsphäre des Pflegeempfängers bewegen zu dürfen, in einer Weise und einem Umfang, zum Teil in einer Bewusstheit, wie es kaum einer anderen Berufsgruppe gestattet ist.

Auch die Komplexität der praktischen Umsetzung im pflegerischen Alltag der im Gesetzestext verfassten Aufgaben ist erst bei genauerer Betrach- tung der Praxis erkennbar: Die pflegerische Verpflichtung betrifft alle Lebensbereiche des Pflegeempfängers, diese beinhalten die Erfüllung oder die Unterstützung zur Erfüllung von Grundbedürfnissen (vgl. Maslow 1981: 74-85) wie Hunger, Durst, Schlaf, Schmerzfreiheit, Atmung und Ausscheidung, aber auch die Sicherung von Sicherheitsbedürfnissen wie z. B. die Begleitung der Pflegekraft der Bewegung eines Pflegebedürftigen oder das Vermitteln eines allgemeinen Sicherheitsgefühls. Auch weiterführende soziale Aspekte obliegen professioneller Pflege, ebenso wie das Einbeziehen von Bezugspersonen oder anderen Berufsgruppen beispielsweise durch Information in den Pflegeprozess.

Den Berufsalltag beschreibend ergibt sich ein Konvolut vielfältiger patien- tennaher wie patientenferner Tätigkeiten, an der Pflege oft die Schnittstelle eines multidisziplinären Teams darstellt, egal ob es Grundbe- dürfnisfragen wie beispielsweise der Ernährung betrifft (patientennah: Nahrung anreichen, Führen eines Trinkprotokolls, etc.; patientenfern: Do- kumentation oder Organisieren der individuell benötigten Nahrungsform sowie Information an den ärztlichen Dienst über Reaktionen auf Nahrung/- santeile, etc.) oder Probleme der Bewegung tangiert (patientennah: z. B. Hilfe bei der Positionsänderung im Bett; patientenfern: z. B. Informati- on/Einbeziehen von Physiotherapeuten) oder ob es sich um komplexere Problemstellungen handelt, die interdisziplinär die Mitarbeit von Pflege- fachkräften zur Entwicklung einer Lösung erfordern, wie etwa die Mitwirkung in einer Ethikkommission.

Ein großer Teil der Leistungen, die Pflegefachkräfte erbringen, erscheint in keiner Dokumentation, doch sie sind in der Regel eng mit dem Pflegepro- zess und dessen Zielen verknüpft: Die Sicherung funktionaler Abläufe wie Vor- und Nachbereitung sowie Begleitung von diagnostischen Maßnah- men, Einholen von relevanten Informationen, Koordination von Untersuchungen, Weitergabe von erhobenen Befunden, Gespräche mit Pflegebedürftigen oder deren Bezugspersonen, etc., aber auch z. T. hygi- enische Aufgaben oder das Einpacken des Eigentums von Pflegeempfängern bei Entlassung/Verlegung finden keinen dokumentari- schen Nachweis.

All diese Tätigkeiten können keinem festen Ablaufschema unterworfen werden, sondern passen sich lediglich einer groben Ablaufstruktur fol- gend, dem dynamischen Prozess an, der durch die stets zu beachtenden aktuellen Bedarfe des Pflegebedürftigen bestimmt wird. Diesem Aspekt folgend müssen auch geplante Arbeitsprozesse, zu denen Kollegen zur Unterstützung oder auch technische Hilfsmittel benötigt werden, oft im Verlauf verändert werden. Häufig müssen Pflegefachkräfte bereits ange- fangene Arbeit durch eine sich abzeichnende oder akut auftretende Notfallsituation unterbrechen, der sie sich nicht selten zunächst allein (un- ter Stress) ausgesetzt sehen; diese Unterbrechungen der Arbeitsabläufe resultieren aus der Grundhaltung von Pflegekräften stets vorsorgende Umsicht walten zu lassen.

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Titel: Beschäftigen sich Auszubildende in Pflegeberufen schon mit Berufsausstiegsgedanken?