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Die Entstehung der s-Fuge und ihre Funktion in der Wortbildung

von Barbara Lampert (Autor)

Hausarbeit 2012 11 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition von Fugenelementen

3. Die s-Fuge
3.1 Entstehung der s-Fuge
3.2 Paradigmatische und unparadigmatische Fugenelemente
3.3 Funktionen der s-Fuge
3.3.1 Artikulationserleichterung
3.3.2 Semantische Funktion: Pluralmarker
3.3.3 Syntaktische Funktion: Genitivmarker
3.3.4 Morphologische Funktion
3.3.4.1 Öffnung morphologisch geschlossener Stämme
3.3.4.2 Fugen als Nominalmarker
3.3.5 Phonologische Funktion: Die s-Verfugung als Indikator schlechter phonologischer Wortqualität
3.3.5.1 Phonologische Struktur von Fremdwörtern und das Aufkommen der s-Fuge in nicht-nativen Wörtern

4. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Arbeit setzt sich mit der Entstehung und Funktion der s-Fuge auseinander. Diese besitzt eine bedeutsame Verankerung in der Linguistik und erhält eine zunehmende Rolle im Bereich der Wortbildung, speziell in der Komposition. Wie im Folgenden gezeigt wird, bestimmen morphologische und prosodisch-phonologische Verhältnisse das Auftreten der s-Fuge, ebenso werden aber auch syntaktische und semantische Einflüsse berücksichtigt, sodass sich diese Arbeit über mehrere Ebenen der deskriptiven Sprachwissenschaften erschließt. Auffallend ist, dass unter allen vorhandenen Fugenelementen es gerade die s-Fuge ist, die vorwiegend von enormen Schwankungen und Unsicherheiten der Verfugung betroffen ist und ihr somit besondere Beachtung zuzukommen hat. Denn eine Vielzahl an Schwankungsfällen markiert üblicherweise einen „Übergang eines älteren zu einem jüngeren Sprachzustand“ NÜBLING/SZCZEPANIAK (2009:195) und bildet damit Sprachwandel in Vollzug ab. „Aktueller Sprachwandel manifestiert sich immer in Unsicherheiten, die, wenn sie von den Sprechern reflektiert werden, als Zweifelsfälle bezeichnet werden.“ NÜBLING/SZCZEPANIAK (2011:46). Beispiele: Respekt+s?+person, Seminar+s?+arbeit, Dreieck+s?+tuch.1 NÜBLING/SZCZEPANIAK (Ebd.). Entscheidend ist nun, welche Eigenschaften es sind, die ein Fugenelement erfordern und dieses auftreten lassen. Denn aufgrund der Sprecherintuition muss angenommen werden, dass sich Fugenelemente in Komposita nicht willkürlich setzen lassen. Vgl. FUHRHOP (1996:533). Im Folgenden wird versucht, diese Eigenschaften und Funktionen, mit Einbezug einer historischen Untersuchung, herauszustellen. Die Entstehung des Fugenelements wird nur kurz thematisiert. Der Fokus wird viel eher auf der Funktion der s-Fuge liegen und auf den Umständen, die das Auftreten dieses Fugenelementes steuern. Hierzu werden Untersuchungen auf morphologischer, phonologischer, syntaktischer und semantischer Ebene dargelegt, um ein hinreichendes Kriterium für die s-Verfugung von Komposita festzustellen.

2. Definition von Fugenelementen

Für das allgemeine Verständnis wird zunächst eine knappe Definition von Fugenelementen geliefert. Fugenelemente gelten als produktive Einheiten, die zwischen dem Erst- und Zweitglied eines Kompositums auftreten Vgl. MICHEL (2010:177) und als phonisches Material bezeichnet werden können, welches das Erstglied eines Kompositums im Vergleich zu seiner lexikalischen Grundform erweitert. (Kunde → Kunde+n+dienst, Tag → Tag+e+löhner, etc.) NÜBLING/SZCZEPANIAK (2009:196).2 Es wird also genau das als Fuge bezeichnet, „was über die Form des Nominativ Singular eines substantivischen Determinans hinausgeht.“ EISENBERG (2006:236) in: NÜBLING/SZCZEPANIAK (2011:52). Nübling und Szczepaniak nehmen ferner an, dass die Fuge grundsätzlich zum Bestimmungs- und nicht zum Grundwort gehöre und folgern 2009 die These, dass das Grundwort gänzlich bedeutungslos für die Verfugung der Kompositionsnahtstelle sei. Vgl. NÜBLING/SZCZEPANIAK (2009:195). Im Jahre 2011 stellen sie jedoch fest, dass das Grundwort die Verfugung des Gesamtwortes durchaus beeinflussen kann. Dies liegt in der ausgeprägten Verbalität des Zweitgliedes, der einen fugenhemmenden Einfluss auf das Gesamtwort ausübt. Besonders deutlich wird dies bei nominalisierten Infinitiven. Selbst, wenn ein Suffix aufgrund seiner phonologischen Beschaffenheit die s-Verfugung verlangt, wird die Fuge nicht gesetzt. Vergleich: das Zeitung+0+lesen, aber die Zeitung+s+lektüre, NÜBLING/SZCZEPANIAK (2011:57f.).

3. Die s-Fuge

Wie bereits erwähnt, erweist sich die s-Fuge als besonders produktiv, ist jedoch auch wie keine andere Fuge von solch starken Schwankungen betroffen, Vgl. NÜBLING/SZCZEPANIAK (2011:51) dass sie von allen Fugen am wenigstens transparent erscheint und es schwierig ist, hier eine Regelmäßigkeit festzustellen. Es ist wichtig, die s-Fuge an dieser Stelle historischen Untersuchungen zu unterziehen, um die Annahme ihrer hohen Produktivität stützen zu können. MICHEL hat in einer seiner Untersuchungen herausgestellt, dass das Vorkommen der s-Fuge im Frühneuhochdeutschen gerade mal bei 2,3% lag. (Zum Vergleich: Die Nullfuge bei 86,6%). Im Neuhochdeutschen stieg der Prozentsatz erheblich, und zwar auf ganze 25,1%. (Vergleich zur Nullfuge, dessen Vorkommen sich auf 57,6% reduziert hat). Vgl. MICHEL (2010:185f.). Allem Anschein nach, verdrängt die s-Fuge die Nullfuge allmählich und lässt dadurch die Vielzahl der Schwankungsfälle auftreten. Besonders in Hinblick auf die anderen Fugenelementen, dessen Vorkommen sich nur im geringen Maße gesteigert, nicht aber reduziert hat. MICHEL untersucht daraufhin die s-Fuge genauer und stellt (bei 2.225 N+N-Komposita im Fnhd., wovon 59 die s-Verfugung wählen) heraus, dass die Kompositionsstammform mit /s/ bei Maskulina 36 Mal an das Erstglied herantritt. Bei Neutra sind es 21 Erstglieder und bei dem Feminina nur 2, während heute hauptsächlich Feminina eine s-Verfugung erfahren. Weiterhin fand er im Frühneuhochdeutschen 33 Belege für einsilbige Erstglieder, 25 Belege für zweisilbige und nur 1 Beleg für ein dreisilbiges Erstglied. Des Weiteren untersuchte er morphologisch komplexe Erstglieder und konnte feststellen, dass die s-Fuge 2 Mal an mehrgliedrige Erstglieder herangetreten ist und ganze 10 Mal bei einem präfigierten Bestimmungswort. Vgl. MICHEL (2010:190).

3.1 Entstehung der s-Fuge

Historisch gesehen gehen Fugenelemente aus Flexionsmorphemen hervor. Als es nämlich sprachgeschichtlich möglich wurde, zwei Wörter zu einem neuen zusammenzusetzen, resultierten aus den Flexionsendungen zunächst sinnlose und funktionslose Segmente. Das Sprachsystem musste hierauf reagieren und hat den ´sinnlosen Segmenten´ unter anderem, neben ihrer Tilgung oder einer Reinterpretation, eine neue Funktion gegeben, sodass diese dann als Fugenelemente bezeichnet wurden. Durch die Neuordnung des Sprachsystems, bestimmt nun dieses, welche Fugenelemente produktiv sind und welche nicht. Vgl. FUHRHOP (1996:548). Wenn nun die s-Fuge im genauen betrachtet wird, kann herausgestellt werden, dass die vorherigen Genitivkonstruktionen im späten Frühneuhochdeutschen eine Entwicklung zu Genitivkomposita erfahren haben.

Bsp.: [Des Teufels] Sohn] >[des [Teufel Sohn] > [der [Teufelssohn]. NÜBLING/SZCZEPANIAK (2009:197). Somit fand eine Reanalyse der Flexionssuffixe zu den Fugenelementen statt. Vgl. Ebd. Die bisherigen Flexionssuffixe verlieren ihre bisherige Bedeutung und erhalten eine neue morphologische Bedeutung in der Bildung von N+N-Komposita.

3.2 Paradigmatische und unparadigmatische Fugenelemente

Ein wichtiges morphologisches Kriterium bei der s-Fuge ist die Unterscheidung von paradigmatischen und unparadigmatischen Fugenelementen. Paradigmatisch bedeutet, dass das Erstglied zusammen mit der Fuge eine Wortform bildet, zum Beispiel Mann, Männer, Mannes, das so alleine als Wortform stehen kann und eine Bedeutung trägt. Unparadigmatische Fugen hingegen bilden gemeinsam mit dem Erstglied keine Wortform des Deutschen, zum Beispiel *Versicherungs. Vgl. FUHRHOP (1996:528). Interessant ist nun, dass nur die s-Fuge unparadigmatisch auftreten kann. Vgl. FUHRHOP (1996:529). Doch wie kam es, dass solch eine unparadigmatische Fuge entstehen konnte? Dies resultiert aus einem historischen Flexionsklassenwechsel des betreffenden Substantivs. Das Kompositum konserviert das einstige Flexiv, während in unparadigmatischen Fugen es das Fugenelement selbst ist, das sich aus seinen angestammten Positionen löst und sich nun produktiv mit Erstgliedern verbindet. Vgl. NÜBLING/SZCZEPANIAK (2009:198f.). Zentral ist nun, dass die s- Fuge als unparadigmatisches Fugenelement nur an feminine Substantive herantritt, weil diese gerade kein /s/ als Genitivmarkierung ausweisen. Vgl. FUHRHOP (1996:534). Wenn nun auf die oben aufgeführten Untersuchungen von MICHEL zurückgegriffen wird, bei denen festgestellt wurde, dass sich im gesamten Korpus des Frühneuhochdeutschen nur 2 s- verfugte Feminina im Erstglied befinden, wird deutlich, dass zu dem Zeitpunkt die unparadigmatische s-Fuge noch fast gar nicht auftaucht Vgl. NÜBLING/SZCZEPANIAK (2011:50) und erst eine allmähliche Ausbreitung stattfindet. Unter den heutigen 25% der s-Verfugungen befinden sich mehrheitlich unparadigmatische s-Fugen, sodass die Produktivität der s-Fuge prinzipiell in ihrer unparadigmatischen Form liegt. Dies erklärt auch den enormen Anstieg der s-Fuge im Gegenzug zu den anderen Fugenelementen, die nicht unparadigmatischen auftreten können. Vgl. NÜBLING/SZCZEPANIAK (2011:50). So hat die s-Fuge alle ihre bis dahin gültigen Inputbeschränkungen verworfen und tritt nun nahezu ausnahmslos an alle Feminina mit den Endungen -ung, -heit, -(ig)keit, -schaft, -ling, -sal, sowie an die nicht-nativen Fremdsuffixe -(i)tät, -ion an. Vgl. NÜBLING/SZCZEPANIAK (2009:198f.).

3.3 Funktionen der s-Fuge

Das Fugenelement gilt allgemein als polyfunktional. Welche Funktionen speziell die s-Fuge erfüllt und welche Fehldeutungen entstehen können, werden im Folgendem erläutert.

3.3.1 Artikulationserleichterung

Häufig wird die Vermutung aufgestellt, dass die s-Fuge der Artikulationserleichterung diene, doch gerade diese Annahme ist nicht zu bestätigen. Viel eher führt der Zusatz der s-Fuge zu einer Komplexität der Silbenkoda, da die s-Fuge kein silbisches Element ist und somit häufig sogar eine extrasilbische Einheit bildet: Mehrheit+s+meinung, Wissenschaft+s+markt. Da weiterhin weder der Anlaut, noch der Auslaut des betreffenden Kompositionsgliedes ausschlaggebend für die Verfugung ist, entsteht dadurch auch keine phonologisch begünstigte Umgebung.3 Vgl. NÜBLING/SZCZEPANIAK (2009:202f.). NEEF und BORGWALDT hingegen sehen eine Ausspracheerleichterung in der Verfugung, doch auch sie benennen dies als kein hinreichendes Kriterium. Warum, stellen sie die Frage, heißt es ´Geisterstunde´ und nicht ´Geistesstunde´ oder ´Dienststunde´ und nicht ´Dienstesstunde´. Vgl. NEEF/BORGWALDT (2012: 29). Es muss also nach weiteren Kriterien gesucht werden.

[...]


1 Fugenelemente werden in dieser Arbeit mit „+“ umklammert, um die Abgrenzung zu anderen Wortteilen zu markieren.

2 Hier sei zusätzlich zu erwähnen, dass die Kompositionsnahtstelle auch leer bleiben kann. Diese wird dann als Nullfuge bezeichnet.

3 Es gilt nur, dass Wörter mit Vollvokal nicht s-verfugt werden. Im Gegensatz zu anderen silbischen Elementen, v.a. -n- (Kunde+n+dienst), tritt -s- gerade nicht an Vokale, sondern an Konsonanten heran, wodurch komplexe Silbenendränder entstehen. Vgl. Nübling/Szczepaniak (2011:63).

Details

Seiten
11
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668407725
ISBN (Buch)
9783668407732
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354151
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Schlagworte
entstehung funktion wortbildung

Autor

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    Barbara Lampert (Autor)

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