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"Volk ohne Bildung. Die Deutschen sorgen sich um ihre geistigen Ressourcen" von Thomas Schmidt. Eine Erörterung

Rezension / Literaturbericht 2011 6 Seiten

Didaktik - Deutsch - Sonstiges

Leseprobe

Bildung. Ein einfaches Wort, das wohl jedem bekannt ist, doch seine scheinbare Eindeutigkeit trügt. Beschäftigt man sich näher damit, stellt man schnell fest, dass es viel zu bedeuten vermag. Der Eine versteht darunter vielleicht praktisches Wissen, ein Anderer verbindet damit Schulen und Universitäten, und der Nächste definiert Bildung mit Lebenserfahrung. Doch was ist Bildung tatsächlich, wie erlangt man sie, und wie steht es überhaupt mit der Problematik der Bildungspolitik? Mit dieser Thematik setzt sich Thomas E. Schmidt in seinem Text „Volk ohne Bildung. Die Deutschen sorgen sich um ihre geistigen Ressourcen“ auseinander, in dem er zusätzlich eine Definition für den Begriff Bildung zu geben versucht.

Man kann diesen Text inhaltlich in fünf Abschnitte unterteilen. Thomas E. Schmidt beginnt seine Darlegung im ersten Abschnitt (Z. 1 – 7) mit dem Beispiel der schlecht ausgefallenen Pisastudie zu den Fähigkeiten der jungen Menschen in Bezug auf Tüchtigkeit, Abstraktionsvermögen und Sprachverstehen, die eine regelrechte Welle der Ausrufe des Bildungsnotstandes auslöste. Allerdings argumentiert er mit der These, dass die Themen dieser Studie nichts mit Bildung zu tun haben, sondern viel mehr mit den Voraussetzungen für die Eingliederung in die Arbeitswelt. Im nächsten Abschnitt (Z. 8 – 14) stellt er die Wichtigkeit der Bildung besonders in Deutschland mit der These, dass dieses Thema schon seit dem 19. Jahrhundert wie eine Zauberformel beschworen wurde, heraus. Anschließend beschreibt er das Szenario des Verschwindens der Bildung in Deutschland, einem Land, was sich aufgrund seiner Kultur zusammenraufte. Diese fehlende Bildung würde nun als Ursache dafür geltend gemacht werden, dass Deutschland von zerreißenden Kräften heimgesucht würde, da ein essentielles, verbindendes Stück Kultur verschwunden wäre. Im dritten Abschnitt (Z 15 – 23) führt der Autor seiner Darlegungen wieder zu dem am Anfang genannten Beispiel der Pisastudie zurück. Dabei stellt er eine These zur Begründung auf, warum eben jene Studie ein solch nachhaltiges Unbehangen ausgelöst hatte: Bildung war seit den Zeiten Willy Brandts zu einer Staatssache geworden. Die schlecht ausgefallene Studie bestätigt laut Thomas E. Schmidt die Enttäuschung über diese Politik. Im darauffolgenden Abschnitt (Z. 23 – 45) stellt er die These auf, dass nun das Volk sehe, dass Bildung nichts mit staatlicher Vorsorge zu tun hat, und weiteren Bildungsreformen nichts verändern werden. Daraufhin definiert er Bildung als individualisierte Angelegenheit des Privatlebens, die über die Grenzen der Bildungseinrichtungen hinaus reicht. Er beschreibt Bildung als Lebensbewältigungsstrategie, als ein Reservoir an Redundanzen und umreißt damit thesenhaft, dass Bildung vielfältig ist, und damit keine homogene Masse aus perfekten Arbeitsnehmern geformt werden kann, wie es der Staat laut Thomas E. Schmidt anscheinend anstrebte. Der letzte Abschnitt (Z. 46 – 51) wird von Thomas E. Schmidt mit der zusammenfassenden These eingeleitet, dass Bildung vielerlei Definitionen besitzt, diese heutzutage allerdings auch gegeneinander streben und nichts mehr gemein haben. Allerdings stellt er die These auf, dass sich die Bedeutung dieses Begriffes niemals geändert habe, allenfalls der Lärmpegel über dessen Klagen schwankt.

Thomas E. Schmidt will mit diesem Text klar machen, dass Bildung nicht auf einen allgemeinen Wissensbereich degradiert werden kann, und mit diesem ebenso wenig eine konforme Masse an Arbeitern gezogen werden kann. Dies wird besonders durch die Pause „Viel mehr jedoch kann man mit Bildung nicht anstellen, nicht eine neuzeitliche Massengesellschaft am Reißbrett eines Musterbildes ausrichten – und schon gar nicht mit ihr den idealen Arbeitsnehmer erzielen.“ (Z. 45 – 45) deutlich, durch welche die Bedeutung dieses Satzes besonders untermalt wird. Er will klar machen dass Bildung eben keine Staatssache ist, und es gerade zu impertinent ist, sie auf anscheinend enorm wichtige Dinge herab zu würdigen, was durch die Personifikation der Bildung „.., dass auch eine weitere Bildungsreform nicht die Versprechen der alten wird einlösen können, mehr noch: dass Bildung mit staatlicher Vorsorge überhaupt wenig zu tun hat“ (Z. 23 – 25) unterstrichen wird. Anschließend versucht er den groß gefassten Begriff der Bildung mit der Aufzählung „Bildung ist eine Angelegenheit des privaten Lebens, sie ist eine hoch individualisierte, teils anstrengende, teils lustvolle, jedenfalls druch persönliche Abneigungen und Vorlieben geformte Strategie der Lebensbewältigung.“ (Z. 25 – 27) zu umreißen, um zu verdeutlichen, dass sich hinter ihm so viel mehr als das Schulwissen verbirgt. Durch die wiederholte Personifikation der Bildung wird dieser bedeutsame Begriff nochmals betont, und durch die Verwendung der vielen Adjektive, also der gestalterischen Wortwahl, und auch durch den Parallelismus wird an diesem Satz deutlich, dass Bildung vielfältig und spannend ist, und keinesfalls langweilig. Er kritisiert damit also auch den Staat, der die Bedeutung dieses Begriffes verunstaltet hat und einen dekadenten Ausruf des Bildungsnotstandes hervorruft, und somit die Meinung der Menschen beeinflusst. Der Autor will dazu bewegen, zu beginnen, seinen Horizont zu erweitern. Denn Bildung ist tatsächlich „überflüssiger Kram, dessen Sinn sich nicht schon beim nächsten Bewerbungsgespräch, sondern irgendwann später, vielleicht nie erschließt.“ (Z. 37 - 39), wie so viele Teenager glauben. Auch durch das klangliche Mittel der Alliteration „Bildung ist ein Reservoir an Redundanzen“ (Z. 39) wird betont, dass Wissen nicht nur brauchbares zur Lebensbewältigung sein muss – auch scheinbar unwichtige, dafür viel interessantere Dinge gehören dazu! Und genau in diesen unwichtigen Dingen liegt laut Thomas E. Schmidt der Reiz! Wissen ermöglicht es, „auf spielerische, ja unverantwortliche Weise Analogien [zu] bilden … und auf diese Weise (Selbst-)Ironie [zu] lernen“ (Z. 40 – 42). Durch die Verwendung der Satzzeichen beim Begriff Selbstironie betont Thomas E. Schmidt, dass man durch Bildung ebenso sich selbst erkunden, ja neu erfinden kann. Man erkennt Zusammenhänge, und es ist einem ermöglicht, das Leben bewusst zu er leben. Denn, und das ist die Hauptaussage des Autors: Bildung ist spannend!

Doch besteht dieser Begriff nicht doch auch aus einem erheblichen Teil der Schulbildung, und weniger aus Lebenserfahrung? In Folgendem werde ich mich kritisch mit dieser Thematik der Bildungspolitik und der Bedeutung der Bildung auseinandersetzen.

Als treibende Kraft seiner Darlegung über die wahre Bedeutung der Bildung dient die These, dass der Begriff mitunter auch durch den Staat verunreinigt wurde, denn dieser versuchte ihn auf ein Grundmaß herab zuschrauben, stellte ihn laut Thomas E. Schmidt sogar mit Fähigkeiten zur Integration in die Arbeitswelt gleich. Ich kann dieser These nur teilweise zustimmen. Zwar habe ich mich schon oft in meinem Schülerleben gefragt, warum wir Themen aus der tiefsten Biologie und Mathematik erlernen, allerdings von Alltagspraxis und Menschenkenntnis wenig sehen, warum also einiges als Allgemeinbildung angesehen wird, und anderes, meiner Meinung nach genauso wichtiges, nicht. Allerdings finde ich, dass Fähigkeiten wie Sprachverstehen und Abstraktionsvermögen eben doch auch zur Bildung gehören. Ebenso finde ich, dass die Bildungslage in Deutschland tatsächlich schlecht ist, und nicht nur ein unnötiges Aufscheuchen des Staates war, um die Politik am Leben zu erhalten. Wenn man Menschen – und damit ist nicht nur die Jugend gemeint –, anspricht, und ihnen leichte Fragen nur allgemeine Bildung stellt, bekommt man schon die verwunderlichsten Antworten. Dies kann man auch oft in Fernsehshows wie Galileo beobachten, in denen dieses Phänomen schon parodiert wird.

Als zweite tragende These dient Thomas E. Schmidts Aussage, dass der Staat versucht mit dem Grundmaß dieser Bildung eine bestmögliche Masse an Arbeitsnehmern zu erzielen. Dieser These kann ich nur allzu schwungvoll beipflichten. Der wahre Kern der Bildung wird in der Schule nur angeschnitten, und Wissen wird oft nur so weit vermittelt, dass die Jugendlichen ein gerade ausreichendes Allgemeinwissen besitzen – und zwar auf eine solch Art und Weise, dass die Kinder denken, Bildung sei anstrengend, langweilig und unnütz, und ihnen damit der Antrieb genommen wird, selber ihren Horizont zu erweitern. – Ein bedauernswerter Nebeneffekt der Bildungspolitik. Allerdings ist die Tragweite dieses Effektes enorm: viele Schüler brechen die Schule verfrüht ab, obwohl viele von ihnen sicherlich noch nicht an ihre Grenzen gestoßen waren, und starten gleich in das Arbeitsleben. Somit lernen sie in einer Ausbildung nur noch, wie man ihre zukünftige Arbeit ausführt, und ab diesem Punkt hört die Wissenerweiterung bei den allermeisten auf. Und das ist schade, sehr schade. Insofern erzielt der Staat mit dieser Bildungspolitik tatsächlich eine größtenteils homogene, breite Masse an Arbeitern.

Als weitere Kernthese legt der Autor dar, was Bildung tatsächlich ist; die individuelle Lebensweise, Kulturerlebnisse und Lebenserfahrungen. Zu diesem Begriff würde ich, wie oben genannt, allerdings auch Fähigkeiten des Wissenserwerbs zählen. Schließlich stellt man sich unter dem Begriff „ein gebildeter Mensch“ niemanden vor, der ein schlechtes Sprachverstehen und Abstraktionsvermögen besitzt, sondern jemanden, der eventuell studiert hat, eine enorme Wissensbreite besitzt und sich somit meistens auch gewählt ausdrückt. Zumindest kenne ich niemanden, den ich als gebildet einstufen würde, und diese Punkte nicht erfüllt. Somit steht fest; die Fähigkeiten zum Wissenserwerb sind sehr wohl im Zusammenhang mit dem Begriff Bildung zu tun, denn sie ermöglichen es zum großen Teil, sich Wissen anzueignen. Fraglich ist natürlich, wie groß dieser Teil ist – wahrscheinlich kleiner als die Individualität und das Wissen z.B. über Kulturerlebnisse des Einzelnen, und ist damit eher sekundär zu betrachten.

Als letzte wichtige These hält Thomas E. Schmidt fest, dass der Bildungsstand der Gesellschaft gar nicht schwankt, wie es laut der Pisastudie zu vermuten wäre, sondern lediglich die Lautstärke der Beschwerden über dessen Zustand. Dieser These kann ich ebenfalls nur teilweise zustimmen. Zwar ist es wahrscheinlich, dass Politiker gerne und oft über- und untertreiben, und das Thema des Bildungsstandes sicherlich nicht ausgenommen wird – es handelt es sich momentan also meiner Meinung nach bestimmt nicht um einen Bildungs notstand –, allerdings finde ich schon, dass die junge Generation besser gebildet sein könnte. Doch, wie schon erwähnt, liegt dies wohl an der nun schon eintrainierten Abneigung der Schüler gegenüber dem Wissenserwerb, was zu einer Bildung auf einem geringem Level führt. Aber – und diese Seite muss man auch betrachten – junge Menschen sind eben das, was sie sind: jung. Ihnen steht das Leben noch bevor, und sie haben noch alle Zeit der Welt, um sich Wissen anzueignen – was hoffentlich passieren wird. Deshalb finde ich insgesamt, dass der Bildungsstand tatsächlich nicht schwankt, denn die neuen Generationen werden ja nicht plötzlich dümmer. Sie werden sich genauso Bildung aneignen, diese kann sich allerdings von der Bildung der älteren Generationen unterscheiden – z.B. was geschichtliche Themen betrifft. Aber, wie der Autor so wunderbar dargelegt hat, besteht Bildung nicht nur aus Wissen allein, sondern auch aus Individualität und Lebenserfahrung. Und somit verändert sich das Ausmaß des Bildungsstandes in Deutschland sicherlich nicht, sondern tatsächlich nur die Klagen über den Zustand. Denn, wenn man die Sache etwas genauer betrachtet – von wem kommen denn all die Klagen? Größtenteils von den älteren Generationen. Diese haben zwar Grund, die Lage kritisch zu sehen, da sich ihr Wissen nicht mit dem Wissen der jetzigen Generationen vergleichen lässt, allerdings sehen sie nicht, dass sich Bildung in einer ständigen Entwicklung befindet – und zwar mit den Menschen. Bildung geht mit der „Mode“, Bildung offenbart etwas über die Menschen und deren Zeit; und es ist sicherlich ein unbestreitbarer Fakt, dass sich die Zeit und die Lebensweise der Menschen verändern.

Allerdings stimme ich mit der Kernaussage des Autors überein; Bildung ist spannend, und jeder sollte erpicht darauf sein, sich ständig weiterzubilden. Denn, was die meisten Menschen vergessen haben; Bildung ist auch ein Stück Lebensqualität, ein Stück Kultur, ja, ein Stück Leben ! Und warum sollte man den Menschen ein Stück ihres Lebens verwehren?

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Details

Seiten
6
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668407886
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354296
Note
15
Schlagworte
volk ohne bildung die deutschen sorgen sich um ihre geistigen ressourcen erörterung textanalyse inhaltsanalyse analyse deutsch thomas E. schmidt

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Titel: "Volk ohne Bildung. Die Deutschen sorgen sich um ihre geistigen Ressourcen" von Thomas Schmidt. Eine Erörterung