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Die Deutsche Wiedervereinigung. Deutschlandpolitik der UdSSR

Hausarbeit 2013 41 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhalt

Einleitung:

1. Der neue Mann im Kreml: Gorbatschow
1.1. Gorbatschows Reformpolitik von Glasnost und Perestroika
1.2. Das „Neue Denken“ in der sowjetischen Außenpolitik

2. Die sowjetische Deutschlandpolitik - Die Haltung Sowjetunions im Wiedervereinigungsprozess
2.1. Die Beziehung der Sowjetunion zu den beiden deutschen Staaten
2.2. Die sowjetische Haltung im deutschen Wiedervereinigungsprozess

Fazit

Literatur und Quellen

Primärquellen:

Sekundärquellen

Einleitung:

Inhaltlich und methodische Vorüberlegung:

Als Michail Gorbatschow an die Spitze der Sowjetunion rat war den meisten Beobachtern nicht klar, dass, war die Sowjetunion mit einem maroden sozialistischen System, einen überdimensionalen Militärapparats, einen nicht zu gewinnenden Krieg und der zunehmenden Isolation belastet. Um aber die Sowjetunion aus dieser Sackgasse zu bringen, schlug Gorbatschow einen neuen Weg in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein, welchen seine Vorgänger nur halbherzig oder gar nicht Verfolgt hatten. Was mit seinem angestrebten Ziel der inneren Reform begann, endete damit, dass die politische Landkarte Von ganz Europa geänderte wurde. Für Gorbatschow war es wichtig, das längst marode sowjetische System zu modernisieren, um somit das Überleben des sowjetischen Imperiums zu garantieren. Um dies jedoch zu bewerkstelligen, brauchte der neue Generalsekretär die Hilfe von außen, insbesondere die vom Westen. In diesem Zusammenhang strebte Gorbatschow eine Politik der Entspannung an. Anstelle des Prinzips der nuklearen Abschreckung, setzte er auf Abrüstung, Entspannung und Dialog. Einer der größte Nutznießer dieser neuen diplomatischen Wende Moskaus war das geteilte Deutschland.

Aufgrund der innersowjetischen Probleme, die Entwicklungen der DDR in den 1980er Jahren und der neuausgerichteten Außenpolitik Moskaus, änderte sich auch die Deutschlandpolitik der Sowjetunion allmählich. Behaarte man noch am Anfang auf die Teilung Deutschlands, als einen unumgänglichen Faktor der Geschichte, wandelte sich die eiserne Haltung gegen eine Wiedervereinigung zur eine weichen Zustimmung zur Wiedevereinigung der beiden deutschen Staaten und Berlins.

Fragestellung:

In diesem Zusammenhang stellen sich im Bezug Gorbatschows neue Außenpolitik folgende Fragen, welche im Verlaufe der Hausarbeit beantwortet werden sollten:

-Aus welchen Gründen lenkte die sowjetische Führung unter Gorbatschow zum Thema deutsche Wiedervereinigung ein?
-Was für eine Rolle spielt die Perestroika und das neue außenpolitische Denken Gorbatschows?
-Welche Rolle spielte das persönliche Verhältnis zwischen Kohl und Gorbatschow?
-Waren die Entscheidung der Gorbatschow-Administration demokratischer Natur oder doch pragmatischer?

Forschungsstand:

Da die Wiedervereinigung Deutschlands eines der wichtigsten historischen Ereignisse Nachkriegsdeutschland ist und damit auch die sowjetische Deutschlandpolitik, befassten sich zahlreiche Institutionen wie das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) oder das Institut für Zeitgeschichte mit diesem Thema. Aber auch Einrichtungen wie die Bundeszentrale für politische Forschung oder das ehemalige Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien konzentrierten ihre Forschungen und Analysen auf die sowjetische Außenpolitik in der Relation zur deutschen Wiedervereinigung.

In diesem Zusammenhang entstanden im Laufe der Zeit zahlreiche Studien, Berichte und Analysen sowie Fachliteratur die sich explizit mit der sowjetischen Deutschlandpolitik befassen beziehungsweisen sich diesem Thema als Gesamtwerk zur Wiedervereinigung annähert. So präsentiert Andreas Rödder in „Deutschland einig Vaterland“ eine umfangreiche Darstellung zur deutschen Wiedervereinigung, indem er auch das internationale Zusammenspiel zur Wiedervereinigung übersichtlich präsentiert. Im Gegensatz dazu steht Tanja Wagensohn, welche in ihren Werk „Von Gorbatschow zu Jelzin - Moskaus Deutschlandpolitik (1985-1995) im Wandel“, detaillierte Entwicklung der Deutschlandpolitik Gorbatschows vom harten „njet“ zu einen weichen „da“ darlegt.

Des Weiteren gibt es zahlreiche Quellen wie den Spiegel oder die Mediathek des ZDF, welche zeitgenössischen Berichterstattung und Artikel zur Wiedervereinigung anbieten, beziehungsweise Dokumentationen, welche die Wiedervereinigung und die Rolle der sowjetischen Politik beleuchten.

Methodisches Vorgehen:

Um einen dezidierten Einblick in die sowjetische Deutschlandpolitik während des Wiedervereinigungsprozesses in Deutschland zu bekommen, ist es wichtig Michail Gorbatschow, als neues Staatsoberhaupt in der Sowjetunion, mit seiner Reformpolitik, welche auch die sowjetische Außenpolitik beeinträchtigt hatte, vorzustellen. Dies soll als Einleitung zu den thematischen Kern dieser Hausarbeit führen, welche sich um die Deutschlandpolitik der neuen sowjetischen Führung konzentriert.

Aufgrund von der Einschrenkung der Seitenzahl, wird der innerdeutsche Aspekt der Wiedervereinigung nur begrenzt angeschnitten, da sich die Arbeit im Großen und Ganzen um die Politik Gorbatschows handelt. In diesem Zusammenhang sind die Bücher „Deutschland einig Vaterland“ von Andreas Rödder und „Endspiel“ von Ilko-Sascha Kowalczuk, da beide Autor sich mit allen Aspekten der deutschen Wiedervereinigung befassen.

1. Der neue Mann im Kreml: Gorbatschow

Als am 11. März 1985 Michail Gorbatschow zum neuen Generalsekretär gewählt wurde, einen Tag nach dem Tod seines Vorgängers Konstantin Tschernenko, wusste wohl niemand, welche Veränderung er in der Globalen Politik sowie Deutschlandpolitik bringen würde. Anfänglich schien es so, als ob er die eingefahrene Linie seiner Vorgänger gegenüber den Westen übernehmen würde, was man am Verhalten Gorbatschows gegenüber den Bundeskanzler Kohl auf dem Begräbnis Tschernenkos sah, indem er ihm harsch kritisierte.1 Jedoch war das nicht die Fortsetzung der alten Politik sondern der Startpunkt einer neuen offeneren Politik gegenüber dem Rivalen im Westen. Nichts desto trotz ist zu klären, wer überhaupt Gorbatschow ist und von woher er kam.

Michail Gorbatschow geboren 1931 in Priwolnoje, nähe Stawropol, wird in Andreas Rödders Buch „Deutschland einig Vaterland“ als ein neuer Typ von Generalsekretär beschrieben, so schreibt er:

„Am 11. März 1985, nach den lähmenden Jahren alter und kranker Generalsekretäre, nominierte das Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion den 54-jährigen Südrussen für das Amt des mächtigsten Mannes der östlichen Welt. Intelligenter, gebildeter und weltläufiger als die typischen Vertreter der alten Riege, hatte Michail Gorbatschow seinen zügigen politischen Aufstieg in der südrussischen Region Stawropol begonnen und dort, obgleich ursprünglich zum Juristen ausgebildet, als Experte für Landwirtschaft reüssiert.“2

Vielmehr äußert er sich, dass Gorbatschow eine Blitzkarriere hingelegt hat und somit in die Gunst des damaligen KGB-Chefs und späteren Generalsekretär Juri Andropow gelangte. So formuliert er weiter:

„Er fiel dem reformorientierten KGB-Chef Juri Andropow auf und wurde 1978 als Sekretär des Zentralkomitees für Landwirtschaft in die Moskauer Zentrale berufen. 1980 rückte er in das Politbüro und somit in das Machtzentrum der Partei auf, deren Führung er im März 1985 übernahm und die er, wie das gesamte Land grundlegend verändern sollte.“3

Sein Bestreben, die Sowjetunion zu verändern beziehungsweise zu reformieren kam nicht von ungefähr, sondern von seiner Politkarriere, welcher er in seiner Heimat Stawropol begann. So erkannte er zeitig, dass die zentralistische Kommandowirtschaft, mit ihrer undurchsichtigen politischen und wirtschaftlichen Struktur, der daraus folgenden Korruption, sowie den mangelnden persönlichen Anreiz die sowjetische Industrie und Landwirtschaft beträchtlich geschadet hatte und somit die einstige Kornkammer Europas zwang, Getreide zu importieren.4 So erkannt er auch schon früh, dass viele Anordnungen aus Moskau sinnvolle bäuerliche Tradition zerstörten.5

Vielmehr beschreibt Christina Callori di Vignale, dass Gorbatschow, seitdem er in Moskau im ZK der KPdSU tätig war, immer mehr die wirtschaftlichen Probleme erkannte, jedoch nicht die Macht hatte, diese in Angriff zu nehmen.6

Erst als neuer Generalsekretär und somit erster Mann der Sowjetunion konnte er die Missstände bekämpfen. Er wollte sein Land grundlegend verändern. In diesen Zusammenhang versuchte er, das Unvereinbare zu vereinbaren, was auch ein Charakterzug seiner Persönlichkeit war. So versuchter er den „realexistierenden Sozialismus“ mit samt seiner Planwirtschaft mit Demokratie und Marktwirtschaft zu verbinden. In seiner Persönlichkeit wurden zum einen Offenheit sowie die Abneigung gegen den dogmatische Bestimmungen und deren Durchsetzung mit Gewalt und zum anderen Unentschlossenheit, Widersprüchlichkeit sowie Sprunghaftigkeit vereint. Diese Charakterzüge prägte seine ganze Zeit als sowjetisches Staatsoberhaupt, insbesondere im deutschen Widervereinigungsprozess.7

Sein Ziel war es, die angeschlagene Sowjetunion wirtschaftlich, politisch sowie gesellschaftlich zu reformieren, um so das sozialistische System in seinem Land zu retten und zu modernisieren. Jedoch öffnete er mit seinen Reformplänen ungeahnt eine Art Büchse der Pandora. Zum einen führte seine Reform dazu, dass sich die Sowjetunion zu Ende seiner Regierungszeit auflöste und somit das einstige sowjetische Imperium zusammenbrach, zum anderen führte es unverhofft zu neue Schüben in der internationalen Politik, was das Ende des Kalten Krieges sowie die Wiedervereinigung Deutschlands mit sich brachte.

Hier stellt sich die Frage, welche Reformen Gorbatschow sich vorstellte um die UdSSR vor dem Zusammenbruch zu retten und welche Folgen es im genaueren Sinn für das Land und für die Welt hatte.

1.1. Gorbatschows Reformpolitik von Glasnost und Perestroika

Mit seiner in der Öffentlichkeit angekündigten Reformpolitik auf dem XXVII. Parteitag der KPdSU, welche zum Ziel hatte die sowjetische Gesellschaft zu demokratisieren und die Sowjetunion zu modernisieren.8 Jedoch ahnte der neue Generalsekretär nicht, welchen Stein er ins Rollen brachte. Es stellte sich heraus, dass jede neue Reformagenda neue Missstände in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zum Vorschein brachte, was wiederum neue Reformen nach sich zog. Es war ein Teufelskreis, welchem die Politik Gorbatschows nicht entrinnen konnte.

Die Reformpolitik Gorbatschows hatte zwei Aspekte, den Inneren und den äußeren Aspekt. Dabei kann man den inneren Aspekt in zwei Teile untergliedern und zwar in die Glasnost und Perestroika. Während Glasnost mehr gesellschaftlichen Charakter hatte, hatte die Perestroika eher einen politischen beziehungsweise wirtschaftlichen Charakter.

Glasnost, wörtlich übersetzt Offenheit, hatte das Ziel, die sowjetische Gesellschaft in den Reformprozess einzugliedern beziehungsweise ins öffentliche sowjetische Leben zu integrieren. Es ging darum, dass die sowjetische Bevölkerung sich am Reformprozess in ihren eigenem Land aktiv in Form von Diskussionen öffentlich beteiligt. Dabei war es von Regierungsseite wichtig, dass man die Rede-, Meinungs- und Pressefreiheit unterstützte, so dass man eine Grundlage für die öffentliche Diskussionsplattform schaffen konnte.

Im Zuge der Politik von Glasnost wurde auch eine Fülle von Missständen ans Tageslicht gebracht, welche die Reformpolitik Gorbatschows vor neue Herausforderung brachte.9 Was unter den vorherigen Generalsekretären undenkbar schien, wurde unter Gorbatschow machbar und zwar zum einen die Offenlegung von Missständen und zum anderen die öffentliche Kritik am System. Dies lässt sich am Beispiel der Geschichtsdebatte beweisen:

„Als die sowjetische Regierung die bis dahin offizielle stets geleugnete Existenz des Geheimen Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 öffentlich eingestanden, gab sie eine kritische Diskussion des staatlich verordneten Geschichtsbildes frei. Bald erreichte diese den „Großen Vaterländischen Krieg“ und blieb beim Stalinismus nicht stehen, sondern erfasste auch Lenin und die Ursprünge der Sowjetunion. Die Geschichtsdebatte legte die Axt an die Wurzeln der sowjetischen Staatsideologie.“10

Die Glasnost führte auch dazu, dass die Medienlandschaft der Sowjetunion immer mehr kritisch die Handlungen der Regierung beobachtete, was schlussendlich auch Gorbatschow selbst traf. Je weiter die Reformpolitik des Generalsekretärs ging, umso größer wurde die Kritik in den Medien gegenüber Gorbatschow.

Wie Glasnost hatte auch die Perestroika ungeahnte Folgen für den Erhalt der Sowjetunion. Die Perestroika, wörtlich übersetzt Umgestaltung oder Umbau, hatte zum Ziel, das politische Leben sowie die Wirtschaft in der UdSSR umzuwandeln. Dabei war es von besonderer Wichtigkeit, dass wie im Glasnost-Prozess die sowjetische Bevölkerung an den Reformen teilnimmt. So beschreibt Andreas Rödder dass die Perestroika „in erster Linie auf verstärkte Eigenverantwortung und individuelle Leistung“ abzielte.11 In diesem Zusammenhang kann man zum Beispiel seine Politik gegen den Alkoholismus sehen.

Der Alkoholismus war schon seit jeher ein weitgreifendes Problem in der sowjetischen Gesellschaft, was nicht nur die unterste Schicht der Gesellschaft betraf sondern alle Schichten. In diesem Zusammenhang versuchte Michail Gorbatschow mit einer gezielten Politik, den Alkoholkonsum in der Sowjetunion zu verringern und somit die Wirtschaft anzukurbeln. Jedoch hatte seine Antialkoholkampagne negative Folge. So stieg die Schwarzbrennerei in der Sowjetunion, dadurch gingen die Zuckervorräte zuneige und durch die fehlende Steuereinnahmen vom Alkoholverbrauch stieg das Defizit des Staatshaushaltes.

In allererster Linie versuchte man durch Reformen das sozialistische Wirtschaftssystem zu retten beziehungsweise es zu modernisieren. Jedoch hatten die Reformen die von den Gorbatschows- Reformern entwickelt wurde eher den Effekt, dass sie weitere Missstände aufdeckten, welche zu weiteren Reformen führten. Dieser Prozess hatte zur Folge, dass die Planwirtschaft allmählich ausgehöhlt wurde so dass man in der Endphase der Sowjetunion zur Marktwirtschaft überging.

Der von Gorbatschow gestartete Reformprozess hatte auch politische Folge, durch die Annahme von Kritik und den ständig neue Reformen wandelte sich auch schrittweise das politische System der Sowjetunion, was zum Teil gewollt war und wiederum zum Teil ungewollt, da dies zur Folge hat, dass sich in der UdSSR selbst zentrifugal Kräfte, in Form politischer Opposition und regional bedingte Nationalisierung, bildeten. Um die Einheit des Staates zu gewähren versuchte man mit mehreren zeitversetzten Reformen das politische Sowjetsystem schrittweise zu demokratisieren. Dies hatte jedoch zur Folge, dass man das sozialistische System immer mehr aushöhlte und somit die KPdSU sich selbst ihres Machtmonopols beraubte.12

Obwohl die Reformpläne Gorbatschows das Ziel hatten, die Sowjetunion in wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Sicht zu stärken, hatten sie eher das Ende des Staates beschleunigt.

Anstatt das System zu erneuern und Ordnung in die weitläufigen Prozesse des Systems zu schaffen, schuf die Reform „blankes Chaos“.13 Je weiter die Reformen gingen, desto mehr wurde das wirtschaftliche und politische System auf den Kopf gestellt, was zu einer starken Aushöhlung des Systems und Machtverlust der regierenden Elite führte.

Gorbatschows Entscheidung war Grundsätzlich notwendig, da er versuchte, das System was Jahrzehnte lang erodierte, zu erneuern und es war aus damaliger Sicht wahrscheinlich nicht erkennbar, was für Folgen sein Reformprozess haben würde, da es ein schleichende Entwicklung war, die zur Auflösung des Sowjetsystems und somit des Staates führte. Letztendlich war es ein letzter Versuch eines Generalsekretärs der KPdSU, die Sowjetunion zu modernisieren.

Nichtsdestotrotz hatten die Reformpläne Gorbatschows auch ihre guten Seiten. Um seine Reformpläne zu realisieren, war der neue Generalsekretär gewillt den Staat militärpolitisch zu entlasten. In diesem Zusammenhang suchte Gorbatschow die Flucht nach außen. Michail Gorbatschow gelangte zu der Einsicht, dass das jahrelange Wettrüsten und die militärisch sowie politische Rivalität mit dem Westen keinen Nutzen für den sowjetischen Staat hatten. Zudem war ihm bewusst, dass die exorbitanten Militärausgaben dem sowjetischen Haushalt und somit der Bevölkerung selbst nicht gut taten und somit den Staat an den Rand des Ruin brachte. In diesem Zusammenhang entwickelte Gorbatschow mit seinen Reformen das „Neue Denken“.14

Hier ist zu klären, welche Ziele die neue außenpolitische Richtung Gorbatschows hatte und aus welchem Bewegründen sie genau entstanden. Zudem ist zu klären, wie die neue Annäherungsversuche zum Westen aussahen und was sich daraus die sowjetische Führung erhoffte.

1.2. Das „Neue Denken“ in der sowjetischen Außenpolitik

Michail Gorbatschow war schon früh bewusst, dass das militärische Wettrüsten, insbesondere im nuklearen Bereich, zu nichts führen würde außer zu Zerstörung. Für ihn war es klar, dass die Ausgaben in diesem gefährlichen Spiel sein Land an den Rand des Ruins brachten. So schreibt er in Bezug auf die potentielle nuklearen Bedrohung, welcher die Menschheit seit dem Beginn des Kalten Krieges gegenüber steht in seinen Ausführungen von „Umgestaltung und neues Denken für unser Land und für die ganze Welt“ folgendes:

„Schließlich gibt es eine weitere Realität, die wir uns bewußtmachen müssen. Mit dem Eintritt in Nuklearzeitalter, da die Kernenergie militärisch einsetzbar wurde, hat die Menschheit ihre Unsterblichkeit verloren. Es gab Kriege, schreckliche Kriege. Sie rafften Millionen und aber Millionen Menschenleben hinweg, ließen wo einst Städte und Dörfer standen, Schutt und Asche zurück, löschten ganze Völker mit ihrer Kultur aus. Doch der Fortbestand des Menschengeschlechts war nicht in Frage gestellt. Würde heute ein Kernwaffenkrieg ausbrechen, so löschte er alles Leben auf der Erde aus“15

Weiter formuliert er:

„Selbst was logisch nicht faßbar ist, ist technisch möglich geworden: Die Menschheit ist imstande, sich mehrfach zu vernichten. Die Kernwaffenarsenale sind so bestückt, daß auf jeden Erdenbewohner eine Sprengladung kommt, die in seinem Umkreis ein riesiges Territorium verheeren kann. Heute führt ein einziges strategisches U-Boot ein Vernichtungspotential an Bord, das dem mehrerer zweiter Weltkriege gleichkommt. Und von diesem U-Booten gibt es viele Dutzend!“16

In Gorbatschows Überlegung glich die momentane Situation einem explosiven Pulverfass, welches von beiden Seiten immer mehr gestopft wurde. Aus diesem Grund war es ihm wichtig, dass das Kräfteverhältnis zwischen Ost und West auf ein niedriges Niveau bleib, weil das Wettrüsten in seiner Schlussfolgerung unweigerlich zu ein erneuten Krieg führen würde. Zudem gestand er ein das beide Supermächte nicht das Recht hatten, ihre Willen auf andere zu zwingen, beziehungsweise andere Staaten zu unterdrücken.17

In diesem Zusammenhang wurde das sowjetische Außenministerium unter Gorbatschow umstrukturiert, um es so für die kommenden Aufgaben zu wappnen und in der Person von Eduard Schewardnadse wurde ein neuer Mann an die Spitze des Ministeriums gesetzt, welcher die Umstrukturierung leiten sollte beziehungsweise der neuen Außenpolitik ein Gesicht geben sollte.

Folgt man Schewardnadses Äußerungen aus seinem Buch „Die Zukunft gehört der Freiheit“, war es ein schwieriges Erbe was er antrat. Zu einen löste er einen etablierten und weit bekannten Diplomaten sowie Politiker18 ab, der über 28 Jahre das Amt bekleidete. Zum anderen beschreibt er selbst, dass er im außenpolitischen Geschäft noch ein Neuling war und erst die Geschicke der auswärtigen Politik lernen musste. Jedoch sah er, seiner Äußerung zu folge, ein, dass es eine Aufgabe war, die erledigt werden musste.19

In diesen Zusammenhang stimmten die Überlegungen Schewardnadse mit Gorbatschows überein, welche im Bezug auf die neue Außenpolitik für eine Entspannung und gegen eine Politik der „Stärke sowie Konfrontation“20 setzten. So formulierte er:

„Die Parallele zum neuen Denken ist hier augenscheinlich. Als die Perestrojka sich in den Köpfen durchsetzte, herrschten in den internationalen Beziehungen noch die Kategorien der Stärke und Konfrontation wichtige nationale Mittel der Politik, die Konfrontation entgegengesetzter Welten schien unvermeidlich und war es praktisch auch, und man war bemüht, das Risiko eines für die gesamte Menschheit verheerenden Zusammenstoßes durch beiderseitige Hochrüstung auf ein Minimum zu reduzieren - wodurch man es jedoch auf ein Vielfaches vergrößerte.“21

Weiter formuliert er, dass es keinen Nutzen bringt, in den veralteten Feindbildern zu denken, da sie von den wesentlichen Problemen ablenken:

„Dieses Feindbild aus der Welt zu schaffen, ist das wichtigste Ziel angesichts einer weltpolitischen Entwicklung, in der die tatsächlichen Feinde der Menschheit immer näher rücken und sie mit dem Untergang bedrohen - der nukleare Krieg, die ökologische Katastrophe, der Zerfall des Weltwirtschaftssystems.

Es ist also erforderlich, aus der Mauer von Feindseligkeit und Mißtrauen Steine herauszubrechen damit die Welt durch die entstandene Öffnung Orientierungspunkte sehen kann, die ihrer wirklich würdig sind.“22

Es zeigt sich, dass sich sowohl der neue Generalsekretär der KPdSU als auch der neue sowjetischen Außenminister in ihrer Politik große Ziele gesteckt hatten, die die momentane Welt zu einen sicheren Lebensraum wandeln sollten. Dies war jedoch nur die eine Seite der Medaille, da auf der anderen Seite durch diese neue Außenpolitik eine Entlastung für die Umstrukturierung der Sowjetunion auf verschieden Gebieten wie Wirtschaft und Politik gesucht wurde.

Gorbatschow sah ein, dass die Sowjetunion im Bereich der Landwirtschaft und der Industrie hinter den westlichen Ländern zurückblieb und dass die Konzentration auf den militärischen Sektor der Industrie Unsummen an Gelder verschlang, die in der zivilen Wirtschaft besser angebracht wären. Weiter sah er ein, dass die expansive Außenpolitik, die von der Sowjetunion ausging, zu weiteren unnötigen Ausgaben führte, die in anderen Bereichen des zivilen Lebens in der UdSSR besser angebracht wäre. In diesem Zusammenhang verfügte Gorbatschow 1988 den Rückzug der sowjetischen Armee aus Afghanistan.23

So schrieb Wulf-W. Lapins in seiner Studie „Trends und Perspektiven sowjetischer Europapolitik unter Michail Gorbatschow“, dass die Sowjetunion nur mit einer Umstrukturierung der Wirtschaft konkurrenzfähig blieb:

„Ohne grundlegende Reformen des ökonomischen Gesamtsystems wird die Sowjetunion nicht, wie die USA es seit langem sind, eine Weltmacht werden, sondern auf dem Niveau lediglich einer globalen Militärmacht verbleiben. Michail Gorbatschow hat das als Menetekel richtig erkannt. Konsequenterweise plädiert er als neuer Generalsekretär für eine radikale Kurskorrektur. Priorität der künftigen praktischen Politik unter seiner Regie soll der Innenpolitik eingeräumt werden“24

Es lag nicht fern, dass Gorbatschow auf Entspannung setzte, da er auf diesem Weg die militärischen Ausgaben reduzieren konnte und so eine Entlastung für die angestrebten Reformen im Inland zu schaffen. Des Weiteren suchte er mit seiner Entspannungspolitik gegenüber dem Westen, neue Partner bei dem einstigen Rivalen, deshalb lag es nicht fern , dass er kurz nach seinem Amtsantritt verschieden westeuropäische Länder besuchte und für seine Reformpolitik sowie für seine neue Außenpolitik warb. So besuchte er zum Beispiel Frankreich, wo er vorm französischen Parlament eine Rede hielt oder empfing den italienischen Ministerpräsidenten Craxi, welcher zu jenem Zeitpunkt des Präsidiums der EG inne hatte.25

Vielmehr warb er auch für eine engere Kooperation zwischen den Blöcken, wie zum Beispiel zwischen der EWG und RGW, was zum einen im Sinne seiner neuen Außenpolitik stand und zum anderen im Sinne der Modernisierung der Sowjetunion und des Ostblockes. So formuliert Lapins: „In diesem Zusammenhang ist auch die neue Dynamik seiner Aussenpolitik zu sehen, insbesondere sein Werben um Westeuropa. In jenen hochentwickelten Industriestaaten sind die dringenden benötigten Technologien und Kreditressourcen beheimatet.“26

Um Vertrauen bei den einstigen Klassenfeinden zu wecken, schlug Gorbatschow den Weg der Abrüstung ein, was in der logischen Konsequenz seiner neuen Außenpolitik beziehungsweise seiner Reformpolitik lag. So versuchte er mit der Abrüstung die Umleitung von Ressourcen für seine Reformpolitik zu gewinnen beziehungsweise mögliche Partner im Westen zu finden.

[...]

1 Vgl. Fred Oldenburg, 50 Jahre sowjetische und russische Deutschlandpolitik sowie ihre Auswirkungen auf das gegenseitige Verhältnis, Berlin1999, S.129

2 Andreas Rödder, Deutschland einig Vaterland, Bonn 2010 S.15

3 Rödder, a.a.O., S.15

4 Vgl. Christina Callori di Vignale, Von der Teilung zur Einheit - Deutsch-Russische Gespräche; Frankfurt 2013, S.118

5 Vgl. Christina Callori di Vignale, a.a.O., S.114

6 Vgl. Christina Callori di Vignale, a.a.O., S.119

7 Vgl. Rödder, a.a.O., S.15f

8 Vgl. Eduard Schewardnadse, Die Zukunft gehört der Freiheit, Hamburg 1991, S. 98

9 Vgl. Rödder, a.a.O., S.16

10 Rödder, a.a.O., S.17

11 Vgl. Rödder, a.a.O., S.16

12 Vgl. Rödder, a.a.O., S.17

13 Rödder, a.a.O., S.17

14 Michail Gorbatschow, Umgestalutng und neues Denken für unser Land und die ganze Welt, Berlin 1988, S.5 ff. 9

15 Michail Gorbatschow, a.a.O., S.174

16 Michail Gorbatschow , a.a.O., S.175

17 Vgl. Michail Gorbatschow, a.a.O., S.175 ff.

18 Gemeint ist Andrei Gromyko, der vorherige Außenminister der Sowjetunion

19 Vgl. Eduard Schewardnadse, a.a.O., S.89 ff

20 Eduard Schewardnadse, a.a.O., S. 96

21 Eduard Schewardnadse, a.a.O. S. 96

22 Schewardnadse, a.a.O., S.100

23 Vgl. Rödder, a.a.O. S 17 ff.

24 Wulf-W. Lapins, Trends und Perspektiven sowjetischer Europapolitik unter Michail Gorbatschow, Bonn 1986, S.4 f.

25 Vgl. Heinz Timmermann Gorbatschow zeigt außenpolitisches Profil, Köln 1985 S.24

26 Lapins, a.a.O. S 8

Details

Seiten
41
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668401020
ISBN (Buch)
9783668401037
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353938
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Wiedervereinigung Gorbatschow Sowjetische Deutschlandpolitik Sowjetunion DDR

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Titel: Die Deutsche Wiedervereinigung. Deutschlandpolitik der UdSSR