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Metaphorische Konzepte im Diskurs der aktuellen Flüchtlingsdebatte Europas in Frankreich

Eine Analyse von innen- und außenpolitischen Diskursen des Front National am Beispiel von Marine Le Pen

Masterarbeit 2016 119 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundzüge einer kognitivien Metapherntheorie
2.1 Der klassische Metaphernbegriff
2.2 Das ‘neuere‘ Metaphernverständnis
2.3 Die Kognitive Metapherntheorie nach Lakoff/ Johnson
2.3.1. Klassifikation der konzeptuellen Metaphern
2.3.1.1 Strukturmetaphern
2.3.1.2 Ontologische Metaphern
2.3.1.3 Orientierungsmetaphern
2.4 Die kognitive Funktion der Metapher
2.4.1 Erklärungs- und Verständnisfunktion
2.4.2 Fokussierungseffekt
2.5 ‘Wahrheitsgehalt‘ von Metaphern

3. Sprache und Politik
3.1 Pragmatische Grundlage
3.2 Sprachliche Handlungsfelder in der Politik
3.3 Metaphorik in der Politik
3.4 Politisches Framing ± Manipulation des Gehirns

4. Qualitative Inhaltsanalyse metaphorischer Konzepte in der 30-31 Flüchtlingsdebatte des Front National
4.1 Vorstellung des politischen Untersuchungsgegenstandes: Front National
4.2 Kategorisierung metaphorischer Konzepte
4.2.1 Strukturmetaphern im Diskurs der Flüchtlingsdebatte des Front National
4.2.2 Ontologische Metaphern im Diskurs der Flüchtlingsdebatte des Front National
4.2.3 Orientierungsmetaphern im Diskurs der Flüchtlingsdebatte des Front National
4.3 Kohärenz metaphorischer Konzepte
4.4 Einschätzung politischer Manipulation des Front National mittels metaphorischer Konzepte

5. Fazit

6. Bibliographie

ANHANG
1 Rede Marine Le Pens
2 Pressemitteilung 1 (A)
3 Pressemitteilung 2 (B)
4 Pressemitteilung 3 (C)
5 Pressemitteilung 4 (D)
6 Übersicht 1: Strukturmetaphern
7 Übersicht 2: Ontologische Metaphern
8 Übersicht 3: Orientierungsmetaphern
9 Übersicht 4: Prozentuale Verteilung

1. Einleitung

ÄPlus que jamais, sur ce sujet comme sur d’autres, le Front National devient la boussole des Français“ (Marine Le Pen 2015) (199), S. X1

Reform des Asylrechts, Zuwanderungspolitik, Steuerung der legalen Einwanderung: letztendlich sind all diese Themen Gegenstand politischen Alltags und nehmen aufgrund öffentlichen Interesses einen hohen Stellenwert auf Seiten der Politiker sowie auf Seiten des Volkes ein. An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass Sprache und Politik nicht voneinander getrennt betrachtet werden sollten, denn politische Akteure müssen die Öffentlichkeit über Sachverhalte informieren, ihr politisches Vorgehen legitimieren, überzeugen sowie begründen. Der zu Beginn zitierte metaphorische Ausdruck (199), S. X Marine Le Pens zeigt auf, dass besonders das sprachliche Phänomen der Metapher in politischen Diskursen Anwendung findet, wie das Beispiel des Front National als zukünftiger ‘Kompass‘/ ‘Richtungsweiser‘ Frankreichs aufzeigt.

Bestandteil sprachwissenschaftlicher Theorien war zu Zeiten Aristoteles, dass das antike Metaphernverständnis dieses sprachliche Phänomen als reine Kunstform betrachtete. Das Zitat Marine Le Pens hingegen vermittelt bereits einen ersten Eindruck darüber, dass die Metapher eine weitaus größere kognitive Kraft besitzen kann, als dem Rezipienten eine bloße Ästhetik zu vermitteln: Es kann das Denken und Handeln von Individuen aufgrund bestimmter mentaler Denkprozesse beeinflussen und zu Handlungsbereichtschaft führen (vgl. Lakoff/ Wehling 2009).

Metaphern sind fester Bestandteil der alltäglichen Sprache, sie werden zumeist unbewusst unter Berücksichtung physischer Erfahrungen verwendet und strukturieren das menschliche Gehirn nach einem komplexen Konzeptsystem und können aus diesem Grund politisches Denken und Handeln strukturieren (vgl. Lakoff/ Wehling 2009: 13-14). Ihre kognitive Kraft geht demnach weit über eine reine Ästhetikvorstellung hinaus. Mittels Metaphern können komplizierte und abstrakte Sachverhalte anschaulicher und somit verständlicher dargelegt werden. Die vorliegende Arbeit soll aufzeigen, dass Metaphern kognitive Prozesse widerspiegeln, Instrument menschlichen Verstandes darstellen, Einblicke in politische Wertvorstellungen einer Partei geben und sogar als Manipulationsmedium entlarvt werden können. (Lakoff/ Wehling 2009)

Die Analyse metaphorischer Konzepte in innen- sowie außenpolitischen Diskursen des Front National in Bezug auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte Europas in Frankreich stellt besonders vor den bevorstehenden Regionalwahlen im Dezember 2015 einen Aktualitätsbezug dar, da in der Analyse zahlreiche Metaphern identifiziert werden können, die auf mögliche Manipulationsversuche Le Pens zurückzuführen sind und demnach Einfluss auf das Wahlverhalten der französischen Bevölkerung ausüben könnten.

Nach intensiver Recherche und Sichtung möglicher Untersuchungsgegenstände, kann festgestellt werden, dass in den Diskursen des Front National im Vergleich zu Diskursen des Parti Socialiste deutlich mehr metaphorische Ausdrücke eingesetzt werden. In den ausgewählten Diskursen des Front National sind es nahezu 45% des gesamten Textanteils. Auch die französische Professorin für Literatur, Cécile Alduy (2015), spricht diesbezüglich als Mitherausgeberin des Buches ÄMarine Le Pen prise aux mots. Décryptage d´un nouveau discours frontiste“ von einer double langage (Béraud, Anne- Laëtitia 2015), die unter anderem auch dazu dient durch euphemistische Formulierungen nicht als extrem rechtsradikale Partei eingestuft zu werden (vgl. Béraud, Anne- Laëtitia 2015).

Aus diesem Grund wurde persönliches Interesse geweckt, herauszufinden, welcher Metaphorik sich Marine Le Pen bezüglich der Flüchtlingskrise bedient, um die in ihrem aktuellen Parteiprogramm aufgeführten Forderungen zu popularisieren. Diese Forderungen befürworten unter anderem die Ausweisung illegaler Einwanderer, eine Begrenzung des Asylrechts sowie eine Bevorzugung der Franzosen auf dem Arbeitsmarkt und bei Sozialleistungen (vgl. Parteiprogramm des Front National 2015).

In der vorliegenden Arbeit wird die Sprache nicht als isoliertes Phänomen betrachtet, sondern soll den Zusammenhang zwischen den kognitiven Fähigkeiten des Menschen und dem sprachlichen Phänomen der Metapher aufzeigen. Die Theorie der Linguisten Lakoff/ Johnson (2007) besagt, dass der größte Teil des menschlichen Konzeptsystems metaphorisch strukturiert ist und deshalb erst ein Verständnis sowie eine Bedeutungszuschreibung von Sprache möglich sei (vgl. Lakoff/ Johnson 2007: 70). Diese Annahme bildet den theoretischen Rahmen der kognitiven Metapherntheorie und damit auch der vorliegenden Arbeit.

Diese gliedert sich in drei große Abschnitte, in einen theoretischen Teil, der seinen Fokus auf die kognitive Metapherntheorie nach Lakoff/ Johnson (2007) legt, in einen zweiten Teil, der die Beziehung zwischen Sprache und Politik problematisiert sowie einen Analyseteil, indem die theoretischen Erkenntnisse in einer qualitativen Inhaltsanalyse von ausgewählten innen- und außenpolitischen Diskursen Marine Le Pens beschrieben, analysiert sowie interpretiert werden.

Im ersten Teil der Arbeit wird auf ältere Formen des Metaphernverständnisses von Aristoteles (Kapitel 2.1, S.4) und Black (Kapitel 2.2, S.5-7) eingegangen, um die Entwicklung in der Sprachwissenschaft von einem rein ästhetischen Phänomen bis hin zu einem komplexen Konzeptsystem (vgl. Lakoff/ Johnson 2007: 70) nachzuvollziehen. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Klassifikation konzeptueller Metaphern, die in den Kapiteln 2.3.1.1 bis 2.3.1.3 (S.10-14) anhand verschiedener konzeptueller Strukturierungen in Orientierungsmetaphern, Ontologische Metaphern sowie Strukturmetaphern unterschieden werden. Die Darstellung der verschiedenen konzeptuellen Metaphern bildet die Grundlage für die Erklärung ihrer kognitiven Funktionen und wird im Kapitel 2.4 (S.15) ausführlich erörtert. Wie diese Funktionen die Vorstellung von Wahrheit einer bestimmten Aussage beeinflussen können, wird im Folgekapitel 2.5 (S.17-19) ersichtlich. Im Anschluss stehen Kohärenz von Sprache und Politik im Mittelpunkt - mit besonderem Augenmerk auf die Metaphorik und die damit verbundenen Manipulationsmöglichkeiten (Kapitel 3.2 und 3.3, S.23-26). Die Pressemitteilungen und die Rede Marine Le Pens werden im dritten Teil der Arbeit ausführlich analysiert. Hierfür wurde zunächst das Material auf einen selbst erstellten Korpus von insgesamt 345 metaphorischen Ausdrücken reduziert. Alle Metaphern beziehen sich auf Kategorien, die inhaltlich Bezüge zur Flüchtlingsdebatte Europas in Frankreich implizieren. Aufgrund dieser Eingrenzung wird dem Korpus der Anspruch auf Vollständigkeit abgesprochen. Der Fokus der Arbeit liegt auf der sprachwissenschaftlichen Analyse, deshalb wird eine Dreigliederung nach Lakoff/ Johnsons (2007) vorgenommen. In Kapitel 4.3 (S.77-79) wird eine Kohärenz der konzeptuellen Metaphern auf sprachwissenschaftlicher Ebene nachgewiesen, die auch für die Einschätzung einer möglichen Manipulation des Front National (Kapitel 4.4, S.80-82) mittels der Verwendung von zahlreichen Metaphernkonzepten von entscheidender Bedeutung sein wird. Die Analyseresultate sind besonders interessant für Wählerschaften in demokratischen Staaten, da hier vor allem die Persuasion politischer Akteure Grundvoraussetzung für einen möglichen Wahlsieg darstellt.

2. Grundzüge einer kognitiven Metapherntheorie

Um die Entwicklung des Metaphernverständnisses von einem einst rein sprachlichen Phänomens bis hin zu einem festen Bestandteil des Denkens nachvollziehen zu können, sollen im Folgenden auch klassische Definitionen von Aristoteles sowie Black in den Kapiteln 2.1 und 2.2 skizziert werden, die in ihren Grundzügen auch im modernen Metaphernverständis von Lakoff/ Johnson (2007) partielle Parallelen aufweisen.

2.1 Der klassische Metaphernbergriff

Das klassische Verständnis Aristoteles basiert auf dem sprachlichen Phänomen der Übertragung (griech. metaphorá), welches einen ästhetischen Zweck erfüllt (vgl. Opp de Hipt 1987: 49). Laut Aristoteles sei es ein Zeichen von Begabung, Metaphern zu nutzen und diese zu verstehen. Er spricht hierbei von kreativen Akten, die bewusst vollzogen werden. In der antiken Metapherntheorie wird die Metapher ausschließlich als Tropus behandelt, der als Schmuck der Rede dient. Dabei werden nur die poetischen und emotiven Aspekte betrachtet. Kognitiven Aspekten wird bei dieser Auffassung keine Beachtung geschenkt.

Laut Aristoteles ist von einer Metapher die Rede, wenn das Wort im übertragenden und nicht im wörtlichen Sinne gemäß der Analogie verwendet wird. Die Substitutionstheorie basiert auf einer direkten Zuordnung von Dingen und Worten, wobei die Übertragung zu einer gleichen Bedeutung führt, die lediglich eine andere Sprachgestalt annimmt (vgl. Schöffel 1987: 18). Der Substitutionstheoretiker Aristoteles ist Verfechter der klaren und reinen Sprache. Für ihn darf die Ungewöhnlichkeit eines sprachlichen Ausdrucks mittels einer Metapher nicht die Klarheit der Rede sowie die Äeigentliche“ Bedeutung st|ren. Die Funktion der Metapher bleibt bei Aristoteles unbeachtet. Hier setzt die Kritik am aristotelischen Metaphernbegriff an, denn die Existenz einer einzigen eigentlichen Bedeutung eines Wortes bzw. eines sprachlichen Ausdrucks gibt es nicht. Zusätzlich werden die kognitiven Zusammenhänge zwischen Denken und Sprache nicht in die Theorie mit einbezogen, da Aristoteles von einer bewussten Verwendung der Metapher ausgeht (vgl. Schöffel 1987: 15-17).

2.2 Das ‘neuere‘ Metaphernverständnis

Kritik an der klassischen Vergleichs- bzw. Substitutionstheorie, übt insbesondere der Interaktionstheoretiker Max Black aus, der davon ausgeht, dass bei einer metaphorischen Äußerung zwei Vorstellungen aktiv werden und miteinander interagieren (vgl. Schöffel 1987: 137). Black beschreibt in seinem Metaphernverständnis zwei Terminologien, deren Kopräsenz erst die Bedeutung des metaphorischen Ausdrucks erschließen lässt. Er bezeichnet die metaphorische Äußerung als Fokus und den Satz, der diesen enthält, als Rahmen bzw. Frame (Rolf 2005: 35). Dabei geht nicht eindeutig hervor, ob tatsächlich der gesamte Satz oder auch ein Satzteil gemeint sein kann. Die Interaktionstheorie kann mittels verschiedener Parameter das Zusammenspiel zweier Vorstellungen näher erläutern. Max Black erörtert die Plausibilität seiner Theorie anhand der Vereinfachung der ‘homo hominis lupus‘- These.2

Die Erläuterung der beteiligten Größen einer Metapher kann nun auf das Beispiel Immigration ist Welle, welches im Analyseteil dieser Arbeit noch einmal aufgegriffen wird, angewendet und illustriert werden. Das Lexem Welle wird hierbei als ein Ausdruck (E) bezeichnet, der metaphorisch gebraucht wird. Max Black bezeichnet den Rest des Satzes als Frame (F) oder auch verbalen Rahmen, in dem das Wort Welle den Fokus darstellt. Der Ausdruck (E) wird auf einen bestimmten Redegegenstand (x) angewendet. Zusätzlich ist es notwendig, die metaphorische Bedeutung m´(E) von der wörtlichen m(E) zu unterscheiden. Ersteres ist die Bedeutung von (E=Welle) im Hinblick auf den Redegegenstand (x=Immigration). Letzteres behandelt die Bedeutung, die E, also die Welle, für gewöhnlich hat. Da die wörtliche Bedeutung (m) der metaphorischen Bedeutung (m´) zugrunde liegt, ist m´ eine Ableitung von m. Weitere Größen, die in der Interaktionstheorie Verwendung finden, sind der Hauptgegenstand (P), der über die tatsächliche Aussage des Ausdrucks Auskunft gibt, das sogenannte Hilfsobjekt (S), das darüber Auskunft gibt, wovon die metaphorische Äußerung wörtlich handeln würde sowie das Implikationssystem (I), welches mit dem Hilfsgegenstand verbunden ist. Im Folgenden soll erneut das Beispiel Immigration ist Welle betrachtet werden. Dabei bezeichnet (P) Immigration und (S) Welle.

Für das Verständnis ist es nach Black notwendig, das semantische Wissen über die Lexeme zu beanspruchen. Denn nur so sei es möglich, beide Vorstellungen miteinander interagieren zu lassen (Black nach Haverkamp 1996: 55-79). Black spricht von einem ÄSystem miteinander assoziierter Gemeinplltze“ (Schöffel 1987: 140), die die semantischen Gemeinsamkeiten beider Vorstellungen offenbaren. Beim Hauptgegenstand (P) (im genannten Beispiel also Immigration) handelt es sich um das Denotat der Variablen (x), das heißt, dass x mehrdeutige Ausdrücke beinhaltet, die nur im Kontext erschlossen werden können. (X) sind die bezeichnenden Gegenstände, über die gesprochen wird, wenn eine Aussage über (P) Immigration getroffen wird. Auch der Hilfsgegenstand (S) verfügt über bestimmte bezeichnende Dinge, die es mit (P) gemein hat. Die Aspekte der Gemeinplätze von Immigration und Welle können unter Berücksichtigung semantischer Merkmale ermittelt werden (vgl. Opp de Hipt 1987: 57- 58). Die Tatsache Immigration metaphorisch als Welle zu bezeichnen, beruht darauf, das System ‘Welle‘/ ‘Wasser‘ im Folgenden nach verwandten Gemeinplätzen zu untersuchen. So könnte Immigration als eine räumlich ausbreitende Veränderung, gar Störung verstanden werden. Des Weiteren evoziert die metaphorische Äußerung (E), dass Immigration eine schnelle Bewegung ist, bei der etwas transportiert wird oder dass Immigration dafür verantwortlich ist etwas zu überfluten und zu zerstören. Laut Black müssen die Eigenschaften von (S) Welle an (P) Immigration angepasst werden. Dies führt zu einer wechselseitigen Selektion bzw. Betonung von Eigenschaften beider Vorstellungen. Zur besseren Veranschaulichung soll an dieser Stelle auf eine grafische Darstellung von Bühler zurückgegriffen werden (vgl. Opp de Hipt 1987: 57).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Grafik zeigt, dass das Interagieren zweier Vorstellungen selbst eine Metaphorik ist. Das Suchen nach Gemeinplätzen wird auch als ÄMetaphorik des Filterns“ beschrieben. Bestimmte Merkmale von der Vorstellung A (Immigration) und der Vorstellung B (Welle) werden übereinander gelegt und führen so zu einer Erweiterung, Einschränkung oder

Beeinflussung bestimmter Aspekte. Dies wird in Kapitel 2.4 zur Funktion von Metaphern näher erläutert (vgl. Opp de Hipt 1987: 57).

Abschließend lässt sich der wichtige Unterschied zum klassischen Metaphernverständnis so zusammenfassen, dass es sich bei Black nicht um ein rein sprachliches Phänomen handelt, sondern dass bereits kognitive Aspekte betrachtet werden, die zum Verständnis notwendig sind. Außerdem steht die Interaktion beider Vorstellungen im Mittelpunkt und nicht die bloße Substitution A ist gleich B.

2.3 Die kognitive Metapherntheorie nach Lakoff/ Johnson

ÄDenken ist metaphorisch und verflhrt vergleichend; daraus leiten sich die Metaphern der Sprache her.“ (Lakoff/ Johnson 2007: 11). Dieses Zitat spiegelt bereits den Kern der kognitiven Metapherntheorie nach Lakoff/ Johnson (2007) wieder. Die beiden US- amerikanischen Linguisten gehen davon aus, dass der Großteil des menschlichen Konzeptsystems metaphorisch strukturiert ist. Mit dieser Aussage tritt eine Wende in der Metaphernforschung ein, da Lakoff/ Johnson (2007) in der Metapher ein konzeptuelles Instrument sehen, welches von allen Menschen im alltäglichen Sprachgebrauch unbewusst genutzt wird. Bei ihnen findet die Konzeptualisierung im kognitiven Bereich statt. Aus diesem Grund ist es von entscheidender Bedeutung, welche Erfahrung jedes Individuum bereits erlebt hat und wie es diese Erfahrung konzeptualisiert. Dabei muss es sich jedch nicht ausschließlich um persönlich erlebte Erfahrungen handeln. Es genügen auch sprachlich kommunizierte Erfahrungen, die zum Beispiel durch öffentliche Medien, Bücher, Bilder etc. verbreitet werden (vgl. Rolf 2005: 235-240).

Laut Lakoff/ Johnson (2007) ist jeder Mensch demnach metaphorisch konzeptuell strukturiert und seine alltäglichen Erfahrungen, sein Denken, sogar sein Handeln werden durch dieses System bestimmt. Im Gegensatz zu vorhergehenden Theorien erfolgt die metaphorische Übertragung nicht auf der sprachlichen, sondern auf der konzeptuellen Ebene zwischen zwei verschiedenen Konzeptbereichen. Lakoff/ Johnson gehen davon aus, dass vor allem abstrakte Gegenstandsbereiche, die die Zieldomäne darstellen, durch den metaphorischen Rückgriff (Rolf 2005: 236) auf eine konkrete, einfacher strukturierte Ursprungsdomäne konzeptualisiert werden (Rolf 2005: 236). Dieses Phänomen wird in Kapitel 3.2 ÄMetaphorik in der Politik“ näher beleuchtet, da es im Bereich der Politik besonders wichtig erscheint, schwerverständliche, abstrakte Begrifflichkeiten, wie z.B. Probleme und deren Auswirkungen im Rahmen der Flüchtlingskrise auf das Land, für die jeweilige Zielgruppe greifbarer und verständlicher zu formulieren. ÄDas Wesen der Metapher besteht darin, dass wir durch sie eine Sache oder einen Vorgang in Begriffen einer anderen Sache bzw. eines anderen Vorgangs verstehen und erfahren k|nnen.“ (Lakoff/ Johnson 2007: 13).

Gemäß Lakoff/ Johnson (2007) gibt es in der Sprache eine systematische Verbindung von metaphorischen Konzepten und metaphorischen Ausdrücken, die es zu unterscheiden gilt. Ein oft zitiertes Beispiel ist das metaphorische Konzept ZEIT IST GELD.3 Dieses Konzept lässt sich mit zahlreichen metaphorischen Ausdrücken, wie z.B: Ich habe keine Zeit zu verschenken. Ihnen wird die Zeit knapp. Seine Tage sind gezählt etc. belegen. Dieses Konzept spiegelt sich in unseren Alltagshandlungen wieder und findet in unserer Kultur vielfältige Anwendung. So werden beispielweise Telefongebühren pro Minute, Hotelübernachtungen pro Tag etc. abgerechnet. Aus diesen Aussagen lässt sich ableiten, dass in unserer Kultur Zeit als begrenzte Ressource oder wertvolles Gut gilt. Diese Aussage hat keineswegs Allgemeingültigkeit, denn wie Menschen ihre Konzepte strukturieren, ist von der Kultur abhängig, in der sie leben. Wenn es also eine systematische Verbindung von sprachlichen Ausdrücken und menschlichen Konzeptsystemen gibt, wird eine Untersuchung der metaphorischen Natur unseres Denkens und Handelns ermöglicht. Da konzeptuelle Metapher wie ‘Zeit ist eine knappe Ressource‘ oder ‘Zeit ist ein wertvolles Gut‘ im menschlichen Konzeptsystem verankert sind, strukturieren diese auch Alltagsaktivitäten jedes Individuums (vgl. Lakoff/ Johnson 2007: 15-17).

2.3.1 Klassifikation der konzeptuellen Metaphern

Lakoff/ Johnson (2007) unterscheiden in ihrer kognitiven Metapherntheorie zwischen drei großen Kategorien alltäglicher Metaphorik. Sie sprechen von Metaphern räumlicher Orientierung, Ontologischen Metaphern und strukturellen Metaphern. Obwohl es während der Korpusanlyse im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht immer eindeutig war, die Metaphern den drei Kategorien zuzuordnen, da die Definitionen der Haupttypen nicht immer eindeutig voneinander zu trennen sind, erwies sich die von Lakoff/ Johnson (2007) vorgeschlagene Klassifizierung als gewinnbringend. Im Folgenden sollen diese detailliert vorgestellt werden.

2.3.1.1 Strukturmetaphern

Unter die von Lakoff/ Johnson (2007) vorgenommene Kategorisierung Strukturmetaphern fallen diejenigen, die einen komplexen Erfahrungsbereich durch einen vertrauten Bereich konzeptualisieren. Dies tritt meist bei abstrakten Sachverhalten auf, die dann durch einen konkreten metaphorischen Bereich strukturiert werden. Ein Beispiel für diese Art der Metapher wurde bereits zur Erläuterung der kognitiven Theorie von Lakoff/ Johnson (2007: 15-17) am metaphorischen Konzept ZEIT IST GELD vorgestellt.

Diese Kategorisierung kann ebenfalls auf die konzeptuelle Metapher IMMIGRATION IST NATURKATASTROPHE übertragen werden. Auch bei diesem Beispiel wird die Struktur eines Konzeptes (Naturkatastrophe) auf das andere Konzept (Immigration) übertragen. Es kann also davon ausgegangen werden, dass in europäischen Kulturkreisen Immigration als eine Art Bedrohung aufgefasst wird, die unwillkürlich und unvorhersehbar eintrifft. Dieses metaphorische Konzept bildet ein eigenes System, dass auf Subkategorien basiert, die auch als Ableitungen des metaphorischen Konzepts verstanden werden können. Metaphorische Ausdrücke aus der Rede von Marine Le Pen, die sich auf die konzeptuelle Metapher IMMIGRATION IST NATURKATASTROPHE beziehen, sind beispielweise: (4), S.I des tempêtes de la ville, (173), S. IX cette submersion migratoire, (234), S. XII le flux ininterrompu de l´immigration clandestine etc. Ein Schema, welches die Systematik des Konzepts der Immigration illustriert, könnte wie folgt aussehen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Art, wie Menschen handeln, als ob Immigration eine Bedrohung darstellt vor der man sich schützen muss, begründet sich in der Art, wie diese mit dem Thema der Immigration kognitiv umgehen. Dieses Schema belegt die Kohärenz zwischen Kognition und Sprache.

2.3.1.2 Ontologische Metaphern

Ebenso wie die Strukturmetaphern, nutzen auch die Ontologischen Metaphern die menschlichen Alltagserfahrungen. Da durch die Orientierung im Raum jedoch ein nur begrenztes Spektrum erfasst werden kann, wird die Erfahrung mit Objekten bzw. Materie ebenfalls als Basis für das Verstehen von metaphorischen Konzepten genutzt. Meist handelt es sich um abstrakte Sachverhalte wie Emotionen, Ideen oder Sichtweisen von Ereignissen, die durch die ÄUmwandlung” in Objekte, Materie bzw. Substanzen greifbarer und somit verständlicher gemacht werden (vgl. Lakoff/ Johnson 2007: 35-38). Spricht ein Politiker beispielweise von Begrenzung des Asylrechts: (142). S.VII réformer le droit d’asile pour le restreindre, ist es für den Zuhörer leichter, das Abstraktum zu begreifen. Dieser metaphorische Ausdruck ermöglicht es, das Asylrecht als eine Entität, die eine klare Grenze aufweist, zu identifizieren und infolgedessen zu beschreiben, zu kategorisieren und vor allem über diese zu reflektieren. Da abstrakte Dinge, wie das Asylrecht keine klaren Grenzen haben, werden sie so kategorisiert, als besäßen sie diese Charakteristika. ÄDie von Menschen gesetzten Ziele verlangen von uns, dass wir künstliche Grenzen setzen, die physische Phänomene zu Einzelgebilden machen, wie wir das auch sind: Entitlten, die durch eine Oberfllche begrenzt sind.” (Lakoff/ Johnson: 35). Das Zitat zeigt die Notwendigkeit, physische Phänomene in Entitäten zu sehen, um bestimmte Ziele erreichen zu können, wie beispielsweise einen Sachverhalt zu quantifizieren, Ursachen oder Aspekte zu identifizieren und auf diese Bezug zu nehmen etc. Da der eigene Körper selbst als eine Entität mit einer begrenzten Oberfläche gesehen wird, ist vor allem die Erfahrung mit dem Körper eine entscheidende Grundlage für die Diversiät ontologischer Metaphern. Auf die verschiedenen Arten ontologischer Metaphern wird im Analyseteil genauer eingegangen.

An dieser Stelle soll abschließend auf eine Sonderform der ontologischen Metapher aufmerksam gemacht werden: die Personifikation. Der ontologische Charakter ist bei dieser Art der Metapher besonders deutlich erkennbar. Jedoch wird sie durch ihre Omnipräsenz im Alltag kaum noch als metaphorisch wahrgenommen. Das folgende Beispiel, aus der Rede von Marine Le Pen, soll an dieser Stelle der Veranschaulichung dienen: (224), S.XII alors que l’insécurité se métastasait dans tout le pays. Hier wird Frankreich nicht nur als eine Person kategorisiert, sondern spezifizierter als ERKRANKTER dargestellt, der von Tumoren der Unsicherheit befallen ist. Das physische Objekt (Frankreich) wird also in Gestalt einer Person spezifiziert. Dies ermöglicht, die Erfahrung (in diesem Fall mit Krebserkrankungen) als nichtpersonifizierte Entität zu begreifen, indem diesen Erfahrungen menschliche Eigenschaften (einen Tumor/ Geschwür haben) oder Tätigkeiten (leiden) zugeordnet werden. Die Unsicherheit als tödliches Geschwür zu verstehen, rechtfertigt zum Beispiel politisches Handeln von Seiten der Regierung bzw. wird es dem Volk so dargestellt, als müsse sich vor dieser ernsthaften Krankheit geschützt werden.4 Alle Personifikationen können als Verlängerung ontologischer Metaphern verstanden werden. Wie auch bei den beiden anderen Kategorien, werden bei der Verwendung von Metaphern ein oder mehrere spezifische Merkmale hervorgehoben und betont und andere Eigenschaften werden dadurch völlig ausgeblendet. Inwieweit dieser Aspekt entscheidend für die Thematik, Sprache und Politik ist, wird im dritten Kapitel näher erläutert (vgl. Lakoff/ Johnson 2007: 44-45).

2.3.1.3 Orientierungsmetaphern

Ableitend von der Namensgebung dieser Kategorie, lässt sich bereits feststellen, dass es sich um eine räumliche Ausrichtung eines Begriffes bzw. eines sprachlichen Ausdrucks handelt. Besonders hierbei ist, dass nicht ein Konzept von einem anderen strukturiert wird, sondern, dass durch eine wechselseitige Bezogenheit von Mensch und Raum ein ganzes System von Konzepten organisiert wird. Meist geht es um Raumbeziehungen wie, ‘oben‘/ ‘unten‘, ‘innen‘/ ‘außen‘, ‘weg‘/ ‘dran‘ etc. (vgl. Lakoff/ Johnson 2007: 22).

Diese Raumorientierungen resultieren aus der Tatsache, dass sich der Mensch an seinen alltäglichen körperlichen Erfahrungen im Raum orientiert und diese dann durch den metaphorischen Prozess auf abstrakte Sachverhalte überträgt. Orientierungsmetaphern ermöglichen die Vorstellung von Konzepten räumlicher Beziehungen. Lakoff/ Johnson (2007: 23-25) führen zahlreiche Beispiele auf, von denen an dieser Stelle nur eine kleine Auswahl aufgezeigt werden soll:

GLÜCKLICHSEIN ist OBEN TRAURIGSEIN ist UNTEN

„Ich fühle mich obenauf.“ „Ich fühle mich niedergedrückt.“

„Meine Stimmung stieg.“ „Ich verfiel in eine tiefe Depression.“

Solche metaphorischen Orientierungen haben ihre Grundlage in kulturellen und physischen Erfahrungen des Menschen. Aus diesem Grund können metaphorische Konzepte in anderen Kulturen ganz unterschiedlich aussehen. Ein Beispiel ist das Konzept der Zukunft. Es gibt Kulturen auf dieser Welt, in denen die Zukunft nicht vor sondern hinter den Menschen liegt.5 Lakoff/ Johnson (2007) verweisen an dieser Stelle auf William Nagy (1974), der ebenfalls eine ausführliche Analyse der Orientierungsmetaphern liefert. Metaphorischen Konzepte, wie hoher Status ist oben, niedriger Status unten oder glücklich sein ist oben, traurig sein ist unten könnten sich aus physischen, gesellschaftlichen und kulturellen Erfahrungen entwickelt haben, jedoch geben sie keinen Anspruch auf Endgültigkeit. Um den Ursprung dieser Konzepte nachzuvollziehen, wird für die Interpretation auf physische und/ oder kulturelle Grundlagen zurückgegriffen. Da eine gebeugte Körperhaltung üblicherweise mit Traurigkeit und eine aufrechte Körperhaltung mit einem positiven Gemütszustand einhergehen, lässt sich die ‘oben‘/ ‘unten‘ Metaphorik mittels physiologischer Erfahrungen verstehen. Ein treffendes Beispiel aus der Politik ist KONTROLLE oder MACHT AUSÜBEN IST OBEN; KONTROLLE oder MACHT AUSGESETZT SEIN IST UNTEN (vgl. Lakoff/ Johnson 2007: 25-26). Folgende metaphorische Ausdrücke, bezugnehmend auf die in der Arbeit analysierte Rede und Pressemitteilungen von Marine Le Pen, belegen dieses Konzept sehr deutlich: (34), S.II un pouvoir qui se plie aux exigencies, (52), S.III ce pouvoir est en train de précipiter la France dans un chaos, (250), S.XIII Ce pouvoir ne tient debout que parce que le peuple ne dit rien. Die physische Grundlage zur Erklärung könnte zum Einen die gebückte Körperhaltung sein, die nach unten verweist und die Traurigkeit bzw. einen negativen Gefühlszustand ausdrückt. Zum Anderen könnte auch auf die Körpergröße eines Menschen Bezug genommen werden, da diese gewöhnlicherweise seiner körperlichen Stärke entspricht. Zudem ist der Sieger in einem Kampf typischerweise oben. Die hier angesprochene Macht bezieht sich auf den Parti Socialiste in Frankreich, die sich Forderungen beugt, sich ins Chaos stürtzen lässt und eine gebückte Haltung einnimmt. Abschließend lässt sich hinzufügen, dass zwischen den verschiedenen Raummetaphern eine äußere Gesamtsystematik besteht, die deren Kohärenz definiert. Das Beispiel GUT IST OBEN deutet auf eine Orientierung nach oben zu einem allgemeinen Wohlergehen hin. Diese Annahme ist kohärent mit bestimmten Fällen wie, LEBEN IST OBEN, GLÜCKLICHSEIN IST OBEN, MACHT / KONTROLLE IST OBEN. Die Kohärenz innerhalb der Gesamtsystematik könnte ein möglicher Grund für die Wahl einer bestimmten Metapher sein, die wiederum kulturabhängig ist (vgl. Lakoff/ Johnson 2007: 27-30).

2.4 Die kognitiven Funktionen der Metapher

Im Anschluss an die Klassifzierung der konzeptuellen Metaphern sollen im folgenden Abschnitt deren funktionale Hauptaspekte untersucht werden. Dabei werden die Erklärungs- und Verständnisfunktion sowie der Fokussierungseffekt im Mittelpunkt stehen, da diese für die Analyse von besonders entscheidender Bedeutung sein werden.

2.4.1 Erklärungs- und Verständnisfunktion

Die bereits in der Arbeit aufgeführten Beispiele zeigen, dass eine der wichtigsten kognitiven Funktionen darin besteht, abstrakte Sachverhalte zu konkretisieren und verständlicher zu gestalten (vgl. Jäkel 1997: 31-32), wie zum Beispiel in den Bereichen der Wissenschaft, Politik, Philosophie, Emotionen etc. (vgl. Feng 2003: 51). Wird das Beispiel des zu begrenzenden Asylrechts betrachtet, wird deutlich, dass zum Verständnis des komplexen Zielbereichs (Asylrecht) ein metaphorischer Rückgriff auf einen einfacheren, weniger komplexen Ursprungsbereich (Gebiet) erfolgt. So wird in diesem Beispiel der kognitive Zugang und somit das Verständnis dadurch erleichtert, dass das Asylrecht als ein Gebiet gilt, welches mit Mauern begrenzt werden müsse. Die Metaphorisierung ermöglicht es Ädie Grenzen des sprachlich Fixierten zu überschreiten und f|rdert die Erkenntnis, die Erarbeitung von Wissen und dessen Mitteilung” (Feng 2003: 50). Durch die Anwendung von Metaphern resultiert eine Bedeutungserweiterung eines Wortes bzw. eines Ausdrucks, die dazu führt, dass das mentale Begriffssystem weiter strukturiert wird. Auch bei Kurz wird deutlich, dass Metaphern die Macht aufzeigen eine neue Wirklichkeit zu kreieren und somit das menschliche Begriffssystem verändern können (vgl. Kurz, nach Feng 2003: 50). Auf diese Weise richtet sich die Metapher auf das Denken, indem sie die Sprache erweitert. Dies ermöglicht es einem eher unvertrauten, weniger strukturierten Erfahrungsbereich mehr Gestalt und Klarheit zu geben.

2.4.2 Fokussierungseffekt

Eine weitere wichtige kognitive Funktion der Metapher ist die Eigenschaft, die Jäkel (1997: 37) als Fokussierungseffekt bezeichnet, der auch von Henle erkannt und wie folgt zusammengefasst wurde:

Man kann eine Metapher immer dann verwenden, wenn etwas Neues erfunden wird, das benannt werden muss, oder immer dann, wenn es wünschenswert erscheint, die Aufmerksamkeit auf einen noch nicht bezeichneten Aspekt eines schon Bekannten zu lenken. (Vgl. Henle nach Feng 2003:51)

Diese Aussage weist darauf hin, dass bei der Metaphorisierung entweder ein Aspekt ausgeblendet oder hervorgehoben wird. Um diese Annahme genauer zu erläutern, soll nun erneut auf das Konzept der Immigration eingegangen werden: (149), S.VII La crise d´immigration a fini de tétaniser la classe politique contrainte. Lakoff/ Wehling (2009: 28) sprechen hierbei von conceptual mapping6, bei dem Elemente der Quelldomäne auf eine Zieldomäne übertragen werden (Lakoff/ Wehling 2009: 2). Bei diesem Prozess werden nur einige Merkmale übertragen, andere werden ausgeblendet. Das Konzept IMMIGRATION IST KRANKHEIT ist nicht die einzig mögliche metaphorische Repräsentation, die das Konzept der Immigration darstellt. So gibt es beispielweise sprachliche Ausdrücke, die den Fokus auf den Inhalt richten und sich demnach der ontologischen Metapher bedienen: (100). S.V que l´immigration est un problème fondamental. Dieser metaphorische Ausdruck lässt sich mit dem Konzept IMMIGRATION IST TEIL EINES GEBÄUDES beschreiben. Hierbei befindet sich das Problem der Immigration in einem Gebäude und wird als Fundament bezeichnet, welches die essentielle Grundlage eines Gebäudes darstellt. Die beiden Beispiele verdeutlichen, dass ein Konzept aus verschiedenen Perspektiven erfasst und metaphorisch realisiert werden kann. Dabei werden jeweils entsprechende Aspekte eines Konzepts hervorgehoben, wobei durch den Prozess der Fokussierung andere verborgen bleiben. So geht aus diesem Konzept beispielsweise nicht hervor, aus welchem Grund Flüchtlinge immigrieren, sondern lediglich, dass sie eine Bedrohung darstellen. Die Metapher entscheidet demnach auf welche Aspekte die Konzentration fällt und welche vom Gehirn ignoriert werden. Der selektive und restriktive Charakter der Metapher führt dazu, dass die positiven Aspekte aus den Augen verloren werden und somit die Wahrnehmung des Individuums beeinflusst wird (vgl. Lakoff/ Wehling 2009: 27-30). Wie dieser Effekt in der Politik bewusst eingesetzt wird, wird im Analyseteil dieser Arbeit deutlich hervorgehoben.

2.5 ‘Wahrheitsgehalt‘ von Metaphern

Können Metaphern wahr sein? Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden. Der Wahrheitsbegriff stellt in der Philosophie einen besonders häufig diskutierten Aspekt dar. Der klassische Wahrheitsbegriff der abendländischen Philosophie lautet Adequatio intellectus et rei (Kobusch 2006: 149). Demnach bedeutet Wahrheit, dass uns in unserem Bewusstsein ein objektiver Tatbestand gegenwärtig ist und, dass jede Täuschung ausgeschlossen ist.

Diesem objektivistischen Ansatz widersetzen sich Lakoff/ Johnson (2007: 212-223), die ihre subjektive Sichtweise7 damit begründen, dass Wahrheit für Menschen auf Verstehen beruht, welches wiederum metaphorisch strukturiert ist. Dies zeige die Abhängigkeit der Wahrheit vom Verstehen, das durch das Konzeptsystem jedes Individuums unterschiedlich strukturiert sein kann (vgl. Lakoff/ Johnson 2007: 70-74). Wie der bereits dargestellte Fokussierungseffekt, der einige Merkmale der Metapher beleuchtet und gleichzeitig andere ausblendet, kann ebenfalls auf die Vorstellung von Realität übertragen werden. Jeder metaphorische Ausdruck zielt darauf ab, lediglich bestimmte Aspekte persönlicher Erfahrungen zu beleuchten, die der Mensch als wahr annehmen k|nnte, da die Realitlt nur partiell fokussiert wird. ÄSolche ‚Wahrheiten‘ können natürlich nur wahr sein im Hinblick auf die Realität, die durch die Metapher definiert wird.“ (vgl. Lakoff/ Johnson 2007: 181). Der Begriff Wahrheit im Sinne von Lakoff/ Johnson (2007) kann von einem Individuum nur als solcher aufgefasst werden, wenn dieses die Metapher akzeptiert hat und sie auf die Realität überträgt. Zur Verdeutlichung dieses komplexen Sachverhaltes soll im Folgenden auf ein Beispiel von Marine Le Pen zurückgegriffen werden, bei der die Flüchtlingskrise eine Krankheit ist: (86). S.IV notre système de santé, qui subit les ravages de l’austérité imposée par Bruxelles, (149). S.VII La crise d´immigration a fini de tétaniser la classe politique contrainte. Um beurteilen zu können, ob diese Aussage wahr oder falsch ist, müssen zentrale Teile der Metapher vom Rezipienten akzeptiert werden. Sieht beispielsweise eine Person keine Bedrohung in der Flüchtlingskrise, ist es objektiv nicht möglich, zu entscheiden, ob die Aussage der Metapher wahr oder falsch ist. Wird die Flüchtlingskrise jedoch als eine Krankheit, die durch die Metapher definiert wurde, angesehen, kann die Frage beantwortet werden, ob die genannten metaphorischen Ausdrücke der Realität

Eine konstrastive Darstellung von objektivistischen und subjektivistischen Mythen in Bezug auf den Wahrheitsbegriff geben Lakoff/ Johson (2007: 212-223) im Kapitel 25: ÄDie Mythen Objektivismus und Subjektivismus“. entsprechen (vgl. Lakoff/ Johnson 2007: 179-181). Empfinden die Bürger Frankreichs, dass die Politik tatsächlich nicht mehr agiere und zu einem Stillstand gekommen sei oder dass die Konditionen des Gesundheitssystems sich tatsächlich verschlechtert haben, könnten diese Personen die Aussagen als wahr betrachten. Lakoff/ Johnson (2007: 182) vertreten die Ansicht, dass es meist nicht entscheidend ist, ob eine Aussage durch eine Metapher als wahr oder falsch betrachtet wird, sondern welche Wahrnehmung mit der Metapher verbunden ist und welche Schlussfolgerungen sich aus dieser Wahrnehmung ableiten lassen bzw. welche Handlungen darauf folgen werden.

Das alltägliche Leben besteht laut Lakoff/ Johnson (2007: 184) aus einem enormen System von Wahrheiten, die oft nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Sie nennen beispielsweise banale Dinge, wie das räumliche Verständnis eines Hauses, das Verständnis von nicht- beziehungsweise essbaren Dingen etc. Um sich solche Wahrheiten anzueignen und sie für sich nützlich zu gebrauchen, entwickelt der Mensch ein Verständnis von der Welt, das auf seine individuellen Bedürfnisse ausgerichtet ist. Lakoff/ Johnson (2007: 185-186) gehen davon aus, dass zur alltäglichen Lebensbewältigung im Gehirn Kategorien von Objekten, Substanzen, Orientierung etc. aus physischen Erfahrungen gebildet werden. Nicht selten kann es vorkommen, dass diese Kategorien nicht auf bestimmte Bereiche passen. In einem solchen Fall versucht der Mensch diese auf Aspekte der physischen Welt zu projizieren, mit denen er mehr Erfahrung hat. Zur Illustrierung soll ein Beispiel aus der Rede von Le Pen dienen: (100), S.V que l’immigration est un problème fondamental. In diesem Fall könnte der Zuhörer das Lexem ‘Problem‘ als Entität begreifen, also Grenzen auf das abstrakte Phänomen projizieren. Der mentale Vorgang, Entitäts- und/ oder Orientierungsstrukturen auf die Aussage zu projizieren, verdeutlicht, dass Wahrheit vom Verstehen abhängig ist. Im genannten Beispiel wird die Flüchtlingskrise als Problem nicht nur als Objekt/ Gebäude, sondern spezifizierter als dessen Fundament dargestellt. Der Mensch projiziert nun seine Erfahrungen von Fundament als Basis eines Gebäudes auf die Problematik der Flüchtlingskrise und könnte nun die Immigration als fundamentales / wesentliches Problem sehen und demnach die eingesetzte Metapher für wahr erklären. Da Objekte und Erfahrungen im Leben eines Menschen zur Lebensbewältigung kategorisiert werden, kommt es laut Lakoff/ Johnson (2007) bei der Kategorisierung sehr häufig dazu, dass bestimmte Eigenschaften hervorgehoben bzw. ausgeblendet werden. Somit wäre ein Anspruch auf Absolutheit von objektiver Wahrheit nicht gewährleistet. Das folgende Beispiel zeigt, dass die Dimension der Wahrnehmung auf persönliche Vorstellungen von Objekten beruht und dass sobald die Konzentration auf eine bestimmte Eigenschaft fällt, die Aufmerksamkeit nur auf diese gelenkt wird. (34), S.II Un pouvoir qui se plie aux exigencies. Die aktuell führende Regierung Frankreichs kann im genannten metaphorischen Ausdruck als ‘Untertan‘ verstanden werden, positive Aspekte (u.a. Kampf gegen hohe Jugendarbeitslosigkeit, Rente mit 60 etc.) werden hierbei völlig ausgeblendet. Auch Lakoff/Johnson (2007: 190) gehen davon aus, dass allgemein betrachtet jede wahre Aussage bestimmte Aspekte unterdrückt, die von der verwendeten Kategorie des Individuums verborgen werden. Sie fassen dies wie folgt zusammen: “Die Wahrheit einer Aussage ist immer relativ zu den Eigenschaften, die durch die in der Aussage verwendeten Kategorien beleuchtet werden.”

Abschließend sollen am Beispiel (59), S.III face à cette vague d’attentats die Bedingungen zur Annahme einer wahren Aussage resümiert werden. Der Rezipient der Rede Le Pens könnte sich beispielsweise die Welle von Attentaten (abstrakte Erscheinung) als Entität/ Objekt vorstellen, das direkt gegenüber von ihm steht (physische Orientierung). Außerdem könnte das Individuum die ‘vorne‘/ ‘hinten‘ Orientierung auf die Welle projizieren, um zu verstehen wie es sich selbst lokalisieren kann.8 Entsprechend der Zielsetzung (Attentate als Bedrohung darzustellen) des Sprechers könnte davon ausgegangen werden, dass die Orientierungsmetapher gegenüber der Welle ausgewählt wurde, um davor zu warnen, dass sich die Bedrohung (Welle der Attentate) bald über dem französischen Volk aufbauen wird. Das Konzept MACHT AUSÜBEN IST OBEN/ MACHT AUSGESETZT SEIN IST UNTEN könnte mit diesem metaphorischen Ausdruck im menschlichen Konzeptsystem aktiviert werden und das zukünftige Denken sowie Handeln beeinflussen. Die Aussage kann also als wahr aufgefasst werden, wenn die Welle als Entität (mittels einer ontologischen Metapher) und als gegenüber stehendes Objekt (‘vorne‘/ ‘hinten‘ Orientierung) verstanden wird. Lakoff/ Jonson (2007: 200) begründen dies wie folgt:

Weil wir Situationen von unserem Konzeptsystem her verstehen, können wir Aussagen, die nach diesem Konzept strukturiert sind, als wahr verstehen, das heißt, wir erkennen, ob eine Aussage zu der Situation, wie wir sie verstehen, passt oder nicht passt. Wahrheit ist deshalb abhängig von unserem Konzeptsystem.

3. Sprache und Politik

Wenn Sprache als Äzentrales Medium der Politik“ (Fröhlich 2013: 391) aufgefasst wird und Sprache auf Verstehen beruht, welches wiederum metaphorisch konzeptualisert ist, so lässt sich bereits vermuten, dass beide Bereiche nicht voneinader getrennt werden können und sich gegenseitig beeinflussen. Ob sprachliches und politisches Handeln gleichgesetzt werden können oder ob das sprachliche dem politischen Handeln untergeordnet ist, wird in der einschlägigen Literatur heftig diskutiert. Für die vorliegende Arbeit wird auf eine Definition des Politikbegriffs von Lübbe zurückgegriffen, bei dem die Sprachverwendung in der Politik fokussiert wird9: ÄPolitik ist die Kunst im Medium der Öffentlichkeit Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen“ (Lübbe, nach Girnth 2002: 1). Die Grundvoraussetzung zur Untersuchung von Sprachverwendung in der Politik, setzt die Annahme voraus, dass Politik eine persuasive Fähigkeit besitzt und an Institutionen der Öffentlichkeit gebunden ist. Entscheidend für eine politische Diskursanalyse ist vor allem die Sprachverwendung in einer konkreten politischen Situation zu berücksichtigen, da diese kontextabhängig ist. Diese Betrachtungsweise rückte nach der kommunikativ-pragmatischen Wende Ende der 60er Jahre in den Vordergrund und ist in zahlreichen Analysen der neuen Sprache-Politik Forschung zu finden. Die pragmatische Dimension der Sprache kommt unter anderem im Agitationsmodell von Klaus (1971: 23) zur Geltung. Der Semiotiker Klaus stellt in seinem Modell den Benutzer der politischen Sprache, als Agitor, ins Zentrum. Dieser muss gemäß des kommunikativen und situativen Kontextes entscheiden, welche Komponenten in der entsprechenden Redesituation am besten zur Geltung kommen. Hierfür unterscheidet Klaus zwischen drei Komponenten: Designator, Appraisor und Preskriptor (Klaus 1971: 25).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten10

Mit Hilfe der genannten Komponenten kann der Redner Sachverhalte bezeichnen, bewerten und ein bestimmtes Verhalten hervorrufen (vgl. Girnth 2002: 18). Bezugnehmend auf metaphorische Ausdrücke könnten die Komponenten auf pragmatischer Ebene in gleicher Weise betrachtet werden. Folgendes Beispiel von Marine Le Pen soll dies demonstrieren: (77), S.IV La France est devenue le vassal d’autres puissances. Die Verwendung des Lexems Vasall fungiert zum einen als Designator, der durch die negative Konnotation seiner Eigenschaften (untertänig, abhängig) den Rezipienten beeinflusst. Außerdem bewertet er den Vasallen, indem er Frankreich als “Knecht anderer Mlchte” benennt, dadurch evoziert er Abneigung in den Köpfen der Bürger. Die Verwendung dieses Lexems könnte weiterhin dazu führen, dass die Handlungsbereitschaft der Bürger erzeugt bzw. verstärkt wird, um sich aus diesem Abhängigkeitsverhältnis zu lösen.

An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass es sich als äußert schwierig darstellt, die Bewertung des politischen Sachverhalts von der Bewertung des Sprachgebrauchs zu trennen. Bereits durch die Enthüllung von beispielsweise typischen Sprachmustern oder konkreter, einer typischen Nutzung von Metaphern in der Rede von Marine Le Pen, findet eine Bewertung des politischen Sachverhalts statt. Heringer verdeutlicht im Folgenden das Ziel der Sprachkritik, welches ebenfalls auf die Analyse der Rede Marine Le Pens der vorliegende Arbeit zutreffend ist: “Das Ziel einer Sprachkritik ist nicht das Verbot bestimmten Sprechens, sondern die Bereitstellung von Analysemethoden, die das Verstehen und Beurteilen politischen Sprechens möglich machen.” (Heringer nach Girnth 2002: 12)

3.1 Pragmatische Grundlage

Der pragmatische Ansatz setzt voraus, dass Sprache immer in einer bestimmten Situation stattfindet und stets zielgerichtet ist. Die Grundlage hierbei ist die Annahme, dass politisches Handeln mit sprachlichem Handeln auf eine Ebene gesetzt werden kann und dass die Sprachverwendung in konkreten politischen Kommunikationssituationen im Mittelpunkt steht (vgl. Girnth 2002: 31). In Anlehnung an Girnth (2002) sowie Burkhardt (2003: 117-225) werden die Merkmale politischer Sprachverwendung wie folgt definiert: a. Öffentlichkeit, b. Gruppenbezogenheit, c. Mehrfachadressiertheit (vgl. Burkhardt 2003: 33-35).

Das erste Merkmal lässt sich daraus ableiten, dass politisches Handeln zum größten Teil in der Öffentlichkeit stattfindet. Vor allen in demokratischen Staaten stellt das politische Handeln in der Öffentlichkeit eine Grundvoraussetzung dar (vgl. Patzelt 1995: 17).

Im zweiten Punkt ist laut Girnth (vgl. 2002: 33) zwischen einer positiv bewertenden Eigengruppe und einer negativ bewertenden Fremdgruppe zu unterscheiden. Die Mitglieder der Eigengruppe teilen gleiche Denk-, Interpretations- und Deutungsmuster, die ein Bewusstsein von Gruppenzugehörigkeit erzeugen. Daraus resultiert, dass sämtliche Zusammenhänge mit der Eigengruppe positiv bewertet werden und alles was von dieser abweicht, als negativ bewertet wird.

Das Merkmal der Mehrfachadressiertheit wird ebenfalls bei Burkhardt aufgeführt Er geht davon aus, dass sprachliches Handeln sowohl an Politiker sowie an die Bürger des Landes gerichtet sein kann, wobei die Wirkung verschieden ausfallen kann (vgl. Burkhardt 2003: 118-120). Girnth (vgl. 2002: 34) spricht an dieser Stelle auch von ÄInszeniertheit politischer Sprachverwendung“, das heißt, das was auf einer ersten Ebene (Bsp. Diskussion zwischen zwei Politikern) als ein Gespräch erscheint, kann auf einer zweiten Ebene (Bürger, der die Diskussion im TV verfolgt) als Persuasion der Öffentlichkeit verstanden werden.

3.2 Sprachliche Handlungsfelder in der Politik

Sprache ist in fast allen Handlungsfeldern der Politik anzutreffen, denn ohne Sprache wäre keine Kommunikation, keine Debatte, keine Erlassung eines Gesetzes etc. möglich. Der Begriff der Handlungsfelder wurde von zahlreichen Linguisten analysiert, allerdings ist er unter anderem auch als Bezeichnung des Sprachspiels zu finden (Burkhardt 2003: 122-124). Laut Girnth (2002: 36) lassen sich vier Hauptfelder unterscheiden: die Sprache der Überredung, die Sprache der Verhandlung, die Sprache des Gesetzes und die Sprache der Verwaltung11. In der vorliegenden Arbeit soll vor allem auf das Handlungsfeld ÄSprache der hberredung“ oder wie bei Burkhardt (2003: 122) bezeichnet, Äinformativ- persuasives Sprachspiel“, näher eingegangen werden. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die Handlungsfelder nicht immer eindeutig voneinander abgegrenzt werden können. Es kommt zu Vernetzungen aller Bereiche. Bei den zu betrachtenden Handlungsfeldern steht vor allem das Moment des Appelativen12 im Mittelpunkt. Im Folgenden sollen die informativ-persuasive und integrative Sprachfunktionen hervorgehoben werden, da diese im Analyseteil noch einmal aufgegriffen werden und für die Analyse von Metaphern von besonderer Bedeutung sind. Die informativ-persuasive Sprachfunktion erzeugt beim Rezipienten ein bestimmtes Bewusstsein und ist auf die Erhaltung von Gruppensolidarität und Kollektivbewusstsein gerichtet (z.B. Parteiprogramme, politische Reden). Die integrative Sprachfunktion führt ebenfalls zur Erzeugung eines bestimmten Bewusstseins, sie dient der Meinungssteuerung (vgl. Burkhardt 2003: 122-123).

Zusammenfassend sind die zentralen Aufgaben politischer Kommunikation zum einen die ÄSicherung bzw. Vergr|ßerung des Erfolges durch Werbung von Wlhlern, zum anderen die Durchsetzungsmöglichkeiten des Konkurrenten durch Hervorhebung des eigenen und Herabsetzen des fremden Erfolges zu schmllern“ (Gaier nach Burkhardt 2003: 121). Die politische Sprachverwendung bewegt sich also zwischen zwei Polen: dem rationalen argumentativen Überzeugen und dem rhetorischen gefühlsmäßigen Überreden.

3.3 Metaphorik in der Politik

Um die im vorangegangenen Kapitel geschilderten Aufgaben der politischen Kommunikation zu erfüllen, bedienen sich Politiker sehr häufig der Metapher. Die Leistung der Metapher beruht auf dem Erkennen von Analogien bzw. Ähnlichkeit von zwei Konzepten, deren Fokus darauf gerichtet ist, bestimmte Eigenschaften einer Vorstellung hervorzuheben und andere nicht beabsichtigte Eigenschaften auszublenden. Brünner spricht in diesem Zusammenhang von dem sogenannten Ätoten Winkel“ der Metapher (vgl. Brünner nach Burkhardt 2003: 370). Dieser bezieht sich laut Brünner auf die ausgeblendeten Eigenschaften, die von besonderer Wichtigkeit seien, da es meist genau diese sind, die bewusst vom Sprecher vermieden werden. Da mittels Metaphern Darstellungen und Wahrnehmung von Ereignissen strukturiert werden und diese der Legitimation des eigenen Handelns dienen, können Politiker diesen mentalen Prozess nutzen, um die Wahrnehmungsmuster der Rezipienten festzulegen oder zumindest zu beeinflussen (vgl. Burkhardt 2003: 350-352).

Sehr deutlich lässt sich der Effekt des toten Winkels am Beispiel der Migrationsflut13, wie Marine Le Pen ihn häufig in ihrer Rede verwendet, illustrieren. Durch den Ausdruck ‘Flut von Migranten‘ werden Flüchtlinge, die Schutz suchen, mit Naturkatastrophe in Verbindung gebracht. Da eine Flut unkontrollierbar ist, wird durch diesen Begriff die unkontrolliebare Heftigkeit mit der die Migranten auf das französische Volk bzw. Europa zukommen besonders hervorgehoben. Dies könnte Bedrohungsängste in den Köpfen der Franzosen hervorrufen. Motive für die Einwanderung werden bei den metaphorischen Ausdrücken ausgeblendet: Fluchtursachen und moralische Hilfsverpflichtungen bleiben im toten Winkel verborgen. Durch die Metapher der ‘Migrationsflut‘ werden Migranten also als eine amorphe, hoch bedrohliche Masse dargestellt. Diese Art von Metaphern rufen, laut Edelmann, bestimmte kognitive Einstellungen im Rezipienten sowie im Redner selbst hervor:

Jede politische Rede evoziert […] bestimmte kognitive Einstellungen in einem großen Teil der Zuhörerschaft (und im Redner selbst!) durch stillschweigend metaphorische Unterstellungen und nicht die expliziten Ausführungen.

(Edelmann nach Burkhardt 2003: 371)

Um herauszufinden, ob und in welcher Weise Metaphern genutzt werden, muss geklärt werden, ob Sprache als Instrument oder als Fundament betrachtet wird (vgl. Wesel 1995: 201-203). Da in der vorliegenden Arbeit der kognitive Aspekt von Sprache im Vordergrund steht, wird ausdrücklich auf die fundamentalistische Sichtweise hingewiesen, bei der davon ausgegangen wird, dass die Welt sowie ihre Realität erst durch und in Sprache begreifbar wird (vgl. Wesel 1995: 204).

Allgemein betrachtet, lassen sich auf den Diskurs der Flüchtlingsdebatte bezogen, politikträchtige Bildbereiche, wie ‘Naturkatastrophen‘,‘Krankheit‘/ ‘Medizin‘, ‘Kampf‘, ‘Theater‘ etc. feststellen. Durch die jeweiligen politikbezogenen Metaphernkonzepte sowie ihre Schwerpunkte wird deutlich, wie subjektiv die politische Realität zu sein scheint.

Wesel (1995) betont in seinem Aufsatz ÄPolitische Metaphorik im ‚parlamentarischen Diskurs‘: Konzeptionelle Überlegungen, exemplifiziert an entwicklungspolitischen Bundestagsdebatten“, dass es dennoch nicht möglich sei, eine Manipulation herbeizuführen. Dies bedeutet, dass Wesel davon ausgeht, dass es nicht möglich sei, durch eine bewusste Bemühung sich selbst einen Vorteil zu verschaffen und das Denken und Handeln anderer zu beeinflussen. Vielmehr solle darauf aufmerksam gemacht werden, welche Wirkung Metaphern haben und wie über diese reflektiert werden könnte (vgl. Wesel 1995: 209-210).

Der Aussage Wesels stehen Lakoff/ Wehlings (2009: 73-74) Studien entgegen14, die eine Manipulation des Gehirns durch Sprache mittels kognitiver Prozesse erklären, welche im folgenden Kapitel näher erläutert werden. Es besteht die Möglichkeit, sozioökonomische Phänomene zu entpolitisieren, wie das Beispiel IMMIGRATION IST NATURKATASTROPHE zeigt. Das politische Phänomen der Immigration wird auf die Ebene der Naturkatastrophen projiziert und somit aus der politisch-gesellschaftlichen Welt in eine natürliche hinausgewiesen. Burkhardt (2003: 373) spricht an dieser Stelle von Fremdbestimmtheit, da das politische Phänomen nun nicht mehr in der Gewalt der Regierung liegt, sondern als eine natürlich entstandene Bedrohung bezeichnet wird. Zusätzlich können durch die Metapher Emotionen durch die Ausblendung fokussiert und beeinflusst werden. Oft wird auf mentale sowie psychische Bedürfnisse, wie Angst, angespielt (vgl. Kurz 2009: 27).

Politische Metaphorik gibt über die Gesinnung des Politikers Aufschluss. Durch die eingesetzte Metaphorik wird seine Einstellung, zum Beispiel gegenüber dem Fremden, deutlich. Auch Kurz (1982, nach Vogt 1995: 209) bestätigt, dass durch die jeweilige Metaphorik ersichtlich wird, welche politische Kultur in der jeweiligen Partei vorherrschend ist. Mit der Metapher der ‘Migrationsflut‘ nimmt Marine Le Pen beispielsweise in der Flüchtlingspolitik eher eine Position des Abschottens ein. Die Flüchtlingskrise als eine Krankheit zu metaphorisieren, weist drauf hin, dass der Staat als ein Organismus angesehen wird. Die Krankheitsmetaphorik des leidenden Organismus (der Staat) impliziert nach Kurz eine radikale Einstellung Marine Le Pens, welche die ÄFlüchtlingskrankheit“ behandeln und schnellstm|glich beseitigen möchte. Diese Metaphorik soll bei den Adressaten Angst hervorrufen, durch die eine Abwehrhaltung erreicht werden soll (vgl. Kurz 2009: 27-29).

Resümierend lässt sich sagen, dass das Ziel der Betrachtung von Metaphorik in der Politik keinesfalls das Verbot von metaphorischen Ausdrücken beabsichtigt. Vielmehr soll dafür sensibilisiert werden, welche Metaphern, welche Wirkungen hervorrufen können. Auffällig ist, dass mit Metaphern meist auf traditionelle Muster der Alltagssprache zurückgegriffen wird. Dies lässt sich damit begründen, dass durch Metaphern eine einfachere Informationsverarbeitung ermöglicht wird, was wiederum den mentalen Bedürfnissen nach Klarheit und Eindeutigkeit der menschlichen Psyche entgegenkommt. Welche konzeptuellen Metaphern in der Flüchtlingsdebatte dominierend sind und wie diese die Wahrnehmung der Adressaten strukturieren könnten, werden im Analyseteil ausführlich interpretiert.

3.4 Politisches Framing ± Manipulation des Gehirns

Inwieweit die Möglichkeit besteht, das menschliche Denken und Handeln mittels sprachlicher Manipulation zu steuern und zu beeinflussen, wird bei Lakoff/ Wehling (2009: 73) deutlich. Sie gehen davon aus, dass Menschen in Frames denken und definieren diese als ÄDeutungsrahmen, die unser Wissen strukturieren und den Informationen einen Sinn zuordnen“ (Lakoff/ Wehling 2009: 73).15

Grundsätzlich werden zwei Arten von Frames unterschieden: Surface Frames und Deep Seates Frames (vgl. Lakoff/ Wehling 2009: 73). Bei den Surface Frames handelt es sich um Frames auf rein sprachlicher Ebene, die es ermöglichen die Bedeutung von Wörtern bzw. Sätzen zu verstehen. Die Deep Seates Frames sind laut Lakoff/ Wehling (2009) tief im Gehirn eines jeden Individuums verankert und strukturieren das generelle Verständnis von der Welt. Jeder Mensch hat verschiedene Aspekte moralischer bzw. politischer Prinzipien, die die persönliche Annahme von Welt strukturieren. Die darunter fallenden Aspekte machen den common sense16 jedes Individuums aus. Sämtliche Fakten, die dem persönlichen common sense widersprechen, werden vom Gehirn nicht akzeptiert und abgestoßen. Lakoff/ Wehling (2009: 74) sprechen an dieser Stelle von physischen Automatismen, die sich unbewusst vollziehen. Lakoff / Wehling (2009: 74-76) gehen noch einen Schritt weiter: Sie behaupten, dass der Mensch nicht selbst entscheiden kann, welche Fakten er für sich als ‘wahr‘ erkennt, da es keine bewusste Entscheidung ist. Da das Denken auf Vorstellungen beruht, erfolgt dieses immer in einem Deutungsrahmen (Frame). Es kann davon ausgegangen werden, dass je häufiger ein Satz bzw. eine Metapher geäußert wird, sich die neuronalen Schaltkreise mit ihren Synapsen verstärken und verfestigen. Auf diese Weise kann ein metaphorisches Konzept unbewusst fester Bestandteil des menschlichen common sense werden. Wenn es ein Politiker geschafft hat, dass seine Adressaten in solchen Deep Seated Frames denken, prallen an ihnen alle Fakten ab, die nicht in diese Frames passen.

[...]


1 Der metaphorische Ausdruck kann dem Anhang Seite X unter der Nummerierung (199) entnommen werden.

Die metaphorischen Äußerungen Le Pens werden in der vorliegenden Arbeit stets in Klammern (xxx) angegeben und können den im Anhnag befindlichen Texten (Seite I-XIX) entnommen werden. Metaphorische Ausdrücke aus der analysierten Rede Marine Le Pens werden wie folgt in der Arbeit angegeben: (1)-(271). Metaphorische Ausdrücke aus den Pressemitteilungen A-D werden ebenfalls nummeriert und mit dem entsprechenden Buchstaben versehen: (1a)-(11a), (1b)-(25b), (1c)-(23c), (1d)- (15d).

2 Bei der ‘homo hominis lupus‘- These handelt es sich um die metaphorische Äußerung ÄDer Mensch ist ein Wolf“. Black erllutert die Paramater E (metaphorischer Ausdruck), F (Frame), P (principal subject), S (subsidiary subject) sowie I (Implikationssystem) anhand dieser These und verdeutlicht so die unabdingbare Interaktion zweier Vorstellungen: ‘Mensch‘ und ‘Wolf‘, die für das Metaphernverständnis grundlegend sind (vgl. Rolf 2005: 37-41).

3 Die Großschreibung metaphorischer Konzepte wird in der vorliegenden Arbeit aus Gründen der Einheitlichkeit von Lakoff/ Johnson übernommen.

4 siehe auch Münkler (1994: 125-128)

5 Die Aymara beispielsweise, ein indigenes Volk Südamerikas, blicken nie zurück, sondern immer nur nach vorn. Die Zukunft liegt für sie hinter ihrem Rücken, weil sie dort keine Augen haben und sie somit nicht vorhersehbar ist. Vor ihnen ist die Vergangenheit ausgebreitet. Sie liegt vor ihren Augen und ist aus diesem Grund bekannt. Es ist sicher, dass, dass sie exostierte. Sie ist bewiesen. Jeder kann sie sehen (vgl. Keppeler 2009).

6 Auch Kurz verwendet den Begriff des mappings im Sinne von Kartierung/ Abbildung (vgl. Kurz 2009: 23).

7 Eine konstrastive Darstellung von objektivistischen und subjektivistischen Mythen in Bezug auf den Wahrheitsbegriff geben Lakoff/ Johson (2007: 212-223) im Kapitel 25: „Die Mythen Objektivismus und Subjektivismus“.

8 Lakoff/ Johnson (2007: 184) verweisen im Kapitel ÄWeshalb wir über eine Theorie der Wahrheit nachdenken“, dass die Orientierungskonzepte von unterschiedlichen Kulturen verschieden aufgefasst werden könnten.

9 Eine gegensätzliche Auffassung, dass Sprache und Politik zu trennen seien, nehmen vor allem Politikwissenschaftler, wie Bergsdorf (1991) sowie Fetcher/Richter (1976) ein (vgl. Girnth 2002: 2).

10 modifiziert von Lysiane Schützler (vgl. Klaus 1972: 25)

11 Grünert unterscheidet ebenfalls vier Sprachfunktionen: regulative, poskative, informativ-persuasive und integrative Sprachfunktion. Die Bedeutung ist mit den Handlungsfeldern Girnths gleichzusetzen (vgl. Burkhardt 2003: 122).

12 An dieser Stelle soll auf das Bühlersche Organonmodell hingewiesen werden, dass das Zusammenspiel von Wirkungs- Ausdrucks- und Darstellungsfunktion der Sprache genauer beleuchtet. Nach Bühler sind sprachliche Zeichen Signale, die sobald sie als Appell dienen, d.h. sobald sie den Hörer beeinflussen, bei ihm eine Wirkung (die eine Handlung sein kann) auslösen (vgl. Sokol 2001: 40).

13 (1a), S.XVI le gouvernement français se laisse submerger par l'immigration, (1c), S.XVIII la submersion migratoire etc.

14 Auf die Manipulationsfunktion von Politik geht auch Paul-Hermann Gruner in seinem Aufsatz Inszenierte Polarisierung, organisiertes Trugbild ± Sechs Thesen zur Sprache des Wahlkampfes detailliert ein (vgl. Opp de Hipt / Latniak 1991: 23-37). Mehr zur Manipulation/ Linguistik politische Lügen in: Pape 2003: 121-140.

15 Auch Black sprach in seiner Interaktionstheorie bereits von Fokus und Frames bzw. Rahmen. Für ihn handelt es sich dabei um den Satz, der einen metaphorischen Ausdruck enthält. Aus diesem Grund darf das Lexem Frame in der Studie von Lakoff/Wehling nicht als identisch betrachtet werden, da sie das Sprachliche mit der kognitiven Ebene verbinden. Blacks Verständnis von Frames könnte mit den Surface Frames, nicht aber den Deep Seates Frames bei Lakoff verglichen werden (vgl. Rolf 2005: 35).

16 Der common sense kann als ‘Gemeinsinn‘ bezeichnet werden, der eine Sammlung von Frames, die aufgrund persönlicher Erfahrungen strukturiert werden, enthält. Nach diesem ‘Gemeinsinn‘ handelt und argumentiert der Mensch meist unbewusst und automatisch (vgl. Tsongas 2014).

Details

Seiten
119
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668400016
ISBN (Buch)
9783668400023
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353811
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Schlagworte
Metaphern metaphorische konzepte Metapherntheorie

Autor

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Titel: Metaphorische Konzepte im Diskurs der aktuellen Flüchtlingsdebatte Europas in Frankreich