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Ist Ludwig Tiecks "Der gestiefelte Kater" ein Märchen?

Eine Untersuchung märchenhafter und märchenuntypischer Motive

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Problematik der Gattungsbestimmung von „Der gestiefelte Kater“

2. Vorstellung der Gattung „Märchen“
2.1. Märchenhafte Motive in „Der gestiefelte Kater“
2.1.1. Ort- und Zeitlosigkeit des Geschehens
2.1.2. Verwendung märchenhafter Figuren
2.1.3. Glückliches Ende des Stückes im Stück
2.2. Märchenuntypische Motive in „Der gestiefelte Kater“
2.2.1. Hinterfragen wunderbarer Ereignisse
2.2.2. Aus der Rolle Fallen der Figuren
2.2.3. Scheitern des Stückes im Stück

3. Verneinung der Eingangsfrage und Aufzeigen möglicher Alternativen

Literaturverzeichnis

1. Problematik der Gattungsbestimmung von „Der gestiefelte Kater“

Ludwig Tieck gibt seinem 1797 erschienenen Stück „Der gestiefelte Kater“ den Untertitel „Kindermärchen in drei Akten Mit Zwischenspielen, einem Prologe und Epiloge“[1]. Er möchte es zunächst also als Kindermärchen aufgefasst wissen. Doch bereits dieser Untertitel, der den Aufbau in Akten prognostiziert, ist ein Indiz dafür, dass es sich nicht um ein echtes Märchen handeln kann – denn ein solches wäre, wie im Folgenden gezeigt werden soll, prosaisch verfasst und demnach nicht in Akte gegliedert.

Doch oberflächlich betrachtet ist die Klassifizierung des Stückes, oder zumindest des Stückes im Stück, als Märchen thematisch durchaus zutreffend, da Tieck den Stoff aus Charles Perraults hundert Jahre zuvor erschienenem Märchen „Le Maître Chat ou Le Chat Botté“ verwendet und weiter bearbeitet[2]. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm führten zeitweise eine deutsche Übersetzung dieses Textes in ihrer Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“[3], welche die Geschichte des Theaterstückes, das bei Tieck vor dem von vornherein unzufriedenen Publikum aufgeführt wird und bei diesem am Ende auch kläglich durchfällt, erzählt.

Betrachtet man jedoch nicht nur die oberflächliche Thematik des Stückes im Stück sondern bezieht dessen Rahmenhandlung im Theatersaal sowie die vielen verschiedenen Folien mit ein, auf denen Tieck seine Handlung voranbringt, kann die Gattungsbestimmung nicht mehr eindeutig vorgenommen werden. Zwar kommen mehrere märchenhafte Motive vor, doch wie im weiteren Verlauf verdeutlicht werden soll, wäre eine Typisierung Tiecks‘ „Der gestiefelte Kater“ als reines Märchen dennoch viel zu kurz gegriffen. So bemerkte auch August Wilhelm Schlegel schon über das Stück, „daß es den Theoretikern viel Noth machen wird, die Gattung zu bestimmen, wohin es eigentlich gehört“[4].

Nichts desto trotz soll im Folgenden versucht werden, zu entscheiden, ob es sich zumindest wie im Untertitel angekündigt um ein Märchen – bzw. Kunstmärchen – handelt, oder ob dieser vollkommen in die Irre führt. Um zuvor die Begrifflichkeiten eindeutig zu klären, sollen zunächst die typischen Merkmale dieser Gattung erläutert werden.

2. Vorstellung der Gattung „Märchen“

Um Erzählungen als Märchen identifizieren zu können, sollten sie gemeinsam haben, „daß (1) Verfasser, Entstehungszeit, -ort und -zweck unbekannt sind, (2) sie im Lauf ihrer Überlieferung variiert wurden, (3) sie vom Wunderbaren (partielle Aufhebung der Naturgesetze) wie selbstverständlich erzählen, aber nicht in jeder Hinsicht glaubwürdig sein wollen“[5]. Sobald also einer dieser drei Punkte auf eine Erzählung nicht zutrifft, kann diese schon nicht mehr eindeutig als typisches Märchen klassifiziert werden. Eine umfangreiche Sammlung tatsächlicher, echter Volksmärchen, also „fiktionale, früher oder gegenwärtig mündlich (im ‚Volk‘, im ‚Haus‘) verbreitete Prosaerzählungen mit ausgeprägter Vorliebe für Wunderhaftes“[6], haben die Brüder Grimm veröffentlicht. Beim Stichwort Prosaerzählung darf, wie oben erwähnt, bereits daran gezweifelt werden, dass Tiecks in drei Akten verfasstes Drama als echtes Märchen bezeichnet werden kann.

Jedoch hat sich im Lauf der Zeit eine Unterart der Gattung entwickelt, in welcher die Texte prosaisch verfasst sind und zwar „nach dem Muster oder mit Motiven des Volksmärchens“[7] erscheinen, sich von diesem jedoch vor allem in den Merkmalen (1) und (2) unterscheiden: das Kunstmärchen. Hierbei sind der Autor und der Entstehungsort sowie die Entstehungszeit bekannt, welche weiterhin klar begrenzt ist auf die Zeit, in der der Verfasser die Erzählung geschrieben hat. Die Geschichte wurde also nie mündlich weitergegeben und auch nicht im Laufe der Zeit variiert.

Auch ist man sich im Kunstmärchen dessen bewusst, dass derart wunderbare Ereignisse, die im Märchen als selbstverständlich erachtet werden, in der realen Welt unwahrscheinlich sind[8]. Und während die Protagonisten eines Volksmärchens meist ein positives Ende erleben dürfen, so gelangen sie im Kunstmärchen nicht zwingend „zum ersehnten Ziel, sondern in den Wahnsinn“[9]. Die Einteilung von Tiecks „Der gestiefelte Kater“ als Kunstmärchen ist somit zwar, wie im Folgenden verdeutlicht werden soll, zumindest besser zu rechtfertigen als dessen Einteilung als klassisches Märchen, jedoch wäre sogar dies wohl noch zu kurz gegriffen.

2.1. Märchenhafte Motive in „Der gestiefelte Kater“

Nachdem nun eine grobe Übersicht der Merkmale geschaffen wurde, die Stücke der Gattungen Märchen bzw. Kunstmärchen ausmachen, kann nun Ludwig Tiecks Drama auf diese Motive hin untersucht werden. Zunächst sollen diejenigen Aspekte herausgearbeitet werden, die auf eine Zugehörigkeit des Stückes zu einer der beiden besprochenen Gattungen schließen lassen.

2.1.1. Ort- und Zeitlosigkeit des Geschehens

Es ist nicht bekannt, wann und wo das Stück spielt. Dies wird besonders deutlich im ersten Akt, als der König von Utopien und Prinz Nathanael über dessen Herkunft sprechen. „Man hat noch keine genaue Geographie von meinem Lande“[10], muss dort etwa der aus der Ferne angereiste Prinz zugeben, als er vom König gefragt wird, woher er kommt, da das Vaterland des Prinzen „gar nicht einmal auf (s)einer Landkarte“[11] zu finden ist.

Auch im zweiten Akt macht ein Ausspruch des Königs deutlich, dass vollkommen unbekannt ist und auch bleiben soll, wann die Handlung stattfindet. Er diktiert an dieser Stelle seinem Historiographen, das Geschenk des Grafen „an dem und dem Tage, (welchen Datum wir nun heut schreiben)“[12], in das Geschichtsbuch einzutragen. Diese Aussage und auch der Zusatz „anno currentis“[13], den er seinem Schreiber weiterhin diktiert, ist zur historischen Einordnung unbrauchbar, da der Zeitpunkt des Ereignisses nur vage auf das laufende – jedoch unbekannte – Jahr datiert und somit keinerlei Einordnung des Geschehens auf der Bühne in die reale Geschichte ermöglicht wird.

Ebenso wie die Zeit, so soll auch der Ort des Geschehens, „hier in Utopien“[14], nicht in der Realität fassbar sein. Der Wunschtraum der Rezipienten – seien diese nun das fiktive Publikum oder die reale Leserschaft – zu wissen, wo sich der Schauplatz der Handlung befindet, bleibt utopisch und wird also nicht erfüllt. Nur der Theaterbesucher Schlosser vermutet später noch vage, das Stück wäre in Asien angesiedelt[15]. Im Allgemeinen bleiben aber, wie es für Märchen typisch ist, Handlungsort und –zeit nicht klar definiert.

2.1.2. Verwendung märchenhafter Figuren

Tieck greift in seinem Stück im Stück auf typisches „Märchenpersonal“[16] zurück: unter einem solchen versteht man keine fein herausgearbeiteten Charaktere, sondern in erster Linie „Realisierungen von Archetypen“[17]. Und auch die Art und Weise, wie er diese Figuren zeichnet, ist sehr märchentypisch: man weiß wenig über sie, die Vorstellung der Persönlichkeit geschieht nur ansatzweise, sie repräsentieren „einen Typus (und nicht nur ein Individuum)“[18].

Am Beispiel des Königs wird deutlich, dass die Figuren eines Märchens für die Rezipienten vor allem leicht greifbar sein sollen. Er bildet ein perfektes Klischee durch seine Völlerei und die selbstsichere Zufriedenheit sowie durch seine Kombination aus Dummheit und immer wieder durchscheinender Einsicht[19].

Es geht im echten Märchen nicht darum, die Protagonisten exakt zu charakterisieren, sondern ganz allgemein um die „Gestaltung menschlicher Grundbefindlichkeiten“[20]. So kann sich jeder Leser oder Zuhörer in sie hineinversetzen, mit ihnen mitfühlen und die „moralisierenden Passagen“[21], die zumeist das Ende einer solchen Geschichte bilden, auf sich selbst beziehen.

2.1.3. Glückliches Ende des Stückes im Stück

Nachdem der Besänftiger erneut beruhigend auf das aufgewühlte Publikum einwirken konnte, freut sich Theatergast Wiesener, dass nun nur noch der Kater die Feuer- und Wasserprobe ablegen muss, „und dann ist das Stück fertig“[22]. Nach diesem Test lässt der König den vermeintlichen Grafen von Carabas seine Tochter zur Frau nehmen, die beide darüber sehr glücklich sind[23]. Auch der Kater wird belohnt und in den Adelsstand erhoben, und so endet das Spiel im Spiel für die Protagonisten äußerst zufriedenstellend.

Das gute Ende, die Zufriedenheit der Charaktere, ist ein für Märchen sehr typisches Motiv. Vor allem diejenigen Figuren, die die Sympathie der Leser oder Zuhörer tragen, müssen im klassischen Märchen am Ende zumeist kein schlimmes Schicksal erleiden. Stattdessen werden sie auf wundersame Weise plötzlich vom Glück überschüttet, erreichen ihre Ziele und leben von da an glücklich und zufrieden. Somit ist das Stück im Stück unter diesem Gesichtspunkt als Märchen zu bezeichnen.

Doch soll hier nicht nur das Stück im Stück, sondern der gesamte Text auf seine Märchenhaftigkeit hin analysiert werden. Und wie sich im Folgenden zeigen wird, ist diese unter Einbeziehung der Rahmenhandlung nicht mehr vorhanden.

2.2. Märchenuntypische Motive in „Der gestiefelte Kater“

Wie bereits mehrmals betont wurde, hat „Der gestiefelte Kater“ zwar durchaus märchenhafte Aspekte, widerspricht den Regeln dieser Gattung jedoch in mindestens ebenso vielen Punkten. Diese märchenuntypischen Motive sollen nun noch weiter herausgearbeitet werden.

[...]


[1] Tieck, Seite 1

[2] Vgl. Biesterfeld, S. 56

[3] Vgl. Biesterfeld, S. 56

[4] Böcking, S. 141

[5] Fricke, S. 513

[6] Fricke, S. 514

[7] Fricke, S. 366

[8] Vgl. Fricke, S. 366

[9] Fricke, S. 368

[10] Tieck, S. 20, Vers 18 f.

[11] Tieck, S. 19, V. 19

[12] Tieck, S. 33, V. 19 f.

[13] Tieck, S. 33, V. 24

[14] Tieck, S. 37, V. 4

[15] Vgl. Tieck, S. 43, V. 14

[16] Meißner, S. 396

[17] Fricke, S. 514

[18] Kreuzer, S. 38

[19] Vgl. Kreuzer, S. 39

[20] Fricke, S. 515

[21] Landfester, S. 106

[22] Tieck, S. 59, V. 27

[23] Tieck, S. 60, V. 5 f.

Details

Seiten
13
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668401129
ISBN (Buch)
9783668401136
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353951
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Schlagworte
Ludwig Tieck Märchen Der gestiefelte Kater Ironie Romantik NDL Gestiefelter Kater Melancholie Theater Spiel im Spiel Illusion Illusionsbrechung

Autor

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