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Über die Komik in der Kinderliteratur der Gegenwart am Beispiel von Andreas Steinhöfels "Es ist ein Elch entsprungen"

Hausarbeit 2016 16 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie
2.1 Komiktheorie nach Gernhardt
2.2 Komik für Kinder

3 Komik in Steinhöfels Es ist ein Elch entsprungen
3.1 Vorstellung des Buches
3.2 Analyse des Komischen im Buch

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Es gibt keine größere Macht als die Macht des Lachens“[1], heißt es in einem Zitat von Hugh Greene, einem britischen Journalisten. Dabei erscheint es aufgrund der unterschiedlichen Konnotationen der Wörter Macht und Lachen zunächst grotesk, diese in Beziehung zu setzen. Anhand der Definition im Duden, der Macht als „etwas, was eine besondere bzw. geheimnisvolle Kraft darstellt, besitzt.“[2] beschreibt, lässt sich jedoch erkennen, dass in Hugh Greenes Zitat etwas Wahres steckt, denn nahezu jeder Mensch weiß, wie ansteckend das Lachen eines anderen Menschen wirken kann. Warum es so ist oder warum Menschen überhaupt lachen, liegt jedoch nicht sofort auf der Hand, was das Geheimnisvolle des Lachens unter anderem ausmacht. Worüber Menschen lachen, ist individuell und kann unterschiedlich ausgelöst werden. Ein Auslöser kann die Komik darstellen, mit der sich die vorliegende Hausarbeit befasst.

Das Ziel der Arbeit ist die exemplarische Analyse der komischen Elemente im Kinderromans Es ist ein Elch entsprungen von Andreas Steinhöfel.

Es folgt zunächst eine Theorie von Robert Gernhardt zum Begriff der Komik, die versucht zu beantworten, was Komik ist und wie sie erzeugt wird. Da es sich bei dieser Arbeit um eine literarische Analyse eines Kinderromans handelt, ist es wichtig, eine Antwort auf die Frage zu geben, was Komik für Kinder ausmacht. Die Antwort soll anhand einer Studie von Norbert Neuß erarbeitet werden. Die getrennte Untersuchung der Komik im Allgemeinen und der Komik für Kinder, stellt die These auf, dass Kinder einen anderen Humor haben als Erwachsene. Es schließt sich die Fragestellung an, in welcher Hinsicht sich dieser unterscheidet.

Anschließend wird Steinhöfels Buch Es ist ein Elch entsprungen vorgestellt, wobei der Inhalt und das Genre den Gegenstand dieses Kapitels bilden.

Der analytische Teil der Hausarbeit beantwortet die Frage, nach welchen komikerzeugenden Motiven sich die komischen Elemente in Steinhöfels Roman kategorisieren lassen.

Abschließend soll ein Fazit gezogen werden, was Komik in der Kinderliteratur bewirken kann und wie man die Macht des Lachens didaktisch nutzen könnte.

2 Theorie

Dieses Kapitel lässt sich sehr passend mit einem Zitat von Odo Marquard einleiten: „Komisch ist etwas oder muß es sein, mit dem man – grausamer- und angenehmerweise – nicht fertig wird, schon gar nicht durch eine Theorie.“[3] Diese Feststellung beschreibt, wie schwierig es ist, Komik zu definieren, weshalb sich bis dato keine allgemein gültige Definition durchsetzen konnte.[4] Um den thematischen Schwerpunkt innerhalb der Analyse zu Es ist ein Elch entsprungen dennoch begreifbarer zu machen, soll im Folgenden versucht werden, ein grundlegendes Verständnis über den Begriff der Komik zu schaffen.

2.1 Komiktheorie nach Gernhardt

„Komisch ist das, worüber ich lache.“[5] So definiert Robert Gernhardt, ein deutscher Schriftsteller, Zeichner und Maler, zunächst den Begriff der Komik.

In seinen Werken und Reden beweist er sich über viele Jahre als Komiker wie auch Komikkritiker und –theoretiker zugleich, so dass er eine vielfältige Sicht auf die Komik geben kann.[6]

Im Zentrum seiner Theorie steht die im menschlichen Trieb verankerte Lust, mit der das Lachen zusammenhängt. Das Lachen ist ein Bedürfnis des Menschen, das durch die Komik befriedigt werden kann.[7] Worüber im Sinne der Komik gelacht wird, ist jedoch individuell, womit sie ein subjektives Gefühl darstellt. Gernhardt zeigt eine Unterscheidung zwischen dem kindlichen- und dem erwachsenen Subjekt zeigt auf und stützt damit die These, dass sich die kindliche Komik von der des Erwachsenen in der Quantität unterscheidet. Er beschreibt das Kind als einen „Lustsucher“[8], welcher sich den „komischen Erlebnissen“[9] gerne hingibt und die Lust am Lachen ungeniert zeigt. Diese Bereitschaft zum „Verlust an Kontrolle“[10] nimmt beim Erwachsenwerden ab. Dies begründet er damit, dass „[…] jeder Kontrollverlust […] das Niveau [senkt]“[11] und sich eine gewisse Verlegenheit beim Menschen einstellt. Dieser Gedankengang zeigt, welches Machtspiel zwischen dem menschlichen Trieb und der Gesellschaft, die den Menschen während seiner Sozialisation beeinflusst, herrscht.

Doch welcher Mittel bedient sich die Komik, um diesen Kontrollverlust der Rezipienten zu erreichen? Gernhardt beschreibt, dass es sich um „d[ie] gleichen Mittel [handelt]: Übertreibung, Untertreibung, Stilisierung usw.“[12] Als Angriffspunkt dient dabei die von der Gesellschaft auferlegte Norm, die einerseits als Gegenspieler der Komik und andererseits als Wirt fungiert, von dem der Erfolg des Komischen abhängt. Komik ist darauf aus, Konventionen zu stürzen und Veränderungen zu schaffen, denn daraus schöpft sie die Lust bei dem Rezipienten: „Alle Komik entspringt einem gemeinsamen Bedürfnis, dem nach Veränderung, Verunstaltung, Negierung, Aufhebung der Realität.“[13] Durch das Einsetzen von Komik wird dem Rezipienten etwas Neues fernab der Norm und somit etwas Unerwartetes dargeboten. Auch Baltzer wies darauf hin, dass das Unerwartete ein Aspekt ist, „der im Grundsatz jeder Komik eigen ist[.]“[14]

Die Fallhöhe ist ein weiterer Aspekt der Komikerzeugung. Der Begriff kommt aus der Tragödie und beschreibt den Fall einer hochstehenden Persönlichkeit.[15] Gernhardt bezog sich jedoch nicht nur auf Verschiebungen zwischen sozialen Positionen, sondern auf Veränderungen oder Verschiebungen in allen möglichen Hinsichten, insbesondere jedoch […] im Bereich von literarischen Werten, Normen, Regeln von der erkannten und umspielten Norm zu ihrer zur Kenntlichkeit verzerrten Unsinnigkeit oder Sinnfreiheit.[16]

Die Qualität der Komik ist von der vollzogenen Schnelligkeit und Plötzlichkeit abhängig, wobei sie den Verstand und das Gefühl ansprechen sollte.[17] Komik sei immer dann gelungen, wenn die so genannte Erdschwere beseitigt wird, womit Gernhardt dem Komischen eine Leichtigkeit zuschreibt und dieses Phänomen mit dem Begriff der Levitation gleichsetzt.[18] Diese Beschreibung unterstreicht die Kraft der Komik und des resultierenden Lachens, denn in Momenten der Heiterkeit können Menschen den Ernst, der sie begleitet, für kurze Zeit vergessen.

2.2 Komik für Kinder

Komik und Humor sind beliebte Charakteristika in der Kinder- und Jugendliteratur, die zudem immer selbstverständlicher werden.[19] Denn wie bereits beschrieben, lachen Kinder – die Lustsucher – besonders gerne und vor allem häufiger als Erwachsene. Gernhardt begründet dies psychoanalytisch, wohingegen Gabriele Czech gesellschaftliche Gründe vorgibt. Sie sagt, dass die „Erfahrungen und Vorstellungen von Komik“[20] eines Erwachsenen über denen der kindlichen Komik, über welche nicht mehr herzhaft gelacht werden kann, stehen. Czech behauptet somit, dass es qualitative Unterschiede im Hinblick auf die Komik von Kindern und Erwachsenen gibt, die auf dem erweiterten Wissenshorizont von Erwachsenen basieren.

Maria Lypp projiziert dies auf die Literatur für Kinder und Erwachsene:

Es sieht […] so aus, als verhalte sich Kinder- und Erwachsenenliteratur hinsichtlich des Komischen umgekehrt proportional: KL bringt ihre Leser häufig zum Lachen, doch ist ihre Komik noch „unreif“, unentwickelt; Literatur für Erwachsene fordert demgegenüber vergleichsweise weniger zum Lachen auf, steht aber auf einer höheren Stufe der Komikkultur.[21]

Doch warum wirkt die kindliche Komik noch so unentwickelt? Die Antwort findet Lypp in ihrem Inhalt, denn Kinder lachen besonders über Kontextverschiebungen und Normverletzungen ihrer alltäglichen Anforderungen, die Wachstum, Essen, Trinken und körperliche Ausscheidungen betreffen.[22]

Die Kraft des Lachens schafft bei Kindern und Erwachsenen jedoch dasselbe: sie kann für einen kurzen Moment von den jeweiligen Anforderungen befreien und „beherrschende Ängste, Zweifel und Irrtümer [können] durch Komik in Nichts auflös[en].“[23]

Worüber Kinder außerdem lachen, erforschte Norbert Neuß in seiner empirischen Studie, in der er neun Motive fand.[24]

Als erstes Motiv nennt Neuß das Spiel mit der Sprache und ihrer Bedeutung. Diese Sprachkomik beinhaltet „Reime, coole Sprüche, das Benutzen von Fäkalsprache, das Spiel mit dem Kontext und […] [doppelten] Bedeutung von Begriffen, komische Bezeichnungen und Benennungen sowie Wort- und Sprachspiele.“[25]

Büsser begründet die Lust an der Sprachkomik mit der „Abweichung der ästhetischen Norm.“[26] Die Anforderungen der Kinder stellen den Angriffspunkt dar, denn ihnen wird alltäglich auferlegt, sich den Sprachnormen entsprechend auszudrücken.

Ein weiteres Motiv nach Neuß ist das Lösen von Konflikten schlagfertige und listige Art und Weise. Oft gewinnt dabei der schwächere Part gegenüber dem stärkeren.[27] Dieser Aspekt gleicht der in Gernhardts Theorie beschriebenen Fallhöhe.

Als nächstes nennt Neuß das Motiv des Streichespielens. Diese Komik stellt eine Möglichkeit für die Kinder dar, um normative Grenzen zu testen, bei denen das „Provozieren, Ärgern, Erschrecken, Veralbern, Reinlegen, Täuschen, Beflunkern oder Jagen“[28] im Mittelpunkt stehen.

Das Unerwartete hat Neuß auch bei Kindern als Auslöser des Lachens beobachten können. Zum Spiel mit den Erwartungshaltungen gehören neben unerwarteten Reaktionen und Handlungen auch solche, die wider Erwarten nicht eintreten.[29]

Büsser beschreibt dieses Spiel als Verletzung der kognitiven Normen, wobei nicht nur der Bruch der eigenen Erwartungen als komisch empfunden wird, sondern auch die Irrungen und daraus resultierenden Verblüffungen anderer literarischer Figuren.[30]

Das nächste Motiv fasst Neuß unter heikle Themen zusammen. Er beschreibt damit solche, die Kinder verlegen machen und wozu „das Benennen von Geschlechtsteilen, das Lachen über Nacktheit, Verlieben, Heiraten, Küssen und Sex [sowie] das Aussprechen bestimmter Wörter“[31] gehören. Das Lachen dient oft dazu, um die eigene Scham zu verbergen.[32]

[...]


[1] Zit. n. GREENE, HUGH o. J.: http://www.aphorismen-freun.de/index.php/aphorismenlistekarte/26_Lachen_und_Laecheln/0/0 [11.11.2016]

[2] Zit. n. Duden: Macht. Duden Rechtschreibung. http://www.duden.de/rechtschreibung/Macht [12.10.2016]

[3] Zit. n. MARQUARD, ODO 1976: Exile der Heiterkeit. S. 143. In: Das Komische. W. Preisendanz (Hrsg.). München: Fink. S. 133-152

[4] Vgl. BALTZER, STEFAN 2013: Wo ist der Witz? Techniken zur Komikerzeugung in Literatur und Musik. Berlin: Erich Schmidt. S. 13f.

[5] Zit. n. GERNHARDT, ROBERT 1988: Was gibt’s denn da zu lachen? Kritik der Komiker. Kritik der Kritiker. Kritik der Komik. Zürich: Haffman. S. 465

[6] Vgl. ZYMNER, RÜDIGER 2006: Lachen machen. Zu Robert Gernhardts Theorie der Komik. http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9724 [11.11.2016]

[7] Vgl. EILERS, TOBIAS 2011: Robert Gernhardt: Theorie und Lyrik. Erfolgreiche komische Literatur in ihrem gesellschaftlichen und medialen Kontext. Münster: Waxmann. S. 189

[8] Zit. n. GERNHARDT 1988: Was gibt’s denn da zu lachen? S. 454

[9] Ebd. S. 454

[10] Zit. n. GERNHARDT, ROBERT 1988: Was gibt’s denn da zu lachen? Kritik der Komiker. Kritik der Kritiker. Kritik der Komik. Zürich: Haffman. S. 460

[11] Ebd. S. 460

[12] Ebd. S. 474

[13] Ebd. S. 464

[14] Vgl. BALTZER, STEFAN 2013: Wo ist der Witz? Techniken zur Komikerzeugung in Literatur und Musik. Berlin: Erich Schmidt. S. 62

[15] Ebd. S. 52

[16] Ebd. S. 53

[17] Vgl. EILERS, TOBIAS 2011: Robert Gernhardt: Theorie und Lyrik. Erfolgreiche komische Literatur in ihrem gesellschaftlichen und medialen Kontext. Münster: Waxmann. S. 194

[18] Vgl. GERNHARDT, ROBERT 1988: Was gibt’s denn da zu lachen? Kritik der Komiker. Kritik der Kritiker. Kritik der Komik. Zürich: Haffman. S. 466

[19] STEINLEIN, RÜDIGER 1992: Kinderliteratur und Lachkultur. Literaturhistorische und theoretische Anmerkungen zu Komik und Lachen im Kinderbuch. S. 11. In: Komik im Kinderbuch. Erscheinungsformen des Komischen in der Kinder- und Jugendliteratur. EWERS, HANS-HEINO (Hrsg.). Weinheim und München: Juventa. S. 11-32

[20] Zit. n. CZECH, GABRIELE 2000: Komik in der Kinderliteratur der Gegenwart. S. 866. In: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Band 2. LANGE, GÜNTER (Hrsg.). Baltmannsweiler: Schneider. S. 862-887

[21] Zit. n. LYPP, MARIA 2000: Vom Kasper zum König. Studien zur Kinderliteratur. Frankfurt am Main: Peter Lang. S. 88

[22] Zit. n. LYPP, MARIA 2000: Vom Kasper zum König. Studien zur Kinderliteratur. Frankfurt am Main: Peter Lang. S. 94

[23] Ebd. S. 98

[24] Vgl. NEUß, NORBERT 2003: Humor von Kindern. Empirische Befunde zum Humorverständnis von Grundschulkindern. In: Televizion 16/2003/1, S. 12-17. http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/televizion/16_2003_1/neuss.pdf [11.11.2016]

[25] Ebd. S. 13

[26] Zit. n. BÜSSER, MURIEL 2011: Affektstrategien erfolgreicher Kinderliteratur. Eine rhetorische Wirkungsanalyse. Frankfurt am Main: Peter Lang. S. 68

[27] Vgl. NEUß 2003: Humor von Kindern. S. 13

[28] Ebd. S. 14

[29] Vgl. NEUß, NORBERT 2003: Humor von Kindern. Empirische Befunde zum Humorverständnis von Grundschulkindern. S. 14. In: Televizion 16/2003/1, S. 12-17. http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/televizion/16_2003_1/neuss.pdf [11.11.2016]

[30] Vgl. BÜSSER, MURIEL 2011: Affektstrategien erfolgreicher Kinderliteratur. Eine rhetorische Wirkungsanalyse. Frankfurt am Main: Peter Lang. S. 68f

[31] Zit. n. NEUß, 2003: Humor von Kindern. S. 14

[32] Vgl. BÜSSER, MURIEL 2011: Affektstrategien erfolgreicher Kinderliteratur. S. 68

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668402850
ISBN (Buch)
9783668402867
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354057
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,7
Schlagworte
Komik Kinderliteratur Literatur Kinderroman Jugendroman Hausarbeit Norber Neuß Robert Gernhardt Komiktheorie Humor Lachen Es ist ein Elch entsprungen

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