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»Agrarreform in der Luft.«

Eine medienethnographische Untersuchung zur Legitimierung unabhängiger Radios in Brasilien.

Doktorarbeit / Dissertation 2015 410 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Impressum
  • INHALT
  • Einleitung
  • Spurensuche – ein Radiomanuskript von 19851
  • Forschungsfrage
  • Forschungsdesign und Methodik
  • Aufbau der Arbeit
  • 1. Zu den Konzepten – oder: die Herausforderung einer infralinguistischen Bestimmung des Medienmachens
  • 1.1. Medium, Mediation, Radio
  • 1.2. Legitimation als tanzbare politische Melodie
  • 1.3. Regulierungen statt Regulierung
  • 2. Radio in Brasilien – Versuch eines Mappings
  • 2.1 Narrative
  • 2.2 Medienmachen
  • 2.3. Regulierungen
  • 2.4 Zwischenfazit I – die Wiederzusammensetzung von Radio
  • 3. Inskriptionen Freier und Community Radios
  • 3.1 Selektion der network builders
  • 3.2 Positionen
  • 3.3 Montagen
  • 3.3.2 Synchronisierung – komplexe Beziehungen
  • 3.4. Mediationen
  • 3.5 Mobilisierungen
  • 3.6 Zwischenfazit II – Radio als zirkulierende Referenz
  • 4. Radiokollektive
  • 4.1 Noch ein Radiomanuskript – Spurenlesen im Forschungstagebuch
  • 4.2 Freie Radios auf dem Campus
  • 4.4 Community Radios ohne Genehmigung
  • 4.5 Community Radios mit Genehmigung
  • 4.6 Zwischenfazit III – Skriptswitching & Skriptmixing
  • Konklusion – Détournements, mediale Räume und trading zones
  • Legitimationskonzepte zwischen Ethno- und Beobachter_innentheorie
  • Mediale Räume und trading zones
  • Bibliographie
  • Appendizes
  • Interview-Fragebögen
  • Abkürzungen und Erklärungen zu Akteur_innen
  • Geführte Interviews
  • Abstract
  • Zusammenfassung
  • Danksagung
  • Endnoten
  • Endnoten Einleitung
  • Endnoten Kap. 1
  • Endnoten Kap. 2
  • Endnoten Kap. 3
  • Endnoten Kap. 4
  • Endnoten Konklusion

Impressum

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Coverbild: GRIN

INHALT

 

Einleitung

Spurensuche – ein Radiomanuskript von 19851

Forschungsfrage

Forschungsdesign und Methodik

Aufbau der Arbeit

1. Zu den Konzepten – oder: die Herausforderung einer infralinguistischen Bestimmung des Medienmachens

1.1. Medium, Mediation, Radio

1.2. Legitimation als tanzbare politische Melodie

1.3. Regulierungen statt Regulierung

2. Radio in Brasilien – Versuch eines Mappings

2.1 Narrative

2.1.1 Ursprünge

2.1.2 Kategorien

2.1.3 Entitäten

2.2 Medienmachen

2.2.1  Grenzen

2.2.2 Die Trajekte des Einzelmediums Radio

2.3. Regulierungen

2.3.1 Verfassungen, Gesetze, Normen, Dekrete – und ihre Anwendung

2.3.2 Versteckte Regulierungen

2.3.3 Theoriebaukasten VI – Handlungsprogramme und Übersetzungen

2.4 Zwischenfazit I – die Wiederzusammensetzung von Radio

3. Inskriptionen Freier und Community Radios

3.1 Selektion der network builders

3.2 Positionen

3.2.1 Retrospektiven und normative Radiomodelle

3.2.2 Bestandsaufnahmen

3.2.3 Perspektiven

3.3 Montagen

3.3.1 Signalerzeugung – komplizierte Beziehungen

3.3.2 Synchronisierung – komplexe Beziehungen

3.3.2.1 Inskripteur_innen

3.3.3 Anleitungen – Handlungspotentiale

3.4. Mediationen

3.4.1 Erwünschte Vermittlungen

3.4.2 Unerwünschte Vermittlungen

3.4.3 Annäherungen an das Gemeinwohl

3.5 Mobilisierungen

3.5.1 Handlungsprinzipien

3.5.2 Arbeitsfelder

3.5.3 Ausgeschlossene Mobilisierungen

3.6 Zwischenfazit II – Radio als zirkulierende Referenz

4. Radiokollektive

4.1 Noch ein Radiomanuskript – Spurenlesen im Forschungstagebuch

4.2 Freie Radios auf dem Campus

4.4 Community Radios ohne Genehmigung

4.5 Community Radios mit Genehmigung

4.6 Zwischenfazit III – Skriptswitching & Skriptmixing

Konklusion – Détournements, mediale Räume und trading zones

Legitimationskonzepte zwischen Ethno- und Beobachter_innentheorie

Mediale Räume und trading zones

Bibliographie

Appendizes

Endnoten

 

Einleitung

Spurensuche – ein Radiomanuskript von 19851

»Ship Ahoy« von Frank Zappa hochziehen, danach runterziehen zu BG [background, Anm. N.B.].

BIFO: »Rádio Xilik. Freies Radio der Dringlichkeit, auf 106 UKW, offen für alle, außer für: aktive oder pensionierte Generäle, Frauen aus Santana, Schwindler, Mütter, die immerzu lügen, Wort-Aristokraten, Kinder, die immer die Wahrheit sagen, Demagogen, evangelikale Richter.«

»Ship Ahoy« wieder hochziehen und dann Feuer frei bis zum Schluss

 

.[...]

B: »Rádio Xilik, das dringende Freie Radio ruft den freien Teil der Hörwelt. Polifonia.«

»Toxika« von Plastic People [of the Universe, N.B.] hochziehen, dann BG

 

[...]

B: »Sie haben Angst vor den Alten, wegen ihren Erinnerungen. Sie haben Angst vor den Jungen, wegen ihrer Unschuld. Sie haben Angst vor den Arbeitern. Sie haben Angst vor der Wissenschaft. Sie haben Angst vor Büchern und Gedichten. Sie haben Angst vor Schallplatten und Tonaufnahmen. Sie haben Angst vor Musik [...]. Sie haben Angst vor der Freiheit. Sie haben Angst vor der Demokratie. Sie haben Angst vor der universellen Menschenrechtserklärung. Sie haben Angst vorm Sozialismus.

Arrigo »Clara Crocodilo« Bernabé voll aufdrehen. Dann BG.

ALSO, WARUM ZUM TEUFEL HABEN WIR ANGST VOR IHNEN?«

 

[...]

 

B: »Die Kammerjäger sind sie...

Wir wünschen uns ein Leben ohne Versteckspiele.«

Rádio Xilik (gesendet am 20.07.1985)

Ein Leben ohne Versteckspiele ist für viele Medienaktivist_innen der Ausnahmezustand. Auch Franco »Bifo« Berardi war nach der gewaltsamen Schließung des Freien Radios Alice in Bologna am 12. März 1977 ein Stück weit auf der Flucht vor der italienischen Justiz, schrieb und lebte im Exil. Dort überraschte ihn sieben Jahre später die Einladung einer alten Bekannten – Alice. Einmal mehr verließ sie ihr Versteck, war auf den ersten Blick wie immer schwer zu erkennen, denn sie »hat tausend Gesichter, verändert ständig den Ausdruck, wühlt sich durch die Städte, die Stadtteile, die Fabriken, die Schulen, wie eine wilde Katze«.2 Zudem hieß Alice diesmal Xilik und sprach – von einigen Besucher_innen aus Europa abgesehen – fließend Portugiesisch. Denn sie hatte sich (zurück?) in den Süden gewühlt und dort eine Antenne und ein Sendegerät gebastelt. Dort verteidigte sie für Wochen, vom ersten Stockwerk der Katholischen Universität aus, ein Stück Himmel über São Paulo...

So wie Rádio Xilik proklamierten zu Beginn der 1980er Jahre Dutzende unabhängige Radios in Brasilien eine »Agrarreform in der Luft«, besetzten ohne Sendegenehmigung UKW-Frequenzen.3 Noch während das Militärregime (1964-1985) seinen Rücktritt zugunsten einer zivilen Übergangsregierung aushandelte, wuchs die Kritik am »reaktionären Konsens« der Rundfunkregulierung.4 Als reaktionär wurde dabei die staatliche Praxis empfunden, einen Großteil der verfügbaren Radiofrequenzen auf wenig transparente Weise an private Medienunternehmen zu verpachten, während unabhängigen Sendern der Zugang zum elektromagnetischen Spektrum strikt untersagt blieb.5 Neben Privatradios waren gesetzlich einzig staatlich kontrollierte Bildungssender vorgesehen. Diese Radios, die nur einen sehr kleinen Teil der verfügbaren Frequenzen nutzten, waren in ihrer engen Bindung an einen autoritären Staat, der bereits lange vor dem Militärputsch 1964 für eine konstante Zensur der Medien bekannt war, jedoch nicht der Ort, an dem eine partizipative Umdeutung des Radiomediums stattfinden konnte.6

Vielmehr artikulierten sich die Forderungen nach demokratischen Freiheiten – inklusive der Meinungs- und Pressefreiheit, die im Brasilien der 1970er Jahre aufgekommen waren, ein Jahrzehnt später längst in »praktischen Beiträgen einer organisierten Bevölkerung«.7 Artikel 19 der Menschenrechtserklärung, welcher das Recht auf »freie Meinungsäußerung [...] über Medien jeder Art [...] zu empfangen und zu verbreiten« garantiert, war inzwischen eine gängige Praktik geworden, die den Weg zu einer »definitiven Invasion und Besetzung der Atmosphäre«8 ebnen sollte. Als Antwort auf die staatliche Repression begannen die unabhängigen Radiomachenden die Broken-Window-Theorie9 auf ihre Weise umzudeuten:Für jedes geschlossene Radio wurden kurzerhand zwei neue eröffnet. Bereits 1991 standen 2717 privaten und staatlichen Sendern über 400 unabhängige Radios gegenüber.10 Fünf Jahre später sollen mehr als 10.000 solcher Stationen im elektromagnetischen Spektrum präsent gewesen sein.11 Das Versteckspielen glich nun eher einem alltäglichen Katz- und Mausspiel, das die Kontrolleure (fiscais) der Regulierungsbehörde (DENTEL) zunehmend überforderte.

Zudem standen die staatlichen Verfolger_innen, die unabhängiges Radiomachen als Straftat betrachteten, gewaltsam Sender schlossen und ihre Macher_innen verhafteten, seit 1988 vor einem »hausgemachten« Problem: der neuen brasilianischen Verfassung. Die dort verankerten individuellen Grundrechte befanden sich in Widerspruch zum autoritären Charakter vieler Gesetze aus den 1960er Jahren, welche weiterhin den Rundfunk normierten und regulierten. Immer wieder intervenierten Richter_innen in laufende Strafprozesse gegen unabhängige Radios und argumentierten, die Nutzung von Radiowellen sei ein praktischer Ausdruck der Meinungs- und Informationsfreiheit. Radiale Zugriffe auf den Äther, der schließlich ein öffentliches Gut darstelle, bedürften nur in begründeten Einzelfällen einer staatlichen Genehmigung.12 Das Ende des 19. Jahrhunderts von vielen Nationalstaaten etablierte Regulierungsmonopol im elektromagnetischen Spektrum stand in Brasilien plötzlich in der Kritik.

Dieser offene Konflikt über die Regulierung des Rundfunks mündete 1998 vorläufig in einem legalen Kompromiss. Unter Vermittlung von Regierungsvertreter_innen, Radiomachenden, sozialen Bewegungen und Kongressabgeordneten wurde in diesem Jahr auf legaler Ebene ein neues Radiomodell verankert, das offen für alle sein und auf lokaler Ebene die bestehende Rundfunklandschaft ein Stück weit demokratisieren sollte, ohne jedoch das bestehende Regulierungsparadigma zu verändern. Trotz kritischer Stimmen begrüßten viele damals beteiligte Radiomacher_innen das sogenannte »Gesetz für Community Radios« (Lei 9.612/98) als eine legale Garantie, die Tausenden nicht-genehmigten Sendern den Weg in die Legalisierung ermöglichen würde. Die Zeit des Versteckspielens schien vorüber.

 

Forschungsfrage

Doch inwiefern entspricht diese bis heute gültige legale Regelung der ihr vorausgehenden Forderung nach einer umfassenden »Agrarreform in der Luft«? Repräsentiert und garantiert das Gesetz tatsächlich all jene unabhängigen Radiopraktiken, die sich in Brasilien als Medien gesellschaftlicher Demokratisierung artikulier(t)en? Rückblickend fällt das Urteil heute aktiver Radiomacher­_innen ernüchternd  aus. An Stelle einer radialen Agrarreform, habe das Gesetz einen »Hühnerstall« (galinheiro) geschaffen, der unabhängige Sender innerhalb strikter Normen und Regeln stark einschränke und daran hindere, den von ihnen angestrebten Beitrag zum gesellschaftlichen Gemeinwohl leisten zu können. Anstatt die Konzentration und Dominanz kommerzieller Radios überwinden zu helfen, trage es zu einer anhaltenden Marginalisierung unabhängiger Sender bei. Das Gesetz führe nicht zu einer Entkriminalisierung nichtgenehmigten Radiomachens, vielmehr sei die Prämisse, nur im Ausnahmefall intervenierender staatlicher Regulierer auf legalem Wege in ihr imperatives Gegenteil verkehrt worden.13 Es sind solcherlei Argumente welche nicht nur die anhaltende Forderung nach einer umfassenden Neuordnung des brasilianischen Rundfunks prägen, sondern kontinuierlich auch einen praktischen Widerstand im elektromagnetischen Spektrum anleiten; 4377 legalisierten Radios stehen heute vier bis fünf mal so viele unabhängige Sender ohne Genehmigung gegenüber.14

»Denn die Frage ist nicht das Gesetz. [Radiomachende] sind legitimiert, ein Stück Brasiliens einzufordern. [...] Mehr noch: das elektromagnetische Spektrum zu besetzen ist unsere Pflicht. Wir können nicht darauf warten, dass sie es uns übergeben«,

heißt es in der Einleitung eines kürzlich veröffentlichten Handbuchs für unabhängige Radiomacher_innen.15 Angesprochen wird hier eine mediale Anerkennungswürdigkeit, die sich explizit nicht auf die Gesetzestexte beruft. Es stellt sich die Frage, auf was dann?

Eine erste Antwort findet sich in jenen normativen Prämissen unabhängigen Radiomachens, welche deren Anerkennungswürdigkeit über einen legalen Rahmen hinaus begründen.16 Solcherlei Beschreibungen umfassen sowohl die inhaltliche als auch die organisatorische Dimension der Signalerzeugung. In Konkurrenz zu legalen Kategorisierungen des Rundfunks (und der daran gebundenen Aufteilung des Spektrums) wird ein eigener radialer Beitrag zum Gemeinwohl artikuliert, der die Besetzung einer Frequenz rechtfertigt. Dem Staat im Allgemeinen und/oder dem Gesetz der Community Radios im Besonderen wird dagegen abgesprochen, im Namen des Gemeinwohls das elektromagnetische Spektrum auf angemessene Weise zu regulieren. Aus Sicht der unabhängigen Radios erscheint die Legitimation der brasilianischen Rundfunkregulierung also als krisenhaft.

Analytisch lässt sich die Spur dieser Krise auf vielfältige zweifache Weise aufnehmen. Zunächst wäre es möglich, auf der Beobachterebene einen theoretischen Zugang zu operationalisieren, um damit eine kritische Revision des nationalen Rundfunksystems anzustrengen und anschließend punktuell Vorschläge für dessen konsensuelle Optimierung zu liefern. Dabei würden formale politische Prozesse im Vordergrund stehen und bspw. ihr Potential, einen positiven Beitrag zur Demokratisierung des Rundfunks zu liefern.17 Unbeachtet blieben bei einer solchen Auseinandersetzung jedoch sowohl eine mögliche Neuverhandlung des staatlichen Regulierungsanspruch bezüglich der Radiowellen als auch die selten hinterfragte Universalität des Radiomediums, die gemeinsam allen radialen Nutzungsvorschlägen vorausgehen.18 Eine andere, medienethnographische Route würde sich dieser Herausforderung mit Interesse annehmen und dabei die vom bestehenden Rundfunksystem abweichenden Formen des Medienmachens genauer in den Blick  nehmen. Dabei erhielten unabhängige »radialistas« nicht nur die Möglichkeit, ihre Vorschläge für eine partielle Aneignung des Radiomediums einzubringen, sondern dieses (konzeptuell und praktisch) in seiner Universalität und staatlichen Regulation aktiv zu verändern. Die vorliegende Arbeit folgt der zweiten hier skizzierten Forschungsroute. Ich möchte deshalb zunächst einen adäquaten perspektivischen Zugang beschreiben.

Ein solcher deutet sich in der bereits angesprochenen Frage nach der gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit unabhängiger Radios an. Bereits seit den 1980er Jahren wird die Legitimationskrise staatlicher Rundfunkregulierung dabei mit der Legitimation abweichender Radiopraktiken verknüpft.19 Es genügt deshalb nicht, für die Frage der medialen Anerkennungswürdigkeit allein theoretische Modelle und funktionelle »Blaupausen« (blueprints) eines »anderen Medienmachens« zu analysieren.20 Vielmehr ist es ebenfalls notwendig nachzuzeichnen, wie existierende Radios die Legitimationskrise des Rundfunks für ihren operativen Gebrauch nutzen. Denn jedes unabhängige Radio könnte sich zunächst normative Gebote wie Partizipation, Diversität und Demokratisierung an die Sendekabine plakatieren. Die kategorischen Ansprüche allein sind jedoch keine Garantie dafür, dass diese auch in ein spezifisches Medienmachen übersetzt und gesellschaftlich stabilisiert werden. Oder salopp gesagt: Wie verhindert man im Einzelnen, dass ein_e brasilianische_r Bundespolizist_in nicht im Namen des Gesetzes die Tür zu einem Sender eintritt, um die Besetzung einer Frequenz im elektromagnetischen Spektrum zu verhindern?

Ein Radio kann als »Papiermaschine«, also als ein schriftlich oder anderweitig fixiertes Konzept, noch so gerechtfertigt sein, ob und wie es ihm gelingt, sich auch entsprechend einer spezifischen Anerkennungswürdigkeit zu stabilisieren, ist eine andere Frage. Und ich vermute, dass gerade die Suche nach empirischen Antworten, gesellschaftliche Aushandlungsprozesse sichtbar machen wird, die über die bekannten und sichtbaren Prämissen medienpolitischer Debatten hinausgehen. Die vorliegende Arbeit ist also daran interessiert herauszufinden, wie sich die unabhängigen Radios Brasiliens bei ihrem Medienmachen im elektromagnetischen Spektrum in der Zeit legitimieren.

 

Forschungsdesign und Methodik

Der ethnographische Ansatz meines textuellen Experiments operationalisiert im Wesentlichen zwei Prämissen. Zunächst soll Legitimation nicht allein Gegenstand einer normativen Debatte bleiben, sondern zugleich auf einen breiteren gesellschaftlichen Aushandlungsprozess bezogen werden. Daran gekoppelt ist bereits eine zweite wichtige Vorannahme: kein Konzept ist in seiner Definition allein den Forschenden und Beobachtenden vorbehalten. Gerade im Fall unabhängiger Radios wäre es fatal, die begriffliche Arbeit der Medienmachenden zu übergehen oder hierarchisch einer akademischen Beobachter_innenebene unterzuordnen.21 Vielmehr bin ich daran interessiert auf den folgenden Seiten eine »trading zone« zu schaffen, in der konkurrierende Positionen aufeinandertreffen, ohne diese bereits im Vorfeld in ihrer Wertigkeit zu ordnen.22

Dies bedeutet für das Forschungsdesign, von Beginn an mit sensibilisierenden Konzepten23 zu arbeiten, hier verstanden als offene Terminologien, welche anteilig zwischen heterogenen Akteur_innen gebildet werden. Unabhängiges Radio und Legitimation sind dabei die zwei herausragenden aber nicht die einzigen weiter zu füllenden Kategorien. Implizit verschiebt sich somit auch der erkenntnistheoretische Fokus der sensibilisierenden Begrifflichkeiten. Da sie selbst Aushandlungen unterliegen und als Konsens zwischen unterschiedlichen Akteur_innen stabilisiert werden, affirmieren sie tendenziell auch weniger feste Zustände und zentrale Handlungsträger_innen als distribuierte Prozesse.24 Eine solche begriffliche Reflexivität zeichnet neben dem Radiomedium auch das Verständnis von Legitimation aus, das epistemologisch keinen Zustand (z.B. Herrschaft) bezeichnet sondern einen Vorgang sich verändernder und konkurrierender Legitimationsforderungen unter Beteiligung unterschiedlicher »sources of legitimation«.25 Solche sensibilisierenden Konzepte evozieren potentiell eine partizipative Begriffsbildung und helfen zugleich dabei, die unterschiedlichen Positionen in ein Verhältnis zu setzen.

Die Forschungsfrage auf diese Weise zu operationalisieren schlägt sich auch auf die Bestimmung des Mediums nieder. Die medienethnographische Annäherung ist dabei besonders daran interessiert, die Konstitution medialer Ensembles in den Blick zu nehmen. Denn wenn das legitimierte Medienmachen unabhängiger Radios sich nicht in normativen Modellen erschöpft, vervielfältigt sich die Zahl relevanter Akteur_innen rapide. Was und wer machen ein Radio im Einzelnen partizipativ, horizontal und unparteiisch oder eben gerade nicht? Und was bedeuten diese Attribute im Einzelnen? Auf diese Fragen gibt es keine universellen und abschließenden Antworten. Vielmehr kommt eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Radiomedium nicht umhin, eine Vervielfältigung seiner Repräsentationen in Kauf zu nehmen. Mehr noch, gerade aus der Analyse dieser konkurrierenden Radioreferenzen zieht die Arbeit ihr analytisches Potential, um der Legitimation unabhängiger Radios auf die Spur zu kommen.

Als Spurensuche lässt sich auch das sample, also die begründete Auswahl der von mir untersuchten Akteur_innen, beschreiben. Ausgehend von meinen Vorrecherchen habe ich sowohl das vorgenommene mapping der relevanten Literatur, als auch die Feldforschungsaufenthalte in einem ständigen Dialog mit den network builders und Machenden unabhängiger Radios geplant. Als Beobachtender habe ich mich zur Eingrenzung dieser Begegnungen an folgenden Prämissen orientiert: Bei der Unterscheidung spezifischer medialer Skripte und ihrer Autor_innen, war es mir wichtig neben den staatlichen network builders (Gesetze, Kommunikationsministerium, Regulierende) auch alle landesweit operierenden und eine Auswahl regionaler Radioverbände in die Studie einzubeziehen, da gerade sie öffentlich wahrnehmbare Vorstellungen unabhängigen Radiomachens artikulieren.26 Was die Auswahl der im Rahmen einer Einzelfallanalyse besuchten Radiokollektive angeht, habe ich für den ersten Feldforschungsaufenthalt zunächst die beiden Bundesstaaten ausgewählt, in denen die Konzentration kommerzieller Radiomedien am höchsten ist (São Paulo, Rio de Janeiro), in der Annahme, dass dort auch der Kampf um Frequenzen sehr intensiv seien müsse. Als kontrastierende Fälle für den zweiten Aufenthalt im Feld habe ich anschließend, im Austausch mit Akteur_innen, die nordöstlichen Bundesstaaten Ceará und Pernambuco bestimmt, da hier die Konzentration kommerzieller Radiosender relativ niedrig ist. Schließlich habe ich in diesen Bundesstaaten Senderpaare hinsichtlich des Kriteriums ausgewählt, dass diese räumlich bzw. konzeptuell in ähnlichen Situationen operierten.27 Nach dem Besuch von über 30 Sendern intensivierte ich die Beobachtungen und Interviews schließlich in 17 Sendern, die ich für die vergleichende Analyse in vier Kategorien gebündelt habe (vgl. Kap.4).28

Eine solche Betrachtung auf methodischer Ebene durchzuhalten steht jedoch vor der ständigen Herausforderung neben der Auswahl der untersuchten Akteur_innen auch ihre distribuierte ontologische Ordnung der Dinge und die einzelnen empirischen Zugänge der Betrachtung plausibel und transparent zu machen. Erfüllen lässt sich dieser Anspruch im Rahmen der Akteur_innen-Netzwerktheorie (im Folgenden ANT), die dafür sowohl theoretisch als auch methodisch viele Bausteine liefert.29 »Kompatibel« ist zunächst der darin angelegt Anspruch, vorgängigen Prämissen eine radikale Absage zu erteilen, und auf analytischer Ebene nur mit infralinguistischen Begriffen zu arbeiten. Stattdessen schlägt ANT leitmotivisch vor, den Akteur_innen bei der Entfaltung sozialer Beziehungen zu folgen. Angestrebt wird dabei keine umfassende sondern eine perspektivische Ausdeutung gesellschaftlicher Prozesse – wie im vorliegenden Fall eben medialer Legitimation. Dabei kommen ihre analytischen tools auch dem Interesse entgegen, die potentielle Vielfalt medialer Entitäten erfassen zu können, die an ihrer Realisation beteiligt sind. Elemente, die in anderen Studien auf der Ebene von Objekten, Infrastruktur oder Werkzeugen abgelegt werden, erfahren im Rahmen von ANT-Studien eine Aufwertung zu potentiell aktiven, sozialen und politischen Vermittlern_innen.30 Eine Antenne ist beispielsweise in sofern auch eine aktive Akteurin, als dass sie andere Akteur_innen eines radialen Ensembles dazu befähigt etwas zu tun.31 Ihr Rolle ist dabei (trotz gleichbleibender technischer Eigenschaften) im Verhältnis zu weiteren Akteur_innen nie die gleiche, ihre und die Beteiligung weiterer Elemente an einem legitimen Radiomachen nicht allgemein zu beantworten, sondern im Rahmen dichter Beschreibungen zu suchen.32

Solcherlei Beschreibungen werden perspektivisch im Rahmen von Skripten rekonstruiert, das heißt sozialen Handlungsprogrammen und Übersetzungsketten, welche Akteur_innen-Netzwerke dimensionieren. Erkenntnistheoretisch unterscheiden ANT-Studien dabei vier Momente, welche dabei helfen, die vernetzten Akteur_innenkonstruktionen in ihrer Realisierung von einer hypothetischen bis zu einer alltäglichen Stabilisierung zu dokumentieren.33 Die einer solchen Analyse zugrunde liegende Vorstellung sozialer Wirklichkeit lässt sich ebenfalls in vier Phasen ausdrücken und beschreibt einen Prozess, bei dem als Reaktion auf eine spezifische Krise sogenannte network builders34 ein mögliches Akteur_innennetzwerk veranschlagen, das eine möglichst große Anhänger_innenschaft heterogener Entitäten rekrutieren und dauerhaft mobilisieren soll. Sowohl die zu untersuchende soziale Wirklichkeit als auch das Forschungsdesign werden also als Akteurinnen_netzwerke konzipiert, sie fallen jedoch nicht zusammen, um tautologische Schlüsse zu vermeiden. Das Forschungsdesign entwickelt lediglich eine von unzähligen perspektivischen Beschreibungen, es steckt ein Experiment ab, dessen Gelingen anfangs ungewiss bleiben muss. Das folgende, textuell aufgearbeitete Experiment35 ist im Besonderen daran interessiert nachzuweisen, dass es möglich ist, die politische Relevanz unabhängiger Radios perspektivisch entlang ihrer Legitimationen als Medien zu entfalten. Denn ihre radialen Konstruktionen leisten einen spezifischen Betrag zur politischen Ausdeutung des Rechts auf Kommunikation bzw. Meinungsfreiheit.

Im Einzelnen verfolgt meine Forschung dabei drei leitende Ziele. (1) Das erste verknüpft den medienethnographischen Blick auf die unabhängigen Radios Brasiliens mit dem Interesse, ihre politische Bedeutung in der gesellschaftlichen Aushandlung von Medien zu suchen. Die häufig vorgenommene Dokumentation der von »alternativen Medien« transportierten spezifischen Information (z.B. Gegeninformationen) oder daran geknüpfte politische Prämissen beteiligter Akteur_innen (z.B. gegenhegemoniale Medienarbeit) ist dabei nicht unwichtig, jedoch nicht ausreichend, um die oben aufgeworfene Frage beantworten zu können, wie unabhängige Radios andere Akteur_innen befähigen politisch zu handeln bzw. Handlungsräume schaffen.36 Dabei geht es mir auch darum, eine implizite Überaffirmation mit unabhängigen Radios zu vermeiden und widersprüchliche Handlungsprogramme sowie interne Konflikte um Selbstlegitimation bzw. Delegitimation nicht auszublenden sondern analytisch nutzbar zu machen.

(2) Ein zweites Ziel der Arbeit, besteht darin, ein kritisches Korrektiv zur Forschungsperspektive der Medien- und Rundfunkregulierung zu liefern. Denn der Erklärungshorizont universeller und struktureller Regulierungskonzepte beschränkt sich zumeist auf formelle und sichtbare Praktiken. In der Folge werden verschiedene Akteur_innen, wie zum Beispiel staatliche Regulierungsbehörden aber auch Handlungsprogramme wie die Konzessionierung von Radios naturalisiert. Das heißt, innerhalb eines starren analytischen Regulierungsrahmens ist ein abweichendes Medienmachen immer nur bis an jenen Punkt denkbar, der nie die Legitimation der Regulierung selbst betrifft. Darüber hinaus bleiben auch Regeln auf der nicht-formalrechtlichen Ebene, wie beispielsweise die mediale Selbstzensur oder -disziplinierung unbeachtet beziehungsweise werden nicht als Teil gesellschaftlicher Regulierungen thematisiert. Unabhängiges Radiomachen wird aus dieser Perspektive deshalb meist als ein spezifisches Problemfeld staatlicher Rundfunkregulierung wahrgenommen. In der vorliegenden Arbeit wird dagegen ebenso der problematische Anspruch von Staaten, Medien zu ordnen, normieren und regulieren hinterfragt.

(3) Das dritte und mir am wichtigsten erscheinende Ziel ist jedoch einen Beitrag zur aktuellen Debatte in Brasilien zu leisten, die um die gesellschaftliche Anerkennung unterschiedlicher Radioformate kreist. Relevant erscheint mir dabei zum einen, empirisch den Blick auf die vielfältigen radialen Artikulationen zu erweitern und somit auch das eingeübte Opfer-Täter-Schema aufzubrechen innerhalb dessen unabhängige Radios gemeinhin staatlichen und kommerziellen Medien gegenübergestellt werden. Eine kritische Revision der konkurrierenden radialen Legitimationen ist umso dringlicher, als dass per Präsidialdekret im Jahr 2010 eine grundsätzliche Neuordnung der brasilianischen Rahmengesetzgebung für elektronische Medien eingeleitet wurde. Die dabei auch zur Debatte stehende Digitalisierung des Radiospektrums wird den anhaltenden Konflikt der Frequenznutzung nicht entschärfen. Dagegen deutet vieles darauf hin, dass sich die Konstellationen legitimen Radiomachens verschieben, beziehungsweise zugunsten einer demokratischeren Nutzung in Bewegung gebracht werden können. Wichtig ist es, dabei möglichst viele am Radiomachen beteiligten Entitäten in den Blick zu nehmen. Und die in dieser Arbeit für unabhängige Radios vorgenommene Dokumentation zeichnet dabei äußerst aktuelle und dynamische Medienkonfigurationen nach, die für die medienpolitischen Kontroversen Brasiliens und Lateinamerikas von Bedeutung sind. Sicherlich wird die vorliegende Arbeit nicht all die „tausenden Gesichter“ Alices porträtieren können, auf denen bereits praktische Vorschläge in diese Richtung erkennbar sind. Aber sie wird zumindest einige Phantombilder zeichnen, welche dabei helfen, unabhängiges Radiomachen in seinem politischen Werden besser zu verstehen.

 

Aufbau der Arbeit

Die Analyse unabhängiger Radios in ihrer Legitimation als Medien gemeinsam mit den beteiligten Akteur_innen zu entwickeln heißt zunächst, sich auch als Forschender transparent im Forschungsdesign zu positionieren. Diesem Anspruch komme ich nach, in dem ich im folgenden 1. Kapitel einige für die Arbeit verbindliche infralinguistische Konzepte beschreibe. Gemeint sind damit breite, relationale Definitionen von Begriffen, welche es erlauben, die Positionen aller an der Analyse beteiligten Akteur_innen in ein Verhältnis zu setzen. Für die Betrachtung medialer Legitimation ist es dabei zunächst von zentraler Bedeutung im Vorfeld auszuführen, was überhaupt mit Medium und Legitimation gemeint ist. Anschließend erfolgt eine dritte konzeptuelle Auseinandersetzung mit der Regulierung von Medien, welche als analytischer Horizont erweitert werden muss, um nicht den Blick auf bestimmte gesellschaftliche Aushandlungen zu verstellen.

Aufbauend auf dieser infralinguistischen Theoriearbeit beginnt nun im 2. Kapitel die eigentliche empirische Spurensuche. Zunächst ist dabei der Nachweis zu erbringen, dass überhaupt eine Kontroverse stattfindet, die von der Forschungsfrage perspektivisch veranschlagt und anhand der Konzepte weiter dimensioniert wurde. Die erste Annäherung ist deshalb als ein breites Mapping angelegt, d.h. eine Bestandsaufnahme von Akteur_innen innerhalb der vorhandenen Literatur zum brasilianischen Rundfunk. Breit bedeutet hier vor allem, die Vielgestaltigkeit des Mediums herauszuarbeiten und auch jene Skripte und Akteur_innen zu dokumentieren, von denen sich unabhängige Radios abgrenzen.

Geleitet wird dieses Mapping von einigen expliziten Vorschlägen der ANT, transparent Zugänge zum Forschungsgegenstand zu finden. Radio wird dabei zunächst als Narration in den Blick genommen, die Ursprünge, Kategorien und Akteur_innen verbindet. Was macht Radio in Brasilien im Allgemeinen aus und im Besonderen legitim? Anschließend widme ich mich ausführlich jenen radialen Entitäten, die gemeinhin als Technik oder Infrastruktur subsummiert werden. Ihrer Dokumentation folgen zwei Exkurse, welche die historische Verschiebung dieser nichtmenschlichen Akteur_innen als zwei technologische Dramen aufrollen und dabei historisch Radio zunächst als Modernisierungsmaschine und anschließend in seiner politischen Vereinnahmung durch zivile und militärische Regime betrachtet. Beide Beziehungen wirken, wie ich zeigen werde, direkt auf die Frage der Legitimierung zurück. Abschließend erfolgt ein mapping der in der Literatur benannten Regeln und Regulierungen, die Radioskripte, wenn man so will, formell und informell (z.B. extralegale Handlungsprogramme) eingrenzen. Im Fokus steht dabei neben einer Einführung in den aktuellen Regulierungsrahmen und weitere Regelwerke, immer wieder die Legitimation der Regeln selbst.

Zum Ende all dieser Unterkapitel findet sich jeweils ein Theoriebaukasten. In diesen kurzen theoretisch-methodischen Interventionen, resümiere ich die einzelnen Betrachtungen noch einmal explizit im infralinsguistischen Vokabular der ANT. Daran ist das Ziel gekoppelt, sowohl die Begrifflichkeiten und Konzept der Arbeit transparent zu halten, als auch eine zunehmende Systematisierung des Mappings in seiner analytischen Differenz zu erreichen. Besprochen werden dabei im Einzelnen das fraktale Akteur_innennetzwerkmodell, die ontologische Unterscheidung hybrider und kollektiver Akteur_innen, sowie allgemeine und spezielle Handlungsbegriffe der ANT.

Im 3. Kapitel kommen die network builder zu Wort. Das heißt, die im mapping als relevant erscheinenden Akteur_innen bekommen Gelegenheit, ihre Modelle unabhängigen Radiomachens zu entfalten. Entsprechend den Phasen der Akteur_innen-Netzwerk-Bildung (vgl. Endnote 26) werden aus ethnographischen Interviews mit network builders und von ihnen produzierten Texten spezifische Ausdeutungen unabhängigen Radiomachens rekonstruiert. Ausgehend von der Frage, wie diese Akteur_innen ihre radialen Prämissen zur aktuellen Gesetzgebung in Bezug setzen, untersuche ich über die legalistische Debatte hinaus, welche normativen Positionen an die unterschiedlichen medialen Visionen gekoppelt sind (Kap. 3.2 Positionen).

Darauf aufbauend widmet sich das folgende Unterkapitel (Kap. 3.3 Montagen) den spezifischen »Bauplänen«, das heißt den konkreten Entwürfen für die Radiopraxis unter Einbeziehung aller relevanten Entitäten, die als hybrides Akteur_innen-Kollektiv das Senden ermöglichen. Die Einbindung der Akteur_innen werden dabei in ihren spezifischen Konstruktionen als technologische Trajekte analysiert. Das heißt, die unterschiedlichen Möglichkeiten ein Signal zu senden werden genau dokumentiert, anstatt vorschnell von einem einheitlichen Modell des operativen Gebrauchs, im Sinne eines funktionalistischen Zwangs,  auszugehen. Bereits hier betrachte ich neben den unmittelbar an der Signalerzeugung beteiligten Größen auch weiterführende medienpolitische Begründungen, die die Anwesenheit und Partizipation einzelner Größen in ein Legitimationsnarrativ einbindet..

Vertieft wird die Frage nach den gesellschaftlichen und politischen Zielstellungen der unabhängigen Radiomodelle im nächsten Teil des Kapitels (Kap. 3.4 Mediationen). So wie einzelne Bestandteile eines unabhängigen Radios dieses als Medium legitimieren können, lässt sich ebenso in den Blick nehmen, welche spezifischen Vermittlungen ihnen als Ensemble im Verhältnis zu den konkurrierenden kommerziellen, edukativen und staatlichen beziehungsweise öffentlichen Radios zugeschrieben werden. Soll heißen, wie werden die heterogenen Entitäten in ihren spezifischen Bezügen – die oftmals auf äußerst verschiedenen Abstraktionsniveaus daherkommen – in spezifische Narrative sozialer Anerkennungs-würdigkeit übersetzt?

Verbunden mit der Frage nach dem warum ist nun erneut das wie, diesmal jedoch unter dem Blickwinkel der Operationalisierung (Kap. 3.5 Mobilisierung). Herausgearbeitet wird dabei, wie spezifisch die einzelnen Modelle auch anleitend für das Knüpfen und die Pflege der Beziehungen zwischen den einzelnen radialen Entitäten sind, beziehungsweise inwiefern sie diese Aufgabe an die einzelnen Radiokollektive delegieren. Deutlich wird an dieser Stelle bereits, dass dieser Blick die Frage nach der medialen Legitimation nur teilweise beantworten kann, zum einen, da die verschiedenen Modelle in ihren Anleitungen unvollständig sind, zum anderen da sie allein nicht erklären können, wie die Stabilisierung unabhängigen Radiomachens als gesellschaftlich anerkannte Handlungsprogramme stattfindet.

Diese Lücke schließt Kapitel 4, das unabhängige Radiokollektive in vier spezifischen Situationen untersucht. Im Zentrum steht dabei die weitere Übersetzung der besprochenen Modelle in konkrete Handlungsprogramme, die nicht nur »auf dem Papier« überzeugen, sondern sich als ein alltägliches Medienmachen in der Zeit behaupten müssen.37 Die dargelegten Stabilisierungen generieren sich erneut aus dem ethnographischen Material, nehmen allerdings stärker auf die Teilnahme des Forschenden an Sendungen, Plenen, Diskussionen, Besetzungen aber auch Konflikten und Krisen von mehr als 30 unabhängigen Radiosendern Bezug. Dabei habe ich die Erfahrungen unabhängiger Sender, die sich selbst als »Freie« oder »Community Radios« bezeichnen, in vier unterscheidbare Situationen gruppiert, die auch strukturgebend für die einzelnen Unterkapitel sind: Freie Radios auf dem Universitätscampus (4.2), Freie Radios in Kulturzentren und besetzten Fabriken (4.3), Community Radios ohne Genehmigung (4.4) und Community Radios mit Genehmigung (4.5).

Dieser Ordnung unterliegen zwei allgemeine Beobachtungen, die forschungsleitend für das Kapitel sind. Zum einen übertrifft die Zahl Freier Radios auf Universitätsgeländen klar die Zahl solcher Sender an anderen Orten. Demnach scheinen Sender dort ein Akteur_innen-Netzwerk bilden zu können, das ihre Stabilisierung begünstigt – was den Blick auf die Persistenz Freier Radios außerhalb der »Akademien« um so spannender macht, denn gerade sie erbringen den Nachweis, dass überall Freies Radio gemacht werden kann. Bezüglich der Community Radios lässt sich dagegen sagen, dass deren Legitimationsstrategien im Moment der legalen Anerkennung nicht enden, sondern lediglich eine qualitative Verschiebung erfahren. Auf welche Weise dabei auch die Grenze gegenüber nicht-genehmigten Sendern neu gezogen wird, ist für den differenztheoretischen Ansatz der Arbeit besonders relevant, weil hier exemplarisch die oftmals unterstellte Kopplung eines Senders an nur ein unabhängiges Radiomodell implodiert. Denn was meint oder tut ein Freies oder Community Radio im Einzelnen, wenn es sich so nennt und praktisch zu legitimieren sucht?

Analytisch dimensioniere ich diese Frage dreifach. Erstens rekonstruiere ich, inwiefern einzelne Sender Modelle unabhängigen Radiomachens explizit mischen, modifizieren beziehungsweise mit eigenen Vorschlägen selbst eine Rolle als network builder beanspruchen. Zweitens erörtere ich die Mobilisierung von unterstützenden Akteur_innen, die einen legitimatorischen Beitrag für die praktische Stabilisierung leisten und in den Modellen des vorherigen Kapitels keine Erwähnung fanden. Die dritte Dimension schließlich transzendiert alle bisherigen Abstraktionsniveaus und Perspektiven, indem sie die allgemeine Sichtbarkeit und Öffentlichkeit der Legitimationsstrategien der einzelnen Sender problematisiert. In der Rekonstruktion einiger »hidden transcripts«38, d.h. nicht-öffentlicher Aushandlungen medialer Anerkennungswürdigkeit, wird deutlich werden, dass es nicht nur kein universelles Legitimationsnarrativ, sondern ebenso wenig ein allgemeines Publikum für die einzelnen medialen Performanzen gibt. Vielmehr erscheint das präzise, an potentielle Unterstützer_innen gerichtete »story dealing«39 ein wichtiger Bestandteil der Legitimationsstrategien – und nicht immer sind all diese widersprüchlichen Geschichten eben auch öffentlich.

Das 5. Kapitel beschließt die vorliegende Arbeit, indem es die empirischen Befunde mit der aktuellen Debatte um eine Novellierung der brasilianischen Rahmengesetzgebung im Medienbereich konfrontiert. Diese Art der Konklusion zielt dabei nicht nur darauf ab, Anregungen für künftige legale Modelle und Praktiken nicht ausschließlich auf »legale Erfahrungen« zu beschränken. Denn deutlich wird hier auch die praktische Relevanz der vorgenommenen Revision und Neuordnung der medialen Legitimationsdebatte. Die zueinander in Beziehung gesetzten Größen eines spezifischen radialen Legitimationskonzepts (Medium, Radiomachen, Spektrum, Gemeinwohl, Gemeinschaft) erhellen sich nach der geleisteten Analyse in ihrer Bedeutung nicht nur gegenseitig besser. Sie tragen auch dazu bei, die Anerkennungswürdigkeit konkurrierender Radiomodelle und -praktiken, emergenter Legitimationshelfer_innen und nicht »rein« menschlicher Akteur_innen für eine medienpolitische Debatte verfügbar zu machen.

Letztendlich wird damit – wie auf den folgen 400 Seiten sichtbar werden wird – die von den unabhängigen Radios in in Zirkulation versetzte Referenz »Radio« um eine Umlaufbahn bereichert, potentiell für eine erneute gesellschaftliche Aushandlung des Mediums abrufbar, und legt dabei eventuelle sogar eine Spur zurück/voraus zu einer »alten Bekannten«. »Freies Radio«?, »Community Radio«?, wie heißt Alice diesmal..?

1. Zu den Konzepten – oder: die Herausforderung einer infralinguistischen Bestimmung des Medienmachens

»Crear conceptos, al menos, es hacer algo«1

Bevor man über etwas streitet, ist es von großem Vorteil, wenn zwischen allen Beteiligten ein minimaler Konsens darüber besteht, worüber gestritten wird. Ein solcher vorheriger Abgleich unterschiedlicher Ansichten, Definitionen und Konzepte findet im Alltag, aber auch in der Wissenschaft, viel zu selten statt. Eine Analyse sollte sich diesem Umstand deshalb reflexiv stellen. Ansonsten könnte sie schnell der Gefahr erliegen, direkt anhand des Gesagten und Getanen erklären zu wollen:

»whether there are five or three apples in the basket when in reality negotiations are trying to ascertain what is meant by ›basket‹ and ›‹apple‹, who is responsible for putting ›apples‹ into the ›basket‹, and how the outlays should actually be accounted for.«2

Um nicht nach 100 Seiten erneut grundsätzlich die Frage nach »Medien« und »Legitimationen« aufwerfen zu müssen, möchte ich eingangs einen Metacode formulieren, der dabei helfen wird, die unterschiedlichen Akteur_innenpositionen perspektivisch in Beziehung zu setzen. Benötigt werden dafür keine starre Definitionen die »absolute Objektivität«2 beanspruchen, sondern eher »an infra-physical« language for mapping out the traces of networks through an anthropology of the figures that set them going and keep them at work.«3 Konzepte, die auf einer solchen infralinguistischen Ebene angesiedelt sind, verbinden dabei die den Blick des Forschenden kennzeichnenden Prämissen mit den Positionen weiterer Akteur_innen. Sie sind, anders gesagt, die trading zone4 in der die Beobachtertheorie und die während der Feldforschung dokumentierten Ethnotheorien aufeinander treffen.5 Da letztere bei der Aushandlung des Radiomachens immer wieder auf die Begriffe Medium, Legitimation und Regulierung rekurrieren, werden in diesem Kapitel offene Konzepte entwickelt, die insofern doch »objektiv« sind, als sie den Anspruch haben, alles Gesagte und Getane gleichberechtigt sichtbar zu machen und ohne vorherige kategorische Ordnungen aufeinander prallen zu lassen.

 

1.1. Medium, Mediation, Radio

»Radio is an authoritarian form of communication. […]
All reform talk is a little bit like moving the deck chairs on the Titanic.
«
Robert Horvitz

»Das Radio ist […] das demokratischste aller Kommunikationsmedien.«
Claudia Buono

»[The futurists sang] the praises of the radio as the medium of universal love and sympathy among men. […]
But the ambiguity was already there at the beginning.
«
Franco Bifo Berardi6

Radio war und ist eine Projektionsfläche, auf welcher nicht nur gesellschaftliche Erwartungen eingeschrieben, sondern zugleich auch Aussagen über dessen mediale Bestandteile und Relationen versammelt werden. Mal wird Radio als technisch vermittelte Kommunikation zwischen Sender_in(nen) und Hörer_innen beschrieben, mal werden von seiner auditiven Qualität bestimmte Wirkungen (love, sympathy) abgeleitet. Mal erscheint Radio als untergehendes autoritäres Dampfboot, mal als Flaggschiff im Dienste der Demokratisierung. Nicht nur in den Medienwissenschaften, sondern auch in weiteren sozialwissenschaftlichen Disziplinen drohe das Medium jedoch, »gerade aufgrund seiner Popularität und der damit verbundenen, geradezu inflationären Verwendung semantisch entgrenzt, jede theoretische Schärfe zu verlieren.«7

In sozialwissenschaftlicher Perspektive wird dieser potentiellen Beliebigkeit oft mit Strategien begegnet, welche Medien deskriptiv beispielsweise als neu, taktisch, alternativ, souverän, radikal oder autonom bezeichnen.8 Dabei ist nicht immer gewährleistet, dass eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Medienbegriff über beschreibende Attribute hinaus erfolgt. Findet Theoriearbeit statt, wird schnell deutlich was für komplexe Prämissen mitunter mitschwingen, wenn von Medien die Sprache ist: »Wenn wir von Medien sprechen, meinen wir damit die Kulturindustrie, das heißt, Radio- und Fernsehsender (offenes oder Pay-TV), Zeitungen, Zeitschriften und Kino, allesamt Träger der so genannten Massenkommunikation.«9

Damit hat eine theoretische – und oft auch normative – (Be)Setzung des Medienbegriffs stattgefunden. Solche Strategien sind begründbar, müssen sich jedoch die Frage gefallen lassen, ob sie Medien nicht als bloße »empty signifiers«10 benutzen, die als formbare Restgrößen weiteren Theoretisierungen angepasst werden. Die vorliegende Arbeit bricht mit dieser Gewohnheit und sucht nach einem anderen Zugang. Der Frage nach der medialen Legitimation unabhängiger Radios wird die Frage nach dem Medium vorangestellt. Entsprechend dem Forschungsinteresse entfalten sich die Antworten dabei in vier wesentlichen Prämissen. (1) Zunächst einmal ist es notwendig das Verhältnis von Medien zu weiteren gesellschaftlichen Prozessen zu klären. Wenn Medien in ihrer »ursprünglichen« Bedeutung eines »Dazwischens« in der aristotelischen Wahrnehmungslehre11, eine Ungewissheit zwischen Sinnesorganen und natürlichen Elementen ausfüllten, so lässt sich diese perzeptive Mittlerrolle auch in sozialer Hinsicht als viel versprechender Ausgangspunkt aufgreifen. Anstatt Medien außerhalb des Sozialen zu verorten, legt eine solche Sichtweise nahe, dass sie »auch Agenturen der Gesellschaft [sind], mit denen sich die Gesellschaft als Gesellschaft selbst erhält [...]«.12

Medien als soziale Agenturen aufzufassen, heißt, sie weder als neutrale noch universelle Intermediäre zu sehen. Auch wenn Radio sich als universelles Medium konzipieren lässt, so zerfällt es bei näherer Betrachtung in konkurrierende Kompositionen, die Gesellschaft auf unterschiedliche Art und Weise verbinden. Die empirisch noch weiter zu füllende Kategorie »unabhängiger Radios« deutet exemplarisch eine solche spezifische Interpretation des Radiomediums an. Das Radio ist nicht einfach ein Medium, sondern es existiert anteilig als »unabhängiges« Ensemble. Medien wird somit eine »sinnbildende Potenz«13 zuerkannt. Deshalb lassen sie sich auch schwerlich auf eine funktionelle Ausdeutung als »Werkzeuge und Repräsentationsinstanzen« reduzieren oder – wie in vielen medienanthropologischen Ausdeutungen der Fall – als eine rein »technische Verlängerung der menschlichen Wahrnehmungsorgane«14 beschreiben. Denn als Institutionen, Instrumente oder Prothesen verstanden, verlieren Medien ihren Status als aktive und eigensinnige Vermittler_innen. Radio würde dann nur noch als mehr oder minder formalisiertes Mittel zum Versenden von Nachrichten beziehungsweise als technischer Verstärker des menschlichen Gehörsinns erscheinen. Beide Zugänge sind in ihrer zweckrationalen bzw. anthropomorphen Setzung jedoch wenig kompatibel mit dem Fokus der vorliegenden Arbeit. Denn das Erkenntnisinteresse, die Legitimation von Medien zu analysieren, besteht ja gerade in einer differenzierten Analyse der heterogenen Aushandlungen und Ausdeutungen des medialen »Dazwischens«. Dieses deduktiv zu stark einzugrenzen oder gar zu negieren stört nur.15

(2) Nach dieser ersten negativen Annäherung, klärt die weitere konzeptuelle Eingrenzung nun die Frage, wie sich Radio gegenüber diesem allgemeinen Medienbegriff als spezifisches Medium fassen lässt. Seine vielfältigen Kategorisierungen als tertiäres, auditives, elektronisches, etc. Medium erlauben es zunächst, Radio aus unterschiedlichen Blickwinkeln als ein Einzelmedium einzugrenzen.16 Es lässt sich sowohl in Relation zu anderen (Einzel)Medien beschreiben, als auch im Rahmen spezifischer Mediationen, also den von Radio geleisteten heterogenen Vermittlungen. Bevor ich auf das Konzept der Mediation näher eingehe, möchte ich jedoch noch kurz meinen dafür verwendeten Blickwinkel transparent machen. Denn ebenso wenig wie ein universelles Medium existiert eine empirische Beobachtungsinstanz.

Ein post-universelles Radiokonzept vervielfältigt seine möglichen Mediationen, potentiell bis ins Unendliche. Weiterhin daran festzuhalten, Radio ganzheitlich beschreiben zu wollen, wird zum Problem, da diese Perspektive eher einem «klassisch maskuline[n] Panoramablick-Fantasma« als einem operationalisierbaren Forschungszugang entspricht.17 Einen pragmatischen Ausweg aus diesem Dilemma bietet die im Oligóptico-Konzept angelegte analytische »Kurzsichtigkeit«, die die Forschenden dazu verpflichtet, konsequent den Spuren der Akteur_innen zu folgen »[tomando] en cuenta las maneras prácticas a través de las cuales se produce diariamente el conocimiento de las acciones de otros.«18

Eine spannende Spur ist beispielsweise das anfänglich beschrieben Interesse unabhängiger Radiomacher_innen, das Recht auf Meinungsfreiheit und Kommunikation zu realisieren. Diesen angestrebten Mediationen liegt potentiell ein spezifisches Verständnis des Mediums seitens der beteiligten Akteur_innen zugrunde. Eine solche Auffassung umfasst auch Vorstellungen darüber, im Rahmen welcher Operationen diese Vermittlungen im Einzelnen erfolgen sollen – denn es geht ja um ein Medienmachen. In der empirischer Dokumentation dieser Prozesse gewinnt auch Radio in seinen unterschiedlichen Formen und Formaten konzeptuell an Kontur. Radiomedien sind damit Spur und Bote zugleich.19 »Medien bestimmen unsere Lage [...]«20, jedoch nicht in Form eines »technisch-medialen Apriori«21 sondern eher am Erkenntnishorizont ihrer gesellschaftlichen Mediation.

(3) Radio als Mediation zu konzeptualisieren bleibt esoterisch22, solang der Mediationsbegriff nicht weiter expliziert wird. Ganz allgemein meint dieser zunächst einen kommunikativen »meeting point of [...] conflicting and integrating forces [...]23 Anstatt nun a priori die für die Analyse relevanten Akteur_innen und Bestandteile dieser Mediationen zu definieren, wende ich im Rahmen dieser Arbeit ein umgekehrtes Verfahren an. Mediation wird als empirisch nachzuweisendes »Qualitätskriterium« genutzt, um zwischen einem relevanten Medienmachen und irrelevanten »Papiermaschinen«24 zu unterscheiden, das heißt vorgeblichen Mediationen, welche jedoch nicht realisiert werden. Nun lässt sich einwenden, dass auch eine Radiotheorie aktiv gesellschaftliche Konflikte vermitteln kann.25 Ein Medienmachen, im Sinne von Mediationen, die nicht nur eine Vorstellung von Radio austauschen, sondern auch auch radiale Praktiken beinhalten (die »Vorstellungen« vermitteln) ist damit jedoch nur teilweise berührt. Als zusätzliches fundamentales Kriterium einer radialen Mediation schlage ich deshalb die Erzeugung und Diffusion eines Signals im elektromagnetischen Spektrum vor, welches als eine Realisation von Radio beschrieben wird.

Die explizite Kopplung von Radiomachen an Übertragungen vermittels elektromagnetischer Wellen ist nicht als konservative Eingrenzung radialer Mediationen zu verstehen, die sich kategorisch von Webradio oder den in Lateinamerika verbreiteten radio vocinas oder rádio postes – im öffentlichen Raum installierten Lautsprechersystemen – zu unterscheiden sucht. Vielmehr nehme ich damit auf die in Brasilien artikulierte Forderung einer »Agrarreform in der Luft« Bezug, welche unabhängiges Radiomachen seit den 1980er Jahren explizit als spezifische Nutzung des Spektrums veranschlagt. »Unabhängig« bezieht sich deshalb hier auf ein ganz spezifisches Dazwischen, das heißt eine nicht einfach austauschbare Konstellation an der Mediation beteiligter Entitäten. Und dazu gehören eben auch Radiofrequenzen und -signale.26

Inwiefern streben solcherlei unabhängige Radiomediationen jedoch auch eine gesellschaftliche Legitimation an? Diese Frage ist nach allem bisher gesagten nicht länger pauschal zu beantworten, sondern verlangt nach einer differenzierten, empirischen Untersuchung (und der noch folgenden Konzeptualisierung von Legitimation). Unabdingbar ist es dabei, feste Kategorisierung von Beginn an zu vermeiden beziehungsweise einer Revision zu unterziehen. Einen guten Ausgangspunkt dafür – und ein treffliches Beispiel zugleich – bildet die häufig getroffene Unterscheidung eines organisierten unabhängigen Mediums, »[que] procura expandir suas idéias e objetivos, conseguir legitimidade e reconhecimento público« gegenüber einem radikalen unabhängigen Medium welches aufgrund seines prophetischen Selbstbilds – »como representante da verdade« – einer Legitimation erhaben ist. Die dichotome Unterteilung verliert ihre Erklärungskraft, sobald unabhängige Radios als Mediationen aufgefasst werden. Es wird deutlich: der angestrebte Perspektivenwechsel, der von universellen Medienkonzepten zur empirischen Spurensuche nach Mediationen führt, betrifft auch die unabhängigen Radios gemeinhin zugeschriebenen Eigenschaften und Intentionen.27 Und dieser kategorieleere Raum verlangt nach dichten Beschreibungen.

(4) Der wiederholte Hinweis, dass eine weitere empirische Dimensionierung des infra-linguistischen Mediations-Konzepts notwendig sei, führt direkt zur letzten hier dargelegten Prämisse, die meinen Blick auf das Medienmachen leitet  – nämlich den damit verbundenen ethnographischen Anspruch der Arbeit.28 Medienethnographische Studien stellen für die vorliegende Analyse einen wichtigen Anhaltspunkt dar, da sie sich der bisher kritisierten begrifflich-konzeptionellen Ambivalenz des Mediums auf reflexive Art und Weise nähern. Sie suchen im Rahmen einzelner Forschungsansätze – wie zum Beispiel Aneignungsstudien, Rezeptionsstudien und Studien der Medienproduktion – nach neuen perspektivischen Zugängen. Dabei werden die Auseinandersetzungen menschlicher Subjekte mit weiteren Elementen medialer Prozesse in vielfältigen Figurationen beschrieben, sei es beim alltäglichen Kampf um die Fernbedienung, als Fan-Filmemacher_innen oder bei der aktiven Rezeption und Umdeutung von Populärkultur im Süden.29 Dennoch erscheint es mir notwendig, den analytischen Fokus der Medienethnographie in drei Punkten zu erweitern.

Eine erste kritische Modifikation betrifft die Tendenz vieler Arbeiten, die materiellen Bestandteile von Mediationen generell als Objekte zu subsumieren. Selten erfahren diese soviel analytische Aufmerksamkeit wie die ihnen gegenübergestellten aktiven Handlungsträger. Dinge, Zeichen, Formen, Inhalte – alle nicht als Subjekte beschreibbaren Entitäten bleiben als abrufbare Ressource auf der Objektebene liegen.30 Ihnen wird pauschal attestiert, sich allein durch die Bewegungen ihrer Nutzer_innen zu differenzieren. Wenn medienethnographische Arbeiten sich jedoch als Korrektiv von »Studien der Makroprozesse« verstehen und »Theorien über […] Medien durch ihre empirische Fragestellung heraus[fordern wollen]«31, dann sollten sie auch in der Lage sein, die stummen Objekte analytisch »zum Sprechen zu bringen«, d.h. sie als aktive Mediator_innen des Sozialen ernstnehmen. In einer Ausdehnung des Akteur_innenbegriffs auf alle an Mediationen beteiligten Entitäten, verstanden als aktive Größen, die einander relational ein Handlungspotential verleihen, kommt die vorliegende Arbeit diesem Anspruch nach.32

Darüber hinaus sollte sich die ethnographische Auflösung der Makroebene nicht nur auf den Medienbegriff richten, sondern auch auf weitere daran gekoppelte Konzepte mit universellem Erklärungsanspruch. Die Debatte um mediale Hegemonie und entsprechende gegenhegemoniale Projekte veranschaulicht exemplarisch die Relevanz eines solchen Vorgehens.33 Denn das Narrativ medialer Hegemonie zieht implizit allein die sichtbare Konformität oder Widerständigkeit eines Radios heran, um dessen hegemoniale Rolle zu bestimmen. Diese Selektion ist empirisch jedoch problematisch und gerät schnell zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Ein unabhängiges Radio das im Rahmen nationaler Gesetze um formelle Anerkennung kämpft, lässt sich nicht einfach als fehlgeleitete Affirmation des status quo interpretieren, den es ja eigentlich zu überwinden gilt. Vielmehr ist es erforderlich die damit verbundenen sichtbaren und weniger sichtbaren Interessen der Medienmachenden zu rekonstruieren, ihre Mediationen nicht pauschal als Konsens oder Resignation abzuschreiben, sondern offener, als ein strategisches Handlungspotential genau zu untersuchen.34

Ein letzter Kritikpunkt betrifft die implizite Gleichsetzung unabhängiger Medien mit universellen Zielstellungen, wie – um beim Beispiel zu bleiben – gegenhegemonialen Projekten.35 Dabei stellt sich zunächst die empirische Frage, ob unabhängige Radios in ihren Selbstdarstellungen tatsächlich auf dieses Konzept zurückgreifen. Tun sie diese nicht, würde das Festhalten an diesem allgemeinen analytischen Fokus seitens der Forschenden zur Folge haben »by definition, claim some superior knowledge of what social reality is, it must be, in this sense, a theory of false consciousness«. Um konzeptuell weder bei der Frage nach Hegemonie noch dem zentralen Forschungsinteresse medialer Legitimation den Akteur_innen Bewusstseinsdefizite zuzuschreiben, folge ich dem Vorschlag, die Dimensionierung des Sozialen möglichst »flach« zu halten und stets die Reichweite der Beobachter_innentheorie zu reflektieren.36

Diesen vier Prämissen folgend, formt sich ein Mediationskonzept welches darauf ausgerichtet ist, Radios in ihrem »operativen Gebrauch«37 zu analysieren und dabei unter Verwendung der Ethnotheorien beteiligter Akteur_innen weiter zu dimensionieren. Damit ist ein post-universelles Radio-Konzept veranschlagt, welches dessen gesellschaftliche Mittler_innenrolle fokussiert und – da es nicht ablösbar vom Prozess der Vermittlung ist – seine epistemologische Eingrenzung als Werkzeug in Händen sozialer Subjekte ablehnt.38 Vielmehr wird als Ausgangspunkt der Untersuchung ein mapping aller dokumentierbaren medialen Entitäten gewählt, dessen kategorische Ordnung sich zwischen Beobachter_innen- und Ethnotheorien entfaltet. Die politische Relevanz einer solchen konzeptuellen Annäherung an Medien – die auf den ersten Blick umständlich erscheinen mag – liegt gerade darin Medien nicht a priori eine spezifische politische Rolle zuzuschreiben, sondern entlang ihrer Konfigurationen auch ihr gesellschaftliches Potential zu erkunden, denn: »[c]uando se completa la tarea de explorar la multiplicidad de factores activos, se puede plantear otra pregunta: ¡qué son los ensamblados que resultan de ese ensamblar?«39

 

1.2. Legitimation als tanzbare politische Melodie

Ist die Frage der Mediationen annähernd erklärt, drängt sich ein weiteres Fragezeichen ins Blickfeld: Warum die Untersuchung der medialen Konfigurationen unabhängiger Radios in Brasilien gerade an deren Legitimation aufmachen? Schwingt doch im Konzept der Legitimität seit dem Wiener Kongress von 1814 ein konservativer Unterton mit, der vor allem darauf abzielt, einen Herrschaftsanspruch zu rechtfertigen.40 Worin liegt das emanzipatorische Potential eines Begriffs, den Max Weber exklusiv in staatliche Hände legt, als »ein auf das Mittel der legitimen (das heißt: als legitim angesehenen) Enthaltsamkeit gestütztes Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen«?41

Eine erste Antwort findet sich, wie bereits eingangs erwähnt, in den Positionen vieler unabhängiger Radioakteur_innen Brasiliens. Ohne am Anfang der Untersuchung den theoretischen Fokus vollständig elaboriert zu haben, fiel während der ethnographischen Interviews42 schnell auf, wie häufig Radiomachen auf unterschiedliche Weise als legitim beschrieben wird. So ist in den geführten Interviews immer wieder die Rede davon, dass unabhängige Radios den Staat nicht als legitimen Eigentümer des Spektrums anerkennen oder, dass sie, um als Bewegung zu agieren nicht auf eine Legitimierung durch den Staat angewiesen sind. Oft wird der Kampf um eine rechtliche Anerkennung auch als Teil ihrer gesellschaftlichen Legitimierung beschrieben, oder aber eine spontane Besetzung von Radiowellen als legitim verteidigt, solange ein unbegründetes Übergewicht evangelikaler und kommerzieller Radiosender bestehe.43 Augenfällig ist, dass die Nutzung des Legitimationsbegriffs sich hier nicht nur auf einen staatlichen Herrschaftsanspruch bezieht, sondern auch die Anerkennungswürdigkeit der Radios betrifft. Demnach scheint ein begriffliche Aneignung, Verundeutlichung beziehungsweise Umdeutung stattzufinden.

Ziel der Arbeit ist es, diese Aneignung auf konzeptueller Ebene fortzusetzen, aber nicht entkoppelt von den Theorien der Akteur_innen, sondern erneut im Rahmen einer relationalen Begriffsbildung auf infralinguistischer Ebene. Dabei stellen sich zwei wesentliche Herausforderungen. Zum einen gilt es, die Vieldeutigkeit des kursierenden Legitimationsbegriffs zu bändigen. Zum anderen geht es darum, das Konzept auf plausible Weise aus dem herrschaftsaffinen »Bannkreis von Max Weber« zu befreien ohne dabei – und hier tut sich eine überraschende Analogie zur Mediendebatte auf – zu einer »inflationäre[n] Verwendung« des Begriffs beizutragen.44  Um dies (erneut) zu vermeiden, werde ich im Folgenden vier besonders strittige Punkte betrachten, nämlich wer oder was sich legitimieren kann (1), worauf sich das Prädikat legitim bezieht (2), welche Alternativen sich zu einer typologischen Begriffsbildung finden lassen (3) und schließlich, wie sich die Reichweite eines empirisch angelegten Legitimationskonzepts bestimmen lässt (4).

(1) Legitimität betrifft per Definition zumeist die Anerkennungswürdigkeit eines abstrakten Herrschaftsverständnis oder einer politischen Ordnung. Bereits innerhalb dieses engen Fokus deutet sich jedoch ein Konflikt an: fällt legitime Macht einfach mit politischer Herrschaft zusammen oder betrifft sie vielmehr »die sozialintegrative Wahrung einer normativ bestimmten Identität der Gesellschaft?«45 Anstatt sich in diese Debatte einzuschreiben und ihren Fokus als verbindlich zu betrachten, lässt sich ketzerisch fragen, womit begründet wird, dass nur Herrschaft bzw. politische Ordnungen Legitimität haben, brauchen oder verlieren können?46 Inwiefern ist das Argument, weiterführende Umdeutungen und ein erweitertes Anwendungsfeld würden das Konzept schwächen oder gar sinnentleeren, zutreffend?47

Die Begriffsgeschichte legt nahe, dass die exklusive Nutzung des Legitimationsbegriffs weniger ein analytisches sondern vielmehr ein politisch-strategisches Interesse beschreibt. Denn die sprachliche Verwendung des Adjektivs légitime beginnt, bevor es Charles-Maurice de Talleyrand, Max Weber, Carl Schmidt oder auch Jürgen Habermas in substantivierter Form signieren.47 In seiner vorherigen Verwendung bezog sich der Terminus auf »das Handeln […], das am summum bonum orientiert war.«48 Ein solches legitimes Handeln erfuhr seine konzeptuelle Eingrenzung in der spezifischen Orientierung am Gemeinwohl und nicht darin, dass es von bestimmten Herrscher_innen, Formen von Herrschaft oder staatlichen Institutionen getragen wurde. Diese politische Aneignung des Konzepts scheint explizit erst während des Wiener Kongress stattgefunden zu haben. Talleyrands Verteidigung eines dynastischen Prinzips steht seitdem auch Pate für alle demokratischen herrschafts- und staatsrechtlichen Legitimationsprinzipien.49

Der so eingeschränkte konzeptuelle Geltungsbereich erzeugt einen asymmetrischen Effekt, der allen darauf aufbauenden Analysen anhaftet. Nicht »the focus on legitimacy leads to misleading assessments of the direction of causality«50 sondern seine einseitige Anwendung. Legitimiert wird per Definition unveränderlich immer der oder dasselbe (Herrscher_innen, politische Ordnung, etc.) und das bei einer festen Rollenverteilung, von beispielsweise Herrschenden und Beherrschten, Gewählten und Wählenden oder, im Fall von Radios beispielsweise, Sendenden und Empfangenden.51 Die jeweilig Letztgenannten der drei Paarungen besitzen damit lediglich die Möglichkeit ihre Anerkennung zu verweigern (Ungehorsam, Stimmenthaltung, Abschalten, etc.), werden theoretisch jedoch nie in die Lage versetzt, ihr eigenes Handeln legitimieren zu können. Ein Forschungsvorhaben welches diesen „nicht-denkbaren“ Moment unreflektiert als analytischen Kompromiss in Kauf nimmt, bringt die Gefahr mit sich, noch vor einer empirischen Analyse anteilig ein vermutetes Machtgefälle mitzuproduzieren, »giving aid to the winner and giving the losers the vae victis«.52 Aus diesem Grund postuliere ich als ein erstes Kriterium des hier verwendeten Legitimationskonzepts dessen symmetrischen Charakter, das heißt: Es steht unterschiedslos allen Akteur_innen zur Verfügung. Als Bezugsgröße dient nicht länger ausschließlich die politische Ordnung (oder gar Herrschaft) sondern politisches Handeln.

(2) Einem solchen handlungsorientierten Verständnis steht jedoch die konzeptuelle Ausdeutung von légitime als einem Zustand, also als Legitimität im Weg. In der Substantivierung sind zwei analytische Probleme angelegt. Zum einen werden auf der Seite der Legitimierten zwar unterscheidbare Charakteristiken eines Seins beschreibbar (wie z.B. Webers klassische Herrschaftsformen), spezifische Handlungen die über eine normative Beschreibung dieses Ist-Zustands hinausgehen, bleiben jedoch unbeachtet. Zum anderen drückt sich auch das Gemeinwohl lediglich als abstrakter Fixpunkt der Legitimität aus, wenn zum Beispiel vom »Glück des Volkes« die Rede ist.53 Bewegung herrscht unter solchen analytischen Prämissen nur, wenn auf der Seite der Beobachterebene die Schubladen auf- und zugezogen werden. Deshalb schlage ich vor, statt nach Legitimität im Allgemeinen nach spezifischen Legitimationen im Sinne eines politischen, strategischen Handels zu fragen.54

Ein solches können auch die spezifische Mediationen unabhängiger Radios artikulieren. Damit betrifft Legitimation nicht länger ein abstraktes »judgement about the right to rule«55, sondern die empirische Frage, inwiefern Radios eine Legitimation anstreben und realisieren. Gemeint ist eben nicht ein Legitimationsprozess im Sinne von Habermas, der trotz seines kritischen Anspruchs vor allem auf die normativ formalisierte Anerkennungswürdigkeit politischer Ordnungen ausgerichtet bleibt.56 Vielmehr werden die gesellschaftlichen Aushandlungen in den Blick genommen, welche sich in Normen und Regeln ausdrücken, diese auf unterschiedliche Weise zueinander in Beziehung setzen oder auch transformieren. Legitimation betrifft dabei im vorliegenden Fall die Aushandlung von Radiomachen im Sinne eines – wenn man so will – radialen Gemeinwohls.

(3) Die besondere Herausforderung einer solchen konzeptuellen Annäherung liegt nun gerade darin, an dieser Stelle nicht darauf zu verfallen, feste Typologien einzuführen, die weder das summum bonum noch ein darauf ausgerichtetes Radiomachen kategorisch ordnen. Deshalb schlage ich für die Analyse ein relationales Konzept vor, an dessen Konstruktion diverse Akteur_innen beteiligt sind. Ein Stück weit beantwortet ist dabei schon, worauf sich diese Arbeitsdefinition von Legitimation beziehen soll, nämlich auf die Mediationen unabhängiger Radios in Brasilien. Damit ist jedoch noch nicht gesagt, warum gerade in diesem Fall die Legitimation eine so exponierte Rolle spielt. Niemand diskutiert beispielsweise die Legitimation eines Fanzines. Eine Antwort findet sich im wiederholten Insistieren brasilianischer Radiomacher_innen darauf, dass elektromagnetische Spektrum zu besetzen oder zumindest anteilig zu nutzen. Denn den Anspruch darauf, zu regulieren, wer im Spektrum ein Signal erzeugen darf, beanspruchen bis heute fast überall auf der Welt Nationalstaaten – und das seit mehr als 100 Jahren.57 Diese Regulierung als eine natürliche und nicht eine gemachte Charakteristik von Radio zu verteidigen, ist in den vergangenen Jahren immer stärker in Erklärungsnot geraten.58 Das Spektrum als eine geteilte Ressource ist anders ausgedrückt die herausragende Entität bei der konkurrierenden Legitimierung radialer Mediationen.59

Die konkurrierenden Mediationen von Radio sind potentiell jedoch nicht nur in dem von ihnen beschriebenen Handeln gegenüber einem spezifischen Gemeinwohl unterscheidbar. Denn auch was mit diesem summum bonum im einzelnen gemeint ist und wer dessen Nutznießer_innen sind, muss im Rahmen eines relationalen Legitimationsbegriffs als empirische zu bearbeitende Dimensionen angelegt sein. Unter Rückgriff auf einige geläufige Radiomediationen ließe sich beispielsweise fragen, was Kommerz- Bildungs-, Freie und Community Radios zum Wohl welcher gesellschaftlichen Gruppen beitragen. Ich vermute, dass sich Radios auch in der Beschreibung solcher kollektiver Gruppen definieren und potentiell auch legitimieren. Denn wenn unabhängige Radios, wie weiter oben zitiert, sich nicht allein (oder gar nicht) dem Segen eines staatlichen Regulierers verpflichtet fühlen (der für alle gesellschaftlichen Gruppen zugleich das radiale Gemeinwohl absteckt), dann müssen andere Akteur_innen mobilisiert werden.

Solchen heterogenen Akteur_innen empirisch nachzustellen, verlangt danach, noch zwei weitere Konsequenzen zu beachten. Eine erste betrifft die klassische Rolle so genannter Träger- oder Helfer_innen von Legitimität.60 Vorgestellt sind diese theoretisch meist als zentrale institutionelle oder persönliche Akteur_innen, z.B. Regierungen, Staaten, Herrschende. Diese Sichtweise impliziert jedoch im Rahmen einer um Symmetrie bemühten Analyse eine nur schwer zu rechtfertigende Auswahl. Deshalb schlage ich vor, mediale Legitimationen in ihrer Verteilung auf einzelne Akteur_innen zu analysieren und auf diese Weise Aussagen zu ihren einzelnen Rollen zu treffen. Inwiefern legitimiert beispielsweise eine gesetzliche Genehmigung ein unabhängiges Radio? Die Rolle der Legitimationshelferin Genehmigung wird dabei aus zwei Richtungen in den Blick genommen, einmal, um sagen zu können welche spezifische Legitimation von ihr unterstützt wird, zum anderen, um ihre eigene Anerkennungswürdigkeit gegenüber sich als legitim beschreibender Mediation zu untersuchen.61

Zugegeben, damit scheint sich der Fokus des Legitimationskonzepts unkontrolliert zu erweitern  – alles und alle erlangen eine empirische Bedeutung. Einschränkend möchte ich deshalb eine wichtige Prämisse aufgreifen, die sowohl auf theoretischer als auch auf empirischer Ebene zutrifft: »Legitimität ist immer nur auf Forderung erbracht worden [...]«  – und sie ist verlierbar.62 Zu Beginn einer Analyse steht somit die Beschreibung einer spezifischen Legitimationskrise, die in ihrer Explikation eine spezifische Forderung nach Legitimation erst erfahrbar und nachvollziehbar macht. Die Frage, wer unter welchen Umständen eine solche Forderung formulieren kann, ist umstritten. Oftmals werden jedoch »adäquate Machtressourcen«63 als ein Kriterium genannt, die darüber entscheiden, ob eine solche Forderung auch Gehör findet und einen Nachweis gesellschaftlicher Anerkennungswürdigkeit provozieren kann. Zu bestimmen, was als adäquate Machtressource in Betracht kommt, ist in der vorliegenden Arbeit erneut als Teil der empirischen Untersuchung angelegt.

(4) Um einen solchen empirisch-ethnographischen Zugang gegen universelle Definitionen politischer Legitimität zu verteidigen, möchte ich diesen abschließend analytisch genauer definieren. Die bisherige Konzeptualisierung hat Legitimation als zirkulären Prozess zwischen unterschiedlichen Akteur_innen definiert, der spezifische gesellschaftliche Aushandlungen beschreibt.64 Damit wird er einer Kritik an rein deduktiven Theorien gerecht, ist zugleich aber auch daran interessiert, den normativ-diskursiven Fokus vieler Untersuchungen zu erweitern. Nicht die Annäherung an eine ideale Sprechsituation bildet die Grundlage der Analyse, sondern ein Mapping der vielfältigen Aushandlungen.65 Damit sollen vor allem strategisches Handeln und nicht-diskursive Momente von Legitimierung sichtbar gemacht werden.66

Zwei Prämissen, scheinen für dieses Vorhaben besonders vielversprechend. Zunächst möchte ich den Vorschlag aufgreifen, die Legitimation von Medien im Sinne eines Konstruieren und Erhalten von Medien67 zu betrachten. Damit werden Mediationen explizit in ihrem operativem Gebrauch und unter Betrachtung all ihrer Entitäten anvisiert. Was deren erschöpfende Analyse betrifft, folge ich des Weiteren dem Hinweis die öffentlichen und sichtbaren Anteile medialer Legitimationen nicht als deren Gesamtheit misszuverstehen. Auch wenn nicht ihre erschöpfende Analyse zur Debatte steht (vgl. das Oligóptico-Konzept in Kapitel 1.1) so doch zumindest der Versuch relevante »silent actors« oder »hidden transcripts« sichtbar zu machen.68 Diese umfassen »offstage speeches, gestures, and practices that confirm, contradict, or inflect«69 den sichtbaren Teil der Mediationen. Eine solche Annäherung soll Legitimationen auch in den offstage stattfindenden Aushandlungen und Stabilisierungen genauer beschreibbar machen und zwar in Bezug auf alle bisher genannten konzeptuellen Entitäten wie Gemeinwohl, legitimierende soziale Gruppen, etc.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das in diesen vier Punkten dargelegte Legitimationskonzept  die spezifische Anerkennungswürdigkeit von Mediationen beschreiben will. Für den Fall unabhängiger Radios postuliert es dabei eine relationale Konfiguration, die eine als Radiomachen definierte Signalerzeugung im elektromagnetischen Spektrum an ein spezifisches Gemeinwohl spezifischer sozialer Gruppe koppelt. Legitimation wird dabei als ein zwischen unterschiedlichen Legitimationsträger_innen zirkulierender politischer Aushandlungsprozess aufgefasst, bei dem unterschiedliche Mediationen sich in ihrer Anerkennungswürdigkeit zu stabilisieren suchen.70 Damit ist theoretisch kein universeller sondern ein perspektivischer Zugang abgesteckt, der Legitimationen im Rahmen des infralinguistischen Ansatz während der empirischen Forschung weiter definiert und differenziert. Beschrieben ist damit die begriffliche Entwendung des  herrschaftsaffinen tools der Legitimität. Dieses détournement liegt jedoch nicht wie bei der Situationistischen Internationalen in Händen einer politischen Avantgarde. Ebenso wenig liegt es ausschließlich in den Händen der Philosophierenden. Vielmehr bildet es ein konzeptuelles Quasi-Objekt, an dem ebenso herumgezerrt wird, als dass es Akteur_innen zueinander in Beziehung setzt und somit ein Herumzerren erst möglich macht.71

 

1.3. Regulierungen statt Regulierung

Darunter Medien zu regulieren, wird gemeinhin verstanden, »verbindliche Entscheidungen über Rahmenbedingungen, unter denen öffentlich kommuniziert wird«72, zu treffen. Entsprechend den dabei relevanten Einzelmedien und an sie herangetragenen Konzepten werden für die Umsetzung und die Analyse der Medienregulierung spezifische Aufgabenbereiche (z.B. »Konzessionerteilung« für Radiosender), Begründungen (»Public-Interest-Theorie«) und Operationalisierungen (z.B durch eine »Regulierungsbehörde«) formuliert.73 Wie eingangs erwähnt, ist eine solche Perspektive für das Forschungsinteresse vor allem aus drei Gründen (1-3) problematisch. Zugleich stellt es, wie sich zeigen wird, ein spannende Reibfläche für die weitere Analyse dar (4).

(1) Bei den Problemen angefangen, lässt sich zunächst monieren, dass viele relevante Arbeiten all jene Prozesse und Prämissen ausklammern, die dem »Aufstellen von Regeln«74 – als einem ersten Moment der Regulierung – vorausgehen. Damit werden implizit alle sozialen und technischen Normen, auf die sich diese Regeln beziehen, implizit naturalisiert. Geschaffen wird – aus der Sichtweise der Legitimation – ein nicht hintergehbarer »letzter Rechtsgrund«, den es im Rahmen einer symmetrischen Betrachtung jedoch nicht geben kann, da alle Entitäten gleichsam ihre gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit ausweisen sollten.75 Wenn eine spezifische Norm sich beispielsweise in einem öffentlichen Interesse begründet, dann sollte dies auch empirisch überprüfbar sein, da davon abgeleitete Regeln ansonsten schnell zu Dogmen erstarren. Anders gesagt: Die Regulierung von Medien im Allgemeinen und Mediationen im Besonderen ist der Frage nach Legitimation nicht erhaben, sondern ein besonders fruchtbarer Boden, um gesellschaftliche Aushandlungen zu rekonstruieren.76

(2) Ein weiteres Problem generiert sich, wenn solche Regulierungsrahmen in Form  (inter)nationaler Gesetze, zwischenstaatlicher Abkommen, rechtlicher Garantien, etc. stabilisiert werden.77 Neben einer noch zu diskutierenden, heftig umkämpften Wertigkeitsordnung zwischen diesen Ebenen (bspw. der in Lateinamerika unzählige Male vorgetragene Konflikt zwischen nationalen (Sicherheits)Interessen und einem grenzenlosen Recht auf Meinungsfreiheit78). Stellt sich jedoch auch die Frage, wie verbindlich solcherlei Kopplungen von Regeln, Recht und Gesetzen im Einzelnen sind und unter welchen Umständen ihre Verbindlichkeit in Frage gestellt werden kann. Inwiefern fallen die Attribute legal und legitim zusammen? Aus Sicht der vorliegenden Analyse können Gesetze einen Beitrag zur medialen Legitimation leisten, fallen jedoch kategorisch niemals zusammen. Illegal im Sinne eines Regulierungsrahmen heißt deshalb noch lange nicht illegitim. Zudem möchte ich im Vorfeld auch bewusst offen lassen, ob eine gesellschaftliche Regulierung einzelner Mediationen sich perspektivisch stets in einer Legalisierung erschöpfen sollte.79 Denn wie sich unabhängige Radios in diesem Spannungsverhältnis unter normativen, strategischen und politischen Gesichtspunkten verorten, werden später ausführlich die einzelnen Akteur_innen darlegen.

(3) Auch wenn Regulierungen auf diese Weise nicht mehr zwangsläufig nur auf gesetzlicher Ebene verankert sind, bleiben viele von und für radiale Mediationen ausgehandelte Regeln im Dunkeln, wenn sich – geprägt von der legalistischen Begriffsherkunft – Regulierung nur auf positives und sichtbares Handeln bezieht. Negativ konnotierte Regulierungen medialer Inhalte werden beispielsweise von guten, demokratischen Praktiken als Zensur unterschieden.80 Oder aber, Spielregeln außerhalb des formalrechtlichen Rahmens, werden als informell definiert bzw. unter spezifischen kulturellen Ausprägungen politischer Domination subsummiert.81 Auf eine solche strikte Trennung und Zuordnung auf konzeptueller oder empirischer Ebene möchte ich jedoch zugunsten eines breiter angelegten Regulierungsbegriffs verzichten. Regeln werden in ihren unterschiedlichen Artikulationen und Stabilisierungen differenziert werden, ohne dabei a priori hierarchische oder kategorische Unterscheidungen zu machen. Zugleich ist der empirische Fokus auch an der Untersuchung nicht-formalisierter und nicht-öffentlicher Regulierungen interessiert, wie beispielsweise Momente der Selbstdisziplinierung.

(4) Enger gefasste Regulierungskonzepte und -kategorien akademischer und nicht-akademischer Akteur_innen sind deshalb aber nicht minder bedeutsam. Gerade für die Rekonstruktion einzelner Handlungsabläufe (Übersetzungsketten) ist es spannend auf bereits vorgeschlagene Differenzierungen der Regelaufstellung, -durchsetzung und -sanktionierung zurückzugreifen.82 Anschaulich wird dies beispielsweise, wenn die streitbare Annahme, das elektromagnetische Spektrums sei eine begrenzte Ressource, von legalen Normen in konkrete Regeln, Regulierungs- und Sanktionsakteur_innen übersetzt wird. Viele Einsätze der brasilianischen Bundespolizei (PF), um Radios zu schließen, lassen beispielsweise sich nicht schlüssig als eine Kette von Regulierungsakten zu einer gesetzlichen Norm zurückverfolgen – der Übersetzungsprozess ist undeutlich und auf diesen Mangel wird, wie noch zu zeigen ist, bei der Legitimation unabhängiger Radios auch wiederholt Bezug genommen.83

Die Regulierung von Radio wird im Rahmen dieser Arbeit demnach ebenso wie die Begriffe der Mediation und Legitimation nicht als ein universell anwendbares Konzept verstanden. Regulierung heißt auf infralinguistischer Ebene, die spezifische Eingrenzung von Radio innerhalb bestimmter Regeln als Teil gesellschaftlicher Aushandlungen zu analysieren.84 Statt deduktiv Kategorien zu bilden, wird daran erneut eine empirische Absicht gekoppelt, nämlich zu dokumentieren, welche konkurrierenden Auffassungen von Regulierung es gibt, um diese in die Beantwortung der Forschungsfrage nach medialer Legitimation einfließen zu lassen.

***

Um Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich zum Ende dieses Kapitels noch auf einen zu vermeidenden konzeptuellen Kurzschluss hinweisen. Eine Infragestellung der Legitimation der brasilianischen Rundfunkregulierung als beispielsweise »undemokratisch«85 heißt deshalb noch lange nicht, dass jedes davon abweichende unabhängige Radiomachen im Umkehrschluss legitim (weil beispielsweise demokratisch) sein muss. Vielmehr muss der Anspruch gelten, die bei der Legitimation unabhängiger Radios mobilisierten begrifflichen Akteur_innen immer wieder in ihren heterogenen Deutungen sichtbar zu machen. Nur so lässt sich im Rahmen der angewandten Konzeptfindungsstrategie vermeiden, herrschaftsaffine Begriffsinterpretationen zu unterlaufen und »diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen [zu] zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt«.86

2. Radio in Brasilien – Versuch eines Mappings

Die derzeitige Präsidentin des Weltverbands für Community Radios (AMARC), María Pía Matta beantwortet Fragen nach der Anerkennungswürdigkeit dieser Sender gern so: Unabhängige Radios (und vor allem Community Radios) besitzen »längst ihre Legitimität«, es geht heute allein darum »auch ihre Legalität zu bestätigen«.1 Normativ betrachtet, sind solche Argumente sicherlich zulässig. Wird einzelnen Sendern jedoch der empirische Nachweis ihrer Legitimation abverlangt, muss ihr Beitrag zu einem spezifischen Gemeinwohl etwas ausführlicher dargelegt werden.

Teil des Medienmachens ist neben dem operativen Gebrauch auch eine Reihe von beschreibenden und konzeptuellen Assoziationen, die mobilisiert werden, um einzelne Ausdeutungen von Radio zu rechtfertigen. Im folgenden Kapitel werden in Rückgriff auf die vorhandene Literatur2 zum Thema (unabhängige) Radio(s) in Brasilien deshalb zunächst die für die Frage der medialen Anerkennungswürdigkeit relevantesten Narrative, Grenzen, Normen, Trajekte und Regulierungen unabhängiger Radiosender in einem breit angelegten Mapping zusammengetragen. Ziel ist es dabei, noch vor der Betrachtung aktueller unabhängiger Mediationen von Radio (und ihrer Konstrukteur_innen), einige wiederkehrende und präsente Entitäten herauszuarbeiten, die bei der Unterscheidung einzelner Modelle, Praktiken und Prozesse potentiell eine Rolle spielen.

Der bereits eingeführte aber noch etwas ominöse Begriff »Entität« weißt zugleich auf ein weiteres Anliegen dieses Kapitels hin, nämlich die notwendige Explikation der Akteur_innen-Netzwerktheorie (ANT). Ontologische und epistemologische Paradigmen (v.a. Netzwerk, Akteur_in, Fraktalmodell, Handlungsprogramm, Übersetzung) werden am Ende der einzelnen Unterkapitel in Theoriebaukästen (I – IV) hinsichtlich der Forschungsfrage erörtert und mit weiteren theoretischen Anleihen – insbesondere sogenannten öffentlichen und versteckten Transkripten3 - in einen Dialog gesetzt.

Im Rahmen dieser theoriegeleiteten Literaturschau wird eine Karte sichtbar, die unabhängige Radios in ihrer Pluralität und Widersprüchlichkeit einfängt, zugleich jedoch auch viele weiße Flecken aufweist. Insbesondere wird auffallen, wie prekär, lückenhaft und veränderlich die relationalen Legitimationen normativer Prämissen (z.B. »freies Radios«) und beschriebener radialer Praktiken (z.B. »horizontale Kommunikation«) sind. Genau diese zunächst unklaren Übersetzungen sind es jedoch, die einzelnen Akteur_innen einen legitimatorischen Spielraum eröffnen. Dessen nachvollziehbares Abstecken steht am Ende des Kapitels, denn es bildet die Grundlage für ein differenziertes und offeneres Verständnis unabhängigen Radiomachens – und damit auch den weiteren empirischen Fokus der noch folgenden Analysen.

 

2.1 Narrative

Medienmachen heißt auch, ein bestimmtes Medium narrativ immer wieder nachvollziehbar zu konstruieren. Wie im Folgenden deutlich wird, gibt es auch für unabhängige Radios nicht eine, sondern viele konkurrierende Erzählungen. Es sind perspektivische Annäherungen, bei denen zugleich weitere Mediationen von Radio in ihren einzelnen Größen betroffen sind. Ich nähere mich den in der Literatur vorfindbaren Narrativen unter drei wesentlichen Gesichtspunkten: den Ursprüngen, Kategorien und Akteur_innen von Radiomediationen in Brasilien. Diese »Ordnung der Dinge«  greift explizit strategische Überlegungen der ANT auf, um Radio aus seiner scheinbaren definitorischen Starre zu befreien und in seiner legitimatorischen Vielgestaltigkeit und Veränderlichkeit sichtbar zu machen, konkurrierende Erzählungen nicht zu glätten, sondern widersprüchliche »legale Texte« und »technische Fakten« zu exponieren. Dabei kann nicht das Medium als Dispositiv rekonstruiert werden, sondern vielmehr soll ein legitimatorischer Flickenteppich ausgerollt werden, in dessen Löchern sich bereits Räume weiterführender Anerkennungswürdigkeiten ankündigen.

 

2.1.1 Ursprünge

Die folgende Beschreibung der Anfänge des Radiomachens in Brasiliens macht deutlich, dass eine breite gesellschaftliche Aushandlung des Mediums nicht stattfindet, sondern vielmehr eine frühe Aneignung der Regulierungshoheit durch den Staat, welche in ihrer Ausrichtung zu einer überwiegend kommerziellen Ausdeutung der Übertragungsmöglichkeiten beiträgt. Auch wenn bereits vorher punktuelle Aneignungen und Umdeutungen des Radiomediums erkennbar werden, fordern erst Anfang der 1980er unabhängige Radiomacher_innen erfolgreich das bestehende Verständnis legitimen Radiomachens heraus und mobilisieren eigene Radios, die nun ebenfalls um gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit konkurrieren. Ich werde zeigen, dass weder etablierte noch unabhängige Mediationen dabei auf konstante Erzählungen zurückgreifen, sondern ihre Legitimation immer wieder neu erzählen.

 

2.1.1.1 Höllenmaschinen und Modernisierungsapparate

Es ist eine echte Herausforderung heute in der Avenida Paulista – einer der großen Verkehrs- und Geschäftsadern São Paulos – ein Dach zu finden, auf dem sich weder Antenne noch Sendemast befinden. Ende des 19. Jahrhunderts war von derlei Geräten an gleicher Stelle indes nichts zu sehen. Umso befremdlicher muss ein junger Mann in schwarzem Talar gewirkt haben, der dort ab 1893 verschieden Metallkonstruktionen zwischen den Schornsteinen errichtete. Nur wenige paulistas kannten den jungen Tüftler Roberto Landell de Moura aus Porto Alegre, der eigentlich als Priester in den Provinzstädten Campinas und Mogi arbeitete. Doch seit einem Studienaufenthalt an der Gregorianischen Universität in Rom, an der er Kurse in Chemie und Physik belegte, nutze Landell de Moura jede freie Minute dazu, Apparate zu bauen, um die menschliche Stimme mittels elektrischer Impulse zu übertragen.4 1894 gelingt ihm das Experiment. Laut Augenzeugenberichten soll Landell de Moura von der Avenida Paulista aus, mit selbstgebauten Antennen, Elektronenröhren und Metallmembranen auf einer Strecke von acht Kilometern Luftlinie, drahtlos ein paar Worte zur Klosterschule São José im Stadtteil Santana gesandt haben. Damit hätte der brasilianische Geistliche im Alleingang gleich ein halbes Dutzend europäischer »Radioväter« entthront, wäre der »true inventor of the three-element vacuum tube«5 und Initiator der »first public demonstration of wireless telephony«.6 Landell de Mouras Vorgesetzte waren weniger erfreut über die Experimente mit diesen »Höllenmaschinen«. Auch die Marine, der er seine Erfindung anpries, befand: »Dieser Priester ist zweifelsohne ein Irrer«.7

Wie plausibel ist dieses Ursprungsnarrativ vom genialen Pater als eigentlicher Erfinder des Radios? So überzeugend es sich zunächst anhört, so schwierig ist es, Landell de Moura zum alleinigen Schöpfer des Radiomediums zu erheben. Es gibt keine Belege dafür, dass seine Patente oder bezeugten Experimente Nachahmer_innen gefunden haben. Zudem lassen sich konkurrierende Experimente anführen, welche bei der Weiterentwicklung der Antenne, aber auch bezüglich der  Konstellation einzelner Geräte entscheidende Beiträge zu dem leisteten, was heute allgemein als Radio verstanden wird.8 Doch statt Landell de Moura einfach gegen den nächsten »true inventor« auszutauschen, lohnt es, die Erzählung des Radioursprungs grundsätzlicher zu hinterfragen – auch hinsichtlich seiner potentiellen legitimatorischen Bedeutung. 

Ein Ursprungsnarrativ konstruiert ein initiales Moment, welches sich auf einem Zeitstrahl von allen ähnlichen Erzählungen dadurch abgrenzt, dass es eben noch früher stattgefunden hat. »Brennpunkt oder Ursprung sind immer nur Schatten oder ungreifbare, nicht aktualisierbare oder vorerst nicht existierende Virtualitäten. Alles nimmt seinen Ausgang von der Struktur, der Konfiguration oder der Relation.«9 Die vorliegende Arbeit unterstellt, dass ein solches komplexes Verhältnis auch für den Ursprung des Radiomediums konstruiert wird, sowohl als universelles aber auch als nationales Narrativ. Bei der Betrachtung solcher konkurrierende Erzählungen fällt auf, dass die Narration eines spezifischen Beginns auch eine spezifische Legitimierung des Radiomachens begründet. Diese betrifft sowohl Besonderheiten des brasilianischen Radiomediums, das in den Texten oft als »unser Radios«10, bezeichnet wird, aber auch die Ursprünge eines Radiomachens, welches sich von einem nationalistischen Plural zugunsten eines Ursprungsnarrativs unabhängigen Radiomachens zu emanzipieren sucht.

Bei der Beschreibung unterschiedlicher Ursprünge des brasilianischen Radiomediums lassen sich vier  verschiedene Momente unterscheiden, welche präzisieren, was genau als Anfang von Radio verstanden wird, (1) nämlich erste Übertragungen und Experimente, (2) erste regelmäßige Sendungen, (2) erste Radiosender und (4) erste gesetzliche Regulierungen.

(1) Im ersten Fall wird als Ursprung des Radiomediums die erfolgreiche Übertragung eines Signals gedeutet. Die Konstruktion der Sende- und Empfängerapparate wird dabei ausgeblendet, was zählt ist allein das bezeugte Funktionieren der Technik. Trotz der wiederholten Erwähnung von Landell de Mouras Experimenten wird als Ursprung zumeist an den »ersten offiziellen radiophonen Erfahrungen«11 Brasiliens vom 7. September 1922 festgehalten. Pünktlich zum 100-jährigen Unabhängigkeitsjubiläum von der portugiesischen Krone, wollte sich Brasilien modern und reich zeigen.12 Die damalige Hauptstadt Rio de Janeiro, die »Modellmetropole der Modernität«13 erschien als die perfekte Bühne für diese öffentliche Demonstration.

Zunächst gab es an dem patriotischen Jubiläum scheinbar nur wenig Interesse. Die »Woche für moderne Kunst« in São Paulo, die Gründung der Kommunistischen Partei und ein Militäraufstand, der als Insurreição do Forte Copacabana bekannt werden sollte, beschäftigten die Massen.14 Der amtierende Präsident Epitácio Pessoa (1919-1922) musste schnell »eine neue Tatsache schaffen, die vielleicht als Deckmantel (cortina de fumaça) funktionieren würde, um die überreiztesten Gemüter zu beschwichtigen«.15 Die öffentliche Demonstration einer Radioübertragung, sollte als die erste derartige Vorführung technologischen Fortschritts in der Geschichte Brasilien wahrgenommen werden. Um ein möglichst großes Publikum zu erreichen, wurden Lautsprecher an öffentlichen Plätzen aufgebaut und 80 handliche Detektorempfänger an angesehene Persönlichkeiten in Rio de Janeiro, Niteroi, Petropolis und São Paulo verteilt. Als erster an diesem Tag sprach Pessoa, danach wurde live aus dem Teatro Municipal die Oper »O Guarani« und einige Konferenzen »von hohem edukativen Wert« übertragen.16 Die Presse berichtete von einer Sensation, nun hatte die »mysteriöse Figur der Elektrizität«17 auch noch zu tönen begonnen.

Doch vor dieser ersten, als Staatsakt inszenierten Radioübertragung, gab es neben Landell de Moura bereits weitere Erfahrungen mit Radioübertragungen und zwar auch außerhalb der metropolitanen Zentren von Rio de Janeiro und São Paulo. Bereits 1912 soll die Radiotelegrafiestation Amarelina im Bundesstaat Bahia Grußbotschaften und Musik von einem Kriegsschiff der deutschen Kaiserlichen Marine empfangen haben.18 Auch im 1919 gegründeten philanthropischen Rádio Clube de Pernambuco in Recife werden das Radiotelegraphie-Band von Funkamateur_innen regelmäßig nach Radiosignalen abgehört und vielleicht sogar erste Sendeversuche abgesetzt. Viele Verbesserungen der Empfangstechnik gehen auf die Experimente von Funkamateur_innen zurück, die »Treffen in den hauptstädtischen urbanen Zentren abhielten um die Fortschritte der Radioelektrik, Radiotelegrafie und Radiofonie zu diskutieren und zu studieren«.19

Die Frage nach der Legitimierung des Radiomachens unter Nutzung elektromagnetischer Wellen stellt sich in dieser ersten experimentellen Phase scheinbar nicht. Eine Reihe heterogener Akteur_innen experimentieren mit elektromagnetischen Wellen. Legitimiert wird nicht das emergente Medium sondern, wie im Falle der ersten offiziellen Übertragungen, allenfalls staatliche Herrschaft. Präsident Pessoas kann sich inmitten einer soziale Krise als technisch versierter Wegbereiter der Moderne inszenieren. Und Rio de Janeiro wird als panbrasilianisches Szenario ausgebaut, an dem trotz widersprechender Quellen auch alle modernen Kommunikationsmittel des Landes ihren Ursprung haben.

(2) Auch Narrative, welche das erste regelmäßige Senden als Ursprung des Radiomediums betrachten, beschreiben erneut Rio de Janeiro als Ausgangspunkt, wenn sie die Spur der nach der Präsidentenrede nutzlos gewordenen importierten Sendetechnik aufnehmen. Wurde lange Zeit vermutet, der 500 Watt starke Westinghouse-Sender sei nach den Feierlichkeiten abgebaut und zurück in die USA verschifft worden20, gibt es inzwischen auch Hinweise darauf, dass die Regierung den Sender dem örtlichen Post- und Telegrafenamt (Correiros e Telégrafos) übergab.21 Doch anstatt dort für die Übermittlung von Telegrammen genutzt zu werden, überließ die öffentliche Hand die Ausrüstung einer Gruppe von Geschäftsleuten, welche zwei Stunden täglich die Börsendotierungen von Zucker und Kaffee, Wetterberichte und Musik übertrugen.22

Ein Gegennarrativ wird erneut mit Blick auf die Aktivitäten des Radioclubs Pernambuco entwickelt. Mal sollen schon ab 1919 mit einem aus Frankreich importierten Gerät erste Sendungen ausgestrahlt worden sein, mal drei Jahre später mit einem umgebauten Radiotelegrafie-Sender der Marke Westinghouse.23 Die Quellenlage und das unscharfe Kriterium »regelmäßig« machen es schwierig, rückblickend zu entscheiden, wer als erste Gruppe den Sprung von experimentellen zu regelmäßigen Übertragungen geschafft hat. Fest steht jedoch, »dass vor allem ab Beginn der 1920er Jahre Amateure, die sich in experimentellen Clubs und Kulturvereinen zusammenschlossen, ab und an Musik, Nachrichten und Bekanntmachungen von öffentlichem Nutzen«24 übertrugen.

(3) Das ambivalente Kriterium »regelmäßiges Senden« findet in der Literatur jedoch nur selten Erwähnung, sein möglicher legitimatorischer Nutzen bleibt unerwähnt. Viel häufiger wird dagegen die Gründung eines Radiosenders, mit dem Ziel regelmäßige Sendungen zu einem bestimmten Zweck auszustrahlen, zum Ursprung des Mediums erhoben. Auf diese Weise wird der Beginn des Radiomachens erneut nach Rio de Janeiro verlegt. Denn die öffentliche Eintragung des Radioclubs Pernambuco erfolgt erst vier Jahre nach dessen informeller Gründung im Oktober 1923, während die Radio Sociedade do Rio de Janeiro bereits im April 1923 offiziell ihren Sendebetrieb aufnimmt.25 Möglich macht diesen Schnellstart die Unterstützung der brasilianischen Regierung, die den beiden Professoren der brasilianischen Wissenschaftsakademie (Academia Brasileira de Ciências) Henrique Morize und Edgar Roquette Pinto kostenlos einen von Western Electric (USA) importierten 500-Watt-Radiotelegrafie-Sender zur Verfügung stellte.

Dass Roquette Pinto heute in der Literatur als wichtigster Radiopionier oder gar brasilianischer »Vater der Radiodiffusion«26 beschrieben wird, ist jedoch weniger seinen technischen Fähigkeiten geschuldet, wie dies bei anderen »väterlichen« Radiourhebern – inklusive Landell de Moura – zumeist der Fall war.27 Vielmehr bestand Pintos Leistung darin, einen eigentlich für die Radiotelegrafie bestimmten Sender strategisch umzunutzen, zum »Arbeiten für die Kultur der brasilianischen Bürger und für den Fortschritt Brasiliens«.28 Anders ausgedrückt, wird so die Nutzung der Radiotechnik programmatisch an ein nationales Gemeinwohl gebunden, welches darin bestand von der Modellstadt Rio aus »Bildung ins Innere des nationalen Territoriums zu tragen«.29

Programmatisch formulierte Radio Sociedade welche Art Kultur bildend sei, erinnert sich Renato Murce, einer der damals Mitwirkenden zurück:

»ernste Musik (música erudita), große Konferenzen, Ausstellungen bar jeden Interesses, kurz um, ein recht überzüchtetes (sofisticada) Radio. Keinerlei Werbung, keine populäre Musik (auf den Samba war man damals nicht gut zu sprechen) [...]«.30

Dass dieser Anspruch umstritten war, lässt allein der hier erwähnte explizite Ausschluss von populärer Musik und Werbung erkennen. Denn Radiomedium für die Bewerbung von Waren zu nutzen, scheint in jedem Fall bereits denkbar gewesen zu sein. Die seit Beginn der 1920er Jahre in Europa und den USA stattfindenden Debatten über eine rechtliche Regulierung von Werbebotschaften, dürften dem aufgeklärten Bürgertum, welches sich in den brasilianischen Radioclubs versammelte, zumindest teilweise bekannt gewesen sein.31 Die Frage, wie das Radiomachen im Sinne des Gemeinwohls zu legitimieren sei, scheint also durchaus kontrovers diskutiert und nicht ausschließlich mit der Bildungsformel von  Radio Sociedade beantworten worden zu sein.

(4) Doch dieser Prozess einer möglichen öffentlichen Konsensfindung wird im Jahr 1924 vom Erlass einer ersten gesetzlichen Verordnung (Decreto 16.657) unterbrochen, ein Moment, der als legales Ursprungsnarrativ des Radios in Brasilien gilt. Zunächst ist dabei auffällig, dass sowohl eine technische als auch inhaltliche Normierung und Regulierung von Radiosendungen angestrebt wird. Inhaltlich sollen die Programme wissenschaftlichen, künstlerischen und Bildungszwecken zum Wohle der Öffentlichkeit verpflichtet sein.32 Verboten wird in dem Dekret explizit lediglich die Verbreitung »interner Nachrichten mit politischem Charakter«, nicht jedoch Werbung.

Damit greift die Verordnung von 1924 die von Radio Sociedade do Rio de Janeiro formulierten Anregungen für ein legitimes Radiomachen nur teilweise auf. Zunächst bestätigt der Text zwar den inhaltlichen Bildungscharakter des Radiomediums und führt die Definition des Mediums damit ebenfalls über eine technische Übertragungsleistung hinaus. Denn die Verordnung konkretisiert, auf welche Weise dieses Werkzeug der Moderne auch praktisch einen Beitrag zu Modernisierung Brasiliens leisten soll. Demgegenüber wird »Werbung nicht offiziell erlaubt«33, ebenso wenig scheint die brasilianische Legislative zu diesem Zeitpunkt jedoch darüber besorgt, dass diese in Konflikt mit einem Radiomachen zum Wohle der Bevölkerung stehen könnte. Bereits 1927 versucht sich Radio PRAK, nicht wie bis dahin üblich über die Beiträge von Clubmitgliedern, sondern als kommerzielles Unternehmen zu finanzieren.34

Neben dieser impliziten Duldung von Werbung formuliert die Verordnung, wie bereits angedeutet, auch eine Reihe technischer Auflagen für das Radiomachen. Vor allem wird die Reichweite der Sender begrenzt. Ihr Empfang soll auf einen Bundesstaat beschränkt bleiben.35 Der Staat soll in den 20er Jahren zwar keine eigene Vision von Rundfunk, wohl aber ein gewisses Interesse gehabt haben, das entstehende Radiomedium zu kontrollieren.36 Das scheint untertrieben, denn die rechtlichen Regeln, welche ab 1924 für das Radiomachen aufgestellt werden, definieren die emergenten Mediationen maßgeblich mit. Künftig galten als Radiosender nur noch eingetragene, brasilianische Gesellschaften oder Vereine, die eine Lizenz für experimentelle Radiodiffusion erhalten haben. Der Staat war darüber hinaus auch an einer Registrierung und jährlichen Besteuerung aller Empfängergeräte interessiert, um die Ausdehnung des Radiomediums beobachten zu können.37 Die Regierung behielt sich außerdem das Recht vor, Sendelizenzen zu entziehen und Radiosender zu schließen oder für eigene Zwecke zu nutzen, sollte dies aus politischen Gründen notwendig sein.38

Deutlich wird, dass die Verordnung das emergente/ oder: sich verbreitende Radiomedium bereits wenige Jahre nach dessen gerade beginnender Verbreitung reguliert, »noch bevor die Rolle des Radios in der Gesellschaft diskutiert worden wäre«.39 Wie und wofür sich das Radiomachen zum Wohle der Öffentlichkeit im Einzelnen organisieren soll, geht nicht auf eine Konsensfindung unterschiedlicher Akteur_innen zurück, sondern wird per Dekret festgeschrieben. Technische Normen, die regulierte Techniknutzung, inhaltliche Vorgaben aber auch spezifische Sanktionen können zwar punktuell als Ausdruck eines bestehenden nationalen Interesses begründet werden, so zum Beispiel die Schließung eines Radios aus Gründen der nationalen Sicherheit im Kriegsfall.40 Insgesamt sind die Regeln der Verordnung 16.657 jedoch schwerlich als Ausdruck einer breiten gesellschaftlichen Aushandlung für ein legitimes Radiomachen deutbar, denn eine öffentliche Debatte fand nicht statt.

Andererseits scheint diesem legalen Ursprungsnarrativ von gesellschaftlichen Akteur_innen (mit den nötigen Machtressourcen) auch keine Legitimation abverlangt worden zu sein. Anstatt die staatliche Regulierung anzugreifen, geben die Radioclubs, die keine Lizenz erhalten, ihre Aktivitäten auf oder »operieren in der Illegalität [...] als klandestine Stationen«41 weiter. Beschrieb die Rolle der »Radioamateure«42 bis dahin die Gesamtheit der Radiomacher_innen, wird mit der zunehmenden Formalisierung des Mediums diese Bezeichnung zunehmend nur noch für die Initiator_innen experimenteller Übertragungen verwendet. Diesen Prozess als Ausschluss populärer Radiopraktiken aufzufassen, übersieht jedoch, dass ein Großteil der Bevölkerung auch vorher nicht an der Aushandlung des Mediums beteiligt war.43 Selbst wenn der Rádio Clube de Pernambuco auch populäre regionale Rhythmen wie den Frevo spielte und seine Mitglieder sich nicht wie in der hauptstädtischen Rádio Sociedade ausschließlich aus der ökonomischen und intellektuellen Elite rekrutierten – das Mitmachen und Mithören blieb auf einen kleinen Teil der urbanen Mittelklasse beschränkt.44 Die anfängliche Ausdeutung und Erfahrung des radialen Beitrags zum gesellschaftlichen Gemeinwohl war deshalb äußerst begrenzt.

 

2.1.1.2 Agrarreform in der Luft

Die den einzelnen Ursprungsnarrativen folgende »Massifizierung« brasilianischer Radiomedien beschreibt im Allgemeinen drei wesentliche Prozesse. Zunächst wird in der Literatur immer wieder auf die rasante Ausbreitung von Radiosende- und Empfangsgeräten verwiesen. Von einem Dutzend registrierter Sender in den 1920er Jahren, steigt die Zahl in den 1930er Jahren auf über 40 Stationen, beläuft sich Ende der 1940er bereits auf 227 und wächst bis zum Jahr 2003 auf 4305 Radiosender an.45 Das Radio sichert sich den Status als sogenanntes »Massenmedium«.46 Innerhalb dieser wachsenden Präsenz wird außerdem eine ständige Zunahme privater Radiosender gegenüber staatlichen Sendern konstatiert, die sich aktuell in einem Verhältnis von 3205 zu 159 ausdrückt.47 Als dritte Tendenz wird vielfach eine Essentialisierung der Hörenden als Publikum vorgenommen. Auf der einen Seite des Mediums sind die professionellen Machenden versammelt, »am anderen Pol seiner Aktivität befindet sich die Bevölkerung«.48 Auch wenn diese bipolare Beziehung diskursiv teilweise von »profunder Intimität« geprägt sei, Hörer_innen im Rahmen spezifischer Programmformate zu Wort kommen oder Radiosender besuchen – von der Signalerzeugung bleiben sie weitestgehend ausgeschlossen.49

Dennoch, oder gerade deshalb, habe seitens der brasilianischen Bevölkerung stets ein Interesse bestanden, sich das Radiomedium anzueignen, argumentieren zahlreiche Fürsprecher_innen unabhängiger Sender rückblickend.50 Für diese These sprechen unterschiedliche Hinweise. Zum einen kann man das erwähnte klandestine Radiomachen zumindest ein Stück weit als eine erste populäre Aneignung deuten. Nach der Registrierung und Besteuerung der Empfängergeräte, soll seit den 1920er Jahren auch eine artesanale? Montage? von Detektorempfängern (receptores galenas) stattgefunden haben, »von Hörern ohne genügend Einkünfte, um sich importierte Empfänger leisten zu können«.51 Außerdem ist es seit dem Beginn des Radiomachens immer wieder zu punktuellen Aneignungen der Sendetechnik gekommen, wie beispielsweise die Besetzung des Senders PRA-R im Jahr 1932.52 Aber auch längerfristige Umdeutungen der bestehenden Regulierung, wie zu Beginn der 1960er Jahre, als eine befreiungstheologische Strömung innerhalb der Katholischen Kirche Brasiliens ein weitreichendes Netzwerk von Bildungsradios organisierte, sind dokumentiert.53 Keine dieser Erfahrungen forderte die bestehende Definition und Regulierung des Radiomediums jedoch anhaltend und grundsätzlich in ihrer Legitimation heraus.

Eine weitreichende Delegitimierung des etablierten Radiomachens zeichnet sich erst zu Beginn der 1980er Jahre ab. Die damals angeführten Kritikpunkte betreffen unterschiedliche Dimensionen des Mediums. Zunächst wird die gesetzlich festgeschriebene »überholte technische Normierung« des Radiomediums nach »professionellen Kriterien«54 in Frage gestellt, da der damit verbundene finanzielle und organisatorische Aufwand alternative Nutzungen ausschließen würde. Dies habe dazu geführt, dass ein Großteil des elektromagnetischen Spektrums durch kommerzielle Radiostationen mit hoher Signalstärke genutzt werde, die keinen Platz für ein plurale und demokratische Ausdeutung des Mediums ließen.55 Neben einigen staatlichen Radiosendern sei damit die gesamte inhaltliche Produktion einer merkantilen Logik unterworfen, anstatt »der gemeinschaftlichen Ausübung der Demokratie«56 dienlich zu sein. Mitverschuldet habe diese Entwicklung auch der Staat. Denn neben einer politischen Zensur des Radiomediums während der militärisch-zivilen Diktatur (1964-1985) seien zugleich Sendelizenzen als »Gefälligkeiten« an regimetreue Medienunternehmen vergeben worden.57

Ohne die hier angedeuteten Argumente weiter auszuführen, wird deutlich, dass vor allem die mehrheitlich kommerzielle Nutzung des Radiomediums im Sinne eines demokratischen Gemeinwohls in Frage gestellt wird. Zudem wird die Rolle des Staates als Legitimationshelfer herausgefordert, da dieser sein Regulierungsmonopol jahrzehntelang repressiv durchgesetzt habe und nicht bereit sei, eine »autoritäre Unterscheidung zwischen Sender und Rezipient« aufzugeben sowie »dem 'Hörer' eine aktive Rolle zurückzugeben«.58 Nicht nur die öffentliche Debatte über die Kriterien für ein legitimes Radiomedium, die in den 1920er Jahren ausblieb, scheint hier ein Stück weit »nachgeholt« zu werden. Mehr noch, sie wird zum Anlass, »partizipative“ Radiopraktiken über den gesetzlichen Rahmen hinaus zu legitimieren und – wie von der Cooperativa dos Rádio-Amantes 1985 gefordert – eine »definitive Invasion und Okkupation der Atmosphäre zu beginnen«.59

Die Kritik des etablierten Radiomachens und die praktische Demonstration davon abweichender Praktiken waren kein isoliertes Phänomen.

»Wenn die 70er Jahre in Brasilien mit einem Anstieg sozialer Forderungen nach demokratischen Freiheiten, inklusive Meinungs- und Pressefreiheit enden, [können die 80er Jahre bereits ] mit dem Beitrag einer organisierten Bevölkerung rechnen. Die Thematiken waren weit über einfache Prinzipienerklärungen hinaus gereift«.60

Nur wenige Autor_innen stellen die »Besetzung der Radiowellen« als Ergebnis eines genuin brasilianischen Phänomens heraus.61 Vielmehr werden in der Literatur eine Vielzahl einflussreicher Ursprungsnarrative angeführt, welche eine Aneignung des Radiomediums in Brasiliens beeinflusst haben sollen. Dazu werden zunächst frühe kollektive Erfahrungen des Radiomediums in Europa während der 1920er Jahre angeführt, zum Beispiel die Sendungen von Arbeiter_innenclubs oder Gewerkschaften in Österreich und den Niederlanden.62 Auch werden Radiosendungen zur Koordination französischer Kombattant_innen der Résistance während des 2. Weltkriegs als Quellen einer unabhängigen Radiopraxis benannt.63 Ob auch die sogenannten Piratenradios, nicht-lizenzierte Sender mit kommerziellen Interessen, die sich ab Ende der 1950er Jahre organisieren, als Anknüpfungspunkte für die unabhängigen Radiomacher Brasiliens gelten können, wird wegen ihrer gewinnorientierten Praxis bis heute kontrovers diskutiert.64

Weniger umstritten ist dagegen die aufmerksame Rezeption der italienischen und französischen Freien Radio Bewegungen der 1970er Jahre in Brasilien.65 Die politische Medienarbeit von Sendern wie Radio Tomate in Paris oder Radio Alice in Bologna stellte explizit »die staatliche Legitimität der Telekommunikationsverwaltung«66 in Frage. Brasilianische Exilanten lernen diese medialen Umdeutungen aus nächster Nähe kennen, beschreiben die Konzepte und Praktiken in brasilianischen Zeitschriften. Zu Beginn der 1980er Jahre sind zudem Besuche europäischer Radioaktivisten wie Franco »Bifo« Berardi und Felix Guattari in Brasilien dokumentiert. Letzterer ermutigt 1982 auf einem Kongress an der Katholischen Universität São Paulos (PUC) Studierende damit zu beginnen, »über die Rolle Freier Radios innerhalb demokratischer Organisationen nachzudenken«.67

Neben diesen europäischen Anleihen sind in der Literatur weitere wichtige Einflussfaktoren dokumentiert. Dazu werden mitunter die Radiosendungen von nationalen Befreiungsbewegungen in Afrika und Asien gezählt.68 Eine intensivere Auseinandersetzung findet in der Literatur darüber hinaus mit zwei konzeptuellen Aneignungen des Radiomediums in Lateinamerika statt. Zum einen werden die Gewerkschaftssender bolivianischer Bergarbeiter_innen (z.B. Radio Sucre) als eine spezifische Erfahrung herangezogen, die sich in ihren Anfängen über die staatliche Lizenzvergabe hinwegsetzte und in direktem Zusammenhang mit dem Leben und den Konflikten der mineros legitimiert wurde.69 Zum anderen erfolgt eine umfassende Rezeption des Guerillafunks in Kuba (Radio Rebelde, 1958-1959) und ab 1979 in Zentralamerika.70 Enthusiastisch wurde nicht nur die Anekdote weiterverbreitet, dass die Gueriller@s Musik von Chico Buarque spielten, besprochen wurde auch die strategische Aneignung und Konstruktion von Sendetechnik.71

Doch wie verhalten sich die brasilianischen Ursprungsnarrative unabhängigen Radiomachens zu diesen Praktiken? Erneut lassen sich konkurrierende Erzählungen ausmachen. (1) Zunächst werden, den Anfängen der ersten Radioübertragungen im Brasilien der 1920er Jahre nicht unähnlich, einige isolierte, experimentelle Sendeerfahrungen angeführt. Sieht man von der nachholenden Stilisierung Landell de Mouras als »ersten Radioamateur«72 ab, dann fallen die ersten dokumentierten Sendungen in die 1970er Jahre. Den beiden frühesten Experimenten 1970 (Rádio Paranóica in Victoria, Espirito Santo) und 1976 (Rádio Spectro in Sorocaba, São Paulo) ist gemein, dass den minderjährigen Initiatoren nach eigenen Aussagen nicht klar war, im Sinne der damaligen Regulierung eine Straftat verübt zu haben. Mit Hilfe schriftlicher Bauanleitungen – darunter auch italienische Funkamateur_innen-Zeitschriften – stellen sie Sendegeräte her und strahlen bis zu ihrer Verhaftung regelmäßig Programme aus.73 Wie viele solcher isolierten Experimente in Brasilien stattgefunden haben, ist bisher nicht untersucht worden.

(2) In einem weiteren bekannten Radioprojekt der 1970er Jahre begründet sich das zweite Ursprungsnarrativ, welches sich von anderen »naiven Experimenten« unterscheide.74 Das 1978  in der Industriestadt Criciúma (Santa Caterina) initiierte Rádio Globo soll anfangs nur Musik gespielt, dann jedoch »ein Bewusstsein für seine Rolle und Akzeptanz im kommunikativen und sozialen Kontext der Region«75 entwickelt haben. Das Radio fungierte als befreiungstheologische »Stimme der Gemeinde« und zur Selbstorganisation des Stadtviertels.76 Das Radiomachen soll einem lokalen Gemeinwohl verbunden gewesen und die Nutzung des Mediums auf diese Weise gerechtfertigt worden sein – ohne Erfolg. Mit Verweis auf das geltende Recht schließt die damalige Regulierungsbehörde DENTEL den Sender 1983.

(3) Ungefähr zur selben Zeit, die einzelnen Literaturangaben schwanken zwischen 1981 und 198377 sollen in der bereits erwähnten Provinzstadt Sorocaba »einige bekiffte Rocker [...], Jugendliche, ermüdet vom ewig gleichen Sound der offiziellen UKWs«78 angefangen haben, sich mit über 40 unabhängigen Radios gegenseitig musikalisch Konkurrenz zu machen. Dieses dritte ist zugleich das bekannteste Ursprungsnarrativ. Es herrscht jedoch Uneinigkeit darüber, ob die technik- und musikaffine Jugend auch ein Gemeinwohl im Sinn hatte, oder – wie einige der damaligen Radiomacher_innen in Sorocaba sich zitieren ließen, vollständig »apolitisch« seien. Erst nach und nach hätten sich die Jugendlichen den sozio-ökonomischen Problemen des Landes gestellt, lautet eine verbreitete These.79 Dieser Einschätzung widerspricht, dass die Sender Sorocabas damals zensierte Musik (wie unter anderem Chico Buarque) spielten und in ihren Moderationen zeitweilig »das Monopol des Familienklatsch« durchbrachen.80 Zudem greife es zu kurz, die Selbstbeschreibung der Jugendlichen als »apolitisch« mit einer analytischen Deutung ihrer Praktiken gleichzusetzen, kritisieren Radiomacher_innen, die ihren politischen Ursprung in Sorocaba rekonstruieren: »Noch in Zeiten der Diktatur [...] kündigen sie eine demokratische Metamorphose an. […] Wenn es nicht politisch ist, gegen das Gesetz zu verstoßen, das Monopol des globalen Monsters zumindest lokal zu brechen, dann weiß ich auch nicht mehr, was politisch ist«81

(4) Auch wenn einige Autor_innen82 ab 1985 im metropolitanen Raum São Paulo entstehende unabhängige Sender teilweise als Fortführung ein und desselben Phänomens betrachten, ist eine direkte Kontinuität fraglich. Vielmehr artikuliert sich hier ein weiteres heterogenes Ursprungsnarrativ, das zwar teilweise auf Sorocaba als erfolgreiche Avantgarde einer lokalen »technischen Schlacht« Bezug nimmt, sich jedoch auch anhand weiterer Referenzen legitimiert.  Dies trifft beispielsweise auf eine kaum dokumentierte kirchliche Initiative zu, die bereits vor den zahlreichen ab 1985 entstehenden Studierendenradios wie Rádio Xilik, Ítaca, Molotiv und Tóto ein eigenes Sendegerät herstellte.83 Auffällig ist bei den studentischen Projekten »Freier Radios« wiederum, dass sie sich explizit als Teil einer internationalen Bewegung darstellen, welche die freie Nutzung des elektromagnetischen Spektrums und ein Ende des staatlichen Regulierungsmonopols fordert.84

Die Besetzung und Kommunikation mittels Radiowellen findet schnell auch Verwendung in Gewerkschaften und der Arbeiterpartei (PT), wie zum Beispiel Rádio Tereza. Was diese heterogenen Projekte und Erfahrungen eint, ist die Idee einer »Agrarreform in der Luft«, die weit über die Frage einer Legalisierung hinaus weist. Die bis dato nicht weiter hinterfragte Idee eines radialen Bildungsauftrags im Rahmen eines homogenen nationalen Allgemeinwohls wird nun weithin zur Debatte gestellt. Die Rechtfertigung unabhängigen Radiomachens wird argumentativ internationalisiert (eine Befreiung des Spektrums), zugleich aber auch entlang der spezifischen Bedürfnisse einzelner Gruppen (z.B. Gewerkschaften) begründet. In unterschiedlichen Verbänden und Netzwerken schließen sich viele der damaligen unabhängigen Radios zusammen, um sowohl ihren Forderungen als auch ihrer Radiopraxis mehr Gewicht zu verleihen.85 Die Legitimation des Radiomachens gerät allseitig in Bewegung.

Die bestehenden Gesetze indes bleiben zunächst unverändert und werden weiterhin dazu herangezogen, Radiomachen ohne Lizenz oder Genehmigung als Straftat zu bewerten. Doch seitens einiger brasilianischen Gerichte setzt zu Beginn der 1990er Jahre, vor dem Hintergrund der neuen Verfassung von 1988, eine Revision dieses Rechtsverständnis ein. Die vierte Kammer der Vara Federal der Stadt São Paulo beispielsweise entschied 1994:

»Es ist keine vorherige Autorisierung der Behörden (poder público) für die Installation eines Senders mit lokaler Reichweite notwendig, wenn diese nicht gewinnorientiert ist, das heißt, kultureller oder kommunaler (comunitária) Natur sind.«86

Die bis dato bekannten 500 unabhängigen Sender vermehrten sich angesichts nun häufiger ausgestellter einstweiliger Verfügungen (habeus corpus) rapide. 1995 sollen bereits über 2000 dieser Sender aktiv sein. Die im selben Jahr abgegebene Erklärung des ehemaligen Kommunikationsministers Sérgio Motta, unabhängige Sender in naher Zukunft legalisieren zu wollen, setzt eine weitere quantitative »Detonationswelle« frei.87

(5) Die nun folgenden Aushandlungen eines legalen Ursprungsnarrativs münden 1998 in einem Gesetz (Lei 9.612/98/98) welches auf »voreingenommene Weise«88 den Betrieb sogenannter Community Radios »rádios comunitárias« (im Folgenden: RadCom) regelt. Auch hier von einem Ursprung zu sprechen, rechtfertigt sich in der stattfindenden Vereinheitlichung der bis dahin unterschiedlichen Namen, Konzepte und Radiopraktiken in einer legalen Definition und Regelwerk. »Voreingenommen« sei diese Ausdeutung jedoch deshalb, weil es RadCom außerhalb des 1997 verabschiedeten neuen Telekommunikationsgesetzes (Lei 9.472) definiert, als eine in seiner Reichweite und Praktiken stark eingeschränkte Sonderform. RadComs dürfen mit maximal 25 Kilowatt senden, keine Werbung ausstrahlen und müssen inhaltlich spezifische Auflagen erfüllen, welche das Radiomachen im Interesse einer Gemeinde sichern soll.89 Unter die Anfang der 1980er Jahre erneut begonnene und nicht abgeschlossene Aushandlung des Radiomediums wurde ein legaler Schlussstrich gezogen.

Doch ist das durch das brasilianische RadCom-Gesetz eingrenzte, unabhängige Radiomachen auch dessen einzige legitime Beschreibung? In der Literatur lassen sich mindestens vier Einwände aufspüren, die dagegen sprechen. Zunächst stelle das Gesetz keinen Kompromiss dar, der einen Ausgleich konträrer Interessen hinsichtlich des Radiomediums garantiere. Auch wenn an den zweijährigen Verhandlungen Repräsentant_innen unabhängiger Radios beteiligt waren; die starke Präsenz privater Radios im elektromagnetischen Spektrum wird nicht zugunsten unabhängiger Praktiken zurückgedrängt. Eher seien die »Kommunikationslatifundisten« geschützt worden, um dem Gros der Bevölkerung weiterhin ihre radiale Meinungsfreiheit vorzuenthalten.90 Zweitens nimmt das RadCom-Gesetz keinerlei Bezug auf das verfassungsrechtlich verbriefte Primat individueller Freiheiten. Demnach, würden jede regulierender Einschränkung nicht länger die Norm, sondern empirisch zu rechtfertigende Ausnahmefälle darstellen. Stattdessen führt das Gesetz erneut eine fixe Normierung ein, welche den Staat in seiner zentralen Rolle als Legitimationshelfer zu bestätigen sucht.91 Drittens bleibt der legale Text die Antwort schuldig, wie genau die spezifische Normierung von RadCom nachweislich einem spezifischen Gemeinwohl dient, in dem es beispielsweise, wie oft behauptet, die »Demokratisierung der Kommunikation« befördere.92 Und schließlich wird die ihrem Anspruch nach allumfassende legale Definition von RadComs von Beginn an in Frage gestellt, vor allem von Sendern, die sich als Community Radios bezeichneten, sich jedoch nicht adäquat von der gesetzlichen RadCom-Formel repräsentiert fühlten.93

Deutlich macht eine solche Rekonstruktion unterschiedlicher radialer Ursprungsnarrative vor allem eines: die konkurrierenden Nutzungsmodi elektromagnetischer Wellen sind dem Medium von Beginn an immanent und tragen produktiv zu seiner gesellschaftlichen Ausdeutung bei. Dabei sind punktuell bereits eine Reihe wiederkehrender Konfliktlinien sichtbar geworden, so zum Beispiel die ambivalente Bewertung metropolitaner gegenüber kleinstädtischen und ländlichen Radiopraktiken. Daran gekoppelt ist die spezifische Ausdeutung der gesellschaftlichen Nutzung von Radiomedien, mal beschrieben als nationales Interesse (z.B. Bildung), mal entlang der Interessen einzelner Gruppen (z.B. UnternehmerInnen, Studierende, Kirchengemeinde, AnwohnerInnen). Diskutiert wird dabei seit den frühen Sendungen immer wieder das Verhältnis des Radiomediums zu kommerziellen Interessen, populären Inhalten und schließlich auch der Zugang zur Radiotechnik, vor allem bezüglich der Möglichkeit Radio auch machen und nicht nur hören zu können.

 

Die Forderung nach einer gesellschaftlichen Legitimation des etablierten Rundfunksystems stellt sich in Brasilien explizit jedoch erst Anfang der 1980er Jahre, als bestehende Definitionen und Regulierungen des Radiomachens als nicht länger verbindlich angesehen werden. Sowohl staatlichen Legitimationshelfern, als auch den von ihnen autorisierten staatlichen und privaten Radiomachenden, wird ihr exklusives Recht und die Fähigkeit abgesprochen, dass Gemeinwohl des Mediums bestimmen zu können. Diese Legitimationskrise wird jedoch nicht allein mit Forderungen an die bisherigen Radiomachenden verbunden, ihre Praktiken zu verändern, sondern durch eigene radiale Vorschläge konterkariert, welche sich auf spezifische Weise rechtfertigen. Nicht allein die Regulierung des bestehenden Mediums wird diskutiert, sondern die weiterführende Frage nach gesellschaftlich legitimierten Radiopraktiken gestellt und beantwortet – diskursiv, besonders aber im Rahmen eines vielfältigen operativen Gebrauchs.

Die synchrone Betrachtung einzelner emergenter Legitimationen erlaubt es dabei auch das Gesetz von 1998 als nur eine mögliche Beschreibung unabhängigen Radiomachens zu relativieren, die sich nicht wesentlich von anderen mit ihr konkurrierenden Erzählungen unterscheidet. Auch der Gesetzestext ist hintergehbar und, wie bereits angedeutet, einem Nachweis an Legitimität nicht erhaben. Vieles deutet darauf hin, dass das RadComRadCom-Gesetz die Legitimationskrise des brasilianischen Rundfunks keineswegs beendet hat. Widersprüche und Fragen für die folgenden Kapitel stellen sich jedoch auch hinsichtlich der weiteren referierten Ursprungsnarrative unabhängigen Radiomachens. Inwiefern existieren Selbstbeschreibungen apolitischen Radiomachens und inwiefern konstruieren diese überhaupt eine spezifische Anerkennungswürdigkeit? Welche Bezüge konstruieren die einzelnen Narrative bei der ihnen unterstellten Legitimation gegenüber konkurrierenden unabhängigen Macharten von Radio?  Wie umfassend, dauerhaft und universell sind diese einzelnen Narrative ihrem Anspruch nach angelegt? Um Antworten zu geben, wird sich der Text im Folgenden nun mit den Veränderungen, Definitionen und Relationen unabhängigen Radiomachens beschäftigen, um die Konsistenz der einzelnen Kategorien zu untersuchen. Vorher möchte ich jedoch damit beginnen, in einem ersten methodologischen Exkurs, etwas näher in die diesem Text zugrundeliegenden Begriffe und Konzepte der Akteur_innen-Netzwerk-Theorie einführen.

 

2.1.1.3 Theoriebaukasten I – Von der Askription zur Inskription

Bereits zu Beginn der Arbeit wurde der Anspruch formuliert, für die konzeptuelle Ordnung des Forschungsvorhabens, also dessen ontologische und epistemologische Dimensionierung, beteiligte Akteur_innen einzubeziehen, anstatt auf externe Kategorien und Definitionen zurückzugreifen. Beim mapping der divergierenden Ursprungsnarrative sind in vielen Paraphrasen und Zitaten bereits einige ihrer Konzepte und Kategorien sichtbar geworden. In dieser Annäherung an das Radiomedium konvergieren relativ ungeordnet vielgestaltige Betrachtungsebenen und vieldeutige Begrifflichkeiten. Wie lässt sich eine solche Heterogenität analytisch nutzbar halten und zugleich mit einer theoriegeleiteten Untersuchung medialer Legitimationen vereinbaren? Eine mögliche Antwort offeriert die Akteur_innen-Netzwerktheorie (ANT). Ihr zentrales Anliegen ist es, eine relationale Beschreibung divergierender Elemente zu leisten, und zwar indem sie Akteur_innen beim Bau von Netzwerken analysiert. Die vorliegende Arbeit folgt dieser Idee.

Die perspektivische Untersuchung des brasilianischen Radiomediums als Akteur_innen-Netzwerk-Analyse anzulegen, heißt zunächst zwischen zwei Abstraktionsebenen zu unterscheiden, nämlich einem allgemeinen Modell sozialer Wirklichkeit und einem forschungsleitenden Setting. Die erste Ebene entspringt der allgemeinen Prämisse, sich soziale Wirklichkeit als ein immanentes Fraktalmodell vorzustellen,

»reducible neither to an actor alone nor to a network. [...] An actor-network is simultaneously an actor whose activity is networking heterogeneous elements and a network that is able to redefine and transform what it is made of.«94

Somit ist jede_r soziale Akteur_in immer auch als Teil eines weiterführenden Netzwerks rekonstruierbar. Zugleich lässt sich seine Rolle als Akteur_in jedoch ebenfalls in ein Netzwerk (weiterer Akteur_innen) auffächern. Das heißt, »alles beginnt immer in der Mitte«95. Oder anders gesagt: Die Bildung spezifischer Netzwerke beginnt immer dort, wo ein Problem empfunden wird. Im Falle brasilianischer Radiomedien betrifft dieses Problem das Verhältnis einer möglichen Signalübertragung im elektromagnetischen Spektrum zu deren weiteren gesellschaftlichen Ausdeutung.

Perspektivisch wird dieses allgemein unterstellte Problem nun im Rahmen einer konkreten Fragestellung weiterverfolgt und zwar auf einer zweiten, Setting genannten Abstraktionsebene. »Ein Setting ist das Netzwerk, das von einem (soziologischen) Betrachter als Gegenstand der Forschung konstruiert wird«.96 Das konkrete Problem von dem aus ich das Setting entfalte, ist die Legitimation unabhängigen Radiomachens. Der Beginn dieses hypothetischen Akteur-Netzwerks betrifft dabei zunächst die Veranschlagung einer spezifischen Krise, einem in der ANT Askription genannten Moment. Im Rahmen dieser Arbeit ist damit die Aushandlung der gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit des Radiomediums, in all seinen operativen Gebräuchen gemeint. Bei der synchronen Betrachtung einzelner Ursprungsnarrative ist bereits herausgearbeitet geworden, dass der Nachweis von Legitimation von allen Radiomachenden eingefordert werden kann. Das Setting rekonstruiert diesen Prozess97 nun jedoch explizit für unabhängige Radios in Brasilien und die »für die Selbstorganisation eines Netzwerkes notwendige Selbstreferenz«.98

Sollte die Askription mit einem spezifischen Akteurs-Netzwerk unabhängiger Radios korrespondieren, dann müssten sich über die bisher geleisteten Beschreibungen einer Krise hinaus auch Hinweise darauf finden lassen, dass einzelne Akteur_innen sich auf diese Krise beziehen, oder – wenn man aus der entgegengesetzten Richtung auf eine vorgestellte Mitte blickt – sich diese Krise in unterschiedliche Akteur_innen einschreiben.99 Eine solche Bewegung wird innerhalb der ANT zumeist als Inskription bezeichnet. Als infralinguistisches Konzept beschreibt es kein festes Set an Abläufen, sondern hilft dabei, wie in diesem Kapitel geschehen, die konkurrierenden Versuche von Akteur_innen zu dokumentieren, die einer Krise mit dem hypothetischen Neuentwurf eines Akteur_innen-Netzwerks begegnen.

Aus steht nun eine weiterführende Rekonstruktion der spezifischen Modelle unabhängigen Radiomachens und daran gekoppelter Artikulation unabhängiger Radiomedien im operativen Gebrauch.100

 

2.1.2 Kategorien

Um die bereits in den Ursprungsnarrativen anklingende Selbstreferenz einzelner Radiorepräsentationen wie staatlich, frei oder privat weiterzuverfolgen, werde ich nun konkurrierende Inskriptionen des Radiomachens betrachten. Oder anders gefragt: Innerhalb welcher Kategorien wird das Radiomedium in Brasilien ausdifferenziert? Eine solche Betrachtung verfolgt zwei wesentliche Interessen. Zum einen soll das allgemeine Netzwerk der brasilianischen Radiodiffusion, des Rundfunks, welches bisher nur unter negativen Vorzeichen angedeutet wurde, besser erfasst werden, um einer synchronen Analyse gerecht zu werden. Zum anderen sollen die spezifischen Kategorien unabhängigen Radiomachens auf diese Weise besser situiert werden. Dabei wird deutlich werden, in welchem Verhältnis die als krisenhaft kritisierten, radialen Kategorien zu spezifischen alternativen Modelle stehen und welche legitimatorischen Lücken sich auch in letzteren auftun.

In der Literatur lassen sich drei grundsätzliche Strategien finden, die das brasilianische Radiomedium ordnen. Angeführt werden (1) technische, (2) legale und (3) deskriptive Kategorien, die perspektivisch jeweils bestimmte mediale Elemente als Unterscheidungskriterien bemühen.  Wie ich zeigen werde, hilft ihre nähere Betrachtung sowohl dabei das Forschungs-Setting besser einzugrenzen, als auch die Relevanz einzelner Kategorien für die Legitimationsfrage genauer zu erfassen. Wie ist ihre Selbstreferenz konstruiert, und in welchem Verhältnis stehen die unterschiedlichen Kategorien zueinander? Wo verlaufen klare Trennlinien, und wo verlieren sie sich?

 

2.1.2.1 Technische Kategorien

(1) Auf einer ersten Unterscheidungsebene wird Radio in der Literatur als spezifische Anordnungen künstlich hergestellter Werkzeuge oder Artefakte dokumentiert. Dabei werden tools (aber auch ihre Eigenschaften oder Funktionsweisen) dafür genutzt, einzelne Geräte-Konstellationen voneinander zu unterscheiden. Eines der wohl wichtigsten Kriterien ist dabei die Signalübertragung. Neben dem bereits erwähnten elektromagnetischen Spektrum, wo vermittels der Modulation einer Trägerwelle elektromagnetische Energie für Kommunikationsprozesse genutzt wird, lassen sich zwei weitere kategorienbildende Übertragungswege dokumentieren sowie zwei Spezifizierung des Sendens vermittels Radiowellen.101

Als rádio postes oder »Lautsprechersysteme« (sistema de alto-falante) bezeichnete Radios kommen ohne Sendegeräte für das elektromagnetische Spektrum aus und stellen eigentlich nur eine elektroakustische Verstärkung von Tönen im öffentlichen Raum dar. Der Empfang dieses eher »lokalen Übertragungstyps«102 läuft demnach ohne Empfangsgeräte ab, seine Regulierung unterliegt lokalen Aushandlungen und Gesetzen. Für seine Nutzung sind kommerzielle, politische und religiöse Zwecke dokumentiert. Umstritten ist dabei jedoch die Frage, ob die Nutzung eines solchen einfachen Lautsprechersystems die effizienteste Antwort auf ein lokales kommunikatives Bedürfnis ist oder auch Ausdruck gesetzlicher und ökonomischer Ausschlüsse vom elektromagnetischen Spektrum.103

Ebenfalls ohne die Nutzung von Radiowellen kommen sogenannte Internetradios (rádios na Internet, rádio web) aus.104 Für die Übertragung wird auf ein streaming genanntes Verfahren zurückgegriffen, welches es erlaubt, die von einem Computer an einen Audioserver gesendeten Audiosignale/-dateien dort zeitgleich von vielen weiteren Computern aus abzufragen und anzuhören.105 Imitiert wird dabei also vor allem die Idee des broadcastings, bei dem einer sendet und alle anderen zuhören. Diese Nachahmung hat die mit der Modulation von elektromagnetischen Wellen technisch jedoch nichts gemein und auch die Regulierung des Sendens im Internet unterliegt vielmehr der Nutzung spezifischer Internet-Protokolle106 und wird von nationalstaatlichen Gesetzen wenig bis gar nicht betroffen.107

Beide technischen Kategorien zeigen, wie porös die Grenze des Radiomediums ist.108 Zunächst wird deutlich, dass die Modulation von Radiowellen kein ausschließliches Kriterium ist, um Radio zu definieren, da dafür auch andere Übertragungswege genutzt werden. Eine solche Ausweitung des Radiobegriffs vervielfältigt seine technisch-materiellen Erscheinungsformen jedoch sehr stark. Dieser begrifflichen Inflation wirken die einzelnen unabhängigen Radiomachenden auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Begründungen entgegen, wie ich in den folgenden Kapiteln zeigen werde.109

(2) Innerhalb des Spektrums wiederum entfaltet sich eine weitere technische Kategorisierung, welche Radios entsprechend ihrer Wellenmodulation unterscheidet. Damit ist ein Verfahren beschrieben, mittels welchem eine Radiowelle manipuliert wird um sie als Träger für ein Signal zu nutzen. Wurde bei Radioübertragungen bis in die 1950er Jahre ausschließlich die Amplitude von Radiowellen moduliert (AM), hielt in den folgenden Jahrzehnten eine Übertragungstechnik Einzug, welche sich die Frequenzmanipulation (FM) zunutze macht. Kategorisch unterschieden wird deshalb bis heute zwischen FM-Sendern und AM-Sendern.110 Beide Übertragungsmodelle produzieren Signale mit unterschiedlichen Charakteristiken. Während AM-Signale gegenüber FM-Signalen beispielsweise eine größere Reichweite auszeichnet, sind sie zugleich anfälliger für atmosphärische Störungen und bezüglich ihrer Tonqualität der Frequenzmodulation unterlegen.111

Die Übertragung erfolgt außerdem innerhalb unterschiedlicher Bandbreiten des elektromagnetischen Spektrums. Während AM-Signale auf langen, mittleren und hohen Frequenzbereichen zwischen 30 Kilohertz (KHz) und 30 Megahertz (MHz) gesendet werden, nutzen FM-Signale die sehr hohen Frequenzen zwischen 30 und 300 MHz.112 Vor allem aus ökonomischen Gründen übertragen unabhängige Radios vor allem mittels FM-Signalen.113

Diese kategorischen Unterscheidungen bezüglich Modulation und Frequenzband sind potentiell sehr wichtig für die radiale Legitimationsdebatte, wenn man das Zustandekommen der darin angelegten Standards betrachtet. Denn die Festlegung der spezifischen Standards fußt zum einen auf den Empfehlungen der Internationalen Fernmeldeunion (ITU).114 Deren unveränderte Umsetzung oder aber Modifikation wiederum unterliegt nationalstaatlichen Regulierungsbehörden, wie im Fall Brasiliens der Nationalen Telekommunikationsagentur (ANATEL).115 Der dabei entscheidende Punkt für die weitere Betrachtung ist, dass nicht allein natürliche Charakteristiken des elektromagnetischen Spektrums die Anzahl der Nutzer_innen diktieren, sondern die Eigenschaften von Radiowellen vielmehr an einer veränderlichen, sozialen Aushandlung des Radiomediums beteiligt sind, die potentiell auch immer die Forderung ihrer Legitimation beinhalten kann. Gleiches trifft auf die aktuelle Debatte bezüglich analoger und digitaler Radiosignale zu, auf die ich später noch ausführlich eingehen werde und beir verschiedene Akteur_innen beteiligt sind, um eine neue Kategorie zu schaffen?, nämlich die des Digitalradios (vgl. 2.2.2.1).

(3) Kategorienbildend für Radios sind auch zwei weitere Arten der Signalübertragung im elektromagnetischen Spektrum, die ebenfalls ausgehandelt und nicht technisch selbsterklärend sind. Eine erste bilden sogenannte »Weitergabestationen« (retransmissoras, repetidoras).116 Kategorisch werden hier Sender zusammengefasst, die hauptsächlich dazu verwendet werden, das Signal anderer kommerzieller Radiostationen weiterzuleiten, während ihr eigener Programmanteil vertraglich auf höchstens 15 Prozent festgeschrieben ist.117 In der Praktik einer solchen Signalweitergabe generiert sich eine wesentliche Charakteristik brasilianischer Radionetzwerke (vgl. auch 2.2.2.3.).

Aktuell werden repetidoras jedoch einzig von kommerziellen Radios genutzt. Das liegt maßgeblich daran, dass eine solche Signalweitergabe, welche zum Beispiel auch die gemeinsame Ausstrahlung einer Live-Übertragung möglich macht, den genehmigten RadComs (als einzige legal anerkannte deskriptive Kategorie unabhängigen Radiomachens) gesetzlich explizit untersagt wird.118 RadComs sollen sich nicht über ihren lokalen Fokus hinaus vernetzen, wie dies beispielsweise unabhängige Radios in Bolivien 1980 taten.119 Es wird deutlich, dass die möglichen Kategorien des Radiomachens nicht von allen Modellen beansprucht werden können, zumindest nicht auf »legale Weise«. Diese Festlegung ist keinen »technischen Umständen“ geschuldet, sondern ist hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit prinzipiell verhandelbar.

Auf ähnliche Weise lässt sich auch die Definition der letzten hier dokumentierten technischen Kategorie problematisieren, nämlich die von »Radios mit geringer Sendestärke« (rádios de baixa potência).120 Dabei wird als Unterscheidungskriterium die limitierte Wattzahl herangezogen, mit der ein Signal ausgesendet wird. Gesetzlich genehmigte Community Radios beispielsweise dürfen in Brasilien mit maximal 25 Watt senden.121 Abweichend dazu werden in der Literatur aber auch 100 Watt und 250 Watt als normative Höchstgrenze für diese Kategorie angesetzt.122 Doch wie begründet sich eine solche kategorische Einschränkung der Sendestärke? Den einzelnen Definitionen unterliegen zwei wesentliche Annahmen. Ein »technischer« Grund besagt, dass Radiosignale sich in ihrer Ausbreitung relational beeinflussen und einander »stören« können, wenn sie sich auf einer Frequenz überlagern. Doch damit ist noch nicht gesagt warum einigen Sendern eine größere und anderen eine kleiner Sendestärke zugeschrieben wird. Der zweite Grund beschreibt deshalb, wie weit der Beitrag eines Radiosenders zu einem spezifischen Zweck reicht. Dieser kann einen »nationalen Umfang« von 200 Kilowatt haben, mit dem Ziel, landesweit empfangbar zu sein.123 Er kann im Fall eines Radios mit geringer Signalstärke aber auch darauf beschränkt sein, einer lokal definierten  »Gemeinde“ (comunidade) zu dienen.124

Problematisch ist an einer solchen Kategorisierung weniger die Unterscheidung spezifischer Signalstärken, welche innerhalb einzelner Radiomodelle und ihrer konkreten kommunikativen Zielsetzung ja durchaus variieren können - auch Community Radios bekräftigen meist ihren kommunalen Fokus.125 Fraglich ist vielmehr, inwiefern die Festlegung einer allgemein gültigen Definition von Radios mit geringer Sendestärke auf 25 Watt gerechtfertigt oder eher »willkürlich« erfolgt.126 Egal ob man geografische, politische (z.B. Wahlkreise) oder andere deskriptive Kriterien für eine bestimmte Gemeinde anlegt – in vielen Fällen würde ein Sender mit nur 25 Watt nicht von allen Gemeindemitgliedern zu empfangen sein und sein »Dienst“ nicht erfüllt werden können. Ein Sender mit höherer Wattzahl muss dagegen nicht zwingend eine störende Interferenz erzeugen. Und selbst wenn, würde sich die Frage einer »Störung« letztendlich synchron für alle Sendenden und ihre spezifischen Zielsetzungen stellen – und damit auch die mögliche Forderung, diese kommunikativen Zwecke als Beitrag zu einem Gemeinwohl zu rekonstruieren. Erneut gerät eine scheinbar technische Kategorie unter Legitimierungsdruck.127

Alle hier skizzierten technischen Kategorien grenzen das Radiomedium konzeptuell ein und leisten einen Beitrag zu seinem operativen Gebrauch, in dem sie die Signalübertragung und spezifische Anordnungen diverser tools beschreiben. Problematisch scheint es in Hinblick auf die hier beschriebenen Kategorien jedoch, Technik als faktische und unveränderliche Bedingungen eines Mediums aufzufassen. Dies betrifft zum einen die dargelegten materiellen Dispositive und ihre Normierung, aber auch ein rein »technisch« verstandenes Radiomachen, als Kunstfertigkeit ein Signal zu erzeugen. Anstatt eines deterministischen Faktors ist Technik »stabilisierte Gesellschaft«.128 Technik wird damit auch für die Legitimationsfrage differenzierter betrachtbar. Denn sie ist weder irrelevant, weil scheinbar neutral, noch determinierend, weil scheinbar unveränderlich. Sobald nämlich technische Sachzwänge und korrespondierende Normen erneut in ihrer sozialen Gemachtheit beschrieben werden, kann auch ihnen eine Rechtfertigung abverlangt werden.

 

2.1.2.2 Legale Kategorien

Bei der Betrachtung technischer Kategorien ist eine anteilige Festschreibung innerhalb legaler Normen angeklungen. Gesetze sind jedoch auch auf nicht-technischer Ebene an einer radialen Kategorienbildung beteiligt. Wurde Rundfunk (rádiodifusão) 1924 als ein ziviler Dienst lediglich von der militärischen Spektrumsnutzung unterschieden, zeichnete sich innerhalb der weiteren Verrechtlichung des Mediums in Brasilien bald eine weitere Ausdifferenzierung ab. Die gebräuchliche Unterscheidung von Bildungs- und kommerziellen Sendern ist jedoch nicht nur ungenau, sie existiert rein rechtlich betrachtet gar nicht.129 Denn unterschieden wurde seit den 1960er Jahren in unterschiedlichen Gesetzestexten zwischen (1) „öffentlichen“ (públicos) direkt von der Bundesregierung kontrollierten Sendern, (2) Bildungssendern, sowie (3) genehmigten (permissão, autorização) und (4) lizenzierten (concessão) Sendern. 1998 schuf die (5) Einführung des Gesetzes für Community Radios noch eine weitere legale Kategorie.130 In der folgenden Darstellung wird nicht nur die konzeptuelle Veränderlichkeit der einzelnen Kategorien in der Zeit sichtbar werden, sondern auch der teils damit verbundene Verlust ihrer gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit, der anfangs allen Kategorien normativ eingeschrieben war.

(1) Als öffentliche Radios wurden seit dem Erlass des Nationalen Telekommunikations-Gesetzbuchs (CNT, Lei 4.117) 1962 all jene Sender bezeichnet, die »direktes Eigentum der Bundesregierung« waren und »die mittels Sponsoring (patrocínio) oder Werbung staatliche Einkünfte erzielen«131 sollten. Von 1975 bis 2008 organisierte das öffentliche Unternehmen Radiobrás »einige wenige Sender, die sich fast alle der Verbreitung [...] brasilianischer Kultur und Regierungsangelegenheiten widmeten«132. Diese Auffassung der Kategorie »öffentlich« wurde mit der Gründung der Nachfolgeorganisation Brasilianisches Kommunikations-unternehmen (EBC) im Jahr 2007 jedoch nachhaltig revidiert, um sie klarer von Kategorien wie Staats- und Regierungssender unterscheiden zu können.133 Die EBC hat es als eines ihrer Ziele ausgeschrieben, »öffentliche Kanäle zu schaffen, die sich durch ihre redaktionelle Unabhängigkeit« auszeichnen.134 Darüber hinaus wurde die Aufgabe, staatliche Einkünfte zu erzielen aufgegeben und gesetzlich durch einen non-profit-Charakter ersetzt.135

Dieses Selbstverständnis nimmt damit nicht länger auf den CNT von 1962 sondern stärker auf Artikel 223 der brasilianischen Verfassung von 1988 Bezug. Dort ist eine gegenseitige Ergänzung (complementaridade) des privaten, öffentlichen und staatlichen Rundfunks veranschlagt. Damit zeichnen sich erste konzeptuelle Unschärfen ab, denn die als komplementär verstandenen Kategorien »staatliche Sender« und »private Sender« existieren in anderen Gesetzestexten nicht. Darüber hinaus setzten auch viele akademische Arbeiten jüngeren Datums (d.h. nach Gründung der EBC) öffentliche Radios weiterhin mit staatlichem Rundfunk gleich und unterscheiden davon RadComs als »öffentlich-nicht-staatliche« Sender.136 Diese Definition überschneidet sich jedoch mit dem erwähnten Selbstbild der EBC. Schließlich ist auch die undeutliche Abgrenzung zum sogenannten Bildungsfunk (rádio educativo) zu erwähnen, eine Kategorie, die sich vor Gründung der EBC auf direkt von bundesstaatlichen Institutionen kontrollierte Sender und weitere genehmigte Bildungssender erstreckte.137 Die EBC integrierte jedoch nur einen Teil dieser Radios in die sieben ihr angehörenden öffentlichen Sender, die unter anderem auch einen expliziten Bildungsauftrag haben. Damit wurde die bis dato bestehende Arbeitsteilung zwischen staatlich/öffentlichen und Bildungssendern einseitig aufgelöst, die verbleibenden Bildungssender, deren gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit bereits vorher prekär war, verloren weiter an Kontur.138

(2) Bildungssender waren seit der ersten dokumentierten Beschreibung von Radio als nationaler Bildungsauftrag 1923 (vgl. 2.1.1.1) fortwährend eine hybride Kategorie, welche sich bezüglich ihrer legalen Eingrenzung anteilig auf weitere rechtliche Kategorien verteilte. Zu erwähnen ist, dass bis 1960 alle brasilianischen Radiosender einen verbindlichen Bildungsauftrag hatten, welcher erst durch ein Präsidialdekret aufgehoben wurde.139 Seitdem wurde Bildungsradio als verallgemeinernde Kategorie für alle staatlichen und vom Staat genehmigten Sender benutzt, der Bildungsauftrag in seinem normativen Anspruch und bezüglich der einzelnen Träger jedoch mehrfach verändert.140

Eine anhaltende Kontroverse bei der Ausdeutung der Kategorie Bildungsradio ist und bleibt die Frage nach dem Verhältnis von formaler Bildung und nicht-formaler Bildung, d.h. inwiefern das staatliche Bildungssystem, z.B. im Rahmen radialer Alphabetisierungsprogramme und Unterrichtseinheiten ergänzt, oder aber Bildung im Radio didaktisch subtiler vermittelt werden sollte.141 Eine weitere Konfliktlinie betrifft die gerechtfertigte Nutzung von Bildungssendern für politische Interessen der Regierung oder ihre Organisation von redaktionell unabhängigen Trägern, wie beispielsweise der befreiungstheologischen Bewegung der Basisbildung (MEB), die in ihren Radioprogrammen der 1960er Jahre eine Bildung vornahmen, die auch ein kritisches Bewusstsein gegenüber staatlichen Institutionen schaffen sollte.142 Zwischen 1991 und 1998 existierte zudem die umstrittene Regelung, Bildungssender auch als repitidoras mit einem eigenen Programmanteil zu organisieren.143 Auch wenn diese Regelung im Rahmen des Dekrets 2.593 abgeschafft wurde, bleibt die allgemeine Ausdeutung von Bildung als radiale Praxis undeutlich.

Die aktuell gültige Definition von Bildungsradio, die auf einen Erlass zwischen Bildungs- und Kommunikationsministerium aus dem Jahr 1999 zurückgeht, lautet:

»Als Kultur-Bildungsprogramme sind all jene zu verstehen, die gemeinsam mit den Unterrichtssystemen aller Stufen und Modalitäten agieren, auf die Grund- oder höhere Bildung und die permanente Bildung und Ausbildung  für die Arbeit ausgerichtet sind [...] immer in Übereinkunft mit den nationalen Interessen«144.

Diese Vorgaben lassen auf eine aktuell eher »staatsnahe« und formelle Interpretation von Bildungsradio schließen, die in ihren Aussagen weit hinter der Differenz früherer Debatten zurückbleibt. Ob diese praktisch von Bedeutung ist, bleibt jedoch anzuzweifeln, da Bildungsfunk oftmals eine bloße »Formalität« darstelle, »denn die edukativen Erzeuger folg[t]en dieser Vorgabe nie«.145  Während öffentliche Radios trotz der relationalen Unschärfe zu anderen legalen Kategorien im Rahmen des Gesetzes 11.652 zumindest eine sehr detaillierte Selbstbeschreibung ihrer Arbeit liefern, bleiben Bildungsradios kategorisch unscharf. Sie exponieren sich für eine Infragestellung ihrer Legitimation.

(3) Die Schwierigkeit, Bildungsradios anhand von Gesetzen erschöpfend beschreiben zu können, beeinflusst auch die Legitimation einer weiteren legalen Kategorie, nämlich die genehmigter Radios. Da sich öffentliche Radios im Rahmen der EBC von der allgemeinen Kategorie der Bildungssender absetzten, fallen letztere synonym mit genehmigten Radios zusammen. Sie treffen sich zunächst in der Vorgabe nicht-kommerziell zu arbeiten und einen Bildungsauftrag zu erfüllen.146 An die Erfüllung dieser Kriterien ist formell auch die Vergabe und Verlängerung ihrer Genehmigungen gebunden. Der CNT formuliert wie folgt:

»Die Frist von Konzessionen oder Autorisierungen beträgt zehn Jahre für Rundfunkdienste [...], die für gleichlange Folgeperioden erneuert werden können, wenn die Konzessionäre alle legalen und vertraglichen Pflichten erfüllt, die gleiche technische, finanzielle und moralische Tauglichkeit beibehalten und dem öffentlichen Interesse gedient haben«.147

Auffällig ist, dass im Gesetz die Kontrolle vertraglicher Pflichten lediglich für konzessionierte Lizenznehmer nicht jedoch für autorisierte, d.h. genehmigte Radios vorgesehen ist. Empirische Studien sehen in diesem Defizit an Kontrolle auch einen wesentlichen Grund dafür, dass genehmigte Radiosender für religiöse oder politische Überzeugungsarbeit missbraucht werden.148 Die legitimatorische Krise der Kategorie »genehmigtes Radio« generiert sich jedoch bereits auf konzeptueller Ebene,  da über die initiale Vergabe einer Genehmigung keine verbindlichen Kriterien formuliert werden, welche die Kategorie normativ weiter differenzieren und damit in ihrem »operativen Gebrauch« für ein Gemeinwohl nachprüfbar machen würden.148

Darüber hinaus drängt sich bezüglich der sozialen Rechtfertigung genehmigter Radios eine weitere gewichtige Frage auf. Warum haben innerhalb dieser Kategorie bisher keine Modelle unabhängiger (legalisierungsaffiner) Radios ihren Ausdruck gefunden? Legt man allein die normativen Kriterien »nicht-kommerzieller Bildungsauftrag« und eine mögliche technische Normierung als lokaler FM-Sender mit weniger als 250 Watt an, dann würde der operative Gebrauch vieler Community Radios diese Kriterien erfüllen. Eine genaue Antwort wird sich erst im weiteren Verlauf dieser Arbeit geben lassen. Festzuhalten ist jedoch, dass allein die formal-rechtlichen Hürden der Legalisierung und die technische Normierung und Regulierung der Signalerzeugung sehr kompliziert und mit hohen Kosten verbunden sind. Diese Kriterien seien von unabhängigen Radios jedoch oft nicht zu erfüllen und stellten deshalb bis heute einen – wenn man so will »nicht legitimen« – Ausschlussfaktor dar.149

(4) Auch die Kategorie »lizenziertes Radio« stützt sich auf die für öffentliche und genehmigte Radios geltenden technischen Normierungen. In legaler Hinsicht unterscheiden sich Konzessionen dagegen vor allem in zwei Punkten von den bisher dargestellten Radiokategorien. Zum einen sind sie kostenpflichtig, d.h. für die Nutzung einer bestimmten Frequenz ist ein vertraglich festgelegter Betrag an die Bundesregierung zu zahlen.150 Zum anderen sind lizenzierte Radios wie bereits angedeutet, von einem expliziten Bildungsauftrag befreit. Ihnen wird lediglich auferlegt, fünf Prozent ihres Programms für Nachrichtensendungen (serviço noticioso) zu nutzen und wie alle übrigen Radios täglich das einstündige offizielle Informationsangebot des Bundeskongress zu übertragen.151 Damit wird deutlich, dass die gebräuchliche Kategorie »kommerzielles Radio« nicht direkt auf eine gesetzliche Definition zurückzuführen ist. Vielmehr kreiert sie dafür auf eine spezifische rechtliche Charakteristik lizensierter Stationen, die besagt, dass in deren Sendungen  »kommerzielle Werbung« (publicidade comercial) nur 25 Prozent des Gesamtprogramms ausmachen darf.152

Sowohl die erwähnten technischen Normen als auch die Lizenzgebühren sind in ihrer Legitimation problematisch, denn beide übersetzen nicht explizit einen Beitrag zu einem sozialen Gemeinwohl. Sollte dieser eher an monetären Staatseinnahmen und weniger an medialen Inhalten und Praktiken orientiert sein, so wird dies in brasilianischen Gesetzen zumindest an keiner Stelle erwähnt. Während die übrigen Radiokategorien verbindlich an einen Bildungsauftrag gekoppelt bleiben, sind konzessionierte Radios, wie bereits erwähnt, davon befreit. Um die Nutzung des elektromagnetischen Spektrums zu rechtfertigen, begründen Konzessionäre ihren Anspruch auf das elektromagnetische Spektrum deshalb oft damit, dass Radio »nicht nur ein Geschäft, sondern eben auch ein Geschäft« sei.153 Als »Missionen« dieses Geschäfts werden dann anstelle von Bildung beispielsweise die »Zirkulation von Reichtum« und »Unterhaltung« benannt.154

Unterhaltung (divertimento) und »Werbung von Rundfunkunternehmen« sind im CNT zwar als mögliche Eigenschaften von Radio beschrieben, rechtlich jedoch explizit »den edukativen und kulturellen Zielsetzungen des Rundfunks untergeordnet, die auf die höheren Interessen des Landes ausgerichtet sind«.155 Konzessionierte Sender kommen daher nicht umhin, sich mit dem edukativen Gemeinwohl auseinandersetzen. Sie können sich durch seine anteilige Erfüllung legitimieren, oder darauf verzichten, müssten dann aber ihren »untergeordneten« Status akzeptieren. Je nachdem ob oder wie intensiv Lizenznehmer_innen den radialen Bildungsauftrag ausformulieren, wäre ihre Anerkennungswürdigkeit dann auch in quantitativer Hinsicht bei der Nutzung von Radiofrequenzen herausgefordert. Denn aktuell stehen 3205 konzessionierten AM- und FM-Sendern lediglich 159 genehmigte FM-Sender gegenüber.156

(5) Quantitativ betrachtet werden alle genannten radialen Kategorien in ihrer praktischen Realisierung inzwischen von den 4242 legalisierten RadComs übertroffen.157 Eine nähere Auseinandersetzung mit ihren legalen Grundlagen, vor allem dem Gesetz 9612, relativiert diese zahlenmäßige Überlegenheit jedoch. Denn der Gesetzestext expliziert gegenüber den bisher betrachteten Radios viel ausführlicher ihren eingeschränkten Aktionsradius. Die Sendestärke von RadComs ist auf maximal 25 Watt festgeschrieben, ihre Genehmigungen gelten für einen Zeitraum von 10 Jahren, die Sender dürfen keine kommerziellen Ziele verfolgen (sem fins lucrativos) und ihr Zweck (finalidade) ist »dem der Gemeinschaft förderlichen Dienst« verpflichtet.158 Erneut wird dabei auch Bildung als ein handlungsleitendes Kriterium genannt.159

Grundsätzlich steht die allgemeine legale Beschreibung zunächst nicht im Widerspruch zu weiteren RadCom-Modellen. Auch die technische und soziale Einschränkung der Nutzung, um beispielsweise Interferenzen mit anderen Radios zu vermeiden oder den Missbrauch der Kategorie für kommerzielle Zwecke zu verhindern, werden gemeinhin gutgeheißen.160 Angezweifelt wurde jedoch bereits vor der Verabschiedung des RadCom-Gesetzes wiederholt, ob die spezifischen legalen Normen diese Absichten auch adäquat übersetzen.161 Neben der kritisierten Festlegung einer äußerst geringen Signalstärke (vgl. 2.1.2.1), lässt sich auch fragen, warum RadComs die Ausstrahlung von Werbung als Finanzierungsmöglichkeit ihres nicht-kommerziellen Dienstes für eine Gemeinschaft untersagt bleibt und lediglich ein apoio cultural genanntes Sponsoring lokaler Geschäfte und Einrichtungen (estabelecimentos) erlaubt wird.162 Sie werden damit unbegründet gegenüber anderen Radios benachteiligt. Ebenso willkürlich scheint die Festlegung, dass RadComs rechtlich nicht vor Interferenzen anderer Radios geschützt sind, wohingegen sie für den Fall, dass sie das Signal eines anderen Radios stören, ihre Genehmigung verlieren können.163 Deshalb ist festzuhalten: Die legale Kategorie RadCom begründet nicht erschöpfend, inwiefern ihre einzelnen Normen und Regulierungen dazu beitragen, den (ebenfalls gesetzlich festgeschriebenen) radialen Beitrag zum Gemeinwohl einer Gemeinde tatsächlich erfüllen zu können.

Bezüglich des Verhältnisses zu weiteren Radiokategorien ist neben einer legalen Benachteiligung auch zu erwähnen, dass die nachträgliche Schaffung der RadComs dem in der Verfassung angelegten Prinzip der Komplementarität mehrfach zuwiderläuft. Zunächst sind RadComs innerhalb der bereits erwähnten konstitutionellen Unterscheidung von privaten, öffentlichen und staatlichen Sendern nicht eindeutig zuzuordnen. Doch ohne eine weitere Explikation des Verhältnisses zu anderen radialen Kategorien bleibt fraglich, in welcher Weise der CNT von 1962 und das Pressegesetz von 1967164 auch RadComs normieren und regulieren. Dies ist immer dann der Fall, wenn einzelne Belange nicht eindeutig im RadCom-Gesetz spezifiziert sind.165 Dieses Problem ist besonders relevant, wenn es um die Sanktionierung von Gesetzesverstößen seitens der RadComs geht. Denn neben den im Gesetz 9612 vorgesehenen »milden« Strafen (Verwarnung, Bußgeld, Entzug der Genehmigung) wendet die Regulierungsbehörde ANATEL bis heute Sanktionen aus den »Gesetzestexten der Diktatur«166 an, welche gewaltsame Räumungen und die Verhängung von Haftstrafen ermöglichen.

Desweiteren bleibt die Komplementarität undeutlich, was die Befugnisse der föderalen Entitäten (Gemeinden, Bundesstaaten und Bundesregierung) angeht. Denn der CNT von 1962 schließt Bundesstaaten und Gemeinden bis heute von der radialen Normierung und Regulierung aus und spricht alle Befugnisse exklusiv der Bundesregierung und teilweise dem Bundeskongress zu.167 In der Verfassung von 1988 ist dagegen festgelegt, dass zunächst einmal die Gemeinden für lokale Belange zuständig sind und andere föderale Entitäten jegliches Abweichen von diesem föderalen Prinzip rechtfertigen müssen. Radioformate mit lokaler Reichweite in ihrem operative Gebrauch zu definieren und zu regulieren würde demnach zunächst kommunalen und eventuell bundesstaatlichen Instanzen zufallen.168 Darüber hinaus lässt sich auch fragen, inwiefern das RadCom-Gesetz nicht auch das individuelle Recht der Meinungsfreiheit einschränkt. Dieses sollte  laut der Verfassung von 1988 nur in begründeten Ausnahmefällen eingeschränkt werden, nicht jedoch wie im Fall der RadCom-Kategorie durch beständige »von der Exekutive etablierte Restriktionen«.169

 

Alle genannten Kritikpunkte bezüglich der Normierungen und Regulierungen aber auch hinsichtlich relationaler Grenzen gegenüber anderen Kategorien, verweisen bereits auf mögliche Ausgangspunkte, um die rechtliche Ungleichbehandlung von RadComs in ihrer Legitimation zu problematisieren. Zugleich besitzt die legale Kategorie RadCom ein Alleinstellungsmerkmal, nämlich die seinem legalen Ursprungsnarrativ zu Grunde liegende Forderung nach Legitimation der in Brasilien bis dato bestehenden legal verbrieften Radioformate. Während sich für die Kategorien staatlicher, genehmigter und konzessionierter Radios die Frage ihrer Anerkennungswürdigkeit nur retrospektiv klären lässt, hegte die in den 1990ern geforderte »Agrarreform in der Luft« von Beginn an den Anspruch, bestehende legale Kategorisierungen in ihrem Verhältnis zueinander zu reformieren.170 In diesem Sinne ist die legale Übersetzung der damaligen Forderungen und Kompromisse ebenfalls ein Kriterium, um die Anerkennungswürdigkeit der Kategorie RadCom weiter zu diskutieren.

Insgesamt scheinen die dargelegten legalen Kategorien die brasilianischen Radiomedien weder erschöpfend noch kohärent beschreiben zu können. Anstelle eines zentralen Textkorpus, rekurrieren die meisten Kategorien auf heterogene Dekrete, Gesetze und Erlässe, die zudem in vielen Punkten in Widerspruch zur Verfassung stehen. Für die Frage nach der Legitimation ist dabei besonders relevant, dass Normen und Regulierungen oftmals nicht mit einzelnen sozialen Zielsetzungen korrespondieren.171 Stattdessen scheinen vielen Gesetzen implizite normative Prämissen zu unterliegen, welche eine Ungleichbehandlung der RadCom-Kategorie gegenüber weiteren Radios anleiten. So muss die RadCom-Kategorie beispielsweise als störende Anomalie erscheinen, solange die »weitreichende geographische Penetration“ als »natürliche Tendenz« von Radiosendern betrachtet wird.172 Sie erscheinen dagegen als Idealform, wenn man von der Prämisse ausgeht, dass »Frequenzen in größtmöglicher Zahl vergeben werden müssten«, um damit eine möglichst vielfältige und vielen Akteur_innen zugängliche Nutzung der Radiowellen zu ermöglichen.173  Für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Radiomedium ist es deshalb notwendig, ebensolche normativen Annahmen und damit verbundene Kategorisierungen zu betrachten, die über die bisher dargelegten technischen und legalen Dimension hinausgehen.

 

2.1.2.3 Normative Kategorien

Als normative Kategorien von Radio werden im Folgenden »Prototypen der radiofonen Realisation« betrachtet, verstanden als, »eine Serie unterschiedlicher Merkmale (rasgos) die umstandsbedingten Zielen entsprechen«.174 Sie unterscheiden sich in ihren expliziten gesellschaftlichen Zielsetzungen damit von technischen Kategorien. Gegenüber legalen Kategorien, die wie dargestellt ebenfalls einen normativen Charakter haben, unterscheiden sie sich darin, eben nicht allein durch Gesetze beschreibbar zu sein. Kommerzielle Radios sind beispielsweise eine solche normative Kategorie, welche nach einer weiteren Beschreibung der darin angedeuteten gewinnorientierten Zielsetzung verlangt. Auch die kategorische Eingrenzung von Bildungsradios ist über ihre aktuelle rechtliche Festschreibung bis heute innerhalb wechselhafter normativer Ausdeutungen rekonstruierbar.175 Im Rahmen dieser Arbeit wird der Blick nun explizit auf jene normativen Kategorien gerichtet, welche dabei helfen werden, die unabhängigen Radios Brasiliens und ihre spezifischen Legitimationen weiter zu differenzieren.176

 

Innerhalb der Literatur wird diese Kategorie zunächst entlang von zwei verallgemeinernden pejorativen Definitionen ausgedeutet. (1) Die erste entfaltet sich im Begriff »illegales Radio«, verstanden als all jene Sender, die in Widerspruch zu der 1924 in Brasilien einsetzenden Verrechtlichung des Radiomediums stehen. Die positivistische Kategorisierung betrachtet alle »außerhalb der im Gesetz autorisierten Fälle« von Radio unterschiedslos als illegal.177 Von dieser initialen Verallgemeinerung aus wird meist ebenso unterschiedslos gefolgert, dass alle »illegalen Radios« im Sinne einer nicht-autorisierten »Installation oder Nutzung von Telekommunikation« eine Straftat darstellen.178 In einem normativen Sinne gesteht diese Kategorie den damit beschriebenen Sendern kein umstandsbedingtes Ziel und keine damit potentiell mögliche Legitimierung mehr zu, sondern attestiert ihnen fixe Charakteristika, nämlich die, eine Straftat zu sein.

Doch die Kopplung der Kategorie »illegal« an eine Straftat trägt wenig zu einer begrifflichen Klärung bei. Umstritten ist zunächst, ob nicht-autorisiertes Radiomachen überhaupt als ein Verstoß gegen die Telekommunikationsregulierung zu werten ist. Denn trotz der zeitweiligen Zusammenführung der Kategorien Rundfunk und Telekommunikation im Rahmen der »autoritären Verfassung« von 1967 »zum Vorteil der repressiven [staatlichen] Kräfte«, wurde in Artikel 21 der aktuell gültigen Verfassung aus dem Jahr 1988 erneut ihre Trennung festgelegt.179 Da illegale Radios also normativ (oder legal) nicht länger unterschiedslos als Straftat generalisierbar sind, versuchen weitere Ausdeutungen ihnen – erneut verallgemeinernd – nachzuweisen, dass sie »ein juristisches Gut, das gesellschaftlich als wertvoll angesehen wird, der Gefahr einer Verletzung aussetzen«.180 Dabei wird ihnen unterstellt, Interferenzen zu verursachen, die nicht nur andere Radiosender beeinträchtigen, sondern auch den Funkverkehr von Rettungsfahrzeugen und die Signalübertragungen weiterer Verkehrsmittel, was sogar zum Absturz von Flugzeugen und dem Untergang von Schiffen führen könne.181 Eine technische Studie aus dem Jahr 2008 bestätigte jedoch, dass sich kein kausaler Zusammenhang zwischen Unfällen im Luftverkehr und den Signalen von Radios mit geringer Signalstärke herstellen lässt.182 Damit beschreibt die Kategorie illegales Radio weiterhin auf normative Weise Situationen, die »juristisch nicht oder schlecht definiert sind, und deren mögliche Ausdeutungen »unzählbar sind«.183

(2) Eine andere Rechnung macht deshalb die Kategorie »Piratenradio« auf, die pauschal allen Radios ohne Genehmigung attestiert, gewinn-orientiert zu arbeiten. Ihr Ziel bestehe darin, ohne Lizenzgebühren und Steuern zu zahlen – wie dies konzessionierte Radios tun -,  elektromagnetische Wellen für kommerzielle Zwecke zu nutzen. Deshalb sei eine »Verfolgung und Schließung solcher Radios notwendig, um die Piraterie zu disziplinieren, die den Rundfunk infiziert«.184 Teilweise wird eine solche Kategorisierung auch von unabhängigen Radios oder ihren Fürsprecher_innen bedient, welche den Begriff Piraten in den 1980er Jahren zunächst selbst verwendeten. Dieser war oder ist jedoch positiv besetzt und hebt vor allem jenes Moment hervor, in dem die nicht gerechtfertigte staatlich Frequenzregulierung »geentert« wird.185 Zugleich lässt sich seitens unabhängiger Radios jedoch auch eine bewusste Abgrenzung von der Piratenmetapher beobachten, beziehungsweise ihre direktionale Umkehrung, welche die gesellschaftliche Legitimation kommerzieller Radios problematisiert und sie als die »wahren Piraten« des elektromagnetischen Spektrums zu entlarven sucht.186

Die Piratenkategorie ist wegen ihrer verallgemeinernden pejorativen Setzung, die unabhängige Radios unterschiedslos als »Banditen, Marginale, Piraten und Diebe«187 zusammenfasst, in doppelter Hinsicht problematisch. Zunächst fällt die häufige Anwendung der Kategorie seitens staatlicher Institutionen auf, welche diese normative Bezeichnung unreflektiert von brasilianischen Medienunternehmern übernehmen.188 Dieses Vorgehen steht in krassem Gegensatz zu einer allgemeinen Unschuldsvermutung und ist nicht darum bemüht, das angeblich gewinnorientierte Handeln auch nachzuweisen. Und die Gewinnorientierung ist in ihrer Ausdeutung nicht minder strittig. Denn wo genau die Grenze zwischen einer subalternen Überlebensstrategie, der Erwirtschaftung von Einkünften für wohltätige Zwecke und einem individuellen Gewinninteresse verläuft, bleibt vage.189 Die Kategorie Piratenradio erklärt damit wenig, klagt jedoch pauschalisierend viele Sender an, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, die Legitimation ihres Medienmachens zu explizieren.

Eine Strategie unabhängiger Radios, diesem kategorischen Generalverdacht zu entgehen, liegt neben einer Negation jeglicher Gewinnabsicht vor allem darin, sich in differenzierteren normativen Beschreibungen darzustellen. Zu fragen ist dabei jedoch, inwiefern die in der Literatur verwendeten ordnenden Kategorien wie alternatives, subversives, autonomes oder auch klandestines Radio mit der Begriffsbildung unabhängiger Radiomacher_innen korrespondieren, oder »von außen« herangetragen werden.190 Die Kategorie »populäres Radio« (rádio popular, rádio do povo) beispielsweise wird vor allem in akademischen Texten für eine Zusammenführung unterschiedlicher radialer Kategorien benutzt und anschließend als eine mediale Strategie partizipativer Staatsbürgerschaft (cidadania participativa) gedeutet.191 Darin ist jedoch eine wenig reflektierte analytische Vermischung von Lautsprechersystemen und FM-Sendern angelegt. Dabei können Erfahrungen „mit beiden“ oder „beider“ Radiomodelle, die auf unterschiedlichen Ebenen materieller Techniken und daran gekoppelter gesellschaftlichen Legitimationen beruhen, sehr unterschiedlich ausfallen.192 Erneut wird nicht nur die Relevanz einer »techniksensiblen« Betrachtung deutlich, sondern auch die Gefahr, die in einer Synthese radialer Kategorien zugunsten »medienferner«193 Theorieansätze liegt.

Zwei präzisere Kategorien, die sowohl in der Literatur als auch seitens der Radiomachenden verwendet werden, bilden die bereits erwähnten Freien und Community Radios. Obwohl beide in ihrer Definition umstritten sind, herrscht zumindest bezüglich der zeitlichen Vorgängigkeit Freier Radios gegenüber den RadComs Einigkeit.194 Danach gehen die Meinungen und Definitionen weit auseinander.

(3) Der Begriff Freies Radio soll in Brasilien bereits ab Ende der 1980er Jahre einige Verbreitung erfahren haben. Auf einem Treffen unabhängiger Radiomacher_innen soll zu dieser Zeit dann beschlossen worden sein, die bis dahin auch gebräuchlichere Selbstbeschreibung »Piratenradio« aufzugeben, und sich für ihre gesellschaftliche Rechtfertigung stärker an die konstitutionelle Garantie der Meinungsfreiheit anzulehnen.195 Als solche wird auch die freie Nutzung von Radiowellen interpretiert und damit bis heute der staatliche Anspruch, Radiomedien zu regulieren, zurückgewiesen. Denn dieser sei in seiner Exklusivität und repressiven Durchsetzung überaus »reaktionär«.196

Über diese Prämissen hinaus, bleibt der Begriff »Freie Radios« normativ über Jahre hinweg eine recht offene Kategorie. Die »Invasion und Besetzung der Atmosphäre« beschreibt eher eine Strategie für die »kollektive Wiederaneignung [...] subjektiver Produktionsmittel« ohne die subjektive Dimension näher einzugrenzen.197 »Sie können eine explizite politische Linie haben oder nicht und dabei sowohl politische, kommerzielle, hobbymäßige (hobísticas) und sogar pornographische Zielsetzungen verfolgen«.198

Trotz dieser Offenheit, scheint sich in Brasilien zumindest ab Mitte der 1980er Jahre ein Konsens zu bilden, der Freies Radiomachen explizit als nicht-kommerzielle Tätigkeit versteht. Ausgehend von einer rückblickenden Auseinandersetzung mit den »beiden Kernstücken« der Freien Radiobewegung Italiens der 1970er Jahre, fand eine Abgrenzung von Sendern mit kommerziellen Interessen statt, während die Radios »der neuen Linken« als positive Beispiele unabhängigen Radiomachens referiert werden.199

Parallel zu diesem Konsens etablieren sich in den 1980ern jedoch auch viele »subjektive« Interpretationen Freien Radiomachens. Darauf deuten zumindest die in der Literatur dokumentierten Subkategorien hin, wie zum Beispiel Freie Gewerkschafts-, Studierenden-, Community und populäre Radios. Aber auch Sender, die sich als Sprachrohr von religiösen Gruppen oder der brasilianischen Arbeiterpartei (PT) verstehen, bezeichneten sich mitunter als Freie Radios.200 Die explizite Bindung unabhängiger Radiokategorien an parteipolitische oder religiöse Ziele war und ist jedoch äußerst umstritten.201 Zur »Etablierung einer Ethik der Freien Radios«, wie dies in den 1980er Jahren vorgeschlagen wurde, ist es bis heute nicht gekommen.202

Stattdessen ist, neben dem bereits erwähnten nicht-kommerziellen Charakter, bis heute lediglich die kategorische Weigerung, sich im Rahmen bestehender Gesetze legalisieren zu lassen, als kleinster gemeinsamer Nenner der Freien Radios beschreibbar. Die Sender teilen den Anspruch, Radio zu machen, das »ohne die Kontrolle der Regierung« auskommt, oder gerade [so angelegt ist], um diese Kontrolle zu bekämpfen«203. Staatliche Regulierung wird generell als exzessiver, nicht-legitimer Eingriff in »individuelle Rechte“ unter dem Deckmantel der »Legalität«204 gewertet. Sich nicht legalisieren lassen zu wollen, bedeutet jedoch nicht, wie oftmals unterstellt, überhaupt nicht an der Aushandlung eines gesellschaftlichen Kompromisses für die Nutzung von Radiofrequenzen interessiert zu sein. Bereits in Texten freier Radiomacher_innen aus den 1980er Jahren wird die Notwendigkeit einer einvernehmlichen Nutzung des elektromagnetischen Spektrums angesprochen, jedoch sei »diese Verhandlung im Sinne des bestmöglichen Kräfteverhältnisses für emanzipatorische Bewegungen zu führen«.205 An der Frage, ob eine stark eingeschränkte Legalisierung wirklich das bestmögliche Verhandlungsresultat sei, schied spaltete? sich Ende der 1990er Jahre die unabhängige Radiobewegung Brasiliens.

(4) Voraus ging diesem Bruch jedoch zunächst eine weitere Ausdeutung der bereits erwähnten Subkategorie Freies Community Radio. Nur wenige Autoren gehen dabei so weit, die Entstehung des Begriffs als »typisch brasilianischen Ausdruck« darzustellen.206 Dennoch wird auch in Texten, die eine Verwendung der Kategorie Community Radio vor deren weiterer Ausdeutung in Brasilien erwähnen, stets auf einen spezifischen Übergang unabhängiger Radios zu RadComs in der ersten Hälfte der 1990er Jahre hingewiesen.207 Neben konzeptuellen Anleihen von Freien Radios sollen dabei auch heterogene Überlegungen zur Nutzung des Radiomediums für edukative, philanthropische und kulturelle Bedürfnisse von Gemeinden eingeflossen sein.208 Die auch auf zahlreichen Zusammenkünften und Foren Freier Radios geführte Debatte soll schließlich 1995 auf dem Ersten Nationalen Treffen der Freien Community Radios ihre begriffliche »Institutionalisierung« erfahren haben.209

Als verbindendes Moment der RadComs lässt sich deren mediale Verpflichtung hervorheben, einer spezifischen Gemeinde zu dienen. Darüber hinaus wird für gewöhnlich auch die nicht-kommerzielle Arbeitsweise, die inhaltliche Pluralität des Radioprogramms und die Möglichkeit, allen Interessierten ein Mitmachen zu ermöglichen, affirmiert.210 Umstritten bleibt dabei bis heute ihr Verhältnis zu Freien Radios und zum brasilianischen RadCom-Gesetz. Gegenüber den Freien Radios stilisieren sich RadComs mitunter als deren konzeptuelle Weiterentwicklung. Während Freie Radios nur aus apolitischer »Freude an der Technik« oder als Ausdruck der »Unzufriedenheit mit dem sozialen Kommunikationssystem und der konzentrierten Distribution von [Radio]-Kanälen« gesendet hätten, seien RadComs das Ergebnis einer weiterführenden politischen Aneignung des Mediums entsprechend den »Bedürfnissen der Bevölkerung«.211 Diese pauschale Evolutionsgeschichte radialer Politisierung zugunsten der RadComs wird jedoch von aktiven Freien Radiomachenden widerlegt, die sich nicht nur gegen eine Historisierung der Kategorie frei wehren, sondern sich zugleich als ein Korrektiv der »institutionalisierten" RadComs verstehen.212

In der Beschreibung von RadComs als »institutionalisiert«, steckt nicht nur eine Kritik ihrer als »Aparatismus« (aparelhismo) beschriebenen Affirmation formal-bürokratischer Organisations-formen.213 Auch ihr positivistisches Rechtsverständnis wird moniert. Diese Einschätzung übersieht jedoch, dass RadComs zwar daran interessiert sind, im Rahmen staatlicher Regulierung anerkannt zu werden, diese jedoch nicht zu einer kategorischen Voraussetzung erheben. Es gibt einen Unterschied zwischen der legalen Kategorie RadCom und Definitionen, welche die Anerkennungswürdigkeit des Medium direkt an die Bedürfnisse einer Gemeinde koppeln. Innerhalb des Gesetzes sei nur ein »Mini-RadCom« realisierbar: »deshalb respektieren die Menschen dieses Gesetz nicht. [...] Die Leute besitzen die Legitimation das Eigentum Brasiliens einzufordern«214. Damit werden von dem RadCom-Gesetz abweichende legitime Interpretationen von Gemeinde (comunidade) und mediale Modelle denkbar.215

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Legitimation des Radiomediums besonders im Rahmen der normativen Kategorien intensiv diskutiert wird. Normative Kategorien stehen dabei nicht unvermittelt neben technischen oder legalen, sondern setzen sich mit beiden auseinander und binden sie mehr oder minder explizit in einzelne Modelle ein. Zugleich ist ersichtlich geworden, dass sich unabhängige Radios gegenüber pejorativen Generalisierungen gerade vermittels einer normativen Differenzierung zu legitimieren suchen. Dabei stellen sie auch stärker als in den vorher besprochenen Kategorien ihren spezifischen Beitrag zu einem gesellschaftlichen Gemeinwohl heraus. Die normativen Kategorisierungen Freie und Community Radios unterscheiden sich und scheinen mitunter auch in Konkurrenz zueinander zu stehen. Dennoch bleibt diese Abgrenzung zueinander undeutlich, da sich die Kritik im Einzelnen oft eher auf die empirische Realisierung einer Kategorie bezieht, als auf abstrakte normative Kriterien. Deutlich wird dies vor allem in den häufigen Beschreibungen von »falschen« oder »wahrhaftigen« Freien, RadComs oder Piratenradios.216

Noch vor einer näheren Untersuchung, wie und von wem diese weiten normativen Kategorien in ein spezifisches Radiomachen übersetzt werden, lassen sich bezüglich der Legitimation Freier Radios und RadComs einige vorläufige Beobachtungen festhalten. Zum einen scheinen Freie Radios die Rolle des Staates als zentralen Legitimationshelfer stärker in Frage zu stellen als RadComs. Nicht nur deshalb, weil viele von ihnen eine Legalisierung im Rahmen des Gesetzes 9.612/98 im Jahr 1998 als »einzigen damals möglichen Konsens«217 ablehnten. Als ebenso problematisch wurde und wird die legale Einhegung radialer »Hühnerställe«218 betrachtet, die eine grundsätzliche Umverteilung der genutzten Frequenzen (und des staatlichen Regulierungsmonopols) ausschließt. Zum anderen fällt die unterschiedliche Annäherung an die Ausdeutung eines radialen Gemeinwohls auf. Freie Radios gehen dabei eher von dem weit gefassten Feld der Meinungsfreiheit aus und sehen die Bestimmung seiner Grenzen im elektromagnetischen Spektrum als einen konsens-orientierten Prozess an. Verhandlungssache ist perspektivisch die Legitimation des Radiomediums. RadComs dagegen definieren ihren Beitrag zum Gemeinwohl als konkreten Dienst von und mit einer bestimmten Gemeinschaft. Verhandlungssache ist, welche legitimen handlungsleitenden Prinzipien dafür gelten sollen.

Auch wenn die hier dargelegten Kategorien bestätigen, dass unabhängige Radios ihre gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit vor allem im Rahmen normativer Beschreibungen vornehmen, wurde ebenfalls deutlich, dass technische und legale Dimensionen einbezogen werden. Denn wie dargestellt sind diese gegenüber sozialen Prozessen weder neutral noch äußerlich. Und sie unterscheiden sich auch nicht wesentlich von normativen Definitionen, denn auch sie formulieren ja modellhafte Unterscheidungen von Radiomedien. Diese Gemachtheit verweist auf eine Veränderlichkeit und ermöglicht es zu fragen, inwiefern auch sie im Rahmen eines spezifischen Radiomachens begründet werden müssen. Der Blick eines Beobachtenden sollte deshalb stets darauf gerichtet sein, wie einzelne Radios unterschiedliche Kategorien relational verknüpfen, um sich in ihrem Radiomachen und gegenüber konkurrierenden Radiomodellen zu legitimieren. Zentral scheint in Brasilien dabei die anhaltende Auseinandersetzung zwischen der legalen Kategorie unabhängigen Radiomachens (Lei 9612) – inklusive all ihrer technischen und normativen Prämissen - gegenüber allen weiterführenden deskriptiven Ausdeutungen unabhängigen Radiomachens. Bevor ich diesen Kampf um die Diskurshoheit auch auf Ebene der Akteur_innen fortsetze, soll auf theoretischer Ebene ein auf den letzten Seiten sichtbar gewordenes Problem geklärt werden, nämlich die sich auflösende Trennschärfe der Kategorien »technisch«, »legal« und »normativ«. Auch wenn die dargestellte gesellschaftliche Gemachtheit aller drei Kategorien den Radius von Legitimationsforderungen vergrößert, ist es zugleich notwendig auf der Ebene der Beobachtenden alternative Differenzierungsstrategien transparent zu machen.

 

2.1.2.4 Theoriebaukasten II – Black Boxes und Makroakteur_innen

Die kategorische Erschließung des Akteur_innen-Netzwerks »brasilianisches Radio« zeigt, dass nicht alle Merkmale eines Radiomodells direkt seine gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit betreffen. Dennoch wurde deutlich, dass sich die Legitimationsfrage im Rahmen des Settings durchaus an alle Kategorien herantragen lässt. Die Gemachtheit der ihnen zu Grunde liegenden heterogenen Kriterien ist potentiell immer rekonstruierbar. Diese Prämisse wird innerhalb der ANT von einem wichtigen methodischen Konzept eingelöst, dem Öffnen sogenannter Black Boxes.

Die Science and Technology Studies bezogen diesen Begriff zunächst ausschließlich auf ein »technical artifact that appears self evident and obvious to the observer«.219 Innerhalb der ANT wird dieser enge Fokus auf Technik von der Überlegung aufgelöst, das Konzept der Black Boxes auch auf die gesamte Gesellschaft anwenden zu können, denn  »everything – people, organizations, technologies, nature, politics, social order(s) – are the result, or effect, of heterogeneous networks.«220 Die auf den vorangegangenen Seiten begonnene empirische Umsetzung dieser Vorannahme verdeutlicht, dass sich so nicht nur als »technisch« beschriebenen Kategorien »öffnen« lassen, sondern en détail auch die Selbstevidenz von Gesetzen und normativen Radiomodellen angreifbar wird.211

In solchen differenzierteren Beschreibungen liegt zugleich ein radikaler Bruch mit a priori vorgenommen Unterscheidungen von Mikro- und Makroakteur_innen begründet. Oder anders gefragt, worin unterscheiden sich der brasilianische Rundfunk und ein unabhängiger Radiosender, worin das Gesetz der Community Radios gegenüber dem Prinzipienkatalog eines RadComs in São Paulo? Die implizierten Größenunterschiede stellen sich aus Sicht der ANT nicht als qualitative Wesensmerkmale dieser unterschiedlichen Akteur_innen dar. Vielmehr werden Größenunterschiede produziert und sind als solche dokumentierbar. Geschieht dies nicht, besteht die Gefahr, bestehende Machtbeziehungen zu bestätigen und nicht für eine Analyse zugänglich zu machen.212 Auch die Bezeichnung »Rundfunk« ist deshalb bisher weitgehend vermieden worden. Methodisch folgt die vorliegende Arbeit der Prämisse, Größe auf die Anzahl dauerhafter Assoziationen zurückzuführen, welche eine_n Akteur_in gesellschaftlich stabilisieren. Rundfunk umfasst in seiner Beschreibung beispielsweise alle (regulierten) Radiosender, während ein brasilianischer Radiosender den operativen Gebrauch eines Radios beschreibt.

Als Assoziationen gelten dabei alle heterogenen Verbindungen, die Netzwerke konstituieren.213 Der brasilianische Rundfunk kann sich als dauerhafte Assoziationen dabei neben den betrachteten technischen, legalen und normativen Kategorien unter anderem auf repräsentative Institutionen, Lexika, Schulbücher und von Naturwissenschaftlern »naturalisierte« Explikationen des elektromagnetischen Spektrums (und davon abgeleiteten Nutzungsmöglichkeiten) stützen. Doch diese quantitative Überlegenheit entbindet den brasilianischen Rundfunk nicht prinzipiell davon, die von ihm beschriebenen Radiopraktiken und deren spezifische Mediationen eines Gemeinwohls nachzuweisen.

Auch »größere« etablierte Akteur_innen, wie der Rundfunk oder darin angelegte weitere Radiorepräsentation (z.B. konzessionierte Radios) können potentiell aufgefordert werden, ihre Legitimation mit der »gleichen Intensität«214 unter Beweis zu stellen wie jedes unabhängige Radio. Zugrunde liegt diesem symmetrischen Blick folgende Prämisse: »[all] differences in level, size, and scope are the result of a battle of negotiation«.215  Darin angelegt ist jedoch auch die Möglichkeit – und das ist für die Legitimation unabhängiger Radios so bedeutsam – den operativen Gebrauch von Radiomedien über eine nur punktuelle Reformierung des bestehenden Rundfunks hinaus verhandeln zu können.

Dafür ist zunächst (wie teilweise schon geschehen) eine umfassende Bestandsaufnahme der einzelnen Assoziationen unterschiedlich »großer« Akteur_innen zu leisten. In einem zweiten Schritt kann die Dauerhaftigkeit dieser Assoziationen dann auf ihre gesellschaftliche Legitimation hin untersucht werden.216 Zu analysieren, wie einzelne Assoziationen in Relation zu einem gesellschaftlichen Gemeinwohl stabilisiert oder destabilisiert werden, stellt deshalb ein zentrales Moment für die weitere Arbeit dar. Jede einzelne Inskription von Radio deutet bereits ein Medium an. Denn unterschiedlich große Radios stehen nicht in einem hierarchischen Verhältnis zueinander sondern deuten eine mediale Vielfalt an, die den Rundfunk als medialen Horizont des Vorstell- und Machbaren herausfordern.217

Für das weitere Mapping der brasilianischen Radiomedien ist es deshalb notwendig nach Zugängen zu suchen, die näher an die Konfiguration218 des Medienmachens heranführen und dabei auch die Beschreibungen der Medienmachenden erschließen. Im Folgenden beginne ich deshalb nun damit die einzelnen in der Literatur benannten Akteur_innen zu dokumentieren, um zur »erschöpfende[n] Benennung aller Größen für [die] kumulative historische Entwicklungen«219 brasilianischer Radiomediationen beizutragen.

 

2.1.3 Entitäten

Um alle für Radiomedien konstitutiven Größen zu dokumentieren, ist es notwendig, sich ihren heterogenen Repräsentationen ontologisch möglichst offen zu nähern. Anstatt bereits im Vorfeld kategorische Unterscheidungen zwischen Subjekten, Dingen, Symbolen, Handlungen und Zuständen zu treffen und dann dementsprechende Hinweise aus der Literatur zuzuordnen, ist die folgende Unterscheidung aus dem Mapping heraus gewonnen wurden. Dabei sind alle medialen Akteur_innen und Elemente unvoreingenommen als Entitäten zusammengefasst.220 Die vorgenommene Explikation widersetzt sich damit der dichotomischen Ordnung von Subjekten und Objekten. Ausgehend vom Konzept der Akteur_innen-Netzwerke wird vielmehr eine Relationalität, im Sinne gegenseitiger Befähigung und Transformation zwischen den heterogenen Entitäten veranschlagt und diese allesamt als »soziale Akteure« behandelt.221

Als Entitäten, die Radio in seinem operativen Gebrauch vermitteln, lassen sich in der Literatur (1) menschliche und (2) nicht-menschliche Akteur_innen unterscheiden. Zugleich werden spezifische Vorstellungen von (3) Hörer_innen formuliert. Im Folgenden wird deutlich werden, dass diese grobe Unterscheidung nach einem Sender/Empfänger-Schema nicht nur porös sondern auch zu lückenhaft ist, um Radiomedien in ihrer gesellschaftlichen Relationalität erschöpfend zu beschreiben. Zusätzlich ist es nötig sich mit (4) spezifischen Vermittlern (z.B. Regulierern) und (5) kollektiven Repräsentant_innen einzelner Radiomodelle auseinanderzusetzen. Geleitet und eingegrenzt wird diese Betrachtung von der Frage, inwiefern die Analyse radialer Legitimation im Rahmen einer solchen Akteur_innenanalyse konzeptuell und begrifflich an Differenz gewinnen kann.

 

2.1.3.1 Radiomacher_innen

Der allgemeine Ausdruck »Radioleute« (gente da rádio) hatte in den 1930er und 1940er Jahren in Brasilien einen recht pejorativen Beigeschmack und stand umgangssprachlich für »schlecht bezahlte Talente«222. Unterschieden wurden dazu jedoch auch die »großen Männer des Radios“ (grandes homens da rádio), zu denen Philanthropen der brasilianischen Oberschicht wie Roquette Pintol, vor allem aber Medienunternehmer wie João Jorge Saad, dem Gründer von Rádio Banderante oder auch Assis Chateaubriand, Gründer von Diários e Emissoras Associados, gehörten.223 Gemein ist den  Akteur_innen dieser »Pioniergruppen des Rundfunks«, dass sie nicht länger als Amateur_innen sondern als »professionelle Radialisten« beschrieben werden.224 Und in dieser Professionalisierung zeichnet sich auch die zunehmende Ausdifferenzierung und Festigung der einzelnen Rollen beim Radiomachen ab.

Am ausführlichsten werden dabei in der Literatur die hörbaren Akteur_innenrollen beschrieben. In den Texten wimmelt es vor Musiker_innen, Sänger_innen, Moderator_innen (locutores), Sprecher_innen und Synchronisator_innen (dobladores).225 Deutlich wird dabei in historischer Perspektive, die Vergänglichkeit bestimmter Akteur_innenrollen wie Radioorchester oder Radiodarsteller (rádioatores), die Emergenz neuer Akteure wie Disk Jockeys und die Kontinuität der hervorragenden Moderator_innenrolle.226 Ebenso kontinuierlich finden Radioreporter, als dominante Repräsentant_innen journalistischer Tätigkeiten Erwähnung. Die eigentliche redaktionelle Arbeit wird dagegen ausgeblendet, erwähnt höchstens einzelne weitere Rollen, wie Korrekturleser_innen oder Chronist_innen.227 Ebenso unterrepräsentiert bleiben die an der Verwaltung eines Radios beteiligten Menschen sowie alle Radiotechniker_innen, von denen wenn überhaupt die Operateure (operadores) an den Mischpulten Erwähnung finden.228 Über all diesen Akteur_innen thront in den Beschreibungen in der Regel ein »Direktor«, eine Rolle, die explizit eine hierarchische Organisation von Radio andeutet. Von seiner Anwesenheit pauschal abgeleitet werden Professionalität und Qualität, zwei bis heute legitimatorisch verwandte Merkmale.

Die Anerkennungswürdigkeit von unabhängigen Radiomacher_innen scheint gegenüber dieser allgemeinen Charakterisierung menschlicher Akteur_innen in einem zwiespältigen Verhältnis zu stehen. Zum einen werden Rollen, wie Moderator_in oder Korrespondent_in übernommen. Gleichzeitig sind Modifikationen erkennbar, wenn einzelnen Akteur_innenbezeichnung das Attribut »populär« vorangestellt oder von »aktivistischen Kommunikatoren« (comunicador militante) gesprochen wird.229 Seitens Freier Radios werden als wichtige Akteur_innen zudem Techniker_innen und »Elektronikbastler« (bricoleurs da eletrônica) benannt, welche fähig sind Sendegeräte herzustellen und zu reparieren.230  Auf vielfältige Weise wird in Beschreibungen unabhängiger Radios eine spezifische Andersartigkeit ihrer Akteur_innen gegenüber konzessionierten Radios konstruiert, welche auch eine Legitimationsquelle darstellen kann.231

Darin eingeschlossen ist ebenso die Rollenverteilung bei der Verwaltung oder gemeinschaftlichen Organisation eines Radios. Während innerhalb Freier Radios oft auf eine formelle Ausformulierung von Ämtern oder Rollen verzichtet wird, affirmieren RadComs eher Akteur_innen wie Führungskräfte (lideranças), Vorsitzende (diretores) oder Vorstände (diretorias).232 Diese Rollen  werden dann jedoch explizit befristet und normativ begrenzt. »[V]orsitzende schulden in ihrem Handeln der  Gemeinschaft Befriedigung«233. Führungskräfte müssen über ihre eigene Partizipation hinaus die Teilhabe – und Befähigung dazu – an die Gemeinde weitergeben.234 Radio wird als ein_e kollektive_r, arbeitsteilige_r Akteur_in beschrieben, welche_r sich in spezifischen Koordinationsgruppen und -räten organisiert – »Radioeigner« (donos da rádio) werden gemeinhin ausgeschlossen.235

Das Aufbrechen fester Hierarchien und die transparente Verwaltung, die hier veranschlagt werden, gehen weit über die formalen Anforderungen des RadCom-Gesetzes hinaus. Denn zunächst wird der formal-rechtliche Vorstand der Radios dort in seinem Handeln nicht explizit an die Einhaltung der legalen Zielsetzungen des RadComs gekoppelt.236 Außerdem repräsentiert der Vorstand laut Gesetz nicht direkt das RadCom sondern einen Verein bzw. Stiftung, die als eine ihrer Aktivitäten ein RadCom organisiert. Warum das Gesetz eine solche Entkopplung forciert, bleibt offen.237 Vielmehr verdeutlicht das RadCom-Gesetz in seinen strittigen formalen Auflagen den anhaltenden Konflikt bei der Bestimmung legitimer Radioakteur_innen. Inwiefern beeinflussen die legalen Vorgaben auf der Akteur_innenebene die Radiomachenden bei der kollektiven Ausdeutung des Mediums? Und inwiefern werden damit bestimmte hierarchische Rollenzuschreibungen reproduziert?

Insgesamt lassen sich mindestens drei offene Debatten dokumentieren, welche direkt die Anerkennungswürdigkeit unabhängiger Radiomacher_innen betreffen. Zunächst stellt sich auf normativer Ebene weiterhin die Frage, welche Rollenverteilung für die Organisation und Verwaltung eines Radios notwendig ist und wie stark diese hierarchisiert und formalisiert werden sollte.237 Eine daran anknüpfende Frage betrifft die Professionalisierung von Radioakteur_innen. Freie Radios kritisieren diesen Selbstanspruch seitens etablierter Medien als ein Ausschlusskriterium (z.B. die in Brasilien gesetzlich regulierte Akteur_innendefinitionen »Journalist«) das Senden zu einem Privileg macht.238 Teilweise droht der Anspruch, RadComs müssten einen qualitativ hohen Standard erreichen, jedoch genau solche privilegierten Zugänge zu reproduzieren.239  Und schließlich fällt beim Mapping der Literatur auf, dass Genderfragen bei der kritischen Auseinandersetzung mit Akteur_innenrollen im Radio kaum besprochen werden. Nur sehr allgemein wird erwähnt, dass die »Frauen« oder »Homosexuelle« als spezifische soziale Bewegungen sich das Medium aneignen. Oder es wird die stereotype Darstellung von Frauen in Medien kritisiert.240 Ob eine nähere Auseinandersetzung mit der Prädominanz männlicher, heterosexueller Akteure beim Radiomachen stattfindet, kann eine reine Literaturschau nicht beantworten.241

 

2.1.3.2 Hörer_innen

»Nirgends werden die Medien ein vollständig konstituiertes Publikum finden [...], in seiner unterstellten Globalität bleibt es ein Artefakt, nützlich für einige Repräsentationen aber auch unerreichbar da es widersprüchlich, dispers und multipel ist.«242

In essentialistischen Beschreibungen, sind ein passives Publikum und aktive Machende stets die konstitutiven Teile von Radiomedien (vgl. 2.1.1.2). Wenn man jedoch die Vorgängigkeit des »verehrten Publikums«, welches stets stumm darauf wartet, dass ein neues Medium auftaucht, in Frage stellt, lässt sich diese Black Box einer passiven homogenen Menge aufbrechen. Auch im Fall der Radios sind in der Literatur vielfältige und aktive Akteur_innenbeschreibungen von Hörenden aufspürbar, welche zu einer differenzierteren Analyse einzelner Radiomedien beitragen.243

In seiner allgemeinsten Beschreibung erscheint das Publikum als kollektive_r Akteur_in zunächst als anonyme Zuhörer_innenschaft (audiência), die in ebenso unterschiedslose Hörer_innen (ouvintes) zerfällt.244 Deutlich wird auch, dass diesem generelle Blick auf die Hörenden ständig wechselnde Prämissen unterliegen. Zunächst ist davon die quantitative Dimension der Hörenden betroffen, welche in Brasilien anfänglich nur eine kleine gesellschaftliche Elite umfasste und erst ab den 1940er Jahren (für zwei Jahrzehnte) als Massenhörer_innenschaft imaginiert wird.245 Daran war zugleich auch der Anspruch gekoppelt, als Radio eine möglichst große anonyme Menge an Hörenden zu versammeln. Doch ein_e solch_e massive_r Akteur_in stand mit der Einführung des Fernsehens in den 1950er Jahren immer weniger zur Verfügung, vielmehr begannen die Radiomachenden sich neue Publika zu suchen. In der Literatur wird von einer einsetzenden »Segmentierung« und »Regionalisierung« gesprochen.246

Offengelegt werden damit auch viele implizite Vorstellungen, die bis dahin im allgemeinen Publikumsbegriff verborgen geblieben waren, wie zum Beispiel »Landmensch« (homem do campo) oder »urbane Mittelklasse“; auch eine stärkere Segmentierung nach dem Alter der Hörenden lässt sich beobachten.247 Anstelle der vor dem Empfängergerät versammelten »Familienhörerschaft« treten zunehmen »zerstreute Individuen«248, die mal als »Bürger_innen«, »Konsument_innen«, »Kund_innen« oder »Nutzer_innen beschrieben werden.249 Ohne die damit verbunden Implikationen für die einzelnen Akteur_innenrollen hier im Detail weiterzuverfolgen, deuten sich implizit bereits stark divergierende Auffassungen von Radio an. Während Konsument_innen Radiomedien anteilig in einer Warenform beschreiben, impliziert der Begriff der »Bürger_innen« eine einflussreichere Hörer_innenrolle und deutet eine gewisse Mitbestimmung an.

Doch wie groß beziehungsweise wie aktiv ist diese Teilhabe im Einzelnen definiert? Auch einem eher passiven Publikum wird grundsätzlich durchaus zugetraut »auf der Suche nach Informationen« zu sein. Doch erschöpft sich dieses Begehren wirklich darin, »auf geordnete Art und Weise Nachrichten“ zu empfangen?250 Unabhängige Radios streuen hier konzeptuelle Zweifel, zuvorderst an informationstheoretischen Kommunikationsmodellen, die einzig die unilaterale Übermittlung von Botschaften von Sender_innen zu Empfänger_innen vorsehen.251 Entsprechend der Prämisse, dass der vollständige Kommunikationsprozess einen Austausch (troca) darstelle, wird den Empfänger_innen zugestanden ebenfalls Botschaften zurückzusenden, »um sich damit in ein aktives Subjekt des [Kommunikations-]Prozess zu wandeln«.252 Sicherlich, ein solches »Feedback« wird  auch von vielen systemtheoretischen Entwürfen vorgesehen, entscheidend ist jedoch dessen Umdeutung zu einem dialogischen Modell, »innerhalb welchem die Personen schließlich auf reziproke, aktive und produktive Weise sprechen könnten«.253

An dieser Stelle ließe sich einwenden, dass die dialogische Akteur_innenanordnung die kritisierte Dualität tendenziell reproduziert. Eine entscheidende Veränderung liegt jedoch darin, dass die  Rollen von »Hörenden« und »Sprechenden« stärker dynamisiert und austauschbar werden. Hörende werden aufgerufen selbst Radio zu machen und nicht länger nur Hörende zu sein. In vielen Texten zu Freien und Community Radios werden Hörende oder Publikum deshalb nicht explizit erwähnt, beziehungsweise als zu überwindende Akteur_innenrollen dargestellt.254 Freie Radios dekonstruieren das Publikum beispielsweise ausgehend von der Prämisse, dass die Absage kommunikativer »Spezialisten« auf der Senderseite auch eine Proliferation von Autor_innen evoziere. Der ehemals pejorativ besetzte Begriff des »Amateurs“ (amador) wird neu bewertet, »denn könnte er nicht Ausdruck sein von einem Rollenwechsel, von einer Rebellion der Rezipienten außerhalb der Institutionen [...]?«.255

Dieses »Außerhalb« tradierter radialer Institutionen greifen RadComs begrifflich offensiv im Rahmen des kollektiven Akteur_innenbegriffs der Gemeinschaft (comunidade) auf. Eine solche kann sowohl aus geographischen Bezügen wie Stadtteil, oder als spezifische soziale Schichten (z.B. subalterner Sektor) oder Gruppen (z.B Frauen) zusammengesetzt sein. Entscheidend ist dabei jedoch vor allem, dass das Radio nicht nur ein »neutrales« Kommunikationsmittel für die Gemeinschaft darstellt, sondern einen Prozess ermöglicht »in dem Nachrichten von dieser Gemeinschaft geschaffen werden, ohne dass dabei die Rollen von Rezipient_innen und Produzent_innen polarisiert würden«256. Vielmehr ermöglicht Radio in informationstheoretischer Perspektive damit die Zirkulation von Nachrichten innerhalb einer Gemeinschaft, die in ihrer Gesamtheit Zugang zum Radio hat, um Nachrichten zu senden, zu hören oder zu beantworten.257

In den Aus- und Umdeutungen der Hörer_innenschaft als mediale Entität wird deutlich, dass hier spezifische Anerkennungswürdigkeiten von unabhängigem Radiomachen rekonstruiert werden. Anstatt auf ein abstraktes Publikum nehmen die Modelle dabei direkt Bezug auf die Bevölkerung (povo).258 Unabhängige Radios führen ihre Legitimation damit über die messbare Einschaltquote, sei es als uniformes oder segmentiertes Massenpublikum, hinaus. Sie weisen darauf hin, dass die Bevölkerung als Hörende per Definition ihrer »Stimme beraubt« sind.259 Die Bevölkerung auf spezifische Art und Weise als aktiven Teil des Mediums zu affirmieren, scheint deshalb auch als Legitimationsstrategie unabhängiger Radios rekonstruierbar.

 

2.1.3.3 Nicht-menschliche Akteur_innen

Bei näherem Hinschauen zerfällt der Makroakteur Publikum nicht nur in eine dynamische – von Auflösungserscheinungen geplagte – Hörer_innenschaft, sondern auch in einen heterogenen Haufen materieller Artefakte: Transistorradios, Autoradios, Stereoanlagen, Handys mit eingebautem FM-Empfänger, etc. Über ihren Status als materielles Ding hinaus, lassen sich Radioempfänger auch als einer von vielen nicht-menschlichen Akteur_innen260 von Radios analysieren, welche relational an am operativen Gebrauch von Medien beteiligt sind. Ihnen kommt dann u.a. eine spezifische Widerständigkeit zu, da sie zum Beispiel nicht ohne weiteres »umgedeutet« werden können, um die Sender-Empfänger-Dualität zu durchbrechen. Anderseits lassen sich jedoch seit den Anfängen von Radiomedien auch »rebellische« Empfangsgeräte dokumentieren, die außerhalb der gesetzlichen Regulierung des Radiomediums operieren.261 Und schließlich beeinflusst ihre sich wandelnde Mobilität (z.B. die Miniaturisierung durch Transistoren) und »Unabhängigkeit« (Batteriebetrieb) auch den Wirkungskreis von Radiomedien.262 Kurzum, dieser hier exemplarisch umrissene Blickwinkel ist nicht daran interessiert, materielle Artefakte zu handelnden Akteur_innen zu verklären, sondern, die oft als »nicht-soziale« Infrastruktur subsummierten Anteile des Radiomediums differenziert in ihrer anteiligen Vermittlung von Gesellschaft betrachten.

Der Analyse nicht-menschlicher Entitäten in brasilianischen Radiomedien unterliegt im Allgemeinen die Unterscheidung von »intermediären technologischen Apparaten« und von ihnen transportierten Inhalten.263 So lange beide als gemachte und sozial veränderliche Größen beschrieben werden, ist eine erschöpfende mediale Beschreibung zumindest potentiell möglich.264 Sobald die Beschreibung der Infrastruktur jedoch als nicht-soziale, rein technische Innovationsgeschichte beschrieben wird, erlangen die »Apparate« eine problematische Selbstevidenz. Sie werden zu black boxes.

In der Dokumentation unabhängiger Radios wird deutlich, dass diese Schwarzen Kisten der »Infrastruktur« oftmals mit einem argumentativen Brecheisen bei kommen: Kommunikations-prozesse stellen »eine Beziehung zwischen Personen und Dingen« dar.265 Dementsprechend detaillierter fällt auch ihr Blick auf Verstärker, Sender, Mikrofone und Antennen aus.266

Die Einbindung dieser Entitäten in das unabhängige Radiomachen wird damit gerechtfertigt, dass die »technischen Eroberungen der Menschheit«267 für alle zugänglich und nutzbar seien sollten. Mit dieser Argumentation lässt sich das Senden selbst jedoch nur bedingt legitimieren. Auch wenn es explizit an einem spezifischen Gemeinwohl orientiert ist, kann gerade die Anwesenheit der dafür notwendigen nicht-menschlichen Entitäten die Anerkennungswürdigkeit der Radios unterminieren. Einer der am häufigsten gebrauchten Einwände ist der Vorwurf, unsachgemäß gebrauchte Sendetechnik mobilisiere störende bis gefährliche nicht-menschliche Akteur_innen, allen voran sogenannte »Interferenzen«. Diese ungewollten Größen lassen sich jedoch ebenso gut bei kommerziellen Sendern aufspüren.268 Interferenzen (vgl. 2.1.2.1) pejorativ einzig auf Seiten unabhängiger Radios zu monieren, verweist deshalb auf eine mögliche Delegitimierungsstrategie, der eine asynchrone Betrachtung nicht-menschlicher Akteur_innen zu Grunde liegt.

Auch Interferenzen als nicht-menschliche_n Akteur_in zu bezeichnen geht über den bisherigen Fokus auf materielle Entitäten hinaus. Eine ganze Reihe ebenso schwer zu fassender wie gewichtiger »Umweltfaktoren« und »natürlicher Phänomene« geraten in den Blick, Größen, die das Radiomedium nicht nur umgeben, sondern aktiv an dessen operativem Gebrauch beteiligt sind. Elektromagnetische Wellen mögen zunächst »überall« anzutreffen sein, beim Radiomachen jedoch kommt ihnen eine entscheidende Rolle (bei der Signalerzeugung) zu.269 Auch die vorhandene oder nicht vorhandene »elektrische Energie« um Radiowellen zu modulieren (oder diese modulierten Wellen zu empfangen) hat großen Einfluss auf den Prozess der radialen Mediation.270 Am ausführlichsten wird in der Literatur jedoch auf das Verhältnis von Radios gegenüber dem elektromagnetischen Spektrum und der Definition dieses immateriellen Akteurs eingegangen.

Die bemängelte »Esotherisierung« des elektromagnetischen Spektrums scheint ein Stück weit auch auf die Schwierigkeit zurückzugehen, einen Metacode zu finden, der den minimalen Konsens des Gemeinten umreißt.271 Stattdessen zirkuliert das elektromagnetische Spektrum unentwegt zwischen verschiedenen perspektivischen Prämissen. Eine erste geht dabei davon aus, dass elektromagnetische Spektrum sei eine natürliche Ressource, die unabhängig von der Gesellschaft existiere.272 Auf ontologischer Ebene lässt sich darüber streiten, ob so etwas wie »rein natürliche« und »rein gesellschaftliche« Entitäten unterscheidbar sind.273 Sobald eine natürliche Ressource jedoch als »knapp« bezeichnet wird, scheint diese nicht länger außerhalb, sondern in Relation zu gesellschaftlichen Bedürfnissen beschrieben zu werden.274

»Ressourcen sind demzufolge gemessen an den unendlichen Bedürfnissen der Individuen immer schon knapp. Diese Knappheit wird nicht als Resultat einer spezifischen Vergesellschaftungsweise aufgefasst, sondern als ganz selbstverständlicher Ausgangspunkt«275

Die Aufteilung des elektromagnetischen Spektrums in eine endliche Anzahl von Frequenzen und deren jeweils begrenzter, exklusiver Nutzung innerhalb nationalstaatlicher Grenzen wird in eine black box verschoben und erscheint »natürlich«. Nun stellt sich gegenüber einer so naturalisierten Ressource die Frage des Eigentums und des Zugangs. Dabei kollidieren zwei unterschiedliche Auffassungen, nämlich jene, die das elektromagnetische Spektrum als »Weltkulturerbe« auffasst und jene, die den Staat als Eigentümer einer Ressource veranschlagt.276 Bereits die Freien Radios Brasiliens der 1980er Jahre fragen, worin diese staatliche Inszenierung als »legitimer Eigentümer« begründet sei und behaupten,  sein Anspruch sei unberechtigt.277 Tatsächlich liegt in der Behauptung, das elektromagnetische Spektrum sei Staatseigentum wohl eher eine analytische Unschärfe. Die dem Staat unterstellte »Doppelrolle als Eigentümer und Regulierer«, wird explizit nicht eingefordert, wohl aber das zweite »Privileg«: die Nutzung einer Ressource zu regulieren.278

Dennoch, mitunter erscheint das elektromagnetische Spektrum durchaus als zeitlich befristetes Eigentum, nämlich dann, wenn es anteilig, per staatlicher Konzession, an private Unternehmen und Körperschaften übertragen wird. Hier stellt sich die Frage, ob und wie diese Praxis zu rechtfertigen ist, wie das Weltkulturerbe bzw. die Ressource des elektromagnetischen Spektrums innerhalb nationaler Gesetze und Verfassungen genutzt werden sollte. Eine große Anzahl von Autor_innen interpretiert das Spektrum dabei als »öffentliches Gut“ (bem público) oder »öffentliche Ressource (recurso público).279 Wegen seiner scheinbar natürlichen Knappheit, aber auch seiner kommunikativen Bedeutung für das »öffentliche Interesse“, wurde seine Regulierung lange Zeit unwidersprochen an »öffentliche Institutionen“280 gekoppelt: »Anfang der Dekade der 1980er erkannt auch die UNESCO die Zentralität des Staates für die Kommunikation an«.281

Dieser selbsterklärende Rekurs auf das Adjektiv »öffentlich« wird in Brasilien jedoch seit 1988 verfassungsrechtlich herausgefordert, da dort neben der Dichotomie öffentlicher und privater Güter auch diffuse »Umweltgüter« unterschieden werden, welche unter anderem das »Recht für Alle« an diesen Gütern teilzuhaben umfasst.282 Infrage gestellt wird vor diesem Hintergrund die Legitimation des aktuellen modus operandi des staatlichen Spektrumsmanagement, der – ironisch gesagt – das Spektrum in seiner Rolle als mediale_r Akteur_in bevorzugt »den Freunden des Königs zur Verfügung stellt, die Geld in der Tasche haben«.283

Neben der konstitutionellen Argumentationslinie lässt sich seit einigen Jahren zusätzlich eine Auseinandersetzung mit dem Konzept des »Offenen Spektrums« (espectro aberto) feststellen.284 Nicht von grundrechtlichen Konzepten, sondern von einem historisch gewachsenem »cultural lag«285 aus besehen, wird der statische Regulierungsanspruch als zu weitreichend und für eine effektive Nutzung der Radiowellen als hinderlich kritisiert.286 Die Interpretation des elektromagnetischen Spektrums als Umweltgut überschneidet sich mit einem breiteren Konzept, das in den vergangenen Jahren auch in der brasilianischen Debatte zu finden ist. Die Rede ist von Allmende, commons und Gemeingütern.287 Sie stimmen mit den Umweltgütern perspektivisch in einer wesentlichen Feststellung überein. »Wenn es so ist, dass die Gesellschaft die Eigentümer des Spektrums sind [...] dann haben sie auch das Recht zu bestimmen, welche die Spielregeln sind«.288

Fasst man das elektromagnetische Spektrum wie vorgeschlagen als Akteur_in auf, wird deutlich, dass es eine Vielzahl darin konvergierender und es stabilisierender weiterer Akteur_innen enthält. Oder anders gesagt, es wird exemplarisch als ein Fraktal interpretierbar, welches die bisher disjunktiv voneinander unterschiedenen gesellschaftlichen, natürlichen und auch technischen Beschreibungen überschreitet. Für die Frage nach medialer Legitimation ist diese analytische Neuordnung insofern relevant, als dass sich die in den Texten als extern und passiv beschriebenen Werkzeuge, Umweltfaktoren oder Naturgesetze nun als aktive Komponenten von Radiomedien rekonstruieren lassen. Anerkennungswürdiges Handeln wird potentiell am Zusammenspiel aller an der Signalerzeugung beteiligten Entitäten analysierbar.289 Das elektromagnetische Spektrum ist dabei insofern ein_e unverzichtbar_e Akteur_in, als dass Radios dieses für die Realisierung ihres Beitrags zum gesellschaftlichen Gemeinwohl benötigen. Dabei wird jedoch nicht nur die anteilige Nutzung eines statischen global players gerechtfertigt. Vielmehr scheint in den konkurrierenden Ausdeutungen und relationalen Verknüpfungen zum Radiomachen ein ganz wesentliches Moment des Legitimationsprozesses zu liegen.

 

2.1.3.4 Vermittelnde Akteur_innen und Netzwerke

Bei der Betrachtung nicht-menschlicher Akteure sind bereits eine Reihe gesellschaftliche_r Vermittler_innen sichtbar geworden, die nicht unbedingt zu den »klassischen Radiomacher_innen« zählen. Nun sollen weitere Akteur_innen betrachtet werden, die Radiomedien beeinflussen, jedoch nicht unmittelbar an der Signalerzeugung beteiligt sind, wie beispielsweise die »Open Spectrum Foundation« oder die Black Box des brasilianischen Staates. Die relationale Darstellung solcher Vermittler_innen in der Literatur variiert stark, die Beschreibungen sind äußerst heterogen. Um nicht in dabei vorgeschlagene dichotome Unterscheidungen wie kommerziell/nicht-kommerziell bzw. staatlich/nicht-staatlich zurückzufallen, stütze ich mich in der folgenden Analyse stärker auf die wiederkehrenden deskriptiven Kategorien der untersuchten Texte. Dazu zählen (1) Akteur_innen des Medienmarktes, (2) Medien-Netzwerke, (3) Nachrichtenagenturen, (4) zivilgesellschaftliche Akteur_innen, (5) Parteien und Politiker_innen sowie (6) einer Vielzahl von Regulierer_innen.

(1) Der »Medienmarkt« allein kann wie bereits dargestellt Radiomedien nicht erschöpfend beschreiben.290 Dennoch lassen sich aus den anteilig beteiligten kapitalistischen Produktions- und Eigentumsverhältnissen wichtige Akteur_innenrollen ableiten. Neben Radio-Unternehmer_innen im weiteren Sinne werden dabei zunächst Konzessionär_innen und Aktionär_innen unterschieden, welche den 9682 kommerziellen Radio- und TV-Sender (vgl. Fußnote 40) Brasiliens zuzurechnen sind.291 Ihr intensive und exklusive Beanspruchung des elektromagnetischen Spektrums, führt vieler Orts wie bereits erwähnt zu einer Knappheit verfügbarer Frequenzen. Deshalb werden Radiounternehmer_innen normativ-analytisch mitunter auch als »Grundherren« (coronéis) oder als »Latifundisten der Kommunikation« kritisiert, da die große Anzahl der von ihnen genutzten Frequenzen einer pluralen Nutzung des Spektrums zuwider läuft.292 Eine zweite in Akteur_innenrollen veranschaulichte Kritik findet sich in den Beschreibungen von »Strohpuppen« (laranjas) und Verwandten (parientes), die seitens Medienunternhmer_innen ersatzweise als formelle Eientümer_innen eingesetzt werden, die auf Grund ihrer politischen Ämter offiziell nicht länger Radio- oder TV-Stationen besitzen dürfen.293 Beschrieben werden von den beiden Kritiklinien damit Medieneigentümer_innen, die in ihrer gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit krisenhaft erscheinen.

Neben einzelnen privaten Eigentümer_innen werden auch spezifische Makroakteur_innen rekonstruiert und Körperschaften thematisiert, die mehrere Radios kontrollieren. Diese »Medienmultis« werden im Allgemeinen als »oligopolistische Gruppen mit großer politischer Macht« beschrieben.294 Darunter nur privatwirtschaftliche holdings oder »Familienimperien«295 zu versehen, versperrt jedoch den Blick auf die starke Präsenz religiöser Organisationen. So organisiert beispielsweise die evangelikale Igreja Universal do Reino de Deus das drittgrößte Fernsehnetzwerk des Landes, Record.296 Von den konzessionierten Radiosendern befinden sich 15 Prozent im Besitz der Katholischen Kirche, 25 Prozent werden von weiteren religiösen Gruppen organisiert.297 Diese Bündelung von Konzessionen beziehungsweise der Vernetzung von Sendern illustriert die in Brasilien gesetzlich kaum eingeschränkte Eigentumskonzentration in einem oder mehreren Mediensektoren (propriedade cruzada).298 Eine kritische Revision dieses legalen laissez faire im Verhältnis zum gesellschaftlichen Gemeinwohl werde von den Oligopolisten jedoch verhindert, um »jedwede weitere Regulierung ihres Sektors zu vermeiden«.299

(2) Dass auch die gesichtete Literatur daran interessiert ist, die von ihr zunächst affirmierten Makroakteur_innen analytisch weiter zu öffnen, zeigt sich in der verwendeten Kategorie der Radionetzwerke. Deren Beschreibung als »vernetzt arbeitende Industrien«300 greift analytisch jedoch zu kurz. Denn die »Vernetzung« bleibt implizit immer an ein wirtschaftliches Primat gekoppelt. Dabei stellen in historischer Perspektive die befreiungstheologischen »Radioschulen« der 1960er Jahre weiterhin das größte jemals existente radiale Netzwerk in der Geschichte Brasiliens.301 Auch die genehmigten Bildungsradios können bis zum Ende ihrer gemeinsamen Koordination durch die Stiftung Roquette Pinto im Jahr 1998 durchaus als Netzwerk verstanden werden.302 In beiden Fällen lassen sich Netzwerke nicht einfach als ein ökonomischer Sonderfall »natürlicher Monopole« subsumieren.303 Wichtig ist deshalb bei der Beschreibung vernetzter Akteur_innen auch zu dokumentieren, auf welche weiteren Vermittler_innen sich dieses »Vernetztsein« bezieht, zum Beispiel auf Radioprogramme, finanzielle Ressourcen oder auch Kommunikator_innen.

Unabhängigen Radios ist es in Brasilien auch im Rahmen der legalen Kategorie RadCom nicht gestattet, vernetzte Akteur_innen zu bilden. »Beim Betreiben des Community Rundfunkservice ist die Bildung von Netzwerken verboten«304, außer im Fall von Ausnahmesituationen (z.B. Kriege, Epidemien) und bei der obligatorischen Übertragung von Programmen bundesstaatlicher Institutionen. Diese Ungleichbehandlung ist gesetzlich allenfalls indirekt in der geographisch »lokalen« Definition von Community von RadComs begründbar. Über diesen engen Fokus hinaus ließe sich die Kooperation unabhängiger Radios als vernetzte Akteur_innen, zum Beispiel beim Austausch und der geteilten Ausstrahlung von Nachrichten, durchaus als »kommunikative Notwendigkeit«305 legitimieren.

(3) Als kommunikative Vermittler_innen werden Radiomedien im Allgemeinen auch zwei weitere Protagonist_innen zur Seite gestellt, nämlich kommerzielle Nachrichten- und Werbeagenturen.306 Während erstere mit journalistischen Produkten handeln, kommt letzteren die Rolle zu, Sendezeit in Radios für »kommerzielle und politische Werbung« zu verkaufen.307 Beide Vermittler_in stehen in einem distanzierten Verhältnis zu unabhängigen Radios. Denn diese haben zunächst kaum die finanziellen Möglichkeiten Nachrichten zu kaufen. Stattdessen werden alternative, nicht-kommerzielle Dienste benannt, welche diese »Mediator_innenrolle« übernehmen, darunter die dem Weltverband der RadComs (AMARC) angehörende Nachrichtenagentur PULSAR oder auch das Unabhängige Medienzentrum (CMI).308 Ihrem Anspruch nach sollen diese Akteur_innen jedoch nicht nur die informative Dimension des unabhängigen Radiomachens unterstützen, sondern zugleich dabei helfen, Nachrichten weiter »zu vertiefen, zu recherchieren, zu debattieren und zu kommentieren«.309

Während die legitimatorische Bezugnahme unabhängiger Radios auf Nachrichtenagenturen in einer konzeptuellen Modifikation und Umdeutung ihrer Akteur_innenrolle besteht, scheinen sie Werbeagenturen nicht in ihren operativen Gebrauch einzubinden. Die Frage, ob und in welchem Ausmaß unabhängige Radios Sendezeit verkaufen können sollten, bleibt umstritten.310 Gesetzlich erlaubt ist lediglich die Entgegennahme einer »kulturellen Unterstützung« (apoio cultural).311 Damit ist ein spezifisches sponsoring des Radios durch lokale Akteur_innen beschrieben, deren Namen in Radioprogrammen genannt werden dürfen.312 Anstatt mit konzessionierten Radios um Werbende (anunciantes) konkurrieren zu können, bleiben die Kontakte unabhängiger Radios aus legaler Sicht auf eine stark eingegrenzte Akteur_innengruppe begrenzt, die sich zum größten Teil aus »lokalen Unternehmer_innen« rekrutiert.313

(4) Die Benennung nicht-lokaler Sponsor_innen und finanzieller Förder_innen von vor allem unabhängigen Radios (die deshalb auch nicht in den Programmen genannt werden dürfen) sind ein erster Hinweis auf eine weitere, äußerst heterogene Gruppe vermittelnder Akteur_innen, nämlich die breite Zivilgesellschaft.314 Dazu zählen zunächst die häufig benannten Akteur_innen der Entwicklungskooperation, wie beispielsweise MISERIOR, die Friedrich-Ebert-Stiftung oder die Ford Foundation.315 Neben solchen tendenziell global aktiven Entitäten, ist im Sendegebiet eine Vielzahl weiterer Vermittler_innen aktiv. Genannt werden kirchliche Organisationen, Kulturzentren, Musiker_innen, Nicht-Regierungsorganisationen (ONGs), Gewerkschaften und soziale Bewegungen, die Radios unterstützen oder daran interessiert sind, diese Mediationen für die Verbreitung spezifischer Inhalte (z.B. Nachrichten, Musik, Veranstaltungsinformationen, etc.) zu nutzen.316 In unterschiedlicher Weise beziehen sich Radios bei der Beschreibung ihrer  Anerkennungswürdigkeit auf diese oder weitere Akteur_innen als Teil der Gesellschaft und rechtfertigen in ihrem Namen eine spezifische Nutzung des elektromagnetischen Spektrums, zum Beispiel als »Besetzung des atmosphärischen Raumes«.317

(5) Die Frage, inwiefern einzelne Akteur_innen und ihre Bedürfnisse unabhängiges Radiomachen anteilig legitimieren, wird in ihrer ganzen Komplexität sichtbar, wenn man eine weitere, äußerst ambivalente Vermittler_innengruppen betrachtet, Politiker_innen und politischen Parteien. Freie Radios, die ihre Legitimation tendenziell weniger stark an einer spezifischen Gemeinschaft und deren garantiertem Zugang zu einem Sender festmachen (vgl. 2.1.2.3) scheinen dabei in einer privilegierten Situation zu sein. Sie können es sich erlauben, einzelne Politiker_innen oder Parteien von ihrem Radiomachen begründet auszuschließen.318 RadComs wiederum stehen vor der Herausforderung, eine angemessene Antwort auf den von Politker_innen und Parteien geforderten Zugang zum Radio ihrer Gemeinde zu finden. Als praktische Ratschläge für Radiomacher_innen finden sich in der Literatur – vor allem in Handbüchern – deshalb häufig Sätze wie: »Politische Parteien [...] sollten Raum im Radio erhalten. Aber Achtung, es gibt [..] Parteien, die den ganzen Raum haben wollen. Sie sind darauf aus, das Sagen im Radio zu haben. Erlaubt es ihnen nicht.«319

In einer empirischen Studie zur parteipolitischen Einbindung von legalisierten RadComs aus dem Jahr 2007 wird unter anderem aufgezeigt, dass diverse Sender »Teil weiterführender Projekte von politischen Gruppen in der Gemeinde«320 sind. Ihren Einfluss scheinen sich Politiker_innen und Parteien in RadComs vor allem dadurch zu sichern, dass sie während des Legalisierungsprozesses als »politische Paten« (padrinhos políticos) oder »Berater« (consultores) agieren und damit die Chancen, eine Genehmigung zu erhalten, erhöhen.321 Bedeutsam sind solcherlei Analysen hinsichtlich der Legitimation unabhängiger Radios vor allem deshalb, weil sie mit dem Mythos brechen, nur konzessionierte Radios würden ihre Rechtstitel im Austausch für »politische Loyalität« und »Wählerstimmen« erhalten.322 Vielmehr

»bestätigt sich, dass die historische Verbindung zwischen Radiosendern und Berufspolitikern auch im Community Rundfunk weiterhin existiert. Aber auf bisher unbekannte Weise. Es findet eine Eingemeindung (municipalização) der Verbindungen zwischen Radiosendern und Berufspolitikern statt.«323

(6) Die einzelnen Beschreibungen von Politiker_innen öffnen bereits, ein Stück weit die enorme black box der Regulierer_innen. Unterschieden wird in der Literatur vor allem innerhalb von drei perspektivischen Zugängen, in denen von Regulierenden im Allgemeinen, sowie von am Genehmigungsprozess von RadComs beteiligten Akteur_innen beziehungsweise von »Überwachenden« und »Eingreifenden« (interventor) die Rede ist.324 Der allgemeine Blick ordnet die einzelnen Akteur_innen zunächst auf den Ebenen von Gemeinden, Bundesstaaten und den föderalen exekutiven, legislativen und judikativen Institutionen. Was die Normierung und Regulierung der einzelnen Radiomedien betrifft, wird eine Akteur_innenkonzentration auf der Ebene des Bundes konstatiert. Seit Beginn der 1960er Jahre sind Bundesstaaten und Gemeinden als Entscheidungsträger weitestgehend ausgeschlossen.325 Einer solchen Zentralisierung läuft die verfassungsrechtliche Aufwertung der Gemeinden (municípios) zu formal »föderalen Entitäten« und daran gekoppelten »profunden Veränderungen« bei der Aufgabenverteilung staatlicher Akteur_innen entgegen.326 Radios mit geringer Sendestärke, so ein verbreitetes Argument, müssten auf Grund ihrer lokalen Ausrichtung in den Entscheidungsbereich der Gemeinden fallen.327 Im Gegensatz zu staatlichen Bildungs- oder Gesundheitsaufgaben haben im Radiosektor jedoch kaum Dezentralisierungen stattgefunden.

Die letzte politische Instanz einer möglichen Umverteilung von regulierenden Kompetenzen stellt jedoch nicht zwangsläufig der Gemeinderat dar. Das in der Verfassung verankerte Recht darauf »Informationen zu schaffen und zu verbreiten« (vgl. Art. 220°) ist ein individuelles Grundrecht  und müsse bei der Organisation unabhängiger (lokaler) Radios deshalb in letzter Konsequenz »dem in einer Gemeinde residierenden Individuum« zufallen.328 An dieser Stelle trifft sich die Haltung unabhängiger Radios, die ihre gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit nicht an eine Legalisierung koppeln, mit einer Verfassungslesart, welche individuelle Grundrecht über staatliche Regulierungsansprüche stellt. Eine solche Interpretation wird teilweise auch von Akteur_innen der judikativen Gewalten vorgenommen, die vor allem in den 1990er Jahren mittels einstweiliger Verfügungen (habeas corpus) die Schließung nicht-genehmigter Sender verhinderten.329 Sichtbar wird hier eine Kontroverse, die das Bild von dem Staat als monolithische »regierende Klasse«330 und Gegner_in unabhängiger Radios unterläuft und punktuell »Verbündete« erkennbar macht.

Eine weitaus spezifischere Gruppierung der Regulierenden lässt sich entlang des Genehmigungs-prozesses von RadComs nachzeichnen. Dieser beginnt im Kommunikations-ministerium (MiniCom), sobald dort ein Antrag für die Operation eines RadCom gestellt wird und endet mit Verabschiedung der im föderalen Amtsblatt (Diário Oficial da União) veröffentlichten Autorisierung des MiniCom durch den Bundeskongress.331 Bis heute wird dabei in der Literatur oft übersehen, dass sich die Bundesregierung 2001 im Rahmen einer provisorischen Maßnahme (Medida Provisória 2.143-32) als starke Akteurin in den Genehmigungsprozess einschrieb, da sie sich zu einer obligatorischen Passage für die Bearbeitung von Anträgen machte, und deren Bearbeitung fortan be- oder entschleunigt.332 Damit wächst erneut der Einfluss der Regierung als Akteur_in auf Kosten des Kongresses, dessen Beteiligung an der Zulassung von Radios seit 1988 eigentlich zu einer Demokratisierung der elektronischen Medien beitragen sollte. Doch selbst wenn dies auf Grund der Beteiligung vieler Abgeordneter und Senator_innen an Radio- und TV-Konzessionen nicht der Fall war, wird deutlich wie umkämpft die geteilte Entscheidungsgewalt bezüglich der Legalisierung von RadComs ist.333 Dass es sich dabei allein um ein machtpolitisches »Geschacher« (barganha) handelt, mag ein voreiliger Schluss sein.334 In jedem Fall werden die am Genehmigungsprozess beteiligten institutionellen Legitimationshelfer_innen in ihrer gesellschaftlichen Anerkennungs-würdigkeit exponiert.

Was nun die an der Einhaltung des RadCom- und weiterer Mediengesetzte beteiligten Regulierer_innen angeht, ist zunächst anzumerken, dass die Kontrolle (fiscalização) des in Gesetzen vorgeschriebenen Medienmachens in Brasilien lange vor der Emergenz von Radios beginnt.335 Doch auch staatlichen Institutionen, die konkret an der Überwachung und Sanktionierung radialer Aktivitäten beteiligt sind, lassen sich bis in die 1930er Jahre zurückfverfolgen.336 Interessant ist dabei, dass die Schaffung einer zentralen Regulierungsbehörde der Gründung des Kommunikationsministeriums (MiniCom) 35 Jahre vorausgeht und damit auch die Kontrolle von Radiomedien einer landesweiten media policy vorgängig ist. Erst seit 1967 ist das brasilianische MiniCom jedoch jener bestimmende staatliche Akteur, welcher in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Behörden (agencias) die Nutzung elektromagnetischer Wellen ordnet.337 Ihre ausführendes »militarisiertes und unterdrückendes Regulier- und Kontrollorgan«338 bildete bis 1997 die Nationale Telekommunikationsbehörde (DENTEL) das erst mit Verabschiedung des neuen Telekommunikationsgesetzes (Lei 9472) von der Nationalen Telekommunikationsagentur (ANATEL) abgelöst wurde.

Im Gegensatz zu ihren institutionellen Vorgänger_innen zeichnet sich ANATEL durch mehr Autonomie in ihren Entscheidungen aus und ist in ihrem Agieren der Achtung der individuellen Grundrechte gemäß der Verfassung von 1988 verpflichtet. Dabei steht sie jedoch in einem legalen Konflikt mit dem Medien- und Pressegesetz aus den 1960er Jahren, auf die es sich in seinem Regulierungsauftrag ebenfalls bezieht.

»[A]NATEL ist beauftragt die von der Exekutiven etablierten Restriktionen [bei der Nutzung des elektromagnetischen Spektrums] zu kontrollieren, während die Verfassung besagt, dass kein Gesetz geschaffen werden sollte, welches das Recht auf Meinungsfreiheit begrenzt oder unterbindet«.339

Neben dieser allgemeinen Kritik, lassen sich die gesellschaftlichen Vermittlungen von ANATEL im Verhältnis zu unabhängigen Radios in drei weiteren Punkten problematisieren. Zunächst ist zu bemerken, dass die Regulierung von ANATEL bezüglich der Konzentration von privaten Eigentumstiteln im elektromagnetischen Spektrum »blind« ist und wenig dazu beiträgt, die Frequenzvergabe als pluralen Interessensausgleich zu organisieren.340 Ebenso konsequent unterlässt es ANATEL inhaltliche Auflagen zu operationalisieren (z.B. bezüglich des allgemeinen radialen Bildungsauftrags).341 Die Agentur prüft nicht, ob einzelne Sender tatsächlich einen radialen Beitrag zum Gemeinwohl leisten und damit ihre Berechtigung der Frequenznutzung nachweisen. Der dritte Kritikpunkt betrifft die Schließung unabhängiger Radios, welche ANATEL oft gemeinsam mit einem weiteren Akteur, der Bundespolizei (PF), durchführt.342 Problematisch ist hier vor allem die Frage der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit des gemeinsamen Handelns. Wie bereits dargelegt, bedarf die Schließung und Konfiszierung von Material im Rahmen polizeilicher Kooperation dem empirischen Nachweis einer »Straftat«.343 Die Frage, ob allein der allgemeine und nicht erwiesene Verweis auf eine Gefährdung des Luftverkehrs (vgl. 2.1.2.3.) ausreicht, das repressive Vorgehen gegen unabhängige Radios zu legitimieren, schlägt auch auf die Anerkennungswürdigkeit der beteiligten Regulierenden zurück.

 

Das Rollenbild ANATELs illustriert – vor allem seitens staatlicher Akteur_innen (aber nicht nur) – den Versuch, politische Entscheidungen mit der Selbstevidenz technischer Expert_innen zu begründen. Die Handlungen staatlicher Regulierer_innen, Kontrolleur_innen und Überwacher_innen sei der politischen Debatte erhaben, da sie »einem Handeln und einem Raum rigider technischer Kontrollen« entspringen würden.344 Auf diese Weise werden alle Nicht-Expert_innen bei Regulierungsfragen in »die Kulisse abgeschoben«, weshalb es notwendig ist, scheinbar »nicht-politische« Fakten analytisch immer an gesellschaftliche Prozesse zurückzubinden.345 ANATEL mag als unabhängige Regulierungsagentur darauf bestehen, einzig nach legal fixierten technischen Normen zu handeln. Doch diese werden im Rahmen einer synchronen Betrachtung als black box kritisierbar, die technische Regulierungen und ihre Akteur_innen vom Nachweis ihrer gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit entbindet.

Die hier versammelten perspektivischen Annäherungen an weitere Vermittler_innen unabhängiger Radiomedien zeigen, dass diese entgegen klar abzugrenzender Akteur_inenblöcke auf heterogene Weise verflochten sind. In ihren veränderlichen Konstellationen lässt sich ihr Beitrag an der Legitimation von unabhängigen Radios rekonstruieren, aber auch in entgegengesetzte Richtung fragen, inwiefern sie zu dessen anteiliger Definition, Nutzung, Eingrenzung oder Kontrolle berechtigt sind. Die Vermittler_innen machen zu dem deutlich, dass die latente Beschreibung von unabhängigen Radios als »lokale Medien«346 analytisch zu kurz greift. Denn relational überschreiten viele der genannten Vermittler_innen die Dichotomie lokal/global. Diese Transgression umfasst sowohl Vermittler_innen, die die radialen Operationen »von Außen« beeinflussen, als auch die nicht an der Signalerzeugung beteiligt Akteur_innen in einzelnen Radiomedien.347

 

2.1.3.5 Verbände

Unter der Vielzahl weiterer Vermittler_innen, von denen vielen erst noch empirisch auf die Spur zu kommen ist, lassen sich schließlich auch spezifische Fürsprecher_innen einzelner Radiomodelle oder kollektive Repräsentationen ausmachen. Als eine »extrem mächtige Entität«348 ist dabei zunächst die Vereinigung Brasilianischer Fernseh- und TV-Sender (Abert) zu nennen. In ihrer Selbstdarstellung beschreibt die Organisation ihre Entstehung im Jahr 1962 als »Kampf« gegen die staatlichen Kontrollansprüche und für die Pressefreiheit.349 Die institutionelle Geschichte beginnt dagegen schon viel früher. 1946 versuchte Abert bereits als Körperschaft anerkannt zu werden, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, »die vollständige Privatisierung des Rundfunksektors sicherzustellen«350 Bis heute vertritt die Organisation nur die Interessen kommerzieller, nicht aber weiterer unabhängiger nicht-staatlicher Radios. Im Gegenteil, in der Literatur gibt es Hinweise darauf, dass Abert bewusst für eine beständige Delegitimierung unabhängigen Radiomachens seit den 1980er Jahren und eine größtmögliche Schwächung des gesetzlich anerkannten RadCom-Modells eintritt.351

Während die Interessen öffentlicher, staatlicher und Bildungsradios erst seit relativ kurzer Zeit (2004) und von lediglich einer Organisation vertreten werden, erscheinen die Repräsentationen unabhängiger Radios von Beginn an äußerst vielfältig.352 Bereits ab den späten 80er Jahren sind unterschiedliche lokale Zusammenschlüsse unabhängiger Radios dokumentiert.353 Als erster Versuch, eine landesweite Zusammenkunft der einzelnen Sender zu organisieren, wird gemeinhin das 1989 ausgetragene »Erste Treffen Freier Radios« in São Paulo genannt.354 Doch bereits 1986 soll in Rio de Janeiro, im Circo Voador »ein erster Versuch« stattgefunden haben »Sender aus mehreren Bundesstaaten zusammenzuschließen.«355 Bei diesem intensiven Disput darüber, welches nun der früheste Verband oder das erste Treffen war, wird unbemerkt auch die Anerkennungswürdigkeit der Radios verhandelt. Denn die zahlreichen dokumentierten Treffen bestätigen zweifellos ein großes populäres Interesse am Senden. Und dieser Anspruch findet in den unterschiedlichen Ligen, Vereinen und Verbänden seinen Ausdruck, als in der Zeit verfestige_r Akteur_in.

Auffällig ist, dass sich die Netzwerke unabhängiger Radios bis Mitte der 1990er Jahre zunächst innerhalb der sozialen Bewegungen artikulieren. Die Studierendenorganisation UNE ist es, die 1989 für das große Treffen in São Paulo mobilisiert, Radioamateur_innen bestärken Sendeinitiativen und organisieren technische Unterstützung.356 Sichtbar werden die Zusammenschlüsse der unabhängigen Radios vor allem durch ihren Beitritt zu breiten, beziehungsweise besonders öffentlichen Bündnissen, wie beispielsweise 1991, als das »Coletivo Nacional de Rádios Livres« (Nationales Kollektiv Freier Radios) der Parlamentarischen Front für die Demokratisierung der Kommunikation und 1993 auch dem gewerkschaftsnahen Nationalen Forum für die Demokratisierung der Kommunikation beitritt.357 Die Legitimation der unabhängigen Radios wird für einige Jahre zu einem wichtigen Punkt in den gemeinsamen Forderungskatalogen für medienpolitische Reformen.358

Dieses Akteur_innenbündnis zerbricht, wie bereits erwähnt (vgl. 2.1.1.2.) im Jahr 1996 auf einem erneuten landesweiten Treffen unabhängiger Radios.359 Bereits im Vorfeld wird verstärkt der Begriff »Community Radios und TVs« bemüht und als deren neue landesweite Repräsentanz lässt sich per Urabstimmung anschließend die Vereinigung brasilianischer Community Radios (Abrao) wählen.360 Auf einen solchen hierarchischen Verband, mit bundesstaatlichen Vertretungen, einem nationalen Gremium und Radioinitiativen als Einzelmitglieder, hatten sich einige Sender bereits im Vorfeld verständigt, andere schlossen sich in den darauf folgenden Jahren an.361 Einzig die brasilianische Sektion des Weltverbandes der Community Radios (Amarc Brasil) konkurriert als weitere potentiell landesweite Vertretung mit Abrao. Interessant ist bezüglich dieser Entität, dass ihre Entstehung einmal als Gründungsmitglied von Abraço erzählt wird, ein anderes mal als ein im Jahr 2000 nachfolgendes Ereignis – ein erneuter Hinweis einer spezifischen Ursprünglichkeit als legitimierendes Moment?362 Die Freien Radios setzen dieser neuen Akteur_innenordnung, vielleicht auch aus einer Kritik an der allgemeinen Repräsentationsidee, bis heute nichts entgegen.363

Offen muss wegen der spärlichen Hinweise in der Literatur bleiben, inwiefern die Abgrenzungen der einzelnen Verbände die konkurrierenden Legitimationen der von ihnen vertretenen unabhängigen Radios beeinflussen. Die zu vermutenden konzeptuellen und politischen Divergenzen scheinen jedoch nicht gänzlich inkompatibel. Dokumentiert sind nach den konfliktreichen Brüchen Mitte der 1990er Jahre auch spannende Momente der Zusammenarbeit, wie beispielsweise die Verteidigung des RadComs Novos Rumos 1997.364 Eine genauere Untersuchung der Fürsprecher_innen unabhängiger Radios spielt für die weitere empirische Analyse deshalb potentiell eine herausragende Rolle.

Der in diesem Unterkapitel elaborierte Fokus auf radiale Akteur_innen lässt drei allgemeine Schlüsse zu. Zunächst ist deutlich geworden, dass die Anwesenheit und Abwesenheit bestimmter Akteur_innen einen Effekt auf die mediale Anerkennungswürdigkeit hat. Exemplarisch wurde sichtbar, dass über die narrative und kategorische Konstruktion von Medien hinaus auch die heterogenen, am operativen Gebrauch direkt oder indirekt beteiligten Entitäten für die Forderung nach oder die Artikulation von Legitimität relevant seien können. In der gesichteten Literatur wird dieses Potential jedoch selten aktiv angesprochen, bezüglich nicht-menschliche_r Akteur_innen bleibt es abgesehen vom geforderten »Recht auf Antenne« nahezu vollständig unerwähnt.

Allgemein wird auf der Akteur_inneneben sehr deutlich, dass die Unterstützung von Modellen Freier und Community Radios über 30 Jahrzehnte hinweg vielfältigen Modifikationen unterliegt. Ein prägnantes Beispiel dafür, ist der häufig zitierte Bundesabgeordnete der Bundespolizei (PF) Armando NETO Neto, der mit seinem Buch »Community Radio ist kein Verbrechen« die ambivalente Rolle der PF deutlich macht. Während die PF meist als Gegenspieler_in unabhängiger Radios dargestellt wird, eröffnet Neto den Blick auf den »Widerwillen der Polizei« und schafft es zumindest in den 1990er Jahren die Beteiligung der PF an der repressiven Regulation in Frage zu stellen.365 In dieser Veränderlichkeit wird auch die aktive Rolle einzelner Entitäten deutlich, darunter auch wie erwähnt die Hörer_innen, die als konstitutiver Teil von Mediationen in Erscheinung treten.

Schließlich ist anzumerken, dass nicht alle beteiligten Akteur_innen auch ohne Weiteres sichtbar sind. Dies ist weniger eine Frage der Vollständigkeit der für das Mapping verwendeten Literatur, sondern ein zu kontrollierendes Moment des methodischen Zugangs.366 Der Schluss, Freie Radios hätten sich erst nachträglich politisiert, kann ebenso gut auf einen mangelnden Zugang auf der Beobachter_innenebene verweisen. Die nur rudimentär geführte Auseinandersetzung zu gender-spezifisch charakterisierten Akeur_innen lässt sich bisher ebenfalls nur begrenzt als Hinweis einer mangelnden Präsenz oder Auseinandersetzung innerhalb einzelner Akteur_innennetzwerke deuten. Andere möglicherweise bedeutsamen silent actors, wie die Menschenrechtskommission der Organisation Amerikanischer Staaten (OEA), finden überhaupt keine Erwähnung. Anstatt eines vollständigen Überblicks, sollte das Akteur_innen-Mapping deshalb als eine erste Annäherung gewertet werden, die auch für »versteckte« und »stille« Entitäten sensibilisieren will.367 Deren Öffentlichkeit oder strategische Nicht-Öffentlichkeit, wird die folgende Analyse immer wieder beschäftigen.

Kurzum, die Akteur_innenperspektive ermöglicht eine differenzierte Dokumentation medialer Entitäten. Sie ist jedoch nicht als Neuordnung zu verstehen, an deren Ende feste Kategorien stehen, sondern als ein Nebeneinanderstellen von Akteur_innen ohne epistemologisch zwischen  passiv/aktiv beziehungsweise Subjekt/Instrument zu unterscheiden und – das ist das entscheidende – unterscheiden zu müssen. Akteur_innen, welche an der Artikulation von Radiomedien beteiligt sind, werden in ihrer Vielfalt und situativen Kopplungen untersucht anstatt nach universellen und frei austauschbaren Akteur_innenkonzepten zu forschen. Ein Radio ist kein Radio ist kein Radio.

 

2.1.3.6 Theoriebaukasten III – Akteur_innen und Infrareflexivität

Auch wenn die Akteur_innen des Radiomachens »ko-konstitutiv« sind und erst in den relationalen Beschreibungen als Größen des medialen Gebrauchs erklärbar werden, lassen sich auf infralinguistischer Ebene bereits einige konzeptuelle Überlegungen anstellen. Mehr noch, es muss dringend geklärt werden, warum es für die Betrachtung notwendig ist, die akademisch eingeübten Trennungen von Sozialem und Technischem beziehungsweise Natürlichem und Kulturellen zu verwerfen und deren materielle und immaterielle Konfigurationen entdifferenzierend als »Relationen zwischen heterogenen Entitäten« zusammenzufassen.368 Einmal geschehen, ist dann zu fragen, welche abweichenden Akteur_innenkonzepte sich veranschlagen lassen, um dem Verdacht reiner Deskription zu entgehen.

Ein wesentlicher Anreiz dafür, Medien ohne eine harte Unterscheidung von sozialen und technischen Entitäten (also symmetrisch) zu analysieren, lässt sich zunächst als Kritik an den deterministischen Prämissen formulieren, die aus diesen dichotomen Kategorien abgeleitet werden.369 Sogenannte »[t]echnikdeterministische Sichtweisen«370 fußen auf der Vorstellung, Technik entwickle sich evolutionär und unabhängig von sozialen Prozessen.371 In medientheoretischer Sichtweise wird dieser Topos aktuell in der Vorstellung einer »revolución tecnológica« ausgedrückt, welche nicht emanzipativ, sondern eher konservativ als »ideología tecnocrática futurológica« angelegt ist, um entlang technischer Organisationsformen Sachzwangsargumente für deren soziale Nutzung zu postulieren.372 Exemplarisch dafür sind medientechnische Erzählungen von »Siegermaschinen«373, die eine scheinbar kausale Kette technologischer Höherentwicklung knüpfen.

Als »sozialer Determinismus«374 lassen sich demgegenüber all jene theoretischen Positionen charakterisieren, welche trotzig die rationale Beherrschbarkeit von Technik veranschlagen. Doch auch aus dieser Perspektive haben medientheoretische Betrachtungen viel zu verlieren: Werden Medien mit Werkzeugen gleichgesetzt, werden sie zu Mitteln und sind nicht länger »Mittler von etwas«375. Das Medium zerfällt stets in einen »Typus von technologischen Artefakten«376 und eine_n zentrale_n Handlungsträger_in, also in Objekte und Subjekte. Und auch wenn diesen Objekten teilweise zugestanden wird, »[to] exist in different, potentially infinite versions«377, bleibt das Problem, dass ihre weiteren Beschreibungen perspektivisch immer von einem transzendenten Subjekt aus entwickelt werden. Einzelne Objekte bei der Betrachtung von Medien auf andere Art in den Blick zu nehmen, lässt sich jedoch nicht dadurch erreichen,

»Subjektivität auf Dinge zu übertragen oder Menschen als Objekte zu behandeln oder Maschinen als soziale Akteure zu betrachten, sondern die Subjekt-Objekt-Dichotomie ganzzu umgehen und stattdessen von der Verflechtung von Menschen und nicht-menschlichen Wesen auszugehen.«378

Damit verlagert sich die Betrachtung, wie in diesem Kapitel geschehen, von einem Mapping »dem Subjekt gegenüberstehende[r] Gegenstände« hin zu einer Analyse von Medien in ihrem Gebrauch, der davon gekennzeichnet ist, dass sich heterogene Entitäten einander »im Handeln zugänglich«379 werden. Der Akteur_innen-Begriff erfährt damit eine entscheidende Transformation. Gemäß der Prämisse einer symmetrischen Analyse wird die »apriorische Begrenzung der Definition des Akteurs auf sinnhaft-intentionale handelnde Menschen«380 aufgegeben. Der ko-konstitutive Beitrag von Dingen, Zeichen und weiteren nicht-menschlichen Größen an Handlungsprozessen wird anerkannt.

Wie ordnen sich innerhalb dieser Perspektive nun die einzelnen Akteur_innen? Auf der infralinguistischen Ebene der ANT herrscht dazu alles andere als Klarheit. Auch wenn die bisher verwendete Kategorie »nicht-menschliche Akteur_innen« (vgl. 2.1.3.3) auf den ersten Blick äußerst schlüssig erscheint, »wenn die Sozialisation von Entitäten unterschiedlichster Art betont«381 werden soll, so birgt sie bei näherer Überlegung erneut die Gefahr, in eine dichotome Trennung humaner und nicht-humaner Akteur_innen zurückzufallen.382 Ähnlich problematisch sind auch die beiden weiteren häufigen Ordnungen der ANT. Hybride Akteur_innen versuchen »Mischwesen jenseits von »Naturobjekten« und »gesellschaftlichen Gegenständen« zu fassen, können dabei jedoch nicht einen positiven Begriff entwickeln, »um diese Mischwesen als mehr denn als Misch-Dinge zu kennzeichnen«.383 Ähnlich verhält es sich mit sogenannten Quasi-Objekten, die wie beispielsweise ein »unhaltbarer Ball« oder ein »offenes Mikrofon« erst »durch das soziale Band geknüpft und stabilisiert werden«. »[Sie] zirkulieren in Netzen und überqueren die Grenzen zwischen Sprache, Sozialem und Realem.«384 Doch das damit eigentlich »perfekte Komplement zum Netzwerkbegriff«385 evoziert bei allen an klassischen Dichotomien geschulten Leser_innen  noch immer die Frage nach dem Verbleib der Subjekte, selbst wenn Quasi-Objekte überzeugend darauf dringen, konzeptuell übergreifend alle Akteur_innen fassen zu können.386

Der infralinguistischen Konzeptbildung treu bleibend, kann keiner der hier skizzierten Akteur_innenbegriffe einen dauerhaften und allgemeinen Geltungsanspruch formulieren. Dennoch sind sie erkenntnistheoretisch nicht einfach austauschbar, sondern stecken gemeinsam mögliche Zugänge für die Erkundung von Akteur_innen-Ensembles ab. Unterscheiden lassen sich dabei mindestens vier Perspektiven.387 Erstens, die Ko-Konstitution von als »Technik« verstandenen Objekten und einer subjektiven Gesellschaft, die im vorliegenden Fall Radioakteur_innen als sozio-technisches Netzwerk sichtbar machen würde. Eine zweite Perspektive konzeptualisiert dagegen heterogene Assoziationen, wie die notorischen »offenen Mikrofone«. Der dritte Blick fokussiert auf (technische) Objekte als »Härtung des Sozialen«, das heißt auf ihren spezifischen Beitrag »zur Stabilisierung heterogener Assoziationen«.388 Im Falle von Radiomedien sind Relais, die die Sendetechnik vor einer Überhitzung und damit das Radio-Ensemble vor einem Signalausfall schützen, dafür ein gutes Beispiel. Und schließlich lassen sich Objekte auch als Moderator_innen menschlicher Sozialität ins Auge nehmen, so wie im exemplarischen Fall von Sende- und Empfangsgeräten, die im operativen Gebrauch die Konstitution von »Sendekollektiven« oder »Hörer_innengemeinschaften« ermöglichen.

Das so formulierte Angebot kollektiver Neuordnungen auf der Akteur_innenebene wirft jedoch ein Problem auf, denn hier wird Akteur_innen (und ihren Beschreibungen der Wirklichkeit) nicht nur gefolgt, sondern entgegen einer permanenten Infrareflexivität auch eigenständige Prämissen mobilisiert. ANT gerät in ein Dilemma, will sie sich doch stets »von den Aktivitäten der Beobachteten und deren Ethnotheorien leiten lassen«, fällt hier jedoch erneut auf den Standpunkt einer »Beobachtertheorie« zurück.389 Eine pragmatische Rechtfertigung an diesem Widerspruch festzuhalten, der von vielen der ANT zugerechneten Autor_innen leider nicht reflektiert wird, besteht darin, dass »die symmetrische Erfassung der Phänomene veränderter Wirksamkeit unter Umständen gegen asymmetrische Ethnotheorien der Beobachteten zur Geltung gebracht werden muss«.390 Wann ein solches Vorgehen gerechtfertigt ist, wird in den folgenden Kapiteln jeweils situativ transparent gemacht und begründet werden. Gerade diese kontrollierte Flexibilität ermöglicht es auch die im folgenden Kapitel analysierten Akteur_innenkonstellationen möglichst genau zu erfassen, da die Betrachtung dieser medialen Ensembles in der Literatur oftmals hinter einer (asymmetrischen) Analyse ihrer Nutzung zurückbleibt.

 

2.2 Medienmachen

Radiomediationen sind nicht nur vielfältig sondern auch veränderlich. Ihre Akteur_innennetzwerke dabei historisch zu dimensionieren und in ihren Beziehungen zu weiteren Mediationen transparent zu machen, stellt eine besondere Herausforderung dar. Denn gerade die so um Symmetrie bemühten Arbeiten der ANT, seien in ihren Darstellungen oft »grausam ahistorisch« und beschränkten sich entgegen einer umfassenden Analyse auf einige »marvelous examples«.391 Um die Analyse unabhängiger Radios vor solcher Kritik zu schützen und anstelle einer punktuellen Überhöhung in ihren Kontinuitäten und Kontingenzen nachzuzeichnen, nähert sich das vorliegende Kapitel radialen Mediationen im Rahmen von drei perspektivischen Zugängen. Zunächst werde ich die in der Literatur vorgenommenen epochalen und medialen Grenzziehungen reflektieren (vgl. 2.2.1.). Damit sind zum einen die Mediationen (im Sinne von »Leitmedien«) zu einem bestimmten Zeitpunkt unterstellten gesellschaftlichen Bedeutungen gemeint, zum anderen ihre jeweiligen konzeptuellen Unterscheidungen als »Einzelmedien«. Sichtbar wird hier der Verlust epochemachender Medien beziehungsweise die zunehmende Schwierigkeit, Einzelmedien trennscharf zu unterscheiden. 

Danach soll die latent evolutionäre Darstellung von Medien diskutiert werden (2.2.2). Dabei wird zunächst der Blick auf »technikhistorische Meilensteine« gelenkt, denen entscheidende Bedeutung bei der Modifikation des Radiotrajekts zugesprochen wird. Deutlich wird hier die Notwendigkeit den engen technischen Fokus für eine umfassendere gesellschaftliche Betrachtung zu öffnen. Dies geschieht mit Blick auf zwei »technologische Dramen«, die eindrucksvoll die retrospektive Gemachtheit und den Reduktionismus der medientechnischen Evolution unterlaufen und zwar sowohl was ihre Modernität als auch die Teleologie medialer Transformationen angeht.

Abschließend nehme ich noch einmal in historischer Perspektive die Regulierungen von Medien in Brasilien in den Blick (2.2.3). Dabei geht es im Einzelnen darum, die legalistische Kontinuität der Rundfunkregulierung herauszuarbeiten. Anschließend werde ich die bereits in der Literaturschau angesprochenen extralegalen Vermittlungen und deren geschichtliche Gewachsenheit darstellen. Danach wird der Frage der Operationalisierung einzelner Gesetze, Normen und extralegaler Dynamiken nachgegangen, um bereits hier nach Ansatzpunkten für notwendige und mögliche Legitimationen unabhängiger Radios Ausschau zu halten. Das Kapitel schließt mit einem Ausblick auf mögliche versteckte Regulierungen, die für die weitere Betrachtung ebenfalls relevant sein könnten.

 

2.2.1  Grenzen

2.2.1.2 Epochen

Mediationen, verstanden als fraktale Ensembles, verlangen bei ihrer Beobachtung, wie bereits im 1. Kapitel dargelegt (vgl. 1.1) nach perspektivischen Eingrenzungen. Radios, die hier zunächst mit Hinweis auf ihre spezifische Übertragung auditiver Inhalte vermittels elektromagnetischer Wellen als Einzelmedium von weiteren Mediationen unterschieden wurden, erfahren dabei auch in historischer Perspektive eine Stabilisierung. Einzelmedien haben bei der epochalen Unterscheidung von Mediationen einen großen Erklärungswert. Radios finden dabei in Brasilien als erstes Medium Erwähnung, dass das »Zeitalter der Elektrizität« mit dem der »Ära der Massenkommunikation« verbindet.392 Dass diese positive Wertung erst im Rückblick vorgenommen wird, zeigen andere Versuche die medialen 20er Jahre des 19. Jahrhunderts zu ordnen. Von einer »period of stagnation« ist die Rede, in der Radios weit davon entfernt sind ein breites Publikum zu binden; manchmal seien sie zu »volksnah« (popular), manchmal zu »intellektualisiert« gewesen.393

Wachsende gesellschaftliche Bedeutung und Anerkennungswürdigkeit erfährt das Radiomedium bei genauerer Betrachtung erst ab den 1930er Jahren, einer »Epoche der Improvisation« und »ungehemmten Evolution«.394 Äußerst affirmativ wird das verstärkte Aufkommen »kommerzieller Radios« gemeinsam mit technologischen Innovationen, einer verbesserten »Rechtslage« und »der Ankunft multinationaler Werber« mit dem Aufstieg des Mediums zum »kulturellen Zentrum« des Landes gleichgesetzt.395 Diese »Expansion« gipfelt in einem Zeitraum, der oftmals als »goldene Jahre« oder »goldene Epoche« des brasilianischen Rundfunks charakterisiert wird und nach unterschiedlichen Einschätzungen die 1940er-50er, manchmal auch noch die 1960er Jahre umfasst.396 Erstaunlich ist, wie unkritisch in der Literatur die »Hegemonie des Radios« bejaht wird. Die Modifikationen, die das Medium während des autoritären Regimes des Estado Novo (1937-1945) erfährt, werden dabei nur selten problematisiert.397 Stattdessen werden die von den Integrist_innen forcierte radialen Vermittlungsleistungen von Modernisierung, Industrialisierung, Wachstum und nationale Integration bis heute unkritisch als allgemeine Legitimationsfaktoren des Mediums benannt.398 Auch wenn nicht zu bestreiten ist, dass der Radioempfänger in dieser Zeit zu einem »für den Großteil der Bevölkerung erschwinglichen Objekt wird«399, bleibt unbeachtet, dass diese werbefinanzierte Integrationsleistung auf der Seite der Machenden einen Ausschluss der Bevölkerung bedeutet. Statt weiterhin Amateur_innen den Zugang zu ermöglichen, führen eine striktere Regulierung der Frequenzen und der Einsatz von kosten- und personalintensiver Sendetechnik zu einer Konzentration staatlicher und kommerzieller Akteur_innen.400

Es ist diese Dynamik, die der »Klimax der Radioära« vorausgeht und in der das Medium die »zentrale Rolle in der kulturellen und künstlerischen Produktion« einnehmen würde.401 Doch bereits in den 1950er Jahren sollen »mit dem Aufkommen des TVs die ersten Erschütterungen«402 dieser medialen Vormachtstellung zu spüren gewesen sein. Statt vom Radiozeitalter ist nun zunehmend die Rede von der »Rock 'n Roll Ära«, auf analytischer Ebene wird das bis dato epochenprägende Medium Radio zum Teil der »Kulturindustrie«, in der die urbanisierte und industrialisierte Mittelklasse ihren Ausdruck findet.403 Auch weiterhin ist es an der »Konfiguration der brasilianischen Moderne«404 beteiligt, jedoch nun zunehmend innerhalb einer weniger medial als politisch geprägten Perspektive, eines »historischen Blocks«, an dessen Anfang der Militärputsch von 1964 steht.405

Medienübergreifend »versuchen sich anfangs unterschiedliche [mediale] Projekte zu legitimieren«; das letzte Wort bei der »weitreichenden Reorganisation« des Telekommunikations- und Rundfunksektors hat der autoritäre Staat.406 Dieser Anspruch als zentraler Legitimationshelfer wird deutlich, wenn die 1970er Jahre als »Goldenes Zeitalter des Staatsmonopols«407 charakterisiert werden. Dieses ist jedoch nicht von starken staatlichen Medien geprägt, sondern von der gezielten Förderung eines kommerziellen Netzwerks, weshalb diese Epoche rückblickend auch als »Beginn der Hegemonie von [Rede] Globo«408 gewertet wird, dem bis heute größten Medienunternehmen Lateinamerikas. Das Radiomedium ist für diese umfassenden politischen Prozesse vor allem in seiner technischen Modifikation von Bedeutung, da nun erstmals UKW-Sender und -empfänger die »prädominante Übertragungsart«409 stellen und einen mobilen, dispersen und individuellen Empfang ermöglichen.

Hatten Radios als Taktgeber der Epochenschreibung über Jahrzehnte keine Rolle mehr gespielt, gewinnen die UKW-Sender Anfang der 1980er Jahre erneut Bedeutung, als sie den kurzen »Sommer von 1982« einleiten, der in Anlehnung an den zivilen Ungehorsam britischer Piratenradios auch als »Brasilianisches Liverpool« bezeichnet wird.410 Angesicht des bröckelnden historischen Blocks, der im Telekommunikationsbereich von einer »tiefen sich verschlimmernden Krise«411 geprägt war, machen die unabhängigen Radios die Forderung medialer Legitimation wieder aktuell und denkbar. Außerhalb der Literatur, die sich spezielle mit Freien und Community Radios beschäftigt, wird davon jedoch kaum Notiz genommen, das folgende Jahrzehnt lediglich als Professionalisierung des Rundfunks beschrieben, ohne die Ausdifferenzierung und zunehmende Präsenz unabhängiger Radioakteur_eurinnen zu reflektieren. Das »Radio von Heute« im »Zeitalter der Globalisierung« erschöpft sich in einer Deskription technologischer Modifikationen und Spekulationen über die weitere Entwicklung der »Digitalen Revolution«.412 Aus Sicht unabhängiger Radios lässt sich als konkreteste Zukunftsvision dagegen noch immer die bereits in den 1980er Jahren ausgerufene »postmediale Ära«, als Zeitalter einer »kollektiven Wiederaneignung subjektiver Produktionsmittel« zitieren.413 Aktueller, ihrem Anspruch nach jedoch weniger epochemachend und mediengebunden, ist die Vision der uneingeschränkten Geltung des Rechts auf Kommunikation »als zentrale und konstitutive Dimension der menschlichen Aktivitäten«.414

Abschließend lässt sich zu diesem epochalen Parcours zunächst bemerken, dass auch nicht-technische Visionen für nicht-unabhängiges Radiomachen existieren, wenn – beispielsweise seitens kommerzieller Medienverbände – unter marktliberalen Vorzeichen ein Ende staatlicher Intervention und vollständige Pressefreiheit eingefordert werden.415 Ohne sich hier mit diesen Argumenten im Einzelnen auseinanderzusetzen, fällt jedoch auf, dass die Verteidigung freiheitlicher Privilegien für Unternehmer_innen und Journalist_innen sehr eng gesteckt ist, und nur einen kleinen Teil der Legitimationsdebatte von Radios als mediale Ensembles erhellt. Radiomachen in seinem operativen Gebrauch bleibt bei allen referierten epochalen Formeln immer unscharf und verallgemeinernd.

Das heißt jedoch nicht, dass die hier referierten, kumulativen Zeitfenster von Radiomediation der Forderung nach gesellschaftlicher Anerkennungswürdigkeit generell erhaben wären. Im Gegenteil, das pausenlose switchen zwischen politischen, technischen und kulturellen Analyseebenen lässt sich auch als Strategie deuten, der Forderung nach Legitimation aus dem Weg zu gehen. Auf der Beobachter_innenebene wird das Latoursche »Dispositiv der Moderne« bedient, bei der sich die Argumentation »von einer Instanz zur nächsten mit so großer Geschwindigkeit« fortbewegt, dass es unmöglich ist die Autor_innen »mit den Händen im Teig zu ertappen«.416 Denn dann würde die gegenseitige Bedingtheit und der Netzwerkcharakter der Radiomediationen deutlich und ihr Verhältnis zu einem Gemeinwohl rekonstruierbar, das sich analytisch mehrdimensional erschließen ließe. 

Da dem nicht so ist, werden die Radioepochen jeweils nur retrospektiv oder prognostisch bemüht, die zeitlich so gebundenen Mediationen in ihrer Anerkennungswürdigkeit naturalisiert. Bewegung kommt jeweils nur auf, wenn die technologische Evolution hier und da gesellschaftlich justiert wird. Die soziale Bedeutung des Radiomediums schwankt, der Singular muss unberührt bleiben, weil sonst auch keine verallgemeinernde Mediengeschichte mehr geschrieben werden kann. Diese hat damit einen Anteil an der asymmetrischen Stabilisierung des/der Makroakteur_in Radio (= Rundfunk) und lässt sich in ihrer Stringenz auf zweifache Weise herausfordern. Zum einen verdeutlicht der epochensprengende »Sommer von '82« dass die FM-Technologie keineswegs eine lineare Medienentwicklung fördert, sondern vielmehr zu dessen »Hybridisierung« beiträgt.417 Die argumentative »Purifikation« nur eines Radiobegriffs entfernt sich damit noch weiter von empirischen Erfahrbarkeiten von Radios. Legitimiert wird eine mediale Abstraktion, die in ihrer sozialen (und akademischen) Anerkennungswürdigkeit äußerst prekär erscheint.

Der zweite Kritikpunkt der Radioepochen betrifft deren Ungenauigkeit im Verhältnis zu weiteren Mediationen. Genannt wurde bisher nur das konkurrierende Verhältnis zum TV beziehungsweise die zunehmende Präsenz von Computern im Radio. Verdrängung oder Assimilation erscheinen als prägende mediale Entwicklungslinien, die sich in Radios überlagern. Beschrieben wird dieser Vorgang aus Sicht des Radiomediums. Doch ein solcher reduktiver Standpunkt muss sich den Grenzen seiner perspektivischen Erklärungskraft bewusst sein.

Das folgende Unterkapitel wird zeigen, dass die Abstraktion konkurrierender Einzelmedien epistemologisch durchaus relevant sein kann, jedoch weniger universell und linear verstanden werden sollte, als die bisher dokumentierten Grenzziehungen von Radio dies suggerieren.

 

2.2.1.2. Einzelmedien

Es ist nicht das Anliegen, das in der Literatur beschriebene Verhältnis von Einzelmedien in Brasilien zu rekonstruieren und ein globales Konversionsnarrativ aufmachen, welches mediale Veränderung im Sinne einer ständigen Subsumtion vorgängiger Medien betrachtet.418 Vielmehr soll betrachtet werden welche Einzelmedien beschrieben und auf welche Weise diese miteinander verknüpft werden, um erneut Rückschlüsse auf ihre damit potentiell berührte gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit ziehen zu können.

Die erste relevante Grenze wird hierbei zwischen Radio und Presse gezogen, die anders als zu erwarten, keineswegs ein klare Linie zwischen Schrift- und maßgeblich oralen Mediationen darstellt. Retrospektiv lassen sich vielfältige gegenseitige Anleihen auf inhaltlicher und Formatebene konstatieren. So wie Printmedien Pate standen für Formate wie »diorevista« oder »elektronisches Journal«, generierten die radialen Mediationen ihrerseits spezifische Publikationen, die sich inhaltlich einzig auf die bildhafte und schriftliche Vervollständigung von Hörfunksendungen konzentrierten.419 Auf ähnliche Weise sollen auch Kino und Radio jahrzehntelang positiv aufeinander Bezug genommen haben.420 Wenn in diesen cross-medialen Beziehung auch um Legitimation konkurriert wird, dann lässt sich dafür als konkretes (historisches) Beispiel in der Literatur lediglich das massive Investieren von Gewinnen aus dem Printsektor in die Gründung privater Radios ab den 1940er Jahren benennen, das den »Druck auf Radioamateure erhöhte, ihre Konzessionen für kommerzielle Interessen zu verkaufen«.421 Dies ist weniger eine direkte Infragestellung der medialen Bedeutung von Radio, aber das Aufkommen konzentrierter, cross-medialer Eigentumsverhältnisse, beeinflusst(e) die Pluralität im Äther nachhaltig negativ und erschwert(e) unabhängigen Radioprojekten den Zugang zu Genehmigungen.

Deutlich konfliktreicher verläuft auf den ersten Blick die Beziehung zum Fernsehen. Das »teure Experiment«, das 1954 zunächst nur wenige Sende- und Empfangsgeräte in Rio de Janeiro und  São Paulo umfasste, löst das Radio in den nachfolgenden Jahren als Leitmedium ab, das »Radio verliert seine Magie«.422 Die »Vertreibung des Radios aus den Wohnzimmern« wird zum Anlass genommen den »Tod des Radios« auszurufen.423 Die TVs bedienen sich dabei der bereits aus dem Äther bekannten kulturellen Elemente, viele (menschliche) Akteur_innen wechseln zur audiovisuellen Konkurrenz.424 Doch auch wenn das Fernsehen das Radio als »Symbol der Moderne« verdrängt, sein immer wieder heraufbeschworen Verschwinden oder eine televisionäre Subsumtionen bleiben aus.

Seine Legitimation gegenüber den Fernsehmedien behält das Radio der Literatur zufolge aus mehreren Gründen. Zunächst unterschlägt der weiter oben beschriebene Antagonismus zwischen oralen und audio-visuellen Mediationen eine zumindest zeitweilige, komplexe Arbeitsteilung und mediale Konvergenz.425 Denn bis Anfang der 1960er Jahre werden »Fernsehsender wie Radios betrieben«, erst danach geht das TV »eigene Wege«.426 Des Weiteren schotten sich Radios nicht hermetisch von im TV modifizierten Formaten und Produktionsweisen ab, sondern reflektieren diese, um ihr Verhältnis zum Publikum zu rekonfigurieren. In Ermangelung von Budgets für kostspielige Produktionen, verlagerten die meisten Sender ihren Fokus auf die Produktion aktueller Nachrichten und nutzten den Vorteil dabei »unmittelbarer« und schneller zu sein als die audiovisuellen Mediationen.427 Zugleich generiert sich Radio auch dank immer mobilerer Empfangsgeräte zu einem Begleitmedium im Alltag, das dem Fernsehen lediglich »ab 18 Uhr« ein massiveres Publikum überlassen muss. Auch wenn sich dieses Verhältnis bis heute weiter verändert hat, behaupten Radiosender nach wie vor erfolgreich spezifische Publika.428

Ihre gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit wird dabei nicht nur in seiner breiten Verfügbarkeit sondern auch in einer besonderen Nähe zu den Hörenden beschrieben. Im Gegensatz zu unabhängigen »Radios der Bevölkerung« (rádio do povo) gäbe es kein vergleichbare Bezeichnung für das TV, die zugleich eine Bedürfnisorientierung und gewisse Partizipationsmöglichkeiten ausdrückt.429 Auch wenn mit sogenannten Community TVs ein ähnliches mediales Konzept wie RadComs existiert, wird ihrer Existenz auf den Treffen von Community Medienvertreter_innen zwar begrüßt, zu gleich sind für den operativen Gebrauch jedoch wenige konkrete und dauerhafte Mediationen dokumentiert.430 Auf negative Weise legitimiert sich hier Radio im Vergleich als ein potentiell offeneres Ensemble für gesellschaftliche Aneignung und die Schaffung partizipativer Mediationen.

Eine solche partizipative Qualität wird allgemein ebenfalls dem Internet und sogenannten »neuen Technologien« nachgesagt, die auch in Brasilien eine »Erfahrung der Demokratisierung« darstellen würden.431 Relevant erscheint dabei bezüglich des Internets zunächst dessen »historisch gewachsene soziotechnische Ausgestaltung«, als dialogische Aushandlung zwischen seinen Nutzer_innen und Entwickler_innen.432 Entgegen der ontologischen Trennung zwischen Produzierenden und Konsumierenden fände hierbei ein ständiger Rollenwechsel statt, das Medienmachen, das bei unabhängigem Radiomachen als zu verwirklichender Anspruch formuliert ist, wird zur Grundlage des Internets erklärt, dessen Existenz direkt von den »kommunizierten Inhalte aus errichtet« werde. In solchen Darstellungen wird das Internet als das (potentiell) demokratischste Medium überhaupt legitimiert.

Der Kritik, dass der Zugang zum »Netz der Netze« in brasilianischen Haushalten mit 36,5% dabei deutlich weniger breit gestreut ist als zu Radio- (83,4%) und TV-Medien (96,9%), lässt sich zwar mit dem Argument begegnen, dass bei anhaltend schnellen Wachstumsraten der Zugang in weniger als 10 Jahren vergleichsweise universell sei.433 Nicht von der Hand zu weisen sind jedoch die Einwände, dass die Internetnutzung, im Gegensatz zum terrestrischen Radio- und TV-Empfang, nicht kostenfrei ist. Zudem wird ebenfalls darauf verwiesen, dass der demokratische Charakter des Internets keine unveränderliche mediale Eigenschaft ist, und es

»verschiedene legale, kommerzielle und technologische Handstreiche (expedientes) [gibt], um die Freiheit der Ströme im Internet zu reduzieren und das Netz in einen globalen Supermarkt in Diensten der Copyright-Industrie zu transformieren«.434

Neben dieser allgemeinen Debatte um die mediale Legitimation des Internets, ist für einen konkreten Vergleich mit radialen Mediation die ontologische Dimension, das Netz, von Bedeutung, vor allem, wenn dessen distribuierte Verknüpfung zitiert wird, um die Anerkennungswürdigkeit des Radiomediums in Frage zu stellen. Statt einem festen, zentral produzierten Programm, ermöglichten heute »Podcasting und Syndikalisierung eine viel aktivere Mediennutzung, [...] verlagern die Macht vom Sender zum Empfänger, der Informationen von unterschiedlichen Quellen abruft.«435

Funkübertragungen machen solcherlei digitale Netzwerke in naher Zukunft auch über die die WLAN-Dispositive hinaus im elekotromagnetischen Spektrum vorstellbar. Die Topologie und korrespondierenden Charakteristiken dieser Netzwerke sind dabei keineswegs vorbestimmt, könnten sich sowohl an einer die »Expansion des Kapitals stärkenden Infrastruktur« orientieren oder aber »eine ökonomischere, inklusivere, dezentralisierte Kommunikation garantieren, die sich der autoritären Kontrolle entzieht.«436 Die Abwesenheit einer strikten Regulierung im elektromagnetischen Spektrum gerinnt hier zu einem Argument, dass distribuierten digitalen Netzwerken gerade ihren demokratischen Charakter und ihre gesellschaftliche Anerkennungs-würdigkeit  verleiht.437 Bei Radiomediationen rechtfertigt der Staat als zentraler Legitimationshelfer bis heute die Notwendigkeit, Kommunikation gesetzlich regulieren zu müssen.438 Im Verhältnis zum Internet wird deshalb weniger die Anerkennungswürdigkeit des Radios per se problematisiert, sondern der exzessive staatliche Regulierungsanspruch.

Abschließend lässt sich bemerken, dass eine solche punktuelle Kritik keinesfalls eine Ausnahme bildet, sondern exemplarisch für das intermediale Konkurrieren um Legitimation steht. Im Fall der Beziehung des Radios zu Printmedien wurde die eher indirekte Forderung deutlich, die Anerkennungswürdigkeit cross-medialer Eigentumsverhältnisse gegenüber einem bestimmten Gemeinwohl (Bsp. plurale Mediennutzung) zu rechtfertigen. Im Falle des Fernsehens wurde und wird kritisiert, dass es für eine breite Aneignung, im Sinne eines Medienmachens, weniger geeignet sei als das Radio. Und das Internet schließlich muss sich bis heute dagegen wehren, nicht kostenfrei und universell verfügbar zu sein. Hier ist die Forderung nach medialer Legitimierung jeweils empirisch und weniger theoretisch-normativ angelegt.

Anders liegt der Fall des gesellschaftlichen Leitmediums. Dessen Bestimmung wird heute, wie ich gezeigt habe, weniger daran festgemacht wird, wer als innovativste_r Transporteur_in von Modernität gilt, sondern an einem demokratieförderlichen Beitrag nach Außen bzw. einer demokratischen Organisation des Mediums nach Innen. Das Internet nimmt dabei in all seiner Undeutlichkeit eine exponierte Stellung ein – alle »alten Medien« müssen sich in ihrem Verhältnis zu ihm nicht unbedingt neu erfinden, wohl aber legitimieren. Quantitativ betrachtet, hat Radio dabei auf Grund seiner quasi universellen Verbreitung und einem kostengünstigen Zugang noch immer einen Demokratievorsprung. Qualitativ gerät es jedoch unter Legitimationsdruck, denn die weitreichende staatliche Regulierung muss gegenüber den distribuierten Legitimationshelfer_innen im Internet oder anderen digitalen Netzwerken »autoritär«439 wirken.

Doch ist Radio deshalb per se undemokratisch und unreformierbar und alle Anstrengungen nicht mehr als ein bisschen »Stühlerücken auf dem Sonnendeck der Titanik«?440 Nach der hier geleisteten relationalen Betrachtung muss die Antwort Nein lauten, denn als Kern der Kritik wurden sehr deutlich nationalstaatliche Regulierungsansprüche herausgearbeitet. Sie sind es auch, die bisher maßgeblich zu der Unveränderlichkeit der Formel »einer sendet und alle anderen hören zu« beiträgt und keine »Rotation« dieser festen Rollenverteilung zulässt.441 Und aktuelle Debatten um eine stärkere Regulierung des Internets zeigen, dass dessen  »demokratischer« Charakter keineswegs eine Konstante ist. Auch in Brasilien scheint der etablierte Legitimationshelfer Staat daran interessiert, seinen medialen Regulierungsanspruch weiter auszudehnen und mobilisiert dafür das breite Konzept der »digitalen Inklusion«, das letztendlich jedes als digital bezeichnete Medium betrifft.442 Mit Rekurs auf die zentrale staatliche Bedeutung bei der (Aus)Bildung seiner Bürger_innen, wird ihm auch eine herausragende Stellung zugesprochen, die digitale Inklusion voranzubringen und die digitale Alphabetisierung zu fördern, weshalb es auch »dem Staat zukommt, die digitale Inklusion zu regulieren«.443 Betroffen ist von diesem legitimatorischen Claim erneut auch das Radio, für dessen Digitalisierung bereits im Jahr 2010 erste legale Bedingungen und Richtlinien abgesteckt worden.444

 

2.2.1.3 Theoriebaukasten IV - Einzelmedien und Agenturen

Auch wenn im vorherigen Theoriebaukasten bereits eine gewisse kollektive Formatierung der Akteur_innen angedeutet wurde, zeigte die folgende Betrachtung medialer Grenzziehungen auch, dass die bisher verwendeten Akteur_innenkonzepte nicht ausreichen, um die nun beschrieben Ensembles adäquat zu erfassen. Vor allem werfen die beschriebenen Übergänge zwischen als Radio, Fernsehen und Internet beschriebenen Mediationen die Frage auf, ob es bei den zunehmend porösen Grenzen und medienübergreifenden digitalen Netzwerken analytisch überhaupt noch sinnvoll ist, von Einzelmedien zu sprechen. Da die vorliegende Arbeit Akteur_innen folgt, die behaupten Radio zu machen, muss – zumindest auf infralinguistischer Ebene – dafür eine Antwort gefunden werden, die dem Blick der beobachteten Medienmacher_innen gerecht wird.

Innerhalb der ANT lassen sich Einzelmedien allgemein zunächst als spezifische hybride Akteur_innenkonstellationen auffassen, die »nach ihrer Komplexität unterschieden werden, oder nach ihren Trajektorien, den Bahnen auf denen sie in Existenz treten (und wieder aus ihr heraus)«.445  Die Frage nach der Komplexität ist bereits angerissen worden, als es um das Öffnen von black boxes ging (vgl. 2.1.2.4), dass sich auch als »tracing the complex relationships that exist between governments, technologies, knowledge, texts, money and people« umschreiben lässt.446 Den Blick umkehrend, wird hier nun gefragt, ob sich Medien – und im engeren Sinne Einzelmedien – trotz ihrer Komplexität und Nicht-Abgeschlossenheit analytisch trennscharf zueinander rekonstruieren lassen. Nein, müsste es zunächst heißen, denn komplexe Beziehungen drücken sich in einer großen Menge an Variablen aus, »without being able to calculate their numbers exactly nor to record that count, nor, a fortiori, to define its variables«.447 Dennoch lassen sich gegenüber komplexen konzeptuell auch komplizierte Beziehungen unterschieden, »all those relations which, at any given point, consider only a very small number of variables that can be listed and counted«448 Medien werden einzeln als komplizierte Ensembles unterscheidbar.

Das so beschriebene »künstliche Gefälle« zwischen komplex und kompliziert, meint in der ANT jedoch keine technischen Objekten oder Medien innewohnende Dynamiken, die nicht hintergehbare Kontingenzen oder Pfadabhängigkeiten hervorrufen.449 Vielmehr sind die sich in komplizierten Beziehungen ausgedrückten Einzelmedien situativ, an einen zeitlich-räumlichen »given point« gekoppelt. Damit wird die Frage nach der Existenz von Einzelmedien im Allgemeinen und Radios als Akteur_innen im Besonderen zu einer empirischen, welche in Ethnotheorien von Fürsprecher_innen oder system builders artikuliert werden – wie dies die vorangegangene Betrachtung der brasilianischen Medienlandschaft bereits dokumentiert hat.

Doch wozu eigentlich Einzelmedien explizit in komplizierte Akteur_innen re-dimensionieren? – wurden doch bereits vier Perspektiven auf heterogene Entitäten und Ensembles entwickelt? (vgl. 2.1.3.6). Der qualitative Unterschied besteht darin, dass die angedeuteten komplizierten Beziehungen eines Einzelmediums implizit bereits eine »Aktivität verändernder Wirksamkeit« ausdrücken.450 Vereinfacht gesagt: Es wird zum ersten Mal deutlich, wie Akteur_innennetzwerke »handeln«, nämlich, indem sie einander relational dazu befähigen. Das analytische Interesse an Einzelmedien liegt darin, die in einem Einzelmedium verknüpften Mitspieler_innen in Bezug auf ihre Effekte in den Blick zu nehmen. Auf der Beobachter_innenebene werden solche Konstellationen oft als Handlungspotentiale, Handlungsprogramme, agencies oder Agenturen bezeichnet.451 Gemeinsam ist diesen infralinguistischen Bezeichnungen, dass sie die Perspektive der Beobachtenden auf einzelne Ensembles von Entitäten beschreibt, von denen eine verändernde Wirksamkeit auszugehen scheint.452 Mein Konzept von Radio(machen) als eine um Legitimation bemühte Signalerzeugung im elektromagnetischen Spektrum ist eine solche Agentur.453

Auch Agenturen nehmen, wie das allgemeine Beispiel »legitimierten Radiomachens« zeigt, die Unterscheidung komplizierter und komplexer Beziehungen wieder auf. In diesem Fall wird Radiomachen nämlich als spezifische komplizierte Akteur_innenrelationen im Rahmen der Forschungsfrage und des Settings einschränkt. Damit ist die theoretische Grundlage zur Untersuchung des Einzelmediums Radio nun sowohl auf ethnotheoretischer als auch auf der Ebene des Beobachtenden gelegt. Fast zumindest, denn trotz dieses präzisen Fokus versagen sich die Agenturen weiterhin einer genaueren zeitlichen Dimensionierung. Die »Zurückhaltung gegenüber der Geschichte« die deshalb bei ANT-Studien auch moniert wird, lässt sich zunächst natürlich mit dem »ethnomethodologische[n] Vertrauen in die Akteure« begründen, die ihre eigene Zeitlichkeit konstruieren.454 Die weiter oben bereits erwähnte Möglichkeit, Akteur_innen als Beobachtender auf den Bahnen ihrer Existenz (Trajektorien) zu folgen, zeigt jedoch auch, dass es sehr wohl theoretische Angebote geben muss, Radiomedien in der Zeit genauer auf die Spur zu kommen. Im folgenden Kapitel beginnt nun die Suche.

 

2.2.2 Die Trajekte des Einzelmediums Radio

Das Augenmerk wurde im vorherigen Kapitel vor allem auf die komplexen, wenn man so will »transmedialen Beziehungen« von Radio(s) gerichtet. Im Folgenden soll nun ein kurzer Überblick auf die in der Literatur dokumentierten Konfigurationen von Radio als veränderliches Einzelmedium gegeben werden. Um solcherlei mediale Modifikationen auf der Beobachter_innenebene besser zu fassen, lässt sich ein sensibilisierendes Konzept der Techniksoziologie heranziehen, das der Trajekte. Als Trajekt wird dort im Allgemeinen die »normale Problemlösungsaktivität« im Rahmen eines technologischen Paradigmas verstanden.455 Das zu lösende Problem legitimen Radiomachens liegt vor allem in der Sozialisierung der Signalübertragung und hat dabei seit den frühesten Experimenten eine Reihe wichtiger Verschiebungen erfahren. Die im vorherigen Kapitel erwähnte »Digitalisierung des Radiomachens« steht exemplarisch für eine solche gerade stattfindende Modifikation.

Trajekte sind nicht selbsterklärend und verlangen nach einer weiteren methodologischen Dimensionierung. Zwei mögliche perspektivische Annäherungen dafür eröffnen sich in einer Rekonstruktion von Radiomediationen als technikhistorische Meilensteine oder aber als technologische Dramen.456 Erstere dokumentieren die sich verändernden, als »technisch« verstandenen, Akteur_innenkonstellationen des Radiomachens (2.2.2.1). Dieses Vorgehen stellt einen Versuch dar, signifikante »Technologiesprünge« herauszuarbeiten und ihre relationalen Effekte für ein mediales Ensemble zu beschreiben. Relevant ist einmal mehr die Frage, in welchem legitimatorischen Verhältnis diese sprunghaften Veränderungen zu einem spezifischen Gemeinwohl stehen.

Das Konzept der technikhistorischen Meilensteine ist nicht frei von einem impliziten Innovationsdenken. Deshalb wird diese Betrachtung anschließend von zwei technologischen Dramen ergänzt, die in ihren Narrationen eine lineare Höherentwicklung unterlaufen. Untersucht wird dabei zum einen erneut die Rolle von Radio als Mittel der Modernisierung, einer Erzählung der, wie ich zeigen werde, nach und nach ihr legitimatorische Erklärungskraft verlorengeht (2.2.2.2). In einem zweiten Exkurs wird dann die Stabilisierung der vorherrschenden Formen von Radiomachen innerhalb des brasilianischen Rundfunkmodells betrachtet, in denen sogenannte Affilationsnetzwerke (redes de afiliação), eine herausragende Rolle einnehmen (2.2.2.3). Exemplarisch wird dafür der Aufstieg des privaten Mediennetzwerks O Globo rekonstruiert und in seiner gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit problematisiert. Gemeinsam werden die hier erarbeiten Zugänge die gesellschaftliche Formbarkeit des Trajekts Radio deutlich machen, nicht nur, um seine retrospektiv gezeichnete Linearität zu verundeutlichen, sondern auch, um das Argument einer vollständig erhärteten Technik, eines festen Technologie-Pfades zu erschüttern und die Angriffsfläche für gegenwärtige Legitimationsforderungen weiter zu vergrößern.

 

2.2.2.1 Technikhistorische Meilensteine

»Technikhistorische Meilensteine sind diskursiv vermittelte[n] Bindeglieder eines medien-historischen Pfads«457, von dem für den hier untersuchten Fall des Radiomachens in Brasilien nun die wesentlichen, in der Literatur erwähnten Größen dargelegt werden.

Ein erster wesentlicher Meilenstein wird dabei mit der »Einführung von Elektronenröhren« in den operativen Gebrauch der Signalerzeugung beschrieben.458 Während diese_r neue Akteur_in auf der Senderseite half das Signal zu verstärken, ermöglichte diese Neuerung auf der Empfängerseite eine »Miniaturisierung« der Geräte.459 Die gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit des Radiomediums wird dadurch auf doppelte Weise verstärkt. Radioempfänger werden zunehmend »tragbar« und »kostengünstig« in Herstellung und Anschaffung.460 Die Allgegenwärtigkeit drückt sich sowohl in der immer komplexeren Kopplung mit anderen nicht-menschlichen Akteur_innen aus: Kofferradios, Radiowecker, Autoradios. Zugleich nimmt auch die geographische Ausdehnung von Sende- und Empfangsgeräten zu; auch in nicht-elektrifizierten Regionen Brasiliens können mit batteriebetriebenen Transistorradios Programme auf AM- und Kurzwelle gehört werden. Diskursiv wird dem Meilenstein Elektronenröhre zugeschriebenen, die Verbreitung von Radiomedien in den »abgelegensten Regionen« ermöglicht zu haben und es für lange Zeit zum »meist verbreitetsten Medium [und auch] einer der prinzipiellen Formen regionaler Kommunikation gemacht zu haben«.461 Radio »verliert die Aura des Mysteriums« und wird zu einem banalen »Konsumgut«.462 Breiter Zugang um den Preis, Radio in eine Warenform überführt zu haben – dieses Argument ist einer der wenigen Momente in denen die innovative Legitimität der Elektronenröhre herausgefordert wird.463

Deutlich wird hier eine Kritik, die »technisch« abstrahierte Innovationen als Ursache eines breiteren sozialen Handlungsprogramms ablehnt. Die retrospektive Behauptung, nur die Warenform habe die innovative Modifikation der Radiomedien und einen universellen Zugang möglich gemacht, ist empirisch nicht belegt. Ungeklärt ist ebenso die Frage, ob weitere, technikhistorischen Meilensteinen zugeschriebene Beiträge zu einem Gemeinwohl als solche auch von der Gesellschaft anerkannt werden. Beispielhaft steht dafür der technikhistorische Meilenstein »elektronische Aufnahme- und Speichergeräte«, der seit seiner Ablösung eines »quasi kunsthandwerklichen« Musik- und Geräuschemachens (sonorização) in Echtzeit, in einer nie abgeschlossenen linearen Bewegung immer weitere technische Meilensteine mobilisiert, die einander ergänzen und ersetzen: Plattenspieler, Kassettendecks, CD-Spieler, Mini-Disks, Festplatten, etc.464 Doch ob eine »quadrofonische Klangwiedergabetreue« (HiFi), die für Hörer_innen maßgebliche Radio-Charakteristika ist, wird nicht reflektiert.465

Eine Fortsetzung findet diese offene Frage in den sich verändernden Modulations- und Übertragungstechnologien der Radiomedien. Den Anfang soll in den 1960er Jahren die Einführung von FM-Übertragungen gemacht haben, von der an das Radio »zahlreiche Prozesse der technischen Perfektionierung durchläuft«.466 Doch auch wenn Übertragungen auf Ultrakurzwelle heute den einzigen globalen Radiostandard bilden, stützt sich die Bedeutung dieses Meilensteins nicht auf ein, sondern auf verschiedene, teils konträre Argumente. Allgemein wird zunächst erneut die anderen Modulationsarten (in anderen Bandbreiten) überlegene Audioqualität erwähnt, die vor allem den bis in die 1960er Jahre dominanten AM-Übertragungen »Marktanteile« gekostet habe.467 Dass dies trotz eines gewichtigen Nachteils des FM-Standards geschieht, nämlich seiner vergleichsweise kurzen Reichweite, die es nicht erlaubt(e) wie AM-Übertragungen »das gesamte Land zu verbinden«, bedarf weiterer Erklärungen, von denen hier zunächst die dafür notwendigen »technischen« Modifikationen benannt werden sollen.468

Voraussetzung für die Übertragung von Radio mit FM im UKW-Band war zunächst der Umzug der vorherigen Nutzer_innen, der brasilianischen TV-Stationen, die dort bisher Funkübertragungen für die Signalweitergabe organisierten, nun aber in den Mikrowellenbereich wechselten.469 »Doch innerhalb des geltenden Modells der Epoche, nämlich einem [Sender] mit großer Reichweite, interessierte der lokale Charakter der Frequenzen die Sender damals nicht.«470 Implizit beschränkt sich diese generelle Aussage vor allem auf kommerzielle Radioakteur_innen, die zu dieser Zeit danach suchten kostengünstiger zu produzieren, anstatt neue Sender zu eröffnen. Der Prozess der »Segmentierung« den das brasilianische Radiomedium im UKW-Band ab den 1960er Jahren begonnen haben soll, betrifft deshalb auch weniger eine Pluralisierung der Sendenden als eine Segmentierung der gesendeten Inhalte, die zeitgleich von mehreren Radios ausgestrahlt wurden, um spezifischere Publika zu erreichen.471 Die Vielfalt unabhängiger Sender im UKW-Band beeinflusst positiv erst die Artikulation Freier Radiomedien ab den 1980er Jahren. Der Meilenstein FM-Standard ist in seiner gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit deshalb äußerst ambivalent, denn sein Erfolg beruht vor allem auf dem Modell einer umfangreichen Retransmission, »Netzwerken, bestehend aus einigen wenigen produzierenden Stationen und vielen assoziierten (afiliados) Nichtproduzenten«.472

Hier stellt sich die Frage, wie sich diese noch näher zu untersuchenden Affiliationsnetzwerke (vgl. 2.2.2.3) für die Signalweitergabe organisieren. Entscheidend ist dafür ein großer technikhistorischer Meilenstein, der auch das brasilianische FM-Modell umfasst, nämlich die Konstitution sogenannter »integrierter Netzwerke«.473 Diese vereinen Übertragungen mittels »unterirdischer Telefonverbindungen«, »Glasfaserkabel« und zahlreicher Satellitensysteme.474 Die Organisation und Finanzierung dieser komplizierten Infrastruktur legitimiert sich in dem Versprechen, die Kommunikation auf diese Weise unabhängiger von »atmosphärischen und klimatischen Bedingungen« zu machen, »mit entfernten Regionen interagieren« und Radioübertragungen »an jeden Ort« bringen zu können.475 Diese Sicht der Dinge lässt sich mit mindestens zwei konkreten Nachfragen herausfordern. Was wird übertragen, auf dieser »Superinformationsautobahn«476? Und inwiefern ist die Konzentration von Produzierenden beziehungsweise die »Gleichschaltung« von Radiostationen uneingeschränkt einem Gemeinwohl zuträglich? Die in der Literatur affirmierte integrierte Vernetzung thematisiert solcherlei Einwände nicht. Unbeachtet bleibt auch, dass innerhalb und außerhalb dieser zunehmenden Integration weiterhin AM- und Kurzwellensender übertragen, die den Meilenstein FM in seiner Totalität eingrenzen und ebenfalls spezifische mediale Anerkennungswürdigkeiten konstatieren.477

Neben diesen beiden (und weiteren) fortbestehenden Übertragungsarten, konkurriert der FM-Standard zudem mit neuen Möglichkeiten, Audiosignale zu versenden. Die gesichtete Literatur ist alles andere als präzise und in weiten Teilen spekulativ, was eine weitere »Integration von Computern und Telekommunikation«478 (inklusive Radio) angeht. Beschrieben wird, bei allen Unschärfen, eine Popularisierung der elektronischen Welt und ein »AVC«-Verbund (Audio, Video, Computer), die einen qualitativen Sprung von einer vernetzten Retransmission hin zu aktiveren Nutzungsmöglichkeiten einzelner Mediationen eines »Superwissensnetzes« begünstigen sollen.479

Lässt sich angesichts dieser analytischen Unentschiedenheit überhaupt ein weiterer Meilenstein ausmachen, scheint der vorausgesagte mediale »one-access terminal«480 bisher doch unerreicht? Am nächsten kommt dieser Prophezeiung heute die Nutzung des Internets481 und der darin angelegten Möglichkeit Webradio zu machen. Erwähnt werden »Seiten zum Netzhören«, Erfahrungen von »Community Radio im Internet« (in Venezuela) und die allgemeine Erwartung im Internet »ein persönliches Radio [zu] schaffen«.482 Angedeutet wird damit, die lineare Programmstruktur von Radiomedien aufzubrechen und einen aktiveren Inhalt zu ermöglichen. Worin genau sich ein RadCom-Webradio von anderen Webradios unterscheiden soll, bleibt jedoch unklar, garantiert doch bisher eine gewisse Netzneutralität483 eine Gleichbehandlung der Inhalte unter Abwesenheit der für Radiofrequenzen charakteristischen Knappheit. Geschuldet sind diese explikatorischen Lücken einer fehlenden Analyse der sich verändernden Übertragungswege.484 Welche Folgen sich für die mediale Legitimation von Radio ergeben, bleibt unbeachtet und verschwindet in Begriffsfeldern wie »Multimedia«, »Neue Technologien« und einem »Mensch-Computer-Dialog«.485 Folglich würde damit das Einzelmedium Radio obsolet und als technikhistorischer Meilenstein bliebe die transmediale »Konvergenz diverser Medien, unter denen sich Rundfunk, Pay-TV, Festnetz- und Mobiltelefonie, Informationsnetzwerke, vor allem das Internet hervortun« zu proklamieren und damit zugleich das Ende des Einzelmediums Radio.

Dennoch ist der switch off analoger Signalübertragungen im elektromagnetischen Spektrum bisher ausgeblieben. Radio hat sich nicht vollständig in ein multimediales Netzwerk eingefügt und entzieht sich weiterhin seiner vollständigen Eingliederung. Statt Teil eines digitalen Netzwerks zu werden, lässt sich seine Digitalisierung als aktueller konkurrierender Meilenstein analysieren. Denn den Raum dieser Digitalisierung bildet, wie oft behauptet, nicht zwangsläufig das Internet – binäre Codes lassen sich auch vermittels Radiowellen übertragen.486 Fürsprecher_innen des potentiellen Meilensteins »Digitalradio« verknüpfen seine Realisierung mit einer effizienteren und demokratischeren Nutzung der Radiofrequenzen, einer »digitalen Emanzipation«, ermöglicht durch eine »Dezentralisierung der Infrastruktur der Telekommunikation die eine monopolistische und autoritäre Kontrolle erschweren« würde.487

Diesem legitimatorischen claim, der zugespitzt suggeriert, dass Radiofrequenzen besser durch Software als staatliche Institutionen verwaltet werden sollten, wird zweifach widersprochen.488 Anstatt einer solchen als technologische Ideologie abgetanen Deregulierung wird zum einen vorgeschlagen, die Rundfunknormen punktuell zu reformieren und mit den Bedürfnissen für die Einführung dieser Technologie zu konsolidieren.489 Zum anderen wird das »Fehlen von Empfangsgeräten« als Beispiel für die insgesamt unsichere Realisierung des potentiellen Meilensteins Digitalradio angeführt. Auch nach der aktuellen politischen Aushandlung eines Digitalradiostandards wird in Brasilien weiterhin dessen gesellschaftliche  Anerkennungs-würdigkeit zur Debatte stehen und die Frage, inwiefern die Digitalisierung des Radios dabei helfen kann, die  »brasilianische Medienhegemonie« herauszufordern.490 Ebenso offen bleibt, ob sich hier ein einzelmedialer technikhistorischer Meilenstein andeutet oder aber Digitalradio als Teil einer breiteren Konvergenz zu lesen ist.491

Die Analyse der technikhistorischen Meilensteine von Radio(s) in Brasilien zeigt, dass sie jeweils nur einen Teil des Mediums sichtbar machen. Auch wenn die historische Einbettung die Vorstellung von Technik als etwas gesellschaftlich Entkoppeltes überwindet, beschreiben sie nur ungenügend die Beziehung zu einem spezifischen Gemeinwohl. Auch in der Literatur wird dieser Umstand reflektiert, wenn wiederholt an der »technischen Neutralität« medialer Größen gezweifelt wird. Bemängelt wird der dieser Annahme zugrunde liegende Ausschnittcharakter, der die Möglichkeiten gesellschaftlicher Transformation künstlich einschränkt oder auf einige wenige, universell wünschenswerte Eigenschaften reduziert.492 Doch die vorgenommene Betrachtung macht deutlich, dass die Vernetzung, ebenso wenig wie Reichweiten, Signalqualität, Geschwindigkeit, Konvergenz oder Digitalisierung von Technologien an sich, sondern nur in weiteren, gesellschaftlichen Kopplungen legitimationsstiftend sind. Ohne eine weitere Differenzierung eines als technologisch abstrahierten Potentials, müssen spezifische (legitime) Bedürfnisse – wie die unabhängiger Radios – unbeachtet bleiben.

Geschuldet ist dies auch dem konzeptuellen Umstand, dass technikhistorische Meilensteine per Definition daran interessiert sind einen Transformationspfad zu beschreiben. Die dabei implizit vorgenommene Selektion blendet die Aushandlung von Legitimation aus und tendiert eher dazu, politische Forderungen, die das radiale »Trajekt [...] begradigen« wollen, in ihrem asymmetrischen Charakter zu stärken. Dennoch ist das Konzept der technikhistorischen Meilensteine eine analytische Hilfe, um komplizierte technologische Transformationen für die weiterführende empirische Untersuchung zu ordnen. Denn immer dann, wenn die Spur des eindeutigen medialen Transformationspfads undeutlich wird, gerät eine Widerständigkeit der als Technologie subsummierten Akteur_innen in den Blick, die sich nicht rein technisch erklären lässt. Ebenso wenig wie eine schlichte »technologische Evolution« als analytische Grundlage veranschlagt werden kann, reichen die »alten [Konzepte der] Meinungs- und Pressefreiheit aus«, um eine »technoglobale Gesellschaft« und die »stattfindende politische Schlacht um die Definition von Medienstandards« zu beschreiben.493 Die Legitimation technischer Meilensteine wird hier bereits in ihrer konkurrierenden Emergenz und nicht erst retrospektiv als historische Abfolge thematisiert. Beispielhaft steht dafür die aktuelle medienpolitische Debatte um Konvergenzen und Digitalisierung. Und bei dieser geht es eben nicht nur darum, für »die schnelle Evolution von Technologien« einen »adäquaten Regulierungsrahmen« zu finden, da eine viel umfassendere Aushandlung »neuer Kommunikationsplattformen« ansteht.494

Um das problematische, evolutionäre Paradigma von Technologien in seiner Selbstevidenz weiter zu erschüttern, lohnt sich neben der Kritik einzelner technikhistorischer Meilensteine auch eine Revision von umfassenderen Narrativen, die dabei helfen, blackgeboxte Widersprüchlichkeiten zu entfalten. Radiomachen als technologische Dramen nachzuerzählen, kann äußerst fruchtbar sein, um spezifische technologische Konfigurationen und (techno)politische Zielstellungen zu dokumentieren, wie die beiden folgenden Exkurse zeigen werden.

 

2.2.2.2 Technologisches Drama 1: Modernisierung

»Technology is not politics pursued by other means; it is politics constructed by technological means.«495

Ohne in eine disjunktive Trennung von Technologie gegenüber Gesellschaft und Politik zurückzufallen, formuliert das Konzept des Technologischen Dramas eine interessante Herangehensweise, um Relationen entlang einem Technologie-als-Text-Konzept zu erkunden.496 Dabei wird Legitimation auf einer normativ-diskursiven Ebene, als Teil eines technologischen Produktionsprozess, untersucht. Insofern ist das Vorgehen dem bisherigen Mapping nicht unähnlich, auch wenn dieses selbst eine konzeptuelle Abstraktion von Technologie vermeidet. Dennoch gibt es viele methodologische Überschneidungen, vor allem das Interesse, der Legitimation materieller Entitäten auf die Spur zu kommen.497

Technologische Dramen zielen in ihren analytischen Beschreibungen darauf ab, technologische Prozesse in drei Akten zu rekonstruieren. Im ersten Akt, der technologischen Regularisierung, werden Aneignungen oder Modifikationen von Technologien veranschlagt, die den Effekt haben, dass »some of its technical features embody a political aim […] cloaked in myths of unusual power, […] that justify regularization.«498 Die Ergebnisse dieses Prozesses tragen zur Schaffung sozialer Beziehungen und Rituale bei. Im zweiten Akt, dem technological adjustment, wird der dominante Diskurs (der diesen eingeübten Verhältnissen zu Grunde liegt) dann herausgefordert. Dies geschieht vermittels einer Delegitimierung des »hegemonic frame of meaning« und zugleich entlang verschiedener Aneignungsstrategien, »try[ing] to gain access to a process or artifact from which it has been excluded«,499 ohne zunächst die gesellschaftliche Einbindung der als Technik vorgestellten Größen grundsätzlich in Frage zu stellen. Dies geschieht erst in einem möglich dritten Akt, der technological reconstitution, wenn durch Prozesse symbolischer Inversion die Herstellung von Gegenartefakten eingeleitet wird, die »negate or reverse the political implications of the dominant system«.500

Welches technologische Drama lässt sich nun von Radiomedien in Brasilien erzählen, wenn zunächst seine Rolle als »Werkzeug der Modernisierung«501 in den Blick genommen wird, einer Funktion, die, wie in den vorherigen Kapitel deutlich geworden ist, zwar eingegrenzt, jedoch nie gänzlich aufgehoben wurde. Radio wird zunächst in einer Linie mit Zigaretten, Tee, Frauenhüten, Straßenbahnen und Tonika als eine Modeerscheinung unter vielen beschrieben, die jedoch langfristig »einen entscheidenden Einfluss auf die kulturelle Transformation Brasiliens« gehabt haben soll.502 Dimensioniert werden vielfältige, miteinander verwobene politische Zielstellungen. Die erste entspinnt sich aus dem scheinbaren Paradoxon eine »importierte Medientechnologie«, die bereits den Keim »kultureller Abhängigkeit« mit sich brachte, für eine eigene »Produktion innerhalb des nationalen Territoriums« zu nutzen.503 Dieses Ziel wird als von Beginn an immanent betrachtet, denn »bereits 1922 gab es große Anstrengungen [vermittels des Radios] die Identität einer reichen und modernen Nation zu schaffen«.

Dieses nation building per Radio sollte sich entlang zweier konkreter Absichten realisieren, nämlich, vermittels Radiosendungen, die Bevölkerung zu erziehen und kulturell teilhaben zu lassen. Dem mächtigen »Integrationswerkzeug« wurde zugetraut »Bildung bis ins Landesinnere tragen« zu können und damit »zwei wesentliche Hindernisse« zu überwinden, »lange Distanzen und Analfabetismus«.504 Mehr Bildung wurde zugleich als Schlüssel für eine »kulturelle Expansion« begriffen, die einen »Ausweg aus den schlechten Kulturen des Landes« ebnen und »neue moderne Moden, Geselligkeit und alltägliche Praktiken« verbreiten sollte.505 Zunehmend wurde auch die »anfängliche, von [Radio]Pionieren verkündete Bildungsmission«, die darauf abzielte, »Radio als gesellschaftliche Verpflichtung und Erhalt einer nationalen Kultur zu konservieren« mit einem weiteren Anspruch verbunden, nämlich einem stärkeren Engagement mit dem Markt von Konsumgütern von dem [vermittels Werbespots] seine Ressourcen kamen.506

Hier, an dieser wichtigen Schnittstelle zwischen »Markt und Kultur«, klingt bereits eine weitere moderne Zielstellung an, nämlich die eines wirtschaftlichen Wachstums im »Industrie- und Dienstleistungssektor«, um »neue Industrien und Güter« herzustellen.507 Die allgemeine Wachstumsperspektive konkretisiert sich ab den 1950er Jahren in einem intensivierten modernization drive, einem »Entwicklungsbewusstsein« (consciência desenvolvimentista).508 Der Diskurs wird zu dieser Zeit zunehmend technokratisch, das Radio zum gesellschaftlichen »Werkzeug der Perfektionierung«.509 »Die Mentalität der Bevölkerung in fünf bis sechs Jahren in der großen Radioschule [zu] transformieren«,war erklärtes Ziel des marktorientierten Entwicklungsdiskurses.510 Ausmachen lässt sich aber auch ein alternatives Radioprojekt, nämlich das der befreiungstheologischen Basisgemeinden, das nicht weniger programmatisch spezifische Entwicklungsprogramme einer kollektiven Landwirtschaft für ihre Radioschulen entwickelte, in denen Brasilianer_innen täglich angesprochen wurden, um sie bei der Bestellung ihrer Felder zu animieren.511

Die Modernisierung, die vermittels Radiowellen »in die [brasilianischen] Zuhause eindringe« erscheint in diesen Deskriptionen nicht als konstantes Set an Charakteristika oder linearen Prozessen, sondern als (wie im ersten Akt technologischer Dramen veranschlagt) heterogene Aktivitäten.512 Das Narrativ enthält konstante Variationen, die ebenfalls einen Effekt auf die Legitimierung »modernen Radiomachens« (gehabt)haben müssen. Mehr noch, wurde weiter oben allgemein bemerkt, dass die Frage der gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit in Brasilien erst spät gestellt wurde, lässt sich der Modernisierungsdiskurs als jener Raum definieren, in dem sich eben diese Debatte entfaltet. Trotz aller Heterogenität und Brüche ist auffällig, dass die sich etablierende quantitative Dominanz lizensierter (kommerzieller) Radios und ihres werbefinanzierten Sendebetriebs nicht als legitim an sich gesetzt wird, sondern durchaus um eine Rechtfertigung bemüht ist, wie das folgende Zitat aus den 1960er Jahren deutlich macht: »Werbung ist eine jener unabdinglichen Komponenten der Konsumgesellschaft, stimulierendes Instrument der Markt-erweiterung, anerkanntermaßen bildend und informativ, auf eine Weise, dass sie noch in das entlegenste Landesinnere zivilisatorische Sitten und Bräuche trägt.«513 Es sei dahingestellt ob die Moderne nur in Form einer »werbeabhängigen«514 Konsumgesellschaft existieren kann. Entscheidend ist hier, dass auch kommerzielles Radio sich über die Attribute Bildung und Information zu legitimieren sucht und diese als Kriterien eines Gemeinwohls affirmiert.

Dieses allgemeine Handlungsprogramm gerät jedoch in den 1960er Jahren in eine Krise, als das Fernsehen sich als zentraler Mittler der Modernisierung inszeniert. Es ist nicht nur ein »Kampf um Publikum und Einnahmen«, sondern auch um die »Wertigkeit der für die Massen produzierten Nachrichten und Informationen«.515 Doch die Vorliebe der seit 1964 herrschenden Militärjunta für das TV, als »wichtiges Instrument […]« für die Organisation »nationaler Sicherheit und die Modernisierung der ökonomischen und sozialen Strukturen des Landes«, erklärt diese Krise nur teilweise.516 Ebenso bedeutsam ist, dass werbefinanzierten Radiosender mit ihren als »Readoptation«, »Segmentierung«, »Regionalisierung« beschriebenen medialen Überlebensstrategien nicht länger bestimmte Kriterien des bis dato affirmierten Gemeinwohls erfüllen.517 Als neue Maxime des kommerziellen Radiomachens gilt fortan, »ein Maximum mit minimalen Kosten [zu] produzieren«, vom »gelehrigen, instruktiven Kulturellem zu einem Freizeit- und Unterhaltungsangebot«, einem »Dreiklang aus Musik, Sport und Nachrichten« überzugehen.518

Dabei wurde die explizite Vermittlung von Bildung und Kultur aufgegeben und zwar nicht entgegen sondern im Einklang mit der staatlichen Medienpolitik der Regierung von Juscelino Kubitscheck (1955-1960), die »verantwortlich für den Beginn der Trennung zwischen Radiosendern und ihrer edukativen Zielsetzung war«519. Ein entsprechendes 1960 von Kubitscheck verabschiedetes Dekret (Decreto 49.259), das Bildung im Radio nur noch zu einer fakultativen Aufgabe machte, offenbart rückblickend ein doppeltes legitimatorisches Problem. Von 1932 (Decreto 21.111) bis 1960 sollen kommerzielle Radios ihren Bildungs- und Kulturauftrag »vollständig missachtet« haben. Aus heutiger Sicht ist die Tatsache noch relevanter, dass sich trotz der Wiederaufnahme des Primats von Bildung und Kultur beim Radiomachen in der Verfassung von 1988 (vgl. Kap. 2.3.1.) kommerzielle Radios mit diesem veranschlagten Beitrag zum summum bonum nicht auseinandersetzen und dementsprechend in ihrer gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit herausgefordert werden können.520

Konsequent ist deshalb nur die Forderung, die »den [Radio]Sektor regulierende Gesetzgebung zu modernisieren« und einer »konstitutionellen Revision« zu unterziehen.521 Die Infragestellung des dominanten Diskurses, um Radiomedien wieder zu einer »Stütze des demokratischen Systems« zu machen, materialisiert sich, wie bereits beschrieben, in der Verabschiedung eines spezifischen RadCom-Gesetzes 1998.522 Der zweite Akt des technologischen Dramas beginnt jedoch bereits vorher, sowohl in Ablehnung der Medienpolitik der Diktatur als auch der folgenden, demokratischeren Herrschaftsformen, vermittels einer Aneignung technologischer Größen und der Herstellung von counterartifacts. »Die technologischen Fakten werfen die Vorstellungskraft der Politiker über den Haufen«, verkündeten freie Radiomacher_innen bereits vor der Verfassungsänderung 1988 und schlugen vor »das [Radio]System ausgehend von seinen technologischen Möglichkeiten neu zu erfinden«.523 Dazu ist es zwar bisher nicht gekommen, dennoch konnte die bis dato dominante Regulierung des elektromagnetischen Spektrums zumindest punktuell modifiziert werden – ein RadCom pro Gemeinde ist inzwischen gesetzlich möglich. Zudem hat eine Entkopplung des lange Zeit gepflegten (diskursiven) Gleichschritts »technologischen Fortschritts zum Vorteil von Globo« und anderen kommerziellen Mediennetzwerken stattgefunden.

Es überrascht deshalb wenig, dass die Fürsprecher_innen kommerzieller Medien heute mögliche Modifikationen technologischer Größen eher ablehnend gegenüberstehen.

»Lassen wir uns nicht täuschen, von jenen, die für eine Gesetzgebung im Namen der technischen Ideologie, dem Kult alles Neuem eintreten, mittels einem hermetischem Vokabular alter Banalitäten […], durch prophetische Pseudowissenschaftler, durch die eingeübte Fatalität der Entnationalisierungen, durch die Verzauberung einer unermüdlichen Gadjeterie […]«.524

Einen weiterreichenden gesellschaftlichen Anspruch auf die technischen Größen des Radiomachens zu erlangen als naiven Techno-Fetisch abzutun übergeht beflissentlich das Argument, die »technische Entwicklung« müsse »zu einer größeren Beteiligung der Bevölkerung im politischen Leben führen, anstatt sie zu unterdrücken«.525 Da dies, auch auf Grund der aktuellen Regulierung, nicht der Fall ist, bleibt offen, inwiefern der dritte Akt des technologischen Dramas bereits aufgeführt wird. Ausgehend von den, in einem vorherigen Kapitel besprochenen, allgemeinen Prämissen unabhängiger Radioakteur_innen (vgl. 2.1.1.2.) gibt es zumindest zwei mögliche Antworten. Die Forderungen nach einer Re-Regulierung des (unabhängigen) Radiomachens seitens der RadComs, unter weitestgehender Beibehaltung der zentralen staatlichen Rolle als Legitimationshelfer, oszilliert zwischen einer Korrektur der technologischen Regulierung und einer weiterführenden Rekonstituierung. Sollte beispielsweise die Sendestärke der RadComs innerhalb des bestehenden Regulierungsdiskurses nach oben korrigiert werden, oder sollte die Festlegung einer starren, generellen Wattzahl überwunden werden? Freie Radios wiederum, die sich in ihrer Legitimation vom staatlichen Regulierungsanspruch ihrer technologischen Größen zu emanzipieren suchen, scheinen bereits heute den dritten Akt zu proben und produzieren konkrete Antisignifikationen, indem sie Radio als experimentelles Instrument neuer demokratischer Modalitäten definieren.526

Der Blick auf das »Modernisierungsdrama« hilft, die verloren gegangene Legitimation des Technologie-Texts des Radiomediums herauszuarbeiten. Die exklusive Nutzung technischer Größen der Signalerzeugung ist nicht gerechtfertigt, da die aktuelle Regulierung bestimmte Dimensionen des beispielsweise in der Verfassung konkretisierten radialen Gemeinwohls ignoriert.

Dennoch bleibt die Betrachtung eine wichtige Antwort schuldig, nämlich warum die radiale Modernisierung in Brasilien von einer so starken Medienkonzentration geprägt ist? Auch die freie Radiobewegung der 1980er Jahre fragte sich das bereits und macht diese Charakteristik vor allem an der unbegrenzten Multiplikation kommerzieller Mediennetzwerke fest.527 Im Folgenden soll deshalb der/die umfassendste und einflussreichste dieser Akteur_innen untersucht werden, Rede Globo.

 

2.2.2.3 Technologisches Drama 2: Der Aufstieg von Rede Globo

Dass gerade die umfassende Regulierung des elektromagnetischen Spektrums durch den Staat in Brasilien zu einer extrem starken Konzentration kommerzieller Radioakteur_innen innerhalb spezifischer Affiliationsnetzwerke geführt hat, klingt zunächst paradox. Für ein besseres Verständnis ist es deshalb notwendig, in historischer Perspektive sowohl nationale medienpolitische Ziele zu rekonstruieren, gleichzeitig aber auch komplementäre, unternehmerische Strategien gewinnorientierter Radioakteur_innen in den Blick zu nehmen. Eine exemplarische Betrachtung des Niedergangs des staatlichen und ehemals mächtigste Radios Lateinamerikas, Rádio Nacional und des parallel verlaufenden steilen Aufstiegs des kommerziellen Mediennetzwerks Rede Globo wird eine äußerst ambivalente »public private partnership« bei der Regulierung von Technologien und des elektromagnetischen Spektrum aufzeigen, die die brasilianische Medienlandschaft in ihrer Konstellation bis heute nachhaltig prägt – und delegitimiert.

Anknüpfend an die Analyse des vorherigen Kapitels, ließen sich die von den Militärregierungen ab 1964 eingeleiteten technologischen Modifikationen als eine Radikalisierung des Modernisierungsprogramms beschreiben.528 Zu diesem Zeitpunkt hatten in Brasilien bereits verschiedene Medienunternehmen aus dem Print- und Radiosektor begonnen, Fernsehsender zu organisieren und versuchten mit dem Argument, die Modernisierung des Landes hänge von der Entwicklung des TV ab, politische Unterstützung zu gewinnen.529 Dennoch wird erst der militärisch-zivile Putsch von vielen Autor_innen als »definitiver Bruch der brasilianischen Radiogeschichte« gewertet.530 Die Goldene Ära des Radios und allen voran Rádio Nacional, der bis dato tonangebenden, landesweit zu empfangenden AM-Station ging zu Ende.

Anfangs scheinen dafür jedoch weniger technologische Modifikation und die Expansion des TV, als vielmehr direkte politische Eingriffe in den operativen Gebrauch von Radiosendern entscheidend gewesen zu sein, wie beispielsweise die Verhaftung von Moderator_innen und Journalist_innen.531 Legalistische Gesetzeserlässe (atos institucionais) sollten die bestehenden Massenmedien zügeln, solange die neuen Machthabenden selbst noch keine eigene (legitime) Nutzungsstrategie gefunden hatten, um ihre autoritäre Interpretation der Moderne zu verwirklichen.532 Doch Repression und Schließung betrafen nicht alle Sender auf die gleiche Weise. Der AM-Sender Rádio Globo, der vor dem Putsch nie an die Hörer_innenzahlen von Rádio Nacional und Rádio Mayrink in Rio de Janeiro heranreichen konnte, wurde nach deren Zensur bzw. Schließung ab 1965 zur meist gehörten Station.533

Das Technologische (Radio)Drama generiert sich explizit erst ab Ende der 1960er Jahre, als Teil eines umfassenden Transformationsprozesses der u.a. auf »boosted development« im Kommunikations- und Mediensektor setzte.534 Die von der militärisch-zivilen Regierung festgelegten Wachstumsziele für Produktion von Waren, sollten unter Vermittlung »großer privater, öffentlicher und internationaler Unternehmen […] einen heimischen Markt für industrielle Güter« schaffen.535 Darunter befanden sich auch Sende- und Empfangsgeräte für TV und Radio. Doch die eingeleitete Rekonfiguration des Rundfunks beschränkte sich nicht darauf, die Produktion des Equipments zu stimulieren und durch die Schaffung von Konsumkrediten den Kauf von Endgeräten zu dynamisieren.536 Zu erwähnen ist auch die ideologisch selektive Förderung von Medienmachenden:

»Der militärischen Ideologie folgend sollte der Rundfunk eine private und ausschließlich Brasilianern vorbehaltene Aktivität sein, besonders für jene Individuen und Gruppen, die mit der Doktrin der nationalen Sicherheit korrespondierten.«537

Direkt schlug sich diese Ideologie in einem spezifischen Ausbau der Übertragungswege nieder, die eine landesweite Verbreitung erwünschter Radio- und Fernsehprogramme ermöglichen sollten. Ein wichtiger Teil dieser technologischen Intervention war der bereits erwähnte Aufbau eines Satellitensystems zur Signalweiterleitung (vgl. 2.2.2.1. EN 470), das garantieren würde »gesunde Unterhaltung [zu] übertragen«538. Dieser technologische Umbau wurde auch dadurch gelenkt, dass der Staat »sein Werbebudget sowohl direkt als auch vermittels staatlich kontrollierter Unternehmen erweiterte«539 und damit das Erstarken bestimmter Akteur_innen begünstigte. Der schnell wachsender Sender TV Globo beispielsweise, konnte es sich leisten, die bekanntesten Sprecher_innen und Moderator_innen des krisenhaften Rádio Nacional abzuwerben.540

Das Radio, als Einzelmedium betrachtet, wird von dieser Medienpolitik erst verspätet erfasst. Zwar »stimulierte und erweiterte die Regierung die Konzessionierung von FM-Frequenzen«, zugleich ließ es diesen Sendern jedoch weniger finanzielle Förderung angedeihen als den entstehenden TV-Stationen.541 Das anfängliche Interesse an Sendelizenzen war wie bereits erwähnt gering. Erst ab 1973 gab es klarere Förderrichtlinien (Plano Básico de Canais FM) und »öffentliche Anreize« für den Betrieb von FM-Sendern und, »diese Veränderungen sehr genau beobachtend, schuf die Gruppe O Globo 1974 den FM-Sender Rádio Globo FM – Estéreo«.542 Die aktive Umgestaltung der Radiolandschaft war Teil eines umfassenden Plans, der »Uniformität bei der Verwaltung eines großen Landes«543 gewährleisten sollte.

Doch bedeuteten eine größere Zahl Radiosender nicht potentiell mehr inhaltliche Vielfalt und für den autoritären Staat damit einen sicherlich nicht gewollten Mehraufwand an regulativer Kontrolle? Um diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen, ist zunächst ein näherer Blick auf die entstehenden TV-Sender nötig, denn deren emergente Organisation würde bald auch Radiomediationen beeinflussen. Die Vision des Staates, Möglichkeiten der Signalweiterleitung für einen potentiell landesweiten uniformen Programmempfang zu nutzen, wurde anfangs nur von einem TV-Sender aufgegriffen, TV Globo. Allein die Globo-Gruppe hatte bereits in den 1960er Jahren den Aufbau eines nationalen Netzwerks ins Auge gefasst und orientierte sich am Modell US-amerikanischer »Fernsehketten« und zwar innerhalb eines Jointventures mit dem Medienuntenehmen Time-Life.544

Da es im Gegensatz zu den USA in Brasilien, damals wie heute, keine gesetzlichen Grenzen für den Erwerb von Sendelizenzen gab, löste die expansive Unternehmensstrategie eine Kontoverse aus. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss (CPI) wurde einberufen, um zu klären, ob das zunächst geheim gehaltene Abkommen zwischen O Globo und Time-Life verfassungskonform sei, da die Doktrin nationaler Sicherheit keine Beteiligung ausländischer Investoren an Medienunternehmungen vorsah. Während die militärisch-zivile Regierung unter General Castelo Branco die »Anschuldigungen ignorierte« und großes Interesse an einem »unabhängigen Medienunternehmen, unabhängig von staatlichem Paternalismus« zeigte, erklärte sein Amtsnachfolger Costa e Silva das Jointventure für illegal und verstaatlichte es 1969.545

Der technologische Konflikt, der diesem zweiten Akt des Dramas zugrunde liegt, begründet sich im Modell eines spezifischen Sendenetzwerks. Zwar war ein solches geeignet, die nationale Wachstumsdoktrin im Sektor der elektronischen Medien zu verwirklichen, es war in seiner Dynamik und Reichweite jedoch ebenso eine potentielle Gefahr für das diktatorische Regime. Angesichts des ambivalenten Potentials, die Programme mehrerer Sender, unter Zuhilfenahme von auf Videokassetten aufgezeichneten Materials oder per Satelliten-gestützter Live-Übertragungen gleichschalten zu können, beschlossen die Regierenden die inhaltliche Ausrichtung strikter zu überwachen.546 Dieses Bedürfnis korrespondiert mit den festen Verträgen, innerhalb der sich Sender zur vollständigen (estação repetidora) oder anteiligen Übernahme (estação afiliada) der Programme einer Mutterstation verpflichteten. Denn es garantierte den TV-Produzenten nicht nur Abnehmer_innen547 sondern vereinfachte auch den Kontrollaufwand und die ab 1974 intensivierte »Vorabzensur« (censura prévia).548 Die Regierenden  »mochten keine lokalen Sender außerhalb der Netzwerke«.549 Bereits 1972 hatte sich die brasilianische TV-Landschaft zu drei Netzwerken (Globo, Tupi, REI) und einigen wenigen unabhängigen und staatlichen Kanälen verdichtet. Tonangebend war das zu diesem Zeitpunkt noch unter staatlicher Vormundschaft arbeitende TV Globo, das 1973 36 Übernahme- und Hunderte Retransmissionssender zählte.550

Auch wenn technologisch nicht vollständig deckungsgleich, war das kommerzielle TV-Modell anleitend für den Aufbau von FM-Netzen und einer verstärkten Retransmission von Programmen im AM-Band. Prägend wurde die »Prädominanz einiger Konglomerate, die die Kontrolle der Gesamtheit besaßen«.551 Der qualitative Sprung von einer bis dahin ungerichteten Machtfülle kommerzieller Radiostationen wurde erneut von O Globo angeführt, dass ab 1974 unter dem Namen O Sistema Globo de Rádio (SRG) eine »Uniformierung des Programms« und eine organisatorische »Zentralisierung diverser Radios einleitete, die es seit den 1950er Jahren erworben hatte«.552 Kontinuierlich umgesetzt wurde diese Strategie jedoch erst in den 1980er Jahren. SRG umfasste 1988 16 eigene Sender und 50 Übernahmekanäle.553

Die starke Konzentration von TV- und Radiofrequenzen innerhalb des Netzwerks von  Organizações Globo, die das Unternehmen bis heute zum umsatzstärksten player von Brasiliens kommerziellen Medienoligopol macht, lässt sich als ein »Effekt der Entwicklungsstrategie des Militärregimes« deuten, das eine beschleunigte kapitalistische Expansion vermittels einer Kapitalkonzentration suchte«.554 Und genau an dieser Stelle stellt sich erneut die Frage nach der Legitimation dieses Radioakteurs, der seine zwischen 1964 und 1985 erworbenen Sendelizenzen bisher jeweils unwidersprochen (wie zuletzt 2008) verlängern konnte, obwohl diese in ihrer Fülle dem in der aktuellen Verfassung geforderten Gebot einer Komplementarität zwischen privatem, öffentlichen und staatlichen Rundfunksystemen widersprechen.555

Während Rede Globo selbst die Beziehung zum Militärregime nicht kommentiert und die große Anzahl an Konzessionen als Normalfall privatwirtschaftlicher Pressefreiheit verteidigt, werden in der Literatur zwei Thesen gegen die mediale Komplizenschaft artikuliert. Ein Einwand bezieht sich auf den Fakt, dass auch Rede Globo zwischen 1968 und 1979 von Zensurmaßnahmen betroffen war, die andere unterstellt dem Medienunternehmen eine ideologische Neutralität und eine wirtschaftliche Autonomie gegenüber dem politische Einfluss der Regierenden, da »die Suche [von Rede Globo] nach Gewinn viel wichtiger für sein Wachstum war als jedwede Regierungspolitik«.556 Die perspektivische Aufarbeitung der Beziehung im Rahmen eines technologischen Dramas zeigt jedoch, dass beide Einwände zu kurz greifen um die »komplizierte Dialektik zwischen Marktnachfrage, formeller und informeller Zensur« erklären zu können, die der Produktion von medialen Inhalten zugrunde lag.557

Und eben nicht nur der Inhalte. Der politisch forcierte Aufbau »landesweiter Netzwerke« und die Monopilisierung dieser Dienste [im Rundfunksektor] seitens Rede Globo ab den 1970er Jahren resultierte in der Schaffung eines effektiven »Werkzeugs»« um die »Doktrin nationaler Sicherheit« zu verbreiten, weshalb viele Autor_innen zu dem Schluss kommen, dass die brasilianische Medienindustrie »die Militärregierung und ihre Gebote legitimierte«, indem sie willentlich den autoritären »Entwicklungsoptimismus, positive Botschaften und offizielle Diskurse« mittrug.558 Die Uniformität der Medieninhalte war Ziel und wurde ermöglicht durch eine »profunde Beziehung gegenseitiger Hilfe«.559

Das Ende dieser Beziehung lässt sich als dritter Akt des technologischen Dramas erzählen. Die dabei zu beschreibende »technologische Rekonstitution« ist jedoch nicht qualitativer Art, sondern betrifft eine quantitative Dimension der Affiliationsnetzwerke, nämlich deren Wachstum. Ab 1979 gab es seitens des regierenden Präsidenten João Figueiredo Versuche, die »gewaltige Macht und den Einfluss des Eigentümers von TV Globo [Roberto Marinho]« durch eine Vergabe neuer Sendelizenzen an andere Akteur_innen zu relativieren. Das »Ende eines historischen Blocks« kündigte sich an und auch wenn Rede Globo anfangs noch Übertragungen der sozialen Proteste und Forderungen nach direkten Wahlen vermied, unterstützte es ab 1984 zunehmend die oppositionellen Kandidaten Tancredo Neves und José Sarney.560 Letzterer, ein »historischer Nutznießer des Militärregimes«, gilt heute als Begründer jener Medienpolitik, die Radio- und TV-Lizenzen als Tauschwährung für politische Zwecke kultivierte.561 In Sarneys Amtszeit – die er mit eben jener Politik von vier auf fünf Mandatsjahre ausdehnte – wurden insgesamt 1028 zusätzlich kommerzielle Rundfunklizenzen vergeben.562

Auch wenn Rede Globo nur einen Teil dieser Lizenzen bekam, wuchs es dennoch schneller und konnte im Kabelfernsehen die technologische Basis seines Netzwerks stärker ausbauen, als dies unter dem vorherigen, autoritäreren Regime möglich gewesen wäre. Unter den folgenden Regierungen konnte Organizações Globo die Vormachtstellung seines Netzwerks behaupten, und es gibt keinen Grund [..] um anzunehmen, dass Rede Globo […] aufhören wird als eine wichtige 'Machtinstitution' in Brasilien zu funktionieren.“563 Die im Frühjahr 2013 bekanntgegebene Entscheidung der Regierung, eine Reform der Medienregulierung und Frequenzpolitik erneut auf unbestimmte Zeit zu vertagen, ist nur das jüngste Ereignis, was den Fortbestand der asymmetrischen technologischen Konfiguration der Radio- und TV-Mediationen stabilisiert.564

Dennoch bleibt dieser rekonstitutive Akt unabgeschlossen, denn seit den 1980er Jahren generieren unabhängige Radiomachende ein kritisches Korrektiv gegenüber dem Versuch, die mediale Erbmasse der Diktatur einer legitimatorischen Revision zu entziehen. Ihre lokale Besetzung von Frequenzen und die technologische Aneignung von Sendeequipment schufen für einen Moment sogar ein ebenfalls schnell wachsendes Antisignifikativ, das bis heute von einigen Freien Radios im operativen Gebrauch gehalten wird. Der Versuch eine breite, landesweite Netzwerkbildung zu organisieren scheiterte jedoch, wie bereits dokumentiert, an konkurrierenden »Gebrauchsanleitungen« für ein unabhängiges Radiomachen, der anhaltenden strafrechtlichen Verfolgung des nichtgenehmigten Radiomachens und dem auf legaler Ebene seit 1998 explizierten Verbots für alle lizensierten RadComs Netzwerke zu bilden.565 Bis heute ist es jedoch erklärtes Ziel der unabhängigen Radiobewegungen diese technologischen Möglichkeiten auch legal für ihren operativen Gebrauch nutzen zu können.566 Dabei begegnen sie dem Argument, als lokale Medien bedürften sie keiner überregionalen Vernetzung, mit dem Hinweis, dass nicht die Radiomachenden sondern das Gesetz diese strikt lokale Ausrichtung vorschreibt. Sie fordern zugleich, die gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit kommerzieller Affiliationsnetzwerke in ihrer intensiven Nutzung von Radiofrequenzen zu explizieren.567 

Währenddessen bleiben die kommerziellen Affiliationsnetzwerke einer der prägenden Akteur_innen bei der Mediation von Radio in Brasilien. Das technologische Drama rekonstruierte die Entstehung dieser Konfigurationen am Beispiel von Rede Globo und zeigte, inwiefern diese spezifische Konfiguration der Signalübertragung eine autoritäre kapitalistische Wachstumsstrategie an die repressiven politischen Prämisse nationaler Sicherheit koppelte und anteilig an der Legitimation der brasilianischen Militärdiktatur beteiligt war.

Der Fortbestand der Affilationsnetzwerke nach dem Abtritt ihres einstigen politischen Protegés, dem autoritären Staat zeigt, dass die Fürsprecher_innen erfolgreich waren, dieses prädominante Trajekt auch über seine ursprüngliche Legitimation hinaus zu stabilisieren. Dies gelingt in einer anhaltenden Vermeidung der Debatte über eine Neuregelung der Mediengesetzgebung sowie einer Verteidigung der bestehenden Netzwerke als materieller Ausdruck »liberaler Pressefreiheit«.568 Auf diese Weise wird eine politisch gemachte technologische Konstellation zum (historischen) Normalfall verklärt und versucht, die asymmetrische Ressourcennutzung im elektromagnetischen Spektrum zu naturalisieren.

Es greift deshalb zu kurz, die »Trajekte von Radio- und TV-Sendern« als »historischen Definitionsprozess von dem, was als gesellschaftlicher Kompromiss der Kommunikations-medien gilt«, zu lesen.569 Zunächst gab und gibt keine konstante Beteiligung der Gesellschaft an der Entscheidungsfindung über den operativen Gebrauch von Medien. Demzufolge lassen sich auch keine linearen Flugbahnen medialer Entwicklung nachzeichnen.570 Bereits der Blick auf technikhistorische Meilensteine hatte mehrere Brüche offengelegt, die zeigen, dass sich für die Modifikationen der radialen Handlungsprogramme zwar Rechtfertigungen beteiligter Entscheidungsträger_innen dokumentieren lassen, die deshalb jedoch keine universelle und fortwährende gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit beanspruchen können. Die erwähnte Entscheidung von Präsident Kubitschek, kommerzielle Radioakteur_innen von ihrem edukativen und kulturellen Beitrag zum Gemeinwohl zu befreien, ist dafür ein gutes Beispiel.

Die beiden rekonstruierten technologischen Dramen haben im weiteren Sinne gezeigt, dass weder Radio als Dispositiv der Moderne noch als spezifische technologische Anordnung eine kohärente legitimierende Erzählung produzieren. Vielmehr werden widersprüchliche und gegenläufige Handlungsprogramme sichtbar, sobald eine der beiden black boxes geöffnet wird.571 Eine solche Entfaltung diskontinuierlicher, heterogener und konkurrierender radialer Trajekte hilft nicht nur, die allgemeine Forschungsperspektive weiter zu dimensionieren, sondern koppelt auch ganz spezifische Fragen gesellschaftlicher Anerkennungswürdigkeit an das unabhängige Radiomachen zurück: Welche Trajekte werden mobilisiert? Ob und wie nehmen unabhängige Radios legitimatorischen Bezug auf eine spezifische Modernität? Wie rechtfertigt sich im Einzelnen der Anspruch Netzwerke bilden zu können? Denn die Legitimationsfrage der medialen Trajekte ist eine symmetrische, der sich potentiell alle radialen Akteur_innen stellen müssen.

 

2.2.2.4 Theoriebaukasten V – Von Papiermaschinen zu Skripten

Wie lassen sich die Flugbahnen des Radios nun weiter für den Blick auf unabhängige Radios operationalisieren? Wie ihr Drama über eine deskriptive Darstellung hinaus und hin zu den bisher erarbeiteten infralinguistischen Konzepten führen? Ohne sich an einer linearen und synchronen Zeitlichkeit zu orientieren, bietet ANT ein zirkuläres Beobachtungsprogramm, welches es ermöglicht Trajekte innerhalb eines Settings zu rekonstruieren. Davon wurden bisher jedoch erst zwei Phasen benannt, nämlich der Moment einer Problemzuschreibung (Askription) und die davon abgeleiteten Einschreibungen von Alternativen (Inskription) (vgl. 2.1.1.3.). In den historischen Exkursen dieses Kapitels wurde dies exemplarisch an den veranschlagten Modernisierungsnarrativen deutlich. Doch die so entworfenen Radiomodelle wurden auch realisiert und dauerhaft (innerhalb des Betrachtungszeitraums) in einen operativen Gebrauch versetzt. Aus Papiermaschinen waren scheinbar Medien geworden.

Doch scheinbar muss es deshalb heißen, weil es keine verallgemeinerbaren zeitlich klaren Vorgängigkeiten gibt, keine lineare Kette zwischen einer Idee, einem Prototyp und einem Medium namens Radio. Dieses Verständnis, das erneut die Dichotomie von Objekt (Idee, Prototyp, seriell produzierter Apparat) und Subjekt (Erfinder, Entwickler, Nutzer) unterläuft, wurde innerhalb der ANT-Studien bereits früh in der Diskussion um sogenannte »technische Objekte« deutlich, die verstanden wurden als »la mise en forme et la mesure d'un ensemble de relations entre des éléments tout-à-fait hétérogènes«.572

Auch wenn ich den Begriff technisches Objekt für die Analyse wegen seiner ontologisch problematischen Disposition (die erneut implizierte Frage nach dem Subjekt) nicht verwenden werde, lohnt es sich, ihn einen Moment lang auf das Setting zu beziehen. Denn in weiten Teilen folgt mein Konzept von Radiomedien den objets techniques. Das vorangegangene Kapitel beschreibt perspektivisch dann einen Konkurrenzkampf unterschiedlicher Trajekte des technischen Objekts Radio. Deutlich wird erneut, dass sich anhand der verschiedenen Trajekte zeitliche Bezüge linear konstruieren lassen, diese jedoch auch punktuell aufgelöst werden können. Wenn sich FM-Sender beispielsweise als nächsten Schritt in der Evolution von AM-Sendern verkaufen, so koexistieren beide Trajekte dennoch auch im 21. Jahrhundert noch immer in ihrem Gebrauch. Oder anders gesagt, die den FM-Sendern von einem (technisch reduktionistische Standpunkt aus) »eingeschriebene« Höherentwicklung hat sich nicht realisiert, beziehungsweise als Ablösung der AM-Radios nur teilweise stabilisieren können. Konzeptuell blitzt hier die Frage nach einem oder mehreren Autor_innen auf. Wer schreibt etwas ein und was wird da eigentlich geschrieben?

Solange sich ANT-Studien vor allem dem Bereich der Techniksoziologie widmeten, waren Autor_innen zunächst immer Techniker_innen, Designer_innen, oder explizit männlich konnotierte Innovatoren - system builders also

»mit besonderem Geschmack, besonderen Kompetenzen, Motiven, Zielen, politischen Vorurteilen und vielem anderen […] Ein großer Teil der Arbeit von Innovatoren ist der des »Inskribierens« dieser Vision der Welt (oder der Vorhersage darüber) in den technischem Inhalt des neuen Objekts.«573

Das Endprodukt dieser Arbeit wird dann als »Skript« bezeichnet, dass »ähnlich wie ein Filmskript den Rahmen einer Handlung zusammen mit den Akteuren und dem Raum, in dem sie agieren sollen«574, vorgibt. Bereits diese Art Autor_innenschaft war jedoch eingeschränkt, denn es konnte immer vorkommen, dass andere Akteur_innen die ihnen im Skript zugedachten Rollen ablehnen würden. So bleiben beispielsweise digitale Radios bisher weiterhin eine Papiermaschine, die sich noch nicht in einer Konfrontation mit potentiellen Benutzer_innen realisiert.

Um den starren Blick von den system builders zu lösen, denen analytisch beim in die Welt kommen von Medien zudem eine problematische weil exponierte Schöpferrolle zukommt, ist es nur folgerichtig, in jüngeren Arbeiten der ANT die Idee einer Ko-Autor_innenschaft zu stärken. Denn Medien werden sowohl »in ihrer Entwicklung, Entstehung, Konstruktion [und] Benutzung«575 realisiert und stabilisiert.

Ganz ähnlich dem Konzept von boundary objects576 wird der »Graben zwischen Projekten und Sozialem auf der einen und Objekten und Machinen auf der anderen Seite« zugeschüttet und ein »Feld der Verteilung von Realisierung und Konkretisierung« entfaltet.577 Auch Ideen und Skizzen werden somit explizit Teil heterogener Akteur_innen-Netzwerke und verbinden sich in hybriden Konstellationen mit weiteren Entitäten. »Modernität« zum Beispiel ist nicht länger nur ein Konzept sondern wird ein_e Mitspieler_in, ein_e silent actor/actress vielleicht, der/die jedoch viele Synchronstimmen findet, als Modernisierungswerkzeug, Wegbereiter der Moderne, etc. Damit vorgestellte Akteur_innen außerhalb des eigenen Skripts (z.B. veraltete, vormoderne Medien) können dann auch als legitimierender Teil eines Bauplans gelesen werden.

Skripte beschreiben keine rein menschliche Autorenschaft, sondern vielmehr einen »Übersetzungsprozess«, also den »dauernde[n] Versuch, Akteure in ein Netzwerk einzubinden, indem sie in Rollen und Interessen übersetzt werden, d.h. indem ihre Interessen abgeglichen und gemeinsam ausgerichtet werden«.578 Skripte enden also nicht in der Phase des Einschreibens sondern begründen vielmehr eine spezifische »zirkulierende Referenz«579 von, in diesem Fall, Medien. Die der Inskription folgende analytische Fortschreibung wurde weiter oben bereits mehrfach genannt, nämlich die Realisierung von Skripten, die auch deren Fortschreiben und Modifikation umfasst. Unterschieden werden in der ANT zunächst allgemein ein »enrolement«, d.h. die »Entstehung eines zunächst hypothetischen Netzwerks«, dessen Zustandekommen davon abhängt, »ob die beteiligten Akteure die ihnen zugeschriebenen Rollen auch tatsächlich übernehmen«.580 Für das Setting wird dazu analog eine Präskription unterschieden. Diese Operationalisierung der Beobachtungstheorie nimmt in den Blick, ob die unterschiedlichen Akteur_innen ihnen zugeschriebene, für ein Medienmachen legitimierende Rollen übernehmen aber auch, ob und wie diese Rollen gegebenenfalls modifiziert werden.

Neben einer hypothetischen Realisierung des Skripts erstreckt sich dieses auf eine weitere vierte Phase, die als Mobilisierung bezeichnet wird. Diese beruht auf der analytischen Prämisse, dass »[e]in Netzwerk erst dann entstehen [kann], wenn Entitäten, die als Sprecher oder Delegierte für andere agieren, geschaffen und wenn sie in möglichst großer Zahl mobilisiert werden können.«581 Delegieren schließt hier immer auch die Rollenzuweisung an nicht-menschliche Akteur_innen mit ein.582 Solche rollenteiligen Mobilisierung lassen sich empirisch nachweisen, sobald ihre veränderte Wirksamkeit eine gewisse Dauerhaftigkeit erreicht. Das Radiomedium im Gebrauch muss ein beobachtbares Signal senden um als »stabilisierte Gesellschaft«583 gelten zu können.

Dieses analytische Moment ist für die Operationalisierung des auf der Beobachter_inneneben »mobilisierten« Legitimationskonzepts deshalb so bedeutsam, da hier nachvollziehbar der Ausstieg aus einer rein normativen Begriffsbildung gelingt. Auch um den Verdacht einer impliziten Asymmetrie zu entkräften, wird so die Schnittstelle zu den Ethnotheorien der Akteur_innen geschaffen. Ethnotheorien beziehen sich hier ebenfalls auf vollständige Skripte, die über die Phase der Inskriptionen hinausführen und auch die Realisierung medialer Anerkennungswürdigkeit einschließen.

In Skripten findet analytisch also die Prozesshaftigkeit von Akteur_innennetzwerken ihren Ausdruck, die bisher nur in Konstellationen zueinander beschreibbar waren. Damit können nun auch technikhistorische Meilensteine, die in ihren Beziehungen zueinander bisher unscharf waren,  genauer betrachtet werden und zwar in ihren nicht-linearen loops, d.h. allen von system builders nicht vorhersehbaren Modifikationen. Auf der Ebene des Beobachteten können auf diese Weise die für die Forschungsfrage relevanten Bezüge herausgearbeitet werden. Ehemals unveränderliche »mobile Elemente«584 lassen sich als black boxes in ihrer vernetzten und zeitlichen Konstituiertheit sichtbar machen und innerhalb einer Kette nachvollziehbar in ihrer Prozesshaftigkeit beschreiben.

Auf der Ebene des Settings ist die empirische Auseinandersetzung mit der Mobilisierung zunächst noch Teil der Präskription, da dort, wie schon gesagt, auch die Veränderung zugewiesener Rollen erfasst wird. Die Reflexivität des Settings generiert sich darüber hinaus jedoch in einer spezifischen vierten Phase, der Deskription, in der »Inskription und Präskription in einem Text zu einer wissenschaftlichen Beschreibung«585 zusammengeführt werden. Im Rahmen der Exkurse ist dies in diesem Kapitel bereits exemplarisch geschehen. Für die Forschungsfrage erfolgt diese Operationalisierung explizit in den folgenden beiden Kapiteln. In den Blick genommen werden bezüglich der medialen Trajekte vor allem die Einbindung von FM-Radiosendern in die Akteur_innennetzwerke unabhängiger Radio-Ensembles ab den 1980er Jahren sowie die Bezugssetzung dieser Medien zu anderen (z.B. den Trajekten des Internets).

Bevor diese Skripte nun endlich entfaltet werden, wird das folgende Unterkapitel jedoch noch eine_n weitere_n asymmetrische_n Makroakteur_in oder besser gesagt Agentur zu Fall bringen, nämlich die sogenannte »Regulierung« von Medien. Denn regulierende Agenturen beeinflussen ja auf spezifische Weise auch die Inskription und Realisierung von Radios – und bilden eine ständige Reibungsfläche für deren gesellschaftliche Legitimierung.

 

2.3. Regulierungen

Das bisherige Mapping des brasilianischen Rundfunks hat gezeigt, dass sich dieser in den radialen Mediationen vielfältiger Akteur_innen realisiert. Auch die Regulierung dieses Medienmachens geht nicht auf eine zentrale media policy zurück, sondern ist Ausdruck komplizierter gesellschaftlicher Aushandlungen. Wie bereits einführend dargestellt (vgl. 1.3.), ist die Arbeit durchaus daran interessiert differenziert die Regelaufstellung, -durchsetzung und -sanktionierung von und für Radiomedien zu betrachten, kritisiert jedoch gleichzeitig die Auffassung von Regulierung in ihrer  staatliche-formalen Dimensionierung als asymmetrisch, da auf diese Weise vielfältige Akteur_innen und Handlungsprogramme verunsichtbart werden.

Das folgende Kapitel wird deshalb die Regulierung von Radios analytisch umfassender analysieren. Dabei orientiere ich mich zunächst an den formalen nationalen Regulierungsagenturen der Verfassung, Gesetzen, Normen, Dekreten, etc. (2.2.3.1.), wobei jeweils auch genealogisch die Entstehung dieser Regulierungsrahmen, ihre Widersprüche und ihr spezifisches Verhältnis zu unabhängigen Radios betrachtet wird. Anschließend erfolgt eine erste explorative Annäherung an beschriebene extralegale und versteckte Regulierungen (2.2.3.2.), soweit die gesichtete Literatur dies zulässt. Vermittels dieser beiden analytischen Bewegungen wird deutlich werden, dass die fehlende Kritik und der enge Fokus auf staatliche Regulierungen zum einen bestehende asymmetrische Regeln in ihrer Legitimation reproduzieren hilfen. Darüber hinaus wird die unterkomplexe Behandlung »informeller« Regulierungsagenturen zeigen, wie notwendig eine weitere empirische Bearbeitung dieses Teils des radialen Akteur_innen-Netzwerks ist, um die Frage nach der gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit von Radiomedien in allen ihren Vermittlungen beantworten zu können.

 

2.3.1 Verfassungen, Gesetze, Normen, Dekrete – und ihre Anwendung

(1) Die Nutzung von Radiofrequenzen findet explizit erst von der vierten brasilianischen Verfassung von 1937 an Erwähnung.586 Dennoch sind bereits in der Konstitution von 1934 zwei strittige Dynamiken verankert, die die Regulierungsdebatte bezüglich des Radiomachen nachhaltig beeinflussen sollten, zum einen die Zensur von Medien, zum anderen der Anspruch der Bundesregierung allein für die Regulierung von Presse und Rundfunk verantwortlich zu sein – ein klarer Bruch mit dem ab 1891 gewehrten Mitspracherechts der einzelnen Bundesstaaten.587 Hervorzuheben ist ebenso die in der Verfassung von 1946 formulierte Einschränkung von Eigentumsrechten zugunsten einem »gesellschaftlichen Gemeinwohl«, dass sich in einer »gerechten Verteilung« und »gleichen Möglichkeiten für alle« begründete und damit auch die legitime Nutzung von Radiofrequenzen tangierte.588 Bereits vor, aber besonders nach dem Militärputsch von 1946 wurden jedoch viele solcher Garantien missachtet, mit der Verfassung der Diktatur von 1967 dann gänzlich außer Kraft gesetzt.589 Erst die Konstitution von 1988 schlägt den Bogen zurück zu einer demokratischen Nutzung des elektromagnetischen Spektrums, indem es jegliches Eigentum an eine spezifische »gesellschaftliche Funktion« koppelt und damit auch die konzessionierte oder genehmigte Nutzung von Radiowellen mit einer sozialen Verpflichtung verbindet.590 Zudem werden jedwede zensurierenden Praktiken geächtet, die Bildung von Monopolen verboten, die Konzessionierung von Medien dem Kongress unterstellt und die Komplementarität von privatem, staatlichem und öffentlichem Rundfunk gefordert.591

Dennoch schreiben sich auch in dieser aktuellen Verfassung zwei für das unabhängige Radiomachen äußerst relevante Kontroversen fort. Eine erste betrifft zunächst die Unterscheidung von Rundfunk und Telekommunikation. Bezüglich letzterer formulierte der Staat bereits 1891 einen Regulierungsanspruch, als er die Konstruktion und den Verkauf von Telefondienstleistungen als Kompetenz an die einzelnen Bundesstaaten delegierte.592 Der erst vier Jahrzehnte später manifestierte (und in der Konstitution von 1946 klar unterschiedene) Anspruch der Rundfunkregulierung  wurde dann in der Verfassung von 1967 zugunsten des generischen Begriffs Telekommunikation aufgegeben. Auf diese Weise wurden unterschiedliche Dienstleistungen direkt der militärisch-zivilen Rechtsprechung unterstellt, die die strikte Regulierung aller Telekommunikations-Agenturen im Namen der nationalen Sicherheit legitimieren sollte.593 Dass die Verfassung von 1988 erneut zwischen Rundfunk und Telekommunikation unterscheidet, wird deshalb mehrheitlich als »elementar« für eine demokratische Regulierung erachtet. Kritisch wird zu dieser Trennung jedoch auch angemerkt, dass dadurch die (oligopolistischen) Interessen nationaler kommerzieller Rundfunkunternehmen vor einer Internationalisierung – und möglichen Pluralisierung – des brasilianischen Telekommunikationsmarkts geschützt werden.594 Außerdem sei die in der Trennung angelegte parlamentarische Kontrolle des Rundfunks bei der Vergabe von Konzessionen und Genehmigungen kein Garant für eine demokratische Regulierung, solange »ein Drittel aller brasilianischen Parlamentarier Konzessionen für sich oder Freunde und Verwandte« reserviert.595

Während hier bereits die Frage nach dem Verhältnis der Verfassung zu weiteren Gesetzen bzw. fehlenden Regulierungen anklingt, ist eine weitere Kontroverse direkt im Verfassungstext angelegt, nämlich die einer Grenzziehung zwischen Zensur und einer demokratischen Regulierung von Inhalten. Letztere sei orientiert an einem Schutz der Gesellschaft vor den Medien, entlang der vom Staat erarbeiteter Richtlinien, im Rahmen einer demokratischen Verfassung.596 Auch wenn Zensur in ihrer Ausrichtung meist als Eingriff in die inhaltliche Dimension von Kommunikationsprozessen verstanden wird, waren die restriktiven Eingriffe der Militärdiktatur zum »Schutz der nationalen Sicherheit« nicht an einer systematischen Regulierung der Inhalte orientiert, sondern setzten neben pauschalen Verboten und »physischen Aggressionen« auch auf die Schließung von Medien.597 Die aktuelle brasilianische Verfassung von 1988 garantiert in Artikel 5 IX, dass »der Ausdruck intellektueller, künstlerischer und wissenschaftlicher Aktivitäten sowie der Kommunikation frei ist, unabhängig von Zensur oder Lizenzen«. Diese Garantie wird jedoch in Artikel 223 relativiert, in dem es heißt: »Es obliegt der exekutiven Gewalt Konzessionen, Genehmigungen und Autorisationen für den Rundfunkdienst […] zu erneuern, unter Beachtung des Prinzips der Komplementarität […]«. Darin lässt sich ein Widerspruch erkennen, da damit, entgegen Artikel 5 (und auch Artikel 220) der Verfassung die »Meinungs- und Informationsfreiheit« im elektromagnetischen Spektrum eingeschränkt wird.

Es ist vor allem die zweite Kontroverse, die in Relation zu einem unabhängigen Medienmachen besprochen wird. Neben den bereits erwähnten Widersprüchen, wird entgegen dem in Artikel 223 manifesten, universellen staatlichen Regulierungsanspruchs im Rundfunk, wird angeführt, dass eigentlich die Freiheit von Regulierung den Regelfall bilden müsste und jede Einschränkung dieser ihre gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit explizieren sollte.598 Dieses Prinzip sehen verschiedene Autor_innen im Artikel 13 der Amerikanischen Menschenrechtskonvention (Pakt von San José) begründet, die Brasilien bereits 1969 unterzeichnete und die seit 1998 auf Verfassungsebene Teil des nationalen Rechts geworden ist.599 Darüber hinaus wird auch auf das Recht auf Kommunikation rekursiert, das als universelle Garantie über der brasilianischen Verfassung stehe600 bzw. das Recht auf Antenne, das Meinungsfreiheit nicht als individuelle Garantie sondern als diffuses Recht der brasilianischen Bevölkerung rekonstruiert.601 Schließlich ist auch ein nicht geklärter Kompetenzkonflikt zu nennen, der sich aus dem exklusiven Regulierungsanspruch der Bundesregierung ableitet (vgl. Artikel 21 XII a)) und Bundesstaaten sowie Kommunen die Möglichkeiten nimmt, eigene Mediengesetze zu entwickeln.602

Die aktuelle brasilianische Verfassung askribiert zweifellos die Notwendigkeit vorherige konstitutionelle Aussagen zur Medienregulierung an rechtsstaatliche Standards anzugleichen. An dem verfassungsgebenden Prozess war die Zivilgesellschaft beteiligt und zumindest teilweise wurden auch deren medienpolitische Skripte berücksichtigt.603 Doch auch wenn diese Inskriptionen eine »wichtige Flexion« autoritären Agenturen der Rundfunkregulierung darstellt, »existieren diese fort und erfinden sich anschließend neu«604

(2) Solcherlei Agenturen generieren sich vor allem auf einer konkreteren rechtlichen Ebene, nämlich spezifischen Gesetzen, die die weitere Regulierung des Radiomachens anleiten. In historischer Rückschau ist zunächst zu bemerken, dass Medien im weiteren Sinne bereits seit 1808 gesetzlich reguliert wurden, als die erste Pressegesetzgebung in Kraft trat.605 Ein umfassendes, eigenständiges Mediengesetz wurde jedoch erst 1962 verabschiedet, bis dahin regulierten vor allem einzelne Erlässe und Dekrete das Medienmachen (vgl. Kap. 2.1.1.1.). Anders als das während der Militärdiktatur verabschiedete Pressegesetz, das inzwischen nicht mehr in Kraft ist, hat der Código Nacional de Telecomunicação (CNC) von 1962 bis heute in weiten Teilen seine Gültigkeit bewahrt.606 Dabei zeigt sich immer wieder, dass der CNC in seiner Rechtstradition oftmals unvereinbar mit der Verfassung von 1988 ist und sich zugleich mit dem neueren Allgemeinen Telekommunikationsgesetz von 1997 (das die bereits erwähnte, wiedereingeführte Trennung von Rundfunk und Telekommunikation betrifft) und dem ein Jahr später verabschiedeten Community-Radio-Gesetz reibt.607 

Die allgemeine Friktion im Verhältnis zur Verfassung entsteht, weil deren Prämissen oftmals nicht vollständig in Handlungsprogramme und Agenturen übersetzt werden, d.h. ihr vorgängige oder folgende Gesetze die Grundrechte nicht weiter explizieren. Verfassungsartikel 220 beispielsweise, mit seinen wichtigen Aussagen zur Monopolbildung und journalistischer Informationsfreiheit erfahre »keine Umsetzung« und sei »weit davon entfernt angewandt« zu werden.608 Gleiches gilt für das in Artikel 223 formulierte Gebot der Komplementarität, das in der Gesetzgebung nirgends aufgegriffen wird und in der Praxis in krassem Widerspruch zur extremen Eigentumskonzentration kommerzieller Medien im Rundfunksektor steht.

Ein weiterer gewichtiger Streitfall betrifft die gesetzlich vorgesehene Sanktionierung von Verstößen gegen die legale Ordnung. Vor allem bei der Strafverfolgung nichtgenehmigten Radiomachens werden häufig Artikel aus dem CNC von 1962 und dem neueren Telekommunikationsgesetz von 1997 zitiert, die »klandestine Telekommunikationsaktivitäten« beziehungsweise die ungesetzliche »Installation und Nutzung von Telekommunikation« betrifft und dafür Geldstrafen (bis zu 10.000 BRL) und Gefängnisstrafen zwischen zwei und vier Jahren vorsehen.609 Doch die Anwendung dieser Artikel erscheint rechtlich betrachtet auf zweifache Weise problematisch. Zum einen ist zu fragen, inwiefern nichtgenehmigtes Radiomachen als telekommunikativer Verstoß gelten kann, wenn doch beide Aktivitäten voneinander unterschieden werden.610 Zum anderen definiert das Community-Radio-Gesetz in Artikel 2, dass nur dann andere legale Texte auf RadComs angewendet werden sollen, wenn deren spezifisches Gesetz zu einem bestimmten Tatbestand keine Aussage trifft. Doch das Lei 9612/98 definiert die Missachtung seiner regulativen Standards bereits als mit Bußgeldern zu ahndende Ordnungswidrigkeiten (infrações), weshalb eine Strafverfolgung eigentlich auszuschließen wäre.

Neben dem anhaltenden Disput über diese Nichtbeachtung des RadCom-Gesetzes, leitet auch der Gesetzestext selbst vielfältige Restriktionen und eine Reihe von Regulierungen an, die in ihrem Verhältnis zu einem spezifischen Gemeinwohl mindestens ambivalent, oft aber auch problematisch sind. Zu nennen sind der bereits erwähnte Nichtschutz vor Interferenzen anderer Sender, der allen übrigen Rundfunkakteur_innen gewährt wird, sowie das ebenfalls unbegründete Verbot der Netzwerkbildung.611 Ebenfalls diskussionswürdig bleibt die pauschale Begrenzung der Sendestärke auf 25W und der Antennenhöhe auf 30 Meter. Auch wenn RadCom-Verbände (wie wir noch sehen werden) ihre Beschreibung als Radios mit geringer Sendestärke ablehnen, wird ihnen selbst im Rahmen dieser Definition nur ein Zehntel der dafür in Brasilien vorgesehenen Wattzahl zugestanden, was – bildhaft gesprochen -  »der Formalisierung eines Hühnerstalls, eines Mini-Radios« gleichkommt.612 Auch die Zahl der RadComs wird auf verschiedene Art und Weisen gesetzlich bereits a priori gedeckelt. Dies geschieht zum einen durch die enge geographische Definition von comunidade und der strikten Regel, dort nur ein RadCom (und ausschließlich im UKW-Band) legalisieren zu können, weshalb das Gesetz »nicht gerade eine ideale Antwort in Bezug auf eine Demokratisierung der Kommunikation und eine Ausweitung des Zugangs zum Rundfunk« darstelle.613 Erschwert wird das Radiomachen schließlich auch durch das Verbot den Sendebetrieb anteilig durch Radiowerbung zu finanzieren, bzw. der erschwerten Zahlung möglicher Bußgelder.614 Die Konstellation dieser Artikel erzeuge eine »Serie von bürokratischen Anforderungen, um eine Genehmigung für ein Community Radio zu erhalten, die dazu führen, dass ein guter Teil der interessierten comunidades vom Zugang zum Spektrum ausgeschlossen wird«615

Es überrascht deshalb kaum, dass die kommerziellen Nutznießer_innen dieser Gesetzeslage sich mit Kritik zur Rundfunkregulierung zurückhalten, während Unternehmen im Telekommunikationssektor die legalen Rahmenbedingungen ihrer Aktivitäten als eine »Zwangsjacke« bezeichnen.616 Während dort eine Revision von Gesetzen und ihrer Begründung gefordert wird, schweigen die kommerziellen Medienakteur_innen im Rundfunkbereich, da »viele Institutionen die heute operieren, das Ergebnis komplexer, nicht vorhersehbarer und gesetzloser historischer Prozesse« seien.617 Wenn die aktuelle Gesetzeslage aus Sicht der Medienunternehmer_innen kommentiert wird, dann ausschließlich um den Ist-Zustand zu verteidigen, denn jegliche Veränderung wird pauschal als »linker Angriff (ataque esquerdista) auf die Meinungsfreiheit und einem Versuch erzwungener staatlicher Kontrolle der Presse« delegitimiert.618 Darin lässt sich durchaus eine Strategie erkennen, die historisch begründete asymmetrische Akteur_innenkonstellation im Rundfunk zu verteidigen.

Doch wie ich gezeigt habe, drückt sich aus Sicht unabhängigen Radiomachens eine adäquate gesetzliche Regulierung nicht unbedingt in einem Mehr an Artikeln aus. Vorgeschlagen wird, aus einer dem Freien Radiomachen affinen Perspektive, Konzessionieren und Genehmigen als zentrale Kennzeichen der Rundfunkregulierung aufzugeben und einen freien Zugang zu Radiowellen zu gewähren, wobei »die Rolle des Kommunikationsministeriums eine ausschließlich administrative seien sollte, die die Nutzung der Wellen diszipliniert und vermeidet, dass sich zwei oder mehrere Sender überlagern oder Interferenzen erzeugen«.619 Doch auch das Community Radiomachen vermeidet es, sich in seiner Anerkennungswürdigkeit ausschließlich auf Gesetze zu beziehen und kritisiert eine solche »positivistische Lesart«.620 »Es darf nicht bestraft werden, was die Gesellschaft als richtig ansieht«, heißt es, oder auch »wir müssen nicht warten, dass uns die Regierung gibt, was rechtens« ist.621

An dieser Stelle wird sehr anschaulich der Unterschied zwischen legalen Rahmenbedingungen und einer darüber hinausweisenden gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit von Radiomachen deutlich. Der Anspruch des Staates, als zentraler Legitimationshelfer Medien zu regulieren und »die Debatte in der Regulierung der Inhalte zu zentralisieren«622, scheint sich auf gesetzlicher Ebene jedoch in widersprüchlichen und konkurrierenden Handlungsprogrammen zu verlieren – das »Enrolement« bleibt unabgeschlossen. Statt eines neuen Mediengesetzes, wurden seit 1962 immer neue punktuelle Veränderungen eingeführt, die wie im exemplarischen Fall des Community-Radio-Gesetzes problematische Ungleichbehandlungen generieren und bestehende Asymmetrien bei der Nutzung des elektromagnetischen Spektrums verfestigen.

(3) Diese Tendenz schreibt sich auch in gesetzlichen Erlässen (portarias), Übergangsreglungen (medidas provisórias), Dekreten (decretos), Gesetzesverordnungen (decretos-lei) und der weiteren Normierung einzelner Gesetzestexte fort. Die Regulierung von Medien vermittels solcher legaler Akteur_innen (im Sinne von Mitteln und Mittler_innen) und von ihnen abgeleiteter Normen, Institutionen und Handlungsprogramme der Regeldurchsetzung und -sanktionierung sind quantitativ betrachtet der Normalfall der Medienregulierung. Sowohl im Kaiserreich als auch in den späteren Republiken setzte der Staat auf diese Weise autoritär Regulierungsansprüche um. Die Genealogie von Radiomediation nimmt ihren Anfang 1860 im imperialen Dekret 2614, das die ersten Telegraphendienste unter staatliche Regulierung stellte, setzt sich in den folgenden 20 Jahren fort, in der Definition von Telefonlinien als nur vom Staat zu regulierendes Staatseigentum und weitet sich schließlich 1917 auch auf die »Radiotelegraphie« und »Radiotelefonie« aus, deren Regulierung »exklusives Recht der Föderalen Regierung war.«623

 

Auch nach der Etablierung des Mediengesetzes von 1962 fand diese Praxis ihre Fortsetzung in zahlreichen punktuellen legalen Veränderungen624, ein nicht unumstrittenes Vorgehen, weil die von der Exekutiven dekretierten Modifikationen der Gesetze die rechtsstaatliche Gewaltenteilung unterlaufen. Auch die Verabschiedung von Erlässen oder Übergangsregelungen stellen Eingriffe dar, welche geltendes Recht ohne breite öffentliche Debatten justieren. Auffällig ist auch die hohe Zahl an rechtlichen Modifikationen im Lei 9612/98, dem Community-Radio-Gesetz. Dazu zählen u.a. zwei Übergangsreglungen zwei komplementäre Normenkataloge und sieben Erlässe, die nach dem Gesetz formulierte operative Normen und Regulierungen verabschiedeten.625

Diese inskribierten Konkretisierungen des RadCom-Gesetzes werden in der Literatur auf dreifache Weise in ihrer Legitimation herausgefordert. Eine erste Kritik betrifft die Frage, inwiefern spezifische Modifikationen oder Konkretisierungen der Gesetze adäquate Übersetzungen gesellschaftlicher Zielstellungen eines Mediums und notwendig für eine demokratische Regulierung sind. Die beiden erwähnten Übergangsreglungen aus dem Jahr 2001 beispielsweise veränderten den Genehmigungsprozess der RadComs, indem sie in dem bis dato gültigen Verfahrensweg der Weiterleitung eines Antrags zur endgültigen Entscheidung im Kongress eine abschließende Revision der Exekutive vorschaltete.626 Damit verdoppelte sich die Wartezeit bei der Bearbeitung der Anträge und die Zahl der erteilten Genehmigungen nahm ab, eine Entwicklung die es

»erlaubt zu fragen, ob die Prinzipien des öffentlichen Interesses und der Gleichheit zwischen den Bürgern nicht respektiert und die öffentliche Verwaltung für partikulare Interessen und die Verteidigung politischer Gruppen genutzt worden sind.«627

Eine weitere Forderung nach einer Legitimierung der aktuellen regulativen Handlungsprogramme betrifft die legalen Ungleichbehandlung, die sich ebenfalls in der Sanktionierung von gesetzlichen Verstößen nachweisen lässt. Während es in medial relevanten Gesetzestexten viele Prämissen gibt, die kaum oder gar nicht operationalisiert werden, leiten die oftmals durch Erlässe und Dekrete eingeführten komplementierenden Normen des RadCom-Gesetzes eine Vielzahl von Sanktionen an. Laut einer statistischen Erhebung des Kommunikationsministeriums aus dem Jahr 2012 richteten sich 377 (50,8%) von insgesamt 741 Sanktionen direkt gegen Community Radios, zum größten Teil wegen Verstößen gegen das Verbot Werbung zu senden.628 Diese im Normenkatalog 01/2011 vorgesehene strikte Kontrolle gehe auf die Einflussnahme »kommerzieller Sender« zurück und sei »Teil einer Verfolgung und Kriminalisierung durch die Bundesregierung«, werden Radiomachende zitiert.629 Zusätzlich intensiviert wurde die Kontrolle auch durch einen Erlass aus dem Jahr 2011 (Portaria 462) der erstmals genau den Begriff apoio cultural definiert und das Sponsoring von Radiosendungen in RadComs nur noch innerhalb enger Grenzen zulässt.630 Beide Dynamiken lassen sich durchaus als Illustration eines alten Vorwurfs verstehen, der besagt dass »Mechanismen der Konzessionierung als eine Art Zensur angewandt werden.«631

Schließlich ist zu fragen, inwiefern die Sanktionierung und das law enforcement gegenüber den RadComs eine adequate Übersetzung der Gesetze, Dekrete und Erlässe vornimmt. Dazu sind bereits viele Hinweise gesammelt worden. Ich möchte hier jedoch kurz auch explizit auf den problematischen Einsatz der Bundespolizei (PF) bei der Schließung von unabhängigen Radios eingehen. Zunächst ist ein historische Kontinuität herauszustellen, denn die PF erhielt im Rahmen der Konstitution von 1946 nicht nur verfassungsrechtliche Anerkennung, sondern »Gemeinsam mit ihr, eine ihrer Missionen, die Zensur aller Medien und öffentlichen Aufführungen des Landes.«632 Für das Jahr 1977 ist ein außerhalb des »juristischen Rahmens« (der militärisch-zivilen Diktatur) massiver Polizeieinsatz dokumentiert, bei dem über 50 Sender entweder versiegelt oder geschlossen wurden.633 Der heutige Einsatz der PF schreibt sich in eine ambivalente Tradition des brasilianischen Verwaltungsrechts ein, das sich spätestens ab 1917 offen am Konzept der »nationale Sicherheit« orientiert.634

Abgesehen von der Frage der Vermittelbarkeit dieses Konzepts mit rechtsstaatlichen Garantien im Bereich der Meinungsfreiheit, ist der Einsatz der PF auf Anforderung der Regulierungsbehörde ANATEL Sender ohne Genehmigung zu schließen, nicht unumstritten. Bekannt sind durchaus Fälle, in denen die PF ihre Beteiligung ablehnte, da die technischen Analysen der Regulierenden die Notwendigkeit eines polizeilichen Handelns zum Schutze der allgemeinen Ordnung »weder mit Ja noch mit Nein beantworten« könne.635 Eingefordert wird an dieser Stelle ein empirischer Nachweis gefährlichen Handelns und kein allgemeiner Verweis auf eine ambivalente Gesetzeslage, laut der (rechtlich besehen) offen bleibt, ob eine Radiomachen ohne Genehmigung den Tatbestand eines »Verbrechens« erfüllt. Schließlich lässt sich (nicht nur) aus Sicht der Polizei fragen, ob es angesichts eines oft »zahlungsunfähigen Staatsapparats, Gewaltindexen die über denen vieler Kriege liegen« angemessen sei, »beachtliche Summen für die Schließung von Community Radios, die unter dem Verdacht der Piraterie stehen« auszugeben.636 Hier wird das legale Handeln direkt mit einem legitimem Aktionsradios der PF in Bezug gesetzt.

Die Mobilisierung der Rundfunkregulierung im Rahmen von Verordnungen und ihrer Durchsetzung weist in ihrer Anerkennungswürdigkeit Inkohärenzen auf und operationalisiert in gewisser Weise die bereits auf der Ebene der Verfassung und Mediengesetze monierten Probleme. Der Regulierungsanspruch ist am schlüssigsten im Moment der allgemeinen Problemdefinition definiert, sowohl in historisch kritischer Betrachtung als auch in den wiederholten Versuchen, die bestehenden Beziehungen, Akteur_innenrollen und Agenturen konstitutionell zu modifizieren. Doch die bereits in der Verfassung latent unvollständig explizierten Inskriptionen, das unvollständige enrolement und die ambivalenten Mobilisierungen scheinen keine adäquaten Übersetzungen anzuleiten und gefährden die Einhaltung verfassungsrechtlicher Garantien.

Stabilisiert wird die Umsetzung, Einhaltung und Sanktionierung der rechtlichen Ordnung demnach von einem widersprüchlichen Regulierungsrahmen und, falls nötig, dem Rekurs auf das Gewaltmonopol des Staates zu dessen Durchsetzung. Auch dem brasilianischen Staat sind diese Einwände nicht unbekannt, sie wurden im Rahmen der 2009 ausgetragenen Nationalen Kommunikationskonferenz (Vgl. EN 365) noch einmal komprimiert vorgetragen. Sowohl bezüglich dieser vielen loose ends, als auch hinsichtlich der demokratisch problematischen Fortschreibung der Medienregulierung in Form von Dekreten und Erlässen, sollte ein Präsidialdekret im Jahr 2010 entscheidende Veränderungen einleiten. Eine interministerielle Kommission sollte Studien und Vorschläge für eine »Revision des Regulierungsrahmens der Organisation und Nutzung der Telekommunikation- und Rundfunkdienste« ausarbeiten.637 Regierungserklärungen aus dem Jahr 2013 haben eine konkrete öffentliche Debatte jedoch für frühestens 2015 veranschlagt.638

 

Damit bleibt die regulative Grundlage des Medienmachens in Brasilien in ihrer Legitimation prekär und angreifbar. Trotz aller kontingenten Asymmetrien, zeigt sich zugleich eine besondere Stabilität der aktuellen Regulierungsagenturen, die in ihrem Zustandekommen über den generischen Hinweis des Lobbyings kommerzieller Medienakteur_innen hinaus, bisher nicht weiter untersucht wurde. Welche Regulierungsagenturen konkret oder ansatzweise in der Literatur zum brasilianischen Rundfunk beschrieben werden, soll deshalb im abschließenden Teil dieses Kapitels dargestellt werden.

 

2.3.2 Versteckte Regulierungen

Als Versteckte Regulierungen definiere ich allgemein alle Agenturen und Handlungsprogramme, die unabhängiges Radiomachen in seinem operativen Gebrauch beeinflussen, ohne dass dies in Gesetzestexten explizit vorgesehen wäre. Ich werde nicht von formell und informell sprechen, um die in dieser Dichotomie latent reproduzierte Unterscheidung von Makro- und Mikroakteur_innen zu vermeiden. Stattdessen gehe ich explorativ vor und suche im Material nach Beschreibungen, die Bewegungen und Beziehungen andeuten, die über den gesetzlichen Regulierungsrahmen hinausweisen, durchaus aber mit diesem verflochten seien können (und sei auf Grund der von ihm definierten und rekrutierten Akteur_innen). So würde beispielsweise das im USA der 1920er Jahre von privaten Lizenznehmer_innen praktizierte eigenständige Aufspüren und Melden von »unauthorized tranmissions (»piracy«)« an die Regulierungsbehörden ein regulatives Handlungsprogramm beschreiben, dass die Grenzen sichtbar/unsichtbar, formell/informell, legal/extralegal ad absurdum führt.639

Für das Radiomachen in Brasilien sind in der gleichen Epoche selbstorganisierte gentleman agreements zwischen Sendenden erwähnt (vgl. EN40), die eine störungsfreie, gemeinsame Nutzung des Spektrums gewährleisteten. Neben solchen regulativen Initiativen, die auf eine freie und plurale Nutzung der Radiowellen abzielte, sind jedoch auch mediale Handlungsprogramme dokumentiert, die in der Literatur unter dem Begriff »Selbstzensur« zusammengefasst werden. Der allgemeine Bogen, der von einem selbstgewählten Verzicht der freien Meinungsäußerung im kolonialen Brasilien des 16. Jahrhundert bis hin zum strategischen Schweigen der Presse während der zivilen-militärischen Diktatur geschlagen wird, lässt jedoch keine genaueren Rückschlüsse auf die Reguliertheit dieser Handlungsprogramme zu.640 Aufschlussreicher ist dagegen der Hinweis, dass bei der medialen Selbstzensur zwischen 1964-1985 sowohl individuelle oder redaktionelle Strategien des Selbstschutzes aber auch Momente aktiver »Kooperation« thematisiert werden.641

Betroffen waren und sind von solcherlei Konfigurationen auch die Sichtbarkeit repressiver Regulationen außerhalb des gesetzlichen Rahmens. Dazu gehören neben Polizeieinsätzen ohne richterliches Mandat auch physische Übergriffe, bis hin zu Folter und Mord.642 Diese Handlungsprogramme lassen sich keineswegs nur bis 1985 dokumentieren. Ein Bericht über die Gewalt gegen Journalisten in Brasilien aus dem Jahr 2011 zählt beispielsweise 60 Übergriffe insgesamt, davon 24 verbale oder physische Aggressionen, zehn Drohungen, sechs Morde, drei Attentate, sieben Fälle von Zensur und juristischer Anzeigen sowie drei Fälle von Festnahmen und Folter.643 Ergänzend werden nach wie vor auch Agenturen der Selbstzensur benannt.644 Als weitere konstante Handlungsprogramme mit regulativen Effekten werden außerdem spezifische »ökonomische Ausschlüsse« oder im Fall kommerziellen Radiomachens die als »jabá« bekannte finanzielle Einflussnahme der Musikindustrie auf die im Radio gespielten Stücke erwähnt.645

Auch wenn sich bei allen genannten Agenturen eine latente Kontinuität andeutet, wird diese in der Literatur analytisch meist nicht weiterverfolgt, was sicherlich auch dem asymmetrischen Fokus auf formeller Regulierung geschuldet ist.646 Die Betrachtung unabhängigen Radiomachens ist davon ebenfalls betroffen, oftmals bleiben die Beschreibungen deskriptiv. Eine Ausnahme bildet das Konzept des coronelismo eletrônico, ein Versuch »politische Praktiken« zu explizieren, die vor allem bezüglich der RadComs entscheidenden regulativen Einfluss haben und immer auch über die formellen und sichtbaren regulativen Ränder hinausweisen.647 Eine erstes solches Handlungsprogramm lässt sich im stark formalisierten Genehmigungsprozess ausmachen, den RadComs durchlaufen müssen, um senden zu können. Auf diese Weise wird der allgemeine Anspruch auf Radiomachen, der allen brasilianischen Gemeinden zusteht, de facto eingeschränkt. Zum einen kann dieses Recht praktisch nur geltend gemacht werden, wenn das Kommunikations-ministerium eine Ausschreibung für neue Genehmigungen veröffentlicht.648 Zum anderen seien die zu erfüllenden Auflagen so komplex, dass sie in der Literatur als »bürokratische Hürden« beschrieben werden, die die »Erfolgsquoten für eine Anerkennung gering« halten – »80% der Ablehnung von Anträgen erfolgt aus bürokratischen und nicht aus technischen Gründen.«649

Während diese Art »versteckter Regulierung« zumindest »auf dem Papier« sichtbar bleibt, wo Fristen und Auflagen formuliert sind, beschreibt der coronelismo eletrônico auch zwei weitere regulative Agenturen politischer Kontrolle, die sich nur schwer visualisieren lassen. Eine erste betrifft die sogenannte »Duplizität von Genehmigungen« (duplicidade de outorgas), womit die Vergabe von Lizenzen von mehr als einer Sendegenehmigung an eine Person gemeint ist, die in den Vorständen von einem oder mehreren RadComs, sowie kommerziellen oder edukativen Radios präsent ist.650 Durch diese personellen Überschneidungen bei der Organisation von Medien ist die ohnehin prekäre plurale Nutzung und der Zugang zu Radiofrequenzen potentiell gefährdet. Auch wenn die Zahl der dokumentierten Fälle tendenziell abnimmt, bleibt weiterhin offen, ob das Handlungsprogramm der Duplizität auf eine zu große »Nachsicht« im Kommunikationsministerium oder auf aktive politische Mediationen zurückzuführen ist.651

Dafür, dass die Vergabe von Radiolizenzen und -genehmigungen in Brasilien „noch immer politisch“ motiviert ist, sprechen eine Vielzahl von Indizien. Dokumentiert sind RadComs (oder auch andere Sender) an deren Leitung gewählte Politiker_innen aller drei bundesstaatlichen Ebenen bzw. deren Verwandte oder von ihnen eingesetzte Strohpuppen (laranjas) beteiligt sind, obwohl das Gesetz solcherlei Beteiligungen verbietet.652 Über diese Beteiligungen hinaus wird zudem von »politischen Paten« (padrinhos políticos) gesprochen, welche aktiv in die Rundfunkregulierung eingreifen, erneut vor allem im Moment des Genehmigungsprozesses. Dabei soll ein seit dem imperialen Brasilien dokumentiertes Handlungsprogramm zum Tragen kommen, welches als Tauschmünze (troca de moeda) bezeichnet wird und zunächst als offener oder verdeckter Stimmenkauf für politische Wahlen, vermittels Geldzahlungen oder aber der Vergabe von Land organisiert wurde und später um die Vergabe von Rundfunklizenzen und -genehmigungen als Gegenleistungen erweitert wurde.653 Als sichtbare Hinweise auf die mögliche Existenz solcherlei Agenturen lassen sich Zahlen anführen, die besagen, dass beispielsweise die 1010 Community Radios die 2003 und 2004 bei ihrer Antragstellung offiziell von Politiker_innen unterstützt wurden, mit 35,34% eine deutlich höhere Erfolgsquote hatten als jene 1822 Sender ohne eine solche Unterstützung, von denen nur 8,01% eine Genehmigung erhielten.654 Weitere Hinweise auf politische Einflussnahmen, lassen sich auch aus den formell nicht zu erklärenden »unterschiedlichen Geschwindigkeiten« ableiten, die bei der Antragsbearbeitung festzustellen sind.655

Ebenso schwierig, wie der konkrete Nachweis aller hier beschriebenen versteckten Regulierungen, ist der Einfluss des Lobbyings, vor allem seitens »privater Unternehmen«. Diesen sollen beispielsweise aktiv an der Regelaufstellung für RadComs beteiligt gewesen sein, was dazu geführt habe, dass RadComs heute stärker reguliert werden als konzessionierte Sender.656 Damit ist bereits ein weiteres spezifisches regulatives Handlungsprogramm, nämlich dass der Nicht-Regulierung angesprochen. Diese garantiert einen Fortbestand der Eigentumskonzentration und weiterer asymmetrischen Konstellationen eben gerade dadurch dass »jedweder Typ von Regulierung im [Radio]Sektor vermieden« wird.657

Leider gibt es in der untersuchten Literatur über die Fallstudien zum coronelismo eletrônico hinaus keine Versuche, diese Hinweise und Hypothesen zu versteckten Regulierungen analytisch weiterzuverfolgen. Deutlich wird ansatzweise dennoch das ambivalente Potential dieser Handlungsprogramme für die Legitimationsfrage deutlich. Ambivalent deshalb, da Lobbying oder physische Aggressionen zweifellos die Existenz unabhängiger Radios erschweren, diese zugleich auch die Möglichkeit sich vermittels eines widerständen Medienmachens in Bezug auf ein Gemeinwohl zu legitimieren, ermöglichen. Zudem bleibt offen, welche Beziehungen im Einzelnen im Rahmen »politischer Patenschaften« geknüpft werden und inwiefern diese ihrerseits die Legitimation der Sender beeinflussen.

Insgesamt lässt sich zur medialen Dimension der Regulierung bemerken, dass gewiss keine Entkopplung zwischen der formell/sichtbaren und versteckten regulativen Agenturen herrscht, sondern komplizierte Beziehungen zu veranschlagen sind, die den analytischen Nutzen dichotomer Unterscheidungen in Frage stellen. Ebenfalls deutlich wurde, zumindest in Andeutungen, dass Regulieren keine unilaterale Bewegung beschreibt, sondern sich als aktive Mediation zwischen heterogenen Akteur_innen aufspannt, die den zentralen Legitimationshelfer Staat bei der formalen Regulierung beeinflussen und darüber hinaus vermutlich viele weitere Beziehungen eingehen. Das Kapitel verdeutlichte ebenfalls verschiedene attribution gaps, also Zuschreibungslücken bei der Konstruktion kausaler Zusammenhänge zwischen universellen bzw. konsitutionellen Prinzipien und davon abgeleiteten Regulierungsagenturen, die in den folgenden Kapiteln noch näher zu untersuchen sind. Dafür werden im folgenden Theoriebaukasten nun drei methodische Konzepte entfaltet, die dazu beitragen werden, diesen Anspruch zu realisieren, nämlich »distribuiertes Handeln«, »Operationsketten« und »hidden transcripts«.

 

2.3.3 Theoriebaukasten VI – Handlungsprogramme und Übersetzungen

Die Agenturen und Handlungsprogramme der sogenannten Medienregulierung liegen, wie deutlich geworden ist, quer zu vielen Modellen und Praktiken radialer Signalerzeugung. (Radio-)Medien realisieren sich, in dem sie Antworten auf diese konkurrierenden Inskriptionen und Mobilisierungen von Rundfunk finden, um ihre widerständigen Vorstellungen und Praktiken zu realisieren. Diese ständigen Stabilisierungen von Medien bilden für die weitere Untersuchung der gesellschaftlichen Legitimation von Radios ein wichtiges Moment. Deshalb sollen im Folgenden noch einmal drei Prämissen expliziert werden, die für die empirische Betrachtung anleitend sind.

Zunächst ist die Frage nach medialer Regulierung eine gute Gelegenheit, den nicht-intentionellen Handlungsbegriff der ANT herauszuarbeiten. Denn angewendet auf das Setting muss es von Beginn an heißen: Der konspirative Wunsch, die prekäre legale Situation unabhängiger Radios, oder anders gesagt, ihre soziale Stabilisierung, die ohne oder nur durch eine stark eingeschränkte legale Anerkennung auskommen muss, als Konsequenz eines handelnden Subjekts erfassen zu können, ist nicht einlösbar. Warum ist das so? Der allgemeine Hinweis, ANT verfolge einen »weniger weberianisch-emphatischen Begriff(s) sozialen Handelns«658 kann dabei zunächst nur eine negative Abgrenzung leisten. Erhellender ist die Prämisse, dass die in einem Akteur_innennetzwerk »verteilte Intelligenz«659 nicht mit der Vorstellung einer individuell beabsichtigten Handlung vereinbar ist. Distribuiertes, vernetztes Handeln muss erkenntnistheoretisch betrachtet in einem Fraktalmodell potentiell omnipräsent sein. Oder anders gesagt impliziert der Akteur_innenbegriff von ANT, dass alles intentional verständliche Handeln immer in nicht-intendierten Verknüpfungen aufgefächert werden kann. Wenn hier nun aber von Legitimationsstrategien die Sprache ist, wie lassen sich diese dann transparent für das Setting rekonstruieren?

Hilfreich ist für ein empirisches handling dieses scheinbaren Dilemmas, dass sich Intentionen (ebenso wie Ursachen)

»immer nur für den Verlauf von Operationsketten darstellen, in denen sie zugleich als Effekte in Mitleidenschaft gezogen werden. Insgesamt werden daher Attributionen der Verursachung vor allem als Effekte von Verkettungen bestimmbar […]«660

Die Legitimation von Medien lässt sich in eben solchen Operationsketten rekonstruieren, ohne diese dabei jedoch von den situativen Akteur_innen-Ensembles zu lösen. Denn deren heterogene Kompositionen werden eben nicht mehr auf nur einen masterplan zurückgeführt. Vielmehr lassen sich in ihren Anordnungen legitimierende Inskriptionen und Versuche diese zu stabilisieren aufspüren und als Strategien beschreiben.661 Als ein solcher Versuch kann beispielsweise die gesetzlich generierte Einschreibung von Community Radios gelten, die im folgenden Kapitel noch ausführlich besprochen wird.

Vorher möchte ich jedoch noch einmal zur Kategorie des Regulierens zurückkehren, oder vielmehr seiner Prozesshaftigkeit. In der auf Medien bezogenen Regulierungstheorie lässt sich eine Kontroverse zwischen weiten Regulierungsdefinitionen, die »alle möglichen Formen von Handlungskoordinationen (z.B. sozialer Einfluss, Normen, Marktprozesse von Angebot und Nachfrage)« hinzuziehen und einem engen »akteurstheoretischen Regulierungsbegriff, der Regulierung als intentionale Tätigkeit versteht, die von einem Akteur ausgeht«, ausmachen662. Im Handeln dieses einen, oftmals staatlichen Akteurs bündelt sich dann das prozesshafte Aufstellen von Regeln, deren Durchsetzung und die Sanktionierung von Verstößen.

Doch wie lässt sich dieses ebenso enge wie zweifellos schlüssige Verständnis von Regulierung empirisch nutzbar machen? Kaum, es sei denn das Forschungsinteresse begnügt sich nicht mit einer asymmetrischen Darstellung staatlicher Handlungsfantasien. Denn wie soll die empirische Realisierung von Regulierung (Durchsetzung, Sanktion) überhaupt beobachtbar sein, wenn auch die, die angeblich gegen die staatliche Regulierung verstoßen, nur innerhalb der Konzepte und (stark reduktionistischen) Operationsketten der Regulierenden sichtbar werden? Regulierung bekommt hier eine selbsterfüllende Qualität. Es beschreibt nur noch ein Verhandeln oder Aushandeln innerhalb staatlicher Institutionen und die folgende gesamtgesellschaftliche Durchsetzung dieses elitären Konsenses. Eine solche analytische Verklärung von Regulierung zu einem ready made macht die empirische Untersuchung von Legitimation in the making unmöglich.

Um das spannungsvolle Verhältnis von Regulierungs- und Legitimationsstrategien untersuchen zu können, ist es daher notwendig, die »Ethnotheorien der der beobachteten Agenturen und der von ihnen vorgenommenen Akteurs- und Handlungszuschreibungen«663 zu berücksichtigen. Gemeint ist damit innerhalb einer Operationskette, unveränderlicher Entitäten (Intermediäre), die aus der Sicht spezifischer Akteur_innen der Forderung nach Legitimation erhaben sind, durch die Beschreibungen anderer beteiligter Entitäten zu ersetzen und damit als aktive Vermittler_innen (Mediator_innen) erkennbar werden. In Ergänzung zu dem bereits erwähnten Öffnen von black boxes, lenkt die ANT den Blick von der Komposition des Sozialen hier nun eher auf Prozesse und Bewegungen des Sozialen bei dem weder »von einer vorgängigen Bestimmtheit aller Entitäten auszugehen« sei, noch »nur bestimmte Entitäten als soziale Kräfte zu berücksichtigen« wären.664 Wie in diesem Kapitel exemplarisch deutlich wurde, zerfällt die intermediäre Agentur Zensur in den konkreten Handlungszuschreibungen weiterer Akteur_innen in vielfältige Operationsketten, die das scheinbar legitimierte Verhältnis von »Repression für Nationale Sicherheit« ad absurdum führen.

Für die hier veranschlagte Erkundung der in black boxes und Intermediären gebundenen gesellschaftlichen Komplexität, möchte ich abschließend eine weitere empirische Differenzierung für die Betrachtung legitimierten Medienmachens einführen. Diese knüpft an die Absicht an, Legitimation als konkurrierende Operationsketten zu rekonstruieren, fragt aber zudem, inwiefern gerade in diesem Punkt von einer allgemeinen Wahrnehmbarkeit des Medienmachens ausgegangen werden kann. Sicher, implizites Ziel der Signalerzeugung ist es, dass dieses Signal auch gehört wird, denn wie noch deutlicher werden wird, hat eine spezifische Hörer_innenschaft großen legitimatorischen Anteil am Radiomachen. Im Kapitel 2.1.3. sind jedoch auch vermittelnde Akteur_innen angesprochen wurden, ohne dabei im Einzelnen darauf einzugehen zu können, wie unabhängige Radios mit bzw. gegenüber Regierungen, NGOs, sozialen Bewegungen, Bundespolizisten, etc. ihre gesellschaftliche Anerkennung stabilisieren. Es ist offensichtlich, dass die empirische Untersuchung dafür noch nicht weit genug gekommen ist. Eine allgemeine Frage lässt sich hier aber dennoch aufmachen: Inwiefern sind die spezifischen Operationsketten allesamt so öffentlich und gut hörbar wie die Radiosignale? Oder anders gefragt, warum annehmen, dass die Aushandlung von Legitimation allseits öffentlich und unter Mobilisierung der gleichen Akteur_innen erfolgt?

Eine perspektivische Erweiterung des »klassischen ANT-Repertoirs« infralinguistischer Konzepte, die auf eben diese Frage keine theoretisch-methodologische Antwort parat haben, bietet ein Rekurs auf sogenannte »public« und »hidden transcripts«665. Gemeinsam ist diesen Begriffen mit dem ANT-Konzept der Skripte ihr Interesse an strategischen Inszenierungen sozialer Beziehungen, die verallgemeinernde theoretische ready mades empirisch unterlaufen und den beteiligten Akteur_innen in symmetrischer Perspektive einen aktiven Part bei der Aushandlung sozialer Rollen und Beziehungen zusprechen.666 Entscheidend ist bezüglich der öffentlich wahrnehmbaren Interaktion unterschiedlicher Entitäten innerhalb eines transcripts, die Überlegung, dass diese Beobachtung »unlikely to tell us the whole story« ist, denn »[i]t is frequently […] the interest […] to tacitly conspire in misrepresentation«.667 Wenn also aus strategischen oder taktischen Gründen nicht alles öffentlich ist, dann muss es ontologisch eine zweite Dimension geben, innerhalb welcher ebenfalls kommuniziert wird, jedoch nicht immer weithin hörbar. Damit ist ein hidden transcript angedeutet, dass sich durch eine »reflexive quality« hervortut, »comprising the offstage responses and rejoinders to that public transcript«668.

Für die angestrebte Rekonstruktion medialer Skripte unter dem Gesichtspunkt ihrer sozialen Legitimation wird auf diese Weise ein Radiomachen denkbar, dass in seiner Anerkennungs-würdigkeit sowohl öffentlich als auch nicht-öffentlich stabilisiert wird. Wenn ein Radio beispielsweise die rechtliche Genehmigung öffentlich als Teil seiner Selbstbeschreibung affirmiert, muss dies noch lange nicht bedeuten, dass es die gesetzlichen Normen auch 100% praktisch umzusetzen sucht. Im Gegenteil, das taktische Aussetzen des Gesetzes kann innerhalb eines anderen transcripts legitimationssteigernd wirken. Jenseits des Hörer_innenbegriffs lässt sich so gesehen fragen, wie viele Publika ein Radio eigentlich bedient.

***

Die Theoriebaukästen hatten den Anspruch, die Lesenden für die notwendigen Perspektivwechsel und Verfolgung der Akteur_innenkonstellationen und -bewegungen zu sensibilisieren. Denn trotz des großen erkenntnistheoretischen Potentials der ANT ist es nach wie vor ein nervenaufreibendes Unterfangen diese Methode zu operationalisieren, »defining trajectories by actants' association and substitution, defining actants by all the trajectories in which they enter669

Die vorgenommenen Operationalisierungen und relationalen Abstimmungen einzelner Begriffe waren nicht nur wegen des infralinguistischen Abstraktionsniveaus der ANT unumgänglich, sondern auch deshalb, weil die Methode zugleich die Prämissen der im ersten Kapitel entworfenen Konzepte Mediation, Legitimation und Regulierung reflektieren musste. Es hat sich jedoch gezeigt, dass die ANT auch in einiger Entfernung ihres ursprünglichen Fokus der science and technology studies anwendbar ist. Teilweise allgemein abstrakt, teilweise exemplarisch konkret konnte dennoch eine Explikation des fraktalen Charakters von ANTs erfolgen, indem die analytische Öffnung von black boxes und die Dekonstruktion asymmetrischer Makroakteur_innen zugunsten heterogener Akteur_innen-Konstellationen näher gebracht wurde. Des Weiteren erfolgte eine allmähliche Annäherung an einen nicht-subjektiven Handlungsbegriff, der sich an distribuierten Handlungspotentialen und Operationsketten orientiert. Und schließlich wurde das nicht einfache Verhältnis von Ethno- und Beobachtertheorien reflektiert und diesbezüglich eine pragmatische Antwort für das Setting der vorliegenden Arbeit definiert. Damit ist die grundlegende Einführung in  die ANT und weiterer verwandter Theoriebausteine abgeschlossen. Dennoch werde ich an einigen Stellen den methodologischen Faden wieder aufgreifen, um einzelne Konklusionen in ihren theoretischen Rückgriffen transparent und verständlich zu halten.

 

2.4 Zwischenfazit I – die Wiederzusammensetzung von Radio

Im zweiten Kapitel habe ich verschiedene Flugbahnen aufgezeigt, entlang derer unabhängiges Radiomachen konstruiert wird bzw. sich beobachten lässt. Das Mapping hat nach Punkten gesucht, an denen die black box Brasilianischer Rundfunk für eine genauere Analyse der darin versammelten Akteur_innen-Netzwerke offen stand oder sich öffnen ließ. Anstatt von einer in ihrer Gesamtheit auf legitime Weise zu regulierenden Radiotechnologie und entsprechenden Praktiken auszugehen, wurde der Blick von vielfältigen operationalen Gebräuchen aus, Radio zu machen, entfaltet. Die Frage nach der gesellschaftlichen Anerkennungswürdigkeit dieser unterschiedlichen Mediationen generiert sich damit nicht länger aus externen Referenzrahmen, sondern wird an einzelne medialen Entitäten herangetragen bzw. aus ihrer detaillierten Betrachtung entwickelt. Die Entwendung des Legitimierungsbegriffs aus staatlichen Händen radikalisiert sich, wird in letzter Konsequenz auch an eine Antenne übertragbar, nicht generell aber wohl in ihren spezifischen Vermittlungen, als Beitrag zu einer Signalerzeugung.

Anstatt den unterschiedlichen Radiokategorien spezifische legitimierende Eigenschaften zuzuschreiben, wurde versucht – soweit dies die Aussagen in der Literatur zuließen – den Fokus auf Handlungsprogramme und Operationsketten zu richten. Darin liegt keine methodische Spitzfindigkeit sondern eine Operationalisierung des im ersten Kapitel angekündigten Bruchs mit der konzeptuellen Einengung von Anerkennungswürdigkeit als Ausdruck von Zustimmung (oder deren Entzug) gegenüber dem Handlungsprogramm einer oder eines Makroakteur_in. Denn im Gegensatz dazu, wurde hier kein Mapping der gesellschaftlichen Legitimation von Rundfunk vorgenommen, sondern die diesen konstituierenden radialen Mediationen untersucht. Dabei wurden deutlich, welche unterschiedlichen Arten von Radio spezifische Akteur_innen inskribieren und welche Krisen der Anerkennungswürdigkeiten diesen widerum von anderen Akteur_innen askribiert werden.

Was kann nach diesem intensiven Mapping nun über das Senden unabhängiger Radioagenturen in Brasilien und ihre Legitimierungen gesagt werden, das vorher nicht sichtbar oder denkbar gewesen wäre? Generell lässt sich eine Bewegung beschreiben, die eine Delegitimation des status quo umfasst, um Räume für Agenturen unabhängigen Radiomachens zu schaffen zugleich jedoch daran interessiert ist, unabhängiges Radiomachen als spezifische Skripte zusammenzusetzen, in denen eine gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit angelegt ist. Drei solcher Inflektionspunkte, an denen der scheinbar kontinuierliche Verlauf medialer Legitimationskonstruktion eine Umkehrung erfährt, möchte ich hier abschließend nochmals in Erinnerung rufen, da diese auch in den kommenden Kapitel wiederholt eine Rolle spielen werden. Ein erster legitimatorischer Umkehrungspunkt betrifft die dargestellte Unschärfe vieler radialer Kategorien, die eine formale Unabgeschlossenheit und damit Spielräume für unabhängige Radios schafft. Daran gekoppelt ist jedoch auch die Frage der Deutungshoheit bei der Definition von beispielsweise Community Radios. Werden Skripte formuliert, die abseits oder über die legalen Skripte hinaus verlaufen, sind die staatlichen Legitimationshelfer_innen nicht nur punktuell sondern grundsätzlich gefordert, ihre Anerkennungswürdigkeit unter Beweis zu stellen.

Eine zweite Inflektion ist abrufbar, sobald die historische Dimension der aktuellen Mediengesetzgebung angesprochen wird. Der Entstehungskontext von Verordnungen und Gesetzen, sowie die Kontinuitäten einzelner Akteur_innen (z.B. Bundespolizei als Reguliererin) ist nur bedingt oder gar nicht mit rechtsstaatlichen Prämissen im allgemeinen und den konstitutionellen Garantien von 1988 im Besonderen vereinbar. Hinzukommt die lückenhafte Übersetzung der Verfassung in Regulierungsagenturen, da entsprechende Operationsketten entweder ganz fehlen oder in bestimmten Teilen in ihrer Begründung unsichtbar bleiben.

Auf ähnliche Weise lässt sich die krisenhafte Legitimation von Radio auch in einem dritten Punkt deutlich machen, nämlich bezüglich bestimmter Beiträge (z.B. Modernisierung) zu einem Gemeinwohl, die Radiomedien normativ zugeordnet werden. Wie ich gezeigt habe, sind dabei weder das Gemeinwohl noch seine radiale Übersetzung (z.B. Affiliationsnetzwerke) konstant legitimierte Größen, da diese keine innewohnenden Eigenschaften von Radiomedien, sondern an relationale soziale Prozesse in den Akteur_innen-Netzwerken gekoppelt sind.

Diese Inflektionen konnten bezüglich der davon ausgehenden legitimen Rekonstruktionen unabhängigen Radiomachens nur ansatzweise verfolgt werden. Hier zeigt sich auch eine strukturelle Asymmetrie der Beobachtenden, denn in den allgemeinen Darstellungen zum Radiomachen in Brasilien wurden Community Radios auch in neueren Texten (ab 1998) nur teilweise erwähnt, während Freie Radios, wenn sie Erwähnung finden, nur »verunsichtbart« in der pejorativen Klammer »Piratenradio« auftauchen. Um das Verhältnis zwischen lizensierten, genehmigten, nicht-genehmigten Radiomacher_innen und Regulierenden auf »symmetrische Füße« zu stellen, wird das folgende Kapitel nun das Wort an die networkbuilder, die Skriptschreiber_innen und Fürsprecher_innen der Freien und Community Radios weitergeben. Dabei werden ihre spezifischen Handlungsprogramme und bereits erste Operationsketten dokumentiert und ebenso akribisch »abgeklopft« wie die Inskriptionen staatlicher und kommerzieller Sender, denn die aufgenommene Spur eines komplexen story dealings zur Steigerung gesellschaftlicher Anerkennungswürdigkeit unabhängigen Radio-machens hat sich zwar bestätigen lassen, steht in ihrer empirischen Betrachtung jedoch noch ganz am Anfang.

3. Inskriptionen Freier und Community Radios

3.1 Selektion der network builders

Um bestehende radiale Akteur_innennetzwerke zu analysieren, empfiehlt es sich zunächst jene Entitäten in den Blick zu nehmen, die am Bau solcher Netzwerke beteiligt sind. Sich dabei einfach die sichtbarsten Akteur_innen herauszugreifen, birgt die Gefahr, die Analyse bereits im Vorfeld auf asymmetrische Füße zu stellen.1 Im vorangegangenen Kapitel wurde deshalb ein allgemeines mapping vorgenommen, um die Legitimationskontroversen unabhängigen Radiomachens und daran beteiligter Akteur_innen möglichst umfassend zu dokumentieren. Diese erste Annäherung allein kann die Selektion der im Folgenden analysierten network builder jedoch nicht begründen. Vielmehr ist es notwendig nach einem »Einbruch in den normalen Lauf der Dinge«2 zu suchen, der unterschiedliche Akteur_innen sichtbar macht und damit den Verdacht der Beliebigkeit oder Einseitigkeit abzuschütteln.3

Eine spannende Interruption im radialen business as usual Brasiliens fand im Jahr 2009 statt, als sich 24 Vertreter_innen der Bundesregierung, sozialer Bewegungen, kommerzieller und öffentlicher Medien zur ersten Nationalen Kommunikationskonferenz (CNC) in Brasilia trafen. Unter dem programmatischen Titel »Kommunikation: Medien für die Konstruktion von Bürger_innenrechten in der digitalen Ära« sollten Vorschläge für künftige Gesetzesrahmen und Regulierungen gesammelt werden. Als zu diskutierende Themen der Konferenz wurde explizit auch die Organisation »unabhängiger und regionaler Medienproduktionen« sowie »ComRads« auf die Tagesordnung gesetzt.4 Es überrascht deshalb kaum, auf der Teilnehmer_innenliste zunächst Vertreter_innen des größten brasilianischen Radioverbandes ABRAÇO zu finden, der seit 1996 ComRads repräsentiert und heute nach eigenen Angaben bis zu 10.000 Mitglieder hat.5 Ebenso vorhersehbar war die Anwesenheit des nationalen Ablegers des Weltverbandes der ComRads AMARC Brasil, der mit seinen etwa 50 Mitgliedern bereits an der Vorbereitung der Konferenz sehr aktiv beteiligt war.6 Bei genauerem Hinsehen, lassen sich während der Vorbereitung der CNC jedoch noch weitere network builder ausfindig machen. So waren auf den Regionaltreffen zunächst auch die über 20 bundestaatlichen Vertretungen von ABRAÇO präsent, wie zum Beispiel die gewichtige Gruppe ABRAÇO São Paulo aus der Provinzhauptstadt Campinas, der über 100 ComRads angehören sollen.7 Zugleich lassen sich auf den Teilnehmerlisten unabhängige regionale ComRad-Organisationen finden, unter anderen die bekannte Nichtregierungsorganisation VIVA RIO die in Kontakt mit über 500 ComRads stehen soll.8

Damit sind bereits die vier sichtbarsten Akteur_innen benannt. Für eine symmetrische Analyse ist es jedoch unerlässlich, den Kreis der untersuchten network builder9 begründet zu erweitern. Zunächst ist dabei der Vorsitzende der CNC, nämlich das brasilianische Kommunikationsministerium (MiniCom) zu nennen.10 Denn das Ministerium und die ihm bei der Rundfunkregulierung zuarbeitenden Behörde ANATEL sind Vertreter_innen der legalen Inskription von ComRads, die (symmetrisch betrachtet) ebenso um Legitimation bemüht ist wie alle übrigen Modelle unabhängigen Radiomachens. Dagegen werden zwei weitere wichtige Inkripteur_innen buchstäblich auf negative Weise sichtbar; sie »glänzen« durch ihre von Teilnehmenden und Berichterstatter_innen monierte Abwesenheit. Gemeint sind dabei zum einen die Integrant_innen des 1993 auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre gegründeten Freien-Radionetzwerks RIZOMA, dessen etwa 12 Stationen auf der CNC ihre Vision einer »Demokratisierung des Spektrums« hätten darlegen können, aber nur als Beobachter_innen auf den ersten regionalen Vorbereitungstreffen präsent waren.11 Abwesend war des Weiteren der Radioverband »Forum Demokratie in der Kommunikation« (FDC) aus dem metropolitanen Raum São Paulos, der »öffentlichen Auftritten meist aus dem Weg geht«12, jedoch ein einflussreiches regionales Radiomodell in Brasiliens größter Stadt und wichtigstem Medienstandort propagiert und dem zwischenzeitlich 1723 Radios angehört haben sollen.13 Unter Berücksichtigung dieser weiteren Akteur_innen bilden nicht mehr ausschließlich die Inskriptionen der sichtbarsten network builder das Blickfeld. Die vorgenommene Selektion verschafft auch sogenannten silent actors Gehör.14

Anhand dieser Vorauswahl organisierte ich während der Forschungsaufenthalte in Brasilien  wiederholt Treffen mit Sprecher_innen und Aktivist_innen der einzelnen kollektiven Entitäten. Das zentrale Interesse dieser encounters lag darin, die konkurrierenden Vorstellungen unabhängigen Radiomachens, die diese Akteur_innen im Einzelnen vertreten (und zu legitimieren suchen), zu dokumentieren. Das vorliegende Kapitel ordnet meine Beobachtungen in vier analytisch-deskriptiven Blöcken. Zunächst mache ich deutlich, wie einzelne radiale Inskriptionen in ihrer Entstehung, ihrem Verhältnis zum staatlichen Regulierungsanspruch des elektromagnetischen Spektrums und in Abgrenzung zu anderen unabhängigen Radiomodellen konstruiert werden (3.2.). Anschließend erfolgt eine detaillierte Dokumentation des modellhaft vorgeschlagenen Medienmachens unter Berücksichtigung aller dabei benannten Einflussgrößen, um einen ersten Einblick in die angestrebte Stabilisierung der Skripte zu erhalten (3.3.). Die hier bereits anklingende Legitimation radialer Praxen wird fortgesetzt in einer Nebeneinanderstellung der einzelnen – und oftmals konfliktreichen – Zielstellungen des Radiomachens im Verhältnis zu einem spezifischen gesellschaftlichen Gemeinwohl. Rekonstruiert werden zudem alle »ausgeschlossenen« Ziele, welche ein unabhängiges Radio meiden sollte, um gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit zu erfahren (3.4.) Abschließend wird betrachtet, wie konkret diese gesellschaftlichen Ziele der unabhängigen Radios auch in Anleitungen für ein Medienmachen übersetzt werden (3.5).

Damit ist ein perspektivischer Zugang abgesteckt, welcher die einzelnen Inskriptionen analytisch dimensioniert. Ganz im Sinne der ANT leitet dieser Blick den Versuch  »[de] seguir la manera en que los actores mismos estabilizan esas incertidumbres, construyendo formatos, estándares y metrologías« um so, mit den »ensamblados reunidos de esa forma« die arbeitsleitenden Konzepte der Radiomachenden nachvollziehen zu können und die Herstellungen medialer Legitimation nicht durch externe Theoretisierungen zu verstellen.15

 

3.2 Positionen

3.2.1 Retrospektiven und normative Radiomodelle

»Am Anfang waren die Freien Radios«, so oder so ähnlich beschreiben die network builder in den geführten Interviews übereinstimmend die Ursprünge ihrer radialen Inskriptionen.16 Fast alle, muss es heißen, denn im Kommunikationsministerium wird (aus Sicht der Exekutive) radiale »Kommunikation als öffentliches Recht« eigentlich erst mit der Verabschiedung der demokratischen Verfassung von 1988 denkbar. Im fünften Artikel (Art. V) ist dort das zu nationalem Recht gerecht geronnene lateinamerikanische Menschenrechtsabkommen »Pakt von San José« verbrieft, in dem Individuen die Garantie zugesprochen wird, ihre Meinung über Medien jedweder Art zu verbreiten, ohne dass dieses Grundrecht von staatlicher Seite eingeschränkt werden könne.17 Doch nachweislich haben die unabhängigen Radiomacher_innen Brasiliens nicht auf die »staatliche Henne« gewartet, vielmehr lassen sich die unterschiedlichsten radialen »Eier« schon vor Beginn der verfassungsbildenden Versammlung finden. Das Aufkommen unabhängiger Medien direkt aus dem Verfassungstext ableiten zu wollen, entspricht einem positivistischem Anachronismus.

Darüber, was das sogenannte Freie Radiomachen zu Beginn der 1980er Jahre ausmachte, gehen die Meinungen jedoch bis heute auseinander. Konsens scheint zunächst, dass die ersten organisierten Freien Radioligen ihre konzeptuellen Wurzeln in der zunehmenden Verflechtung meist jugendlicher Amateurfunkpraktiken und der Rezeption der »libertären Radiobewegungen in England, Italien und Frankreich« hatten.18 Infrage gestellt wird dagegen mitunter die retrospektive Projektion des aktuellen Netzwerks RIZOMA, die darum bemüht ist, freies Radiomachen bereits in den 1980er Jahren als einen allseits geteilten Katalog »fester Prinzipien« zu erklären. Carlos Rocha beispielsweise, der zu Beginn der 1980er Jahre neben seiner Lehrtätigkeit an der Universität von São Paulo (PUK) auch in unterschiedlichen Radiokollektiven mitarbeitete, sieht die ersten Radios eher als vielgestaltigen »Ausdruck der unorganisierten Bevölkerung«, die ihre weitere Ausdeutung in konkreten Situationen und von spezifischen sozialen Gruppen erfuhren.

Folgt man dieser Aussage, dann sind zwei bis heute verbreitete generalisierende Behauptungen nicht länger haltbar. Zum einen wird die Vorstellung widerlegt, Freie Radios kämen historisch betrachtet »eher aus dem akademischen Umfeld«.19 Zum anderen wird die bereits benannte schematische Vermischung unterlaufen, die lediglich zwei Grundströmungen definiert: apolitische Bastelarbeit oder linke, radiale Bewusstseinsbildung. Neben Rocha legen auch die Erinnerungen anderer Inskripteur_innen den Schluss nahe, dass sich in die emergente Referenz »Freies Radio« in Brasilien zu Beginn ganz unterschiedliche Radiomachende einschrieben: neben Hobbybastler_innen, Studierenden, Gewerkschaften und Landlosen eben auch politische Parteien, religiöse Gruppen und kommerziell interessierte Sender.20 Eine nachträgliche »Pervertierung« des normativen Modells Freier Radios hat demnach nie stattgefunden, höchstens eine nachträgliche Purifikation, um die aktuelle Inskription zu legitimieren.

Doch gab es, bei aller radialen Vielfalt, nicht dennoch so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen politischen Nenner beim täglichen Radiomachen? Zumindest gab es ein gemeinsames Feindbild, dass in den unterschiedlichen Interpretationen Freien Radiomachens gleichsam als wesentliches Übel des brasilianischen Rundfunks ausgemacht wurde. »Die Frage des Monopols war der Beginn von allem«, lässt sich Joaquim Carvalho von ABRAÇO stellvertretend zitieren.

»Während der Militärregierung hatten sich Rede Globo und andere große kommerzielle Netzwerke das Spektrum angeeignet und eine Pasteurisierung der Kommunikation vorgenommen. Kulturelle Vielfalt wurde absorbiert, lokale Rhythmen zerstört.«21

Gerechtfertigt und gefeiert wurde aus dieser Sichtweise heraus anfangs jede Besetzung von Radiofrequenzen, die den status quo praktisch angriffen. Und dieser Angriff artikulierte sich  weniger in differenzierten Inskriptionen, sondern verfolgte pragmatisch eine Strategie der Massifizierung. Zeitlich lässt sich diese Dynamik in einer Periode verorten, die sich von der Diskussion einer neuen Verfassung Mitte der 1980er bis zur Kampagne für ein »Gesetz der Demokratischen Information« (LID) 1994 erstreckt, das eine grundsätzliche Neuordnung der Mediengesetzgebung vorsah.21 Ohne hier die vielfältigen Modifikationen freien Radiomachens einer gesamten Dekade ausführen zu wollen, möchte ich auf zwei zentrale Erfahrungen eingehen, welche die spätere Ausdifferenzierung radialer Inskriptionen stark beeinflusst haben.

(1) Eine erste Erfahrung blitzt im allgemeinen Stolz auf, den alle network builder der »massiven Aneignung der Sendetechnik im Namen der Meinungsfreiheit« ungebrochen huldigen.22 In den einzelnen Erzählungen damals Beteiligter wird deutlich, dass vor allem jene Radioskripte Anerkennung fanden, die von Beginn an auch technische Massifizierungsstrategien umfassten. Während universitäre Einrichtungen und im Besonderen technische Institute teilweise direkt das praktische Wissen zum Bau von Sendetechnik reproduzierten, entwickelten vor allem Gewerkschaften und Parteien eigene Strategien. So ging beispielsweise der heutige Vorsitzende der NGO VIVA RIO, Tião Santos Ende der 1980er für die brasilianische Arbeiterpartei (PT) mit einem mobilen

»Radio auf Sendung, dass sich Rádio Cegonha (Radio Storch) nannte. Das bestand aus einem Sender und einer Antenne mit denen wir unterwegs waren, um für politische Aktivisten Kurse zu geben, im ganzen Land, für alle die lernen wollten, wie man mit einem Radio sendet.«

In São Paulo indes kauften Radiomacher_innen mit dem Erlös eines Festivals im Theater der Katholischen Universität São Paulo (PUC)1989 ein Haus im Stadtteil Barra Funda, in dem fortan fast in Fließbandarbeit Sendetechnik hergestellt wurde. Der Leiter der Operation, Carlos Rocha, der damals auch aktiver Gewerkschafter war, erinnert sich »dass bis 1995 täglich ungefähr fünf Radiosender für den Bundesstaat São Paulo hergestellt wurden«. Erklärtes Ziel war es immer acht fertige Geräte bereit zu haben, falls einer der Gewerkschaftssender von der Polizei geschlossen und das Equipment konfisziert werden würde. Rocha lieferte »an alle Freien Radios«, egal ob Petistas, Evangelikale, Studierende oder Gewerkschafter_in.23 Fakten sollten geschaffen werden, um eine »starke Radiobewegung aufzubauen.« Bis heute ist die Versorgung und der Support von Sendetechnik als ein wichtiges, wenn auch nicht immer sichtbares Handlungsprogramm in den einzelnen Radioskripten angelegt. Die einzige Ausnahme bildet AMARC, auf dessen Sonderstellung später noch einzugehen ist.24

(2) Eine zweite wichtige Erfahrung betrifft die juristische Verteidigung der unabhängigen Radiosender vor der damaligen Regulierungsbehörde DENTEL und der Bundespolizei. Denn die eingangs erwähnte broken-radio-Strategie, die vorsah, für jedes geschlossene Radio zwei neue zu eröffnen, hätte im Rahmen einer reinen Materialschlacht wohl keinen Erfolg gehabt.25 Bedeutend waren vor allem richterliche Entscheidungen, die in direktem Bezug auf Artikel V der brasilianischen Verfassung 1993 erstmals entschieden, »dass Radiomachen ohne Genehmigung keine Straftat mehr darstelle.«26 Von da an häufen sich die einstweiligen Verfügungen (habeus corpus) gegen die Regulierer. Eine gerichtliche Grundsatzentscheidung 1995 dynamisiert erneut den Zuwachs neuer Sender.

»Von 1995 bis 2010 gingen ungefähr 15.000 Radios auf Sendung. Das bedeutete aber auch, dass Equipment im Wert von 100 Millionen Dollar beschlagnahmt wurde. Hunderte zivilgesellschaftliche Organisationen wurden zum Schweigen gebracht, in über mehr als 500 Gerichtsverhandlungen auf Bundesebene wurden fortwährend Menschen kriminalisiert.«

Die schwer zu verifizierenden Zahlenangaben von Carlos Rocha verdeutlichen zumindest eines: der organisatorische Aufwand unabhängigen Radiomachens war hoch und innerhalb der Radiobewegung wuchs der Wunsch, das ausgeübte Recht freier Meinungsäußerung gesetzlich stärker anzuerkennen zu lassen. Da sich nach Aussagen der damals Beteiligten die LID-Reform politisch nicht durchsetzen ließ, verfiel man auf einen Plan, unabhängiges Radiomachen dann eben als medialen Ausnahmefall in das Medienrecht einzuschreiben. Auf einem Treffen 1996 entschieden sich die Vertreter_innen der anwesenden Freien Radio-Ligen mehrheitlich dafür, eine Legalisierung ihres Radiomachens anzustrengen. In Anlehnung an das Konzept Community Radio, dass seit der Gründung des Weltverbands für Community Radios (AMARC) in Kanada 1983 auch in Brasilien zunehmend bekannt wurde, schließen sich die Befürworter_innen zum Brasilianischen Verband der Community Radios (ABRAÇO) zusammen.27

Was dabei genau ein Community Radio ausmachen sollte, fasste das damalige Führungsgremium von ABRAÇO gleich in einem Gesetzesentwurf zusammen. Dieser sei nach Aussagen des damaligen ABRAÇO-Präsidenten Tião Santos

»für die damalige Zeit sehr fortgeschritten gewesen und sah weitreichende Befugnisse für die einzelnen Sender vor. Wir kämpften drei Jahre im Kongress für unseren Entwurf, aber damals waren ungefähr 70 Prozent der Abgeordneten direkt oder indirekt an kommerziellen Radio- und TV-Sendern beteiligt. Deshalb machten wir uns nie Illusionen, dass unsere Gesetzesvorlage tatsächlich unverändert durchgehen würde. Aber es war trotzdem ein wichtiger Beitrag für die Legalisierung, auch wenn das 1998 verabschiedete Gesetz [Lei 9.612/98, N.B] unsere Forderungen nur teilweise aufnahm. Zweifellos war es ein Qualitätssprung, um die Radios aus ihrer Klandestinität und Irregularität zu holen.«28

Diese Auffassung ist keineswegs Konsens. Vielmehr nährt die damalige Aushandlung der Legalisierungsbedingungen und des ComRad-Gesetzes eine anhaltende Kontroverse, die auch die Anerkennungswürdigkeit aktueller Radioinskriptionen berührt. Umstritten ist dabei zunächst, inwiefern die gleichzeitige Ausrufung eines Radiomodells (Community Radio) und seines Repräsentanten (ABRAÇO) unwidersprochen »Ausdruck einer organischen Notwendigkeit der brasilianischen Radiobewegung nach landesweiter Artikulation und Legalisierung« war, wie dies das Gründungsmitglied und heutiger Vorsitzender von ABRAÇO, José Sôter rückblickend darstellt. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln stellen sowohl das RIZOMA-Netzwerk als auch AMARC Brasil diese Behauptung in Frage. RIZOMA verteidigt dabei zunächst die Auffassung, ComRads seien nicht der einzige Ausdruck unabhängigen Radiomachens. Die These einer Art feindlichen Übernahme der Freien Radiobewegung durch Vertreter_innen des ComRad-Gesetzes in den 1980er Jahren ist, wie ich gezeigt habe, zumindest eine reduktionistische, vielleicht auch eine strategisch motivierte Rückschau.29 Dennoch verdeutlicht die Existenz eines Netzwerks Freier Radios das Interesse, unabhängiges Radio außerhalb der ComRad-Klammer zu organisieren, dass sich aus Sicht der Macher_innen in der nach wie vor aktuellen Notwendigkeit einer »radikalen Verteidigung der Meinungsfreiheit«30 legitimiert.

Ähnlich kritisch, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel, bewertet AMARC Brasil die Genese der von ABRAÇO weitgehend mitgetragenen Schaffung des ComRad-Gesetzes. »Wenig transparent« sei die Ausarbeitung der legalen Inskription von Beginn an verlaufen, meint Tais Ladeira, die sich schon zur Zeit ihrer Mitarbeit bei Rádio Revolução in Rio de Janeiro an dem ihrer Meinung nach äußerst exklusiven Aushandlungen und einem zu engen ComRad-Konzept störte.31 »Zu den Treffen mit Regierungsvertretern ging damals nur eine kleine Avantgarde, die keinerlei Repräsentanz besaß, um im Namen der Radiobewegung ein legales Modell auszuhandeln«, dass neben technischen und sozialen Normen auch eine »sehr spezielle Vorstellung von Gemeinschaft« enthielt. Im Unterschied zur ComRad-Inskription von AMARC sah das von ABRAÇO in die Verhandlungen getragene Modell von Beginn an vor, Gemeinden und Gemeinschaften (comunidades) ausschließlich territorial und nicht auch als Interessensgemeinschaft zu definieren. Ein-Radio-pro-Gemeinde lautete die policy, die dann auch im Gesetz verwirklicht wurde. Lediglich bei der anfangs beabsichtigten Signalstärke mussten ComRad-Repräsentant_innen Abstriche machen.32

Dieser und weitere gemachte »Abstrichen« sind ebenfalls anhaltende Themen der aktuellen Debatte. Nicht alle Inskripteure teilen nämlich die Auffassung von  Octavio Pieranti, Leiter der Community-Radio-Abteilung im Kommunikationsministerium (MiniCom), die legale Inskription Lei 9.612/98 sei »der einzige damals politisch möglich gewesene Kompromiss zwischen Regierung, Unternehmern und der Zivilgesellschaft« gewesen.33 Selbst innerhalb von ABRAÇO gibt es heute Akteur_innen, wie das früherer Vorstandsmitglied und heute rechtlichen Berater von ABRAÇO, Joaquim Carvalho, der feststellt »das Gesetz wurde geschaffen, um ComRads nicht existieren zu lassen.« Den angeblichen Vorteil, mit dem Gesetz eine »legale Grauzone« eliminiert zu haben und somit »legalisierte Sender erfolgreicher vor staatlicher Repression zu schützen«, wie Sôter das Lei 9.612/98 verteidigt, habe in der Praxis zu einer

»zunehmenden Verfolgung nicht-genehmigter Sender, […] zu 60.000 Prozessen gegen Menschen, die lediglich ihr Recht auf Kommunikation einforderten« [geführt] und selbst die legalisierten Radios in eine schlimme Lage [gebracht], da es unzumutbare Auflagen beinhaltet«,

kritisiert auch Ladeira.34 Dass ein solches Gesetz überhaupt zustande kommen konnte, verdeutliche »die Naivität der damaligen Bewegung, die für die Demokratisierung der Kommunikation kämpfte«, resümiert Sofia Hammoe von AMARC.

Doch wie naiv waren die damaligen Verhandlungsführer_innen? Befeuert wird die Kritik an ABRAÇO, dem bis heute einflussreichsten Inskripteur unabhängigen Radiomachens in Brasilien, auch von dessen enger historischer Bindung an die PT. Auffällig ist, dass die interviewten, heutigen ABRAÇO-Mitglieder auf diese Beziehung nicht eingehen. Dagegen monieren RIZOMA in ihren Fanzines und Rocha im Interview, die PT habe die Radiobewegung unterwandert, habe beispielsweise die Reisekosten von PT-Mitglieder zu den frühen Radiotreffen gezahlt, und sich so bei den Abstimmungen Mehrheiten gesichert.35 Der damalige ABRAÇO-Präsident Santos befindet rückblickend, die PT sei eben jene Partei gewesen, »die zu dieser Zeit am meisten in eine Demokratisierung der Kommunikation investiert hat. […] Die Radiobewegung hatte ihre Basis zum größten Teil einfach in PT-Aktivisten.« Unabhängig davon, welchen Darstellungen der beteiligten Akteur_innen man im Einzelnen folgen mag, klar ist, dass sowohl die Inskription von ABRAÇO als auch das ComRad-Gesetz in ihrer Anerkennungswürdigkeit innerhalb der Radiobewegung von Beginn an herausgefordert sind. Angesprochen wird einerseits die PT-Bindung als ein hidden transcript des ABRAÇO-Modells, zugleich aber auch die problematische Repräsentativität des legalen Kompromiss, an dem ABRAÇO federführend beteiligt war.

Die hier skizzierte Retrospektive macht deutlich, in welchem historischen Spannungsverhältnis die konkurrierenden Radioinskriptionen in ihren relationalen Selbstbeschreibungen und Abgrenzungen stehen. Allen Divergenzen der network builder vorgelagert, scheint dabei zunächst die geteilte Kritik an einer monopolhaften Medienlandschaft. Ausgehend von dieser Legitimationskrise des Akteur_innennetzwerks Rundfunk, wurden widerständige Radiopraxen gerechtfertigt, getragen von einer massiven Proliferation von Sendetechnik und stabilisiert durch die einstweiligen Verfügungen zugunsten der Medienmachenden. Das damit zunächst grob inskribierte unabhängige Radiomachen definiert sich konzeptuell erst von dem Moment an stärker aus, da das für, wider und wie einer  legalen Anerkennung debattiert wird.

Spannend erscheint mir, dass diese Auseinandersetzung nie abgeschlossen wurde. Bis heute stellt die Aushandlung des ComRad-Gesetzes dem der Monopolisierung des Radios durch gewinnorientierte Akteur_innen ein zweites Krisen-Narrativ bereit, dass nicht länger die allgemeine Legitimation von Rundfunk, sondern das legale Skript unabhängigen Radiomachens betrifft. Zu diesem verhalten sich die radialen network builders deutlich differenzierter als gegenüber dem gemeinsamen Feindbild des kommerziellen Medienmonopols. Und aus der spezifischen Krisenhaftigkeit des Gesetzes 9.612/98 leiten die interviewten Radiomachenden auf zweifache Weise konkurrierende Legitimations-Claims für ihre Skripte ab. Zum einen wird die Beteiligung von network builders, insbesondere ABRAÇO, an einem für unabhängige Radios nachteiligen Gesetz herangezogen, um ausgehend von dieser fehlgeschlagenen historischen Mediation deren Skripte zu delegitimieren. Die Anschuldigungen variieren dabei in ihrer Intensität, unterstellen Naivität bis hin zu einer strategischen Komplizenschaft für eine politische Medienstrategie der PT.36 Zum anderen klingt in den Retrospektiven der Akteur_innen die Frage an, wie sich ein unabhängiges Radioskript im einzelnen gegenüber der legalen Inskription verhalten sollte. Begründet sich die Krise in einem Mangel an Repräsentativität, an punktuellen Versäumnissen oder in einem grundlegenden Konflikt zwischen dem Anspruch legaler Normierung und konstitutioneller und menschenrechtlicher Garantien von Meinungsfreiheit und dem Recht auf Kommunikation? Das folgende Unterkapitel wird diesen Fragen im Rahmen einer Bestandsaufnahme der aktuellen Skripte unabhängigen Radiomachens nun genauer nachgehen.

 

3.2.2 Bestandsaufnahmen

Rekonstruieren lassen sich ausgehend von den radialen Inskriptionen im Groben vier Skripte legitimen Radiomachens. (1) Im ersten Modell tritt legitimes Radiomachen nur als Zustand auf:  Es geht nicht um Legitimierung sondern um Legitimität und diese ist gleichbedeutend mit Legalität. Unabhängiges Radiomachen wird hier verstanden als die gesetzlich normierte und geregelte Organisation eines Community Radios. Octavio Pieranti vom MiniCom stellt dabei nicht in Abrede, dass es auch weiter Modelle geben kann, »die hier in Brasilien jedoch nicht existieren.«37 Weder vor noch neben dem ComRad-Gesetz gibt aus dieser Perspektive in Brasilien ein legitimiertes unabhängiges Radiomachen.

Als Zentrale Legitimationsträger werden das MiniCom und ANATEL eingeschrieben, die per Genehmigung Community Radios erschaffen. Der Community kommt lediglich die Rolle eines Territoriums zu, einer »Lokalität von kleinem Ausmaß«, welche geographisch von der »eingeschränkten Reichweite« des Radiosignals begrenzt wird. Ein ComRad ist verpflichtet, die kommunikativen Bedürfnisse der dort lebenden Bevölkerung zu »bedienen«.38 Da dieses erste legalistische Modell auf radikale Weise alle konkurrierenden Vorschläge zu unabhängigem Radiomachen negiert, kennzeichnet die folgenden Modelle jeweils immer auch eine explizite Kritik dieser Auffassung.

(2) Das zweite Modell wendet sich dabei zunächst gegen die vollständige Substitution aller ComRad-Inskriptionen durch nur ein legales Skript, erkennt jedoch wie auch das Gesetz, die territoriale Formel von ComRad an. Die Inskription von ABRAÇO übt sich dabei in dem Spagat, ihre eigene »aktive Rolle bei der Schaffung des legalen Dispositivs« mit ihrer Kritik an der »rechtlichen Einschränkung der Meinungs- und Kommunikationsfreiheit« zu vermitteln.39 Damit werden die lokale Gemeinschaft und ihre Bedürfnisse zur »sozialen Basis« eines Senders erklärt, die für die Anerkennungswürdigkeit eines ComRads ebenso relevant sei wie das Gesetz. Denn Letzteres sei »gut gemacht, was die soziale Kontrolle des Mediums angeht«, sagt Carvalho, da es die gemeinschaftliche Verwaltung und Offenheit der einzelnen Sender garantiere.

»Mangelhaft sind aber die engen Grenzen die es beschreibt: nur 25 Watt Sendestärke, eine maximal 30 Meter hohe Antenne, ein einziger Kanal40, Frequenzen außerhalb des empfangbaren Bereichs (dial). Die technischen  Normen sind eine Schweinerei, der Rest ist perfekt.«

»Es ist klein aber es ist unseres« erkennt ebenso das FDC das aktuelle ComRad-Gesetz als Teil radialer Legitimation an. Auch wenn es seither dazu diene, »die Repression aufrecht zu halten« und »ein Schlangestehen nach Genehmigungen hervorrief, das bis heute anhält«, wird es dennoch als ein_e entscheidende_r Akteur_in bei der Definition unabhängigen Radiomachens betrachtet. Reformen seien notwendig, eine substantielle Kritik wird aus dieser Sichtweise jedoch vermieden.

(3) Dem widersprechen ComRad-Inskriptionen die sich in einem dritten Modell zusammenfassen lassen. AMARC, aber auch ABRAÇO São Paulo lehnen aus unterschiedlichen Gründen sowohl das territoriale Modell als auch das bestehende Gesetz gab. AMARC kritisiert seinerseits, dass ein ComRad nicht ausschließlich räumlich definiert werden könne, denn es gäbe »viele unterschiedliche Formen community zu denken und zu leben« und diese müssten auch berücksichtigt werden. Deshalb sei »ein ComRad auch viel besser anhand seiner politischen Mission, seiner Verwaltung, Selbstorganisation und Kommunikation« zu definieren. Die wichtigsten konzeptuellen Bausteine dabei seien: »Meinungsfreiheit, Recht auf Kommunikation und Pluralismus.«41 Dennoch wird dem nationalstaatlichen Recht grundsätzlich ein legitimierender Beitrag zugestanden, nicht jedoch in seiner bisherigen Form. »ComRads sind kein Spezialfall und müssen im Gesetz wie auch alle übrigen Verkehrsteilnehmer_innen [im elektromagnetischen Spektrum, N.B.] behandelt werden.« Die aktuellen Mediengesetze formulierten unterschiedliche Standards, eine wenig legitime Praxis, die deshalb auch für die Anerkennungswürdigkeit der ComRads wenig verbindlich ist.42

Entgegen der nationalen Vertretung seines Verbandes, findet auch Jerry de Oliveira von ABRAÇO São Paulo die legale Ungleichbehandlung problematisch: »Denn in Brasilien gilt leider: deinen Freunden alles, deinen Feinden das Gesetz.« Das Gesetz versteht er dabei als wichtiges Instrument, um Richtlinien einer sozialen Kontrolle zu formulieren, nicht jedoch als einzig verbindliches Kriterium der Legitimation, »denn nicht ein Zettel mit einem Regierungsstempel an der Wand entscheidet darüber, was ein ComRad ist und was nicht, sondern die von der gesamten Community organisierte Verwaltung.«43

In Oliveiras Skript klingt dabei erneut ein territoriales Konzept von ComRad an. Ganz klar wird in seinen Ausführungen nicht, ob er derzeit mehr als einen empfangbaren Sender in einem geographischen Territorium propagiert oder nicht. Für ihn löst sich diese Frage auch eher im Rahmen einer radikalen Umverteilung der Frequenzen, denn Oliveira tritt für die Substitution staatlicher und kommerzieller Radios durch ComRads, als »Medien des Sozialismus, die unter vollständiger Kontrolle der Arbeiter sind« ein. ComRads sind ihrem Anspruch nach damit die einzigen legitimen Inskriptionen »öffentlicher Kommunikation« unter weitgehender Selbstverwaltung: »Freiheit sollte die Regel sein, Gesetze die Ausnahme.«44

(4) Letztere Aussage ist auch vereinbar mit dem vierten und letzten hier umrissenen Modell, dass sich als eine Radioinskription im negativen Sinne verstehen lässt.45 Gemeint ist damit die Position von RIZOMA, die bestrebt ist, gerade in der Abwesenheit von Normen das eigentliche Prinzip unabhängigen Radiomachens zu suchen. Ausgehend von dem universellen Rechtsanspruch auf Meinungsfreiheit verfolgten sie ein anderes Projekt als ComRads, sagt Thiago:

»Freies Radiomachen kreist eher um die Sensibilität und das soziale Verhalten als um mediale Inhalte und deren Bewertung. Es geht mehr um die Verwirklichung einer ethischen und ästhetischen Perspektive, als um die Errichtung eines Radiosystems. Bifo [der italienische Medienphilosoph Franco Berardi, N.B.] spricht in einem Text über [Felix] Guattari von postmedialer Sensibilität. Ich glaube Freies Radiomachen kommt dem sehr nahe.«

Gerade in der Unbestimmtheit und Offenheit eines solchen postmedialen Raums sehen freie Radiomachende den idealen Grund für eine vielgestaltige Ausdeutung von Meinungsfreiheit.46  Freies Radiomachen heiße »selbstverwaltet und ohne feste Machtstrukturen ein gemeinsames Entdecken und Experimentieren als nicht-essentialistische Praxis zu organisieren.« Die Legitimation dieser Praxis wird dabei zunächst weder im Bezug auf eine spezifische Community und noch viel weniger gegenüber staatlichen Legitimationsträgern formuliert, denn »unser Prinzip ist die Redefreiheit, Meinungsfreiheit. Und dafür benötigen wir keine Genehmigung. Wir müssen uns nicht von einem Gesetz quadrieren lassen.« Grundsätzlich repräsentiere RIZOMA deshalb keine eigene Inskription noch irgend ein Radio, denn »jedes Kollektiv soll Freies Radio in jedem Moment definieren und redefinieren können.«47

Freies Radio sei deshalb konzeptuell ein »minoritärer Diskurs, der sich praktisch bewusst davon abgrenze, eine Gegenöffentlichkeit oder mediale Gegenhegemonie zu organisieren.« Experimentiert werde lediglich mit unterschiedlichen Formen von Autonomie. Daraus ein Indifferenz oder generelle Ablehnung jeglicher rechtlicher Regulierung des Radiomachens abzuleiten zu wollen, wäre jedoch voreilig. Denn wiederholt beziehen sich Freie Radiomacher_innen positiv auf Artikel V der brasilianischen Verfassung und ebenso auf Artikel 223 der eine Komplementarität  öffentlicher, staatlicher und privater Radios vorsieht. Teilweise verteidigen Freie Radios diesbezüglich den Anspruch „die öffentlichsten“ weil partizipativsten und offensten Radios Brasiliens zu sein.48 Die radikale Abgrenzung zu den meisten ComRad-Inskriptionen liegt in jedem Fall in der radikalen Kritik des Staates als medialen Legitimationshelfers: »Die freie Kommunikation erkennt die Regierung nicht als alleinige Entität an, um Gesetzte und daran gebundene Regeln als Fundament der Kommunikations-medien zu erstellen.«49

Deutlich wird in den rekonstruierten Modellen, dass die eingeschriebenen medialen Legitimationen variieren, was die Definition eines Gemeinwohls, das Erreichen eines Gemeinwohls und die Rolle spezifischer Legitimationsträger_innen angeht. Bezüglich des Gemeinwohls fällt auf, dass dieses im Fall der Community Radios in Bezug zu einer spezifischen Gemeinde definiert wird. Während das legale Skript diese jedoch als ein universelles Set, lokaler kommunikativer Bedürfnisse definiert, räumen die einzelnen ComRad-Verbände den Gemeinden eine aktivere Rolle ein, diese Bedürfnisse zu definieren.50 Bei Freien Radios wird das Gemeinwohl nicht an einer lokalen bzw. sich als solche beschreibenden Community festgemacht, sondern als Zusammenschluss individueller Rechtsträger_innen betrachtet, die ihr Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung gemeinsam artikulieren. ComRad-Inskriptionen, allen voran AMARC, beschreiben das Gemeinwohl demgegenüber stärker als kollektives »Recht auf Kommunikation«.51 Beide Konzepte sind sich auf der allgemeinen normativen Ebene dennoch relativ ähnlich. Die Unterschiede beider Positionen kommen, wie noch zu zeigen ist, eher bei der Ausdeutungen kommunikativer Akteur_innenrollen und ihrer kommunikativen Ziele zum Tragen.

Dennoch lässt sich bereits hier ein wesentlicher Unterschied erkennen. Während ComRad-Verbände gegenüber dem legalen Bedürfniskatalog alternative Kataloge formulieren, die mehr oder minder stark von den communities operationalisiert werden, beschränkt sich die Inskription Freier Radios ihrem Anspruch nach darauf, einen nicht-hierarchischen, offenen, medialen Raum zu artikulieren. Neben der Selbstorganisation wirft die hierarchiekritische Position jedoch auch die Frage nach alternativen Legitimationsträger_innen auf. Erneut in negativer Annäherung lassen Freie Radios diese Frage offen und sprechen lediglich dem Staat das alleinige Legitimationsmonopol ab. ComRads hingegen, erkennen die zentrale Rolle des Staates bei der Regulierung des Rundfunksystems an. Seine Funktion sei dabei vor allem, das Recht auf Kommunikation zu garantieren. Neben dem Staat werden zugleich auch spezifische Modelle von Gemeinden als Träger von Legitimation postuliert. Ihnen steht zu, von ihrem Recht auf Kommunikation Gebrauch zu machen, während es dem Staat zukommt, dieses Recht zu garantieren und ggf. auch zu regulieren.

Network builder beteiligen sich aktiv an der Formulierung spezifischer Rollen für ein legitimes Radiomachen. Und diese vermittelnde Funktion ist wiederum ein gewichtiger Bestandteil des relationalen Konkurrierens der Radioskripts um Anerkennungswürdigkeit. Die Glaubwürdigkeit der  anderen network builder wurde in allen geführten Interviews in Frage gestellt. Neben den divergierende Normen, werden dafür auch die Arbeitsweise und die Strategien, die andere Akteur_innen nutzen, um ihre Vorstellungen unabhängigen Radiomachens einzuschreiben, herangezogen. Versteckte Agendas, persönliche Bereicherungen, der Aufbau mafiöser und klientelistischer Strukturen aber auch die Unfähigkeit, das eigene Radiomodell zu vermitteln, sind wiederkehrende Narrative der jeweils Anderen.52 Die Frage die dabei stets aufgeworfen wird ist: Kann eine Nachricht (Radioskript) legitim sein, wenn ihrem Boten (network builder) nicht zu trauen ist?

Begleitet werden diese relationalen Abgrenzungen paradoxer Weise auch von wiederholten Aufrufen, stärker zusammenzuarbeiten und historische Differenzen zu überwinden.53 Ist hier also eine weitere Legitmationsstrategie angedeutet, die sich von einer zukünftigen Zusammenarbeit der network builders mehr Anerkennungswürdigkeit und Stabilität für das unabhängige Radiomachen verspricht als die bisher gepflegte gegenseitige Delegitimierung? Könnte nicht die Bejahung von Diversität sowohl auf der Ebene der network builders als auch der Radiomachenden ein stärker mobilisierendes Moment generieren, als der ermüdende Kampf um die Repräsentanz medienpolitischer Modelle und Praxen namens Freies oder Community Radio? Um einer Antwort auf diese Fragen näher zu kommen, werden im folgenden Kapitel die einzelnen Skripte erneut gegeneinander gelesen – und zwar in Bezug auf ihre perspektivischen Vorschläge für eine Veränderung des brasilianischen Rundfunksystems.

 

3.2.3 Perspektiven

»Community Radios sind unentwegt gezwungen politisch zu handeln, sei es gegenüber öffentlichen Institutionen, sei es gegenüber kommerziellen Radios. Sie müssen sich immer aufs neue mit Machtfragen auseinandersetzen. Niemand kann sich dem entziehen, alle sind betroffen.«54

Wie ich gezeigt habe, beschreiben network builders die bestehende Konzeption und Regulierung des Radiomachens als krisenhaft um ihre eigenen medialen Vorstellungen zu legitimieren. Diese wiederum nehmen konkret auf den Ist-Zustand Bezug und beschreiben von diesem ausgehend spezifische theories of change, die perspektivisch die Realisierung ihrer Modelle unabhängigen Radiomachens entfalten, wenn man so will, ihre Machbarkeit verdeutlichen. Erneut lassen sich aus den Antworten der Interviewten vier allgemeine Perspektiven destillieren, welche sich zwischen einem punktuellen Umbau der bisherigen Akteur_innen-Netzwerke und einer radikalen Verwerfung der aktuellen medialen Prämissen aufspannen.

(1) Die erste Perspektive fasst die Notwendigkeit das brasilianische Rundfunksystems zu verändern als ein rein »technisches Problem« auf, das auch technisch gelöst werden kann. »Das Gesetz an sich hat wenig Widersprüche. Diskussionswürdig sind vor allem technische Fragen«, resümiert Carlos Melo von der Regierungsbehörde ANATEL. Veränderungsbedarf bestehe vor allem bei der alltäglichen Umsetzung des ComRad-Gesetzes 9.612/98. Doch während ANATEL beispielsweise für den langwierigen Genehmigungsprozess einzelner ComRad-Sender (die entsprechend des legalistischen Blicks ja erst auf diese Weise ein ComRad bilden) vor allem den Antragsteller_innen die Schuld gibt, sehen Octavio Pieranti und seine Mitarbeiter_innen im MiniCom auch Bedarf, das legale Skript zu reformieren.49

»Der Genehmigungsprozess hat sich seit der Einführung des Gesetzes immer wieder verändert, die Wartezeiten bei der Antragstellungen sind inzwischen kürzer als früher. Heute geht es vor allem darum, die gleichzeitige Bearbeitung der eingereichten Dokumente voranzutreiben und verbindliche Fristen für amtliche Bearbeitungsprozesse einzuführen, da einzelne Akteur_innen wie die Bundespolizei die Genehmigung unendlich hinauszögern können.«50

Diese sogenannte »agilização« findet ihren konkretesten Ausdruck in einem 2011 auf den Weg gebrachten Genehmigungsplan (PNORC).51 Dieser sieht eine »Universalisierung« der staatlichen Interpretation radialer Meinungsfreiheit in Form von ComRads vor, d.h. jede brasilianische community sollte bis Ende 2012 »mindestens einen Sender« erhalten. Als community werden hier die kleinsten territorialen politischen Verwaltungszonen herangezogen, nämlich die 5.565 brasilianischen Kommunen (municípios).52 Eine Vielzahl von Verfahrensänderungen soll garantieren, dass die bestehenden 4.200 Genehmigungen erneut um die Hälfte wachsen. Doch der technical fix hat (abgesehen von der dem problematischen Anspruch der alleinigen Repräsentativität der legalen Inskription) ein entscheidendes Problem: Selbst eine vollständige Realisierung dieses rechtlichen Anspruchs würde nicht ausreichen, damit alle der mehr als 20.000 brasilianischen Sender, die sich selbst als ComRads bezeichnen ein Genehmigung bekommen. Doch solcherlei weiterführende Kritik an der legalen Inskription läge außerhalb der Befugnisse des MiniComs und der Regulierungsbehörde, sagt Vanessa Gomes von ANATEL: »Alle weiterführenden Modifikationen der Rundfunkdefinition müssen auf Verfassungsebene erfolgen und können nicht von Institutionen der Exekutive ausgehen.«

(2) Dieser Vorstellung steht eine zweite Perspektive entgegen, die vor allem der Position von ABRAÇO entspricht. Ausgehend von dem bereits bestehenden Verfassungsartikel 223, drängt die Organisation zunächst auf eine Anerkennung der ComRads als öffentliche Radios.53 Besonders ist an der Perspektive von ABRAÇO, dass sie der Forderung nach einem »Ende der Ein-Kanal-Politik« zugleich eine Festschreibung von exakt drei ComRads pro Gemeinde zur Seite stellt.54 Diese starre Formel erklärt sich daraus, dass ABRAÇO demokratisches Radiomachen, primär als gesellschaftlichen Aushandlungsprozess innerhalb eines ComRads einschreibt. Drei Sender sollen deshalb lediglich die Abdeckung des Sendegebiets gewährleisten und statt um Hörer_innen zu streiten »miteinander ein lokales Netzwerk aufbauen.« Was in diesen Radios läuft, solle künftig ein Bürger_innenrat (conselho de cidadãs)55 entscheiden.

Hier klingt bereits eine Verschiebung des Legitimationsträgers in Richtung der communities an. Darüber hinaus ist ABRAÇO jedoch auch an einer Modifikation des legalen Skripts auf föderaler Ebene interessiert, genauer gesagt an der Gründung einer spezifischen Ministerialabteilung für ComRads (Subsecretária de Rádios Comunitárias).56 Legitimiert sei dieses Organ jedoch nur dann, »wenn es mit Leuten besetzt wird, die die Bewegung kennen, sich damit identifizieren und die Genehmigungsprozesse vereinfachen.« Die Perspektive von ABRAÇO sieht also eine weitreichende Reform des bestehenden Gesetzes, entsprechend der eigenen Inskription vor. Gefordert wird hier, aus dem Verständnis heraus der/die einzige legitime Repräsentant_in der ComRads zu sein, eine Angleichung der legalen Inskription an ihre eigenen institutionellen Änderungsvorschläge, die bereits als allgemeiner legitimer Konsens verstanden werden. »Die Gesetzgebung muss schließlich immer Ausdruck des gesellschaftlichen Willens sein.«56

(3) Da weder das Gesetz noch die Perspektive ABRAÇOs erschöpfend den gesellschaftlichen Willen repräsentiere, schlägt AMARC in einer dritten Perspektive als künftige Grundlage des ComRad-Machens vor, »zunächst ein neues allgemeines soziales Gesetz für elektronischen Medien auszuhandeln.« Nur eine solche Sichtweise würde es ermöglichen, die Inskription von AMARC, die ja als ein nicht-territoriales Modell angelegt ist, auch in Brasilien zur Entfaltung zu bringen. Dabei wird ebenfalls auf Artikel 223 der brasilianischen Verfassung Bezug genommen und die dort verankerte Komplementarität staatlicher, öffentlicher und privater Radios an eine drittelparitätische Aufteilung des elektromagnetischen Spektrums gekoppelt.57 Potentiell gäbe es dann viel mehr Raum für ComRads, in dem sich einzelne Gruppen, die ihrem Verständnis nach eine Community bilden, einschreiben könnten. Die nationale Repräsentantin des brasilianischen Frauennetzwerks von AMARC, Denise Viola illustriert diese Forderung so:

»Eine community ist oft nicht geographisch geprägt. Eine Frauen-community, wie soll die allgemein geographisch fassbar sein? Sie passt in kein Raster. Eine strikte Begrenzung von communities im Vorfeld hat keinen Sinn. Jede Restriktion muss Ausdruck eines spezifischen Konsens sein.«

Damit öffnet AMARC perspektivisch der Idee radialer Selbstregulierung die Tür. Mittelfristig sieht diese zunächst eine Aufwertung der municípios als lokale Regulierungsinstanzen vor, die eine »Umverteilung der verfügbaren Frequenzen zugunsten der ComRads« vornehmen könnten. Zugleich sollte anstatt einer neuen Ministerialabteilung ein »Rat sozialer Kommunikation« (conselho de comunicação social) geschaffen werden, der erneut »paritätisch mit Vertreter_innen staatlicher, privater und zivilgesellschaftlicher Medien« besetzt werden sollte. Damit wird die zentrale Rolle staatlicher Legitimationshelfer_innen relativiert, bleibt jedoch immanenter Bestandteil der Inskription. Langfristig sympathisieren viele Vertreter_innen von AMARC mit einem weiterführenden Zurückdrängen staatlicher Legitimationsträger_innen, das aber »aus strategischen Gründen noch kein Thema« sei. Die weitere Modifikation der ComRad-Inskription müsse dennoch an einer »Selbstorganisation der Kommunikation ohne Staat, im Sinne einer wirklich öffentlichen Kommunikation« orientiert sein.58

(4) Dass eine solche Selbstorganisation nicht nur kurzfristig sondern schon immer möglich gewesen sei, darin lässt sich der Ausgangspunkt der vierten hier beschriebene Position festmachen.

»Das elektromagnetische Spektrum ist eine natürliche Ressource, deren kontrollierte soziale Nutzung auch ohne staatliche Vermittlung möglich ist. Grundlage dessen wäre eine allseitige Vermeidung von Interferenzen und der Respekt unterschiedlicher Interessen.«

Wie ein solcher Konsens im Einzelnen auszuhandeln sei, könne nicht vorab beantwortet werden, auch nicht als drittelparitätische Aufteilung der Frequenzen. Es sollte lediglich darauf geachtet werden, dass die gesellschaftliche Nutzung der Radiowellen an einer öffentlichen und freien Kommunikation im Zentrum stehe und nicht wie bisher kommerzielle Ziele.59

Erneut wird deutlich, dass RIZOMA Deregulierung nicht mit Regellosigkeit gleichsetzt, sondern vielmehr, an einer konsensuellen Neubestimmung legitimen Radiomachens interessiert ist. Dafür werden auch konkrete Vorschläge angeführt, wie beispielsweise »Radios künftig auf lokaler Ebene im Rahmen von Umwelt- und technischen Machbarkeitsstudien« (relatórios técnicos e de impacto ambiental) zu regulieren.60 Um solche Ideen zu verwirklichen, sei keine universelle Neuordnung der brasilianischen Radiolandschaft notwendig. Experimentell lasse sich die Selbstregulierung bereits heute in einem von Lizenzierungen und Genehmigungen befreiten Stück des elektromagnetischen Spektrums erproben.

»Wie reden hier von einer Art freiem Spektrum, verwaltet im Rahmen einiger, von den Nutzer_innen geteilten Grundprinzipien, wie zum Beispiel mit niedriger Frequenz, unter Vermeidung von Interferenzen, ohne Gewinnabsichten und ohne religiösen oder politischen Missionierungseifer (proselitismo) zu arbeiten.«61

Ganz neu sind Teile dieser Grundprinzipien indes nicht, sie werden von den meisten Radioverbänden geteilt und stehen in ähnlicher Form sogar im ComRad-Gesetz. Neu ist dagegen, diese Prinzipien unterschiedslos und symmetrisch für alle Kommunikationsakte im elektromagnetischen Spektrum, oder anfangs zumindest einem Stück davon zu veranschlagen. Auch die hier anklingende territoriale Eingrenzung wird an die kommunikativen Akteur_innen, die Medienmachenden selbst, weitergegeben. Communities sind dadurch anteilig immer auch geographisch dimensioniert, vermieden wird jedoch eine definitorische Gleichsetzung von einem Ort und einer community. Denn beide Vorstellungen sind dynamisch, Effekte und nicht Grundlage der gemeinsamen Konsensfindung. Gelingt letztere wird der staatliche Schiedsrichter bei der Legitimation von Medien überflüssig, denn »Meinungsfreiheit braucht keine Regierung.«62

Zusammenfassend lässt sich zu den radialen Perspektiven sagen, dass die erwünschten Modifikationen mit Ausnahme der legalen Inskription Lei 9.612/98 ihre Berechtigung allesamt von einer veranschlagten Legitimationskrise aus entfalten. Die erwünschten legalen »Korrekturen« im Verhältnis zu den eigenen radialen Inskriptionen werden dabei argumentativ jedoch sehr unterschiedlich akzentuiert. Die Position von ABRAÇO läuft auf institutionelle Reformen und Veränderungen einzelner Normen und Regeln hinaus, um sie mit der eigenen Inskription kompatibel zu machen. AMARC strebt dagegen eine Öffnung der bisherigen Vorstellung von ComRad und dessen Aufwertung als öffentliche Radios an. Letzteres wird dabei als eine von drei gleichberechtigten Sphären im Spektrum und einer davon abstrahierten geteilten Administration gesehen, wobei die radialen Vertreter_innen in den einzelnen Sphären darüber entscheiden, wie – in diesem konkreten Fall – ComRads im einzelnen organisiert werden sollten. RIZOMA schließlich proklamiert demgegenüber die Aufgabe eines einheitlichen Modells der Spektrumsverwaltung und eine experimentelle Annäherung an eine Selbstverwaltung ohne staatliche Vermittlungsleistung.

Insgesamt lässt die Betrachtung der unterschiedlichen Positionen der network builder den Schluss zu, dass unabhängiges Radiomachen auf allen drei konstruierten Abstraktionsebenen (Retrospektive, Bestandsaufnahme, Perspektive) legitimiert wird. Deutlich wird, dass die anerkannte Stabilisierung von medialen Modellen sich keineswegs auf eine technische Regulierungsfrage reduzieren lässt. Denn selbst jene network builder, die auf technische und punktuelle Lösungen insistieren, beteiligen sich zugleich an weiterführenden konzeptuellen Debatten. Selbst der Versuch, allein ein legales Skript als gültige Definition zuzulassen, ist schließlich keine neutrale Verteidigung technischer Normen, strotzt das Gesetz (Lei 9.612/98) doch vor nicht-technischen Normen und Definitionen.

Ebenfalls deutlich wurde in diesem Unterkapitel, wie stark die einzelnen Prämissen der network builder an eine relationale Aushandlung gekoppelt sind. Die Begriffe Freies Radios und Community Radio wurden nicht in Brasilien »erfunden«. Vielmehr zeigt sich eine spezifische situative Aneignung und Umdeutung und zwar nicht nur in historischer Perspektive, sondern auch in den aktuellen Kritiken und Zielstellungen. Davon betroffen sind nicht nur die bereits dargelegten Modifikationen von staatlichen Institutionen als (selbsternannte) zentrale Legitmationshelfer_innen, sondern auch die Rolle der Inskripteur_innen selbst. Einmal wird dabei der Anspruch laut, als Repräsentant_in direkt in einer Ministerialabteilung Aufgaben wahrzunehmen (in dem von ABRAÇO geforderten Subsekretariat), ein andermal empfehlen sich die network builder als Delegierte in einem Bürger_innenrat (AMARC), mal beschränken sie sich darauf, Stimme einer lokalen Konsensfindung zu sein (RIZOMA), die nicht nur an Menschen, sondern auch auch am störungsfreien Miteinander von Antennen und hybriden Umweltgrößen orientiert ist.64

Diese selbstreferentiellen Verortungen sind wichtig, da sie, wie die folgenden Kapitel zeigen werden, die weitere detailliert Zusammensetzung der Inskriptionen maßgeblich beeinflussen. Es ist spannend, jeweils mitzudenken, in welches Verhältnis sich die network builder bei der Montage, Mediation und Mobilisierung der unabhängigen Radios setzen. Wo fordern sie selbst eine wichtige Stellung ein, wo überlassen sie den unabhängigen Radios bestimmte Aufgaben und einen Spielraum, um ihre Legitimation mitzugestalten?

 

3.3 Montagen

Von A wie Antenne bis Z wie Zumbi,65 – die Zahl der am unabhängigen Radiomachen beteiligten Akteur_innen nähert sich dem Unendlichen. Die folgende Betrachtung zieht ihre analytischen Grenzen deshalb im Rahmen folgender Fragestellung: Welche unterschiedlichen Akteur_innen sind an der Konstruktion medialer Legitimation beteiligt? Bei der Beantwortung dieser Frage unterscheide ich analytisch zwischen all jenen Akteur_innen, die unmittelbar an der Signalerzeugung (3.3.1) beteiligt sind und solchen, die als wichtige Akteur_innen für weiterführende soziale Vermittlungen benannt werden (3.3.2).66 Dabei geht es auch darum, die einzelnen Grenzziehungen zu reflektieren und deutlich zu machen, wo diese unscharf werden,  Montagen unvollendet oder ambivalent bleiben. Denn dort deutet sich gegenüber konkreten Anleitungen (3.3.3), wie wir sehen werden, auch ein interessanter legitimatorischer Handlungsspielraum für die alltägliche Praxis der einzelnen Radiokollektive an.

 

3.3.1 Signalerzeugung – komplizierte Beziehungen

Über die bisher sehr allgemeinen Positionierungen unabhängigen Radiomachens hinaus, machen die einzelnen Inskriptionen ihre normativen Prämissen an spezifischen Akteur_innen fest, die direkt an der Signalerzeugung beteiligt sind. Erneut formuliert dabei das ComRad-Gesetz 9.612/98 spezifische, zu erfüllende Rollenanforderungen, sowohl an menschliche, nicht-menschliche oder auch hybride Akteur_innen. Erneut bemühen sich aber auch die weiteren network builders darum, sich in ihrer Legitimation nicht auf diese legalen Vorgaben festlegen zu lassen. Wie im Folgenden deutlich werden wird, nehmen sie selbst eine differenzierte Ordnung der medialen Entitäten vor.

 

3.3.1.1 Menschliche Akteur_innen

Im brasilianischen ComRad-Gesetz wird die Legitimität eines einzelnen Radios daran festgemacht, dass dieses von einem eingetragenen Verein oder einer Stiftung mit eine_r Präsident_in organisiert wird. Dies_r, wie auch die leitenden Mitarbeiter_innen (dirigentes), muss volljährig, geborene_r oder eingebürgerte_r Brasilianer_in sein und einen Wohnsitz innerhalb des Sendegebiets haben. Ausgedrückt werden hier zunächst eher die formalrechtlichen Auflagen und die Haftbarkeit eines Radios innerhalb eines geographisch eingegrenzten Raums beziehungsweise einer hierarchischen Ordnung, wobei deren situative Aushandlung vom Gesetzestext nicht näher berührt wird. Gefordert wird lediglich, »dem Gesetz treu [zu]sein.«67 Eingeschrieben wird eine organisatorische Hierarchie, wer dagegen im Einzelnen an der Signalerzeugung mitwirken soll, bleibt offen.

ABRAÇO, die diesen Ausdruck gesetzlich verankerter sozialer Kontrolle grundsätzlich unterstützen, kritisiert jedoch, dass eine solche »Professionalisierung« der ComRads nicht als eine »Unterscheidung von Bürokraten gegenüber weiteren Radiomachenden« missverstanden werden dürfe. Die dirigentes eines Senders müssten zugleich als allseitig geschulte Radiomachende mitwirken:

»Ein Radiomacher (radialista) muss plural sein. Er muss Vorsitzender, Telefonist, Moderator, Kontaktmann der Bevölkerung, Techniker, Produzent oder politischer Repräsentant der Gemeinde sein. Er muss alles machen können und dafür auch aus ausgebildet werden, um im Namen der Bewegung ein Radio leiten zu können.«68

In dieser arbeitsteiligen Vision des Radiomachens wird also einerseits den Leitenden explizit abverlangt, ein Signal erzeugen zu können. Zugleich werden alle, die ein Signal erzeugen dazu aufgefordert ihre Handlungsprogramme »im Namen der Bewegung« auszuführen. Damit ist ein Forderung nach Legitimierung formuliert, mit der ABRAÇO zugleich die sich selbst zugeschriebene Rolle als einzige_n anerkennungswürdige_n Repräsentant_in unabhängigen Radiomachens stärkt.69

AMARC hingegen verzichtet auf diese reziproke Rückkopplung. Während der arbeitsteilige Blick von ABRAÇO weitestgehend geteilt wird70, kritisiert die Inskription die vom Gesetz geforderte (und von ABRAÇO affirmierte) Vereins- oder Stiftungsstruktur als zu enges formal-rechtliches Kriterium, denn: »[M]enschen solidarisieren sich auf sehr viel komplexere Weise miteinander. Für ihre Organisation spielen anarchistische, ethnische, gender-spezifische oder ganz kontemporäre Prinzipien eine große Rolle.«

In seiner Inskription wird AMARC dieser Komplexität vor allem im Punkt der Geschlechtergleichheit gerecht. Die meisten ComRads in Brasilien würden von Männern geleitet und die Vorstellung dass sich dort kein Machismus reproduziere sei schlichtweg eine Illusion.71 Deshalb müssen laut AMARC die menschlichen Akteur_innenrollen in ComRads immer auch geschlechtsspezifisch reflektiert werden. Gefordert wird, das gesetzliche Gebot der »Nichtdiskriminierung« zu operationalisieren und die Benachteiligung von Frauen beim alltäglichen Radiomachen zu bekämpfen. Das selbstorganisierte Frauennetzwerk, auf dass ich später noch näher eingehen werde, stellt dabei eine wichtige Akteurin der ComRad-Inskription dar.72

Dass sich RIZOMA explizit nicht auf eine positive Diskriminierung einlässt, kann erneut aus ihrer negativen Medieninskription ableitet werden, welche auch Fragen wie Geschlechtergleichheit zunächst an die Machenden weitergibt. Zudem teilen sie zwar die Ansicht von ABRAÇO, »dass die einzelnen Programmverantwortlichen, potentiell alles können sollen.« Dieses alles zerfällt jedoch nicht in professionelle Rollenbilder. Stattdessen bleibt es »jedem einzelnen überlassen was er lernen will – auch wenn alle ein bisschen was wissen sollten.«73

Auch die Inskription des ABRAÇO-Ablegers im Bundesstaat São Paulo greift die hier anklingende Ablehnung einer Professionalisierung unabhängiger Radios ein Stück weit auf. Eine anfängliche Arbeitsteilung zwischen »populären Kommunikatoren« auf der einen Seite, »die keine Ausbildung wie Journalisten haben und Teil der Gemeinschaft sind« und einem »Team von Spezialisten«, welche erstere professionell bei der Produktion unterstützen könnten, sei jedoch aus pragmatischen Gründen zu rechtfertigen.74 Diese Rollenteilung wirft jedoch nicht nur für dieses Modell die spannende Frage auf, inwiefern hier bereits erneut dauerhaft-subtile Hierarchien eingeschrieben werden. Auch in den Inskriptionen Freie Radios gibt es Hinweise darauf, dass die Mitarbeit von »Profis« ein Stück weit akzeptieren und benötigt wird, zum Beispiel beim Bau und der Distribution von Sendetechnik, wo es nicht mehr ausreicht, das alle »ein bisschen was wissen«.

Mit den Beschaffer_innen und Konstrukteur_innen von Sendetechnik ist eine nicht immer sichtbare Akteur_innenrolle angesprochen. ABRAÇO und AMARC reflektieren sie in ihren Inskriptionen an keiner Stelle, obwohl die Bereitstellung von Sendetechnik für die Signalerzeugung unerlässlich ist. Bei RIZOMA, VIVA RIO und auch FDC wird diese_r Akteur_in dagegen als jemand beschrieben, der/die die Radios dabei unterstützt, ein kontinuierliches Medienmachen zu gewährleisten, beziehungsweise zu seiner Reproduktion oder Verbreitung beiträgt. 75 Zugleich helfe ihre Qualitätsarbeit dabei Konflikte zu vermeiden, da bspw. ein schlecht kalibrierter Sender Störungen verursachen und unnötig die Aufmerksamkeit der Regulierungsbehörde provozieren könnte.

Während die letztgenannten Radioverbände also spezifische Anforderungen für die legitime Beteiligung dieser Akteur_innen am Radiomachen formulieren, klafft in den Deskription von AMARC eine Lücke. Ob diese von einem hidden transcript oder von den Radiomachenden selbst gefüllt wird, lässt sich an dieser Stelle nicht beantworten. Lediglich eine Vermutung kann formuliert werden. Da die Bereitstellung von Sendetechnik in diametralem Widerspruch zur legalen Inskription unabhängigen Radiomachens (und oftmals auch ihren spezifischen technischen Normen) steht, bildet sie ein zentrales Moment, um ihre Illegalisierungen zu rechtfertigen. Ihr Verunsichtbarung in den Inskriptionen könnte deshalb einen Versuch darstellen, das beschriebene Radiomachen nicht unnötig für legalistische Kritiken zu exponieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in den einzelnen Inskriptionen eine Umdeutung und Ergänzung gesetzlich vorgegebener Rollen stattfindet. Vor allem bezüglich der demokratischen Organisationsformen, der Geschlechtergleichheit und der Beschaffung der Sendetechnik werden konzeptuell und relational unterschiedliche Akzente gesetzt.76 Eine strategische Antwort auf die problematische Legitimierung von Bereitsteller_innen der Sendetechnik in nicht-genehmigten ComRads scheinen ABRAÇO und AMARC darin zu sehen, die Rolle der Technikfabrikant_innen auszublenden, während vor allem RIZOMA sie als professionelle Unterstützer_innen bei der Ausübung des Rechts auf Meinungsfreiheit öffentlich einbezieht.77 Wenn dem so ist, dann müsste sich diese Strategie auch in Bezug auf die konzeptuelle Sensibilität widerspiegeln, mit der nichtmenschliche Akteur_innen in die einzelnen Radiomodelle eingebunden werden.

 

3.3.1.2 Nicht-menschliche Akteur_innen

Im brasilianischen ComRad-Gesetz werden die wichtigsten materiellen non-humans bereits im ersten Paragraphen in ihrer legalen Erscheinungsform definiert, und zwar als Vermittler_innen einer »niedrigen Sendestärke«. Nur Sendegeräte mit einer Leistung von »maximal 25 Watt« und »einem Ausstrahlungssystem nicht höher als 30 Meter« sind zugelassen. Zugleich ist in das Gesetz eingeschrieben, dass allein die Regulierungsbehörde ANATEL nicht-menschlichen Akteur_innen in ihrer Anwesenheit autorisieren darf.78 Die Signalerzeugung unter Beteiligung nicht-genehmigter Entitäten subsummiert Vanessa Gomes von ANATEL deshalb als »Piraterie«. Im Internet würde neben raubkopierter Musik und Filmen auch Radioequipment völlig unkontrolliert verbreitet. »Die Leichtigkeit für 1.000 bis 2.000 Reales Equipment zu bekommen und die personellen Grenzen von ANATEL, machen eine Überwachung unmöglich.«

In dieser Sichtweise wird deutlich, dass die pauschalisierende Wahrnehmung aller nicht-genehmigten Sender als Piratensender auch auf deren nicht-menschlichen Entitäten ausgedehnt wird. Und, ohne dass es dafür einen gesetzlichen Anhaltspunkt gäbe, wird der Bau und Handel von Sendetechnik unbegründet illegalisiert, denn kein Gesetz verbietet dies explizit. Auch die Frage, ob ihr nicht-genehmigter Einsatz pauschal als Straftat zu bewerten ist, bleibt wie bereits erwähnt, auf juristischer Ebene umstritten. Die von ANATEL gezogene Analogie zwischen Verstößen gegen Urheberrechte und dem Handel nicht-genehmigter radialer non-humans legt die Vermutung nahe, dass hier bewusst eine Delegitimierungsstrategie formuliert wird. Denn argumentativ ist die »Piraterie«-Analogie wenig schlüssig.

Doch weder AMARC noch ABRAÇO verteidigen nicht-menschliche Radiogrößen in ihren Inskriptionen vor solchen Beschuldigungen. Sie insistieren in ihren Legitimationsstrategien eher darauf, dass »Menschen Radio machen und nicht die Technik.« Kritisiert wird zwar die starre Normierung der nicht-menschlichen Akteur_innen im ComRad-Gesetz, aber vor allem deshalb, »weil damit die Arbeit unabhängiger Radiomachender einschränkt wird.«79 Erwähnt werden Antennen und Sendegeräte als Notwendigkeit, die in ihrer Relation zu den menschlichen Akteur_innen jedoch nicht weiter expliziert werden. Wenn überhaupt, wird darauf verwiesen, durch Schulungen und Handreichungen die demokratische Nutzung der Studiotechnik wie »Mischpult, Computer und Mikrofon« zu gewährleisten.80 Angesprochen werden also drei für die Signalerzeugung explizit nicht-genehmigungspflichtige Entitäten.

Dem gegenüber orientiert sich die Position von RIZOMA an der vollständigen, für die Signalerzeugung notwendigen Audiokette. So zum Beispiel, wenn darüber nachgedacht wird, welches die kleinste notwendige Menge nicht-menschlischen Akteur_innen sei, um Radio zu machen:

»Die drei wichtigsten Sachen sind der Sender, das Kabel zwischen Sender und Antenne und die Antenne. Das ist die Grundlage, das macht die Existenz oder Nichtexistenz eines Radios aus. Ein Radio ist ein Radio das ein Signal sendet, sonst ist es keins.«81

Diese Feststellung drückt mehr aus, als eine naive Faszination für materielle Sendetechnik, sie steht auch in direkter Kontinuität zur massiven Produktion von Sendern und Antennen, welche das bereits erwähnte historische Moment einer Besetzung des Spektrums zum Ziel hatte (vgl. 3.2.1). Vor allem wird reflektiert, wie einfach oder schwierig es für Radios in Städten oder dem Landesinneren (interior) ist, bestimmte nicht-menschliche Größen zu mobilisieren und zu stabilisieren. Deshalb versuche man so weit als möglich mit »Technik Marke Eigenbau« (caseira) zu arbeiten und keine komplizierte Technik zu verwenden. Gerade damit werde auch die Kontinuität eines Radios gewährleistet: »die Sendetechnik darf nicht zu teuer sein und muss auch von einer kleinen Gruppe bedient und verwaltet werden können«82 – denn sollte die Regulierungsbehörde alles konfiszieren, muss das Radio möglichst schnell wieder auf Sendung gehen können.

In ähnlicher Weise argumentiert auch ABRAÇO São Paulo, wenn es fordert, »dass man bei Entwicklung von Sendemodellen für die städtischen Peripherien den Materialkostenpreis von Anfang an mitdenken« müsse. Für kleine Radiokollektive sei das von ANATEL genehmigte Paket der Sendetechnik für 5.000 Reales einfach zu teuer. Damit relativiert sich die legale Anerkennungswürdigkeit pragmatisch im Anspruch zunächst einmal senden zu können. Die sozio-ökonomische Situation eines ComRads beeinflusst und legitimiert demnach auch die Anwesenheit spezifischer non-humans.83

Über die Auseinandersetzung mit legal vorgeschriebenen nicht-menschlichen Medien-bestandteilen und möglichen Alternativen, werden in den einzelnen Inskriptionen weitere komplizierte Entitäten mobilisiert, von denen ich im Folgenden drei genauer betrachten möchte. Computer, (freie) Software und Internet beeinflussen die Anwesenheit im Spektrum und haben damit, wie ich zeigen möchte, direkten Einfluss auf die konkurrierenden radialen Legitimationen.

(1) Ein_e erste_r Akteur_in, die/der laut übereinstimmender Meinungen der einzelnen Inskripteur_innen immer wichtiger wird, ist der Computer. Bei der Signalerzeugung ist er in den meisten Studios heute fester Bestandteil der Audioketten. Auf seinen Festplatten lässt sich beispielsweise Musik speichern und dann mit spezifischen Programmen abspielen, er bietet die Möglichkeit auf Datennetzwerke Zugriff zu nehmen und diese auf unterschiedliche Weise in die Sendungen einzubeziehen (z.B. die Retransmision eines »webradios« aus dem Internet) und er ermöglicht das digitale Schneiden von Audios. »Der Computer ist im Radio heute die wohl wichtigste Schnittstelle crossmedialer Kommunikation. In ihm finden gedruckte Medien, Rundfunk und Fernsehen zueinander«, beschreibt Carlos Rocha vom FDC deshalb die zentrale Größe seiner Inskription interaktiven Radiomachens.84

Neben der allgemeinen Wertschätzung von Computern beim Radiomachen wird besonders seine Fähigkeit betont, andere Akteur_innen zeitweilig vertreten oder auch längerfristig ersetzen zu können.85 Wenn gerade keine Menschen anwesend sind, um in ein angeschlossenes Mikrophon zu sprechen, kann ein Computer diese auf unterschiedliche Art und Weise vertreten. Die ComRad-Verbände erwähnen dabei vor allem sogenannte Automatisatoren, eine Art spezielle Wiedergabelisten für digitale Audioformate.86 Sie unterstützen die Kontinuität des Sendens und damit auch seine Anerkennungswürdigkeit.

RIZOMA hält die Bedeutung von Automatisatoren für die Inskription Freien Radiomachens dagegen für gering, »denn in Freien Sendern gibt es nicht so einen programmatischen Blick auf das Radiomachen. Eine einfache Playlist reicht aus.« Die Arbeit mit Automatisatoren sei nicht gekoppelt an ein freies sich Ausdrücken, schränke ästhetisch zu sehr ein und würde zudem die Herausbildung von Hierarchien und Expert_innennrollen im Radio begünstigen. »Denn oft sind diese Programme nicht so leicht zu installieren und zu bedienen. Es gibt für uns andere Prioritäten.«86 Diese definiert auch RIZOMA anteilig ebenfalls über den Einsatz von Computern. Die Legitimation ist dabei jedoch nicht an der Erfüllung kontinuierlichen Sendens orientiert, sondern an der Mobilisierung einer spezifischen Gruppe von non-humans: Freier Software (software livre). Denn »Konzepte wie Interaktivität, Konvergenz oder auch digitale Inklusion machen keinen Sinn, solange nicht auch die Verwendung Freier Software angesprochen wird.«87

(2) Ohne hier im Detail auf die Unterschiede zwischen open source und free software zu einzugehen, verbindet RIZOMA seine Radioinskription mit einem bestimmten Konzept von Software.88 Der Computer zerfällt in heterogene Hardware-Ensembles und einen Typ Software, der potentiell jene Zwänge vermeiden sollte, die in kommerziellen Programmen angelegt sind. Damit ist vor allem die »Warenform« von Lizenzsoftware angesprochen, die in ihrer Zirkulation, Verwendung und Modifikation urheberrechtlichen Einschränkungen unterliegt. Als unabhängiges Radio Geld für die Anwesenheit dieser kapitalistischen non-humans auszugeben » ist unnötig und politisch nicht zu rechtfertigen.«89 Deshalb beschreibt RIZOMA Freie Radios als Orte, die selbst Software herstellen oder mit Entwickler_innen kooperieren. Darüber hinaus sollen sie allen beteiligten menschlichen Akteur_innen die Softwarenutzung erleichtern, »denn jede Software ist ein Produkt voller sozialer Beziehungen und erst wenn man sie gemeinsam zu Nutzen weiß, zeigt sich die Überlegenheit Freier Software.«90 Software livre wird von RIZOMA demnach als ein fester Bestandteil freien Radiomachens veranschlagt, das damit in seiner Legitimation eine zusätzliche Dimension erhält.

Geteilt wird diese legitimierende Kopplung an Freie Software von VIVA RIO, die sich selbst und mit ihnen kooperierende Community Radios dazu verpflichten, »möglichst schnell nur noch freie Software [zu] nutzen, um demokratischer, partizipativer aber auch kollaborativer zu sein.« Auch ABRAÇO São Paulo hält den Einsatz von software livre in Community Radios als unabdingbar, da sich dort so, »für die Gesellschaft notwendige nicht-materielle Kapazitäten reproduzieren können, die neuen Formen kognitiver Dominanz entgegenwirken.«91 AMARC und ABRAÇO sind dagegen zurückhaltender und vermeiden es, die Legitimation eines Community Radios direkt an Software zu koppeln.

»Sicherlich ist die Aneignung Freier Software so wie in Freien Radios erstrebenswert, aber nicht für alle Radios ist das eine realistische Option. Es braucht Zeit, Personal und Energie um das hinzukriegen und jeder sollte seine eigenen Prioritäten setzen.«92

Deutlich wird in den Radioinskriptionen hier eine divergierende Auffassung der non-humans. Während Freie Software bei RIZOMA immanenter Bestandteil der Mobilisierung und Stabilisierung Freier Meinungsäußerung wird, bleibt es bei AMARC und ABRAÇO ein potentiell interessantes Werkzeug, um das Recht auf Kommunikation oder Meinungsfreiheit zu unterstützen, jedoch als eine Variable und nicht als fest Größe der eingeschriebenen radialen Mediationen.93

(3) Sehr unterschiedlich wird im Detail auch die Beziehung unabhängiger Radios zum Internet konstruiert. Ohne die recht grobe Referenz des Internets im Singular weiter zu entfalten, lässt sich festhalten dass es seitens der ComRad-Inskripteur_innen als »explosives aber auch ambivalentes Werkzeug« wahrgenommen wird, dessen »Bedeutung für das Radiomachen von seinen spezifischen Nutzungsmöglichkeiten aus gedacht werden muss.« Diese Möglichkeiten betreffen zunächst die Korrespondenz zwischen Radios, die den »Austausch von E-mails, schriftlichen Nachrichten, Programmen und Audios« umfasst.94 Darüber hinaus erlaubt es ComRads auch, neben dem Signal im elektromagnetischen Spektrum, auf den Internetservern als Webpage sichtbar und als Webradio hörbar zu werden. Doch inwiefern wird dieses Potential nun an die legitime Signalerzeugung im Spektrum gekoppelt?

Zunächst lassen sich zwei Hypothesen ausmachen, die das Internet als festen Bestandteil der radialen Inskriptionen rechtfertigen. Die erste besagt, das Internet habe als Kommunikationsmittel ComRads als organisierte Bewegung, die für eine plurale Spektrumsnutzung eintritt, überhaupt erst möglich gemacht. Die zweite beschreibt eine spätere Aneignung durch die brasilianischen ComRads.95 Beiden Positionen liegen zwar unterschiedliche empirische Analysen zugrunde, sie laufen jedoch auf die gemeinsame Konklusion hinaus, die große Bedeutung des Internets als Kommunikations- und Informationswerkzeug müsse in den radialen Inskription reflektiert werden. Bei AMARC ist beispielsweise der »Kampf für eine demokratische Internetnutzung« Teil der Aushandlung des allgemeinen Rechts auf Kommunikation. ComRads hätten beispielsweise (wie alle anderen gesellschaftlichen Akteur_innen) das Recht auf einen kostenfreien Zugang zum Internet.96

ABRAÇO aber auch das FDC, beziehen das Internet darüber hinaus als eine permanente Erweiterung des Radiomediums ein. Kurzfristig helfe das Internet dabei, das für ComRads geltende gesetzliche Verbot, sich im elektromagnetischen Spektrum durch die Retransmission von Signalen zusammenzuschalten, zu umgehen. Denn wie bereits erwähnt, senden kommerzielle Radios ihre Programme oft gleichzeitig über Dutzende Antennen aus, während es ComRads strikt untersagt ist ein Signal auf diese Weise zu vervielfältigen. Doch per Audio-Streaming lässt sich dieses Verbot umgehen, da Signale dabei ja zunächst nur im Internet übertragen werden, anschließend jedoch sehr wohl auch im Spektrum ausstrahlt werden können.97 Das Internet wird in den Inskriptionen damit als eine »digitale Brücke« legitimiert, die dabei hilft, die freie Meinungsäußerung im Spektrum zu potenzieren.98

Über diese Rolle als digitales Relais hinaus, wird die Kopplung von Radio und Internet weiterführend auch als gemeinsamer Ausgangspunkt einer gesellschaftlich erstrebenswerten »medialen Konvergenz« betrachtet. ABRAÇO erhebt Webradio in Form von Live-Streaming oder Podcasting auf der Senderseite zu einem»zusätzlichen Übertragungsweg des Radiomediums.« Das FDC entwickelt in seiner Version interaktiven Radiomachens darüber hinaus den Anspruch die Produktion von Audiosignalen im Internet crossmedial »mit Print- und TV-Angeboten auf den Radiowebseiten [zu] verknüpfen.«99 Auf der Seite der Radiohörenden drücke sich die Konvergenz in einer Vervielfältigung der Geräte aus, mit denen sich ComRads empfangen lassen,

»was zweifellos zu einer Stärkung der Bewegung führen wird. Denn die Sender werden global über webfähige Computer und Handys empfangbar sein. Umgekehrt sind sie jedoch schon heute auch wichtige Agenten bei der Verbreitung des Internets. ComRads werden ganz entscheidenden Anteil an der Verbreitung von Breitband-Internet in Brasilien haben.«100

Die bereits vorher anklingende funktionale Erweiterung des Radiomediums wird in dieser Aussage noch weiter zugespitzt. Ausgehend von empirischen Beispielfällen einzelner Sender, die ihre Infrastruktur nutzen im Sendegebiet über Radiowellen auch ein Internetsignal anzubieten, wird diese Leistung, neben der eigentlichen Signalerzeugung zu einem festen Bestandteil erhoben. »Die ComRads sollen sich zu Zentren der digitalen Inklusion entwickeln.«101

Interessant ist an solchen Inskriptionen, die eine mediale Konvergenz evozieren, dass dabei »Radio« stillschweigend als konzeptueller Fixpunkt voraussetzt wird, der in seiner Legitimation umso mehr gestärkt wird, je mehr er seinen Beitrag zum gesellschaftlichen Gemeinwohl erweitert. Doch hat Radio als Einzelmedium auch die Gravitationskraft, die sich vervielfältigenden non-humans zusammenzuhalten und aus eigener Perspektive legitimatorisch zu ordnen? Ist nicht die Vorstellung eines Internets, dass alle Einzelmedien in einen Medienverbund überführt (und dann auflöst) viel wirkmächtiger?

Die Auseinandersetzung von RIZOMA mit dem Verhältnis von Radio und Internet reflektiert solche  Fragen äußerst differenziert. Statt in einer Konvergenz wird die Legitimation zunächst von einer Verteidigung der Signalerzeugung im Spektrum aus entwickelt.

»Webradio ist nicht Radio, denn Radio heißt Signale durch elektromagnetische Wellen in der Luft zu senden. Klar, Webradio ist wichtig, um den Austausch Freier Radio zu stärken. Aber die Infrastruktur des Spektrums ist viel unabhängiger als Computernetzwerke. In gewisser Weise steht hier eine natürliche einer privaten Infrastruktur gegenüber.«

Freie Radios im Internet gebe es deshalb nicht.102 Wichtig sei allein, die taktische Nutzung der Möglichkeiten des www für das Freie Radiomachen im elektromagnetischen Spektrum. Das Internet diene durchaus der Kommunikation zwischen einzelnen Radios, »um sich zu organisieren, Material auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Es ist ein Hilfsnetz.«103 Für dessen weitere situative Aushandlung werden einige Prämissen aber auch konkrete non-humans eingeschrieben. Dazu gehört, analog zur Nutzung Freier Software, auch die Konzeption und Organisation Freier bzw. Autonomer Server, eines Webportales (http://radiolivre.org/), dass allen Freien Radios offen steht, sowie einer gemeinsamen Mailingliste.104 Angelegt sind dabei im Einzelnen jeweils Ensembles nicht-menschlicher Akteur_innen die kohärent zu den Inskriptionen Freien Radiomachens sind, jedoch nicht zwingend immanenter Teil dieser. »Die Beteiligung an radiolivre.org war nie besonders hoch aber es gab einige sehr dynamische Moment. Es ist und bleibt eine potentiell abrufbare Ressource.«

RIZOMA bezieht damit im Gegensatz zu Freier Software das Internet (und all seine non humans) nicht verbindlich in die Legitimation unabhängigen Radiomachens ein. Darin deutet sich auch eine Strategie an, die Forderung nach einer freien Nutzung des Spektrums nicht durch eine Anerkennung von Audio-Streaming im Internet als einen ebenbürtigen Signalweg zu relativieren. Ob in naher Zukunft eine öffentliche Grundversorgung mit Internet (und Webradio) für alle Brasilianer_innen gesetzlich garantiert wird oder nicht, scheint deshalb zweitrangig.105 Die Einbindung nicht-menschlicher Akteur_innen in ein Freies Radiomachen folgt perspektivisch immer der legitimierenden Forderung einer freien Meinungsäußerung im elektromagnetischen Spektrum im Allgemeinen und einer situativen Aushandlungen dieser Freiheit im Einzelnen.

Die ComRad-Verbände betrachten non-humans dagegen meist unter dem Gesichtspunkt, inwiefern sie die existente radiale Kommunikation einer spezifischen Community weiter potenzieren können. Diese Zielstellung relativiert auch die Verbindlichkeit, mit Freier Software zu arbeiten, während in der Sichtweise von RIZOMA ein Radio nur dann frei werden kann, wenn all seine konstitutiven non-humans frei sind. Deshalb muss dem Internet eine legitimierende Rolle beim Freien Radiomachen versagt bleiben, während es als nützliches tool in den ComRads durchaus eine protagonistische Qualität erhält. Denn es erscheint in seiner um Konvergenz bemühten Kopplung dort eher als eine soziale Frage des Zugangs oder als regulatives Problem – für dessen praktische Lösung sich ComRads als aktive (und legitime) Verhandlungsgrößen empfehlen.

Computer, Freie Software, Internet – die in diesem Kapitel betrachteten Nicht-Menschen lassen sich im Einzelnen immer auch in Akteur_innen-Netzwerke entfalten, in denen neben non-humans erneut  menschliche Akteur_innen sichtbar werden, oder Hybride, die sich trennscharfen Zuordnungen widersetzen. Wie sich unabhängige Radios mit diesen nur schwer fassbaren Entitäten auseinandersetzen und sie in ihre medialen Legitimation einbeziehen, ist Gegenstand des folgenden Kapitels.106

 

3.3.1.3 Hybride Akteur_innen

»Let’s be clear about what radio is: waves of electromagnetism moving through space107

Was sich zunächst nach einer schlüssigen Definition von Radio anhört, ist auf den zweiten Blick die perfekte Synthese seines medialen Dilemmas. Klar scheint zunächst, Radio ist etwas natürliches, dass in seiner Bewegung das elektromagnetische Spektrum induziert. Implizit wird damit jedoch gerade das ausgeschlossen, was Radio als Mediation ausmacht, nämlich eine spezifische Modifikation dieser elektromagnetischen Wellen, die eine Signalerzeugung ja erst möglich macht. Radio oszilliert in seiner medialen Bestimmung deshalb ständig zwischen etwas Natürlichem und etwas Gemachten auf der einen Seite, sowie bei der Signalerzeugung zwischen Apparaten der Wellenmodulation und ihren »Beherrscher_innen.«108 Unter diesem Blickwinkel lassen sich drei entscheidende hybride Akteur_innen des Radiomediums eingrenzen: Technologie(n), das elektromagnetische Spektrum und Umweltgrößen.

(1) Nicht unähnlich der bereits im Mapping dokumentierten Kontroverse zwischen einer Beherrschung der Technologie durch Techniker_innen oder einer Herrschaft der Technologie über die Technisierten (vgl. 2.1.3.6.) setzen sich auch die network builder intensiv mit der als technisch verstandenen Dimension von Radio auseinander. Eine erste Position lässt sich dabei seitens AMARC ausmachen, die eine explizit sozio-zentristische Strategie verfolgen. Der Verband kritisiert zunächst alle Definitionen von Technologie, die nicht das Primat menschlicher Akteur_innen anerkennen, denn »solcherlei futuristischen Ideen werden die [technologische] Lücke zwischen den Brasilianern weiter vergrößern.« Als Gegenprogramm wird darauf hingewiesen, dass Technologie neben seinen materiellen oder immateriellen Formen immer auch als menschliches Handeln angelegt ist, als

»die Art und Weise, wie sich Menschen organisieren. Technologien sind nicht nur Computer. Es gibt weitere Technologien, die in den communities entwickelt werden. […] Auch ein Radio zu verwalten ist eine Technologie.«109

Damit wird deutlich, dass Radio als Technologie nicht als etwas globales oder universelles verstanden wird, sondern als etwas, dass »an die Realität einer community gebunden« ist und dort situativ legitimiert wird.

Im Gegensatz dazu beschreibt ABRAÇO Technologie oder »neue Technologien« zunächst als etwas den ComRads äußerliches. Dafür, dass ein ComRads zu einem »wichtigen Ort der technologischen Konvergenz« werden könne, sei eine spezifische Vermittlungsleistung nötig – und diese leiste vor allem ABRAÇO. Denn auch wenn ComRads bereits viel geleistet, »sich Technologien angeeignet und damit zu einer breiten gesellschaftlichen Nutzung beigetragen haben«, benötigten sie Unterstützung um auch weiterhin »Technologien in ihren Besonderheiten verstehen zu können«. , Implizit wird hier eine technologische Evolution angedeutet, »die nicht zwangsläufig in allen gesellschaftlichen Bereichen erlebt werden kann.«110 Da sich das gesellschaftliche Gemeinwohl anteilig jedoch in einer eben solchen Inklusion ausdrücke, verdienten ComRads in ihren Aneignungsprozessen besondere Unterstützung und Anerkennung. Kurzum: anders als bei AMARC, die den cultural gap mit einem situativen sozialen Handeln in den communities entgegenzuwirken suchen, naturalisiert ABRAÇO den Fortbestand dieser Lücke, um ComRads und sich selbst als allgemeine Vermittler_inne zu legitimieren.111

Ein Lücke zwischen gesellschaftlicher und technischer Entwicklung existiere nicht, sagen dagegen die Regulierer_innen.112 Die von ANATEL betriebene Entpolarisierung scheint jedoch weniger an einer Enthärtung der technologischen Radiodimension interessiert, als vielmehr in einer Stärkung des »zentralen Mythos von Radio als eine unerreichbare Technik, für deren Beherrschung man ein großes technisches Wissen brauche.« Radio sei sozial und technisch schwer  beherrschbar und benötige deshalb eine strikte Regulierung. Einer solchen Logik hält ROZIMA entgegen, Radio als Technologie mit dem »Blick des Recyclings« wahrzunehmen, »um Maschinen zu entmystifizieren.« Technologie im Radio sei kein_e eigenständige_r Akteur_in, sondern beschreibe anteilig

»Experimente und Wiederentdeckungen. Das wichtige ist dabei, neue Beziehungen zu entwickeln. Selbst wenn diese anfangs schlecht funktionieren sollten, von so einer Erfahrung aus gemeinsam Möglichkeiten zu erarbeiten, darum geht es.«113

Nicht die vollständige Beherrschung der Technologie oder der Versuch eine Avantgarde zu bilden, die mit der technologischen Entwicklung Stand halten kann, ist bei RIZOMA Programm, sondern eine Absage an die Vorstellung von Technik und Technologie als eigenständige ontologische Sphäre. Die hybride Ambivalenz des/der Akteur_in wird als Einladung verstanden, eine »Annäherung von Technologie und Kultur anzustreben.« Wichtig sei dabei vor allem »die Suche nach einer organischen Verbindung von politischem Handeln mit Technologien.«114 Dies ist ein spezifischer Beitrag Freier Radios zum Gemeinwohl. Anders als bei AMARC und ABRAÇO ist er an einer Auflösung der beiden Seiten jenes Grabens orientiert, die einen cultural gap erst denkbar machen.

(2) Wie bedeutsam die Auseinandersetzung mit technologischen Größen ist, zeigt auch die Betrachtung eines zweiten zentralen Hybriden: dem elektromagnetischen Spektrum. Denn dieses ist in seiner Wahrnehmung als radiale Entität stark von seiner »technologischen Nutzung« geprägt. Die Festlegung einer endlichen Zahl von Radiofrequenzen, deren gezielte Modulation das Senden und Empfangen einer bestimmten Zahl von Radiokanälen ermöglicht, wird beispielsweise oft gleichgesetzt mit dem, was generell als Spektrum verstanden wird. Doch auch bei einer differenzierteren Betrachtung wird zumeist argumentiert, dass »das Spektrum nicht unendlich ist. Wir alle haben das einsehen müssen, so wie wir lernen mussten, dass Wasser eine endliche Ressource ist.«115 Von dieser Analogie, hin zu einer nationalstaatlichen Regulierung dieser endlichen Ressource als öffentliches Gut ist es argumentativ nur ein kleiner Schritt. Diesen nicht mitzugehen hält für unabhängige Radios ein legitimierendes Potential bereit, das sie auf unterschiedliche Weise in ihren Inskriptionen einbauen.

Ein erster Angriffspunkt entfaltet sich dabei in einer Auseinandersetzung mit der operativen Vorstellung des Spektrums als einen von ANATEL erstellten Frequenzplan. Dieser parzelliert die für Radioemissionen geeigneten Teile des elektromagnetischen Spektrums in Übereinstimmung mit den Empfehlungen der Internationale Fernmeldeunion (ITU), um eine störungsfreie Nutzung des Spektrums im Sinne des Gemeinwohls zu gewährleisten. Als Störungen werden dabei im ComRad-Gesetz Interferenzen unterschieden, die vom Frequenzplan aus gesehen »unerwünscht« oder »störend« sind.116 Beide Attribute werden aus Sicht der Regulierenden dann auch pauschalisierend auf alle nicht-genehmigten Sender angewandt. Die Fixierung des Spektrums als technische Norm macht alles davon abweichende soziale Handeln zum nicht-legitimierbaren Normbruch. Die Reduktion des Spektrums auf einen nicht-hintergehbaren Frequenzplan aufzubrechen, ist deshalb ein zentrales Moment, um konkurrierende Anerkennungswürdigkeiten unabhängigen Radiomachens zu inskribieren.

Eine erste Möglichkeit besteht nun darin, darauf zu verweisen, dass grundsätzlich jedes Radio Interferenzen erzeugt.117 Dass vornehmlich Radios ohne Genehmigung mit »störenden Interferenzen« gleichgesetzt werden, sei: »eher ein politisches Argument als ein technisches. Weil immer davon ausgegangen wird, dass die verfügbaren Frequenzen knapp sind, wird sich ständig ein Grund dafür finden lassen, nicht-genehmigtes Radiomachen von vornherein abzulehnen.«118

Die Knappheit von Frequenzen ist jedoch relativ. Auch ANATEL bestätigt, dass »das Spektrum nur an manchen Orten gesättigt«119 sei, vor allem in den metropolitanen Räumen. »In allen anderen Gebieten sind jedoch Frequenzen übrig«, ergänzt das FDC. Dennoch versuche die Regierung weiterhin alle Radiomachenden davon zu überzeugen, dass die Knappheit der spektralen Ressource direkt mit der restriktiven Frequenzvergabe für ComRads zu tun habe. Der Frequenzplan generalisiert die Sättigung des Spektrums auf dem Papier für das gesamte Territorium. Doch »[d]as ist eine Lüge. Aus einer republikanischen Sichtweise ist [das Spektrum] ein Gut aller, das sich in Millionen von Kanälen zerteilen lässt.«

Der konstatierten Knappheit des Spektrums eine politisch machbare Vervielfältigung der Kanäle gegenüberzustellen wird strategisch auch seitens der Freien Radios bemüht. In direkter Anlehnung an die Arbeiten David Weinbergs, wird der heutigen Regulierungspolitik in ihrer Argumentation ein physikalischer Anachronismus unterstellt.

»Das Spektrum ist kein so knappes Gut ist wie uns glauben gemacht wird. Es ist so ähnlich, als wenn man behaupten würde die Farbe grün sei knapp. Denn laut Weinberger ist das Spektrum eine Art Lichtkorpus, in  dem es möglich ist, auf der selben Frequenz mehrere Inhalte zu übertragen. Die Frage ist einzig, Systeme zu  entwickeln, die in der Lage sind, diese Inhalte auch getrennt empfangen zu können.«120

In dem Moment, wo die Legitimation des Spektrums als finite Ressource in ihrer Legitimation kriselt, wird auch seine bisherige regulierte Übersetzung in ein öffentliches Gut hinterfragbar. Denn bis dahin stabilisiert dieses Konzept immer auch eine zentrale Rolle für staatliche Akteur_innen, im Besonderen das MiniCom und ANATEL, die »bestimmen, wie die beste Nutzung des Spektrums zum Wohle der Bevölkerung organisiert werden soll.«121 Diesem Selbstbild der Regulierenden widersprechen AMARC und ABRAÇO in ihren Inskriptionen nicht grundsätzlich, »doch als Kulturgut der Menschheit (patrimônio cultural da humanidade) muss seine Verwaltung von den Regierungen der einzelnen Ländern einer ständigen Analyse und Evaluation unterliegen.« Wird das Wohl der Bevölkerung dabei nicht beachtet, habe diese das Recht, es sich zu erkämpfen.123 Octavio Pieranti vom MiniCom weist darauf hin, dass diese Diskussion nicht neu ist, sondern bereits mit dem McBride-Report in den 1970ern aufgekommen sei.122 »Heute heißt öffentliches Gut in Brasilien etwas ganz anderes als zur Zeit der Militärdiktatur. Noch immer befinden wir uns aber in einem Prozess der Restrukturalisierung.«

Doch inwiefern ist in dieser konzeptuellen Neuordnung auch eine Umverteilung des staatlichen Legitimierungsanspruchs denkbar? Eben diese Frage wird nicht nur von RIZOMA sondern teilweise auch von AMARC aufgeworfen, wenn beispielsweise gefordert wird, »die Entscheidung über die Spektrumsnutzung sollte in Händen der Zivilbevölkerung liegen.«124 RIZOMA weißt den staatlichen Anspruch bei der Verwaltung eines öffentlichen Gutes weitergehend damit zurück, in dem es das elektromagnetische Spektrum als ein »offenes Gut« umdefiniert, »das prinzipiell erst einmal jeder nutzen kann, um Erfahrungen zu machen«, anstatt es weiterhin vollständig »vom Staat als eine Art Eigentum verwalte[n]«125 zu lassen. Perspektivisch ist an diese legitimatorische Umdeutung des Spektrums zu einem offen Gut jedoch eine große Herausforderungen gekoppelt: Wie lassen sich die Konzepte offenes und öffentliches Spektrum miteinander vermitteln?

RIZOMA zieht zur Beantwortung dieser Frage zunächst die Idee eines »spectrum commons« heran.126 Im brasilianischen Kontext wird der Vorschlag eines spektralen Gemeinguts ohne dauerhafte Eigentumstitel und vom Staat vergebene Frequenzen dabei nicht als eine neue Definition, sondern als nicht eingelöste Verfassungsgarantie aufgefasst, da in der Konstitution »bereits von einer komplementären Nutzung die Rede« sei.127 Kritisiert wird dagegen die bisher formulierte Drittelung in einen privaten, staatlichen und öffentlichen Bereich. Vielmehr müsse Komplementarität neben einem kommerziellen Sektor zwei öffentliche Sphären enthalten, eine staatlich-öffentliche und eben ein Offenes Spektrum. Wie sich jede Sphäre dann im einzelnen weiter definiert, wird als Aufgabe an die dort wirkenden radialen Akteur_innen weitergegeben.128

Doch auch zwischen diesen Sphären ist eine Konsensfindung nötig, denn räumlich überlagern sie sich (oder grenzen sich zumindest gegenseitig ein), ausgehend beispielsweise von den Sendestärken der einzelnen Radios. Erneut deutet sich hier ein territoriales Dilemma an. Wie ließe sich die an einen konkreten Ort und Bevölkerung gekoppelte situative Konfiguration des Spektrums legitimieren? Entgegen dem Diktats republikanischer Gleichheit in Form eines starren Frequenzplans schlägt RIZOMA an diesem Punkt vor, das Spektrum als »Umweltgut von diffusem Charakter« zu behandeln129 Dieses weder öffentlich noch private Gut stünde dabei der Bevölkerung in seiner Nutzung generell offen und würde für seiner weiteren Ausdeutung

»im Rahmen einer lokalen Umwelt betrachtet, als essentiell für die dortige Lebensqualität. Allen communities, die von der Signalstärke einer Radioantenne konstituiert werden, sollte auch die Entscheidungshoheit über die dortigen elektromagnetischen Wellen zustehen.«

Diese konzeptuelle Perspektive evoziert noch stärker als die vorherig referierten Konfigurationen des Spektrums seine aktive Rolle bei der Aushandlung einer radialen Mediation zwischen einer menschlichen community, non-humans und sich selbst als Hybrid. Mehr noch als die Idee eines commons begünstigt die Beschreibung des Spektrums als Umwelt einen dezentralen und staatsfernen Legitimationsprozess von Radio. Auffällig ist dabei erneut, dass RIZOMA eine normative Positionierung vermeidet und allen potentiellen radialen Akteur_innen Raum beim Medienmachen lässt.130

(3) Die Sicht auf das Spektrum als Umweltgut wirft schließlich auch die Frage auf, wie sich andere als Umwelt beschreibbare Entitäten zum unabhängigen Radiomachen verhalten. Ich verwende den Begriff Umwelt hier für alle Entitäten, denen in den Inskriptionen generell oder situativ eine aktive Vermittlungsrolle bei der Signalerzeugung zugesprochen wird, die sich jedoch weder als menschliche oder nicht-menschliche (dezidiert materiell-apparative) Größen subsumieren lassen. Dabei richten die network builder ihren Blick vom Himmel auf den Boden. Gegenüber dem ComRad-Gesetz wird kritisiert, dass dieses »sich Brasilien wie einen flachen Tisch« vorstelle. Entgegen dieser Abstraktion entgegen lassen sich topographische Faktoren, wie Hügel oder Senken aber auch human-geographische Größen wie die Siedlungsdichte oder bestimmte architektonische Konfigurationen heranziehen, um situativ ganz unterschiedliche Signalstärken zu legitimieren:

»Ein Landarbeiter kann unmöglich einen Sender mit 25 empfangen, wenn er auf die Felder fährt. Genauso wenig können die Bewohner eines Viertels eine ComRad hören, wenn sie  eine Reihe Hochhäuser vor der Nase haben.«131

Gleiches gelte für »die großen Favelas von Rio, in denen ein Radio mit 25 Watt nie die gesamte Gemeinschaft erreichen kann.« Müsse es ja auch gar nicht, sagen die Regulierer_innen von ANATEL, da ComRads laut Gesetzestext nur »kleine Lokalitäten« versorgen soll.132 An dieser Stelle wird erneut deutlich, wie wichtig die anhaltende Debatte um eine territoriale oder nicht-territoriale Auffassung ihrer communities für die weitere Legitimation unabhängiger Radios ist.133

Neben der Reichweite des Signals beeinflusse die lokale Konstellation hybrider Größen auch viele weitere Dimensionen die Signalerzeugung konstatiert RIZOMA in einem Vergleich zweier Sender.

»Rádio Interferência ist beispielsweise von vielen Hügeln eingegrenzt und nur schwer zu erreichen. Wenn Stau ist, braucht man bis zu zwei Stunden um es [von einem Ort im Sendegebiet aus] zu erreichen. In Campinas, einer kleinen Stadt erreicht man Rádio Muda von überall aus in fünf Minuten mit dem Fahrrad. Das beeinflusst die jeweilige Mitarbeit stark.«134

Ohne hier Umwelt als hybride_n Akteur_in in seiner Vermittlung erschöpfend erfassen zu können, wird vielmehr eine konzeptuelle Ressource sichtbar, die es für die weitere Beobachtung im Auge zu behalten gilt. Die konkurrierenden Inskriptionen scheinen sich ihrer zu bedienen, wann immer es für die Legitimation des eigenen Radiomodells zuträglich erscheint, universelle Normen situativ zu unterlaufen. Gleiches gilt auch für die beiden weiteren genannten Hybriden, die in ihren analytischen Beschreibungen als Technologie(n) und Spektrum nicht erschöpfend zu definieren sind. Gemeinsam betonen sie die Veränderbarkeit der aktuellen Vorstellung, Regulierung und Praxis von Radio.

Hybriden Akteur_innen, aber auch non-humans, eine aktivere Rolle beim Radiomachen zukommen zu lassen, sie vom Postulat einer Neutralität hin zu einer relationalen Gemachtheit zu überführen, erscheint vor allem in den Inskriptionen von RIZOMA als wichtige Legitimationsstrategie. In den einzelnen Beschreibungen werden hybride Entitäten rekombiniert und – das ist entscheidend – beeinflussen damit relational auch die Rollen und Beziehungen mit und unter den menschlichen Anteilen der einzelnen radialen Mediationen.

Die Betrachtung der komplizierten Handlungsprogramme im Rahmen dreier Akteur_innengruppen zeigt, dass erster, die menschlichen Akteur_innen, nicht allein handeln. Die Inskriptionen weiterer Entitäten und ihre Kopplung an die »humanen KollegInnen« fallen nicht nur unterschiedlich aus. Es deuten sich sowohl innerhalb der Inskriptionen (z.B. beim Verhältnis offen/öffentlich der Freien Radios) Ungenauigkeiten an, als auch beim Versuch die Konzepte der Inskriptionen vollständig an die analytischen Kategorien auf der Beobachter_innenebene (menschlich, nicht-menschlich, hybrid) anzupassen. Computer sind beispielsweise als Teil von Technologien nicht nur non-humans. Auch Freie Software wird bereits anteilig als Prozess beschrieben und nähert sich hybriden Handlungsprogrammen an. Für die hier wichtige Schlussfolgerung, dass die unterschiedliche Benennung, Beschreibung und Verknüpfung von signalerzeugenden Entitäten auf unterschiedliche Art und Weise legitimierend wirken, ist diese methodische Kritik jedoch zunächst zweitrangig.135 Denn auch ohne eine detaillierte Auffächerung der Perspektiven auf die Akteur_innen lassen sich drei grundlegende Strategien erkennen. Zunächst, die vor allem der bei AMARC präsente Versuch, menschliche Akteur_innen zu den zentralen Größen der Signalerzeugung aufzubauen, deren Bedürfnisse nicht nur das Radiomachen sondern auch die Anwesenheit aller weiteren Größen legitimieren. Eine zweite Strategie beschreibt Community Radios als Akteur_innen-Ensambles die sich im Angesicht einer technologischen Evolution in ihrer Zusammensetzung anpassen müssen, um ihre gesellschaftliche Legitimation zu waren. Das Schreiben dieser Strategie schlagen sich die network builders, wie vor allem ABRAÇO dabei selbst zu. Drittens ist schließlich die Idee zu erkennen, in detaillierten und relationalen Beschreibung aller involvierten Entitäten, den Vorstellungshorizont radialer Mediationen radikal zu verändern. Besonders RIZOMA gelingt es dabei neue legitamatorische Dimensionen aufzumachen (z.B. Spektrumsnutzung, Freie Software) und als konkrete Übersetzungen der Meinungsfreiheit zu verteidigen.

Die hier präparierten Legitimationsstrategien der Signalerzeugung existieren nicht in Reinform (außerhalb der Beobacher_innenebene). Vielmehr stehen die hier zusammengetragenen Akteur_innen auch in Beziehung zu weiteren Entitäten, die nicht direkt am Senden beteiligt sind, wohl aber großen Einfluss auf die mediale Anerkennungswürdigkeit der unabhängigen Radios haben. Ihre Bedeutung in den Inskriptionen der network builders genauer zu ordnen, ist Anliegen des folgenden Kapitels.

 

3.3.2 Synchronisierung – komplexe Beziehungen

Da die komplexen Beziehungen einer radialen Mediation sich unendlich weit entfalten lassen, orientiert sich die folgende Auswahl an Entitäten an den prägnantesten Beschreibungen der untersuchten Inskriptionen. Die Art und Weise, wie Radiomodelle dabei über die Signalerzeugung hinaus mit äußerst diversen Akteur_innen synchronisiert werden, ist nicht nur der genaueren Eingrenzung legitimierender Größen zuträglich. Zugleich werde ich auch die Frage thematisieren, inwiefern einzelne der im Folgenden betrachteten Radiogrößen dabei ihrerseits zu Grenzgänger_innen werden und gerade deshalb legitimierend wirken, da sie ein Stück weit auch als komplizierte Entität veranschlagt werden.

 

3.3.2.1 Inskripteur_innen

Ein_e erste_r wichtige_r komplexe_r Akteur_in sind die network builder selbst, die in ihren Inskriptionen, wie ich bereits angedeutet habe (vgl. 3.2.2.) ihre Vorstellung unabhängigen Radiomachens (und sich selbst) gegenüber anderen Modellen (und ihren Inskripteur_innen) zu legitimieren suchen. Neben den bereits erwähnten Abgrenzungsstrategien, lassen sich auch Indizien für eine legitimationssteigernde Kooperation finden. Neben der historischen Rolle von ABRAÇO als Geburtshelfer_in des Lei 9.612/98, bildet die Arbeitsgemeinschaft des MiniCom, in der »seit 2004 unter Beteiligung von ABRAÇO der gesetzliche Genehmigungsprozess im Rahmen der Norm I modifiziert wurde«, ein aktuelles Beispiel für kollektive Inskriptionsprozesse.143 ABRAÇO wird hier seitens der Regulierer_innen als Repräsentant_in der brasilianischen ComRads anerkannt, zugleich jedoch auch für die Anerkennungswürdigkeit des legalen Modells vereinnahmt.

AMARC, die dem aktuellen Gesetz kritischer gegenüberstehen, befürwortet dagegen die Beteiligung ABRAÇOs an diesem Prozess, spricht ihm als »repräsentativsten und von den meisten ComRads anerkannten Radioverband in Brasilien« eine Berechtigung zu. Die Rolle von AMARC bestehe demgegenüber nicht darin, ebenfalls Repräsentativität anzustreben, sondern einen permanenten »Begegnungsraum« zu schaffen, »um über den gemeinsamen Horizont von Community Medien zu debattieren.« Diese Raumordnung sieht vor, dass nationale ComRad-Repräsentant_innen (und die ihnen angehörigen Sender) Mitglieder bei AMARC werden. In Lateinamerika versammeln sich in AMARC auf diese Weise 430 direkte Mitglieder und unter Vermittlung der nationalen Verbände 1500 Radios.144 ABRAÇO zählt bisher nicht dazu.145

Eine mögliche Anerkennung AMARCs – aber auch weiterer regionaler Verbände – wird an die Konditionen gekoppelt, sich im Konfliktfall jeweils der offiziellen Linie ABRAÇOs unterzuordnen, denn »unsere Radiobewegung wird nur fortschreiten, wenn alle Gruppierungen verstehen, dass sie auf der gleichen Seite stehen müssen.«146 Nur unter dieser Bedingung wäre ein Teil ABRAÇOs dazu bereit, den AMARC unterstellten Anspruch, ComRads auf internationaler Ebene zu repräsentieren, anzuerkennen.147 Um legitim zu werden, sollten alle weiteren Verbände deshalb die ihnen von ABRAÇO zugedachten Rollen akzeptieren.

»Ein absoluter Führungsanspruch führt zu nichts«, kritisiert dagegen ABRAÇO São Paulo die Position seiner nationalen Vertretung. ABRAÇO sei in seiner Legitimation seit längerem durch einen internen Machtkampf geschwächt, und nicht in der Lage anzuerkennen, dass »AMARC ABRAÇO in vielerlei Hinsicht helfen könnte. Ich denke ABRAÇO sollte eine nationale Entität sein, die sich AMARC anschließt, und umgekehrt sollte AMARC die ComRads dazu auffordern, ABRAÇO beitreten. Denn wenn sich ABRAÇO verändern lässt, dann nur von innen.«148 Einen solchen legitimationssteigernden Schulterschluss schließt das FDC dagegen kategorisch aus:

»ABRAÇO ist der Feind der ComRads, eine Art buchada de bode. Ihr eigentliches Ziel ist es, alle Sender möglichst gut zu kontrollieren, um sie auf Parteilinie zu halten. ABRAÇO ist eine Schande der Arbeiterpartei (uma vergonha petista).«149

Unabhängig davon, inwiefern die schwer zu überprüfenden Anschuldigungen zutreffend sind, wird hier eine konfrontative Legitimationsstrategie deutlich, die auf ein tabula rasa zugunsten der eigenen Inskription setzt. »Nur durch ein innovatives, interaktives Modell lässt sich die Repräsentativität wieder herstellen. Unsere Radioformel wird die brasilianische Kommunikation dominieren.«150

Auch RIZOMA, die ähnlich wie AMARC und VIVA RIO eigentlich keine Repräsentativität für ihre Inskription beanspruchen, sind bei dieser Auseinandersetzung nicht vollständig außen vor. Denn sie geraten unter Legitimationsdruck, wenn ComRad-Inskriptionen sich als alleinige Repräsentant_innen unabhängigen Radiomachens erheben.151 RIZOMA hält den ComRads deshalb oft vor, den staatlichen Regulieren gegenüber »viel zu viele Kompromisse« machen und dabei in ihrem »avantgardistischen Selbstverständnis eine Politik [zu] betreiben, die keine Rücksicht auf Freie Radios nimmt, und ihre Existenz, wie beispielsweise mit der Schaffung des Gesetzes 9.612/98, negativ beeinflusst«. Freie Radios legitimieren sich hier also vor allem mit dem Hinweis, dass ComRads »nicht der einzig möglich Ausdruck von Meinungsfreiheit im Spektrum« seien.152

Dementsprechend entrüstet reagieren sie auf die Prognose, Freie Radios würden sich trotz konzeptueller Unterscheide mittelfristig auf Konvergenzkurs mit ComRads befinden, oder bereits von ComRad-Verbänden repräsentiert werden.153 Vielmehr beanspruchen Freie Radios auch ComRads zu sein, die jedoch jegliche Repräsentanz ablehnen und die normativ »festgeschriebene Strukturen [von ComRads], die oftmals an hierarchische Gewerkschaftsorganisationen erinnern« oder »zu sehr an kommerziellen Sendermodellen orientiert« seien, nicht mittragen würden.154

Um einer Vereinnahmung zu entgehen, schließen die am RIZOMA-Netzwerk beteiligten Inskripteur_innen jegliche Repräsentativität aus. Ihr network besitze nur operativ Gültigkeit, habe keine festen Organisationsstrukturen und verzichte gemäß einer negativen Bestimmung Freien Radiomachens auf feste Kategorien. Die ComRad-Inskripteur_innen legitimieren sich dagegen gerade darin, ein spezifisches, normatives Modell zu repräsentieren. Beide Fraktionen teilen dabei jedoch implizit den legitimation claim, dass ihre jeweilige Inskription die Rechte auf Meinungsfreiheit und Kommunikation im elektromagnetischen Spektrum am adäquatesten übersetzt.

 

3.3.2.2 Hörer_innen als Community

Ein_e kollektiv_e Akteur_in, welche_r für das Radiomachen im Alltag bedeutend wichtiger ist als, die konkurrierenden network builder konstituiert sich in einer spezifischen Vorstellung von community. So unterschiedlich diese im Einzelnen auch aussehen mag, es fällt auf, dass die community zunächst einmal von allen als Ansammlung potentielle_r Hörer_innen aufgefasst wird. Während im Lei 9.612/98 diese potentiellen Hörer_innen unterschiedslos alle Anwohner_innen im Umkreis von einem Kilometer subsumiert (die keine formelle Rolle im Radio laut der legalen Inskription inne haben) fallen die Beschreibungen in den übrigen Inskriptionen deutlich detaillierter und aktiver aus.135

AMARC koppelt seine Inskription dabei zunächst an eine perspektivische Entgrenzung der Hörer_innenschaft, die sich in Zeiten von Audioübertragungen im Internet »nicht mehr territorial einfassen lässt.« Zugleich falle es den Hörenden in ihrem Auftreten als disperse community auch zunehmend zu, in die Rolle der Reguliererenden zu schlüpfen und ihr Medium selbst zu verwalten.136  ABRAÇO beschreibt zwar eine ähnliche aktive Rolle der Hörer_innen, erhält jedoch ein territoriales community-Konzept aufrecht. »Wir glauben, dass ab dem Moment, in dem eine Hörergemeinschaft sich ihres Recht am Radio gewahr wird, sie dieses verteidigen oder bei Missbrauch zurückerobern wird.«137 Legitim ist ein Radio demnach in beiden Inskriptionen, wenn es von den Hörenden aktiv unterstützt wird, anstatt dass einfach nur der richtige Kanal eingestellt wird.

Beide Vorstellungen des aktiven Hörenden konkretisieren sich in den weiteren Unterscheidungen von assoziierten (associados, AMARC) oder direkten Mitgliedern (sócios, ABRAÇO), die als Hörer_innen ihren Sender unterstützen. Am weitesten wird diese hier anklingende Auflösung der starren Polarität aktiver Sendender/passiver Hörender in der Inskription vom FDC getrieben, wo die Beschreibung der Hörer_innen zugunsten einer »interaktiven community« aufgegeben wird, »die zugleich Sender und Empfänger der Kommunikation ist.«138 RIZOMA hingegen beschreibt keine allgemeine zu operationalisierende organische Verbindung von Hörenden und Radio, sondern macht eine diesbezügliche Legitimation eher an der Bereitschaft fest, eine Radio, das in seiner Existenz bedroht ist aktiv und spontan zu unterstützen. Wichtig sei dabei immer auch, »dass seitens der Hörenden eine Erfahrung und Reflexion über die eigenen Kapazitäten stattfindet.«139

Neben einer spezifischen Teilhabe, werden Hörende teilweise auch als territoriale Gruppen mit spezifischen Eigenschaften unterschieden. ABRAÇO São Paulo beispielsweise definiert seine Hörer_innenschaft als »die Bewohner der großstädtischen Peripherien, Brasiliens Favelas.« Innerhalb dieses örtlichen Bezugs wird dann die radiale Zielgruppe weiter eingegrenzt, als »Publikum, das mehrheitlich von aktiven und bewussten Bürgern gebildet wird, sowie weiteren, in Gewerkschaften, Stadtteilkomitees oder Vereinen organisierten Menschen.«140 Seitens der ComRad-Verbände lassen sich darüber hinaus auch »lokale Unternehmer_innen« als spezifische Hörer_innengruppe nennen, »der Friseur, die Bäckerei und die Tischlerei, die einen Community Sender hören und dann dort werben, weil sie sich das in privaten Medien nie leisten könnten.«141 RIZOMA, das wie ich noch zeigen werde, eine solche finanzielle Beteiligung der Hörenden kategorisch ausschließt (vgl. Kap. 3.5.3.), koppelt Freie Radios dagegen stark an universitäre Institutionen und Gruppen. Zum einen finden sie auf den Campus gebündelt Fürsprecher_innen, »die im Radio ein eigenes Medium finden und zugleich eine räumliche Nische zum Radiomachen und Schutz vor Repression garantieren.« Zum anderen würden sie teilweise auch von Forschenden experimentell genutzt.142

Erkennbar wird in den unterschiedlichen Beschreibungen, dass die network builder hier nicht länger ein spezifisches Publikum oder eine Zielgruppe anrufen, sondern in ihrer radialen Mediationen einen spezifischen Nutzen für einzelne Hörer_innengruppen veranschlagen, an dessen Ausdeutung sich diese aktiv beteiligen sollen. Legitimierend wirkt sowohl diese Vermittlungsleistung als auch ihre darin implizierte Unterstützung. Die Hörenden werden unabdingbare aktive Legitimationshelfer_innen.

 

3.3.2.3 Kommerzielle und öffentliche Radios

Ihre gesellschaftliche Anerkennungswürdigkeit auch im Verhältnis zu kommerziellen und öffentlichen Sender(modelle)n zu behaupten, evoziert bei den network builders sehr unterschiedliche Strategien. »[I]n den legalen Inskriptionen eine friedliche Koexistenz [zwischen allen Sendern zu] etablieren« ist dabei zunächst erklärtest Ziel der Regulierenden.155 Darin sei jedoch eine Besitzstandswahrung der kommerziellen Radionetzwerke impliziert ist, lässt sich ABRAÇO stellvertretend für alle nicht-staatlichen Inskripteur_innen zitieren:

»Die Feinde sind die Monopolisten, die ein vertikales und exklusives kommerzielles Radiosystem etabliert haben, dass sich allein an einer möglichst großen Reichweite und Einschaltquote der Sender orientiert, statt an einem kulturellen und politischen Projekt für die Gesellschaft.«156

AMARC, teilt diese allgemeine Feststellung, sieht aber auch Möglichkeiten, mit einzelnen Repräsentant_innen kommerzieller Sender zu kooperieren.157 Abgelehnt wird jedoch der Interessenverbands ABERT und dessen Vorstellung kommerziellen Radiomachens, denn »ABERT tut sich als Wortführer bei der politischen und ideologischen Verfolgung von ComRads zur Wahrung des Status Quo hervor.«158 Demgegenüber, stimmten »die meisten Unternehmer kleiner Radios mit den Prinzipien und Vorschlägen von AMARC zur Spektrumsnutzung und Verteidigung des Rechts auf Kommunikation überein.« Zumindest potentiell sieht auch RIZOMA diese Möglichkeit, moniert jedoch die fehlende Kompromissbreitschaft und teilweise offen Feindseligkeit.159

Deligitimation der Monopolisten und gegenseitige Anerkennung unterschiedlicher Radio-Inskriptionen im Rahmen einer konsensuellen Spektrumsnutzung, so lassen sich die Legitimationsstrategien im Verhältnis zu den kommerziellen Sendern zusammenfassen. Die von ABRAÇO São Paulo geforderte gänzlich Abschaffung kommerzieller Medien bildet demgegenüber eine Minderheitenposition.160 Interessanter ist es deshalb eine vierte Strategie in den Blick zu nehmen, die unabhängige Radios in einer direkten Kooperation mit kommerziellen Radio zu mehr Legitimation verhelfen will. Als eine »Komplementierung des Radioservice« beschreibt VIVA RIO die »Annäherung der ComRads an das kommerzielle Segment«. Die NGO realisierte diesen Vorschlag Ende der 1990er Jahre in Rio de Janeiro, als Rede Globo einen seiner Lokalsender zur Verfügung stellte, um die Inhalte von Community Radios zu übertragen – unzensiert, aber eingebettet in die üblichen Werbeblöcke.161 »Und dafür sind wir von der [ComRad-]Bewegung stark kritisiert worden, erinnert sich Santos von VIVA RIO.

»Die Annäherung wurde als eine Art Adhäsion an das kommerzielle Segmentmissverstanden. Dabei ging es nur darum zu zeigen, dass auch Community Radios ihren Stellenwert, Qualität und Inhalte haben, dass es sich um einen wichtigen Prozess handelt, um Botschaften von der Basis zu artikulieren.«162

Ohne hier auf Anschuldigen einzelner Vertreter_innen von ABRAÇO und AMARC einzugehen, die neben einer Kommerzialisierung der ComRads off the record auch die nicht uneigennützige Vermittlungsleistung von VIVA RIO bei dieser Kooperation beklagen, ist dennoch spannend wie hier zeitweilig ein legitimatorisches Fenster in der kommerziellen Medienproduktion entstand, wie zum Beispiel eine Reportage in der Tageszeitung O Globo, »über einen Jungen aus den Favelas, der mit einem Sendegerät experimentiert. Gelobt wurde dabei explizit das Potential der Community Radios, Jugendliche von der Gewalt und dem Drogenhandel abzubringen«163. Das kooperative Experiment wurde nach einigen Monaten jedoch von Rede Globo beendet, die Beteiligten äußern sich bisher nicht öffentlich zu den Gründen. Vielleicht habe des daran gelegen, dass »VIVA RIO dieses Radio schnell zu einer Waffe in Händen der Community Radios machte«.

Während die Zusammenarbeit mit kommerziellen Radios umstritten bleibt, schreiben sich sowohl Freie als auch Community Radios gegenüber öffentlichen Radios nahezu einhellig in ein Verhältnis der Nähe ein. Gemeinsam ist zunächst allen die Forderung, auch unabhängige Radios konzeptuell als öffentliche Sender anzuerkennen. Dies erklärt sich, wie bereits erläutert, aus der in der Verfassung angelegten Dreiteilung des Spektrum in staatliche, private und öffentliche Sektoren. Da die Übergänge zwischen den letztgenannten Sphären in den Gesetzen (vgl. Kap. 2.1.2.2.) und in der alltäglichen Praxis jedoch unscharf verlaufen, müssen beide Positionen für die genauere Bestimmung des Verhältnis zu den ComRads und Freien Radios in den Blick genommen werden.

Groß ist der Zuspruch zunächst gegenüber einer Kooperation mit den Sendern des öffentlichen Radionetzwerks EBC. Denise Viola, die neben ihrer Mitarbeit im Frauennetzwerk von AMARC auch als Journalistin für den EBC-Sender MEC in Rio de Janeiro beschäftigt ist, sieht hier einen reziproken Gewinn an Legitimation, denn »öffentliches Radiomachen ist in Brasilien noch immer im Werden, es gibt kein wirkliches Konzept. Die EBC kann von den Community Radios lernen, wie Hörer_innen erreicht werden, welche Sprache und Inhalte ankommen«.164 Die ComRads könnten über eine Mitarbeit an Nachrichtensendungen der EBC dagegen ein größeres Publikum für ihre Belange erreichen, ihre Existenz verdeutlichen und sich für ihre Mitarbeit zugleich materielle und finanzielle Unterstützung erschließen. ABRAÇO macht letzteres sogar explizit zur Voraussetzung für eine Kooperation und beansprucht eine privilegierte Partnerschaft für die Mitglieds-Sender.165 Diese Haltung verdeutlicht, wie wichtig ComRads die Zusammenarbeit mit der EBC nehmen, sei aus finanziellen, inhaltlichen, edukativen oder eben legitimatorischen Gründen.167

Überraschend ist gegenüber dem Konkurrieren der ComRads um eine Zusammenarbeit mit der EBC, das geringe Interesse daran, mit staatlichen Bildungssendern zusammenzuarbeiten. Lediglich off the record werden vom FDC dafür einige Gründe benannt, wenn diesen Sendern pauschal unterstellt wird als »Geldwäschemachinen von Politikern« zu fungieren.168 Vor einer »Dämonisierung« der Bildungsradios warnt hingegen Denise Viola, da einige dieser Sender im Landesinneren durchaus eine wichtige Bedeutung hätten. Ihre finanzielle Lage und ihre institutionellen Strukturen seien dabei äußerst prekär, was eine Kooperation mit ComRads erschwere.169 Eine atavistische Delegitimierung betreibt dem entgegen ABRAÇO São Paulo, die wie schon den kommerziellen Radios jeglichen staatlichen und öffentlichen Sendern ihre Existenzberechtigung absprechen, da auch diese »den Interessen der Bevölkerung nicht gerecht werden, ebenso Kriege und Vorurteile anzetteln wie die Privaten. Wir müssen ein neues Radioformat schaffen, anstatt von Komplementarität zu sprechen«.170

Mit dieser Haltung isoliert sich ABRAÇO São Paulo jedoch von allen weiteren Inskriptionen. Denn abschließend lässt sich zur Kooperation mit privaten, öffentlichen und staatlichen Sendern bemerken, dass gerade das Konzept der Komplementarität als eine geteilte Prämisse fungiert, von der auch eine Stärkung der jeweils eigenen medialen Anerkennungswürdigkeit erhofft wird. Denn sie stabilisiert die Inskriptionen unabhängigen Radiomachens nicht nur konzeptuell, sondern auch in quantitativer Hinsicht bezüglich nutzbarer Radiofrequenzen. Die network builder schwanken deshalb in ihren relationalen Einschreibungen zwischen potentiell Verbündeten und Verhandlungspartner_innen, wobei letztere nicht die Verteidiger_innen des status quo umfasst, die weiterhin als »Gegner«171 betrachtet werden. Die Monopolisten bleiben für den Legitimationsprozess eine ambivalente Größen. Zum einen delegitimieren sie unabhängige Radios, indem sie Verhandlungen wie der CONFECOM fern bleiben. Zugleich aber generieren sie auch ein verbindendes Feindbild, denn »Feuer und Wasser gehen nun einmal nicht zusammen...«172

 

3.3.2.4 Weitere komplexe Akteur_innen

Neben diesen, in den Inskriptionen äußerst präsenten Akteur_innen-Gruppen, werden noch weitere relevante Entitäten beschrieben, die bei der Beschreibung komplexer Beziehungen ebenfalls wiederkehrende Protagonist_innen sind. Ihre Rollen werden nicht immer vollständig beschrieben, ich konzentriere mich deshalb jeweils auf jene Momente, in den explizit ihr (de)legitimierendes Potential für unabhängige Radios entfaltet wird. Es lassen sich dafür in den Inskriptionen sechs  Akteur_innengruppen identifizieren.

(1) Die Kooperation mit NGOs, Think Tanks, Agenturen und akademischen Akteur_innen ist nicht nur eine verbreitete und sichtbare Erfahrung vieler unabhängiger Radios in Brasilien, die auf Webseiten, T-Shirts und Stickern ihre Logos hinterlässt.173 Auch in den Inskriptionen wird diese Kooperation beschrieben und in ihrem idealen Verhältnis definiert. Diese drückt sich darin aus, dass NGOs unabhängige Radios zwar unterstützen sollten und dabei zunächst einmal auch »Aufgaben übernehmen, die eigentlich dem Staat zukommen«.174 Wichtig ist jedoch »dass sie wissen, was sie wollen und nicht den Staat langfristig von seinen Pflichten entbinden«. Eine ständige Herausforderung sei dabei, Projekte gemeinsam mit den ComRads zu entwickeln, denn noch immer gäbe es viel NGOs die den Sendern »Geld und Ressourcen abzapfen«175. Nicht länger als Dienstleister von Außen aufzutreten sei zugleich eine »Frage der Gerechtigkeit und der Legitimität«176. Eine anerkennungswürdige Kooperation, die auch den ComRads zugute kommt, begründet sich demnach zunächst in der Qualität dieser Beziehung.

Zugleich wird die legitime Anwesenheit von Nichtregierungsorganisationen im Prozess unabhängigen Radiomachens an einzelnen Merkmalen dieser Akteur_innen festgemacht. Für  ABRAÇO steht beispielsweise die Zusammenarbeit mit der NGO CRIAR außer Frage, da diese u.a. Dienste und Produkte für kommerzielle Radios anbieten.177 Auch innerhalb von AMARC Brasil gibt es ein ständige Debatte, inwiefern es aus historischen oder aktuellen politischen Gründen legitim für ComRads (oder network builder) sei, beispielsweise mit der Ford Foundation oder der Open Society Foundation zusammenzuarbeiten. Auch in RIZOMA lassen sich solche Debatte dokumentieren, es gibt jedoch wenige konkreten Beispiele für eine stattfindende oder stattgefundene Kooperation.178 Legitimiert scheint in jedem Fall die enge Kooperation mit dem informellen Think Tank Saravá, an dessen Studien zu Medien und Kommunikation auch viele Mitwirkende von Rizoma beteiligt sind.

Die Zusammenarbeit mit stärker institutionalisierten akademischen Akteur_innen, die über die Teilnahme der network builder an Seminaren und Kongressen hinausgeht, wird überwiegend kritisch betrachtet. Zunächst wird vor allem im Bereich der Sozialwissenschaften bemängelt, dass »die Universitäten nicht dazu beitragen, eine neue mediale Sprache für Community Radios zu entwickeln«.179 Ihre externen Forschungsperspektiven tragen nach Ansicht von AMARC Brasil nicht dazu bei, die Anerkennungswürdigkeit der Sender zu erhöhen, was das alltägliche Radiomachen betrifft. Darüber hinaus wird Forscher_innen aus dem Bereich der Informatik und Elektrotechnik vorgehalten, eine »futuristische Ideologie« zu vertreten, die »die Lücke zwischen den unterschiedlichen Brasiliens weiter vergrößert«.180 Mitwirkende von RIZOMA, die in ihren persönlichen Lebensläufen diesen Forschungsbereichen oft näher stehen, sehen dies differenzierter. Vor allem die Privatisierung von ehemals staatlichen Forschungseinrichtungen, habe dazu geführt, dass diese ihr Interesse an unabhängigen Medien zugunsten gewinnorientierten Kommunikationssystemen neu ausgerichtet hätten.181

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass (von der mangelnden Legitimationshilfe akademischer Akteur_innen abgesehen), die network builder neben der Formulierung allgemeiner Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit mit NGOs und Stiftungen in ihren Inskriptionen ständig vor der Herausforderung stehen, sich mit der potentiellen Anwesenheit spezifischer Akteur_innen auseinanderzusetzen, um zu verhindern, dass die Anerkennungswürdigkeit des von ihnen vermittelten Radiomachens dadurch ggf. negativ beeinflusst werden könnte.

(2) Eine ähnliche Anstrengung wird oftmals auch unternommen, um die Beziehung zu Staat, Regierung(en) und Parlament(en) zu legitimieren. Das Verhältnis zur brasilianischen Regierung beschreiben unabhängige Radios als äußerst zwiespältig, denn die Kommunikationspolitik der seit dem Jahr 2002 regierenden Arbeiterpartei (PT) sei »schizophren«182. Die Regierung handle nicht monolithisch.

»Auf der einen Seite lässt der offene Konflikt zwischen dem Kommunikationsministerium [MiniCom] und den Community Radios beschreiben. Darin involviert ist auch [die Regulierungsbehörde] ANATEL, die eigentlich eine Autonomiestatus hat, aber auch als Arm des MiniCom fungiert. Auf der anderen Seite unterstützt beispielsweise das Kultusministerium [MinC] Community Radios im Rahmen vielfältiger Programme.«

Innerhalb solcher Programme fungieren die network builder nicht selten als Vermittler_innen zwischen staatlichen Institutionen und den einzelnen Sendern.183 Selbst Vertreter_innen von RIZOMA bleiben bspw. bei der Organisation sogenannter Kulturpunkte (ponto de cultura), einem Programm des MinC nicht außen vor.184 Auch wenn das Verhältnis zur PT manchmal enger, manchmal distanzierter ist, verteidigen alle Inskripteur_innen das Interesse der Regierungspartei an einer Medienreform zugunsten unabhängiger Radios, die jedoch bisher wegen des Einflusses anderer Parteien in der Regierungskoalition nicht zustande gekommen sei.185 Vor allem die beiden Kommunikationsminister, Eunício Lopes de Oliveira und Helio Costa von der PMDB hätten konsequent alle Bestrebungen zunichte gemacht. Präsident Luis Ignacio da Silva habe deshalb den Vertreter_innen der Community Radios nahegelegt, Unterstützung besser bei der Legislativen zu suchen.

Dem Zuspruch der PT in der Regierung entspricht eine strukturelle Kritik des brasilianischen Kongress, als denkbar ungeeignetsten Ort, eine Mehrheit an Legitimationshelfer_innen für unabhängige Radios zu finden. Das parteiübergreifende Bündnis (bancadas) von Medieneigentümer_innen im Kongress, bzw. ihnen zuzurechnender Repräsentant_innen habe bisher die Diskussion einer Novellierung der Gesetze stets verhindert.186 Diese Blockade finde auch in den einzelnen Gremien und Ausschüssen der Abgeordnetenkammer und des Senats statt. Nichtsdestotrotz unterhalten die network builders ständig Kontakt mit der Parlamentarischen Front für die Meinungsfreiheit (Frente Parlamentar pela Liberdade de Expressão), die dazu beiträgt, punktuelle Erlässe und Beschlüsse zugunsten unabhängiger Radios zu unterstützen.187

Sowohl die Bundesregierung als auch der Kongress, werden auf Grund ihrer mangelnden Fähigkeit, die asymmetrische Medienpolitik zu korrigieren, in ihrer Anerkennungswürdigkeit herausgefordert. Erneut ist es die Krise institutioneller Akteur_innen, manifest in Koalitionszwängen und dem Einfluss von Lobbygruppen, die es verhindert, legale Normen zu reformieren und damit einen Beitrag zu legitimen Spielregeln für unabhängige Radios zu leisten. Zugleich wird aber auch das anhaltende Interesse einer erneuten Aushandlung der allgemeinen Bedingungen des Medienmachens deutlich. An dieser Stelle noch nicht zu beantworten ist dagegen die Frage, worin die punktuelle Kooperation mit einzelnen Ministerien motiviert ist, die sowohl Freie als auch Community Radios umfasst.188

(3) War bisher von staatlichen Institutionen die Rede, dann einzig auf Bundesebene. Dies lässt sich nur zum Teil damit erklären, dass kommunale und bundesstaatliche Organe nicht an der Kommunikationsgesetzgebung beteiligt sind. Zugleich findet aber auch ein Perspektivwechsel statt, wenn die network builders die regionalen politischen Bande unabhängiger Radios explizieren. Zum einen lässt sich eine Personifizierung beobachten; geredet wird nicht länger von komplexen Institutionen sondern von einzelnen Parteien und Politiker_innen. Zugleich sind diese individualisierenden Akteur_innen-Beschreibungen überwiegend negativ konnotiert. »Das Böse« tritt immer im Singular auf und bedroht eine idealisierte lokale demokratische Kultur. Die Ausnahme bildet hier interessanter Weise das Narrativ der bundesstaatlichen Regulierenden die generalisierend von »Städten im Landesinneren« sprechen, »wo der Einfluss der Kirchen und der Präfekturen sehr stark ist. Dort müssten wir ständig kontrollieren damit das MiniCom reagieren, Strafen verhängen und das Verhalten korrigieren kann«189

Die anderen network builders sprechen dagegen von Versuchen einzelner Politiker_innen, Community Radios unter ihrer Kontrolle zu bringen (oder sogar selbst zu gründen). Auch sehen sie die Möglichkeit gewahrt, diesen Offerten zu entgehen und punktuell konstruktiv mit lokalen und regionalen Institutionen (z.B. Stadträten) zusammenzuarbeiten und Abkommen treffen zu können. »Man muss eben vorsichtig sein, aber es geht«190. Ausgeschlossen sind hier jeweils individuelle Akteur_innen, die versuchen Radios zu korrumpieren oder für ihren Machterhalt zu instrumentalisieren.191

Wendet man diese Prämisse auf die lokalen Beziehungen zu einzelnen Parteien an, löst sich der allgemeine Zuspruch zur PT auf Bundesebene in einer Kontroverse auf:  Inwiefern ist, vor allem in Bezug auf Wahlkämpfe, eine enge Kooperation tatsächlich wünschenswert und legitimierbar?. Offen gegen jegliche Kooperation sprechen sich RIZOMA, AMARC Brasil und das FDC aus, wobei letzteres kritisiert, die PT versuche bis heute, die ComRad-Bewegung »unter Kontrolle der Partei zu halten«192. Demgegenüber steht exemplarisch Tião Santos Position, der seine PT-Kandidatur für die Abgeordnetenkammer von Rio de Janeiro im Jahr 2010 damit rechtfertigte, so die Belange der Community Radios effektiver vertreten zu können.193

Erst ein genauerer Blick auf die inskribierten Übersetzungsketten (3.5.) wird die Legitimation dieser kontroversen Kooperationen detailliert nachzeichnen können. Deutlich wird jedoch bereits hier, zum einen, dass die bundesstaatliche Exekutive kein Interesse hat, definitorische und regulative Befugnisse aus der Hand zu geben. Zum anderen sind die übrigen network builder darauf bedacht, ihre Skripte nicht pauschal delegitimieren zu lassen, sobald eine Kooperation mit lokalen Politiker_innen und Parteivertretungen stattfindet. Dem Generalverdacht eines Missbrauchs der ComRads für (partei)politische Zwecke auf der einen Seite, entspricht der Versuch eine Anerkennungswürdigkeit zu konstruieren, die ComRads als fähig zeichnet, selbständig interessenpolitische Grenzen zu ziehen, die mit ihrer gesellschaftlichen Rolle vereinbar sind.194

(4) Die Frage nach den Grenzen (partei)politischer Kooperation stellt sich in ähnlicher Weise auch für das Verhältnis unabhängiger Radios zu sozialen Bewegungen und Gewerkschaften: Inwiefern sollte sich ein Sender zum Sprachrohr einer Bewegungen machen und seine Mediationen an deren Bedürfnissen und Forderungen orientieren? Um darauf zu antworten, unterscheide ich zwei Perspektiven, eine erste, die unabhängiges Radiomachen selbst als Bewegung versteht, und eine zweite, die sich kritisch mit den spezifischen Relationen zu anderen kollektiven Akteur_innen auseinandersetzt, die sich als soziale Bewegungen verstehen.

Bereits unter dem Blickwinkel, der unabhängige Radios als soziale Bewegung auffasst, gehen die Inskriptionen der network builders weit auseinander. Das MiniCom bestreitet, dass die unabhängigen Radios in Brasilien eine Qualität erreicht hätten, um von einer Bewegung zu sprechen. Zwar habe »die Zivilgesellschaft eine Reihe von Forderungen artikuliert, die dann in der Gesetzgebung berücksichtigt wurden. Aber die Kriterien dafür sind im MiniCom entstanden.195 AMARC Brasil und ABRAÇO Nacional sprechen dagegen von einer historisch gewachsenen Radiobewegung, eingebettet in eine Bewegung für die Demokratisierung der Kommunikation, die sich in einer Phase der Neuorganisation befinde.196 Die Mitwirkenden von RIZOMA schließlich sehen weder eine homogene Bewegung noch erscheint ihnen eine solche als erstrebenswert. Ihr Anliegen konzentriert sich zunächst auf eine »allgemeine Sensibilisierung der Medienfrage« und einen selbstreflexiven »Bruch mit dem eigenen Verhalten«.197 Freie Radios seien vor allem »Türen, um andere Netzwerke kennenzulernen, Kontakte und Perspektiven kennen[zu]lernen«198. Während die Exekutive eine Radiobewegung als nicht existent delegitimiert, verteidigen die ComRad-Verbände ihre Bedeutung. Freie Radios dagegen erteilen der Frage nach Repräsentanz erneut eine Absage und gründen ihre allgemeinen Anerkennungswürdigkeit in einem individuellen Prinzip (kritischer (Selbst) Reflektion).

Von dieser ersten Selbstbeschreibung, ist auch das konstruierte Verhältnis zu (anderen) sozialen Bewegungen beeinflusst. Wo das MiniCom allenfalls »ein relativ neues Phänomen« des gegenseitigen Kennenlernens erkennen mag, spricht AMARC von einer Neuorganisation der historisch gewachsenen Akteur_innenbeziehungen. Für ABRAÇO Nacional steht dabei die Affirmation seiner Rolle als zentrale_n soziale_n Akteur_in im Vordergrund. Alle Entitäten und sozialen Bewegungen Brasiliens hätten einen Fuß in der sozialen Basis von ABRAÇO, eine Tatsache die jedoch viel zu wenigen »Gewerkschaften, Vereinen, Verbänden, NGOs und Gemeindeorganisationen« klar sei. Während sie allesamt die ComRads als Sprachrohre nutzen würden, »müssen sie dafür sensibiliert werden, dass sie auch eine gemeinsame Verantwortung für den Erhalt und die Verteidigung der ComRads haben«.199

Die Mitwirkenden von RIZOMA dagegen unterscheiden bei ihren Banden zu sozialen Bewegungen  zwischen dem »engen Kontakt Freier Radios zu Bewegungen sozialen Ungehorsams« und »Bewegungen, die einen missionarischen (proselitista) Diskurs pflegen und sich von Freien Radios fern halten«.200 Diese Unterscheidung sei wichtig, denn »während Landlose und Fabrikbesitzer genau wie Freie Radios keine Legitimation durch den Staat benötigen, um zu agieren«, sei das politische Agieren anderer Gruppen, die »eine bestimmte Vorstellung der Gesellschaft hegemonial werden lassen wollen«, nicht kompatibel mit dem Freien Radiomachen, das »nicht diesen hegemonialen Drang hat, und darauf bedacht ist, stets ein bestimmtes Publikum zu bedienen und zu vergrößern«.201

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Unterstützung sozialer Bewegungen seitens der ComRads ein ebenso klareres Legitimationskriterium bildet, wie der Anspruch, sich selbst als soziale Bewegung darzustellen. Freie Radios konstruieren ihre Anerkennungswürdigkeit dagegen distanzierter und eher indirekt. Sie knüpfen Bande über spezifische geteilte Prämissen politischer Handlungsprogramme (z.B. ziviler Ungehorsam) und der allgemeine Forderung des Rechts auf Meinungsfreiheit. Punktuelle Kooperationen mit sozialen Bewegungen werden nicht ausgeschlossen, jedoch nicht zur Legitimation des Medienmachens herangezogen.

(5) Was das Verhältnis zu religiösen Gruppen anbetrifft, lässt sich für fast alle network builder Freier und Community Radios zunächst festhalten: Missionieren in einem unabhängigen Radioprogramm ist ein no go. Das Gesetz verbietet genehmigten ComRads explizit jeglichen Bekehrungseifer und ANATEL findet es wichtig, »künftig noch stärker zu kontrollieren, denn vor allem die vielen Anzeigen belegen, dass so etwas häufig passiert«.202 Doch die These, vor allem evangelikale Freikirchen würden in jüngerer Zeit versuchen sich der unabhängigen Radios als Medium zu bemächtigen, ignoriere ihre permanente Präsenz auf Radiotreffen seit den 1980er Jahren, kritisiert Carlos Rocha vom FDC und erinnert sich an den Auftritt eines Pastors bei einer Podiumsdiskussion in den 1990er Jahren mit dem damaligen Kommunikationsminister Sérgio Motta:

»Er sagte: 'Wer Jesus in der Brust hat, der hat weder Angst vor der Polizei noch vor Abgeordneten. Wir werden das Radio mit Jesus im Herzen voranbringen, mit oder ohne die Zustimmung der Autoritäten.' Das sagte er so und so sind die Evangelikalen ja auch. Ich bin Katholik, aber ich denke die Evangelikalen haben großen Anteil am Kampf der Community Radios«.203

Die Kooperation des FDC mit evangelikalen Freikirchen, wird seitens der anderen network builders schnell herangezogen, um diese Inskription zu delegitimieren. Der FDC hält dagegen: »Der Kampf um Meinungsfreiheit bedeutet für [die Evangelikalen], die Wahrheit Christi zu vertreten«.204 Doch Meinungsfreiheit könne nicht mit Missionierung gleichgesetzt werden, weil »in ComRads Religion, wenn, dann als etwas offenes« artikuliert werden müsse, hält AMARC Brasil dagegen.205 Weder Evangelikale, noch Katholiken, noch andere Religionen sollten deshalb missionarisch auftreten. Dies sei eine Grundlage, um die Pluralität in einem Radio zu erhalten. Denn »wie kannst du die Gesellschaft demokratisieren, wenn du die Radios nicht für die LGTB-Gemeinde öffnest? Oder wenn nicht für afrikanische Religionen? Innerhalb der Religionen gibt es Ausschlüsse, die nicht im Radio reproduziert werden dürfen«.206

Die Frage der Pluralität stellt sich erneut unter anderen Vorzeichen, wenn die Anerkennungswürdigkeit unabhängiger Radios besprochen wird, die von einer religiösen Organisation, bspw. einer Kirche organisiert werden. Zunächst, wird dabei verhandelt, ob die Organisation eines unabhängiges Radios durch eine religiöse Gruppe oder Institution zu legitimieren ist. Weder die legale Inskription, noch die network builders schließen diese Möglichkeit (bis auf eine Ausnahme) kategorisch aus, sondern machen sie an einem spezifischen wie fest.207 Als einzelne legitimierende Kriterien werden benannt, der »Verzicht auf missionarische Botschaften« oder »offene, nicht religiös geschlossen« Sendepraxen, bei denen »Programm und Vorschläge von Bürgern und Bürgerinnen kommen«208 Nicht Religion per se wird also ausgeschlossen, sondern eine bestimmte qualitative Einbindung in die Inskriptionen formuliert.

Zwei extreme Positionen unterlaufen eine solche differenzierte Annäherung. Zum einen jene Haltung, die dezidiert die Anwesenheit Evangelikaler als delegitimierend auffasst, ohne dass hier eine symmetrische interreligiöse Auseinandersetzung stattfinden würde.209 Zum anderen erklärt sich das FDC zur/zum Legitimationshelfer_in evangelikaler Radiomacher_innen und geht soweit, auch Missionierung als einen Beitrag zum Gemeinwohl anzuerkennen. Wie ein Radio religiöse Inhalte außerhalb dieser polarisierenden Prämissen jedoch different in medialen Übersetzungsketten mobilisieren kann und sollte, wird von den network builders nicht genauer beantwortet und einmal mehr an die einzelnen Radiokollektive weitergegeben.

(6) Eine letze, schwer zu fassende Akteur_innengruppe, versammelt all jene Entitäten, die sich in den komplexen Mediationen unabhängiger Radios allein in der Vermittlungsleistung zwischen einzelnen Radiokollektiven und weiteren, vor allem staatlichen Akteur_innen ausdrücken. Hinweise darauf geben die network builder innerhalb der eignen Inskription oft nur insofern, als dass sie sich von spezifischen hidden actors zunächst distanzieren. Eine solche Akteur_innengruppe umfasst beispielsweise jene Vermittler_innen, die zwischen ComRads und den Ansprüchen der brasilianischen Rechteverwertungsgesellschaft der Musikindustrie (ECAD) monatliche Zahlungen für das Senden von Musik mit copyright aushandeln. Während Oboré dieses Vorgehen als einen »guten Weg« beschreibt, schließen Mitglieder von AMARC Brasil aber auch RIZOMA jegliche Zahlungen aus und sprechen sich gegen solcherlei Vermittlungen aus.210

Die eben erwähnte Organisation Oboré aus São Paulo tritt zugleich selbst als Vermittler_in von Community Radios in Erscheinung, zum Beispiel beim Monitoring bezahlter Radiospots des börsennotierten Stromkonzerns Eletropaulo.211 Auch Ministerien greifen mitunter NGOs oder network builders selbst heraus, um als agent Projekte mit unabhängigen Sendern zu koordinieren. Diese Art Akteur_innen-Konstellationen ist nicht unumstritten, weshalb die beteiligten Vermittler_innen stets herausgefordert sind, ihre Legitimation unter Beweis zu stellen. So verteidigte beispielsweise Oboré seine Monitoring-Tätigkeit auf einem Treffen mit ComRads mit der Begründung, es handle sich um ein »Pilotprojekt, dass ohne unsere Mediation nicht zustande gekommen wäre«212. Nur eine temporäre Vermittlung sei zulässig. In Berufung auf diese Prämisse unterstellte die Organisation ständigen Intermediären deshalb zugleich nicht legitim zu sein, alle voran Carlos Rocha, in seiner zentralen Vermittlerrolle zwischen im FDC organisierten ComRads und anderen externen Akteur_innen. »Diese Art Repräsentation ist problematisch und erschwert den Kontakt zu und zwischen den Sendern«.213

Wie zu sehen ist, sind die heterogenen Vermittler_innen bei näherer Betrachtung äußerst ambivalent. Ähnlich wie für die Gruppe der NGOs, stehen sie unter ständigem Druck, ihre Anwesenheit begründen zu können. Was leisten sie, was unabhängige Radios nicht auch selbst leisten könnten? Analog dazu lässt sich erneut nachfragen, inwiefern ihre Vermittlungen unabhängige Radios (de)legitimieren. Das Beispiel des FDC, das die Rollen des network builder und Vermittlers vereint, intensiviert diese Problematik noch zusätzlich, da hier zugleich die Anerkennungswürdigkeit seiner spezifischen Inskription von Community Radio herausgefordert ist.

Noch bevor ich erste Schlüsse aus den hier dokumentierten Montagen ziehe, ist festzuhalten, dass die Diversität der hier betrachteten komplexen Akteur_innen auf ein breites relationales Netzwerk verweist, dass in den unvollständigen Beschreibungen der network builders (auch aus eingangs beschriebenen theoretischen Überlegungen heraus) empirisch immer nur angedeutet und perspektivisch erschlossen werden kann. Dennoch hat die Verfolgung der hier skizzierten Spuren es möglich gemacht zunächst eine wichtige »Montage-Dynamik« nachzuzeichnen, nämlich den Versuch, komplexe Vermittlungen in die komplizierten Handlungsprogramme (d.h. die Signalerzeugung im engeren Sinne) einzuschreiben. Die prominenteste kategorische Grenzgängerin ist dabei die (Hörer_innen)-Community, deren aktive Beteiligung an der Signalerzeugung wiederholt eingefordert wird.214

Die dokumentierten Beobachtungen zeigen somit, dass die Unterscheidung von komplexen und komplizierten Akteur_innen der Konstitution radialer Akteur_innen-Netzwerke nicht vorgelagert, sondern Teil spezifischer Aushandlungen ist. Daran gekoppelt ist die Möglichkeit, durch eine enge Einbindung von Akteur_innen das Legitimationsnarrativ strategisch zu verändern. Wird beispielsweise, wie gesehen, die Hörer_innen-Community als eine komplizierte Größe einbezogen, dann intensiviert sich auch ihre Rolle bei der Betrachtung der Anerkennungswürdigkeit. Radio wird nicht länger nur für sondern mit der Community gemacht. Welche Bedeutung die network builder solchen spezifischen Modifikationen der Akteur_innen-Rollen im Einzelnen zukommen lassen, wird in den folgenden Unterkapiteln Mediationen (3.4.) und Mobilisierungen (3.5.) nun weiter aufgefächert.

 

3.3.3 Anleitungen – Handlungspotentiale 

Vor einer näheren Betrachtung der hier kompilierten Akteur_innengruppen innerhalb radialer Übersetzungsketten, möchte ich noch einmal auf die Formate und Formatierungen der besprochenen Inskriptionen unabhängigen Radiomachens eingehen. Zunächst ist dabei zu erwähnen, dass die hier rekonstruierten Skripte sich stark von herkömmlichen Bauplänen, Gebrauchsanweisungen oder Nutzungsvorschriften die zur Realisierung technischer Objekte geschrieben werden unterscheiden. Denn wie deutlich wurde, stammen die meisten Zitate der Skripte keiner schriftlichen und geschlossenen Handlungsanweisung sondern wurden in erst in den Interviews und Beobachtungen der Feldforschung expliziert. Lediglich das ComRad-Gesetz stellt seit 1998 einen nur punktuell veränderten geschriebenen Text dauerhafter Assoziationen dar, der in seinem Selbstverständnis legaler und legitimer Allgemeingültigkeit ohne zusätzliche Kommentare auskommt.

Spezifische Handlungspotentiale unabhängigen Radiomachens müssen ansonsten jedoch erfragt und rekonstruiert werden, besonders hinsichtlich des an medialer Legitimation interessiertem setting. Jenseits dieses spezifischen Interesses, ist bisher jedoch nicht beantwortet worden, ob und wie die network builders ComRads bzw. Freie Radios allgemeine Handlungsanleitungen für die Montage unabhängiger Sender handreichen. Dieser Frage nachzugehen ist jedoch äußerst relevant, da sie Aufschluss darüber gibt, welches Gewicht die Inskripteur_innen der Konfiguration komplizierter und mitunter auch komplexer Akteur_innen für die einzelnen Konstruktionen medialer Anerkennungswürdigkeit geben.

Einführend lässt sich bemerken, dass die untersuchten Akteur_innen allesamt dauerhafte Assoziation für die Montage verbreiten. Sie unterscheiden sich jedoch stark voneinander. Das von den legalen Inskripteur_innen verbreitete Skript in Form des ComRad-Gesetzes ist in Bezug auf seine formal-rechtlich formulierten Anforderungen und Normen an das Community Radiomachen bereits ausführlich besprochen worden.214 Entscheidend ist vor allem die stark regulierte Signalerzeugung, von der sich alle Charakteristik des verwendeten Equipments ableitet. Auch alle weiteren Eigenschaften werden vor allem unter der Perspektive des Erlaubtseins oder des Machenmüssens formuliert. Die Realisierung und konkrete Formulierung einzelner Handlungspotentialen wird jedoch an die Radiomacher_innen oder nicht-staatliche network builders weitergegeben.

Während des Forschungszeitraums verwies ABRAÇO Nacional vor allem auf zwei solcher konkreten Anleitungen zum Radiomachen, zum einen, auf das »in Zusammenarbeit mit dem brasilianischen Entwicklungsministerium« publizierte Handbuch »Oficina de Capacitação para Radialistas Comunitárias« und auf das von »ABRAÇO Nacional editierte Para fazer Rádio Comunitária com »C« maiúsculo«215. Auch wenn der Radioverband laut Impressum für keinen der beiden Texte eine Autor_innenschaft beanspruchen kann, wird dennoch die Intention deutlich, präzise Modelle zu zirkulieren, in denen beschrieben wird, wie ComRads allgemein organisiert seien sollten.

Darüber hinaus bietet ABRAÇO Nacional auf seiner Website den Service an, Mitglieder bei spezifischen legalen und finanziellen Fragen zu beraten.216 Eine ebenfalls exklusiv für Mitglieder angebotene Beratung zu juristischen und technischen Fragen bietet auch das FDC an. RIZOMA wiederum macht die grundlegenden Elemente und Schritte, um »ein Freies oder Community Radio zu montieren« auf seiner Website offen allen Interessierten zugänglich und empfiehlt angehenden Radiokollektiven sich einen »Techniker aus dem Sendegebiet« zur weiteren Betreuung zu suchen.217 Während ABRAÇO Nacional und das FDC sich für die weitere Realisierung des Handlungspotentials eine potentiell äußerst zentrale Rolle verschreiben, schlägt RIZOMA die Bildung eines unabhängigen, an lokalen Akteur_innen orientierten Sendekollektivs vor.

AMARC Brasil schließlich fällt durch eine große Anzahl an Publikationen auf, von denen sich jedoch keine mit der Montage von ComRads beschäftigt. Vielmehr zieht sich die Organisation auf die Bereitstellung allgemeiner Prinzipien zurück, die bei der Gründung und dem kontinuierlichen Machen von Radio anleitend seien sollten. Wie bereits erwähnt (vgl. 3.3.1.) möchte AMARC Brasil auf diese Weise vermeiden, ein generelles Handlungspotential zu postulieren und gibt den assoziierten Mitgliedern ausschließlich im Rahmen von Workshops praktisches Wissen weiter.218

Die den unterschiedlichen Inskriptionen zuzuordnenden Anleitungen für eine Realisierung unabhängigen Radiomachens (Enrolements und Mobilisierung komplizierter Akteur_innen), divergieren demnach sowohl was ihre Öffentlichkeit und ihre Präzision angeht. Das legale Skript beschreibt das Handlungspotential vor allem auf restriktive Weise, in dem es ComRads die formellen Anforderungen ihrer Anerkennungswürdigkeit diktiert. AMARC formuliert demgegenüber alternative Prinzipien für eine Legitimation unabhängigen Radiomachens, setzt sich jedoch öffentlich nicht näher mit den komplizierten Akteur_innen auseinander, die diese Prämissen realisieren sollen. Gemein ist allen drei nicht-staatlichen ComRad-Inskripteur_innen, dass sie spezifische praktische Handreichungen nicht-öffentlich nur ihren Mitgliedern zugänglich machen und somit ihre Rolle als network builder stärken.

RIZOMA ist gegenüber diesem Agieren präziser und egalitärer. Während sich das Netzwerk bei seinen Beschreibungen Freien Radiomachens ansonsten vor allem entlang einer negativen Medientheorie bewegt, stellt es auf der Abstraktionsebene der Handlungspotentiale (inklusive Webradios) eine Vielzahl von Informationen zur Verfügung, um den Prozesse Freien Radiomachens zu initiieren.219 Zum Freien Radiomachen anregen, nicht jedoch den weiteren Weg abzustecken, ist der Effekt einer Inskription die entgegen den ComRads dort konkret wird (komplizierte Akteur_innen), wo diese sich öffentlich in Zurückhaltung üben und dort schweigt (weitreichende normative Prämissen) wo andere Inskripteure verstärkt um Anerkennungs-würdigkeit konkurrieren.

Abschließend lässt sich festhalten, dass keiner der network builder ein vollständiges Skript für die Montage liefert, sondern unterschiedlich weitreichende Hilfestellungen. Besonders in Bezug auf komplizierte Akteur_innen abstrahieren oder schweigen ComRad-Inskripteur_innen in ihren öffentlichen Anleitungen. Die Auseinandersetzung mit etwaigen technologischen Aneignungen findet nicht-öffentlich statt und hat, anders als im Fall des Freien Radiomachens  keine zentrale Bedeutung für die Legitimation des Medienmachens. Bei den Freien Radios widerum, ist, wie ich gezeigt habe, nicht ein spezifisches und kontinuierliches Handlungspotential legitimierend, sondern das Teilen von best pratices, die der Initiation einer Signalerzeugung zuträglich sind.

Aus entgegengesetzem Blickwinkel lässt sich dieses Fazit auch so formulieren: ComRad-Inskripteur_innen legitimieren ihre Skripte vor allem in Bezug auf normative Konzepte. Ob die fehlenden öffentlichen Anleitungen jedoch eindeutig als attribution gaps zu deuten sind, lässt sich an dieser Stelle noch nicht sagen. Denn diese Zuordnungen von Akteur_innen könnten auch in nicht-öffentlichen, hidden transcripts angelagert sein bzw. intentional offen gelassen worden sein, um ein »distribuiertes Handeln« anzuregen. Bleiben Radios sich selbst überlassen, werden sie im Rahmen von Dienstleisungen versorgt oder als fähig erachtet, sich selbst zu organisieren? Inwiefern die Skripte der network builders beim Medienmachen in die »Operationsketten« der Montagen eingreifen, kann erst ein späterer Blick auf die Organisation der einzelnen Radiokollektive klären.

 

Doch bereits vorher lassen sich die Inskriptionen der network builders über den bisher auf komplizierte Akteur_innen ausgerichteten Fokus weiter präzisieren. Mehr noch, für die Frage nach der Legitimation unabhängigen Radiomachens ist es unabdingbar die Übersetzung der im Kapitel 3.1. besprochenen Positionen in ihre angestrebten Realisierungen und Stabilisierungen nun näher zu betrachten.

 

3.4. Mediationen

Am Anfang der Übersetzungskette steht die Frage, was übersetzt werden soll? Einig allgemeine Ziele sind bereits deutlich geworden, als die Positionen der network builders betrachtet worden und von der Formulierung alternativer Normenkataloge (entsprechend den Bedürfnissen einer Community gegenüber dem bestehenden Gesetz bzw. der Proklamation postmedialer Räume) die Rede war (vgl. 3.2.2). Doch wie genau werden diese Ansprüche hinsichtlich eines spezifischen Gemeinwohls operationalisiert und wie lässt sich dieser Übersetzungsprozesses bei der Betrachtung der Inskriptionen methodologisch fassen? In den folgenden beiden Unterkapiteln folge ich der Prämisse erwünschte (3.4.1) und unerwünschte Vermittlungen (3.4.2) herauszuarbeiten, die für die Artikulation eines (Beitrags zum) Gemeinwohl(s) veranschlagt werden. Anknüpfend an diese Betrachtungen werde ich dann das qualitative Verhältnis zwischen unabhängigem Radiomachen und einer spezifischen Vorstellung von Gemeinwohl untersuchen (3.4.3). Auf diese Weise werden die network builders nicht nur gezwungen, abstrakte Prämissen und daran gekoppelte legitimation claims stärker zu explizieren. Zugleich wird auch ihr konzeptuelles Verständnis von Radiomediationen konkretisiert, das wie wir sehen werden, die Legitimation der einzelnen Radio-Skripte wesentlich prägt.

 

3.4.1 Erwünschte Vermittlungen

Die Inskripteur_innen dimensionieren die erwünschten Mediationen des Radiomachens entsprechend zweier bereits referierter abstrakten Prämissen: Medien demokratisieren (1) und einen medialen Dienst für bzw. mit einer Community zu verwirklichen (2).

(1) Die Demokratisierung der Medien wird dabei von ihrem spezifischen Machen aus betrachtet, einer Operationalisierung des Rechts auf Kommunikation. Dabei prallen zwei perspektivisch diametrale Skripte aufeinander. Das Kommunikationsministerium räumt zwar ein dass »es einer größeren Sensibilität gegenüber der Regulierung der Massenmedien bedarf«, beharrt jedoch zugleich darauf, dass bis zu legalen Veränderungen »die bestehende Gesetze eingehalten und von öffentlichen Angestellten in ihrer Einhaltung durchgesetzt«220 werden müssen. Demgegenüber beschreiben die Skripte unabhängiger Radios einen Prozess

»der seinen Ausgangspunkt in der Sicherstellung hat, dass Individuen und die communities die diese bilden kommunizieren können und dabei nicht den Aneignungen anderer Kräfte wie Staat, Kirche und Kapital ausgesetzt sind«221

Auch wenn MiniCom und ANATEL einer solchen Auffassung von Demokratisierung ablehnend gegenüberstehen dürften, scheinen sich die Regulierenden dennoch bewusst zu sein, dass sie ihren ambitionierten Anspruch, »nur selbst evaluieren zu können, ob unsere Regulierung der Nachfrage der Radiomachenden entspricht« auch legitimieren müssen. Konferenzen und Treffen mit unabhängigen Radiomachenden werden von ANATEL deshalb als »bereichernd« beschrieben, da man so „in direkten Kontakt mit den Radios komme«.

Mit der Affirmation solcher Evaluierungstreffen, die den Austausch über das radiale Akteur_innen-Netzwerk fördern sollen, ist jedoch weder eine symmetrische Aushandlungssituation garantiert, noch ein Kompromiss der Regulierenden, sich mit den Forderungen der übrigen network builders auseinanderzusetzen. Weder das MiniCom noch ANATEL teilen die von allen übrigen untersuchten Inskripteur_innen geäußerte Überzeugung, eine mediale Öffentlichkeit müsse in Brasilien erst noch geschaffen werden und sei unmittelbar von einer Umverteilung der Kommunikationsmittel abhängig. Öffentlichkeit sei in Brasilien »eher ein juristisches Konzept«, und statt einer Situation »in der alle die Möglichkeit haben zu sprechen« finde »ganz im Sinne von Habermas eine Subversion dieses Begriffs statt, die Aneignung des Phänomens der Kommunikation durch eine private Sichtweise«.222

In diese krisenhaften Öffentlichkeit schreiben Freie und Community Radios nun unterschiedliche Alternativen ein, die die Kritik teilen, das Format der Nationalen Kommunikationskonferenz (vgl. 3.1.) sei »zu stark konditioniert«, um dort Veränderungen auszuhandeln.223 Abgesehen von AMARC Brasil, der einer »direkten Aneignung der Produktionsmittel« verhalten gegenüber steht, stimmen alle übrigen nicht-staatlichen Inskripteur_innen darüber ein, dass »die Radios ihre Demokratisierung selbst unternehmen«, ihre »Kanäle vervielfältigen und ihre Kämpfe vereinen« sollten.224 Neben einem Zurückdrängen der kommerziellen Akteur_innen im elektromagnetischen Spektrum, werden eine Beschränkung der Macht »staatlicher Zentralinstanzen« sowie vermehrte »Selbstregulierung und Autonomie« bejaht.225

Die hier veranschlagten qualitativen Veränderungen sind nicht nur weitreichend, sondern werden zugleich auch als machbar verstanden. »Eine andere Kommunikation ist möglich«, dieses Leitmotiv wird von ComRads nicht nur als breiter prognostischer Horizont ausgebreitet sondern auch anhand temporärer Erfahrungen, wie unabhängigen Medienzentren und -netzwerken exemplifiziert.226 Konzeptuell am ausführlichsten ist diesbezüglich das Skript »öffentlicher interaktiver Kommunikation« des FDC, dass in der Errichtung multimedialer Community-Zentren die »Wiedererschaffung eines öffentlichen Raumes« anvisiert.227 Freie Radios dagegen interpretieren den Umstand »auf Sendung zu sein« und autonom Radio zu machen, ohne von jemandem abzuhängen«228 bereits als kontinuierliche Einlösung eines anderen Medienmachens.

In den referierten Positionen der einzelnen Radioskripte werden sehr anschaulich die divergierenden Vorstellungen von Medienmachen, Demokratie und Regulierung deutlich. Entgegen den Positionen des MiniCom und Anatel beziehen die übrigen Skripte ihre Legitimation gerade daraus, nicht nur eine punktuelle Verhandlung des Bestehenden anleiten zu wollen, sondern eine Demokratisierung der Medien an einer fundamentalen Veränderung der Bedingungen öffentlicher Kommunikation festzumachen.

(2) Für das alltägliche Radiomachen in und mit einer spezifischen Community lässt sich dieser Anspruch nun weiter explizieren. Dabei ist zunächst zu erwähnen, dass das ComRad-Gesetz im Verhältnis zu den übrigen Radioformaten in gewisser Weise ja ebenfalls eine »andere Kommunikation« und ein spezifisches Verhältnis zu einer »spezifischen community« beschreibt. Normativ ist dabei u.a. festgelegt dass ComRads »der Verbreitung von Ideen [und] kulturellen Elementen« (Art.3.I), »der Bildung und Integration der Gemeinde« (3.II) und »dem Angebot von Diensten von öffentlichem Nutzen (Art. 3.III) nachkommen sollen, sowie »künstlerische und journalistische Aktivitäten anzubieten« (Art.4.II).229

ComRad-Inskripteur_innen nehmen, wie ich zeigen werde, für die in ihren Skripten veranschlagten Mediationen durchaus auf diese relativ abstrakten Prämissen Bezug und explizieren sie weiter. Und auch Freie Radios »beschäftigen sich mit diesen Ideen“, lehnen die dafür verwandte Form staatlicher Regulierung jedoch ab, »weil diese überflüssig ist. Aber wir verwehren uns nicht gegen Ideen demokratischer Regulierung, welche der Bevölkerung zugute kommen«230.

Ein von allen Beteiligten intensiv diskutiertes Thema ist dabei die kulturelle Mediation unabhängiger Radios. Was im Gesetz als »kulturelle Elemente« beschrieben wird, explizieren die weiteren Skripte unabhängigen Radiomachens auf dreifache Weise. Eine erste erwünschte Vermittlung wird von in der Verfassung festgeschriebenen Prämissen abgeleitet, »unabhängige Produktionen« zu fördern (Art. 221) bzw. »unabhängige nationale und regionale Kultur zu fördern und zu quotieren« (ebd.).231 Damit wird zunächst konzeptuell die Relevanz von ComRads begründet, denen potentiell die erfolgreiche Vermittlung von Kultur zugesprochen wird. Erst in der weiteren Interpretation nicht-staatlicher network builder werden jedoch spezifische Ansprüche an ComRads formuliert, deren Erfüllung die Sender auch empirisch legitimiert. »Ein Community Radio muss die Kultur des Volkes schätzen, dessen Selbstvertrauen stärken und Identifikationsmöglichkeiten bieten«. Dabei solle »die große kulturelle Diversität des Landes« zum Tragen kommen, u.a. »die afrikanischen Regionen und Kultur« und zwar auf eine Weise, die

»die Menschen dazu bringt, zu kommunizieren und ein sich Kennenlernen als community zu ermöglicht. Wenn ein Community Radio tatsächlich die lokale Kultur widerspiegelt, spricht es die Sprache des Stadtteils (bairros)«.232

Eine dritte Sichtweise schließlich, bricht mit dem normativ-instrumentellen Anstrich, die Kultur im Radio in den beiden vorherigen Interpretationen erfährt. Ergebnisoffen wird von Mitwirkenden von AMARC Brasil und RIZOMA eingefordert, unabhängige Radios zu einer »Schnittstelle zwischen Kunst, Politik und ästhetischer Erneuerung« zu machen, »lokale Künstler einzubeziehen« und den »Leuten zu ermöglichen, sich einfach auszuprobieren und Dinge zu machen«233. Als anerkennungswürdig wird hier ein offener Raum vielfältiger kultureller Produktion veranschlagt, der sich mit den vorherigen normativen Prämissen nur die lokale Konnotation teilt. Darüber hinaus koppelt diese dritte Perspektive die kulturelle Produktion viel intensiver an eine offene Realisierung der Meinungsfreiheit und des Rechts auf Kommunikation. Die beiden ersteren stehen dagegen stärker in der im zweiten Kapitel beschriebenen Tradition eines historischen Bildungsauftrags von Rundfunkakteur_innen (vgl. 2.1.1.1), der jedoch nicht länger von einer urbanen Elite sondern einer lokalen Community gewährleistet wird und sich an deren Bedürfnissen orientiert: »Es werden Themen behandelt, die das Gemeinwohl betreffen«234.

Doch wie sieht dieses Gemeinwohl konkret aus und wie verhält es sich zu den erwähnten, im legalen Skript abgesteckten Zielen? Auf konzeptueller Ebene lassen sich die Antworten der network builder in zwei Gruppen einordnen. Die erste teilt die Auffassung des Gesetzes, wenn sie postuliert, dass »Community Radios Werkzeuge der Gemeinden sind«235. Die zweite hingegen verlangt von den  Sendern als aktive Mediator_innen »fit [zu] seien«, um »eine lokale Emanzipation der Community«236 anzuleiten. Die weiteren Dimensionierung des radialen Beitrags zum Gemeinwohl der communities, führt diese doppelte Konzeptualisierung fort. Bezüglich eines Informationsauftrags bspw. wird zum einen die konkrete Aufgabe »Grußbotschaften zu versenden« genannt, zugleich aber auch angemahnt, »die soziale Funktion von ComRads« müsse über eine »few-to-many Informationsweitergabe« hinausführen.237 Ähnlich verhält es sich bei der Diskussion um kommunikative Teilhabe (die sich auch im Integrationsgedanken des ComRad-Gesetzes findet).  Darin wird nicht gefordert dass ein »Radio erreichen muss, das es gehört wird«, sondern auch, das »alle sprechen können« und sollen: »Es geht vor allem darum Leute einzuladen, immer wieder, damit sie das Wort ergreifen«238. Dieser zweite Anspruch wird qualitativ über eine plurale und diverse Kakophonie hinausgeführt, sobald er teleologisch konkretisiert wird und von Radios verlangt wird: »Sie müssen organisatorisch sein und dazu beitragen »öffentliche Dienste« und »öffentliche Güter, die es »sonst nur an Orten der Mittelklasse gibt«239, in den communities zu verwirklichen.

Noch deutlicher kommt dieser organisatorisch Anspruch in der Prämisse zum Tragen, unabhängige Radios sollten zur Entwicklung der community beitragen. Benannt werden explizit der Aufbau öffentlicher Gesundheits- und Verkehrs- (besonders Asphaltierung) und Kommunikationsdienste  sowie von Freizeit- und Bildungsangeboten.240 Darüber hinaus sollten Radios auch den lokalen Handel und die industrielle Produktion fördern, sowohl als Schlichter_innen bei Streitfällen in der Community intervenieren.241 Viele der hier als kollektive Aneignungen formulierten Ziele werden auch in einer gemeinsamen Artikulation mit sozialen Bewegungen gedacht, von denen komplexer Präsenz beim Radiomachen bereits die Rede war (vgl. 3.3.2.4.). Im Rahmen erwünschter Vermittlungen geht es dabei entweder um dezidiert lokale Organisationen (z.B. Nachbarschaftskollektive) oder dem lokalen Ausdruck regionaler, nationaler oder transnationaler Bewegungen.

Auch wenn die network builders bei der praktischen Zusammenarbeit teilweise Probleme monieren, bleibt der allgemeine Anspruch bestehen, »als Radiobewegung selbst« mit Gewerkschaften, der Landlosenbewegung und Umweltgruppen zu kooperieren, oder gar »Instrumente der sozialen Bewegungen zu sein«342 Wie bereits angedeutet stehen Freie Radios dieser Vereinnahmung kritisch gegenüber, sehen sich auf Grund ihrer häufigen Situierung auf Universitätscampi jedoch »angehalten, die Interessen der Studierenden« zu vertreten und »das Recht auf Party« dieser community zu gewährleisten. Vorbehalte gegenüber einer instrumentellen Kopplung klingen auch bei anderen Inskripteur_innen wie AMARC Brasil an, da eine Kooperation mit sozialen Bewegungen die Legitimation eines Radios zwar erhöhen, zugleich jedoch negativ auf dessen veranschlagte Selbständigkeit und Unabhängigkeit zurückwirken könnte.

Zu guter letztt sollen hier noch zwei wichtige soziale Bewegungen angesprochen werden, die in vielen Skripten benannt werden, wenn auch im Lei 9.612/98 lediglich indirekt im Antidiskrimminierungsartikel (Art.4 IV), nämlich die feministische und die Lesbisch-Gay-Bi-Trans-Bewegung (LGBT). Die egalitäre Organisation von Männern, Frauen und LGBT-Akteur_innen in unabhängigen Radios bezeichnen alle befragten network builders als ein bedeutendes Kriterium radialer Legitimation. Außer ABRAÇO Nacional entwickeln alle nicht-staatlichen Inskripteur_innen von der empirischen Feststellung aus, »eine Verbesserung der aktuellen Verhältnisse ist notwendig, da es immer noch mehr Männer gibt« bzw. zu wenige nicht-hetero-normative Akteur_innen die Forderung: »LGBT muss stärker in die Community Radios involviert werden«243. Wie dieser Anspruch konkret übersetzt werden soll, wird außer bei dem in AMARC Brasil organisierten Frauennetzwerk und im allgemeinen Hinweis darauf, die unterdrückten Radiomacher_innen sollten stets selbstkritisch im eigenen Sender darauf achten, »nicht selbst zu den Unterdrückern zu werden«, in den Skripten nicht näher ausgeführt.244

Die Auseinandersetzung mit den einzelnen erwünschten Vermittlungen zeigt eine gemeinsame Schnittmenge an Perspektiven auf, macht aber zugleich auch unterschiedlich starke normative Setzungen sichtbar.245 Dabei werden einige in bewusster Abgrenzung (Bsp. »andere Kommunikation«) oder Konkretisierung zu Prämissen des ComRad-Gesetzes (Bsp. Gender) entwickelt. Zugleich deutete sich an, wie stark die mediale Konzeption von Radio als Werkzeug (ABRAÇO SP, ABRAÇO Nacional, VIVA RIO) oder als Mediator_in (AMARC Brasil, FDC, RIZOMA) die weiteren inskribierten Vermittlungen beeinflusst. Hier wird einmal mehr die Frage laut, ob Legitimation bedeutet, im Vorfeld spezifische, allgemein verbindliche Ziele festzulegen, oder die bewusst offen formulierten Vermittlungen, den Radiomachenden zu überlassen. Wird die letztere Prämisse verfolgt, verteilt sich auch die legitimatorische Beweislast entgegengesetzt: nachgewiesen werde müsste, dass die mediale Vermittlung unabhängiger Radios auf spezifische Weise das Recht auf Meinungsfreiheit oder Kommunikation verletzt, anstatt sie an einem festen Normenkatalog zu messen.

Ungeachtet der Frage, welche Prämisse im Einzelnen verwirklicht wird, lassen sich für beide Fälle nun entweder spezifische Verletzungen des Rechts auf Kommunikation bzw. spezifische normative »unerwünschte Vermittlungen« rekonstruieren, die die network builder in ihren Skripten ausschließen und die ich nun näher betrachten werde.

 

3.4.2 Unerwünschte Vermittlungen

Die Kontroversen von als unerwünscht erachteter Mediationen klangen bereits in den vorherigen Kapiteln an, etwa wenn die network builders über den non-profit-Charakter unabhängiger Radios (vgl. 3.1.f), oder die Anwesenheit bestimmter komplexer Akteur_innen (3.3.2.4.) diskutierten. Im Folgenden wird diese Debatte nun entlang vier spezifischer Vermittlungen expliziert, die zwar allgemein als delegitimierend veranschlagt, punktuell aber dennoch gerechtfertigt werden oder als hidden transcript inskribiert werden.

Erneut lässt sich eingangs das legale Skript unabhängigen Radiomachens zitieren, um die Kontroverse der network builders zu umreißen. Das Gesetz 9.612/98 schließt für ComRads eine »Gewinnorientierung« (Art.1), »Überzeugungsarbeit (proselitismo) jedweder Art« (Art. 4. IV, §1), das Senden von Werbung (Art. 18) sowie »finanzielle, religiöse, familiäre, parteipolitische oder kommerzielle Bindungen« (Art. 11) aus. (1) Dass kein unabhängiges Radio gewinnorientiert arbeiten sollte, wird von den übrigen Inskripteur_innen zunächst affirmiert. VIVA RIO relativiert diesen Anspruch jedoch, denn die  »[ComRad-]Bewegung ist noch in der Entstehung und wir unterstützen alle Radios, die zu uns kommen, auch wenn sie erst mal kommerziell ausgerichtet sind«246. Argumentativ wird das Aussetzen des non-profit-Anspruchs damit gerechtfertigt, dass das »Monopol großer Unternehmen stark« und der »Kampf ungleich«247 sei. Denn »wie soll sich ein unabhängiges Radio selbst erhalten und regelmäßig Programm machen«248, fragt auch das FDC.

Implizit wird hier ausgedrückt, dass das apoio cultural genannte Sponsoring (vgl. 2.1.2.2.) nicht ausreicht, um einen Sender zu organisieren. Daraus wird nicht der Schluss gezogen, eine generelle Gewinnorientierung zu befürworten, wohl aber fordern alle ComRad-Verbände eine bisher nur kommerziellen Radios eigene Finanzierungsmöglichkeit nutzen zu können, nämlich Werbung. Trotz aller Gefahren, die diese Vermittlung mit sich bringe, vor allem die von Freien Radios monierte schleichende Kommerzialisierung, dürfe das Senden von Werbung als Finanzierungsmöglichkeit nicht ausgeschlossen werden, argumentieren die Com-Rad-Inskripteur_innen.249 Denn zum einen existiere ein reales Interesse seitens der Werbenden und damit auch die Möglichkeit Werbung als transparente Einnahmequelle zu operationalisieren, anstatt finanziell bedürftige Sender »weiterhin in die Fänge von Politiker_innen und Unternehmen zu treiben«250. Werbung ist demnach kein Selbstzweck, ebenso wenig jedoch eine unerwünschte Vermittlung per se, sondern als anerkennungswürdige Kopplung an ein non-profit-Medienmachen konstruierbar.

RIZOMA lehnt Werbung dagegen vollständig ab, da diese Vermittlung nicht mit einem freien Radiomachen vereinbar sei (vgl. 3.5.2.). Auch die Regulierungsbehörde ANATEL spricht Werbespots in ComRads jegliche Legitimation ab, da eine »wettbewerbsverzerrende Benachteiligung kommerzieller Lokalradios«251 zu befürchten sei. Während das erste Argument eine kategorische Unterscheidung zwischen Freien und Community Radios aufzeigt, ist die Position von ANATEL relational begründet. ComRads suchen diese Auffassung mit dem Hinweis zu entkräften, dass ComRads Werbung weder als einzige Finanzierungsquelle noch gewinnorientiert einsetzen wollten und ein genereller Ausschluss dieser Vermittlung deshalb nicht gerechtfertigt sei.252

Generell schließen die Skripte unabhängiger Radios als Vermittlung auch politische Überzeugungsarbeit aus. Diese geteilte Überzeugung hat jedoch nur so lange Bestand, wie die Zusammenarbeit mit der Arbeiterpartei (PT) ausgeklammert wird. Anders als ABRAÇO SP, der öffentlich ein direkte Kopplung ablehnt, bestreitet ABRAÇO Nacional nicht ihre Nähe zur regierenden PT. Während der von Gewerkschaften und PT organisierten Veranstaltung Grito dos Excluidos in Brasilia im Jahr 2010 beispielsweise, rief ihr Vorsitzender, José Sôter, ComRads dazu auf, die Präsidentschaftskampagne von Dilma Rousseff zu unterstützen.253 AMARC Brasil ist »dagegen ganz und gar nicht damit einverstanden, dass die Community Radios Kampagne für Dilma oder andere Kandidaten machen sollten«. Deutlich distanziert sich auch RIZOMA und das FDC von derlei Vermittlungen.254 Wie ABRAÇO Nacional rechtfertigt dagegen auch VIVA RIO eine Kooperation mit der PT da »wir als Bewegung mehr Repräsentativität erreichen und uns einen Raum im Parlament erkämpfen müssen«.255 In seiner bereits erwähnten Kandidatur im Jahr 2010 für den Stadtrat von Rio de Janeiro sieht der Vorsitzende von VIVA RIO, Tião Santos deshalb auch keinen Interessenkonflikt:

»Ich habe bereits 1994 und 1998 kandidiert, Wir hatten keinen Erfolg und dennoch konnten wir damals für die Debatte über Community Radios eine große Öffentlichkeit gewinnen. Heute ist die Bewegung reifer. […] Der Slogan unserer Kampagne wird sein: Demokratische Kommunikation und voll Bürgerbeteiligung. […]. Wir wollen eine Stimme [im Stadtrat] die die populären Kämpfe (luta popular) repräsentiert«256

Dieser Versuch, eine begründete Ausnahme von der Regel der Unparteilichkeit und Offenheit unabhängiger Radios zu rechtfertigen, lässt sich auch für die gemeinhin ausgeschlossene religiöse Überzeugungsarbeit konstatieren. Anders als bei der Frage, unter welchen Umständen die Anwesenheit religiöser Akteur_innen legitim sei (vgl. 3.3.2.4) sprechen sich bis auf eine Ausnahme alle network builder öffentlich »gegen das Missionieren, Predigen und die Übertragung von Gottesdiensten im Radio«257 aus. Dieser Konsens scheint jedoch von hidden transcripts unterlaufen zu werden. Denn während ABRAÇO SP öffentlich dafür eintritt, »Community Radios müssen laizistisch sein, denn in Brasilien tobt ein religiöser Krieg«, finden sich in der Mitgliederliste der Organisation mehrere Sender, die von evangelikalen Kirchen organisiert werden und deren Programm zum größten Teil von Radioprediger_innen gemacht wird.258 Offen verteidigt diese Kooperation mit evangelikalen Organisationen dagegen das FDC, der auch religiöses Missionieren in ComRads als Beitrag zum »Kampf um die Meinungsfreiheit« deutet (vgl. 3.3.2.4.).

Im Vergleich zu den erwünschten Vermittlungen wird deutlich, dass die normative Bestimmungen delegitimierender Mediation entschiedener formuliert werden. Es mag zunächst überraschend, dass gerade das Skript des Freien Radiosmachens, welches sich sonst eher einen offenen medialen Raum formuliert, hier stringent fundamentale no-gos setzt: »Es gab nie Regeln, außer dem allgemeinen Werbeverbot und sich weder politisch, religiös noch kommerziell zu binden«.259 Anderseits lässt sich diese Positionierung als konsequente Fortsetzung einer negativen Medientheorie deuten, die sich paradoxer Weise mit dem legalen Skript überschneidet, dass Freie Radios in seinem Anspruch als zentrale Legitimierungsinstanz ablehnen.

Für die weitere empirische Arbeit noch interessanter, sind die erwähnten Versuche, öffentlich oder in hidden transcripts Ausnahmen zu unerwünschten Vermittlungen zu legitimieren. Auffällig ist dabei neben dem spezifischen Fall von ABRAÇO SP, wo nicht-öffentlich öffentlich ausgeschlossene Vermittlungen realisiert werden, dass die Nähe von ABRAÇO zur PT der Nähe des FDC zu Evangelikalen Akteur_innen entspricht und umgekehrt. Hier werden spezifische Vermittlungen inskribiert, die von der allgemeinen Norm abweichen und spezifische legitimiation claims abstecken, die sich auch auf das Verhältnis dieser ComRad-Skripte zum Gemeinwohl (der communities) auswirken.

 

3.4.3 Annäherungen an das Gemeinwohl

Die aufgeworfene Frage nach der Beziehung zwischen Medium und Gemeinwohl wird von den network builders selten präzise beantwortet. Auch wenn als legitimierendes Kriterium veranschlagt wird, »ein Community Radio darf niemals lukrativ sein, sondern muss alles für das Gemeinwohl geben«260, bleibt das, was das Gemeinwohl seien soll und sein Verhältnis es zu radialen Mediationen ausmachen soll, weiterhin im Dunkeln. Wie bereits erwähnt, lässt sich zumindest relational eine Unterscheidung treffen, zwischen Positionen, die Radio intermediär zur Erreichung eines davon unterschiedenen Gemeinwohls (z.B. Bau eines Abwasserkanals, Sprachrohr einer sozialen Bewegung) verstehen und jenen Auffassungen, die Radio eher als aktive Mediation bei der Artikulation eines spezifischen Gemeinwohls beschreiben (Erhalt und Entwicklung der community).

Die Grenze zwischen diesen zwei konträren Verständnissen von Radio ist fließend. Normativ zu fordern, ein unabhängiger Sender müsse »der Community helfen« kann zunächst beides heißen, Mittel oder Mediator. Sobald diese Helfen jedoch als ein »Öffnen von Räumen« verstanden wird, in denen »die community zueinander findet«261, wird die rein intermediäre Definition von Medium aufgegeben. Gemeinwohl ist nicht länger als ein fixes Set an von Radios zu erfüllenden Zielstellungen subsumierbar. Perspektivisch kann, wie im Fall der Freien Radios, bereits das Senden eines Signals, verstanden als Gewährleistung eines offenen medialen Raums ein Gemeinwohl darstellen, dessen community und Ziele der radialen Mediation nicht vorgelagert sind, sondern sich anteilig beim und als Radiomachen realisieren. Damit wird dem Versuch, legitimes Radiomachen im Rahmen von nur einem Skript (z.B. Lei 9.612/98) zu bestimmen per definitum ausgehebelt. Bei den Freien Radios wird lediglich ein minimaler Konsens an Regeln abgesteckt, der ein gegenseitiges Erkennen ermöglicht und die weitere Mobilisierung eines Akteur_innen-Netzwerks an die Radiokollektive weitergegeben.262

Die Skripte der »freien« network builders sind jedoch ebenso wie die von ComRad-Inskripteur_innen formulierten Mediationen nicht frei von atribution gaps. Denn gerade der Rückzug auf einen minimalen Konsens fördert bspw. im Fall des selbstkritisch reflektierten Defizits in puncto gender-sensiblem Radiomachen, nicht die Rekonstitution symmetrischer Beziehungen. Seitens der ComRad-Skripte sind darüber hinaus einige problematische hidden transcripts sichtbar geworden, vor allem die Kopplung an parteipolitische und religiöse Zielstellungen. Die Frage die sich diesbezüglich stellt, ist, ob es sich dabei um einen Versuch handelt, legitimation claims generell zu entgehen oder aber um Hinweise auf nicht-öffentliche Vermittlungen radialer Anerkennungswürdigkeit263.

Abschließend lässt sich noch einmal festhalten: Auf der Abstraktionsebene erwünschter und unerwünschter Mediationen werden Anerkennungswürdigkeiten entlang normativer Prämissen stabilisiert, die entweder ein festes Set legitimierender Kriterien bilden oder entlang relationaler Überlegungen definiert sind. Formuliert werden dabei von allen Ansprüche an ein demokratisches Medienmachen. Diese Prämissen grenzen sich kritisch vom bestehenden legalen Skript ab, bleiben dabei jedoch auf eine problematische Weise so allgemein, dass sie in ihrer Legitimation kaum angreifbar sind. Eben deshalb können sie noch nicht den Nachweis erbringen, inskribierte Ansprüche auch praktisch geltend machen zu können. Entsprechend der Prämisse einer symmetrischen Analyse der Radioskripte, müssen sich die network builders dieser Forderung nach Legitimation jedoch stellen. Die folgende Betrachtung untersucht deshalb nun die Mobilisierung spezifischer Handlungspinzipien und Arbeitsfelder unabhängigen Radiomachens, um festzustellen, inwiefern die Skripte hier ausführlicher ihre Anerkennungswürdigkeit explizieren.

 

3.5 Mobilisierungen

Dieses Unterkapitel geht der Frage nach, innerhalb welcher operativen Konzepte die veranschlagten Vermittlungen in konkrete Handlungszusammenhänge und -prinzipien übersetzt werden. Erneut wird dabei ersichtlich werden, dass die network builders vielfach keine vollständigen oder festen Operationsketten formulieren. Denn zwischen den relativ abstrakten Handlungsprinzipien (3.5.1) und den veranschlagten Arbeitsfeldern (3.5.2) unabhängigen Radiomachens bzw. ausgeschlossenen Mobilisierungen (3.5.3) klaffen erneut viele atribution gaps. Diese notorische Unabgeschlossenheit und Kontingenz lässt sich jedoch auch als ein Hinweis darauf verstehen, dass die network builder nicht die einzigen Schreibenden sind, sondern lediglich einen begrenzten Beitrag zur zirkulierenden Referenz »unabhängiges Radiomachen« leisten und leisten können (3.5.4).

 

3.5.1 Handlungsprinzipien

Bereits auf der Abstraktionsebene der Mediationen nutzten viele network builder das ComRad-Gesetz als Reibefläche für ihre eigenen Inskriptionen. Auch die Handlungsprinzipien unabhängigen Radiomachens nehmen auf das Lei 9.612/98 Bezug, modifizieren es punktuell jedoch stärker und formulieren eine Reihe abweichender Normen, die weit über die allgemeinen legalen Prämissen hinaus gehen, und von denen ich im Folgenden fünf genauer betrachten möchte. (1) Eine der intensivsten Auseinandersetzungen kreist dabei zunächst um die handlungsleitenden Prinzipien von Offenheit, Partizipation, Pluralität und Diversität. Das regulative Skript formuliert hierzu, »jeder Bürger der begünstigten Community hat das Recht Meinungen über jedwedes Thema in den Radiosendungen zu äußern […], muss dabei lediglich den adäquaten Moment im Programm berücksichtigen, um dies zu tun« und dafür bei der Sendeleitung einen Antrag stellen.264

Die ComRad-Verbände affirmieren den hier festgehaltenen Anspruch eines pluralen und partizipativen Radiomachens, formulierten jedoch Zugangsregeln, die vom legalen Skript abweichen.265 ABRAÇO Nacional versteht Pluralität dabei nicht als ein Merkmal von Individuen sondern von den einzelnen Gruppen einer geographisch verstandenen community. Diesen stehe es zu, Radio zu machen, »allerdings in nur einem Sender und nicht in mehreren Sendern in der Region«.266 ABRAÇO SP und VIVA RIO relativieren zwar den »Gruppenzwang« dahingehend, dass es in einem pluralen und partizipativen Sender »jedem Einzelnen zusteht Programm zu machen«, halten jedoch an der Ein-Sender-pro-Community-Prämisse fest.267 In der Gruppe von ComRad-Inskripteur_innen ist es AMARC Brasil, die Pluralität auch als eine potentielle Vielheit an Sendern auffasst und es den »Bürgern« zuspricht »vollständig frei zu sein, ihre Entscheidungen zu treffen«, wozu auch gehöre, die legal inskribierte Organisation von ComRads radikal zu hinterfragen.268

Formuliert ist diese Freiheit dennoch weiterhin primär als eine »Auswahl an Optionen« die darauf abzielt, einen minimalen Konsens über das Radiomachen in einer community zu erreichen.269 Der konsensuelle Gedanke als letztes legitimierendes Kriterium ist dabei zugleich der kleinste Gemeinsame Nenner aller nicht-staatlichen network builder. Die Mitwirkenden von RIZOMA stehen dem bisher exponierten Prinzip der Pluralität jedoch kritisch gegenüber, da eine Auswahl an Optionen bereits bestimmte Grenzen kommunikativer Freiheit impliziert. Unter bestimmten Umständen sei es notwendig, neue Optionen zuzulassen, so zum Beispiel bei der anteiligen Nutzung erzeugter Signale, denn es gäbe »unzählige konkurrierende Meinungen und Ideologien und deshalb auch einen möglichen Konflikt bei der Nutzung der Sendezeit«.270 Den medialen Raum zu erweitern falls nötig anstatt die Konsensfindung einzig auf bereits vorhandene Handlungsprogramme zu beschränken, gerade das sei Ausdruck partizipativer Demokratie.271 Neben der pluralen Aufteilung eines bereits operierenden Mediums, müsse zugleich der Anspruch bestehen, mediale Diversität zu gewährleisten, verstanden als »eine Ausdrucksmöglichkeit von Differenz in einer nicht bekannten Form, soll heißen, sie [die Differenz] selbst ist die Möglichkeit dieser Differenz.« Diesen legitimatorischen Anspruch, den Freie Radios an ihr eigenes Machen formulieren, fordert zugleich ComRads heraus, weil diese sich vorwiegend mit pluralem Medienmachen auseinandersetzen und die dafür entwickelten Normen der hier postulierten medialen Diversitität nicht gerecht werden.

Neben diesen Modifikationen von im Lei 9.612/98 angesprochenen Handlungsprinzipien, sind auch Strategien erkennbar, die daran interessiert sind, spezifische legale Inskriptionen in ihrer Legitimation grundsätzlich herauszufordern. Besonders in Normen und Erlässen verbriefte technische Anforderungen und Messverfahren werden kritisiert, wie zum Beispiel die Anforderung »konstanten Sendens«. Auch die vorliegende Arbeit formuliert als qualitatives Kriterium einer Radiomediation eine Signalerzeugung und die network builders affirmieren diese Prämisse. Dennoch dürfe sie kein Ausschlusskriterium darstellen, wie im Fall des gesetzlich formulierten Genehmigungsverlusts nach einer unberechtigten Sendepause von 30 Tagen.272 Denn gerade das zeitlich-linear fixierte konstante Senden 24 Stunden am Tag würden nur wenige Community Radios erfüllen können.273 Auch wenn es erstrebenswert ist, eine umfassendes Programm zu machen, formuliere das Gesetz einen Zwang, der beispielsweise Sendepausen, »die entstehen weil aus Gründen ökonomischer Präkarität kein Equipment gekauft werden kann«,274 nicht als Begründung zulässt.

(2) Freie Radios gehen auch in ihrem Anspruch Kriterien für ein konstantes Senden zu legitimieren  einen Schritt weiter als die ComRad-Skripte, wenn sie verteidigen »das Radios eine Weile zu, dann wieder aufmachen können, hier oder anderswo«275. Angelegt ist dabei ein Entkopplung von konstantem Senden im Singular und gegenüber einer fixen Norm. Freies Radiomachen bemüht vielmehr einen phänomenologischen Begriff von zeitlicher Konstanz der nicht linear zu messen ist. Deshalb müsse diese Dimension der Anerkennungswürdigkeit dem bisherigen Legitimationshelfer und -vermesser Staat auch vollständig entzogen werden, ohne dass jedoch klar wird, welche Akteur_innen in diesem Punkt künftig für Konsens sorgen sollten, was die Konstant der Radiomediationen im Gebrauch angeht.

(3) Eine weitere offene Frage betrifft das Kriterium der Repräsentativität. Anders als im Fall der Konstanz, ist auch das legale Skript undeutlich, und formuliert kein klares Handlungsprinzip. Denn neben erneuten formal-rechtlichen Anforderungen legt es für den Fall, dass verschiedene ComRads um eine Genehmigung im gleichen Sendegebiet konkurrieren, nur fest, die repräsentativere von beiden Assoziationen zu bevorzugen.276 »Repräsentativität ist immer schwer zu messen«, befindet das MiniCom und spricht sich für »ein Modell objektiver Kriterien, die eigentlich für den gesamten Rundfunk gelten sollten«277 aus. Bisher wurde ein solches allgemeines Handlungsprinzip zur Bestimmung der  Repräsentativität eines ComRads jedoch nicht formuliert.

Ohnehin gehe die Repräsentativität nicht von einer formalen Anerkennung der Regulierenden nach deren Kriterien, sondern von der Bevölkerung aus, hält beispielsweise ABRAÇO SP entgegen.278 Doch damit ist die Frage nach Repräsentativität ebenfalls nicht beantwortet, lediglich der/die Adressat_in wird ein_e andere_r. ABRAÇO SP schlägt deshalb die »Zahl der Hörenden« als ein messbares Kriterium vor, das jedoch nicht immer anwendbar ist, bspw. wenn beide Sender erst in der Entstehung sind. ABRAÇO Nacional, wiederum macht die Zugehörigkeit eines Senders zum Verband zum entscheidenden Kriterium, der sich damit implizit zuspricht die letzte Instanz in der Repräsentativitätsdebatte zu sein.279 Ein solches Vorgehen, oder auch die Idee lokale Autoritäten entscheiden zu lassen, stößt im MiniCom auf deutliche Ablehnung, da dann eher Freundschaften und andere nicht-objektive Kriterien handlungsanleitend wären. »Das Ideal wäre, darüber abzustimmen, wer am repräsentativsten ist«.280

Anstatt das Modell repräsentativer demokratischer Entscheidungsfindung als letztes objektives Kriterium medialer Repräsentativität (selbstreferenziell) ins Feld zu führen, schlägt AMARC Brasil vor, die spezifische Anerkennung eines Senders in einer community als entscheidendes Merkmal heranzuziehen.281 Auch das FDC vernachlässigt die Frage der Repräsentanz gegenüber Kriterien wie »Vertrauen und Anerkennung, die sich ein Radio erarbeiten muss«, wobei es »unter einer ständigen Qualitätskontrolle, direkt durch das Publikum« zu stehen habe.282 Dieser Perspektivenwechsel bringt die beiden ComRad-Verbände in die Nähe Freier Radios, die, wie bereits erwähnt, nicht repräsentieren wollen, wohl aber eine Anerkennung als legitimation claim an sich selbst formulieren. Ohne dabei formelle Kriterien definieren zu wollen, werden der Umstand »im Viertel gehört zu werden« bzw. »bekannt zu sein«, »die Nutzung der Infrastruktur rechtfertigen zu können« und im Rahmen von »Workshops« die Partizipation am Radiomachen und die »Gründung neuer Sender anzuregen« wiederholt als Indikatoren für das Handlungsprinzip der Anerkennung benannt.283

(4) Ein dem legalen Skript fremdes legitimierendes Handlungsprinzip, das von allen weiteren network builders jedoch intensiv diskutiert wird, betrifft die Operationalisierung der Unabhängigkeit eines Senders bzw. dessen politische Militanz und Aktivismus. Diese Auseinandersetzung ist erneut auch an das Medienverständnis der einzelnen Inskripteur_innen gekoppelt. Entweder wird Radiomachen als Option politischen Aktivismus verstanden oder als verbindlicher Mittel diesen zu unterstützen. Daraus werden zwei sehr unterschiedliche Schlüsse gezogen. Zum einen gibt es Skripte, in denen gefordert wird, das Radiomachen nach den Zielen einer breiteren Bewegung oder Ideologie auszurichten. »Ein Radio muss organisiert sein«, fordert beispielsweise ABRAÇO SP »Es geht nicht, dass man einfach Radio macht, damit die Freundin Musik oder Botschaften hört«.284 ComRads werden hier erneut in einen organischen gegenhegemonialen Block aus sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und mitunter auch der PT eingeschrieben

»Community Radios müssen sich mit niemanden verheiraten, um das Recht auf Kommunikation zu artikulieren«285, lässt sich eine gegenläufige Position zusammenfassen, die als unabhängiges und zugleich militantes Handlungsprinzip zunächst die Schaffung einer autonomen Mediation definiert. Während AMARC Brasil dieses Moment der Selbstbestimmung anschließend normativ konkretisiert, beschreibt RIZOMA die Freien Radios direkt als »das Ergebnis einer Autonomiebewegung, gegenüber kulturellen Ausschlüssen, kultureller Unterdrückung und staatlicher Repression«.286 Über diese »starke gemeinsame Wurzel« hinaus, gäbe es bis heute jedoch »unterschiedliche politische Auffassungen von Autonomie mit unterschiedlichen Staatsverständnissen«.287

In diesen beiden konträren Positionen kommt sehr anschaulich zum Ausdruck, dass die jeweiligen Reflexionen der network builders über das Radiomachen nicht nur die Mediationen sondern auch die Handlungsprinzipien beeinflussen. Sobald das Radiomachen selbst als potentieller Akt der Militanz verstanden wird, muss für seine Legitimation nicht der Nachweis einer Kopplung an weitere komplexe Akteur_innen (z.B. soziale Bewegungen) geleistet werden. Im umgekehrten Fall, scheint die Anerkennungswürdigkeit in ihrer Operationalisierung auf den ersten Blick offensichtlicher (z.B. Aufruf zu einer Demonstration), wobei eine enge Kopplung mit weiteren Akteur_innen jedoch auch die Frage aufwirft, inwiefern ein Radio dann weiterhin uneingeschränkt als unabhängig bzw. plural/diverses und partizipativ beschrieben werden kann.

(5) Ein zusätzliches Dilemma wird sichtbar, wenn die Analyse der Skripte deren Gendersensibilität in den Blick nimmt und nachfragt, inwiefern die bisher versammelten Kriterien (z.B. Repräsentativität, Diversität und Militanz) auch »gegendert« sind bzw. sich ein spezifisches Handlungsprinzip dieser Frage annimmt. Erneut macht das ComRad-Gesetz (über sein Gebot der Nichtdiskriminierung hinaus) zu diesem Thema keine Aussagen, ebenso wenig wie VIVA RIO, das FDC und ABRAÇO SP.288 ABRAÇO Nacional formuliert dagegen explizit das allgemeine Handlungsprinzip, »Frauen vor der Ausbeutung ihres Bildes zu schützen« und eine »Sicht der Gleichheit auf Mann und Frau« gewährleisten zu müssen.289 Doch wird dieses Verständnis von Gendersensibilität, dass sich vor allem dem Blick auf Frauen verschreibt von ABRAÇO Nacional auch im Rahmen der Entscheidungsfindung und der Teilhabe beim Radiomachen angewandt?

Ein konkretes Handlungsprinzip inskribiert ABRAÇO Nacional mit der Quotenreglung bei landesweiten Treffen des Radioverbands, die künftig eine Mindestbeteiligung von einem Drittel Frauen vorsieht.290 Indirekt würde auf diese Weise auch die Rolle der Frauen in den Radios gestärkt, da diese dadurch auch stärker für repräsentative Posten berücksichtigt würden. Dieses angekündigte Vorgehen wurde bisher jedoch nicht eingelöst.291 In den Freien Radios werden dagegen keinerlei genderspezifischen Handlungsprinzipien in den Skripten formuliert, lediglich Beispiele für Verbesserungen oder Aneignungen in den Radios selbst benannt, um innerhalb einzelner Radios eine Debatte anzustoßen. AMARC Brasil definiert ausgehend von einer globalen Prämisse des Weltverbands AMARC ein Frauennetzwerk als einen festen Bestandteil seiner Rolle als network builder.292 Dieses Frauennetzwerk ist als ein Korrektiv angelegt, denn es gäbe für Frauen in der Gesellschaft keine egalitären Strukturen und auch in den ComRads würden die »Frauen schon mit Schuldgefühlen Aktivistinnen werden«.293 Das  Handlungsprinzip des Frauennetzwerks ist deshalb im Allgemeinen an der Schaffung gleicher Zugänge zu Entscheidungen bzw. eigener Räume für Frauen orientiert.

Die relativ vage Inskription des Frauennetzswerks von AMARC Brasil verdeutlicht ein allgemeines Problem der inskribierten Handlungsprinzipien. Sie sind oftmals immer noch weit entfernt von einer Operationalisierung und lassen sich in ihrem Abstraktionsgrad nur schwer von den vorher behandelten erwünschten und unerwünschten Vermittlungen unterscheiden. Dennoch ist bei allen nicht-staatlichen network builders deutlich der Versuch erkennbar, unabhängiges Radiomachen entsprechend allgemeiner Handlungsprinzipien über den Horizont des legalen Skripts hinaus Anerkennung zu verleihen – die Anerkennung eines Radios selbst wird als Handlungsprinzip angeführt. Legitimationssteigernd ist dabei sowohl die pointierte Kritik und Modifikation legaler Prämissen (z.B. Pluralität) sowie die Formulierung zusätzlicher Prinzipien (z.B. Diversität), die nicht nur Ergänzungen darstellen, sondern die Deutungshohheit des Gesetzes zugleich quantitativ und qualitativ relativieren.

Dennoch verlangen die normativ und relational formulierten Handlungsprinzipien nach einer weiteren Ausdeutung. Die an den unscharfen Mediationen geäußerte Kritik, die sich legitimation claims, trifft auch hier zu. Erneut bleibt nur die Möglichkeit, das Fraktal des Akteur_innen-Netzwerks weiter zu öffnen, und in der Beschreibung spezifischer Arbeitsfeldern nach Antworten zu suchen.

 

3.5.2 Arbeitsfelder

Unter Arbeitsfelder verstehe ich spezifische Handlungsprogramme in denen Handlungsprinzipien weiter spezifiziert und operationalisiert werden. Trotz des sich fortschreibenden Problems der atribution gaps helfen ihre Beschreibungen, die Skripte legitimen Radiomachens weiter zu dimensionieren. Denn zunächst wird bei der Inskription von Arbeitsfeldern erneut die bereits erwähnte strategische Koppelung bestimmter Handlungsprogramme an komplexe mediale Mediatoren fortgesetzt, die somit stärkeres legitimatorisches Gewicht erhalten.294 Zudem wird auch sichtbar werden, inwiefern auf dieser Abstraktionsebene (jeweils gegenüber weiteren network builders) relational Anerkennungswürdigkeit konstruiert wird. Und schließlich wird die folgende Betrachtung von sechs spezifischen Arbeitsfeldern dabei helfen, die bisher äußerst unscharfe Gender-Position der Inskripteur_innen weiter zu schärfen.

(1) Ein erstes dieser Arbeitsfelder umfasst journalistische Aktivitäten unabhängiger Radios und die Frage, was die Berichterstattung im Gegensatz zu anderen (Radio)Mediationen ausmachen sollte. Das legale Skript definiert zunächst vor allem sehr allgemeine Aufgaben wie »die Perfektionierung der Professionalität der [im Radio arbeitenden] Journalisten« sowie die Verbreitung journalistischer […] Aktivitäten in der community«.295 ComRad-Inskripteur_innen nehmen die hier formulierte Anforderung auf und modifizieren sie. Zunächst schreiben sie allesamt journalistische Tätigkeiten als direkten Bestandteil der Signalerzeugung ein, denn »wenn die Sender nur CDs spielen, dann sind es keine Community Radios mehr.«296 Ambivalenter wird dagegen debattiert, ob und inwiefern sich ein Radio dabei professionalisieren sollte. Abgelehnt wird zwar die »traditionelle Formalisierung des Journalismus in Form eines geschützten Titels« zugunsten einer nicht-hierarchischen und partizipativen Prämisse: »Der beste Journalist ist die Gemeinschaft, denn die weiß, was passiert«.297 Zugleich sehen Inskripteur_innen wie AMARC Brasil oder das FDC jedoch auch die Notwendigkeit, qualitative Normen für den community-Journalismus zu etablieren und zwar durch das »politische Training der Kommunikatoren, damit sie wissen, wie sie mit Informationen umgehen sollten«.298

Diese Formel eines von der community produzierten Qualitäts-Info-Radios wird nun weiter dimensioniert. Neben der allseits geteilten Prämisse einer Lokalberichterstattung, wird die Anerkennungswürdigkeit im journalistischen Arbeitsfeld u.a. an der »Übertragung von Anhörungen [in Parlamenten] von nationalem Interesse«, »Menschenrechtsthemen«, einer kontinuierlichen Berichterstattung zu »sozialen Bewegungen und Gewerkschaften« sowie »Genderfragen« festgemacht.299 Letzterer Anspruch wird im Skript von AMARC Brasil und dem dort vorgesehenen Frauennetzwerk in der Schaffung von Sendeplätzen für Frauen konkretisiert, wo diese Raum für ihre journalistischen Tätigkeiten erhalten sollen. Damit wird von einem legitimen ComRad eine Menge gefordert, denn für die Realisierung der hier versammelten Kriterien gibt es wenig hörbare Beispiele im kommerziellen Rundfunk, der zwar abgelehnt, in der Praxis zugleich aber kopiert wird, was einzelne journalistische Formate angeht.300

Diesem potentiellen Widerspruch, der bei der Realisierung eines ComRad-Skripts auftreten kann, verallgemeinern Freie Radios in ihrer relationalen Abgrenzung dahingehend, dass sie ComRads generell unterstellen, auch im journalistischen Arbeitsfeld, nur das zu wiederholen, was bereits bekannt und beliebt ist. Das heißt, im Umkehrschluss, dass »Journalismus im Rahmen fester Formate« abgelehnt wird, was jedoch »nicht als Abkehr von sozialer Verantwortung« missverstanden werden sollte. Freie Radios legitimieren sich dabei jedoch in einer offeneren und unbestimmteren Beschreibungen ihrer erzeugten Signale, die darauf abzielen die »auditive Kultur zu verändern« und es als politische Aufgabe betrachten eine »andere Ästhetik« und »eine Radio-Sprache als etwas nicht fertiges« zu etablieren.301

In dieser knappen Nebeneinanderstellung des journalistischen Selbstverständnisses der Skripte, wird deutlich, dass ComRads explizit darauf abzielen ein bestimmte Art Journalismus zu machen und so ihre Anerkennungswürdigkeit zu steigern, während Freie Radios sich gerade in der Ablehnung dieses ihrer Meinung nach verbrauchten Konzepts und der Ausrufung einer ästhetischen Erneuerung zu legitimieren suchen. Während letzterer Anspruch abstrakt bleibt (ganz im Sinne des allgemeinen Rechts auf freie Meinungsäußerung), koppeln ComRads ihre normativ-inhaltlichen Prämissen direkt an das erzeugte Signal und erheben die journalistische Arbeit damit zu einer komplizierten Größe des unabhängigen Radiomachens.

(2) Ein legitimatorisch ebenfalls äußerst relevantes Arbeitsfeld umfasst die arbeitsteilige Leitung (gestão) unabhängiger Radios. Die gesetzlich festgeschriebene Organisationsstruktur verlangt dabei eine Trägerschaft durch eingetragene Stiftungen und Vereine, deren Leiter_innen (dirigentes) seit mindestens zehn Jahren die brasilianische Staatsbürgerschaft haben und im Sendegebiet wohnen müssen.302 Die weitere Ausdeutung bleibt den ComRads überlassen oder wird aus den formellen Anforderungen des Vereinsrechts abgeleitet. Wie zu erwarten, setzen sich die weiteren Inskripteur_innen normativ intensiv mit diesen Vorgaben auseinander, konkretisieren sie bzw. deuten den Referenzrahmen um. Dabei geht es zunächst um die Frage, wie sich die Leitung eines unabhängigen Radios im allgemeinen von anderen radialen Skripten unterscheidet. Seitens der ComRad builder wird darauf hingewiesen, dass ein Sender nicht formal-rechtlich einer Gruppe zugeschrieben werden könne, sondern immer Patrimonium der community bleibe. Damit wird das legale Skript als Legitimationsquelle relativiert. ABRACO und VIVA RIO ziehen das Konzept einer »gemeinsamen Verwaltung« heran. Anstatt sich nur an der Struktur des legalen Trägervereins zu orientieren, würden »wahre« ComRads »keine Besitzer haben und von Gremien geleitet, die die Zivilgesellschaft repräsentieren«.303

Auch AMARC Brasil grenzt sein Skript von den legalen Vorgaben ab, spricht sich für eine »horizontale Organisationsform« aus.304 Anstatt dieses Prinzip jedoch weiter zu operationalisieren, geben sie die Aufgabe ein »eigenes Leitungsmodell zu entwickeln« an die einzelnen Radios weiter, da sie »selbst ihre spezifische Situation analysieren und ihre Organisation daran anpassen« sollten.305 Anerkennungswürdig sind demnach bereits alle ComRads, die sich der Prämisse horizontaler Organisation anschließen, ohne diese jedoch empirisch vollständig verwirklichen zu müssen, in jedem Fall aber darauf hinarbeiten.305

Unter deutlich konkreteren Vorzeichen operationalisieren die Freien Radios von RIZOMA das »Prinzip horizontaler Koordination«, nämlich im Rahmen »regelmäßiger Versammlungen« bzw. »Plenen«.306 Die von einzelnen aufgestellte These »damit gibt es keine Hierarchien«307 wird jedoch auch selbstkritisch hinterfragt. Vielmehr müsse jedes Freie Radio damit rechnen, dass sich auch dort »Machteliten und Führerschaften«308 bilden. Um ihre Anerkennungswürdigkeit zu gewährleisten, müssten Freie Radios sich deshalb auch kritisch mit jenen Selbstbeschreibungen auseinandersetzen, die »schwer sichtbare Hierarchien«309  - hidden transcripts, wenn man so will, verdecken.

Eine kritische Auseinandersetzung sei besonders im Fall der Konsensfindung nötig – einem für die Freien Radios zentralen Moment ihrer relationalen Legitimation gegenüber ComRads. Denn während in den ComRad-Skripten mit Ausnahme von AMARC310 strittige Entscheidungen per Abstimmung (einfache Mehrheiten) gefällt werden, lehnt RIZOMA diese »Diktatur der Mehrheit« ab:

»Wir lehnen es ab, Entscheidungen per Wahl zu treffen, egal für was. Unser Prinzip ist: wer einverstanden ist macht mit, wer nicht nicht. […] Wir versuchen, Formen der Entscheidungsfindung zu nutzen, die dem Problem gerecht werden, anstatt allgemeine Regeln aufzustellen«.311

Doch genau dieser »Diskurs des Konsens« könne mitunter auch undemokratische Entscheidungs- und Organisationsstrukturen verdecken die folglich aufgedeckt werden müssten und somit selbstreflexiver Teil einer legitimen Konsensfindung wird.312

Ein letztes hier genanntes Kriterium einer legitimen Leitung unabhängiger Radios betrifft die Frage der inskribierten Rollenteilung und ggf. ihre Rotation. Die ComRad-Skripte zeichnet dabei tendenziell eine Festlegung einzelner Rollen aus, die innerhalb bestimmter Zeiträume rotieren sollten, was die Verwaltung des Radios angeht. Einzig ABRAÇO konstruiert als ComRad-Inskripteur_in an dieser Stelle jedoch eine spezifische Anerkennungswürdigkeit, die sich darin begründet, dass auch Führungskräfte ständig an der Signalerzeugung beteiligt seien sollten und damit kein feste Rollenverteilung angeleitet wird.313 Bei RIZOMA wird dagegen die Abwesenheit individueller und dauerhafter Rollen als legitimatorisches Merkmal ihrer Horizontalität angeführt. Lediglich die Bildung »temporärer Kommissionen« sei vorstellbar, in den »spezifische Aufgaben was Technik, Finanzen, Sauberkeit und anderes anbetrifft« bearbeitet werden.314

Deutlich wird, dass die Leitung eines unabhängigen Radios seine Anerkennungswürdigkeit stark beeinflusst. Während alle nicht-staatlichen network builders die gesetzlichen organisatorischen Vorgaben als unzureichend oder zu hierarchisch deligitimieren, inskribieren nur ABRAÇO (in der Rotation von Rollen) und RIZOMA (in der Horizontalität der Entscheidungsfindung) hier explizit konträre Prämissen. Der weitere modus operandi wird an die Radios weitergegeben, die damit dazu angehalten sind, selbst normative Prämissen zu entwickeln und ihre Mobilisierungen zu gewährleisten. dh. Radio in seinem Gebrauch demokratisch zu verwalten.

(3) Um diesem Anspruch gerecht zu werden, erachten es die Inskripteur_innen auch als notwendig, mit etwaigen Wissenshierarchien zu brechen und die Nachhaltigkeit (Stabilisierung in der Zeit) unabhängiger Radios zu gewährleisten. Operationalisiert wird dieser Anspruch vor allem in einem Arbeitsfeld das die Aus- und Weiterbildung von Radiomacher_innen betrifft und auch vage im Lei 9.612/98 vorgesehen ist.315 Seitens der nichtstaatlichen ComRad-Inskripteur_innen wird darunter sowohl die »technische und ästhetische Ausbildung« verstanden, als auch die »politische Schulung der Kommunikatoren«, um, wie es bei AMARC Brasil heißt, die Auseinandersetzung mit »Menschenrechten, der Idee der Gemeinschaft aber auch dem Umgang mit Informationen« anzuregen.316 Für die Leitung und das Programmmachen auszubilden sind Prämissen, die in allen ComRad-Skripten  zu finden sind. In den Beschreibungen von ABRAÇO Nacional wird dabei aber auch deutlich, dass das Modell der »gemeinsamen Verwaltung« stark hierarchisch konzeptualisiert ist, wenn von der »Ausbildung von Führungskräften« und »Kadern« die Rede ist.317

RIZOMA hingegen beschreibt als Workshops einerseits als Momente um spezifisches technisches Wissen zu sozialisieren, zum Beispiel die »Organisation von Freie-Software-Workshops oder für Streaming«318. Andererseits werden Workshops aber auch als Orte verstanden

»um die historische Dimension der Freien Radios, sichtbar zu machen, die Frage der Gesetze, Menschenrechte, des elektromagnetischen Spektrums mit praktischen Fragen wir der Meinungsfreiheit oder Technologienutzung zu verbinden.«319

Eine arbeitsleitende Prämisse ist dabei, Workshops als permanenten und organischen Teil des Radiomachens zu organisieren, »Leute zum Mitmachen in den Programmen einzuladen und sie dann immer wieder einzuladen«320. Aus dieser Perspektive wird auch die allgemeine Skepsis gegenüber Radiohandbüchern gehegt wird. Während spezifische Handbücher (z.B. fürs Streaming) als nützlich empfunden werden, sei es nicht möglich, die Freie Radio-Praxis in ein Handbuch zu pressen.321

Inwiefern die Anerkennungswürdigkeit unabhängiger Radios von den hier inskribierten Aus- und Weiterbildungen bedingt ist, lässt sich gut an deren Stabilisierung in der Zeit erörtern. Für die kontinuierliche Reproduktion der Signalerzeugung stellen Workshops ein kompliziertes Arbeitsfeld dar. Ihre Organisation erhält vor allem in den ComRad-Skripten dadurch eine starke legitimatorische Qualität, da Aus- und Weiterbildungen nachweislich normative Kriterien wie Professionalität, Konstanz und spezifische Ansprüche an den radialen Aktivismus verstärken und realisieren helfen. Im Skript der Freien Radios dagegen bedingen Workshops die Anerkennungswürdigkeit dahingehend, dass sie die horizontale Selbstorganisation stabilisieren und die teils avantgardistischen Ansprüche an eine radiale Erneuerung verwirklichen helfen.322

(4) Auch bei der inskribierten Finanzierung unabhängigen Radiomachens, lassen sich spezifische Arbeitsfelder unterscheiden, die auf unterschiedlichen Prämissen beruhen. Das legale Skript schließt, wie bereits erwähnt, für ComRads jegliche Finanzierung durch Werbung aus und steht den Sendern lediglich Einkünfte im Rahmen von Spenden und einem kulturellen Sponsoring (apoio cultural) zu. Alle weiteren ComRad-Inskripteur_innen kritisieren diese rechtliche Einschränkung, sehen es als legitim, Werbung zu senden, rufen jedoch zumindest in ihren public transcripts nicht dazu auf, diesen Anspruch auch in die Tat umzusetzen. Stattdessen werden bspw. Vergleiche mit Argentinien aufgemacht wo »Radios wie La Tribu FM auf limitierte und sehr bewusste Weise auch mit Werbung arbeiten« oder auf konzeptuelle Schärfung und Erweiterung des Sponsorings gedrungen.323

Alle konkreten Arbeitsfelder zur Finanzierung von ComRads wird zunächst immer das Narrativ ihrer chronischen Unterfinanzierung vorangestellt, das nahelegt, dass alle weiteren Einnahmequellen zwar wichtig aber nie ausreichend sind. »Existieren, um nicht zu existieren, das ist der Ist-Zustand der ComRads«. Damit wird ein mögliches Kriterium für legitime Finanzierungsmaßnahmen bereits a priori ausgeschaltet, nämlich ihr Potential ein Radio nachhaltig zu stabilisieren. Es sind deshalb nicht so sehr die einzelnen Operationalisierungen, um Geld in die Kassen eines Radios zu bringen, durch dass sich die Skripte unterscheiden, wie Parties, T-Shirts, Getränkeverkauf, Kooperation mit öffentlichen Radios, Beiträge von Radiomacher_innen und/oder Hörer_innen.324 Relevant ist zunächst vielmehr welche Art von Ausgaben gerechtfertigt sind.

Ein zentraler Streitpunkt dabei kreist dabei um die Frage, ob bezahlte Arbeit in einem unabhängigen Radio notwendig für dessen Stabilisierung in der Zeit ist. Ja, sagen die ComRad-Inskripteur_innen »weil Aktivismus (militança) ohne Mittel nicht möglich ist. Man muss die Bedingungen dafür schaffen«.325 Anders gesagt, wird Aktivismus als ein fester Job legitimiert. Einschränkungen an dieser Prämisse werden vor allem situativ formuliert, wenn beispielsweise die Zahlung von Honoraren von den finanziellen Mitteln der community abhängig gemacht wird und die Zentralisierung bezahlter Arbeit vermieden werden soll.326 Eben so gut lassen sich Radikalisierungen finden, wie im Skript des FDC, dass das Finanzierungsvolumen nicht länger an kontinuierlichem Aktivismus, sondern an eine mediale Expansionsstrategie koppelt, um unter den Radios die »absolute Führung in der community zu bilden«.327

»Kein Geld für die Mitarbeit, nur Freiwilligenarbeit, nur eine Gemeinschaftskasse zum Erhalt des Radios«, so lautet der präzise Gegenentwurf von RIZOMA. Die Finanzprobleme der ComRads seien zudem ein hausgemachter »Mythos«, denn »der Unterschied liegt nicht darin, dass ein Freies Radio von Studierenden mit Geld gemacht wird, sondern darin, dass sie sich nicht fürs Programmmachen bezahlen lassen oder vom Radio leben«.328  Die Anerkennungswürdigkeit eines Freien Radios bestehe gerade darin, »selbstfinanziert« eine Art »prekären Radioclub« zu organisieren der vor allem eines unter Beweis stellt: »es ist nicht teuer Radio zu machen«.329

Diese starke Polarisierung bezüglich der Legitimation bezahlter Arbeit verdeckt zumeist, dass es auch seitens der ComRads eine minoritäre Position gibt, die Selbstfinanzierung (auto-sustentabilidade) als legitimierendes Kriterium des Arbeitsfeldes formuliert. Bereits auf der Ebene der Skripte mangle es an einer Vision, findet bespielsweise eine Mitarbeiterin von AMARC Brasil da »die Radiobewegung lange Zeit von NGOs, Stiftungen, Kirchen und Vereinen finanziert wurde, ohne dass dabei die Frage aufgemacht wurde, ob dass die einzige Finanzierungsmöglichkeit und wie notwendig diese sei«.330 Auch im Skript von VIVA RIO wird vermerkt, es sei wichtig, »ein ComRad so zu bauen, dass es von den Personen in einer community ausgeht und auch von diesen partizipativ finanziert werden kann«.

Die konkurrierenden Definitionen des Arbeitsfeldes der Finanzierung, zeigen, dass abgesehen von der strittigen Prämisse der Werbefinanzierung (vgl. 3.4.2.) weniger die Anschaffung von Mitteln als vielmehr deren Ausgabe als (de)legitimierendes Kriterium angeführt werden. Den Fixpunkt der Debatte bildet, wie ich gezeigt habe, die bezahlte Mitarbeit in einem Sender. Ist es notwendig diese Art von Akteur_innenkopplung auszuschließen, um die Anerkennungswürdigkeit des Arbeitsfelds »Finanzierung« zu garantieren, oder sollte es darum gehen, spezifische Regeln zu definieren, die bestimmte Zahlungen bzw. bezahlte Jobs in ComRads rechtfertigen?

Neben dieser zentralen Frage wird auf der Ebene des Medienmachens zudem erneut deutlich, dass das Skript des Freien Radiomachens die Finanzierung an ein kompliziertes Arbeitsfeld koppelt, dass vor allem die Signalerzeugung im engeren Sinne betrifft, während ComRads sich am Begriff des Aktivismus orientieren und einen breiteren Rahmen für finanzierungswürdige Handlungsprogramme abstecken. Anders gesagt, stehen sich hier der enge finanzielle Horizont eines low-tech-Skript Freier Radios und der komplexere Entwurf der nicht-staatlichen ComRad-Inskripteur_innen gegenüber. Während erstere die Signalerzeugung mit geringem finanziellen Mittelaufwand bejahen und als mediale Stärke feiern, wollen letztere die gesetzlich inskribierte prekäre Existenz der ComRads zugunsten komplexerer Modelle überwinden und fordern deshalb auch eine Ausweitung des Arbeitsfelds der Finanzierung.

(5) Stand bei der Konstruktion der finanziellen Anerkennungswürdigkeit unabhängiger Radio die Frage für was? im Zentrum, geht es im Arbeitsfeld der Kooperation zusätzlich darum zu explizieren, mit wem zusammengearbeitet werden soll. Dabei lassen sich drei grobe Akteur_innengruppen unterscheiden: Medien in all ihren Formaten und darüber hinaus nicht-mediale staatliche und nicht-staatliche Akteur_innen.

Das Arbeitsfeld der medialen Kooperation beschreibt, wie zu erwarten, unterschiedliche Distanzen und Intensitäten zu den einzelnen Formaten. Angefangen bei den »entferntesten Verwandten«, d.h. privatwirtschaftlichen Radiounternehmen, blitzt neben der allgemeinen Ablehnung (»Wasser und Öl vermischen sich nicht«331) und der punktuellen Kooperation von VIVA RIO und Rede Globo auch ein interessanter Vorschlag des Frauennetzwerks von Amarc Brasil auf: das Kaufen von Sendezeit in kommerziellen Radios, um der Arbeit von Community-Radiomacher_innen (und in diesem Fall auch spezifischen Gender-Themen) mehr Gewicht zu verleihen.332

Während diese Kooperation unabhängigen Radios Kosten verursacht und einzig in der strategischen Ausweitung des Publikums legitimiert scheint, strebt die von allen nicht-staatlichen ComRad-Inskripteur_innen affirmierte Zusammenarbeit mit den öffentlichen Radios der EBC vor allem eine finanzielle Stärkung an.333 Ausgehend von Pilotprojekten in Brasilia und Rio de Janeiro, bei dem ComRads Programmanteile für die EBC-Sender produzieren, wird dafür eine Bezahlung oder Materialhilfe veranschlagt, und die »Produktionsbedingungen stark verbessern«.334

Was nun die spezifische Kooperation zwischen unabhängigen Radios betrifft, ist zunächst zu erwähnen, dass das legale Skript jegliche Zusammenarbeit beim Senden im elektromagnetischen Spektrum, d.h. die Vernetzung und Retransmission von Signalen kategorisch ausschließt. Die übrigen Inskripteur_innen fordern jedoch gerade diese Art von Kooperation in ihren Skripten ein und delegitimieren die gesetzlichen Einschränkungen als Angriff auf die Meinungsfreiheit und des Rechts auf Kommunikation.335 Erklärtes Ziel einer engeren Kooperation im Äther aber auch im Internet ist der Austausch von Programmen336 und spezifischem taktischen Wissen, sowohl hinsichtlich der Sendetechnik337 als auch bezüglich der Analyse »der politischen Situation und Notwendigkeit gegenseitiger Unterstützung«338. Die Forderung von FDC dafür »eine Plattform interaktiver Kommunikation zu bilden […] die bisher nicht umgesetzt wurde«339, übersieht jedoch Internetportale wie Radiotube und Radiolivre.org wo solche Ideen bereits praktisch umgesetzt werden.340

Zu fragen ist hier jedoch auch, ob Vorschläge, gemeinsame kommunikative Netzwerke und Plattformen aufzubauen, sich jeweils auf alle unabhängigen Radioformate beziehen und welche Rolle dabei den Inskripteur_innen selbst zukommen würde. AMARC Brasil spricht sich öffentlich für eine Kooperation zwischen den unabhängigen Radios aus, ohne dass dabei spezifische Vermittler_innen anwesend sind.341 ABRAÇO, FDC und auch das Frauennetzwerk von AMARC inskribieren dagegen einen Austausch innerhalb des eigenen Netzwerks und verknüpfen diesen mit bestimmten Zielen und Regeln.342  Bezüglich der Kooperation zwischen ComRads und Freien Radios inskribieren explizit AMARC Brasil und RIZOMA den Anspruch zu intensivieren. Was die Kooperation über die nationalstaatlichen Grenzen hinausgeht, ist es neben dem dezidiert weltweit agierenden Netzwerk von AMARC Brasil erneut RIZOMA, dass einen Austausch mit Freien Radios als erstrebenswert beschreibt. Neben einzelnen legitimatorischen Vorgaben für eine spezifische Stärkung eines Skripts durch Kooperation, wird zugleich deutlich, dass einzelne Inskripteur_innen diese nicht für alle Formate unabhängigen Radiomachens vorsehen und teils auch sich selbst als zentrale_n Vermittler_in in ihrer Anerkennungswürdigkeit aufzuwerten.

Angesichts der stärker ausgeprägten Kritik des Freien Radio-Skript an staatlichen Akteur_innen, ist es nicht verwunderlich, dass darin gewarnt wird, jegliche Kooperation dieser Art »mit Vorsicht zu genießen«343. AMARC Brasil macht die Zusammenarbeit dagegen situativ von einzelne Fürsprecher_innen und Programmen in den Ministerien abhängig und spricht sich dafür aus, entsprechende Möglichkeiten wahrzunehmen bzw. selbst Vorschläge zu machen.344 Auch das Kommunikationsministerium spricht sich für eine Kooperation in Arbeitsgruppen, auch wenn es die Entscheidungsfindung, »was das besten für die Bevölkerung ist« letztendlich nur im Rahmen einer Zusammenarbeit einzelner Regierungsorganisationen für legitim hält.345 Eine viel weiterführende, nahezu organische Kooperation klingt dagegen in den Visionen von ABRAÇO Nacional an, die »wichtige Partnerschaften mit dem Obersten Gerichtshof, dem Justizministerium und dem Innenministerium« vorsehen, »um Informationen zu produzieren, die zu unseren Gemeinden zugutekommen«.346 Hier hat es den Anschein, als versuche ABRAÇO Nacional im Rahmen solcher potentieller engen Zusammenarbeit die eigene Anerkennungswürdig zu steigern.347

Konkret wird die Frage der staatlichen Kooperation aber vor allem in einem Punkt diskutiert, nämlich der Teilnahme unabhängiger Radios an einem Programm des Kultusministeriums namens ponto de cultura.348 Im Rahmen dieser Initiative können unterschiedlichste Institutionen, von staatlichen Universitäten bis hin zu informellen Kulturprojekten mit geringem bürokratischem Aufwand Mittel erhalten, für deren Ausgaben sie wiederum keine detaillierten Abrechnungen vorlegen brauchen. Auch Community Radios die keine Sendegenehmigung haben, sind förderungswürdig, weshalb die ComRad-Skripte sich nahezu ausnahmslos positiv auf diese Art Zusammenarbeit beziehen.349 Kurzum, staatlich gefördert zu werden erhöht die Anerkennungswürdigkeit.

Doch diese Formel ist mit den Prämissen des Freien-Radio-Skripts nicht ohne weiteres vereinbar, auch wenn es nicht ausgeschlossen wird, dass ein Freies Radio an dem ponto de cultura-Programm teilnimmt. Die Argumenten die gegen eine solche Kooperation angeführt werden, werten es als »falsch, sich von der Regierung abhängig zu machen und Autonomie zu verlieren« denn ein »Verlust der Freiheit die Sachen so zu machen, wie ein Radio sie machen will« sei ab dem Moment zu befürchten, »in dem aus einem Radio ein Projekt gemacht wird«.350 Auch wenn eine Gefahr der Kooptation nicht auszuschließen sei, empfinden andere Mitwirkende von RIZOMA es als unproblematisch für die Legitimation eines Freien Radios, wenn es sich an einem staatlichen Programm beteilige. Den Verfechter_innen vollständiger Autonomie wird entgegengehalten, dass die meisten Freien Radios in Brasilien das Skript auf Universitätsgeländen realisieren und eine  »Unterscheidung deshalb schwierig« sei, »denn auch in der Uni leben wir indirekt vom Staat«.351 Wichtig ist es den Inskripteur_innen von Rizoma in jedem Fall die Kooperation mit dem Kultusministerium nicht einfach als eine unbürokratische Lösung an Geld zu kommen zu affirmieren, sondern jeweils zu debattieren, ab wann bei einer strategisch begründeten Nutzung der Kooperationsmöglichkeit konzeptuell und praktisch die Anerkennungswürdig Freien Radiomachens herausgefordert wird.

Die Legitimation unabhängiger Radios scheint auch bei der Zusammenarbeit mit nicht-staatlichen Akteur_innen herausgefordert und zwar unter einem ähnlich gelagerten Vorbehalt vereinnahmt zu werden, wie ihn die RIZOMA-Inskripteur_innen gegenüber dem Kultusministerium formulieren. Dabei setzt jede_r network builder eigene kritische Schwerpunkte. So formuliert ABRAÇO Nacional Bedenken gegenüber einer unkritischen Kooperation mit Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO), da eine »Zusammenarbeit nicht immer automatisch zum Vorteil der ComRads stattfindet«.352 Anstatt kostenlos von Dritten produzierte Kampagnen und Aufklärungssendungen auszustrahlen, müsse es Gegenleistungen geben.

Die Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen wird sowohl von Freien als auch von Community Radios als legitimationssteigernd verstanden, von beiden jedoch ebenfalls an spezifische Visionen und Bedingungen geknüpft. ComRads sehen eine Steigerung ihrer Anerkennungswürdigkeit meist in einer Vervielfältigung ihrer Kooperation. So heißt es zum Beispiel: »AMARC hat die klare Linie, immer mehr Allianzen knüpfen«.353 Die Anerkennungswürdigkeit der ComRads sei davon jedoch nur dann positiv beeinflusst, wenn soziale Bewegungen »mehr Verantwortung für die Radios übernehmen« und nicht nur instrumentell auf diese Zugriff nehmen würden, »um ihre eigenen Kämpfe zu verbreiten«.354 Das Skript der Freien Radios geht hier noch einen Schritt weiter, und spricht von der notwendigen »Affinität für eine praktische Freiheit« als Grundlage der Kooperation. »Flache Hierarchien, das Interesse zu Teilen und zu Experimentieren« sollten verbindende organisatorische Prinzipien seien. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass RIZOMA eine enge Kooperation mit den oftmals hierarchischen Studierendenorganisationen skeptisch gegenübersteht, dafür aber stets die Freie-Software-Bewegung (FSB) als strategische Partner_innen anführt.356

Die Kooperation mit der FSB weißt auf eine letztes relevantes Kooperationsmoment hin, nämlich die Beratung und Unterstützung bei Fragen der »technischen« Signalerzeugung. Im Rückblick auf die geringe Aufmerksamkeit die AMARC Brasil der konzeptuellen Einbindung »nicht-menschlicher« Akteur_innen in ComRads zu Teil werden lässt (vgl. 3.3.1.2.), überrascht es kaum, dass der Verband als einzige_r Inskripteur_in zu diesem konkreten Arbeitsfeld schweigt. Ebenso erwartungsgemäß misst RIZOMA der Stabilisierung der für die Signalerzeugung relevanten Handlungsprogramme eine große Relevanz zu, wobei es steter Anspruch eines Freien Radios seien müsse, »Sachen gemeinsam zu entwickeln, ohne von jemanden abhängig zu werden«.357 Der Verweis auf die »Unabhängigkeit« ist in Bezug auf die network builder auch durchaus selbstbezüglich zu verstehen, denn im Unterschied zu den übrigen ComRad-Inskripteur_innen, die sich mit der »Technik-Kooperation« befassen, schreibt sich RIZOMA keine exponierte Vermittler_innenrolle zu. Anders dagegen das MiniCom, dass sich vor als zentrale Größe bei der Frage der Frequenzwahl – und einem möglichen Frequenzwechsel inszeniert.358 ABRAÇO Nacional hingegen beschreibt sich als legitime_n Mediator_in, um ComRads Kontakte zu professionellen Techniker_innen zu vermitteln bzw. rahmengegebende Kooperationsprogramme zu planen. VIVA RIO hingegen verweist auf sein eigenes Technikerteam dass kostenlos ComRads unterstütze. Deutlich wird, dass dieses spezifische Arbeitsfeld die Anerkennungswürdigkeit der unabhängigen Radios dahingehend stärkt, als dass es ihre Stabilisierung in der Zeit, also den konstanten operativen Gebrauch positiv beeinflusst.

Für die unterschiedlichen Arbeitsfelder der »Kooperation« möchte ich zusammenfassend vor allem auf vier Besonderheiten bei der Konstruktion medialer Legitimation hinweisen. Zunächst lassen sich zwei Strategien zur Steigerung der Anerkennungswürdigkeit unterscheiden, die sich bei ComRads zumeist auf eine möglichst breite quantitative Einbindung von Akteur_innen stützt, oder aber im Fall der Freien Radios an einer kleineren, stärker qualitativ orientierten Kopplung orientiert. Des weiteren werden in diese Strategien spezifische Bedingungen eingeschrieben, die für eine legitimierende Einbindung spezifischer Kooperationen maßgeblich sind, wie zum Beispiel die ideologische und organisatorische Affinitäten, oder aber der Austausch und Erhalt von Leistungen. Schließlich wird deutlich, dass vor allem in der Beschreibung der Arbeitsfelder »Weiterbildung« und »Technikkooperation« die ComRad-Inskripteur_innen ABRAÇO, FDC und VIVA RIO die Legitimation unabhängigen Radiomachens so formulieren, dass dadurch zugleich ihre Anerkennungswürdigkeit als network builder gesteigert wird. In diesem letzten Punkt klingt bereits eine problematische Legitimation auf Kosten anderer unabhängiger Inskripteur_innen an, auf die später noch einzugehen seien wird.

(6) Ein letztes relevantes Arbeitsfeld umfasst die praktische Auseinandersetzung mit der Regulierung des Rundfunks und medialen Inhalten im weiteren Sinne. Dabei lassen sich in den Skripten des unabhängigen Radiomachens drei zentrale Narrative herausarbeiten: der Kampf um legale Anerkennung, der Widerstand gegen Angriffe auf die Sender und die Abwehr finanzieller Forderungen der Copyright-Industrie.

Beim Kampf um die legale Anerkennung stehen sich die Sichtweisen des legalen und der übrigen Skripte diametral gegenüber. Den Ausgangspunkt der Narrative der nicht-staatlichen Inskripteur_innen bildet, wie so oft, die Feststellung, dass menschenrechtliche und verfassungsrechtliche Garantien nicht weiter übersetzt werden. Im Unterkapitel »Perspektiven« (3.2.3) bin ich bereits ausführlich auf die einzelnen Positionen und Vorschläge eingegangen. Es genügt deshalb an dieser Stelle erneut festzuhalten, dass das Arbeitsfeld der Legalisierung auf Seiten der nicht-staatlichen network builder all jene Handlungsprogramme umfasst, die eine Re- bzw. Deregulierung der bestehenden Gesetze zugunsten unabhängiger Radios anstreben. Die staatlichen Inskripteur_innen beschreiben das Arbeitsfeld der Legalisierung dagegen perspektivisch vor allem als die strikte Operationalisierung der bestehenden gesetzlichen Normen, denn »die Regulierung auf dem Papier muss eingehalten werden. Da ist kein Platz für philosophische Debatten«.359

An dieser Stelle werden sehr anschaulich die unterschiedlichen Prämissen, die dem Arbeitsfeld der Legalisierung vorausgehen deutlich. Die staatlichen Inskripteur_innen negieren eine Legitimation außerhalb der bestehenden Gesetze, während AMARC Brasil beispielsweise »Legitimität als etwas versteh[t], dass die Bürger und Bürger_innen dem Radio verleihen«.360 Die fehlende Bereitschaft staatlicher Inskripteur_innen sich an einer »Veränderung der Rundfunkordnung« zu beteiligen begrenzt deshalb stark mögliche Bewegungen im Arbeitsfeld der Legalisierung. Eine Legalisierung bereits bestehender Sender ist gesetzlich beispielsweise gar nicht möglich, sondern nur Neugründungen von ComRads. Dieses enge staatliche Handlungsprogramm rechtfertige demnach den »zivilen Ungehorsam« der von nicht-staatlichen network builders als legitim inskribierten Formen unabhängigen Radiomachens.361

Die inskribierten widerständigen Handlungsprogramme richten sich direkt gegen die Delegitimation  nicht-legalisierten Radiomachens innerhalb des staatlichen ComRad-Skripts und weiterer Gesetze. Hier werden, anders als beim wenig erfolgreichen Kampf um legale Anerkennung, eine Vielzahl von Handlungsprogrammen benannt, die die Anerkennungswürdigkeit unabhängiger Sender stärken sollen.362 Zunächst zählt dazu, die öffentliche Verteidigung des nicht-genehmigten Sendens. Diese umfasst unter anderem die Denunzierung gewaltsamer Schließungen, bei der »ComRads wie Banditen behandelt« würden, die Dekonstruktion des bereits erwähnten Arguments, ComRad-Signale würden Flugzeuge zum Absturz bringen, aber auch Demonstrationen für das Recht auf Kommunikation sowie die Umsetzung verfassungsrechtlicher und rechtsstaatlicher Garantien.363 Während hier primär staatliche Akteur_innen angesprochen sind, weißt AMARC Brasil darauf hin, dass Radios gegebenenfalls auch öffentlichen Widerstand gegen weitere Bedrohungen artikulieren müssen, beispielsweise im Falle von Schutzgelderpressungen.364

Doch das widerständige Arbeitsfeld umfasst auch weniger öffentliche Dynamiken. Es sei wichtig Tipps und Ideen auszutauschen, um sich gegen Einsätze der Regulierungsbehörde und der Bundespolizei zu wehren.365 Einer der ComRad-Inskripteur_innen verweist dabei auch auf die Möglichkeit ein Frühwarnsystem zu etablieren und auf diese Weise das Sendeequipment in Sicherheit zu bringen, bevor ANATEL zum Kontrollieren vorbei schaut.366 ABRAÇO SP wiederum verweist auf den Nutzen, zwischen ComRads einen gemeinsamen »Repressionsfond« anzulegen, »damit ein Radios nach seiner Schließung die finanziellen Mittel hat, direkt wieder auf Sendung zu gehen«367. Neben diesen Strategien sich im »Katz-und-Maus-Spiel« mit der Regulierungsbehörde einen Vorteil zu schaffen, formulieren die network builders jedoch auch Handlungsprogramme, um Konflikte zu vermeiden. So sollten nach Meinung von ABRAÇO SP vor allem jene Frequenzen besetzt werden, die keine Interferenzen mit anderen Sendern erzeugen bzw. die Frequenz gewechselt werden, falls dies geschehe.368

Eine weiteres und letztes Moment der Auseinandersetzung mit der Rundfunkregulierung das hier Erwähnung finden soll, betrifft die Frage des Copyrights für Audioproduktionen. Während das ComRad-Gesetz und die staatlichen network builders keine Aussagen dazu machen, ob unabhängige Radios genauso wie staatliche, öffentliche oder private Sender zahlen sollten, besteht die in Brasilien tätige Rechteverwertungsgesellschaft ECAD (Escritório Central de Arrecadação e Distribuição) darauf, dass auch ComRads monatliche Zahlungen leisten sollten und schickt einzelnen Sendern immer wieder Zahlungsaufforderungen zu.369 Alle nicht-staatlichen network builder sprechen sich dagegen offen dafür aus, nicht zu zahlen. Dabei rechtfertigen sie zunächst die Verwendung von Copyright-Material vermittels zweier Strategien. Die erste besteht darin, ECAD als Akteur_in zu delegitimieren. Dies geschieht zum einen darin, seine Professionalität in Frage zu stellen, zum Beispiel vor dem Hintergrund von Strafzahlungen ECADs wegen Kartellbildung.370 Die Freien Radios stellen die Anerkennungswürdig der Rechteverwertung dagegen eher konzeptuell in Frage.

»Oft wird das Autorenrecht mit dem [geistigen] Eigentumsrecht des Autors über das Werk verwechselt […] Alles Geschaffene wird direkt in Eigentum umwandelt […] Doch diese  Eigentumsidee steckt in einer Krise, sie ist ineffizient und der Druck nach Veränderungen wird immer größer. Soziale Praktiken verändern sich nun einmal.«371

Die zweite Strategie entwickelt nun eine Argumentationslinie, die unabhängigen Radios die kostenlose Verwendung von Copyright-Material zuspricht. »Community Radios sollten nicht von Autorenrechten betroffen sein, denn sie stimulieren lokale Künstler und tragen zur Diversität Brasiliens bei«, meint ABRAÇO Nacional. AMARC Brasil, die sich bis 2013 kaum mit dem Thema auseinandersetzten, intervenierten per amicus curiae im Januar 2013 gemeinsam mit der ONG Artigo19 vor dem Obersten Gerichtshof (STJ) und forderten ComRads wegen ihrer kulturellen Funktion und ihres non-profit-Charakters.372

Begleitet wird dieses Vorgehen zusätzlich von der inskribierten Aufforderung, weniger Copyright-Material zu benutzen. ABRAÇO Nacional rät den ComRads »mehr lokale Musik« zu spielen und die »Künstler dazu aufzufordern, ihnen die Rechte zu überlassen oder Community Radios Material kostenlos zur Verfügung zu stellen«.373 RIZOMA spricht sich dagegen direkt für die verstärkte Nutzung von Copyleft-Titeln aus.374

Im Arbeitsfeld der praktischen Auseinandersetzung mit der bestehenden Regulierung wird erneut sehr deutlich, wie wichtig es für eine Stärkung der Anerkennungswürdigkeit unabhängiger Radios ist, in den Skripten immer wieder zwischen legal und legitim zu differenzieren. Die network builder kombinieren dabei auf unterschiedliche Weise, eine Kritik bestehender Gesetzen, rechtfertigen ihre Nichtbeachtung oder machen Vorschläge dazu, wie rechtlichen Konflikten beim Radiomachen aus dem Wege gegangen werden kann. Deutlich erneut auch, dass nicht alle dieser Strategien immer öffentlich sind und vor allem explizit widerständige Legitimationsstrategien als hidden transcripts angelegt sind.

Abschließend möchte ich hier noch einmal die konkreten inskribierten Arbeitsfelder aufzählen: Finanzierung, Training, Kooperation, Austausch zwischen Radios, journalistische Arbeit, Leitung und Verwaltung, praktische Auseinandersetzung mit der Rundfunkregulierung und dem Copyright. Auf der analytischen Ebene der Handlungsprogramme werden in den Skripten also endlich Vorschläge greifbar, die Akteur_innen befähigen sollen, ihr Medienmachen zu legitimieren. Zugleich wird sichtbar, dass nicht alle dokumentierten Arbeitsfelder für die Legitimation von ComRad-Skripten und dem Pendant von RIZOMA die gleiche Bedeutung haben und auf verschiedene Art und Weise konstruiert sind. Wie ich dargelegt habe, formulieren die ComRad-Skripte dabei Handlungsprogramme die normativ deutlich konkreter angelegt sind, vor allem in den Feldern der journalistischen Arbeit, der Weiterbildung und Kooperation. Werden keine expliziten Normen benannt, dann wird zumindest an ComRads der Anspruch weitergegebenen,  für ihre Legitimation im operativen Gebrauch ähnlich normgebend zu operieren.

Das RIZOMA-Skript freien Radiomachens artikuliert sich dagegen erneut als primär negative Radiotheorie, die besonders in no-gos wie beispielsweise dem Verzicht auf Werbung, hierarchische Strukturen konkret wird. Aber es rücken vermehrt auch positiv-gesetzte Features Freier Radios ins Blickfeld, u.a. hinsichtlich des inskribierten low-tech-Charakers der Sender, Horizontalität und der »organischen« Kooperation mit der Freien-Software-Bewegung. Dabei bleibt jedoch das weitere Bemühen erkennbar, Arbeitsfelder so zu definieren, dass dabei keine strukturelle Vorgaben gemacht werden. Auf die Inskription dauerhafter Assoziationen (z.B. Radio-Handbücher) die eine »Härtung des Sozialen« begünstigen könnten, wird verzichtet.

Auch ComRad-Skripte legen die radialen Arbeitsfelder keineswegs als vollständige Blaupausen an.375 Dennoch unterscheiden sie sich in ihrer Konstruktion vom RIZOMA-Skript, wenn es darum geht, Legitimation in den einzelnen Arbeitsfeldern durch die Einbindung bestimmter Akteur_innen zu erzeugen. Im Feld der Kooperation ist exemplarisch deutlich geworden, dass die ComRad-Skripte eine massivere Kopplung von Entitäten anstreben, die nicht direkt die Signalerzeugung betrifft. Freien Radios streben im Vergleich dazu explizit eine intensivere Einbindung von Akteur_innen, deren Selektion mit den eigenen medienpolitischen Prämissen kompatibel seien muss.

Neben diesen Unterschieden, lassen sich für die unterschiedlich inskribierten Arbeitsfelder jedoch auch geteilte Probleme benennen, was ihren Beitrag zur Legitimation des unabhängigen Radiomachens angeht. Zunächst scheint es mir wichtig, einzelne Zuweisungslücken bei der Operationalisierung von Prämissen in spezifische Arbeitsfeldern nicht darauf zu verfallen, diese »Ungenauigkeiten« allein mit dem »medialen Werden« und der aktiven Rolle der Radiomachenden bei der Konkretisierung der Skripte, erklären zu wollen. Wäre dies der Fall, dann ist erstaunlich, dass das nachträgliche Weiterschreiben der Skripte, also eine wirkliche Rückkopplung mit dem operativen Gebrauch der Mediationen das sichtbare Spuren hinterlässt, an keiner Stelle von den network builders reflektiert wird.

Des weiteren fällt auf der Ebene der Arbeitsfelder auch weiterhin eine geringe Auseinandersetzung mit der Operationlisierung einer »gegenderten« und egalitären Teilhabe und Berichterstattung in den Radios auf. Positiv hebt sich hier allein die Einschreibung des Frauennetzwerks als komplizierte Entität im ComRad-Skript von AMARC ab. Dafür mangelt es nicht an Versuchen, sich auf Kosten anderer unabhängiger Inskripteur_innen zu legitimieren, wenn z.B. RIZOMA ComRad-Skripten pauschal vorwirft, keine ästhetischen Neuerungen zu leisten und mit Formaten von kommerziellen Radios zu arbeiten. Zum einen sind die ComRad-Skripte, wie ich gezeigt habe, zu unterschiedlich und entziehen sich dieser Kritik. Zum anderen ist zu fragen, inwiefern solche Legitimationsstrategien sich nicht negativ auf unabhängige Radiomachen in Brasilien auswirken und zwar in seiner relationalen Konkurrenz mit staatlichen, öffentlichen aber vor allem privaten Radioskripten.

Schließlich möchte ich abschließend noch zwei Probleme benennen, die tendenziell jeweils gesondert ComRad- und Freie Radio-Inskriptionen betreffen. Die Gruppe der erstgenannten network builders muss sich die Frage gefallen lassen, inwiefern die zentrale Rolle, die sich einige von ihnen bei der Weiterbildung von Führungskräften oder der Kooperation selbst zuschreiben schlüssig ist und nicht eine argumenative Achilesferse bildet. Warum beispielsweise allein ABRAÇO Nacional bestimmte Mediationen vornehmen kann, ist nicht allein mit seinem exponierten Repräsentationsanspruch zu erklären und verlangt nach weiteren Explikationen. Im Skript von RIZOMA werden andererseits die Grenzen ihrer meist negativ formulierten Medientheorie deutlich. Zum einen werden positive Forderungen wie Horizontalität formuliert, zum anderen auch Dissens erkennbar. Wie verbindlich ist beispielsweise die Nicht-Kooperation mit dem Staat, wenn dessen Ministerien die Existenz eines Freien Radios positiv beeinflussen wenn nicht sogar legitimieren könnte? In der dokumentierten Auseinandersetzung mit diesem no-go klingt bereits das Thema des folgenden Unterkapitels an, ausgeschlossene Mobilisierungen.

 

3.5.3 Ausgeschlossene Mobilisierungen

(1) Politische Patenschaften einzugehen, (2) sich an den Formaten kommerzieller Radios zu orientieren beziehungsweise (3) mit oder ohne Gegenleistungen (mit dem Staat) zu kooperieren sind mögliche Mobilisierungen des unabhängigen Radiomachens, die bereits mehrfach in dieser Arbeit diskutiert worden. In diesem Unterkapitel möchte ich dagegen noch einmal darauf eingehen, warum diese Handlungsprogramme für einzelne network builder als »ausgeschlossen« gelten. Auf diese Weise werden noch einmal spezfische Unterschiede zwischen den ComRad-Skripten deutlich werden, die zu einer differenzierteren Wahrnehmung beitragen. Während das RIZOMA-Skript die hier versammelten ausgeschlossenen Mobilisierungen an keiner Stelle relativiert, ist seitens der ComRad-Inskripteur_innen der Versuch zu erkennen, spezifisch Ausnahmen von der Regel zu formulieren, welche die Konstruktion der radialen Anerkennungswürdigkeit maßgeblich beeinflussen.

(1) Auf die allgemeine Ablehnung politischer Patenschaften aber auch Versuchen, in einzelnen Fällen solcherlei Beziehungen zu rechtfertigen bin ich bereits eingegangen.376 Hier soll nun der Blick auf ein spezifisches Handlungsprogramm gerichtet werden, bei dem sich network builder selbst als »Pate« einer erfolgreichen Genehmigungsvergabe einschreiben. Wichtig ist es, hier zunächst auf eine empirische Situation zu verweisen, nämlich den Umstand, dass

»80% der Community Radio die heute genehmigt senden, vermittels einer spezifischen Patenschaft dazu gelangt sind. Ein Politiker bringt den [Genehmigungs]Prozess ins Laufen. Das heißt, das Radio ist von Beginn an kompromittiert, so wie auf einer Geburtsurkunde, wo der Name des Vaters eingetragen wird«.377

Dieses Handlungsprogramm umfasst nicht nur lokale Paten und Patinnen, sondern »reichen [nach Einschätzung von AMARC Brasil] bis in die Regierung hinein« und ermöglichen es den Antragsteller_innen ihre Community Radios »schneller zu legalisieren als andere«.378 Öffentlich schweigen die ComRad-Inskripteur_innen zu diesem Vorgehen oder distanzieren sich wie AMARC Brasil ohne jedoch potentiell beteiligte Sender auf Grund der Patenschaften in ihrer Legitimation anzugreifen. »Es ist ihre Sache wenn sie bei so etwas mitmachen«.379

Diesem kritischen Laissez-faire steht jedoch die pragmatische Affirmation dieser beschleunigten Genehmigungsvergabe gegenüber, bei der ABRAÇO Nacional sich selbst eine zentrale Rolle zuschreibt. Denn wer als Radio dem Verband beitrete »hat es leichter als Radios, die den [Gemehmigungs]Prozess allein bewältigen müssen. Die warten dann zehn bis 12 Jahre um legalisiert zu werden.«380 Die politischen Kontakt von ABRAÇO Nacional zu Parlamentarieren der PT verkürze diese Wartezeit auf weniger als vier Jahre.381 Anders ausgedrückt, rechtfertigt der network builder hier ein in seiner Legitimation strittiges Handlungsprogramm, dass sich eben dadurch begründet, mit der Sendegenehmigung eine für die mediale Anerkennungswürdigkeit bedeutende Entität zu mobilisieren. Was jedoch, wenn das Handlungsprogramm an dessen Ende von Paten beschleunigte Sendegenehmigungen stehen delegitimiert wird? Auch wenn bisher öffentlich niemand die Anerkennungswürdigkeit beteiligter ComRads auf diese Weise angreift, schafft das Skript von ABRAÇO zumindest die Möglichkeit dafür

(2) Auf ähnliche Weise ließe sich auch die Legitimation von Sendern herausfordern, die sich an den Formaten kommerzieller Radios orientieren. In den Aussagen der RIZOMA-Inskripteur_innen, die ComRads vorwerfen, sich nicht ausreichend kritisch mit ihren ästhetischen Anleihen auseinander zu setzen, klingen solche Argumente bereits an. Interessanter Weise bejahen die Skripte von AMARC Brasil und ABRAÇO Nacional den geforderten Ausschluss von »Kommerzradioformaten«, lehnen ihn jedoch als aktuell gültiges Legitimationskriterium ab. Denn so lange ComRads von Beginn ihrer Arbeit kein Training garantiert sei, »können sie eben nicht anders [Radio machen], da sie nichts anderes kennen und gelernt haben«.382 Lediglich das Nachahmen »massiver Werbeblöcke« im Programmverlauf stelle ein no-go dar.383

Kategorisch gegen die Interpretation einer kommerziellen Radioästhetik als delegitimierend stellt sich allein VIVA RIO. Differenzierter bestreitet die Inskripteur_in nach, dass wirklich jedes Format a priori abzulehnen und fragt in entgegengesetzte Richtung: »was lässt sich von kommerziellen Radios lernen?«.384 Inskribiert wird, auch in Hinblick darauf »dass es schon einmal eine fruchtbare Annäherung [in dem erwähnten Projekt mit Radio Globo] gab, die aber nicht gehalten hat«385, ein gegenseitiger Lernprozess, in den, wenn man so will, die besten Formate der unterschiedlichen Radioskripte einfließen sollen.

(3) Ähnlich polarisierend wie das Verhältnis zu kommerziellen Radios ist in den Skripten unabhängigen Radiomachens immer wieder die Frage nach der Kooperation mit NGOs und staatlichen Akteur_innen diskutiert worden. Als ausgeschlossen gilt dabei die Kooperation ohne Gegenleistungen. Während bei der Kooperation mit NGOs zwischen den Inskripteur_innen darüber Konsens herrscht, scheinen gemeinsame Handlungsprogramme mit staatlichen Akteur_innen problematischer zu sein. ABRAÇO Nacional, ist wie ich bereits vorher gezeigt habe, dabei am unvoreingenommensten und macht die »derzeit wenigen gemeinsamen Projekte zwischen der Regierung und weiteren Institutionen« vor allem daran fest, dass der Staat noch immer nicht verstanden habe,  »dass Gegenleistungen nicht nur auf inhaltlicher Ebene stattfinden darf«.386 RIZOMA und AMARC Brasil hegen dagegen weitere Vorbehalte, sich vereinnahmen zu lassen oder sich sich finanziell einseitig abhängig zu machen.387 Deutlich wird hier, dass nicht nur die Frage eines reziproken Tauschens eine Rolle spielt, sondern sich auch Bedenken im Raum stehen, ob der Staat ein_e Akteur_in ist dem eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung unabhängigen Radiomachens anvertraut werden kann. Delegimiert scheinen Handlungsprogramme in denen staatliche Akteur_innen tendenziell zu viel Protagonismus oder Entscheidungsmacht zuzugestehen.

Die ausgeschlossenen Mobilsierungen beschreiben demnach keinen Katalog fester Kriterien, sondern zeigen vielmehr wie formbar einzelne Prämissen mitunter sind. Dabei denken die Inskripteur_innen auch immer wieder selbst darüber nach, wem das Recht zukommt, Ausnahmen zu definieren - allein den network builders oder auch den ComRads und Freien Sendern?

Diese Frage ist für die weitere Arbeit sowohl empirisch als auch methodologisch äußerst relevant. Denn falls die Radiomachenden in den Skripten der network builder dazu berechtigt werden, selbständig situative Ausnahmen zu definieren, dann wird die Frage der Legitimation – vor allem auf der Ebene der Handlungsprogramme – erneut »vertagt«. Zugleich verliert auch die ontologische Ordnung der ANT, die bisher ja so zu verstehen war, dass (implizit von oben nach unten) linear eine black box nach der anderen geöffnet wird, ihr Erklärungspotential. Wie schon bei der Schlussbetrachtung des mappings (Kap. 2) klingt hier erneut die (bisher nur unzureichend beantwortete) Frage an, ob und wie die  Artikulationen der von network builders inskribierten Akteur_innen an die Skripte rückgekoppelt sind. Diese zirkuläre Bewegung im Fraktalmodell der ANT denkbar zu machen, ist auch der Schlüssel die heterogenen und oftmals unabgeschlossen erscheinenden Inskriptionen dieses Kapitels zu analytisch zu resümieren.

 

3.6 Zwischenfazit II – Radio als zirkulierende Referenz

In diesem Kapitel wurden fünf Skripte unabhängigen Radiomachens dokumentiert. Öffentlich sichtbaren und weniger sichtbaren network builders wurde Raum gegeben wurde, ihre Visionen und Operationalisierungen legitimierter Mediationen zu erläutern. An dieser Stelle möchte ich nun darauf eingehen, inwiefern diese Radio-Skripte das im 2. Kapitel begonnene mapping konkretisieren und welche unterschiedlichen Legitimationsstrategien sowohl gegenüber bestehenden Gesetzen (1) aber auch darüber hinaus (2) zum Ausdruck gebracht wurden. Anschließend erfolgt eine analytische Auseinandersetzung mit den in den Narrativen der radialen Inskripteur_innen vielfach erwähnten Zuweisungslücken, um sie nicht länger als gap monieren zu müssen sondern sie als leak für die weitere Arbeit nutzbar zu machen (3).

(1) Bereits am Ende des 2. Kapitels hatte ich auf der Beobachter_innenebene drei mögliche Ansatzpunkte formuliert, um aus Sicht der unabhängigen Radiomachenden und von der bestehenden legalen Ordnung des Radiomachens aus jeweilige legitimation claims zu explizieren.388  Den so dokumentierten Inskriptionen ist eigen, dass alle nicht-staatlichen network builder mediale Anerkennungswürdigkeit anteilige immer auch in Bezug auf bestehende gesetzliche Normen und Regeln artikulieren. Dies beginnt mit der retrospektiven Kritik am Lei 9.612/98, das dabei scheitert die artikulierten Skripte unabhängigen Radiomachens adäquat in legale Assoziationen zu übersetzen (vgl. 3.2.1), setzt sich fort in der Modifikation bzw. Ablehnung gesetzlicher Nomen (vgl. 3.2.2) und gipfelt schließlich in unterschiedlich weitreichenden Forderungen nach einem anderen Mediengesetz bzw. einer anderen Kommunikation (vgl. 3.2.3, 3.4.1).

Die Akteur_innen und Handlungsprogramme, die dabei mobilisiert werden sollen, lassen sich als spezifische Neuregulierungen und Deregulierungen unterscheiden. Erstere sehen die Koppelung neuer und veränderter Normen und Entitäten sowie die stärkere Einbindung der network builder in das staatliche Radio-Skript Lei 9.612 vor. Dazu gehören etwa die erwähnte Gründung einer ComRad-Ministerialbehörde (ABRAÇO Nacional), Modifikationen des Frequenzplans von ANATEL (z.B. drei statt bisher einer Frequenz für ComRads), die kontrollierte Nutzung des elektromagnetischen Spektrums als öffentliches Gut, die rechtliche Gleichbehandlung aller Radioformate und eine Garantie ihrer verfassungsrechtlich inskribierten Komplementarität. Während das MiniCom und ANATEL das bestehende Skript lediglich im Rahmen eines technical fix verändern wollen, lassen sich die Positionen weiterer network builders – allen voran ABRAÇO Nacional – als socio-technical fix subsumieren, der die Legitimation legaler Normen und Regeln (als anteilige Größen einer breiter angelegten Anerkennungswürdigkeit unabhängigen Radiomachens) stärker auf ein spezifisches Gemeinwohl bezieht. Dabei soll das bestehende Akteur_innen-Netzwerk der Rundfunkregulierung nachhaltig modifiziert aber nicht als solches herausfordert werden.

Inskripteur_innen, die einer Deregulierung das Wort reden, nehmen viele Vorschläge der Neuregulierung auf, leiten davon jedoch weiterreichende Forderungen ab. Bei den veranschlagten Modifikationen werden verstärkt (legale) mediale Konzepte und die Zentralität des Staates als Legitimationshelfer herausgefordert. Besonders relevant sind dabei die Delegitimation des territorialen ComRad-Konzepts – besonders seitens AMARC Brasil –, die Häufung von Entscheidungsfindungen und Regulierungen in staatlichen Institutionen auf Bundesebene und -regierung sowie die Definition des elektromagnetischen Spektrums als öffentliches Gut. Demgegenüber wird unabhängiges Radiomachen in seiner Konzeptualisierung, Operationalisierung und letztendlich auch Legitimation stärker distribuiert, Gemeinden (municípios), communities Individuen und non-humans dabei potentiell in ihren kollektiven und individuellen Rechten gestärkt. Sie werden zunehmend aktive Legitimationshelfer_innen, sei es bei der Umdeutung von Radiofrequenzen in ein Weltkulturerbe oder ein den commons ähnliches Umweltgut oder aber auch im Rahmen von Legitimationsnarrativen die zunehmend auf situative Größen rekurrieren anstatt landesweite, einheitliche Normen zu veranschlagen. Der status quo des der staatlichen Rundfunkregulierung zugrunde liegenden Akteur_innen-Netzwerks ist perspektivisch damit auf zweifache Weise herausgefordert, zum einen in Form eines Mediengesetzes, dass sich durch eine positivistische Übersetzung des Rechts auf Kommunikation auszeichnet, zum anderen in einer konzeptuell weiterführenden Neuordnung, die Gesetze permanent an einen empirischen legitimation claim koppelt und damit in ihrer ständigen Gültigkeit einschränkt.

(2) Neben dieser intensiven, legitimationssteigernden Auseinandersetzung mit dem legalen Skript, umfassen die dokumentierten Agenturen und Handlungsprogramme der nicht-staatlichen network builders aber noch weitere mediale Übersetzungen, die die Anerkennungswürdigkeit unabhängigen Radiomachens erhöhen sollen. Dazu gehört zunächst die Koppelung normativer Konzepte (z.B. Aktivismus, Autonomie, Kooperation nur gegen Gegenleistungen, etc.), die nicht in Gesetze übersetzt werden. Auf der Akteur_innenebene lässt sich zudem eine strategische Aufwertung von heterogenen Entitäten zu komplizierten Größen des Medienmachens beobachten, wie beispielsweise die Einbindung einer spezifischen Form von Journalismus in den operativen Gebrauch. Ebenfalls deutlich wurde die quantitative bzw. qualitative Mobilisierung von als legitimationssteigernd verstandenen Akteur_innen und Handlungsprogrammen.389 Darunter fallen mitunter auch Größen, für deren potentielle Mobilisierung allgemein delegitimierende no-gos situativ außer Kraft gesetzt werden müssen. Dies ist beispielsweise der Fall bei der Einbeziehung von politischen (PT) und religiösen (Evangelikale) »Missionar_innen« in den Skripten von ABRAÇO Nacional, VIVA RIO und dem FDC. Und schließlich ist auch eine um Anerkennungswürdigkeit bemühte Abgrenzung von anderen Radioakteur_innen zu bemerken, sei es im Rahmen des fixen Feindbilds kommerzieller Medien oder aber in der Legitimation auf Kosten konkurrierender unabhängiger Radioskripte.

(3) Wie die inhaltliche Aufarbeitung der analysierten Skripte zeigt, hat sich der Einsatz der ANT-Methodologie als epistemoligisch gewinnbringend erwiesen. Die für das setting gezogenen Schlüsse stützen sich bei ihrer Dekonstruktion von Mikro- und Maktroakteur_innen und dem Objekt/Subjekt-Schisma aber auch bei der relationalen Rekonstruktion von Legitimationsstrategien auf Unterscheidungen komplexer und komplizierter Entitäten und Übersetzungen. Auch wenn eine vollständige methodische Operationalisierung der ANT-Prämissen noch aussteht, hat der Ansatz einer um Symmetrie bemühten Analyse der Radioskripte eine äußerst differenzierte Betrachtung ermöglicht – ganz im Sinne der explorativen Forschungsfrage.

Doch von diesem Erkenntnisgewinn abgesehen, wurden neben den vielfältigen (teilweise bereits im 2. Kapitel dokumentierten) attribution gaps des legalen Skripts auch eine Reihe konzeptueller Übersetzung- und Zuordnungslücken in den weiteren Skripten sichtbar. Dies ist problematisch, denn solcherlei Undeutlichkeiten und Kontigenzen erschweren den Nachweis medialer Legitimation, eben weil die unvollständigen Übersetzungen, vor allem in Bezug auf die radialen Mediationen (3.4) zu allgemein bleiben. Deshalb muss festgehalten werden: Der Anspruch nach dem Mapping, mit Hilfe der network builder die offenen Fragen der Wiederzusammensetzung von Radio (Vgl. Kap. 2.4) zu klären hat sich nur teilweise erfüllt.

Doch so unbefriedigend das ständige »Vertagen« des Legitimationsnachweis unabhängigen Radiomachens in seinem operativen Gebrauch zunächst erscheinen mag, so entscheidend war diese akribische Analyse radialer Entitäten und Übersetzungen die in ihrer Heterogenität allen Versuchen zuwiderlaufen, auf der Ebene der network builders vorschnell ein universelles Medien-Konzept zu verallgemeinern. Denn auch innerhalb der Akteur_innen-Netzwerk-Theorie ist die Existenz solcher blueprints im medientechnischen Bereich teilweise angedacht worden und zwar als »immutable mobiles« (unveränderliche mobile Elemente).390 Darunter sind Konfigurationen von Akteur_innen bzw. Handlungsprogrammen in denen bspw. Die »Visualität (der Papiermedien) und die Agonistik (der Machtkonstellationen) zusammengeführt werden«391 und innerhalb dieser festen spezifischen Kopplung eine vorteilhafte Stabilisierung erfahren. Wie ich gezeigt habe, lässt sich unabhängiges Radiomachen in all seinen heterogenen Größen und konkurrierenden Handlungsprogrammen nicht als ein solches immutable mobile subsumieren und somit auch kein fester und mobiler legitimation claim ableiten.

Die dokumentierten Praktiken lassen sich viel adäquater mit einem anderen ANT-Konzept fassen, dass sich mit den nachvollziehbaren »Amplifikation[en] unveränderlich mobiler Elemente […] innerhalb einer Kette«392 auseinandersetzt. Die Prämisse der »zirkulierende[n] Referenz« steht nicht in Widerspruch zu den immutable mobiles, relativiert jedoch ihre Erklärungskraft und – was noch viel entscheidender ist – ihre Autor_innenschaft. Denn während die unveränderlichen mobilen Elemente ihren konzeptuellen Selbstbeschreibungen zufolge in sogenannten »centers of calulation«393 inskribiert werden, die in unserem Fall mit den radialen network builders dieses Kapitels zusammenfallen würden, gehen die zirkulierende Referenzen auf einen distribuierten und schwer zu fassenden Inskriptions-prozess zurück.

»Das Ding an sich erscheint nie, immer besteht ein Vorwissen, eine andere Wissenschaft, die zuvor mindestens der Wahrnehmung und den Fragestellungen den Weg geebnet hat. [...] Die Welt ist schon immer in irgendeiner Art und Weise ein Labor.«

Wie lässt sich vor dem Hintergrund dieser Überlegungen nun der Beitrag der in diesem Kapitel analysierten network builder zur Legitimation unabhängigen Radiomachens lesen? Ihre unvollständigen Skripte legen nahe, dass sie nicht die alleinigen medialen Konstrukteur_innen sind. Interessant ist nun, dass sie zwar an vielen Stellen die Ko-Autorenschaft der Radiomachenden akzeptieren und einfordern, sich in Relation zu den weiteren network builders einen exponierten wenn nicht den alleinigen Anspruch zuschreiben, legitimes unabhängiges Radiomachen zu inskribieren. Das heißt, es blitzt ein Selbstverständnis als center of calculation auf, eines Rechenzentrums dass jedoch keinen metacode produziert, der von weiteren Rechenzentren geteilt würde. Stattdessen werden konkurrierende cultural codes artikuliert und zirkuliert, ohne dass dabei ein kleinster gemeinsamer Nenner ausgehandelt werden würde, von dem was auf der Ebene der Ethnotheorien als unabhängiges Radiomachen zu verstehen ist.

Diese Unabgeschlossenheit, die bei der bisherigen Analyse vor allem als frustrierend auffällig geworden ist, öffnet für die Radiomachenden ungefragt Räume, um legitimatorische Allgemeinplätze (z.B. Partizipation) in spezifische Handlungsprogramme zu übersetzen und damit  möglichen Einforderungen medialer Anerkennungswürdigkeit empirisch überhaupt erst etwas erwidern zu können. Ob und wie sich unabhängige Radiokollektive dieser Herausforderung stellen, leitet das erkenntnistheoretische Interesse des folgenden Kapitels.

Die offenen Fragen, die ich dabei von den Inskripteur_innen mitnehme, lassen sich grob in vier Perspektiven zusammenfassen. Zunächst ist es wichtig zu untersuchen, wie unabhängige Radiokollektive sich in Bezug zu den network builders und ihren cultural codes setzen. Wie arbeiten sie mit den konkurrierenden Prämissen? Wie vervollständigen sie die Skripte an jenen Punkten an denen die Legitimation für bestimmte Entitäten oder Handlungsprozesse unvollständig bleibt? Parallel dazu muss für eine vollständige Analyse betrachtet werden, welche möglichen weiteren Legitimationsketten geknüpft werden, die bisher nicht angesprochen wurden. Da innerhalb dieser beiden Blickwinkel potentiell vollständige und nachvollziehbare Skripte der radialen Mobilisierung und Stabilisierung rekonstruierbar sind, liegt das dritte zentrale Anliegen darin genauer herauszuarbeiten, wem gegenüber der legitimation claim behauptet wird und wer überhaupt Forderungen nach Legitimation stellt und stellen kann. Und schließlich, lässt sich hinsichtlich dieser drei Blickwinkel jeweils auch fragen wie sichtbar oder versteckt die Skripte und ihre Realisierung jeweils artikuliert werden. Im Rückblick auf dieses Kapitel lassen sich dabei eventuell auch einige deskriptive Lücken neu bewerten, da diese nicht zwingend bedeuten, dass keine Aussagen getroffen werden, sondern auch auf hidden trancripts hinweisen könnten, die erst noch empirisch entfaltet werden müssen.

Radiokollektive wird somit der Status eigener Welten mit eigenen Codes zuerkannt, die in einem spezifischen Verhältnis zu den hier referierten unterschiedlichen cultural codes der network builder stehen. Anstatt eine Zirkulation von Information zu dokumentieren, die meiner ANT-Lektüre nach nie in Reinform erreicht werden kann, sondern immer eine Transformation beschreibt, rücken im nächsten Kapitel nun spezifische Aushandlungsprozesse in den Fokus. Radiokollektive, die oftmals nur als ausführendes letztes Glied in einer konzeptuellen Kette und nicht als potentielle Koautor_innenschaft unabhängigen Radiomachens betrachtet werden, erhalten nun das Wort.

4. Radiokollektive

4.1 Noch ein Radiomanuskript – Spurenlesen im Forschungstagebuch

ANMODERATION

Als ich nach dreijähriger akademischer Arbeitspause im Jahr 2009 beschloss, das unabhängige Radiomachen in Lateinamerika im Rahmen einer medienethnographischen Studie zu untersuchen, stellte sich zunächst die Frage: Wo genau anfangen? Ich hatte zu diesem Zeitpunkt drei Jahre lang als Journalist in Mexiko gearbeitet, Radioworkshops gegeben und gemeinsam mit anderen Medienaktivist_innen Handbücher und media tools produziert, die allen Interessierten das selbständige Erstellen und Verbreiten von Radiobeiträgen erleichtern sollten.1 Dabei fiel mir auf, dass viele Freie Radios in Mexiko Stadt auf konzeptuelle Anregungen und Agenturen (z.B. Streaming Software) von Akteur_innen aus Brasilien zurückgriffen. Mehr noch, so wie ich lange Zeit von Berlin aus – einer Stadt, deren Mediengesetzgebung bis heute keine Freien Radios zulässt – elektrisiert auf die zahllosen lateinamerikanischen Radioprojekte geschaut und meinen kühnsten Projektionen freien Lauf gelassen hatte, wurden in Mexiko wiederum brasilianische Radios wie »Rádio Muda« als »chingonería« gefeiert.1a Mein Interesse war geweckt, die Spur gelegt...

Das folgende Radiomanuskript »Wie werden eigentlich induktive Kategorien gebildet?« fasst zusammen, wie aus der eingangs beschriebenen groben Route durch die Bundesstaaten São Paulo, Rio de Janeiro, Pernambuco und Ceará zunehmend eine analytische Bewegung wurde. Ohne es zu wissen, hatte ich den Anspruch der ANT-Methode, die ich später wählen sollte, vorweggenommen: follow the actors.2 Dieses anfänglich breite explorative Vorgehen verdichtet sich in meinem Forschungstagebuch rückblickend zu einem konsistenten sample und einer wichtigen Fragestellung: welche situativen Ähnlichkeiten lassen sich herausarbeiten, die für die mediale Legitimierung  einzelner Radios von Bedeutung sind? Ohne dabei die Singularität der radialen Mediationen in Abrede zu stellen, beschreibt das Radiomanuskript, wie sich im Dialog mit den Interviews der Radiomachenden, dem Forschungstagebuch und weiteren Diskussionspartner_innen vier Unterscheidungsmerkmale herauskristallisierten, die auch von den Akteur_innen genutzt werden, um sich situativ voneinander abzugrenzen.

BEGINN DES BEITRAGS »Wie werden eigentlich induktive Kategorien gebildet?«3

MUSIK Weltsozialforumshymne

Weltsozialforen sind seit 2001 der Szenetreff schlechthin für Altermundialist_innen, NGOs und soziale Bewegungen. Zugleich sind sie auch eine wichtige Begegnungsstätte für unabhängige Medienmachende - irgend jemand muss ja jene anderen Welten dokumentieren, die die Versammelten für möglich halten...

ATMO Kakophonie

ATMO Motorengeräusche, ein Bus bremst [Stille]

Und so pilgerten auch im Jahr 2009 zahlreiche freelancer und journalistische Kollektive zum neunten Weltsozialforum ins brasilianische Belém do Pará, um einmal mehr das Unmögliche zu wagen: Berichterstatten, von hunderten, oft zeitgleich stattfindenden Veranstaltungen. Ein Woche lang. Gefühlte 36 Stunden am Tag. Offline und online. In Worten, Bildern und Tönen. Medienmachende, überall Medienmachende...

ATMO Anmoderationen Radioprogramm

»...Bienvenido a un programa mas del Foro Mundial, aqui, en vivo, desde Belén, el puerto principal del Amazonas oriental...«

ATMO Mercado de Açai

Noch dazu organisierte sich auch in Belém wieder ein Radioforum, das bereits vorher auf ähnlichen Veranstaltungen aktiv gewesen war. Ideale Ausgangsbedingungen also, um sich gezielt in der Sendekabine oder eher zufällig über den Weg zu laufen. Zum Beispiel auf einem Fischmarkt...

»Du interessierst dich für Freie Radios? Echt? Na dann musst du unbedingt mal nach Campinas fahren. Dort sendet Radio Muda, das bekannteste Freie Radio Brasiliens. Wir selber arbeiten bei Indymedia in São Paulo und einem Radioprojekt in der USP mit, Rádio Várzea, schon davon gehört?«

Jingle Radiorevista Pulsar

Beim Radioforum lerne ich später auch die Journalistinnen von Pulsar Brasil, der hiesigen Nachrichtenagentur des Weltverbands der Community Radios, AMARC, kennen. Die Frauen kennen viele Community Radios im Südosten Brasiliens und sind gern bereit, Kontakte zu vermitteln.

»In Rio de Janeiro hat sich gerade ein neuer Sender in der Favela Santa Marta gegründet. In São Paulo arbeiten wir viel Rádio Heliopolis zusammen, auch einen Besuch wert, oder auch Rádio...«

MUSIK Rios, Pontes y Overdrives von Chico Science & Nação Zumbi

Sechs Monate später steht die Zulassung zur Promotion und ein Stipendium. Auch die Route der Feldforschung nimmt langsam Gestalt an. Rio de Janeiro, São Paulo, Pernambuco und Ceará – vier Regionen, in denen die Präsenz von kommerziellen Medien im Äther variiert. Deshalb müssten auch unabhängige Radiomachende  mehr oder weniger stark unter Legitimationsdruck stehen. Soweit die These, und folglich müssten sich dann ja auch unterschiedliche Strategien beschreiben lassen, die um mediale Anerkennungswürdigkeit bemüht sind. Oder?

ATMO Tastatur Computer, schreiben

Zunächst galt es jedoch Kontakt zu knüpfen, um die Landschaft Freier und Community Radios zu erkunden. Ich schrieb Mails, die mit dem Satz begannen, »Hallo, wir haben uns auf dem Sozialforum kennengelernt...« und ich bat zahlreiche Medienschaffende aus Deutschland und Mexiko, in ihren Adressbüchern zu kramen.  Danach beschloss ich, das meist genannte unabhängige Radio zum Ausgangspunkt der Spurensuche zu machen.

MUSIK Psycho Killer von den Talking Heads

An einem Februarmorgen 2010 stehe ich dann vor der Eingangstür eines Wasserturms auf dem Campus der Staatlichen Universität Campinas, der UNICAMP. Von hier aus sendet seit fast 30 Jahren Rádio Muda. Mein Herz klopft, ich klopfe an die Tür – doch niemand macht auf.

ATMO Campus UNICAMP

Am späten Nachmittag habe ich mehr Glück, treffe auf eine Gruppe von etwa 15 Leuten, die im Halbkreis auf dem Rasen sitzen. Ungewollt bin ich mitten ins wöchentliche Plenum geplatzt, erkläre in prekärem Portugiesisch, warum ich hier bin und werde eingeladen, mich dazu zu setzen. Der Anfang ist gemacht und bereits an diesem ersten Abend sammle ich viele wertvolle, nun ja, Reisetipps:

MUSIK Autobahn von Kraftwerk

»Es gibt ein Dutzend Freie Radios in Brasilien, am besten du besuchst alle. Das ist auch der beste Weg herauszufinden wer gerade auf Sendung ist. Rádio Interferência in Rio de Janeiro ist gerade fora do ar, aber Rádio Pulga wird dort nächste Woche wieder loslegen. Wenn Du dich beeilst, kannst Du helfen, die Antenne aufzubauen.«

ATMO Rádio Luta

»Nicht weit von hier sendet Rádio Luta aus der besetzte Fabrik Flaskô. Das ist ein guter Kontrast zur akademischen Fauna hier, weit weg vom Campusleben...«

 

ATMO Coco da Rádio Amnésia

»...und es ist nicht der einzige Sender außerhalb der Unistruktur. In Tefé, im Amazonas, sendet Rádio Xibé und in Olinda, im Nordosten ist Rádio Amnésia aktiv. Hast du was zum schreiben?«

ATMO Schreibender Stift

Mein Notizbuch füllt sich in den kommenden Wochen mit Namen, Adressen und Telefonnummern. Nicht immer ist es leicht, Kontakt zu kriegen, vor allem zu Radios ohne Sendegenehmigung, denn legal betrachtet begehen die ja eine Straftat und hier kommt nun ein gringo, der viele Fragen stellt. Doch es gibt Fürsprecher_innen wie Pulsar Brasil, es gibt Community Radio-Treffen und Workshops, auf denen persönliche Kontakte entstehen. Und es gibt Zufälle.

ATMO Busfahrten

Vor allem aber gibt es viel zu tun, wann immer möglich, besuche ich die Sender mehrmals, unterhalte mich mit möglichst vielen Beteiligten, höre mir die Programme an, mache manchmal auch mit, führe Interviews on air.

ATMO Sendemitschnitt, Rádio Independência

»Wir haben heute einen Gast im Studio, der fünf Stunden mit dem Bus durch den sertão gefahren ist, nur um unser Radio kennenzulernen. Herzlich Willkommen...«

ATMO Busfahrten

Rio de Janeiro-São Paulo-Campinas, hin und zurück, wieder und wieder. Oft schlafe ich im Bus. Einmal fliege ich in den Nordosten, nur um dann wieder Bus zu fahren, von Radio zu Radio. 29 Stationen lerne ich auf diesem Weg kennen. Mehr und mehr frage ich mich, wie ich bloß Ordnung in den wachsenden Berg an Interviews, Gesprächsnotizen, Einträgen ins Forschungstagebuch bringen soll. Habe ich bereits genug Material? Wohl eher zu viel Material. Macht es wirklich Sinn, dieses Unterfangen auch noch in Mexiko fortzusetzen?

ATMO Leiernder Kassettenrekorder, es läuft: Mexico von Mexican Institute of Sound

Der Entschluss, ausschließlich zu den unabhängigen Radios Brasiliens zu arbeiten, war am Ende schnell gefasst. Andere Antworten waren dagegen schwerer zu finden. Wie dem Anspruch gerecht werden, nicht von außen Kategorien an die Akteur_innen heranzutragen, sondern aus deren Beschreibungen analytische Unterscheidungs-merkmale bilden? Diese knifflige Frage stelle ich nicht nur mir, sondern zunehmend auch anderen Interessierten:

»Warum ordnest du nicht einfach nach den Regionen, die Du auch für das sample gewählt hast und fertig?«

ATMO Radio Comunidade

MUSIK Rep e Musica von Repper Fiell

...weil die für die meisten Radios keine Rolle für ihre situative Legitimation spielen. Es gibt so viele andere Faktoren, wie zum Beispiel die örtliche Geographie. Rádio Comunidade in Novo Friburgo zum Beispiel liegt in einer Kleinstadt im Bundesstaat Rio de Janeiro und hat wenig gemein mit den Sendern des Grossraums Rio de Janeiro, wie Rádio Santa Marta.

»Warum ordnest du dann nicht einfach nach Stadt und Land...«

ATMO Landarbeiter in Pernambuco

 

ATMO Program Radio Mulher

Weil auch das keine übergreifenden und trennscharfen Kategorien sind. Rádio Independência im interior von Ceará oder die Sender, bei denen das Kollektiv Rádio Mulher aktiv ist, in der Region Mata von Pernambuco, sind jeweils in ländlichen Region angesiedelt. Sie sind dort sehr einflussreich, weil es insgesamt nicht so viele Radios gibt. Rádio Gazeta News liegt dagegen in einer Kleinstadt im Bundesstaat São Paulo und da gibt es viel mehr mediale Konkurrenz. Die haben dann vielleicht mehr gemeinsam mit den Sendern an der Peripherie Rio de Janeiros, wie Rádio Novos Rumos. Stadt/Land, das führt zu nichts und auch die Radios selbst schreiben sich da nicht ein...

»Gut, dann gehen wir eben zu den Kategorien, die in den Interviews auftauchen. Hier steht unser Radio in einer Favela, Favela-Radio passt doch...«

MUSIK Baile Funk Mix von DJ Malboro

 

Musik Rap São Paulo

Naja, ich bin mir nicht so sicher, ob die Lagebestimmung mit einer kategorischen Aussage zusammenpasst. Außerdem ist »Favela« ein sehr schwammiger Begriff und ließe sich nur von außen weiter differenzieren. Und je nach Stadt sind die Dynamiken auch verschieden. Rádio Santa Marta sendet in Rio de Janeiro und versucht sich gerade als kritisches Medium in einem sicherheitspolitischen Prozess polizeilicher Befriedung zu definieren. Rádio Heliópolis ist in der gleichnamigen Favela in São Paulo dagegen eine Institution mit viel Einfluss. Rádio Cantareira widerum sendet in São Paulo erst seit kurzen mit Genehmigungen, versucht sein Profil zu schärfen. Und dann ist da noch Canal Mais, in einer Favela der Provinzhauptstadt Baurú gelegen, wo die Kategorie noch weiter ausfranst...

»...schon verstanden, dann suchen wir eben kleinere Klammern, für die religiös gefärbten Sender zum Beispiel. Gospel-Radio, auch das sagt jemand im Interview...«

ATMO Gospelradio

MUSIK Rock Cristiano

»Gospelradio« ist keine Selbstbeschreibung, das sagen andere über ein Radio, nicht die Macher und Macherinnen. Die Präsenz religiöser Entitäten im Radio zu untersuchen ist wichtig, klar, aber ebenfalls ungeeignet zur Kategorienbildung. Rádio Independência ist eng in befreiungstheologische Strukturen eingebunden, sendet mit Genehmigung vom Gelände einer Kirche. Rádio União und Rádio Sky verstecken sich dagegen ohne Genehmigung in Privathaushalten und stehen ganz anderen Forderungen nach Legitimation gegenüber.

MUSIK Legalize it von Peter Tosh

»Moment, mit oder ohne Genehmigung, das hört sich doch nach einem schönen Kategorienpaar an...«

ATMO Plenum bei Radio Muda

Stimmt, trotz aller Unterschiede ist das ein bestimmendes Merkmal, zumindest bei den Community Radios. Die Frage der Genehmigung erwähnen alle in den Gesprächen, das ist etwas ganz Zentrales...

»Und wie ist es bei den Freien Radios, die sagen doch alle, sie wollen sich unter den derzeitigen Bedingungen auf keine Genehmigung einlassen und polemisieren gegen jegliche ad hoc Regulierung...«

...ja, und das sagen sowohl die Campus-Sender als auch die Radios, die sich ohne den Bonus des institutionellen Autonomiestatus vor dem Zugriff der Regulierungs-behörde schützen müssen...

»sowohl...«

...als auch, genau, das ist es! Die entscheidende Frage ist doch, wie sich Freie Radios außerhalb der Unistrukturen stabilisieren und legitimieren. Damit sind es vier äußerst spannende Kategorien geworden...Einwände?

»Hmm, also die Frage, die sich stellt, ist was Du mit diesen Kategorien beschreibst. Erschöpfend ist diese Gruppe ja keineswegs und repräsentativ auch nicht, also nicht quantitativ besehen, sondern in Bezug auf dein sample...«

MUSIK Campo de Batalha von Edson Gomes

Das sehe ich anders, zum einen ging es nie um einen Panoramablick. Eine erschöpfende Erforschung aller Freien und Community Radios der drei Regionen des sample wäre im Rahmen einer viermonatigen Feldforschung allein aus zeitlichen Gründen nicht möglich gewesen. Zur Frage steht dagegen weiterhin, ob allein die Präsenz kommerzieller Medien der entscheidende Faktor der situativen Legitimation unabhängiger Radios ist. Die Debatte zur Kategorienbildung deutet bereits an: eine Vielzahl von Größen beeinflusst die spezifische Legitimation der einzelnen Radios. Welches Gewicht dabei kommerzielle Medien spielen, kann jedoch erst die folgende Betrachtung zeigen. Die gerade gebildeten Kategorien werde dabei mit Sicherheit eine Hilfe sein...

»Ich bin gespannt...«

 

ENDE DES BEITRAGS

ABMODERATION

Auf dem Campus, abseits des Campus, mit und ohne Genehmigung – nachdem vier situative Kategorien gebildet wurden, soll nun näher betrachtet werden, wie die ihnen zugeordneten Radiokollektive sich als Mediationen legitimieren und stabilisieren. Im Folgenden werde ich unterschiedliche Akteur_innen, Handlungsprogramme und Operationsketten herausarbeiten, welche die vielschichtigen Übersetzungen dieser spezifischen Anerkennungswürdigkeiten erkennen lassen.

Die einzelnen Unterkapitel beschreiben zugleich sehr präzise die Inskriptionen und Mobilisierungen von insgesamt 17 Sendern und fordern das eingangs auf der Beobachter_innenebene entwickelte Konzept von Legitimation (vgl. Kap. 1.2)  in seinem allgemeinen Verständnis und einigen impliziten Prämissen hinaus. Damit meine ich zum einen den scheinbar öffentlichen Charakter, der Legitimation, verstanden als Aushandlung, anhaftet. Es wird deutlich, dass keine allgemeine Sichtbarkeit unterstellt werden kann. Auch die Adressat_innen der legitimation claims ebenso wie die Beiträge zu einem spezifischen Gemeinwohl bilden dabei keine Ausnahme.

Anstatt das im vorangegangenen Kapitel genutzte Analyseschema aufzugreifen und das Radiomachen erneut entlang von Positionen, Montagen, Mediationen und Mobilisierungen zu dokumentieren, orientiere ich das setting diesmal an vier Leitfragen, die die bisherigen Lücken bei der Betrachtung medialer Legitimation sowohl empirisch als auch konzeptuell schließen und  helfen, auf die (für dieses Kapitel relevanten) situativen Operationalisierungen zu fokussieren. Zunächst geht es dabei um die situativen Re-Inskriptionen, d.h. die erzählte Entstehung und allgemeine Konzeptualisierung der Radiokollektive im Verhältnis zu den network builders. Darauf folgt jeweils eine genau Analyse der legitimation claims, denen gegenüber sich die Radios behaupten – oder anders gesagt: Wer fordert eine spezifische Anerkennungswürdigkeit ein? Daran gekoppelt ist die Frage, wen die einzelnen Radiokollektive innerhalb ihrer Legitimationsstrategien mobilisieren, d.h. welche Legitimationshelfer_innen beschrieben und welche Legitimationsketten geknüpft werden.

Um diese detailreichen Erzählungen und Beobachtungen analytisch zu fassen, greife ich neben den bisherigen auch auf ein neues methodologisches Konzept zurück, die Audiokette. Entliehen ist dieses tool den Handbüchern für partizipatives Radiomachen des bereits erwähnten Kollektivs Flujos.org.4 Es dokumentiert im Allgemeinen alle Entitäten eines Radiosenders, die an der Signalerzeugung beteiligt sind, d.h. im Sinne der ANT alle komplizierten Akteur_innen. In der vorliegenden Arbeit dimensioniere ich die so rekonstruierten Akteur_innen-Netwerke nun durch die vier im zweiten Kapitel entwickelten perspektivischen Akteur_innen-Kategorien (vgl. 2.1.3.6)5 und vervollständige die Betrachtung um die ebenfalls mobilisierten komplexen Akteur_innen. Am Ende dieser Beschreibungen werden jeweils die Sichtbarkeit der rekonstruierten Radiokollektive und etwaige hidden transcripts bzw. actors thematisiert, um nicht der Gefahr zu erliegen, Widersprüche und Übersetzungslücken der Skripte wegzuwischen, sondern produktiv zu nutzen.

Der analytische Effekt, den diese vielfältigen Annäherungen ermöglichen, besteht darin, am Schluss des Kapitels das auf der Beobachter_innenebene konstruierte Legitimationsskripts in Bezug zu den spezifischen Modifikationen der Radiomachenden zu setzen. Anders als beim Mapping unabhängigen Radiomachens und bei den Skripten der networkbuilders können dabei erstmals auch konkrete Aussagen zur Mobilisierung von Akteur_innen und Handlungsprogrammen gemacht werden. Legitimation wird als ein sich ständig erneuernder situativer Remix sichtbar, mit dem die Radiokollektive auf Veränderungen im Akteur_innen-Netzwerk reagieren bzw. selbst Modifikationen einleiten. Anders gesagt, wird Legitimation hier nun endlich zu einer tanzbaren medien-politischen Melodie...6

 

4.2 Freie Radios auf dem Campus

Ob die technische Hochschule in Sorocaba oder die Katholische Universität in São Paulo -  in den vorangegangenen Kapiteln ist deutlich geworden, dass Freie Radios oft an akademischen Einrichtungen entstanden sind. Auch der im Radioskript (Kap. 4.1) kurz umrissene empirische Streifzug führt schnell zu drei Radioprojekten auf Universitätsgeländen. Zu den eingangs ebenfalls formulierten Leitfragen des Kapitels gesellt sich deshalb ein weiteres großes Fragezeichen: Warum an der Uni? Welche spezifischen Beziehungen können mobilisiert werden, die hier für die Legitimierung und Stabilisierung eines Freien Radiomachens von Vorteil sind? Im Hinblick auf die Aussagen der network builders (Kap. 3) lässt sich ergänzend nachfragen, inwiefern die gut informierte praktische Einbindung von Akteur_innen, wie »Freier Software« oder dem »Spektrum als Gemeingut«, an die akademische Wissensproduktion gekoppelt ist.7 Und schließlich erscheint es mir äußerst interessant, auch den latenten Widerspruch zwischen dem von RIZOMA vielfach geäußertem Anspruch autonomen Medienmachens und der bereitwilligen, kostenfreien Nutzung der universitären Infrastruktur in den Blick zu nehmen.8

Zunächst möchte ich den Blick jedoch darauf lenken, wie die heute aktiven Freien Radios an den jeweiligen Universitäten in Campinas, Rio de Janeiro und São Paulo entstanden sind. Keines von ihnen steht in direkter Nachfolge zu den frühen freien Radiokollektiven der 1980er Jahre.9 Rádio Pulga soll 1990 entstanden sein, zwei Jahre später dann Rádio Muda. Als der offizielle Sendebeginn von Rádio Várzea gilt der März 2003.10 Doch diese Angaben können stimmen oder auch nicht – den Beginn eines Freien Radios zu definieren, behauptet das Freie Rádio Bronka freimütig, gleiche dem physikalischen Gedankenexperiment »Schrödingers Katze«.11 Dieses Bild spielt auf den ständigen Überlagerungszustand an, in dem sich die Existenz und Nichtexistenz eines Freien Senders befindet, bis jemand kommt, um nachzusehen, ob es sendet. Anders als Lewis Carolls »Grinsekatze«, deren plötzliches Auftauchen und Verschwinden die Macher_innen von Radio Alice als charakteristisches Merkmal Freier Radios anführten, stellt sich in Analogie zu Schröders Stubentiger die Frage, ob und wie die Existenz eines Freien Radios von den Beobachtenden abhängt. Zudem können sich diese, wenn es darum geht, die Anfänge eines Senders auf einem Campus zu bestimmen, nicht direkt auf das Kriterium der Signalerzeugung beziehen. Ab wann ist ein Radio »lebendig«, ab wann »tot«? Auch die heutigen Radiomachenden sind von den Erzählungen ihrer Informant_innen abhängig, um diese Frage beantworten zu können.

Unabhängig von den jeweiligen Jahreszahlen der Gründungen fällt in den Narrativen der heutigen Radiomachenden auf, dass die drei Sender ihre Arbeit unter unterschiedlichen Vorzeichen aufnehmen. Rádio Muda entsteht scheinbar in direkter »Auseinandersetzung einiger Studierender mit den Ideen eines Freien Radiomachens, verstanden als die Besetzung elektromagnetischer Wellen, um auf diese Weise an der Universität einen offenen und partizipativen Raum zu schaffen«.12 Bei Rádio Pulga soll dagegen zunächst der Hobbybastler_innenaspekt im Vordergrund gestanden haben: Unter Anleitung eines technisch bewanderten Studenten wird ein Sender in einen Kochtopf eingebaut, später auch ein eigenes Mischpult hergestellt.13 Rádio Várzea wiederum entsteht 2002 während eines Studierendenstreiks an der Universität von São Paulo (USP), als »ein Laboratorium der Selbstverwaltung. Viele Räume wurden damals besetzt und ihre kollektive Nutzung diskutiert. In einem davon begann dann das Radiomachen.«14

Doch auch diese Erzählungen sind relativ und vage, es gibt weitere Gründungsmythen und es muss – um bei den physikalischen Analogien zu bleiben – auch immer ein Rest »Unschärfe« bleiben. Diesmal nicht wegen dem Effekt der Betrachtenden, sondern der Unmöglichkeit, die vielfältigen heterogenen Größen in einem Prozess multipler Erinnerungen erschöpfend zu rekonstruieren. Viel aufschlussreicher, als einen (unmöglichen) absoluten Ursprung zu bestimmen, ist deshalb auch, die von den Beteiligten erzählte ständige Wandelbarkeit der Sender in der Zeit aufzufächern. Abgesehen von Rádio Muda, auf dessen konstante Signalerzeugung ich später noch eingehen werde, kommt es bei den anderen beiden Sendern immer wieder zu Sendepausen, bei allen drei Radiokollektiven zu mitunter radikalen Verschiebungen der Akteur_innenkonstellationen. Rádio Pulga »sendet« zwischenzeitlich nur per Lautsprecher, »mal über einen Kongress anthropologischer Forensik, mal elektronische Musik, zwischenzeitlich wird das Radio auch von einem Frauenkollektiv angeeignet, ein Moment, dem heute als die 'Phase des Matriarchats' gehuldigt wird«.15 Radio Várzea gerät nach Aussagen eines Gründers »eine Zeit lang in die Hände von desorganisierten Anarchopunks« und DJ Palão, der seine professionelle Karriere bei Rádio Muda begann, beschreibt seinen ersten Besuch im Studio nach mehrjähriger Abwesenheit wie folgt: »Ich hätte heulen können, das hatte nichts mehr mit dem Radio zu tun, in dem ich vorher mitmachte.«16

Diesen pejorativen Beschreibungen lassen sich analytische Überlegungen der Machenden gegenüberstellen, die die eigene, örtlich und zeitlich situierte Interpretation von Freiem Radiomachen als Mosaik eines konzeptuellen Prozesses sehen:

»Freies Radiomachen ist eine ständige Mutation, nichts wird heute im Radio so gemacht wie vor zehn Jahren, als ich anfing. Und doch gibt es viele Ähnlichkeiten. Mutationen, das ist vielleicht der beste Ausdruck. Freie Radios können nur als Mutanten existieren.«17

Wenn dem so ist, dann müssen wir, um zu erfahren, warum Freie Radios bevorzugt an Universitäten senden, zunächst in Erfahrung zu bringen, wie sich die radialen Mutant_innen überhaupt gegenseitig erkennen und als erkennbare Gruppe artikulieren. Wie im vorangegangenen Kapitel beschrieben, ist ihre Organisationsform, das sogenannte Rhizom Freier Radios (RRL), ein – im Gegensatz zu den übrigen network builders – nicht-repräsentativer Zusammenschluss unter dem breiten Vorsatz, frei von Geld und Macht, selbst Radio zu machen und andere dazu zu ermächtigen.

»Doch bereits innerhalb eines Radiokollektivs wie Muda gehen die Meinungen darüber, was das genau heißt, auseinander. In RIZOMA vervielfältigen sich die Positionen dann weiter, was dazu führt, dass die Debatten ausfransen und es manchmal zu einer gewissen Inkonsistenz kommt.«18

Dieses, von allen Beteiligten affirmierte gemeinsame Selbstbild der Unabgeschlossenheit des freien Radiomachens wird auf Nachfrage jedoch um eine wichtige, ebenfalls von allen geteilte Einschätzung ergänzt: der herausragenden Rolle des Kollektivs Rádio Muda. »Rádio Muda hat eine Sonderstellung innerhalb von RIZOMA und auf entscheidende Weise das jüngere Konzept von Freiem Radiomachen geprägt«.19 Während Rádio Pulga sich [bis zu seiner Schließung 2011, N.B.] als eine Art »Studentenclub« begriff und Rádio Varzéa sich in einen langen internen Konflikt verstrickte, »begab sich Rádio Muda gemeinsam mit dem CMI [Centro de Midia Independente, also i.E. unabhängiges Medienzentrum, N.B.] ab 2002 auf einen Expansionstrip«.20 Spätestens ab dem von dieser Fraktion organisierten Gründungstreffen des RLL auf dem Weltsozialforum 2003 setzt der Versuch einer erneuten Massifizierung des Freien Radiomachens ein, diesmal unter Einbindung einer neuen zentralen Größe: freier Software.21

Auch wenn dieses Ansinnen eines konzeptuellen und praktischen update punktuell auf Widerstand stieß und »Konflikte« schuf, machte es das »Radiokollektiv Muda in ganz Brasilien bekannt, viele Menschen kennen Muda« – und das obwohl, oder gerade weil, der Sender nicht in São Paulo oder Rio de Janeiro, sondern versteckt auf einem Universitätscampus liegt.22 Ein Blick auf die Liste der in Rizoma vereinten Radios legt die Vermutung nahe, dass Rádio Muda konzeptuell die Gründung von Sendern auf Universitätsgelände forciert haben könnte, denn die meisten von ihnen sind dort zu finden.23 Doch das widerspräche gerade dem expliziten Anspruch, Freie Radios als individuelles Recht aller zu proklamieren und zu fördern. Ist das Senden auf dem Campus also ein nicht-intendierter Effekt, der sich nur indirekt aus dem Handlungsprogramm Freien Radiomachens ableiten lässt?

Aufschlussreich ist dabei zunächst eine kurze Analyse jener Akteur_innen, denen gegenüber sich die hier betrachteten Freie Radios explizit legitimieren bzw. die sie für die Konstruktion ihrer Anerkennungswürdigkeit zu mobilisieren suchen. Wie zu erwarten, reagieren die an Universitäten angesiedelten Freien Radios dabei zunächst auf den Legalisierungsanspruch des Staates, der ihnen, mit Verweis auf nationale Gesetze, ihre Anerkennungswürdigkeit abspricht. In völliger Übereinstimmung fordern die drei Sender nun ihrerseits die staatliche Inskription von Rundfunk in ihrer Legitimation heraus. Zunächst sei »die institutionelle Kontrolle illegal, weil sie die Meinungsfreiheit verletzt« und Gesetze immer der Effekt von Praktiken seien und nicht als abstrakte Normen definiert werden sollten, an die sich dann alle halten müssen.24 Zudem verlaufe die Sanktionierung legaler Regelbrüche »extrem ungleich und ein Freies Radio wird ganz anders behandelt als ein Privatradio, das ohne Lizenz sendet«. Aus diesem Grund sei »ziviler Ungehorsam gerechtfertigt und nötig«.

In ihrer allgemeinen Legitimation gehen die Freien Sender jedoch auf mögliche claims anderer Medien ein, die sie in ihrer Berechtigung herausfordern. An erster Stelle stehen dabei kommerzielle Radiosender, und zwar in ihrer Gesamtheit, wenn »von ihrer Vereinigung ABERT« die Rede ist, »die nicht müde wird, die Standardlüge zu wiederholen, Freie Radios würden Flugzeuge zum Absturz bringen«.25 Aber es werden auch Fallbeispiele genannt, Radios, »die Freie Radios bei der Regulierungsbehörde melden« oder Sender, die eine Frequenz in unmittelbarer Nähe eines Freien Radios akzeptieren und »uns dann aktiv in ihren Sendungen als Piratenradios denunzieren und anfeinden«.26 Delegitimert werden die kommerziellen Radio- und TV-Sender jedoch nicht nur als feindlich gesinnte Antagonist_innen, sondern auch ihrem »ungerechtfertigten Anspruch auf einen Großteil der verfügbaren Frequenzen« wegen. Diese Kritik sei fundamental, um nicht auf den Trick hereinzufallen, »sich als Webradio ins Internet abschieben zu lassen. Die Essenz von Freiem Radiomachen bleibt die Besetzung von Frequenzen.«27

Während sich die Freien Sender im Verhältnis zu den bisher genannten Entitäten vor allem in einer konzeptuellen und politischen Konkurrenz konstruieren, binden sie andere Akteur_innen, die sie ebenfalls in ihrer Anerkennungswürdigkeit herausfordern könnten, als Legitimationshelfer_innen in ihre Skripte ein. Trotz ihrer unterschiedlichen medienpolitischen Positionen und Strategien zählen dazu alle drei Sender zunächst ganz allgemein die brasilianischen Community Radios, denn »auch wenn wir ein anderes Modell der Kommunikation verteidigen, besitzen wir doch genug Spürsinn, um zu wissen, dass unsere Existenz ohne Kontakt zu ihnen noch schwieriger wäre«.28 Die Freien Radios sehen die Möglichkeit, sich durch einen Dialog gegenseitig in ihrer Anerkennungswürdigkeit zu stärken und bieten ihre Expertise bei der »technischen Dimensionierung« unabhängigen Radiomachens an, »die bei Community Radios oft vernachlässigt wird.«29

Doch auch situative Helfer_innen in puncto Anerkennungswürdigkeit werden inskribiert und diese nehmen explizit auf die (dem Sender unterstellte) Kategorie »auf dem Campus« Bezug. Die Universität als Legitimationshelfer_in zerfällt in den Erzählungen der freien Radiomacher_innen in zwei relevante Entitäten. Unterschieden wir »der Ort«, »der Campus«30, der dem Radio als ein Territorium der Wissensproduktion und Lehre, aber auch auf Grund seines relativen Autonomiestatus gegenüber anderen staatlichen Institutionen (wie bspw. der Regulierungsbehörde und der Bundespolizei) Schutz und Anerkennung verleihen kann. Kann, denn die Radiomachenden beschreiben nicht nur das wiederholte Eindringen der Polizei, sondern auch »unvorteilhafte Konjunkturen und Momente offener Feindseligkeiten« gegenüber studentischen Aktionen.31 Die Universität ist also ein_e durchaus ambivalente_r Akteur_in, deren (räumliches) legitimierendes Potential es zu mobilisieren gilt.

Dafür ist es nötig die akademische community als Legitimationshelfer_innen in das Skript einzubinden und auf diese Weise das Narrativ des individuellen Rechts auf freies Radiomachen zu ergänzen. Diese community ist in ihren Interessen jedoch äußerst heterogen: Es gibt Dozent_innen und Professor_innen, die selbst Programm machen oder sich an Sendungen beteiligen, andere die »aktiv gegen selbstorganisierte Aktivitäten auf dem Campus vorgehen, weil sie in Immobilien oder Bars in Campusnähe investiert haben«.32 Es gibt die oft »sektiererisch« und zugleich »schwach organisierten Studierenden«, die im Moment eines universitären Streiks jedoch schnell ein existierendes Radio wiederbeleben oder gründen.33 Und es gibt die Personen und Gruppen (z.B. das Sicherheitspersonal auf dem Campus), die den Freien Radios stets latent pejorativ gegenüberstehen, und »denen ständig gezeigt werden muss, dass im Radio nicht nur Bier getrunken wird, sondern dass der Sender funktioniert und einen Sinn hat«.34 Hier zeigt sich die community sehr plastisch als eine Entität, die Legitimation fordern und zugleich gewähren kann. Aus ihrer Heterogenität heraus sollen deshalb möglichst massiv komplexe Akteur_innen als Unterstützerinnen mobilisiert werden und zugleich auch komplizierte Akteur_innen gewonnen werden, die sich direkt an der Signalerzeugung beteiligen.

Es deutet sich ein konzeptuelles Dilemma an, denn ein Freies Radio auf dem Campus kann sich, dem allgemeinen Skript folgend, ja nicht von den dortigen Prozessen abhängig machen. Die Sender dürften sich »nicht instrumentell einbinden« lassen, sondern müssten als »ein gelungenes Experiment gesellschaftlichen Wandels im Kleinen« fungieren, »einem Experiment, bei dem es kein Außen mehr gibt«.35 Dieser Anspruch scheint nur bedingt mit der eher taktischen Auffassung vereinbar, gemäß welcher »Aushandlungen und Verständigung auf dem Campus wichtig sind, aber zugleich ein Schritt Richtung Autonomie« getan werden müsse.36 Hier ist sehr wohl ein Außen definiert, auch wenn die Grenze des Autonom-Werdens offen bleibt. Unterschiedliche Zielstellungen deuten sich an. Während die erste Position stärker an einem gesellschaftlichen Wandel im Alltag, dessen Ausgangspunkt der akademische Alltag ist, interessiert scheint, liegt in der veranschlagten Autonomie eher der Anspruch aufbewahrt, als Radio-Skript in den unterschiedlichsten Situationen reproduzierbar zu sein. Anders gesagt, deuten sich hier sowohl bei der Inskription von Akteur_innen als auch bei der Formulierung des Gemeinwohls wesentliche Unterschiede an.

Um diese konzeptuellen und praktischen Differenzen Freien Radiomachens besser herauszuarbeiten, werde ich im folgenden die Handlungsprogramme der drei Sender genauer untersuchen und zwar hinsichtlich der (für die mediale Anerkennungswürdigkeit relevanten) inskribierten/mobilisierten (1) Akteur_innen und ihre komplexen und komplizierten Beziehungen, in Hinblick auf die einzelnen (2) Strategien, die das Freie Radiomachen auf dem Campus in der Zeit zu stabilisieren und schließlich bezüglich des (3) spezifischen Beitrags zum Gemeinwohl, den Freie Radios leisten bzw. zu leisten vorgeben.

(1) Akteur_innen sind in Freien Radio versammelt, um auf bestimmt Weise ein bestimmtes Signal zu erzeugen. Freies Radiomachen auf dem Campus, ließe sich – ebenso wie andere unabhängige Sendeformate – ganz allgemein als heterogenes Ensemble von Entitäten beschreiben, bei dem als Technik verstandenden Akteur_innen die Rolle zukommt, menschliche Sozialität zu moderieren, bzw. ein sozio-technisches Netwerk zu ko-konsitutieren. Wenn freie Radiomachende die am Sendebetrieb beteiligten Größen unterscheiden, nehmen scheinbar auch sie eine solche Unterscheidung vor, da sie von »Plenata(Plenen¿)«, »Programmmachenden« und »Community« auf der einen und von »Sendetechnik« auf der anderen Seite sprechen.37 Doch bei näherem Hinsehen entspricht diese »Ordnung der Dinge« gerade nicht einer Trennung von Menschen und Nicht-Menschen. Vielmehr lassen sich innerhalb der vier veranschlagten Akteur_innengruppen heterogone und hybride Kopplungen dokumentieren, die die mediale Anerkennungswürdigkeit entscheidend anleiten.

Auch wenn, wie wir bereits gesehen haben, der Anwesenheit einer spezifischen Sendetechnik in Freien Radios für deren Legitimationsnarrativ eine besondere Bedeutung hat (vgl. Kap. 3.3.1.2), so ließe sich argumentieren, dass es zunächst (oder zumindest zugleich) ein Handlungsprogramm der Signalerzeugung geben muss, in dem auch deren »operativer Gebrauch« inskribiert und mobilisiert wird. Ein_e dabei entscheidende_r kollektive_r Akteur_in ist das Plenum (reunião), eine regelmäßige, zumeist wöchentliche zusammentretende Entität.38

Das Plenum ist ein_e Akteur_in, die den Radiomachenden meist bereits aus anderen basisdemokratischen Akteur_innen-Netzwerken39 bekannt ist. Ihre Beteiligung legitimiert die Signalerzeugung auf entscheidende Weise: Sie garantiert Horizontalität und einen offenen, hierarchiefernen Raum, in dem der operative Gebrauch ständig neu ausgehandelt wird. »Die reunião ist eine praktische Kritik an den bestehenden Medien, die seit der Gründung unseres Radios präsent ist. Keine Megaphone, sondern kleine Gruppendebatten, Konsensprinzip statt Abstimmung«.40 Und dennoch relativiert sich dieser Anspruch bei der beobachtbaren Übersetzung gewollt und ungewollt. Eine beabsichtigte Einschränkung ist die Bildung von »Arbeitsgruppen« und »temporären Kommissionen, um bestimmte Aufgaben wie Sicherheit, Information nach Außen, Weiterbildung und Finanzen zu organisieren«.41 Diese zeitweilige Vertikalität wird aus pragmatischen Gründen von allen drei freien Sendern auf dem Campus praktiziert, zugleich aber auch kritisch überwacht, denn »solche Gruppen waren im Radio auch immer wieder der Ausgangspunkt, um bestimmte Positionen zu zentralisieren und individuelle medienpolitische Agenden ins Radio zu tragen«.42 Dem Versuch, temporäre Akteur_innenkonstellationen zu instrumentalisieren, steht diametral die Verweigerung, sich an der horizontalen Entscheidungs-findung zu beteiligen gegenüber, was ebenfalls eine nicht-konsensuelle Spezialisierung von Akeur_innen und das Auftreten von Wortführer_innen zur Folge hat.43

Der damit verbundene Moment des Redens und sich Ausdrückens im Plenum ist ein weiterer entscheidender Punkt, der die erwünschte horizontale Entscheidungsfindung limitiert. Zunächst wird in allen drei Sendern die Präsenz von bereits seit längerer Zeit (oder besonders intensiv) involvierten Akteur_innen beschrieben, zum Beispiel »Technikgurus«, die entscheidend an der operativen Signalerzeugung beteiligt sind und deren Wort somit auch Gewicht auf den Treffen hat.44 Während die Beteiligten für solcherlei Asymmetrien sensibilisiert scheinen, gibt es jedoch auch  weniger reflektierte »Grenzen« des Miteinanderredens. »Freie Radios sind ein Mittelklassephänomen, ebenso wie Universitäten ein Mittelklassephänomen sind, mit all ihren Vor- und Nachteilen«.45 Diese Feststellung ist in ihrem allgemeinen Ton nicht unumstritten, es gibt jedoch viele ähnliche Beschreibungen, die die Kultur und den Ort der Universitäten als »elitär«, »geschlossen« und von »bestimmten Regulierungen durchzogen« beschreiben.46

Dass an diesen Grenzziehungen auch die Radiomachenden beteiligt sind, zeigt sich »wenn jemand von Außen kommt und sich die Frage stellt: „Wie gehen wir mit jemandem um, der ganz anders Radio machen will als wir?«.47 Das hier heraufbeschworene wir ist weder homogen noch konstant. Rádio Muda beispielsweise folgt bis heute dem Prinzip, den Zugang zum Radio möglichst breit zu halten und freie Meinungsäußerungen posteriori nur »von Fall zu Fall« dort einzuschränken, wo der Konsens legitimen Freien Radiomachens herausgefordert ist. Es verwundert deshalb nicht, dass bei Muda zu Hochzeiten 200 Progammmachende beteiligt waren, während bei den anderen beiden Sendern dieser peak deutlich niedriger verlief.48 »Wir waren halt immer sehr fokussiert auf politische Inhalte und Informationen und taten uns schwer mit Leuten, die reine Musiksendungen oder Klangexperimente machen wollten«49, heißt es bei Várzea. Ähnlich wie bei Pulga, habe das Radio zudem auch immer damit zu kämpfen, nicht zu einer rein studentischen ingroup zu verkommen, »wo stets erst mal gefragt wird ›wer bist Du denn überhaupt?«50. Heute sei man offener und leiste auch bei Várzea und Pulga Hilfestellung für eine breite Beteiligung, da diese die Anerkennungswürdigkeit der Radios positiv beeinflusse.51

Ob die Übersetzung des Plenums in eine legitimierende Größe des Radiomachens gelingt, daran sind noch zwei weitere Akteur_innen beteiligt, die nicht direkt als Interviewte angesprochen werden können. Zunächst ist da die Redner_innenliste, die zwar scheinbar dafür sorgt, dass alle Anwesenden zu Wort kommen,

»zugleich aber auch ein Ausschlusskriterium darstellt, für Leute, die keine Erfahrung damit haben und am Ende nur gehemmt zuhören. Denn auf bereits Gesagtes Bezug nehmen, das Wissen eines Diskurses organisieren, Fragen aufnehmen und später Punkt für Punkt zu beantworten, wer das nicht kann, der hat Probleme.«52

Bei Rádio Muda gibt es deshalb beispielsweise explizit keine Rednerlisten, was jedoch einen anderen problematischen Effekt begünstigt. »Denn dann redet nur der, der am lautesten schreit. Der Ton der Stimme macht viel aus. Das ist wohl ein Grund dafür, dass es bei Muda weniger beteiligte Frauen gibt als in anderen Radios«.53 Diesem Dilemma, einer deligitimierenden Härtung der sozial konstruierten Differenz gender, ist nicht vollständig zu entkommen. Ich werde in der weiteren Betrachtung deshalb auch kontinuierlich genderspezifische Ausschlussmomente in den Handlungsprogrammen betrachten, ebenso wie Möglichkeiten, diesen konkret etwas entgegenzusetzen – denn gerade darin liegt für die Skripte unabhängigen Radiomachens ja ein ebenso interessantes wie erstrebenswertes Legitimierungspotential.

Eine Möglichkeit, den beschriebenen Ausschlussmomente auf dem Plenum zu entkommen, bilden Mailingliste(n).54 Alle drei Radiokollektive organisieren seit mehreren Jahren solche Akteur_innen, die perspektivisch, ganz allgemein zunächst zur Härtung des Sozialen betragen. Soll heißen: wenn es schon keine schriftlich fixierten Regeln gibt und zugleich nur die persönlichen reuniões, eine breite, gemeinsame Verständigung anleiten, dann ermöglichen diese Listen eine weiterführende Kommunikation, ergänzend und erinnernd, im ständigen Prozesses der praktischen Organisation und konzeptuellen Selbstversicherung Freien Radiomachens auf dem Campus. Hier melden sich »ehemalige Beteiligte« zu Wort, hier werden »Schlüsselübergaben«, also der Zugang zur Sendekabine, geklärt und »hier diskutieren ganz andere Leute mit, als die, die sonst auf den reuniões reden«.55 Auch wenn Entscheidungen allein auf dem Plenum getroffen werden, scheinen die Sender hier eine_n Akteur_in mobilisiert zu haben, die ihren inskribierten Anspruch nach Horizontalität zu erweitern hilft.

Mailinglisten sind auch ein_e wichtig_e Akteur_in, um eine zweite, äußerst relevante Größe der hier betrachteten Radiokollektive sichtbar zu machen, die Programmmachenden. »Sendeplätze werden an einzelne Personen und Gruppen für eine bestimmte Zeit übertragen«.56 Alle haben die gleichen Rechte und die gleiche Verantwortung, so wie sie auf den wöchentlichen Treffen spezifiziert bzw. reaffirmiert werden. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die Freien Radiokollektive sich dabei mit zwei wichtigen Charakteristika der Radiomacher_innen auseinandersetzen müssen, die eine anhaltende »Ungleichheit« betreffen.57 Gemeint ist dabei zum einen der Anspruch, per Definition möglichst vielfältigen Positionen im Radio einen Raum zu geben, also eine maximalistische Übersetzung der Meinungsfreiheit. Diese müsse aber nicht immer mit den medien-politischen Inskriptionen des Radiomachens übereinstimmen. Während Radio Várzea, durch seine enge Einbindung in die Studierendenbewegung und eine gewisse »Selbstbeschränkung« über lange Zeit sehr pragmatisch den Anspruch auf Meinungsfreiheit eingrenzte, bieten Muda und teilweise auch Rádio Pulga seit jeher jenen Spielraum für jene, »die einfach nur Musik auflegen, eine Antenne aufs Dach bauen wollen und das Radiomachen als Abenteuer und nicht als Aktivismus leben«.58 Denn die Abenteurer_innen helfen dabei, ein spezifisches Skript Freien Radiomachens in operativen Gebrauch zu übersetzen, würden dies auf Nachfrage aber nicht als bewusste Verteidigung der Meinungsfreiheit ausgeben. Anstatt das jeweilige Selbstverständnis der Programmmachenden jedoch in politisch und a-politisch zu unterscheiden, wird konzeptuell eine negative und relative Eingrenzung geschaffen. Negativ, weil, zunächst alles erlaubt ist, was das situative Skript freien Radiomachens nicht delegitimiert und relativ, weil die Kriterien hierfür variieren und auf dem Plenum ausgehandelt werden.

Ein zweites Moment der Ungleichheit betrifft die unterschiedlichen technischen Fertigkeiten der Programmmachenden, denn der legitimatorische Anspruch, es gäbe beim Freien Radiomachen keinerlei Unterscheidung zwischen Moderator_innen, Techniker_innen und weiteren Rollen, ist eher als an werdender Anspruch zu verstehen, als eine reale Beschreibung des alltäglichen Radiomachens. Einzelne Akteur_innenrollen (de)legitimieren sich gerade in Beziehung zu denen als Technik subsumierten Entitäten eines Radios. Bei den »Männern« werden diese Unterschiede vor allem als eine Frage der Affinität aufgefasst, soll heißen, jede_r der/die technisch viel können will, kann das im Radio lernen. Um Umkehrschluss heißt das, wer weniger kann, hat eben weniger Interesse gezeigt.59

Doch ganz so einfach ist es nicht, Rádio Várzea weißt zum Beispiel auf den Unterschied hin, dass es bei Muda durch die vielen naturwissenschaftlichen Disziplinen der dortigen Universität immer viele technisch versierte Akteur_innen gegeben habe, während im eigenen Radio teilweise auch Abhängigkeiten von den bereits erwähnten »Technikgurus« existierten, die als »sozial schwierige Typen« mitunter auch außerhalb der üblichen Konsensfindung agier(t)en.60 Aus gender-sensibler Perspektive wird von einigen Beteiligten in Rádio Muda zusätzlich angemerkt, dass das allgemeine Übergewicht männlicher Akteur_innen bei der »Technikbeherrschung« noch zunimmt.61 Als legitimatorischer Ausweg wird in diesem Fall vorgeschlagen, trotz aller Unterschiede ein spezifisches, minimal technisches Wissen aller zu fördern. »Die wenigsten lernen wirklich alle Schritte, um ein Signal zu erzeugen«, aber: »alle sollten zumindest wissen, wie man Kabel anschließt und nichts kaputt macht«.62

Damit wird die Anerkennungswürdigkeit der Programmmachenden also nicht an das vollständige Beherrschen der Signalerzeugung und eine vollständige Übersetzung des situativen Skripts freien Radiomachens auf dem Campus gekoppelt, sondern an einen anteiligen Beitrag, der dem legitimen  Medienmachen nicht zuwider läuft. Herausgefordert ist dieses trotzdem immer dann, wenn es die anteilige Beteiligung an einzelnen Handlungsprogrammen nicht empirisch gewährleisten kann, sei es bei der Stabilisierung in der Zeit oder dem Beitrag zu einem spezifischen Gemeinwohl. Doch bevor ich diese beiden Dimension genauer betrachte, fehlt noch eine detaillierte Analyse zwei weiterer entscheidender Akteur_innen, die alle bisherigen (in ihrer menschlichen Konfiguration sichtbar gewordenen) Größen der Radiokollektive ergänzen. Zunächst gilt es dabei die Sendetechnik als komplexe Akeur_in in ihren unterschiedlichen Mobilisierungen zu analysieren. Bevor ich dabei auf die weiter oben angekündigten »Audioketten« zu sprechen komme, werde ich kurz auf deren Situierung eingehen.

Alle drei Freien Sender haben sich in einem bestimmten Moment einen Raum angeeignet: Rádio Muda einen Wasserturm, Rádio Várzea und Rádio Pulga jeweils leerstehende Seminar- bzw. Arbeitsräume.63 Die Anerkennungswürdigkeit dieser Nahme wird jeweils aus dem Handlungsprogramm »studentischer Selbstverwaltung« abgeleitet. Unabhängig von den weiter oben besprochenen unterschiedlichen Ziel- und Vorstellungen von Autonomie, ist die Mobilisierung solcher selbstverwalteter Räume auf dem Campus entscheidend, um das Senden ohne Genehmigung auch gegen mögliche Widerstände in der Universität verteidigen zu können, »denn es gibt einen ständigen Konflikt mit Professor-innen und der Verwaltung, Räume sind immer knapp«.64 Auffällig ist, dass die Frage des legitimen Medienmachens auf dem Campus vor allem vom internen Konkurrieren um Räume charakterisiert ist: intendiert oder auch nicht, wird damit situativ die Mobilisierung der heterogenen Assoziation »besetzter Raum« neben der Besetzung der Frequenzen zu einem entscheidenden Kriterium. Die Forderung, den (studentischen) Anspruch auf selbstverwaltete Räume auch praktisch zu rechtfertigen, drückt sich deshalb auch nicht nur in der Hörbarkeit eines Senders aus, sondern auch in dessen räumlicher Präsenz, seiner Sichtbarkeit und allgemeinen Zugänglichkeit.

Die für die Anerkennungswürdigkeit relevante offene Zugänglichkeit beeinflusst nun gemeinsam mit den bereits besprochenen Handlungsprogrammen (der Horizontalität und der operativen Beteiligung an einer legitimen Signalerzeugung) auch die Konstitution der in die Audioketten eingebundenen Sendetechnik. Die Kette beginnt auf der »Objekt«-Seite dabei zunächst mit allen operativ verbundenen Entitäten, die an der Erzeugung oder Übersetzung akustischer Signale in einen elektromagnetischen Impuls beteiligt sind, der dann dem Sendegerät zugeführt wird. Die Sendetechnik ist ko-konstitutiv an der Erzeugung eines legitimierten Signals beteiligt und zerfällt bei ihrer näheren Dokumentation zumeist wieder in Artefakte, die allein genommen meist keine aktiven Mediator_innen sind: CD-Spieler, Kopfhörer, Verstärker, etc.65 Widerspricht dies nicht dem Anspruch der network builders Freier Radios, auch oder gerade »Nicht-Menschen« oder »Hybride« als Akteur_innen zu rekrutieren?66 Nein, denn bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass einige beteiligte Entitäten in ihren Beschreibungen dem Artefakt-Dasein durchaus widerstehen bzw. ihr Status strittig bleibt.

Unumstritten ist zunächst die Einbindung zweier wichtiger heterogener Assoziationen. »Offene Mikrofone« sind das Beispiel schlechthin, bei dem das Zusammenspiel zweier spezifischer Entitäten (heterogene Sprecher_innen und Mikrofone) eine veränderte Wirksamkeit erzeugen. »Die Mikrofone müssen während der Sendungen zunächst einmal allen zur Verfügung stehen, die sich im Radio ausdrücken wollen«, Einschränkungen dieser Offenheit müssen von dieser nicht-hintergehbaren Prämisse von Fall zu Fall begründet werden.67 Das heißt, das »offene Mikrofon« ist ein_e stets präsente_r Akteur_in in der Sendekabine, Programmmachende müssen sich mit dieser Entität in Beziehung setzten und ihre »zentrale Rolle bei der Garantie der Meinungsfreiheit« respektieren.68

Während die Mobilisierung »offener Mikrofone« bei der Übersetzung medialer Anerkennungswürdigkeit Konsens unter den Freien Sendern auf dem Campus ist, bleibt die Rolle »Freier Software« ein Stück weit umstritten. In Rádio Muda wird die Bedeutung Freier Software hoch gehängt, weil ihre Nutzung in den Radios entscheidend für die angestrebten »gesellschaftlichen Veränderungen« im Kleinen sei, beispielsweise für ein »nicht-marktorientiertes Miteinander«. »Im Grunde genommen müssten alle Kollektive und sozialen Bewegungen, die eine radikale Kapitalismuskritik artikulieren, diese auch praktisch unter Beweis stellten und Freie Software nutzen«69, Satzstruktur nicht ganz verstãndlichwird dieser Anspruch als selbst-referentieller legitimation claim formuliert. Während Rádio Pulga etwas vorsichtiger die stete »Nutzung von Alternativen zu proprietärer Software, wann immer möglich« vorschlägt, weist Rádio Várzea die schlichte Nutzung eines als Freie Software gelabelten Programms als Legitimationsquelle zurück – denn jedes Programm (und sein Entwicklungsprozess) könne nur empirisch und situativ darauf geprüft werden, ob es Effekte veränderter Wirklichkeit herbeiführt. Soll heißen: die Klärung dieser Frage wird auf die nähere Betrachtung der Stabilisierungen in der Zeit und des vermittelten Gemeinwohls vertagt.70

Bereits zuvor sind jedoch noch eine Reihe weitere relevante Akteur_innen des Freien Radiomachens zu nennen, darunter ein_e, der/die äußerst aktiv an der Härtung des Sozialen beteiligt ist, nämlich »DJ Random, der nachts in Radio Pulga auf Sendung ist«, aber auch in den beiden anderen Stationen »auflegt«.71 Gemeint sind damit entweder Programme oder externe Dispositive, die in einer bestimmten Reihenfolge (random inklusive) Audiodateien abspielen, um »auf diese Weise eine ständige Präsenz des Radios zu erzeugen«72.

Ein weitergehendes Interesse, diese Automatisierung mit spezieller Software oder die Mediationen im Internet zu intensivieren, gibt es jedoch nicht, vielmehr bleibt es Aufgabe von Dj Random, unvermeidliche Lücken im Programm zu schließen. Er erlangt jedoch nicht den Status eines autonomen Programmmachenden und seine hörbaren Mediationen sind eigentlich auch nie Bestandteil der Plenumsdebatten.73 Eine weitere Entität, der im Skript lediglich eine sekundäre Rolle eingeschrieben wird, ist das Internet und die sich darin entfaltenden Mediationen der Sender, vor allem ihre websites und Audioübertragungen per (live) streaming. Zwar wird der positive Effekt »weithin hörbar« zu sein geschätzt, zugleich wird auf den Plenen jedoch darauf geachtet, dass die im Spektrum verteidigte Freiheit des Sendens nicht gleichgesetzt wird mit den Mediationen im »World Wide Web, wo jeder ohne Genehmigung auf Sendung gehen kann«.74

Im Zentrum der reuniões steht dafür um so öfter jene Akteur_in, in der sich die bisher betrachtete Signalübersetzung fortschreibt: das Sendegerät.75 Dieses ist das sprichwörtliche »Herzstück« der Radios und ein äußerst prägnantes Beispiel dafür, wie Technik menschliche Sozialität vermittelt. Ihm fällt die Rolle einer obligatorischen Passage zwischen Sendenden und Hörenden zu. Sich als sendend zu legitimieren, darin liegt die alles entscheidende Bedeutung der kollektiven Einbindung in die Signalerzeugung, was auch darin ersichtlich wird, wie viele vermenschlichende Attribute für seine Beschreibung herangezogen werden, die zwischen einem »Rockstar« und einem »Baby« oszillieren.76 Automatisch legitimieren sich die Sender als komplizierte Größe dennoch nicht, da an einige ihrer Eigenschaften differenzierte Legitimierungsforderungen herangetragen werden können.

Wie lässt sich situativ beispielsweise eine bestimmte Sendestärke oder Frequenz als anerkennungswürdig beschreiben? Diesen Fragen sind die network builders Antworten schuldig geblieben. Die Radiokollektive greifen sie für ihre Legitimierung jedoch, wie vermutet, produktiv auf. Bezüglich der Frequenzen formuliert Rádio Pulga sehr prägnant: »Wenn eine Frequenz frei ist, warum sollte man sie nicht frei nutzen können? So einfach ist das.«77 Darüber, ob eine Frequenz frei ist, lässt sich jedoch streiten. Freie Radios argumentieren hier, entgegen dem nationalen Frequenzplan der Regulierungsbehörde Anatel, dass sich »viele Freiräume kartografieren lassen, in denen aus geographischen Gründen keine Interferenzen erzeugt werden und wo problemlos eine Koexistenz mit bereits existierenden Sendern möglich ist«.78 Delegitimiert wird demnach der modus operandi der staatlichen Frequenzvergabe, die »die Meinungsfreiheit in der Luft ungerechtfertigt stark einschränkt«79, legitimiert hingegen die heterogene Assoziation einer »besetzten Frequenz«.

Was die Sendestärke betrifft, propagieren die drei Kollektive keine feste Wattzahl, sondern ziehen situative Begründungen und Zielsetzungen heran. Rádio Muda sendet gewöhnlich mit 150W, »um das gesamte Universitätsviertel und auch einen Teil der Vororte von Campinas zu erreichen«.80 Legitimierend ist also eine bestimmte Hörer_innengemeinschaft, die sowohl als Interessengemeinschaft (akademische Community) als auch geographisch definiert ist. Die beiden anderen Radios definieren ihre Sendestärke zunächst ebenso, schränken ihre Reichweite jedoch weiter ein. Bei Rádio Pulga geschieht das pragmatisch: »bei den vielen Piratensendern im Viertel und den vielen Häusern, sind wir froh, überhaupt jemanden zu erreichen«81. Ihre Anerkennungswürdigkeit wird deshalb tiefstapelnd an studentischen Hörerinnen festgemacht. Bei Rádio Várzea wird diese Selbstbeschränkung dagegen konzeptuell begründet:

»Wenn wir eine praktische Alternative zu abstrakten und hierarchischen kommunikativen Vermittlung leisten wollen, dann heißt das, dass jeder potentielle Hörer die Chance haben muss, auch zu senden. Wozu also eine Riesenreichweite anstreben? Uns interessieren die, die zu Fuß ins Radio kommen können«.81

In diesen Aussagen erhärtet sich die bereits anfangs geäußerte Vermutung, dass Freie Radios das Skript der network builders, dass vor allem das individuelle Recht auf freie Meinungsäußerung betont, erweitern. Sie ergänzen es um eine Legitimierung, die auf eine bestimmte Hörerschaft oder community Bezug nimmt; aus einem diffusen komplexen Aktanten wird eine komplizierte Größe des Freien Radiomachens geformt. Diese community ist durch ihre Partizipation im operativen Gebrauch gekennzeichnet, und wird als situative Überwindung des als »entfremdend«82 bezeichneten Chiasmus zwischen Sendenden und Empfangenden erzählt. So will Rádio Várzea beispielsweise im Radiomachen »die Trennung von organisierten und nicht-organisierten Studierenden auflösen«.83 Rádio Pulga dagegen denkt, nach innen gewandt, auch über eine partizipative Aufgabenteilung nach, die Mitmachen nicht zwanghaft mit Reden im Radio gleichsetzt, »denn es gibt unterschiedliche Interessen und Motivationen. Einer kauft Bier, einer repariert Plattenspieler, wieder einer hält Kontakte aufrecht«.84 Die partizipative community ist also durchaus als heterogener Haufen gedacht, dem erneut nur dort Grenzen gezogen werden, wo Beteiligte die Anerkennungswürdigkeit eines Senders bedrohen, beispielsweise als »Nazis«, als »selbsternannte Repräsentant_innen« oder »parteinahe Jugendorganisationen«, die versuchen, Freie Radios für ihre Interessen zu instrumentalisieren.85

Um so willkommener sind alle Mitglieder der geographischen community, »die rund um unser Radio arbeiten, lernen oder leben«.86 Erwünscht ist auch in diesen Fällen eine möglichst intensive Beteiligung am Radiomachen, aber die Sender geben sich auch mit weniger zufrieden, d.h. der Mobilisierung komplexer Akteur_innen. Dabei handelt es sich um eine große Gruppe von Legitimationshelfer_innen, die sich mit der Gruppe potentiell komplizierter Größen überschneidet: Studierende, Angestellte der Universität, Anwohner_innen oder auch Austauschstudent_innen.87 Darüber hinaus wird die »Vernetzung« mit anderen unabhängigen Medienkollektiven als Quelle gesteigerter Anerkennungswürdigkeit angeführt, vor allem die stärkere Kommunikation und Organisation zwischen freien Radios (nach dem bereits erwähnten) Weltsozialforum 2003, »wo wir wieder neue Kraft gefunden haben«.88 Auch Amateurfunker_innen werden wegen ihrer »Expertise und langen Historie der Radiowellennutzung« als Verbündete geschätzt.89

Kaum berichtet wird hingegen über eine Kooperation mit Community Radios.  Auf Nachfrage wird lapidar erwidert, dass sei »eine andere Kiste« (outra onda) oder »deren Wunsch nach Legalisierung schaffe wenig gemeinsamen Boden.«90 Diese hier artikulierte Distanz steht in Widerspruch zu dem am Anfang des Kapitels beschriebenen Interesse, mit ComRads in Dialog zu treten und technische Expertise weiterzugeben. Einige Beteiligte sehen in der fehlenden Operationalisierung dieses Anspruch deshalb auch eine Schwäche der Freien Radios: ihr Verhältnis zu ComRads und anderen sozialen Bewegungen bleibe zu oft ein »großer Abgrund«.91 Eine gesteigerte Anerkennungs-würdigkeit hänge viel zu oft von »persönlichen Initiativen oder Beziehungen einzelner Programmmachender« ab oder beschränke sich auf Entitäten wie die »Freie Software-Bewegung, die Freien Radios ohnehin nahe steht« – doch  »das allein ist zu wenig«.92

Wenig oder viel Kooperation mit dem Staat, dass ist eine letzte und wichtige Frage bei der Mobilisierung von Unterstützer_innen. Paradoxer Weise waren es gerade die Freien Radios und allen voran Rádio Muda, das sich ab dem Jahr 2002 an Pilotprojekten beteiligen, die später intensiv von ComRads unter dem Namen ponto de cultura genutzt worden. Diese »Kulturpunkte« gehen demnach konzeptuell vor allem auf die Initiative des Freien Radios Muda zurück. Die Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium (MinC) wird allerdings 2004 von den meisten beendet, weil sie sich »von der Regierung vereinnahmt« fühlten.93 Diese Erfahrung prägt die Debatte bis heute, wenn abgewogen wird, »dass Rádio Muda es eine Zeit lang schaffte, die Verbreitung freier Technologien, Technik und Wissen zu einem festem Bestandteil der Arbeit des Ministeriums zu machen«, zugleich aber auch »die Verfolgung alternativer Medienmachender durch die Regulierungsbehörde und die Bundespolizei fortgesetzt wurde«.94 Als pragmatischen Ausweg aus diesem Dilemma und die Frage, warum man sich nicht »das Geld der Menschen, dass der Staat als Steuern eintreibt, zurückholen« sollte, wird vor allem in Rádio Pulga die Meinung vertreten, nur eine »indirekte Kooperation« sei legitim, bei der das Radio Nutznießer einer »strategischen Umverteilung« staatlicher Projektmittel ist.95 Der Aktant Staat erscheint hier als Entität, die eigentlich abgelehnt und anerkennungswürdig nur im streng kontrollierten Ausnahmefall wird.96

Die Kooperation mit staatlichen Akteur_innen, verstanden als komplexe Größe Freien Radiomachens, hat abschließend sehr anschaulich gezeigt, was auch auf viele weitere hier analysierte Entitäten zutrifft: Skripte werden situativ um spezifische Akteur_innen ergänzt, Abweichungen zu den Inskriptionen der network builders formuliert. Zugleich ist deutlich geworden, dass die Auseinandersetzung mit den anwesenden Akteur_innen nur einen Teil der Legitimationsstrategie ausmacht. Die bereits anklingende Einbindung in spezifische Übersetzungen (z.B. Selbstverwaltung) zeigt, dass die Radiokollektive ihre Anerkennungswürdigkeit stets auch an die Prozesshaftigkeit ihrer Mediationen koppeln – oder anders gesagt: die in die Akteur_innen inskribierten potentiell legitimierenden Eigenschaften sind erst in der dauerhaften Mobilisierung konkreter Handlungsprogramme verifizierbar.

(2) Die Stabilisierung Freier Radios auf dem Campus in der Zeit ist als analytische Perspektive äußerst hilfreich, um die Realisierung der situativen Skripte weiter zu erschließen. Ich möchte hier in Erinnerung rufen, dass sowohl die network builders als auch die Radiokollektive sich explizit gegen schriftlich fixierte Regeln aussprechen und die Stabilisierung des Radiomachens vor allem an die Konsensfindung in reuniões und die Signalerzeugung der Programmmachenden koppeln. Doch welche Handlungsprogramme leiten dieses kollektive Radiomachen an, gewährleisten seine Reproduktion und eine gewisse Kontinuität?

Die Reproduktion der drei Sender ist eng verbunden mit der Organisation des Campusalltags und des akademischen Kalenderjahres. Jeweils zum Beginn des Sommer- und Wintersemesters formiert sich ein besonderes Plenum, die »reunião de grade«, die vor allem dazu dient, Interessierten die Idee Freien Radiomachens näherzubringen und die Sendeplätze für einen Zeitraum von sechs Monaten zu vergeben. Diese Plenen, die in allen drei Sender mobilisiert werden, lassen sich als zyklische Übersetzung der situativen Skripte in Programme beschreiben, als ein temporäres update, ein Abkommen zwischen den wechselnden Beteiligten, bei dem auch der Anspruch und die Grenzen des Radiomachens ausgehandelt werden.97 Gehärtet und moderiert wird dieser Konsens in der Zeit durch »Sendeplatztabellen«98 und die bereits erwähnten Mailinglisten.

Eine solche reproduktive Dynamik ermöglicht eine Zirkulation der Referenz Freies Radios zwischen unterschiedlichen Beteiligten. Diese kontinuierliche Erneuerung scheint zunächst auch für das Handlungsprogramm radialer Kontinuität charakteristisch, doch die tatsächliche Mobilisierung im Alltag wird als schwierig und brüchig beschrieben. Die Gründe dafür sind vielfältig: das plötzliche »Aufhören von Programmmachenden«, deren »mangelnde Konstanz und Zuverlässigkeit«, »geringes Interesse am Radiomachen« oder sich studentisch zu organisieren allgemein, »Probleme mit der Sendetechnik«, von »Schließungen« ganz zu Schweigen.99

Im besten Fall ergänzen sich divergierenden Handlungsprogramme zu einem Freien Radiomachen, das »gekennzeichnet ist von unterschiedlichen Intensitäten«.100 In allen drei Sendern wird beispielsweise von Akteur_innen berichtet, die wichtig sind, sich aber nur unregelmäßig oder punktuell beteiligen. Beschrieben werden hier nicht nur individualisierte »Alte Hasen« oder »Technikgurus«, sondern ältere Semester, die zumeist »Generationen« genannt werden.101 Scheiden diese aus, wie beispielsweise im Jahr 2010 »als die letzte ausgebildete Generation Rádio Várzea verlässt«, wird jedoch nie vom Ende eines Freien Radios gesprochen, sondern davon, dass es normal ist, dass sich »ein Radio leert und dann wieder füllt«, es »unsichtbar wird« oder, dass »ein Projekt stirbt und das nächste geboren wird«.102 Dennoch sind solche Momente problematisch, denn »die Errungenschaften einer Generation können verloren gehen, zum Beispiel die erarbeitete Gendersensibilität, Kontakte mit anderen politischen Gruppen oder auch die begonnene Hilfe beim Aufbau anderer Medien«.103

Kann vor diesem Hintergrund überhaupt von Kontinuität als einem Merkmal medialer Anerkennungswürdigkeit gesprochen werden? Nein, wenn dafür die kontinuierliche Signalerzeugung nach fixen Regeln herangezogen wird. Doch dieses Kriterium wird von keinem der Radiokollektive selbst bemüht. Feste – womöglich noch verschriftlichte – Regeln werden abgelehnt, da man Freies Radiomachen »nicht den Orgafreaks überlassen« könne, die »ständig ordnen und sich bürokratisieren wollen« sondern »alle Abmachungen stets verhandelbar« gehalten werden müssen, um auch selbst den Anspruch zu erfüllen, dass »Gesetze immer Resultat einer Praxis seien müssen«.104 Diese spezifische Fortschreibungen schließt die Bereitschaft ein, »auch strukturell und, falls nötig, radikal auf verändernde Bedürfnisse zu reagieren«, die die Situation des Radiomachens beeinflussen. Hier wird deutlich, dass »hinter« den oben erwähnten Mutationen ein Handlungsprogramm steckt, dass Diskontinuitäten, sowohl auf konzeptueller Ebene als auch bei der Signalerzeugung vorsieht und »Radios, möglichst auch in Momenten geringer Beteiligung, am Leben erhalten« will, um jederzeit »Wortmeldungen« oder »Wiederbelebungen« des Freien Radiomachens zu ermöglichen, »wenn beispielsweise ein Streik losbricht« oder »doch mal ein Sendegerät konfisziert wird«.105

Erwünscht ist ein geringe Mobilisierung von Akteur_innen dauerhaft jedoch nicht, im Gegenteil. Die Machenden der Freien Radios auf dem Campus wägen in ihren Erzählungen stets auch ab, an welchem Punkt radikale Offenheit und variable Regeln die Stabilisierung eines Sender in der Zeit gefährden oder ihn anfällig für repressive Akte machen, die ein Radio entscheidend schwächen könnten, »denn selten ist die Beteiligung und Einbindung von Studierenden nach einem Polizeieinsatz ähnlich intensiv wie vorher«.106 Neben dem reproduktiven Handlungsprogramm ist deshalb noch eine weitere Dynamik angelegt, die sich dem Schutz der Sender widmet und bei der sich räumlich drei Dimensionen unterscheiden lassen. Die erste betrifft die komplizierte Größe der genutzten Frequenz im UKW-Bereich des elektromagnetischen Spektrums. Schutz wird dabei übersetzt in eine Wattzahl (wie viel Sendestärke lässt sich in ihrer Nutzung legitimieren und stabilisieren?) und eine freie Frequenz (wem funke ich möglicherweise dazwischen?). Eine freie Frequenz zu suchen, »um Stress zu vermeiden«, darin sind sich die drei Radiokollektive zunächst einig. Während Rádio Muda jedoch 150W als legitime Signalstärke betrachtet und auf dem Campus auch erfolgreich verteidigen kann, gab es bei Rádio Várzea, das anfangs eine ähnliche Sendestärke nutzte, »viele Probleme mit kommerziellen Radios, die sofort die Regulierer auf den Plan riefen. Danach sendeten wir nur noch mit 50 Watt, um Konflikte zu vermeiden«.107 Rádio Pulga wurde im Jahr 2011, wenige Monate nach der Erhöhung der Sendestärke, geschlossen, während man »vorher mit 40 Watt in einer Stadt voller Häuser und zwischen Dutzenden Piratenradios kaum aufgefallen war«.108 Nicht zu sehr auffallen, bzw. das eigene Potential zur Verteidigung eines Senders richtig einschätzen, dass eine bestimmte Signalstärke hervorrufen kann, ist die Devise.

Träger_innen dieses Verteidigungspotentials on the ground – der zweiten Dimension – scheinen dabei in erster Linie Studierende, die das Radio gegen Schließungsversuche von Außen aber auch gegen die Ansprüche von Professor_innen auf die Räumlichkeiten schützen, so geschehen beispielsweise bei Rádio Pulga, dem »eine Studierendenversammlung den Vorzug vor einem Räumungsantrag eines Lehrenden« gab. In den Reihen potentieller weiterer Unterstützer_innen von Lehrenden und Angestellten kommt dem Wachpersonal auf dem Campus eine entscheidende Rolle zu. Denn es kann die Signalerzeugung positiv beeinflussen, wie in Rádio Várzea, wo »Sicherheitsleute mitunter bei der Wartung der Antenne helfen«, oder anderen Sendern, wo sie die Sendetechnik mehrfach abbauten.109 Entscheidend ist bei der Mobilisierung, jeweils auf eine Mehrheit aktiver Unterstützer_innen zählen zu können, die es dem Rektorat, als wichtige Größe legaler Ordnung, »schwer macht, per Dekret gegen den Betrieb der Sender auf dem Campus vorzugehen oder mit der Regulierungsbehörde zusammenzuarbeiten«.

Die dritte Dimension betrifft schließlich das Studio selbst und alle darin versammelten Akteur_innen. Unterscheiden lässt sich dabei zunächst ein Schutz der menschlichen Akteur_innen vor einer etwaigen Strafverfolgung. Auch wenn Freie Radios per Definition von niemandem repräsentiert werden, wird auf Treffen immer wieder darauf hingewiesen, nicht im Namen des Radios zu sprechen und keine Erkennungszeichen oder vollständige Namen im Radio zu hinterlassen.110 Zugleich versuchen die Radiokollektive jedoch auch ihre Sender vor den menschlichen Akteur_innen zu schützen. In Rádio Várzea und Rádio Pulga beispielsweise herrscht Konsens darüber, die Legitimation nicht durch den Konsum von Drogen in der Radiokabine zu gefährden.117 Zudem müsse auch das Equipment vor unsachgemäßer Bedienung geschützt werden, ein Punkt, dem auch Rádio Muda zustimmt und eine Zeitlang sogar ein Anwesenheitsheft (caderno de presença) mobilisierte, um damit die Verantwortlichkeit der menschlichen Programmmachenden (vor allem gegenüber den non-humans) zu erhärten.118

 

Erhärtet werden soll der Schutz der Sendetechnik zudem gegenüber äußeren Einflüssen, wie Diebstahl, Sabotage oder etwaigen Räumungsversuchen staatlicher Akteur_innen. Die Schlüssel zu den Eingangstüren sind deshalb entscheidende Moderator_innen menschlicher Sozialität, sie regeln mehr als nur den Zugang.119 Der Besitz eines solchen Objekts ist auch ein Indiz dafür, wer als komplexe_r Akteur_in eines Radios verstanden werden kann. Die innerhalb der Plenen transparent und konsensuell geregelte Vergabe und Zirkulation von Schlüsseln drückt jeweils einen spezifischen Kompromiss zwischen angestrebter Offenheit und notwendigem Schutz aus. Denn die Sicherheitsfrage kann, wie in Rádio Várzea geschehen, wo es anfangs nur einen Schlüssel gab, auch »schnell zu einem vorgeschobenen Argument werden, wenn eigentlich die politische Kontrolle des Senders verhandelt wird«.120 Auch bei Rádio Pulga musste sich »das Recht auf einen Schlüssel erst erkämpft« werden, während Rádio Muda, das schon seit längerem nach dem Prinzip »Ein Schlüssel pro Sendeplatz« arbeitet, inzwischen dazu übergegangen ist, die Schlüsselvergabe auch außerhalb der Plenen, auf der Mailingliste, zu organisieren.121 Und sollte doch jemand wider Erwarten in die Sender eindringen, dann gilt die bereits mehrfach erwähnte Prämisse low tech: anstatt Abhängigkeiten von exklusiven oder kostenintensiven non-humans zu entwickeln, soll möglichst viel mit freier Software und einer Sendetechnik gearbeitet werden, die die Kreativität der Machenden nicht einschränkt, deren vollständiger Verlust aber auch nicht das Aus des Radios bedeutet – eben weil sie leicht zu ersetzen ist.122

Das »schützende Handlungsprogramm« legitimiert die Radiokollektive demnach eher auf indirekte Weise, in dem es die Reproduktion und Kontinuität stärkt und zugleich anteilig den Anspruch der Partizipation und horizontalen Organisation übersetzt und in der Zeit stabilisiert. Abschließend möchte ich kurz noch auf zwei weitere Handlungsprogramme eingehen, die für die Stabilisierung und Legitimierung ebenfalls von Bedeutung sind und sich infralinguistisch als »Weiterbildung« und »Finanzierung« beschreiben lassen. Ersteres umfasst sowohl regelmäßige Workshops für und von den Programmmachenden und informelle eins-zu-eins-Schulungen während des Sendens als auch Aktivitäten, die die Radiokollektive für andere Medienmachende organisieren.123 Die Weiterbildungen haben dabei den (bereits erwähnten) erwünschten Effekt, dass alle ein Minimum an Fähigkeiten und Wissen besitzen, um nichts kaputt zu machen.124 Zugleich übersetzen sie aber auch wichtige Aspekte der medialen Anerkennungswürdigkeit, so zum Beispiel die aktive Vermeidung von Hierarchien, auch wenn diese Übersetzungen sich »eher einem Idealzustand annähern, als ihn zu erreichen« und immer wieder spezifische Ausschlüsse (z.B. Gender, Nicht-Studierende, Religiöse) reproduziert werden, denen Freie Radios sich stellen müssen.125

Was die Systematisierung dieser Weiterbildung anbetrifft, gibt es erneut kaum schriftlich fixiertes Material. Stattdessen wird darauf gesetzt, das Freie Radiomachen immer wieder zu erzählen und situativ in einen operativen Gebrauch zu übersetzen, auch außerhalb der eigenen Radiokabine.126 »Wir hatten immer den Anspruch, Multiplikatoren einer freien Radiopraxis zu sein, um auch praktisch explizit unter Beweis zu stellen, dass ein Freies Radiomachen ohne Legalisierung möglich ist.«127 Wie bereits eingangs erwähnt, intensiviert vor allem Rádio Muda ab 2003 diese Schulungen. Auch Rádio Várzea ist zwischen 2006-2007 sehr aktiv und es entstehen in ganz Brasilien weitere Freie Radios auf dem Campus, aber auch einige Projekte außerhalb der universitären Orte.128 Erwähnenswert ist hierbei auch ein weiterer kollateraler Legitimationsfaktor, nämlich der eines selbstorganisierten Lerneffekts, der mit dem Stereotyp der Freien Radios als »hedonistischer Zeitvertreib« aufräumt.

»Ich hab viel mehr bei den beiden Freien Radios gelernt, bei denen ich während des Studiums mitgemacht habe, als bei den Vorlesungen. Vor allem auch was technisches Wissen angeht, hat da ein Lernprozess begonnen, der noch lange nicht abgeschlossen ist«.129

Die hier dokumentierten Effekte der Weiterbildungen leisten, ähnlich den schützenden Dynamiken, eher indirekt einen Beitrag zur medialen Anerkennungswürdigkeit der Radiokollektive. Das abschließend beschriebene, wiederkehrende »technische Interesse« ist dabei jedoch zugleich auch ein notwendiger Effekt der »low tech«-Prämisse und eng verwoben mit dem letzten hier dokumentierten Handlungsprogramm der »Finanzierung«. Dabei wird das Attribut frei von den Freien Radios auf dem Campus sehr plastisch operationalisiert: »Frei von Macht und frei von Geld«130. Gemeint ist damit kein vollständiger Ausschluss dieser monetären Entität, sondern das weitest mögliche Zurückdrängen aller durch Geld vermittelten Beziehungen«.131

Auch das Handlungsprogramm ist deshalb eher als no-go denn als Katalog legitimer Einnahmequellen definiert. »Es gab nie Regeln, außer einem allgemeinen Werbeverbot für politische, religiöse und vor allem auch kommerzielle Inhalte. Wir bestanden immer auf Selbstverwaltung und Selbstfinanzierung«132. Diese wird im Einklang zu den Ideen des network builder RIZOMA vor allem durch den Verkauf von Getränken, T-Shirts und die Organisation von Soli-Konzerten organisiert.133 Zugleich werden Programmmachende in Rádio Muda und Rádio Pulga jeweils zu Semesterbeginn aufgefordert, eine Betrag von zehn bis 20 Reais in die Gemeinschaftskasse einzuzahlen.134 Pro Semester genüge eine gelungene Party und die Spenden, um die jährlich für den Betrieb des Radios benötigten 3000 Reais aufzubringen.135 Aus Sicht der Kollektive ist dies eine kleine Summe und der Nachweis dafür, das Radiomachen nicht teuer ist. Und damit diese Übersetzung auch im Gebrauch möglichst reibungslos funktioniert, werden zwei Akteur_in explizit ausgeschlossen: bezahlte Mitarbeitende und kostspielige Technik.136

Die Analyse der Handlungsprogramme hat deutlich gemacht, dass die drei Sender in ihren situativen Mobilisierungen spezifische Anerkennungswürdigkeiten  konstruieren. Relevant ist dabei nicht unbedingt die Erfüllung sondern, wie ich gezeigt habe, die Affirmation, sich bezüglich ihrer Reproduktion, Kontinuität, Weiterbildung und Finanzierung mit Legitimationsforderungen auseinanderzusetzen und diese teilweise auch zu antizipieren. Letzteres verweist auch darauf, dass dieser hohe Grad an Selbstreflexivität gegenüber den eigenen Handlungsprogrammen Teil der  situativen Skripte ist, die außerhalb der Plenen und des Sendens kaum vermittels weiterer Assoziationen stabilisiert werden.

(3) Um die Dokumentation der Freien Radiokollektive auf dem Campus abzuschließen, fehlt nun noch die Betrachtung einer entscheidenden Größe des Legitimationskonzepts, die das Wofür der Mediationen subsumiert: das Gemeinwohl. Freie Radios ziehen sich in ihren Selbsterklärungen oft darauf zurück, ihr Skript als offenen bzw. freien Kommunikationsraum zu beschreiben, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass ein erster Beitrag zum Gemeinwohl darin gesehen wird, einen »offenen Treffpunkt zu schaffen«.137 Während Rádio Pulga, das, wie erwähnt, eine Zeitlang nur als Kulturprojekt existierte (und entsprechend der hier angelegten Definition zu dieser Zeit kein Radio im engeren Sinne war) und ausschließlich als ein solcher Treff fungierte, bemüht(e) sich Rádio Várzea den Sendebetrieb an die »Schaffung eines nicht-spektakulären, dialogischen Raumes« zu koppeln.138 Rádio Muda bespielt derweil auch die Wiese rund um den Wasserturm des Senders. Viele, die anfangen Radio zu machen, lernen die Programmmachenden dort off air »bei einem Bier oder einem Joint nach Vorlesungsende« kennen.139

Menschen miteinander in Kontakt und in Kommunikation zu versetzen, dieser gemeinwohltätige Beitrag wird nicht nur in und um die Sendekabine herum erfüllt, sondern auch bei der Organisation von Partys und Veranstaltungen. Denn diese haben neben der erwähnten finanziellen Bedeutung erneut den Effekt, freie Begegnungsräume zu schaffen. »Es gibt viele, die Rádio Muda zunächst nur wegen der Partys kennen und unterstützen«.140 Aber die Veranstaltungen sind zugleich ein Moment, der das Partypublikum potenziert, der offene Mikrophone mobilisiert und als Akteur_innen bekannt macht, oder, wie beispielsweise auf der jährlichen Veranstaltung Festa Ossama bin Reggae (in Rádio Várzeas, immer am 11. September) »eine kritische Debatte über Terrorismus provoziert«.141 Sowohl die Veranstaltungen im Radio oder anderswo auf dem Campus leisten dabei einen situativ wichtigen Beitrag, »selbstorganisierte Räume sichtbar [zu] verteidigen«, beziehungsweise an getroffene Abmachungen mit anderen Akteur_innen und Handlungsprogrammen zu erinnern und diese zu erneuern.142

Nun lässt sich fragen: Und das Programm? Und die Inhalte? Sind die kein Beitrag zum Gemeinwohl? Sie sind es und formuliert wird dieser Anspruch meist vermittels des Konzepts »alternative Kommunikation«. Die Inhalte einer solchen bestimmen die Sender jedoch auf unterschiedliche Weise. »Sollten wir mit Mainstream-Pop ein großes Publikum locken und dann mit alternativen Wortbeiträgen konterkariert, oder uns von vornherein auf einen reduzierten Hörer_innenkreis konzentrieren?« fragen sich die Machenden von Rádio Várzea bis heute.143 Zudem stoße man mit der ausgiebigen Dokumentation und Kommentierung der Universitätspolitik immer wieder auf Kritik, das diese Informationspolitik von einigen »als wenig freie Indoktrinierung kritisiert« wird.144

Der »alternative Informationsfokus« tritt bei Rádio Pulga hinter einen musikalischen Schwerpunkt zurück, denn entgegen den anderen beiden Sendern wird dort ein großes, gemeinsames Musikarchiv gepflegt, »dass die Kommunikation entscheidend prägt und seine Bedeutung ausmacht. Bei Rádio Muda hängt der musikalische Aspekt viel stärker von den Programmmachenden ab« - und nicht nur dieser.145 Erneut wir alternative Kommunikation hier nicht zwingend als Aktivismus verstanden, sondern als »die Möglichkeit, seine Neugier und seine Lust am Medienmachen auszuleben«.146 Das viele Programmmachende sich mit der Zeit auch politisch stärker engagieren, sei ein erwünschter Effekt, 

 

»einen Habitus zu entwickeln, darüber nachzudenken über was man reden will, eine persönliche Praxis der eigenen Begierden zu entdecken, die erst mal ungerichtet ist, aber auch eine Reflektion über das Radio- oder TV-Medium beinhaltet, in dem man spricht.«147

Eng verbunden mit dieser Übersetzung alternativer Kommunikation, als ein Prozess der  Selbstermächtigung, ist der experimentelle Anspruch Freier Radios auf dem Campus, in dem sich ein weiterer Beitrag zum Gemeinwohl entfaltet. Dazu lassen sich sowohl Handlungsprogramme zählen, die das »technische« Medienmachen erkunden, aber auch Ausbrüche aus etablierten medialen Formaten und der Radiosprache, die das Repertoire der für die Realisierung der Meinungsfreiheit mobilisierbaren Größen erweitern wollen.148 Die Radios werden zu medialen Laboratorien, deren Relevanz sich auch daraus ableitet, dass »ein Großteil der Kommunikationsprojekte der Linken weiterhin Formate und Strukturen nutzt, die weder den Zugang zu Medien erweitern noch die Kommunikationskanäle diversifizieren, sondern eine entfremdende Vermittlung fortschreiben«.149

Die explorativen Erweiterungen, die von den Freien Radios auf dem Campus inskribiert und mobilisiert werden, sind vielfältig, reichen von der Gründung von TV-Projekten, über die Unterstützung von Event-Radios bis hin zur Erkundung neuer Nutzungsmöglichkeiten des elektromagnetischen Spektrums.150 Zum konkretesten Experimentierfeld generiert sich dabei die Debatte um die Einführung eines digitalen Radiostandards, die sich spätestens ab dem Jahr 2010 intensiviert.

»Doch große Teile der Bevölkerung wissen nicht, welche neuen Nutzungs- und Produktionsmöglichkeiten dabei geschaffen werden könnten, wie eine Überwindung der Frequenzknappheit und eine Vervielfältigung der Formate, Bilder, Daten und Videos, also eine neue Art interaktiven Radios aussehen könnte«.151

Der Beitrag Freier Radios liege deshalb darin, »einen offenen digitalen Standard zu unterstützen und, von dessen Charakteristika aus betrachtet, auch die bestehenden Gesetze zu kritisieren oder ihren Bruch in der Praxis zu rechtfertigen«.152 Dass es sich dabei nicht um eine hypothetische Debatte handelt, belegen vor allem Mitwirkende von Rádio Muda immer wieder mit praktischen Experimenten, die zeigen, dass die neuen Akteur_innen digitalen Sendens und Empfangs auch »außerhalb des institutionalisierten Rundfunks beherrschbar und nützlich« sind.153

Diese Nützlichkeit gilt es jedoch weiter zu erkunden, denn bisher werden vor allem selbstreferentielle Beispiele angeführt, soll heißen, die Zunahme einer  »selbstverwalteten, medialen Vielfalt ohne ad hoc Regulierungen«. Diese Perspektive wird von den Radiomachenden »immer noch [als] Utopie« bezeichnet. Sie verweisen damit nicht nur auf eine poröse Grenze zwischen Machbarem und Erstrebenswerten, sondern benennen zugleich einen letzten Beitrag zum Gemeinwohl. Die drei Freien Radiokollektive bündeln ihre medialen Utopien vor allem im (bereits im vorherigen Kapitel erwähnten) Konzept eines Freien Spektrums (vgl. Kap. 3.2.3), das jedoch bisher vor allem im Rahmen einer staatsfernen Regulierung als ein Gemeingut (vgl. 3.3.1.3) beschrieben wurde. Die Radios erweisen sich nun als Situationen, an denen dieses ideale Modell für die Gesellschaft bereits ein Stück weit realisiert werden könnte, zum Beispiel entlang innovativer Akteur_innen wie smart radios154, oder auch entlang von Handlungsprogrammen, die eine Befreiung der Kommunikation durch eine »vereinheitlichte globale Kommunikationsplattform, die sowohl drahtlose digitale Netze und Radio in seiner analogen und digitalen Form beinhalten würde«155.

Der medien-utopische Fokus der Freien Radios auf dem Campus weißt damit klar über ihre eigene situative Anerkennungswürdigkeit hinaus. Und ganz ähnlich den unterschiedlichen Beiträgen zum Gemeinwohl, oszillieren auch die übrigen dokumentierten Akteur_innen und Handlungsprogramme der drei Sender zwischen situativen und kategorischen Skripten. Die eingangs aufgeworfene Frage, Warum an der Uni?, lässt sich deshalb zunächst so beantworten: Freie Radios finden auf dem Campus ein spezifisches Akteur_innen-Netzwerk vor, dass es ihnen ermöglicht, sich als Mediation zu stabilisieren und zu gleich auch zusätzlich zu legitimieren. Die Situierung auf dem Universitätsgelände ermöglicht es, einen gewissen Schutz vor den Regulierungsinstanzen auszuhandeln und die dortige community für das Freie Radiomachen zu mobilisieren. Wie ich gezeigt habe, ist, anders als eingangs vermutet, weniger die direkte Einbeziehung akademischen Wissens von Bedeutung, wohl aber die zyklische, semester-weise Erneuerung der Radiomediationen durch heterogene Akteur_innen, die wiederum in Relation zum akademischen Betrieb stehen: Freie Software, Studierende, aber auch Konzepte und weitere Entitäten finden beim Radiomachen in einem spezifischen situativen Bezug zueinander.

Doch inwiefern übersetzen diese medialen Konfigurationen die Behauptung der drei Sende-kollektive, Freies Radio sei billig, einfach und deshalb für jede_n machbar? Abgesehen von der weiter oben zitierten (schwer verifizierbaren) Selbstkritik, Freies Radiomachen sei ein reines »Mittelklassephänomen«156, sind mehrere Momente deutlich geworden, die die Anerkennungs-würdigkeit der Radiokollektive in diesem Punkt herausfordern. Unter anderem wurde deutlich, dass die Mobilisierung spezifischer Akteur_innen, z.B. beim Ersatz von Geräten, in ihrem Gelingen vor allem an die Campus-Community gekoppelt ist. Diese und weitere Vermittlungen (u.a. das Nichtzahlen von Strom- oder Mietkosten) lassen sich durchaus als hidden transcripts beschreiben. Sie tragen entscheidend zur Stabilisierung bei, sind aber wenig sichtbar und werden von den Radiomachenden öffentlich auch wenig reflektiert.

»Versteckt« werden aber noch weitere Aspekte des Akteur_innen-Netzwerks, die die Skripte der drei Sender realisieren. Das es kein genuines Interesse aller Beteiligten gibt, die Signalerzeugung zu 100% zu beherrschen, wird erst bei einer Teilnahme am Sendebetrieb und auf Nachfrage thematisiert, so wie auch die relative Ferne zu sozialen Bewegungen, spezifische subkulturelle Abgrenzungen, die Abhängigkeit von Gerätehersteller_innen156 oder auch die Dominanz männlicher Akteur_innen wird das gegendert¿ beim Gebrauch der Sendetechnik. Dass in den Interviews letztendlich doch offen all diese potentiell delegitimierenden Momente benannt und analysiert wurden, stärkt die Vermutung, dass es sich teils auch um bewusste, strategische Auslassungen im Skript handelt. So wurde beispielsweise die Behauptung eines Autonom-Seins in den Gespräch oft zugunsten einer Reflektion über das Autonom-Werden aufgeben.157

 

Die Prämissen, die die Inskriptionen und Mobilisierungen anleiten, sind keine negative Medientheorie in dem Sinne, dass sie ein Minimum fixer no-gos abstecken. Auch wenn dies beim Übersetzen der Skripte immer wieder geschieht, sind auch diese kein »letzter Rechtsgrund« Freien Radiomachens. Ausgangspunkt des operativen Gebrauchs ist zunächst immer eine Negation aller a priori abgesteckten abstrakten Regeln, angeleitet von dem Vertrauen in eine kollektive Entscheidungsfindung im Rahmen der Plenen, die die Mediationen permanent erneuern, festigen und ggf. korrigieren. Dies verleiht allen Legitimierungen der drei hier betrachteten Sendern letztlich immer auch einen temporären, veränderlichen, aber auch strategischen Charakter. So erscheint die schroffe Negation gegenüber allen staatlichen Akteur_innen bei näherem Hinsehen oft als strategisch inszenierte Distanz.158 Zugleich findet eine Verundeutlichung des operativen Gebrauchs statt, ein – um im Bild der network builders zu bleiben – Rückzug in eine rhizomatische Existenz, die Konstanz nicht als öffentlich sichtbare Mobilisierung definiert, sondern als nie vollständig dokumentierbaren Prozess, der nicht als komplexe Mediation eingrenzbar ist.

Abschließend lässt sich festhalten, dass sich das Freie Radiomachen auf dem Campus in ein doppeltes Spannungsverhältnis einschreibt und in in dem darin entfalteten Akteur_innennetzwerk legitimiert. Diese Spannung wird erstens genährt von einem Skript, das das Konzept Freien Radiomachens konzeptuell sowohl als immutible mobile (vgl.  Kap. 3.6) aber paradoxerweise zugleich auch als leeren Signifikanten inskribiert, der erst in seiner situativen Zirkulation der Referenz Freies Radio gefüllt wird. Konstant in Spannung versetzt wird jedoch auch das inskribierte Gemeinwohl, dass zwischen einem persönlichen und kollektiven »Selbstfindungs- und Bewusstseinbildungsprozess« in situ und dem Ziel, »die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse an der Universität und im Allgemeinen zu verändern«, oszilliert.159

Dass dieser Anspruch nachweislich realisiert wird, veranschaulichte die bereits beschriebene aktive Rolle, die Freie Radios im Rahmen des Handlungsprogramms Weiterbildung übernehmen. Dazu gehört explizit auch, Freie Radios außerhalb der Universitäten in ihrer Emergenz und Stabilisierung zu unterstützen, wie beispielsweise die bereits erwähnten Sender Rádio Amnêsia und Rádio Luta. Deren Betrachtung im nun folgenden Kapitel ist auch deshalb spannend, da sie die Legitimierung Freien Radiomachens in einem wichtigen Punkt ergänzen: dem Nachweis ihrer allgemeinen Reproduzierbarkeit abseits universitärer Räume und Diskurse.

 

4.3 Freie Radios in Kulturzentren und besetzten Fabriken

Zwischen 2006 und 2007 organisierte das Medienkollektiv Nordeste Livre eine Promotiontour für das Freie Radiomachen. Temporär wurden Frequenzen besetzt, lokale Kollektive zum Radiomachen animiert. Die Karavane machte auch beim Ponto de Cultura Coco de Umbigada halt, dass sich in Olinda im Bundesstaat Pernambuco für den Erhalt und die Verbreitung afrobrasilianischer Kultur im Allgemeinen, besonders aber für deren Musik einsetzt. Bereits Ende der 1990er Jahre war Coco de Umbigada mit seinen Darbietungen auf öffentlichen Plätzen und bei Veranstaltungen aktiv, organisierte ab dem Jahr 2002 aber auch regelmäßig Workshops in den eigenen Räumlichkeiten. Darauf, die eigenen Produktionen und Kulturarbeit auch über das Radio bekannt zu machen, war jedoch niemand gekommen.160

»Nordeste Livre musste uns förmlich zu diesem Radioexperiment überreden. Wir fanden anfangs vor allem den Namen spannend, den dieses mobile Radio hatte. Amnésie, eine Anspielung auf den nationalen Gedächtnisverlust Brasiliens, einem kulturell so reichen Land. Aber es fehlt an einem Bewusstsein dafür, besonders auch, was die afrikanischen Wurzeln angeht. Ein Radio kann da Abhilfe schaffen und nachdem wir eine Weile mitgesendet und  das verstanden hatten, über-redeten wir die Freien Radiomacher_innen, uns den Sender zu überlassen«.161

Aus dem mobilen Sender war unverhofft ein Freies Radio geworden, das bis heute im UKW-Band zu hören ist.

Um einiges organisierter begann dagegen das Radiomachen in der Fabrik Flaskô in der Industriestadt Sumaré nahe Campinas, im Bundesstaat São Paulo. In dem auf die Herstellung von Plastikbehältnissen spezialisierten Komplex übernahmen am 28. Februar 2009 die Arbeiter und Arbeiterinnen Arbeiter_innen die Kontrolle, nachdem der bisherige Eigentümer die Schließung angekündigt hatte. »Bereits vor der Besetzung hatten einige Gewerkschafter_innen sporadische Radiosendungen organisiert und das Mobilisierungskomittee hätte gern direkt an diese Initiativen angeknüpft. Aber von diesen companheiros war [nach] der Besetzung niemand mehr da und wir mussten uns anderswo Hilfe suchen«.162 Und die fanden junge Gewerkschafter_innen im nicht weit entfernten Rádio Muda und später auch in Rádio Várzea, die dazu beitrugen, dass Rádio Luta, der Sender der Fabrik Flaskô, ein Jahr nach der Besetzung bereits 24 Stunden täglich auf Sendung war.

Die beiden unterschiedlichen Entstehungsgeschichten illustrieren sehr anschaulich die aktive Rolle der Freien Radiobewegung, um die erwünschte Vervielfältigung auch außerhalb der Universitäten anzuleiten. Offen bleibt bei diesen Erzählungen zunächst jedoch, ob die Impulse und Hilfestellung bei der Entstehung der beiden Sender auch bedeuten, dass diese vollständig die Inskription des network builder RIZOMA übernehmen und welchen spezifischen Legitimationsforderungen sie sich stellen müssen.

Sowohl Rádio Amnésia als auch Rádio Luta lassen keinen Zweifel daran, dass sie sich als Freie Radios verstehen. Zugleich markieren sie jedoch auch eine gewisse Distanz zum Skript von RIZOMA und seinen zum größten Teil universitären Autor_innen. Rádio Amnésia kritisiert vor allem die kollektive Größe der Mailingliste, denn die dortigen Debatten seien oftmals »geschlossen« und es gäbe eine Tendenz, »abweichende Interpretationen Freien Radiomachens aus[zu]grenzen. Doch gerade unsere Erfahrungen außerhalb der Unis sind wichtig, denn erst hier in einer community entfaltet ein Freies Radio seine volle Wirkung«.163

Anders verhält es sich bei Rádio Luta, wo die Singularität des Senders auch auf definitorischer Ebene herausgearbeitet wird. Zwar teilen die Machenden das Selbstverständnis Freier Radios, ohne die Anerkennung bestehender nationaler Gesetze ein Recht auf Senden zu haben, beschrieben wird das eigene Medium aber nicht nur als freies, sondern ebenfalls als »Arbeiterradio« oder auch als »Community Radio«.164 Letztere Bezeichnung, die derweil nicht von allen Beteiligten geteilt wird, spiegelt sich auch im Kontakt mit einem anderen network builder, nämlich dem lokalen Ableger ABRAÇO-SP wieder, dessen Unterstützung beim operativen Gebrauch erwünscht ist, dem Rádio Luta jedoch die Mitgliedschaft verweigert und dessen Audioproduktionen (vor allem die tägliche Magazinsendung Jornal do Trabalhador) nicht ausgestrahlt werden.

Die in diesen ersten Selbstverortungen der beiden Radiokollektive anklingenden Rückgriffe auf spezifische communities und deren Kultur, die es später noch genauer zu rekonstruieren gilt, schlagen sich auch bei der Auseinandersetzung mit spezifischen legitimation claims nieder. Permanent werden solche Forderungen im Sendegebiet von Rádio Amnésia vor allem von radikalen evangelikalen Pastor_innen und deren Gemeinden formuliert,

»denen die afrobrasilianische Kultur als Teufelswerk gilt. Aus diesen Beschimpfungen leiten wir direkt die Aufgabe ab, mit dem Radio kulturellen Widerstand zu leisten. Irgendjemand muss ja eine konzertierte Aktion organisieren, wenn bereits unsere Kinderlieder als dämonisch stigmatisiert werden«.165

Rádio Luta sieht sich demgegenüber weniger Anfeindungen ausgesetzt. Dennoch fordern die Arbeiter_innen der besetzten Fabrik die Kommunikationskomission, die für den Sendebetrieb zuständig ist, dazu auf, »den Mehraufwand, den das Radiomachen verursacht und durch den Arbeitskraft für den Produktionsprozesse verloren geht, [zu] begründen«.166

Sowohl die problematischen Forderungen evangelikaler Hass-Prediger_innen, als auch die nachvollziehbaren Rufe der Arbeitenden den Radiobetrieb zu rechtfertigen, stellen sich beide Sender, indem sie ihre Arbeit zu einem weiteren claim nach Anerkennungswürdigkeit in Beziehung setzen, nämlich den Anzeigen und der Kritik seitens anderer Medien. Denn gerade auf diese Weise gelingt es den beiden Kollektiven, ihre besondere informations- bzw. kulturpolitische Bedeutung herauszustellen. Nur Rádio Amnésia bringe »die lokale musikalische Vielfalt im Radio zum Klingen, Rhythmen wie den Maracatú, der über 400 Jahre alt ist, oder auch den Frevo und den Coco, die es immerhin schon seit gut einem Jahrhundert gibt«.167 Und nur Rádio Luta informiere zuverlässig über »den Kampf der Fabrikbelegschaft, während andere Medien nur einer weiteren Entfremdung der Arbeitenden Vorschub leisten«.168 Die in diesen Aussagen mitschwingende Delegitimierung anderer Medien nimmt vor allem kommerzielle Medien ins Visier, deren Berichterstattung es zu »hacken« gelte.

Auch im Hinblick auf umliegende Community Radios nehmen beide Sender klare Abgrenzungen vor und kritisieren, sich dem vom Staat für diese Radiokategorie formulierten Legalisierungszwang zu unterwerfen. Rádio Luta beschwert sich darüber hinaus, dass »eine Reihe genehmigter Community Radios durchaus Gewinnabsichten verfolgen«, und die rechtliche Anerkennung deshalb kein erschöpfendes Kriterium medialer Legitimation sei.169 Rádio Amnésia hingegen lehnt die legale Formel von ComRad als eine zu starke Einschränkung ab und besteht zugleich darauf, dass Freies Radiomachen im Vergleich ein »offeneres Konzept« sei, dass »andere Verbindungen knüpft und breitere Bündnisse eingeht, vor allem im Bereich der Kultur und der Technologie«.170

Wenig Bedeutung schenken die beiden Sender im Vergleich zu den claims anderer Medien dagegen den Legitimationsforderungen des Staates, der vermittels seiner legalen Auslegung unabhängigen Radiomachens ja durchaus den gewichtigen Anspruch formuliert, zentraler Garant der Anerkennungswürdigkeit zu sein. Überraschender Weise resultiert diese geringe Aufmerksamkeit nicht aus einer vollständigen Zurückweisung des staatlichen Regulierungsanspruchs: Rádio Amnésia kann sich »eine rechtliche Anerkennung Freien Radiomachens entsprechend unserer Charakteristika« durchaus vorstellen und auch Rádio Luta schließt eine Legalisierung nicht aus, »wobei, wie auch bei allen anderen Entscheidungen, das letzte Wort die Arbeitenden haben. In der Zwischenzeit ist es wichtig, über die Illegalisierungsversuche des Staates zu informieren und über die Daseinsberechtigung von Freien und Community Radios aufzuklären«.171

Damit die Freien Radios dieser informativen Rolle und anderen sich zugeschriebenen medialen Vermittlungen gerecht werden können, müssen sie jedoch zunächst einmal ihren eigenen operativen Gebrauch stabilisieren, und dabei – wie bereits auf dem Campus –, (1) spezifische Akteur_innen mobilisieren, (2) Strategien entwickeln, die ihre Reproduktion sicher stellen. Wie wird der Schutzmantel des Autonomiestatus der Universitäten ersetzt? Wie lassen sich Alternativen zu spezifischen positiven Reproduktions-bedingungen auf dem Campus (z.B. Soliparties, Technikgurus, etc.) finden und dafür Akteur_innen mobilisieren? Und welcher Beitrag zu einem spezifischen oder ganz allgemeinem Gemeinwohl (3) wird herausgestellt? Wie ich zeigen werde, orientieren sich diese Beiträge sehr stark an kulturell konnotierten communties und werfen die Frage auf, inwiefern dabei die im Rizoma-Skript inskribierte Prämisse größtmöglicher Offenheit und Partizipation am operativen Gebrauch gewährleistet wird.

(1) Zunächst ist jedoch festzuhalten, dass beide Sender, ebenso wie die Freien Radios auf dem Campus, eine spezifische Soziabilität vermitteln oder aus anderer Perspektive als Ko-Konstitution von Gesellschaft und Technik rekonstruierbar sind. Im Unterschied zu den im vorherigen Kapitel betrachteten Radiokollektiven lässt ihre Situierung in einem afrobrasilianischen Kulturzentrum und in einer besetzten Fabrik jedoch deutlich heterogene Mobilisierungsstrategien und weiterführende Modifikationen des allgemeinen Skripts Freien Radiomachens vermuten.

Dies zeigt sich bereits bei der Suche nach der zentralen kollektiven Größe des Radiomachens, denn obwohl eine horizontale Entscheidungsfindung bejaht wird, gibt es Plenen nur in eingeschränktem Sinne. Auch wenn Rádio Amnésia »Treffen einberuft, um gemeinsam zu entscheiden, konsensuell und ohne Abstimmungen«, gibt es zwei konkurrierende Akteur_innen, die nur teilweise an dieses Gremium gebunden sind.172 Da ist zum einen das als Stiftung registrierte Kulturzentrum Coco de Umbigada, das auf formeller Ebene durch einzelne Ämter und Auflagen die basisdemokratische Organisation des Radios potentiell einschränken könnte. Und da ist Mãe Beth de Oxum, Mitbegründerin und seitdem Vorsitzende dieses Kulturzentrums, die in Olinda und darüber hinaus Anerkennung als Gottmutter (mãe de santo) und kulturelle leader der afrobrasilianischen community genießt. Für sie ist »das Radio Teil eines größeren religiösen und kulturellen Universums«, einem terreiro, in dem sich alles gegenseitig beeinflusse und in dem sie in ihrer Rolle als mãe santa zugleich die wichtigste Autorität ist.173 Auch sie moderiert wie das Radio Soziabilität und ist dabei zugleich ein Stück weit weltlichen demokratischen Kriterien erhaben. Mãe Beth kommt deshalb eine ambivalente Rolle bei der Legitimation von Rádio Amnésia zu, die es auf den folgenden Seiten noch genauer zu dokumentieren gilt.

Bei Rádio Luta gibt es auf den ersten Blick keine solchen exponierten Rollen, würden doch »alle Entscheidungen im Radio gemeinsam von den Arbeitern getroffen«.174 Diese Aussage unterschlägt jedoch, dass innerhalb der besetzten Fabrik die Entscheidungsfindung für jeweils ein Jahr an spezifische Repräsentant_innen delegiert wird. Kollektive_r Träger_in des Radiomachens ist nicht die Vollversammlung der Arbeitenden, sondern eine von dieser gewählte Kommunikationskommission (auch Mobilisierungskomitee). Dieser Umstand lässt sich durchaus als eine strukturelle Härtung des Sozialen verstehen, die schwer mit dem Skript horizontalen Medienmachens vereinbar scheint. Dieser Anspruch würde jedoch sehr wohl erfüllt, da »das Mobilisierungskomitee ja lediglich die von der Arbeiterdemokratie auf der Hauptversammlung beschlossenen Aufgaben des Radios erfüllt und zudem von der Fabrikkommission bei seiner Pflichterfüllung überwacht wird«.175

Ähnlich strittig wie die nachweisliche Realisierung horizontalen Radiomachens scheint in Rádio Luta die basisdemokratische Rollenteilung der Programmmachenden. Zwei der drei von mir in längeren Interviews befragten Arbeiter, gaben an, entweder aus Zeitgründen nicht mehr im Sender mitzuarbeiten oder bisher, trotz großem Interesse, noch nicht aktiv geworden zu sein.176 Von den gewählten Mitgliedern des Mobilisierungskomittees, die für diese Funktion von der Arbeit an den Maschinen befreit sind, organisiert derweil nur eine Person (Fernando) direkt den operativen Gebrauch. Auch wenn die anderen Komiteemitglieder sich mit Wortbeiträgen am Programm beteiligen, finden Live-Sendungen nur statt, wenn Fernando anwesend ist.

Zu beobachten ist eine zentrale Rolle bei der Organisation des operativen Gebrauchs auch bei Rádio  Amnésia. Sie drückt sich in der täglichen Präsenz und den umfangreichen technischen Fertigkeiten von Daniel, einem jugendlichen Musiker aus dem Coco-Ensemble von Mãe Beth, aus. Diese Präsenz diene vor allem dazu, zu »gewährleisten, dass das Radio als ein kollaboratives Werkzeug für die Menschen aus der Favela funktioniert. Außerdem versuchen wir zu vermeiden, dass sich Technik-Spezialiste_innen herausbilden und legen Wert darauf, dass die Mitwirkenden von allem ein bisschen was können«.177 Die Programmmachenden von Rádio Amnésia, das sind vor allem Jugendliche, die meistens Interesse anmelden, ihre Sendungen an einen bestimmten Musikstil zu orientieren.

»Die einzelnen Sendeplätze werden beim Zusammentreffen aller Beteiligten an einem Tisch im Garten des Kulturzentrums vergeben. Solche Treffen gibt es immer dann, wenn sie notwendig sind und wir den Sendeplan neu aushandeln. Es ist aber stets auch möglich, ohne eigenes Programm im Radio vorbeizuschauen und mitzumachen«.178

Die Grenzen dieser Offenheit zieht der Sender vor allem auf musikalischer Ebene. Populäre brega-Songs werden nicht gespielt, da dieser Stil Pädophilie und Gewalt gegen Frauen fördere. In Rádio Luta gibt es weder solcherlei no-gos noch feste Regeln, die die Partizipation und demokratische Sendeplatzvergabe anleiten, vielleicht auch deshalb, weil der Sender sich bisher nicht von der zentralen Rolle Fernandos emanzipiert hat. Ebenso wenig ist bisher eine gender policy etabliert worden.179 Eine solche wurde bisher auch nicht bei Rádio Amnésia formalisiert, dafür werden bei der Mitarbeit dort jedoch die »starken Frauen und Kriegerinnen, die auch leaders vieler terreiros sind« als kulturelle Norm herausgestellt.180 Dabei handle es sich »nicht immer um sichtbare Protagonistinnen, da oft die babás, männliche religiöse leaders, die öffentliche Wahrnehmung dominieren. Aber Frauen sind in der populären Kultur Pernambucos ein ganz starkes Element. Geschlecht (genero) ist ein wichtiges Thema für die Kultur unseres Landes und für unser Radio«.

Mãe Beth bestätigt die Gültigkeit dieser Aussage auf vielfältige Weise, so auch bei der Organisation des Ortes, von dem aus gesendet wird. Sie organisiert nicht nur die lokale religiöse Gemeinschaft ihres terreiros, sondern ist zugleich auch Vorsitzende des eingetragenen Vereins, der das Haus mietet, in dem das Studio untergebracht ist. Die Radiokabine ist in einer Nische am Ende des größten Raumes angeordnet, in dem Proben, Veranstaltungen und Workshops stattfinden. Auf diese Weise gibt es stets »die Möglichkeit, alle Events des afrobrasilianischen Kulturzentrums auch zu übertragen bzw. besteht umgekehrt für alle Anwesenden die Möglichkeit, das Radio kennenzulernen und sich zu beteiligen«.181 Eine ähnliche Idee liegt auch die Einrichtung von Rádio Luta in einem großen Versammlungsraum der besetzten Fabrik zugrunde. In beiden Fällen wird somit deutlich, dass die Anerkennungswürdigkeit, zumindest ihrem Anspruch nach, auf Partizipation und Offenheit rekurriert. Dennoch ist im Folgenden genauer herauszuarbeiten, inwiefern für die Stabilisierung des operativen Gebrauchs ohne Genehmigung dabei gewisse Konzessionen gemacht werden.

Zuerst möchte ich den Blick jedoch auf die Akteur_innen der Audioketten (vgl. EN4) lenken, da diese insbesondere dabei helfen, das Handlungsprogramm des Sendens und dessen spezifische Legitimation zu erschließen. Wie bereits bei den Freien Radios auf dem Campus haben die als Studiotechnik subsumierbaren Akteur_innen Anteil an der medialen Anerkennungswürdigkeit, insofern sie die Signalerzeugung ermöglichen. Zugleich werden die meisten Entitäten nicht über ihren Artefakt-Status hinaus mobilisiert, möglicherweise auch deshalb, weil immer nur ein Teil von ihnen aktiv beteiligt ist, sei es, weil sie defekt sind oder aber, weil es gerade niemanden gibt, der sie erfolgreich in die Audiokette integrieren kann.182 Dennoch gibt es einen wesentlichen Unterschied bei der allgemeinen Beschreibung der Technik. Für Rádio Luta bleiben Kabel, Computer und Mischpult Instrumente, schlichte Intermediäre für die Übertragung und öffentliche Organisation ihres Arbeitskampfes. Rádio Amnésia dagegen setzt sich – wie die im vorherigen Kapitel betrachteten Sender – mit dem Verhältnis von Gesellschaft und Technik eher im Sinne einer gegenseitigen Durchdringung und Befähigung auseinander, einer Ko-Konsitution, die die Grenzen beider Kategorien porös werden lässt und bei der das Senden als ein »komplexer Aneignungsprozess« verstanden wird, »bei dem sich alle Beteiligten [inklusive der »Technik«] um die afrikanische Matrix, um unsere Wurzel herum gruppieren«.183

Dieser Rekurs auf eine »Verstärkung und Fortführung der Anzestralität« durch neue Akteur_innen findet seine Fortsetzung bei der Einbindung Freier Software in die Signalerzeugung.184 »Sie ist wichtiger Bestandteil des Freien Radiomachens und die gemeinschaftliche Entwicklung und Pflege der Software ist 100% kompatibel mit unserer kollektiven Arbeitsweise«.185 Auch Rádio Luta sieht in der Freien Software eine_n wichtige_n, legitimationssteigernde_n Akteur_in, »die wir aber bisher nicht zu nutzen wissen, denn uns fehlen bisher die Kapazitäten. Das muss in der Praxis wachsen«.186

Die Anerkennungswürdigkeit sucht der Sender beim operativen Gebrauch deshalb unter Einbindung einer anderen Entität, nämlich dem Windows Media Player, der als Automatisierungs-Software genutzt und die Signalerzeugung in Abwesenheit menschlicher Programmmachender garantiert. Diese spezifische Härtung des Sozialen geht jedoch über die ununterbrochene Aufrechterhaltung des Signals hinaus. Gezielt werden auch aufgezeichnete oder vorproduzierte Wortbeiträge und weitere, für den Arbeitskampf relevante, Informationen wiederholt. »Das Radio läuft meistens auf Automatik, weil wir die Produktion in der Fabrik nicht vernachlässigen können und für mehr schlicht keine Zeit haben«.187

Diese spezifische Mobilisierung ließe sich analog zum Medienmachen von Rádio Amnésia als »Verstärkung und Fortführung des Arbeitskampfes« interpretieren, jedoch mit dem Unterschied, dass Rádio Luta seine Legitimation vor allem daran festmacht, konstant und weithin hörbar zu sein. Diese Strategie wird einmal mehr bei der Gewichtung von Übertragungen im Internet vermittels streaming deutlich. Was für Rádio Amnésia ein Experiment ist, preisen die Machenden von Rádio Luta als einen Weg, auch viele Hörer_innen außerhalb des Sendegebiets zu erreichen und die Bewegung der Fabrikbesetzungen damit auch international bekannter zu machen. »Die User-Statistiken belegen, dass wir auch in Europa oder Russland gehört werden. Wir wissen zwar nicht, ob man uns tatsächlich versteht, aber wir sind zumindest sichtbar«.188

Für die Hörbarkeit im Sendegebiet ist dagegen die Mobilisierung von Antennen und Sendegeräten entscheidend. Beide Sender haben ihr