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Sprachliche Relativität: Die Sapir-Whorf-Hypothese

Hausarbeit 2004 30 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abgrenzung: Nativismus Vs. Relativismus

Sprachliche und kognitive Kategorien
Wörter
Grammatik
Mengenbegriffe
Substantive
„Phasenzyklen“
Zeitbegriffe
Dauer und Intensität
Satzaufbau
Zum Ursprung sprachlicher Kategorien

Sprache erzeugt Realität
Zeit und Raum
Sprache und Logik
Grenzen und Möglichkeiten der Wissenschaft

Kritik und empirische Überprüfung
Kritiker
Die empirische Perspektive
Farbexperimente
Lucys Numerale
Neurolinguistische Ansätze

Schluss

Anhang

Literatur

Stichworte

"...dass es die innere Verfasstheit des Menschen selbst ist, die hier auf die Verfassung der Polis projiziert wird; der gerechte Mensch allein ist Ursache und auch Ziel der gerechten politischen Ordnung. Damit richtet sich das ganze Unternehmen Politeia gegen die Theorie der Sophistik, für die Machterhalt und nicht Gerechtigkeit staatstragendes Prinzip und damit der einzelne Mensch nicht Zweck, sondern Mittel der Politik ist, obwohl sie andererseits den Menschen zum Maß aller Dinge verklärt." (zehnpfennig)

·Aufbau der Politeia: Buch 1 scheinbar ergebnisloses Fragen nach dem Wesen der Gerechtigkeit, Buch 2-10 Antwort Platons auf die Frage mittels eines Entwurfs der idealen Polis. Darin: Buch 2-5 Aufbau und Wesen des Idealstaats. 5-7 seine letzte Ursache: die Herrschaft des Philosophen, 8-9 Verfall vom besten zum schlechtesten Staat, Buch 10: mythologische Bekräftigung der entwickelten Grundsätze.

·Buch 1: Auseinandersetzung mit 3 Gerechtigkeitsvorstellungen, die Platon nacheinander widerlegt. (1. Kephalos: "wiedergeben, was man empfangen hat" - Prinzip der Vertragstheorie und bürgerlichen Gesellschaft. 2. Polemarchos: "den Freunden nutzen, den Feinden schaden" - Freund-Feind-Ideologie (Platon: Gerechtigkeit als Inbegriff des Guten kann keinen Schaden tun). 3. Thrasymachos: "das dem Stärkeren Zuträgliche" - Vertreter des Faustrechts und der Tyrannis, Tugend sei nur Verbergen von Schwäche)

·"mit der sokratischen Widerlegung sind nicht nur die Grundlagen der herkömmlichen Gerechtigkeits- und auch Staatsmodelle erschüttert - die drei Definitionen lassen sich als die theoretische Grundlage von Demokratie, Oligarchie und Tyrannis deuten; die Abfolge der Definitionen lässt auch den Zusammenhang erkennen zwischen einer auf bloße Besitzstandswahrung ausgerichteten Vertragstheorie, ihren Verfall in die auf dem Verteilungskampf beruhende Freund-Feind-Ideologie sowie deren Umschlag in die Ideologie des Rechts des alles für sich beanspruchenden Stärkeren. Alle drei Gerechtigkeits- und Staatsmodelle sind Ausdruck des Eigennutzes der Herrschenden. Dagegen stellt Platon nun seinen Staatsentwurf, der mit der Herrschaft der Vernunft auch die am Gemeinwohl orientierte Herrschaft fordert."

Vorwort

In der vorliegenden Arbeit soll der durch Benjamin Lee Whorf (1897-1941) maßgeblich geprägte und popularisierte sprachliche Relativismus vorgestellt und auf seine Plausibilität geprüft werden. Als Untersuchungsweg dient mir dabei einerseits ein philosophischer, andererseits ein empirischer Zugang zur Problemlage. Denn eine interdisziplinäre Herangehensweise ist vonnöten, da die Sprache nicht als Einzeldisziplin verstanden werden kann, sondern vielmehr Bereiche der kognitiven Psychologie, Erkenntnistheorie, Neurologie, Anthropologie und Linguistik berührt. In knapper Form soll eine Erläuterung der Frage geleistet werden, in wie weit die Sprache als restriktiver Rahmen für die menschliche Freiheit gesehen werden kann.

Abgrenzung: Nativismus Vs. Relativismus

Auf die Frage, wie die Wahrheitsbedingungen der Sprache und ihre Beziehung zum Individuum und seiner Kultur beschaffen sind, leistet die Sprachphilosophie verschiedene Antworten, welche sich grob in zwei Lager unterscheiden lassen: das der Nativisten und das der Relativisten. Während der Nativismus eine Universalsprache a priori annimmt, mit der jeder Mensch auf dieselbe Weise ausgestattet ist, negiert der Relativismus schon die Existenz der Sprache als allgemein zugrundeliegende Instanz. Die jeweilige Einzelsprache ist Produkt der Kultur und basiert nicht auf einer angeborenen Grammatik. Mit diesen unterschiedlichen Positionen sind in der Konsequenz auch unterschiedliche Weltbilder verbunden: Da der Nativismus von einer einzigen sprachlichen Struktur ausgeht, die sich in grundsätzlich ähnlichen Sprachen manifestiert, kann die Sprache hier keinen Einfluss auf die Erkenntnis des Einzelnen haben. Im Relativismus dagegen sind innere und äußere Sprache identisch. Jeder Mensch könnte je nach Umgebung jede beliebige Sprache erlernen, die der Logik anderer Sprachen noch so unähnlich wäre. Da es etwa 5500 verschiedene lebende Sprachen gibt, bestimmt diese Unterschiedlichkeit auch über die Logik der inneren Sprache. Die Realitätsauffassung von Menschen variiert also abhängig von den logischen Strukturen ihrer Sprache. „Wir gelangen daher zu einem neuen Relativitätsprinzip, das besagt, dass nicht alle Beobachter durch die gleichen physikalischen Sachverhalte zu einem gleichen Weltbild geführt werden, es sei denn, ihre linguistischen Hintergründe sind ähnlich oder können in irgendeiner Weise auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden.“[1] – so formuliert es Whorf selbst.

Hauptargumente des Nativismus, welcher zuvorderst mit den Namen Noam Chomsky und Jerry Fodor verbunden ist, sind einerseits die Komplexität von Grammatiken, welche die kognitiven Fähigkeiten von Kindern ohne Vorkenntnisse überfordern würden, und andererseits die grammatischen Ähnlichkeiten der Weltsprachen. Die Tatsache aber, dass exotische Sprachen existieren, die sich in Grammatik und Wortschatz eben von anderen Sprachen unterscheiden, bildet für das Lager der Relativisten den evidentesten Gegenbeweis. Offenbar sind die Mitglieder exotischer Sprachgemeinschaften ja in der Lage, ihre Sprache zu erlernen. Ein weiteres Problem tut sich in der nativistischen Sprachphilosophie auf: Durch die Unterscheidung von innerer und äußerer Sprache sind zwei Repräsentationssysteme vonnöten - eines zwischen dem Gedanken und der inneren Sprache und ein weiteres zwischen der inneren und der äußeren Sprache. Hilary Putnam erläutert: „Der Geist denkt seine Gedanken auf mentalesisch, verschlüsselt sie sodann in der am betreffenden Ort gegebenen natürlichen Sprache und übermittelt sie anschließend dem Hörer. Der Hörer hat natürlich ebenfalls einen Kryptographen im Kopf, der daraufhin die ‚Botschaft’ dechiffriert.“[2] Ein gewisser Relativismus ist sogar im Nativismus angelegt. Die angeborene Grammatik, beziehungsweise Kategorisierung der Umwelt besagt nämlich nur, dass der Mensch aufgrund seiner Veranlagung zu einer bestimmten Wahrnehmung seiner Realität gezwungen ist und nicht, dass man die Realität so wahrnehmen MUSS. Denkbar sind also durchaus unterschiedliche Realitäten, wäre die Sprache nur anders angelegt.

In Abgrenzung nativistischer Positionen wird im Folgenden Whorfs Antwort auf die Frage nach den Wahrheitsbedingungen für Sprache im Mittelpunkt stehen. Unterschlagen werden soll dabei nicht, dass seine Idee einer sprachabhängigen Wahrnehmung kein neuer Gedanke ist, sondern schon etwa seit dem 17. Jahrhundert in mehr oder weniger genauer Ausarbeitung in der Philosophie zu finden ist. Mit Wilhelm von Humboldt begann das empirische Sprachstudium. Sprache war für ihn Voraussetzung für das Denken, das „Organ des Gedanken“, welches dieses nicht nur abbildet, sondern zugleich eine Weltsicht vermittelt. Erkenntnistheoretische Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Sprache und Kognition tauchten auch bei Reinhold, Bacon, Leibniz, Herder, und vielen anderen auf. Zuletzt ist Whorf besonders stark durch die relativistischen Theorien Edward Sapirs und seines Lehrers Boas beeinflusst worden.[3] Dennoch können seine Aufsätze als Höhepunkt dieser Entwicklung gesehen werden, denn hier wird das relativistische Prinzip erstmals derart drastisch formuliert. Auf einen geschichtlicher Diskurs soll an dieser Stelle zugunsten einer Darstellung der Whorfschen Hypothese verzichtet werden.[4]

Sprachliche und kognitive Kategorien

Prämisse für jede Art von abstraktem Denken ist die Diskriminierung wahrgenommener Dinge in Klassen. Nur so kann die Flut an Eindrücken zweckmäßig geordnet und für weitere kognitive Prozesse gebraucht werden. Erst eine Kategorisierung macht also menschliches Denken effektiv. Diese Klassen, so Whorf, resultieren jedoch nicht aus einer biologischen Veranlagung oder einem auf anderem Wege a priori gegebenen „gesunden Menschenverstand“, sondern sind Resultat des Wortschatzes und vor allem der Grammatik der jeweiligen Muttersprache. „Die Kategorien und Typen, die wir aus der phänomenalen Welt herausheben, finden wir nicht einfach in ihr – etwa weil sie jedem Beobachter in die Augen springen; ganz im Gegenteil präsentiert sich die Welt in einem kaleidoskopartigen Strom von Eindrücken, der durch unseren Geist organisiert werden muss – das aber heißt weitgehend: von dem linguistischen System in unserem Geist.“[5] Whorf unterteilt diese sprachlichen Kategorien in Wörter und grammatische Konstruktionen.

Wörter

Zum einen erlaubt eine Sprache, in Whorfs Fall das Englische, nicht die willkürliche Formung eines Wortes. Bestimmte zugrundeliegende Regeln bestimmen über die Abfolge der Buchstaben, sodass nur eine begrenzte Anzahl von Wortschöpfungen überhaupt möglich wäre, deren Klang dem Sprecher sinnvoll erscheinen würde. So ein „Strukturschema“ für mögliche Wörter kann konkret durch eine logische Formel ausgedrückt werden.[6] Des weiteren stoßen Benennungen wegen der oben beschriebenen Kategorisierung an ihre Grenzen. Da ein Name für eine ganze Klasse an Dingen gebraucht wird, die durchaus unterschiedlich sein können, muss es notwendig zu undefinierbaren Grenzbereichen kommen, da die Natur selbst schließlich nicht immer aus solch klar umrissenen Klassen besteht. Wir projizieren materialistische Sprachkategorien auf die Umwelt, sodass entweder nicht-räumliche oder nicht fest umrissene Begriffe in der Sprache wie Objekte behandelt werden. Auch Attribute wie „lang“, „kurz“, „groß“, „klein“ sind keine festen Begriffe, da sie relativ zu ihrer Umwelt zu bewerten sind. Besonders die Bezeichnung von physikalisch eigentlich ineinander übergehenden Gegenständen ist problematisch und kann als inadäquat betrachtet werden, so zum Beispiel das Substantiv „Welle“ für eine sich ständig bewegende Erhebung des Wassers. Als Indiz für die Willkürlichkeit sprachlicher Kategorien führt Whorf die Struktur außereuropäischer Sprachen an. Hopi-Indianer besitzen beispielsweise gar keine Bezeichnung für eine Welle, sondern beschreiben: „ein mehrfaches Wogen ereignet sich“[7] Zudem existiert hier nur eine Wortklasse für fliegende Objekte (bis auf Vögel); man bezeichnet also ein Flugzeug und ein Insekt mit demselben Terminus. Andererseits kann es mehrere Wörter für Dinge geben, die in europäischen „SAE“-Sprachen[8] mit einem Namen bezeichnet werden: Die Eskimos zum Beispiel haben mehrere Bezeichnungen für „Schnee“. Whorf schließt, dass Wörter weder eine natürlich determinierte, noch klar umrissene Bedeutung haben, sondern im Kontext einer Situation oder eines Satzes verstanden werden müssen. Er behauptet keineswegs, dass ein Gedanke ohne das zugehörige Wort nicht möglich sei, wie ihm oft vorgeworfen wurde[9]. Im Gegenteil spricht er sich an anderer Stelle gegen einen Determinismus dieser Art aus.[10]

Grammatik

Das Strukturschema eines Satzes bestimmt über die Bedeutung seiner einzelnen Wörter. Whorf nennt als Beispiel den Satz „Ich bin den ganzen Weg hinuntergegangen, bloß um Jack zu sehen“[11]. Die Bedeutung dieser Aussage hängt maßgeblich von dem Kontext seiner Äußerung ab. Einzig definierter Faktor ist hier „Jack“. Der Zwang ganzer syntaktischer Sinnzusammenhänge ist zwangsläufig größer als der einzelner Wörter. Hierzu gehören: „Mehrzahl, Geschlecht und ähnliche Klassifikationen (belebt, unbelebt etc.), die Tempora, Aktiv, Passiv und andere Verbformen, Klassifikationen nach der Art der ‚Redeteile’ und solche Unterscheidungen wie die, ob eine gegebene Erfahrung mittels eines einheitlichen Morphems, durch ein flektiertes Wort oder mit einer syntaktischen Verbindung bezeichnet wird.“[12] Wie im folgenden ausgeführt werden wird, ist SAE vor allem durch eine Materialisierung abstrakter Dinge und eine scharfe Kategorisierung gekennzeichnet. Dass diese Strukturen keine universelle Gültigkeit für sich beanspruchen können, will Whorf anhand eines Vergleichs mit indianischen Sprachen, zuvorderst der Hopi-Sprache, zeigen. Unterschiede durchziehen die gesamte Grammatik: Mengenbegriffe, Substantive, Zeitbestimmungen, Attribute zur Formulierung von Intensität und Tendenz und die Unterteilung in Satzteile sind im SAE (Standard Average European) und Hopi in wesentlichen Punkten verschieden. Die Auswirkungen dieser Differenzen auf kognitive Verarbeitung und kulturelle Gesinnung wird das Thema des nächsten Kapitels sein.

Mengenbegriffe

SAE benutzt „zehn“ in „zehn Bälle“ genauso wie „zehn Tage“, obwohl es sich im ersten Fall um eine reale, im zweiten Fall dagegen um eine abstrakte Menge handelt. Die Zeit wird materialisiert und als Objekt benannt. Während man im SAE Numerale sowohl für reelle als auch für abstrakte Gegenstände verwendet, kennt das Hopi keine Quantifizierung von nicht-räumlichen Entitäten. Zwar kann ein subjektives Gefühl von Dauer ausgedrückt werden, Zeit ist jedoch nicht wie eine materielle Substanz in Einheiten geteilt. Diese wird im Sinne eines Voranschreitens wie „Sie blieben bis zum elften Tag“ ausgedrückt. Benannt wird nur, was tatsächlich Gegenstand der Erfahrung ist. Whorf sieht die Ursache für die Undifferenziertheit des europäischen Sprachsystems darin, „dass unsere Sprache zwei verschiedene Situationen zusammenwirft aber nur ein Strukturschema für beide hat.“[13] Als natürlich gilt ihm nur die Wahrnehmung des Vergehens, nicht aber die Objektivierung – so die von ihm eingeführte Bezeichnung – der Zeit.

Substantive

Ähnlich inadäquat wendet SAE die Methode der Objektivierung auf Gegenstände an. Es wird unterschieden zwischen individuellen Gegenständen wie „Baum“ und Materialien und Stoffen wie „Wasser“, die nur im Singular vorkommen. Erstens ist diese Unterscheidung von begrenzten und nicht begrenzten Stoffen nicht immer in dieser Form in der Natur zu finden, wie beispielsweise ersichtlich an den Worten „Fleisch“ oder „Glas“. Zweitens benötigt die Klasse der unbegrenzten Substantive einen Relationsbegriff, der die Menge festlegt, wie „ein Glas Wasser“ oder „ein Stück Salz“. Diese Aufteilung in einen Behälter und seinen Inhalt habe laut Whorf schwerwiegende Folgen für die Denkstrukturen des SAE-Sprechers - nämlich die Annahme der Existenz einer zugrundeliegenden Substanz -, welche im nächsten Abschnitt besprochen werden. Wiederum liegt dieser Fall anders im Hopi, denn hier gibt es keine Unterscheidungen verschiedener Substantivklassen. Alle Nomen existieren im Singular und Plural, ihre Benennung ist zugleich an eine bestimmte Menge oder Ausdehnung gebunden, die Allgemeinheit einer Aussage wird nur durch Verben erreicht. Formlose Dinge erhalten erst gar keine nominelle Bezeichnung, sondern werden mithilfe von „anderen Symbolen“ beschrieben, die Whorf nicht genauer benennt.

„Phasenzyklen“

Zeitliche Phasen wie Jahreszeiten werden im SAE ebenfalls in Form von Nomen und damit greifbaren Dingen bezeichnet. „Sommer“ zum Beispiel wird als Objekt behandelt, das zwar formlos ist, aber dennoch als eine Art „Zeitbehälter“[14] fungiert. Objektiviert wird auch da, wo sich dieselbe Zeit scheinbar zyklisch wiederholt: „Sommer“ und Winter“ werden jedes Jahr (und schon dies ist eine sprachliche Festlegung) auf einen bestimmten quantifizierten Zeitraum angelegt. Weder aber gibt es tatsächlich diese Abgrenzung, noch gibt es den Sommer, der sich regelmäßig wiederholt. „Die Macht der sprachlichen Analogie ist aber so groß, dass wir zyklische Phasen in der Tat so verdinglichen.“[15] Solche Phasenbegriffe erhalten im Hopi nicht die Form von Dingen, sondern werden durch eine bestimmte Wortklasse ausgedrückt, welche „am ehesten einem Adverb im SAE entspricht.“ Dementsprechend wird ein Morgen als Ereignis bezeichnet, (inadäquat) übersetzt: „während sich die Morgenphase ereignet“. Anstatt dem Jahresabschnitt des Sommers einen Namen zu geben, werden vielmehr seine Phänomene oder das Fortschreiten der Zeit geschildert. Zeit wird hier also eher als Vorgang, denn als Material behandelt.

Zeitbegriffe

Im SAE wird Zeit als eine dreigeteilte Entität verstanden, die aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besteht. Zeit wird so als eine Art räumlicher Begriff verstanden. Dieses Phänomen manifestiert sich im Bereich der temporalen Verbformen. Die Hopi-Indianer dagegen unterteilen die Zeit in unbewusste und bewusste Zustände. Zeit wird eher im Sinne von „später“ und „früher“ erlebt. Verben besitzen dementsprechend auch keine Tempora, sondern „Gültigkeitsformen“, welche zwischen allgemeinen Aussagen, berichtenden Aussagen oder hoffenden Aussagen unterscheiden.[16] Zeit ist hier eine Welt subjektiver Erfahrung, die nicht physikalisch quantifizierbar ist, wie schon oben am Beispiel der Verwendung des Wortes „Tag“ gezeigt wurde. Die Zeit „wechselt mit jedem Beobachter, erlaubt keine Gleichzeitigkeit und hat 0 Dimensionen, d.h. man kann ihr keine Zahl zuteilen, die größer als 1 ist.“[17] Das Hopi-Weltbild hält Whorf für realistischer als das europäische: „Wenn wir in unser Bewusstsein blicken, finden wir keine Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, sondern eine komplexe Einheit.“[18] Etwas missverständlich wird Whorf, wenn er darlegt, dass die Zeitstrukturen der Hopis denen der europäischen Sprachen tendenziell ähneln. Sensuell wahrgenommenes, also bewusstes Erleben ist so betrachtet unsere „Gegenwart“, das subjektive Reich des Gedächtnisses die „Vergangenheit“ und subjektive Hoffnung und Glauben die „Zukunft“. Ob es sich bei dem europäischen und indianischen System nun um unähnliche oder grundsätzlich ähnliche Systeme handelt, bleibt unklar. Letztere Möglichkeit würde Whorf allerdings selbst widerlegen, wie Devitt feststellt.

Dauer und Intensität

Die Verdinglichung ist auch dort zu finden, wo im SAE die „Dauer, Intensität und Tendenz“ einer Sache oder Situation beschrieben wird. Für diese Eigenschaften werden im SAE wie schon für zeitliche Bestimmungen räumliche Metaphern eingesetzt: Dauer ist „lang“, Intensität ist „groß“. Im Reich des Abstrakten wird so ein Raum vorgetäuscht. Nur wenige Ausdrücke sind speziell auf einen abstrakten Bereich gerichtet, wie zum Beispiel „früh“ oder „spät“.[19] Im Hopi dagegen wird Unräumliches auch unräumlich bezeichnet, und zwar durch eine spezielle Wortklasse der „Tensoren“

Satzaufbau

Der Satzbau europäischer Sprachen zentriert sich um Substantive und Verben; diese materiell ausgerichtete Teilung in Täter und Handlung ist verbindlich für jede korrekte Formulierung.. Jeder Satz muss mindestens ein Subjekt beinhalten – dieses tritt durch das Verb in Aktion oder Beziehung zu etwas anderem und kann durch ebenfalls kategorisch von ihm getrennte Attribute näher bestimmt werden.[20] Whorf bezeichnet SAE-Sprachen wegen dieser Baustein-artigen additiven Konstruktionsweise als „mechanisch“. Als Kontrast beschreibt er den „chemischen“ Satzaufbau der Indianersprachen Shawnee und Nootka. Nicht das Material, sondern die Aktion steht hier im Mittelpunkt. So haben zwei Sätze, die sich scheinbar auf ähnliche Dinge, nämlich die Eigenschaften eines Kanus, beziehen („Das Boot ist am Ufer auf Grund gelegt“ und „Das Boot ist mit Leuten bemannt“) einen unterschiedlichen Aufbau, der nicht jedes Mal mit einer Bezeichnung für „Boot“ beginnt. Die Übersetzungen der obigen Sätze lauten dagegen sinngemäß: „Es ist auf dem Ufer als punktweises Ereignis von Kanubewegung“ und „Sie sind im Boot als Mannschaft ausgewählter Männer“[21] Die unflexible Unterteilung in Substantive und Verben im SAE verlangt die unbedingte Kategorisierung der Natur in diese beiden Klassen: „Unsere Sprache gibt uns eine bipolare Aufteilung der Natur. Die Natur selbst ist jedoch nicht so polarisiert.“[22] Substantive wie „Blitz“ oder „Welle“ beispielsweise sind weder klar umrissene Objekte, noch langanhaltend, sondern machen sich vor allem durch eine Bewegung bemerkbar. Warum sollten sie also nicht zur Klasse der Verben gehören? In der Hopisprache werden solche Dinge, zu denen auch „Sturm“ oder Wolke“ gehören, mithilfe von Verben ausgedrückt. Im Nootka gibt es sogar nur eine Klasse für Dinge - die Welt wird als Fluss von Ereignissen betrachtet. Diese Sprache besteht nicht aus Satzteilen, sondern aus aneinandergereihten prädikativen Konstrukten, die einen Handlungsablauf beschreiben. Der Satz „Er lädt die Leute zu einem Festessen“ wird so zu einer Abfolge von „Kochen + Resultat (=Gekochtes) + essen + Agens (essende) + holen + tut er“. In Whorfs Übersetzung müssen Satzteile künstlich eingesetzt werden: „Er/jemand holt (lädt ein) Esser von Gekochtem“[23]

[...]


[1] Whorf, Benjamin Lee: Sprache – Denken – Wirklichkeit. 24. Auflage. Reinbek bei Hamburg 2003. S. 12.

[2] Putnam, Hilary: Repräsentation und Realität. Frankfurt a.M. 1999. S. 31.

[3] Boas dachte weniger deterministisch als Whorf: Mitglieder einer Sprachgemeinschaft sind nur solange an Kategorien gebunden, wie es ihre Kultur notwendig gemacht. Erlernen sie eine andere Sprache oder siedeln in einen anderen Kulturkreis um, können sie ihr sprachliches System schnell anpassen. Jede Kultur ist gemäß ihren Bedürfnissen in der Lage, alles auszudrücken. In gewisser Weise akzeptiert Boas den Universalismus sprachlicher Strukturen: „the occurence of the most fundamental grammatical concepts in all languages must be considered as a proof of the unity of fundamental psychological processes.“ (abgedruckt bei Werlen, Iwan: Sprache, Mensch und Welt. Darmstadt 1989. S. 131.) Bei Sapir sind Denken und Sprechen nicht identisch. Die Sprache formt das Denken insofern, als dass sie ihm Kategorien vorgibt. Ein geordnetes Denken ist folglich ohne eine Sprache gar nicht möglich. Das Denken aber könne über die Sprache hinauswachsen und diese wieder beeinflussen. Etwas widersprüchlich sagt er: „The instrument makes possible the product, the product refines the instrument.“ (abgedruckt bei Werlen S. 132) Jegliches Realitätserleben sei gebunden an die jeweilige Sprache, welche deswegen nicht zu unterschätzen sei. „The worlds in which different societies live are distinct worlds, not merely the same world with different labels attached.“ (abgedruckt bei Werlen S. 137) Wie bei Boas auch bestimmt die kulturelle Notwendigkeit die sprachlichen Ausdrucksmittel, sodass jede Kultur sich für ihre Maßen hinreichend ausdrücken kann. Andererseits kann der Mensch nicht den Grenzen seiner Sprache entfliehen: „no matter how sophisticated our modes of interpretation become, we never really get beyond the projection and continuous transfer of relations suggested by the forms of our speech.“ (abgedruckt bei Werlen S. 139)

[4] Bei Werlen ist eine ausführliche Darstellung der Geschichte des Relativitätsprinzips zu finden; Cloeren (Cloeren, Hermann J.: Language and Thought. Berlin, New York 1988.) beschränkt sich in seinem Buch auf die deutsche Philosophie.

[5] Whorf S. 12

[6] Die Formel ist bei Whorf S. 25 abgedruckt. Dieses logisch ausdrückbare Strukturschema solle zukünftig in den Fremdsprachenunterricht integriert werden, um Zeit und Geld zu sparen.

[7] Whorf S. 65.

[8] Whorf führt diese Abkürzung von „Standard Average European“ als Bezeichnung für Sprachen indogermanischen Ursprungs ein, die die westliche Welt dominieren.

[9] Devitt ist nur einer der wenigen, die Whorf diesen extremen Determinismus unterstellen. Gegen den Einfluss der Namen bringt er vor: Die einzige Beschränkung bestehe darin, dass ohne einen bestehenden Namen ein Ding nicht benannt werden könne. Dies heiße aber keineswegs, dass der Gedanke an etwas Unbenanntes möglich sei. Denn schließlich beruhe auch ein existierendes Wort auf einem vorher gefassten Konzept. Whorf dagegen postuliere auf absurde Weise, dass das Wort den Gedanken dominiere – das Reden MÜSSE aber schließlich dem Gedanken FOLGEN. (Devitt, Michael; Sterenly, Kim: Language and reality. 2. Ausgabe. Oxford 1999. S. 219/20) Wie bereits erwähnt ist dies aber nicht Whorfs Position.

[10] Sein Erklärungsversuch der Korrelation von Kultur und Sprache zielt auf eine gegenseitige Beeinflussung ab. Dabei sei Sprache jedoch der „autokratischere Faktor“ (Whorf S. 98), weil sie ein System ansetzt.

[11] Vgl. Whorf S. 61.

[12] Whorf S. 77.

[13] Whorf S. 79.

[14] Werlen S. 147.

[15] Whorf S. 83.

[16] So erhält „er rennt“ und „er rannte“ dieselbe Bezeichnung „wari“, wenn die Aussage sich auf eine aktuelle oder gerade passierte Situation bezieht. Erzählt der Sprecher jedoch aus der Erinnerung, so heißt es „era wari“ Allgemeine Aussagen, die im SAE gewöhnlich im Präsens ausgedrückt werden („er spielt Fußball“) erhalten eine spezielle Form (mit einer „kngwe“-Endung). Die Zukunft ist auch eigens ausgezeichnet, bezieht sich aber weniger auf eine messbare Tatsache, als auf eine subjektive Erwartung.

[17] Whorf S. 15.

[18] Whorf S. 84.

[19] „ Für Intensitäten haben wir ‚stark, groß, viel, schwer, leicht, hoch, niedrig, scharf, schwach’ etc. und für die Tendenz ‚mehr, zunehmend, wachsen, wenden, verlangen, annähern, gehen, kommen, steigen, fallen, anhalten, glatt, eben, schnell, langsam’ usw. Es ist eine nahezu unendliche Liste von Metaphern, die wir kaum mehr als solche bemerken, da sie praktisch die einzigen zuhandenen sprachlichen Mittel sind. Die nicht metaphorischen Termini in diesem Gebiet, wie ‚früh, spät, bald, dauernd, intensiv, sehr’ bilden nur eine kleine Gruppe und genügen den Bedürfnissen keineswegs.“ Whorf S. 86.

[20] Dieses System sieht Whorf durch Aristoteles verfestigt.

[21] Whorf S. 35.

[22] Whorf S. 14.

[23] Whorf S. 43.

Details

Seiten
30
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638353373
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v35418
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Philosophisches Institut
Note
2.0
Schlagworte
Sprachliche Relativität Sapir-Whorf-Hypothese

Autor

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Titel: Sprachliche Relativität: Die Sapir-Whorf-Hypothese