Lade Inhalt...

Der Bürgerkrieg in Ruanda. Ethnische Heterogenität als Erklärungsfaktor

von Ronja Maus (Autor)

Seminararbeit 2015 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Afrika

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Theoretische Überlegungen zur Relevanz von Ethnizität für das Risiko eines gewaltsamen Konflikts
2.1 Konzept von Ethnizität
2.2 Greed- und Grievance-Modelle
2.3 Ethnische Identität als Erklärungsfaktor für Gewalt

3 Der ruandische Bürgerkrieg
3.1 Konfliktverlauf
3.2 Konfliktparteien

4 Bedeutung von Ethnizität im ruandischen Bürgerkrieg

5 Fazit

Literatur

1. Einleitung

Im Frühjahr 1994 blickte die ganze Welt auf den kleinen Staat Ruanda in Zentralafrika. Innerhalb nur weniger Wochen verloren ca. 800.000 Menschen gewaltsam ihr Leben. Die Opfer des Völkermords waren vor allem Tutsi sowie moderate Hutsi. Weitere 2,1 Millionen Bewohner Ruandas verließen in der unmittelbaren Folgezeit das Land, Meh- ler bezeichnet dies als den „größten und am schnellsten vollzogenen Massenexodus der neueren Geschichte“ (Mehler 2006: 249). Hinzu kamen weitere 1,8 Millionen Men- schen, die als Binnenflüchtlinge bzw. internally displaced persons galten (Mehler 2006: 249). Diese Hausarbeit beleuchtet die Frage nach der Bedeutung und Gewichtung von Ethnizität als Erklärungsfaktor für den ruandischen Bürgerkrieg Anfang der 1990er Jahre. Welche Rolle spielte ethnische Identität für den Ausbruch der Gewalt?

Zur Erörterung der Frage folgt der Einleitung zunächst ein Theorie-Kapitel mit politik- wissenschaftlichen Ansätzen zur Relevanz von Ethnizität für die Eskalation von gewaltsamen Konflikten. Dabei reicht die Spannbreite von wissenschaftlichen Perspek- tiven, die Ethnizität jede Bedeutung absprechen, bis hin zu Perspektiven die die Instrumentalisierung von Ethnizität als unabdingbare Voraussetzung für den Ausbruch von Konflikten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen sehen. Anschließend wird der ruandische Bürgerkrieg in seinem Verlauf skizziert, des Weiteren werden die wichtigsten beteiligten Akteure kurz eingeordnet. Im Analyseteil wird aufgezeigt, wie Ethnizität zunächst bewusst konstruiert wurde, im weiteren Verlauf der postkolonialen Geschichte zunehmend instrumentalisiert wurde, und schließlich zur Mobilisierung zur aktiven Teilnahme an Gewalthandlungen eines breiten Teils der Bevölkerung genutzt wurde.

Das Fazit dieser Hausarbeit wird sein, dass Ethnizität somit eine zentrale Rolle für den Ausbruch des Bürgerkriegs gespielt hat. Trotzdem reicht die Erklärungskraft dieses einzelnen Faktors nicht aus, um das Maß an Gewalt zu begründen. Stattdessen muss eine umfassende Analyse auch den Herrschaftskonflikt beleuchten, da der Zeitpunkt der Eskalation der Aggressionen einhergeht mit einem Sicherheitsdilemma auf Seiten der hutu-dominierten ruandischen Regierung.

2. Theoretische Überlegungen zur Relevanz von Ethnizität für das Risiko eines gewaltsamen Konflikts

Mit dem Ende des Kalten Krieges kam es zum Niedergang der klassischen Stellvertreterkriege, die lange Zeit die internationale Politik des 20. Jahrhunderts bestimmt hatten. Gleichzeitig konnte man jedoch auch einen Anstieg von neuen Kriegen verzeichnen, insbesondere von äußerst brutal geführten Bürgerkriegen. Viele dieser innerstaatlichen Konflikte hatten eine starke ethnische Dimension, das heißt die Konfliktbeteiligten stellten ausdrückliche Bezüge zur ethnischen Identität in Form von Sprache, Kultur oder Abstammung her. Beispiele aus der jüngeren Geschichte dafür sind der Kosovo (1999), Somalia (1991 bis 2005), Sudan (seit 2003) etc.

Daher drängt sich die Vermutung auf, dass Feindseligkeiten und Rivalität zwischen ver- schiedenen Volksgruppen etwas Unumgängliches ist. Diese Annahme kann natürlich sofort entkräftet und sogar widerlegt werden mit dem Verweise auf ein friedliches Zusammenleben von weltweit mehr als 10.000 Volksgemeinschaften. Ebenso ergibt eine Auswertung der üblichen Maße für Ungleichheit (z.B. der Ethno-Linguistic Fractionali- zation Index ELF) den Befund, dass ethnische Heterogenität keine Signifikanz aufweist hinsichtlich des Risikos eines bewaffneten Konflikts. Im Folgenden soll daher die Bedeutung von Ethnizität auf den Ausbruch sowie Verlauf von bewaffneten Konflikten beleuchtet werden (Schrader 2012).

2.1 Konzept von Ethnizität

Um die Leitfrage zu beantworten, wird zunächst auf das Konzept von Ethnizität eingegangen, da dies ein Schlüsselbegriff in der vorliegenden Arbeit darstellt. In der Debatte um Ethnizität wird grundsätzlich zwischen zwei Lagern unterschieden:

Das lange Zeit vorherrschende Paradigma des Essentialismus betont die Wichtigkeit von primordialen Verbindungen zwischen den Menschen, die auf einer vorgegebenen gemeinsamen Geschichte, Kultur, Sprache und vor allem Abstammung beruhen. Ethni- zität wird dementsprechend als unveränderlich und homogen innerhalb klar abgrenzbaren sozialen Gruppen angesehen.

Dem gegenüber hat sich zunehmend der die konstruktivistische Schule durchgesetzt, die auch die Grundlage für die folgende Analyse bilden wird: „Constructionists emphasize that ethnicity is not suprahistorical and quasi-natural membership in a group, but rather a social identity constructed under specific historical-political circumstances.” (Lentz 1995: 306). Demgemäß können ethnische Identitäten als soziale Konstrukte im sozialen Zusammenleben geformt und verändert werden. Je nach Situation spielen sie eine auf- gewertete Rolle oder verbleiben eher im Hintergrund. Dabei konkurrieren sie mit einer Vielzahl weiterer Prägungen wie Geschlecht, Alter, Einkommensklasse, Bildung, Welt- anschauung etc.

Sozialkonstruktivisten argumentieren zudem, dass ethnische Gruppen vor allem durch die Konstruktion von sozialen Grenzen und einem sozialen Gegenüber entstehen. Dieser Prozess des Othering geschieht über die Zuschreibung von Eigenschaften für andere Menschen sowie Eigenzuschreibungen. Dementsprechend wird in diesem Paradigma die subjektive Manipulierbarkeit, die Flexibilität und der strategische Aspekt von Ethni- zität betont (Lentz 1995: 306). Vor diesem Hintergrund beleuchtet diese Arbeit zunächst theoretisch und anschließend am konkreten Fallbeispiel Ruanda die Bedeutung von Eth- nizität für die Eskalation von Gewalt. Unter welchen Bedingungen kann Ethnizität zu einem Konflikten oder gar Bürgerkriegen führen? Im Folgenden werden daher die wichtigsten Ansätze zu Ausbrüchen von Bürgerkriegen vorgestellt.

Der Definition Fearons folgend, verstehe ich unter einem ethnischen Konflikt die Verübung von Gewalt zwischen sozialen Gruppen mit unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit, die gezielte Verübung von Gewalt gegen eine spezielle ethnische Gruppe oder Verübung von Gewalt im Namen einer ethnischen Gruppe (Fearon 2006: 857). Generell kann man zwischen zwei großen Denkschulen unterscheiden, die nach Collier als „greed“-Modell oder „grievance“-Modell klassifiziert werden.

2.2 Greed- und Grievance-Modelle

Die erste Argumentationslinie, die auf Deutsch als „Gier und Gelegenheit“-Ansatz genannt werden kann, bestreitet jederlei kausale Relevanz von Ethnizität für die Eskala- tion von Bürgerkriegen. Ausgangspunkt ist hier die Beobachtung, dass weltweit zu viele ethnische Gruppen benachteiligt oder sogar unterdrückt werden, als dass man damit das vergleichsweise seltene Aufflammen von bewaffneten Konflikten zwischen verschiede- nen Volksgruppen erklären könnte (Hoeffler 2012: 192). Stattdessen stellen die Vertreter des greed-Modells die These auf, dass diese inneren gewaltsamen Auseinandersetzun- gen gewaltökonomisch motiviert seien. Anhänger der Weltbank-Gruppe um Paul Collier sehen das Hauptmotiv in der individuellen menschlichen Gier und dem Drang nach Selbstbereicherung. Dem liegt die Prämisse eines rationalistischen Menschenbil- des zugrunde. So wird der Rebellenanführer in diesem Paradigma als kühl kalkulierender Unternehmer gesehen, der Kosten und Nutzen miteinander abwägt.

Somit ist die Ursache von diesen Konflikten ausschließlich auf ökonomische Aspekte beschränkt. Collier und Hoeffler zeigen in einer quantitativen Studie zudem auf, dass militärische Kapazitäten und finanzielle Durchführbarkeit und Opportunitäten einen Konflikt begünstigen. Gemäß der Feasibility-Hypothese wird eine Rebellion stattfinden, wenn Bedingungen dafür gegeben sind. Demnach erhöhen Aspekte der Durchführbar- keit das Risiko eines Bürgerkriegs, jedoch nicht Faktoren hinsichtlich der Motivation gesellschaftliche Ungleichheit zu bekämpfen (Collier, Hoeffler, Rohner 2009: 3; 25ff). Mithilfe empirischer Nachweise modellieren sie, dass ökonomische sowie militärische Feasibility-Faktoren gegeben sein müssen um eine Rebellion zu starten. Dazu zählen zum Beispiel die Höhe, die Verteilung und Anstieg von Einkommen ebenso wie ein „Sicherheitsschirm“ der ehemaliges Kolonialmutter Frankreich sowie eine entspre- chende demografische Verteilung (namentlich eine bestimmte Bevölkerungsproportion von jungen Männern im Alter von 15-29 Jahren) (Collier, Hoeffler, Rohner 2009: 24). Gemäß dieser Denkschule werden Rebellen jede Gelegenheit für die Anzettelung eines bewaffneten Konflikts nutzen, wenn die staatliche Regierung militärisch schwach ist und/oder es plünderbare Ressourcen (z.B. Diamanten, Öl, Holz, Metalle) gibt.

Kurzum lässt dich daher mit Hinblick auf die Leitfrage dieser Arbeit sagen, dass in dem „greed-Modell“ der Fokus auf materielle, ökonomische und organisatorische Anreize gelegt wird. Motivationsfaktoren wie ethnische Heterogenität oder sonstige gesell- schaftliche Ungleichheit an sich weisen in dieser Denkschule keinerlei Relevanz auf.

Dem halten die Vertreter des „grievance-Modells“ entgegen, die Triebkraft für Bürger- kriege seien gesellschaftliche Missstände und gefühlte Ungerechtigkeit. Faktoren für den sozialen Groll können z.B. politische Unterdrückung, Ausschluss von Minderheiten, wirtschaftliche Ungleichheit, ethnische Spaltungen etc. sein. Allerdings erkennt auch das „grievance-Modell“ an, dass die vermeintliche anfängliche Ursache des Konflikts mit der Zeit in den Hintergrund tritt und stattdessen von stärkeren ökonomischen Moti- ven (i.e. Kriegsökonomien mit War Lords) abgelöst werden. Kritiker bemängeln an dieser Denkschule jedoch, dass weltweit zu viele soziale Gruppen benachteiligt werden, als dass mit derlei Missständen allein die Anfälligkeit einer Gesellschaft für Bürger- kriege erklärt werden kann.

So bemerkt Østby: „Over the past few years, prominent large-N studies of civil war seem to have reached a consensus that inequality does not increase the risk of civil war.” (Østby 2008a: 143) Und weiter: „Several conflicts today are fought between ethnic groups, but there are also many examples of ethnically diverse countries where ethnic groups live peacefully side by side.“ (Østby 2008a: 147) Angesichts dieser Schwächen und Unzulänglichkeiten der grievance-Modelle wird im folgenden Kapitel eine Weiterentwicklung des grievance-Modells vorgestellt.

2.3 Ethnische Identität als Erklärungsfaktor für Gewalt

Eine Reihe von Politikwissenschaftlern haben die grievance-Denkschule als Grundlage genommen und erweitert um die Frage, ob und unter welchen Bedingungen Ethnizität ein ausschlaggebender Faktor sein kann in Hinblick auf die Eskalation von gewaltsamen Konflikten. So wird in der qualitativen Bürgerkriegsforschung ebenfalls der Fokus auf die Frage nach Identität und Ungleichheit gelegt, damit sowohl kollektive als auch indi- viduelle Beweggründe für politische Entscheidungen erklärt werden können. In dieser

Denkschule wird von einem konstruktivistischen Verständnis von Gruppenzugehörig- keit ausgegangen, gleichzeitig betonen die Forscher aber auch die reale Dimension dieser Affiliationen. So erkennen sie die Tatsache an, dass Ethnizität für Angehörige einer Volksgruppe selbst als primordial und reell begriffen und gelebt wird (Stewart 2005: 187). So sind gemeinsame Merkmale wie eine geteilte (Leidens-)Geschichte, Sprache, Kultur oder Religion die Voraussetzung um eine gemeinsame Identität zu er- zeugen, die stark genug ist um Menschen für einen Konflikt zu mobilisieren.

Vertreter dieser Denkschule kombinieren eine geteilte (ethnische) Identität mit konkre- ten Erfahrungen von Diskriminierung, Benachteiligung oder Bedrohung. Um gesell- schaftliche Ungleichheiten zu messen, greifen sie jedoch nicht auf traditionelle Maße für Heterogenität zurück (wie der bereits zuvor genannte Ethno-Linguistic Fractionali- zation Index ELF, weitere Maße sind beispielsweise der Religious-Linguistic Fractiona- lization Index RFI oder der GINI-Koeffizient), da diese ausschließlich die Ungleichheit zwischen einzelnen Mitgliedern einer Gesellschaft erfassen, die sogenannte Vertikale Ungleichheit. Diese Maße werden von den Vertretern des breiteren Ansatzes als nicht ausreichend eingestuft. Sie argumentieren, dass Individualdaten nicht zwangsläufig das Verhalten einer sozialen Gruppe vorhersagen können. Stattdessen plädieren Forscher wie Stewart oder Østby für die Verwendung eines Maßes für Horizontale Ungleichheit, um Heterogenität zu spezifizieren. Anstatt den Fokus auf Individuen zu legen, bezieht sich horizontale Ungleichheit auf Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Entitäten (Østby 2008a; Østby 2008b; Stewart 2005). So kann beispielsweise zwischen Gruppen differenziert werden hinsichtlich des Zugangs zu ökonomischen, politischen oder sozia- len Ressourcen.

Kaufman legt bei seiner Studie der Relevanz von Ethnizität für den Ausbruch für ge- waltsame Konflikte den Fokus auf die Macht der Diskurse und Symbole. Durch Mythen werde die eigene Identität und Zusammengehörigkeit von sozialen Gemeinschaften be- gründet (Kaufman 2006: 50). Aber zeitgleich wird dadurch auch eine Abgrenzung ge- genüber dem Fremden vorgenommen, das sogenannte „Othering“.

[...]

Details

Seiten
23
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668421325
ISBN (Buch)
9783668421332
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354351
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Schlagworte
Ruanda Völkermord Bürgerkrieg Genozid Ethnizität

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Ronja Maus (Autor)

Zurück

Titel: Der Bürgerkrieg in Ruanda. Ethnische Heterogenität als Erklärungsfaktor