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Die nationalsozialistische "Mischlingspolitik" in Deutschland und den besetzten Niederlanden. Ein Vergleich

Bachelorarbeit 2015 51 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Juden im Deutschen Reich und in den Niederlanden

3. „Jüdische Mischlinge“ im Dritten Reich
3.1 Wachsender Verfolgungsdruck
3.2 „Rassische Zweifelsfälle“ und das Reichssippenamt

4. „Jüdische Mischlinge“ in den von Deutschland besetzten Niederlanden
4.1 Verschärfte Verfolgungsmaßnahmen
4.2 „Rassische Zweifelsfälle“ und das Judenreferat

5. Fazit

6. Nederlandse samenvatting

7. Quellen- und Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Durch die Leitgedanken der Französischen Revolution war es in vielen Teilen Europas zur Emanzipation des Judentums gekommen. Die Aufhebung des jahrhundertelang bestehen- den Verbotes von Eheschließungen zwischen Juden und Christen führte ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Zunahme von interkonfessionellen Ehen. Neben einer gesetzlichen Gleichstellung der Juden mit den Christen nahm auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Juden immer weiter zu. Die fast ein Jahrhundert andauernde Phase der As- similierung des Judentums fand mit den von den Nationalsozialisten erlassenen Nürnberger Gesetzen vom 16. September 1935 ein jähes Ende. Von nun an war es Juden verboten, „Deutschblütige“ zu heiraten. Wer nach nationalsozialistischer Vorstellung als „deutschblütig“ galt, wurde in der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 genau bestimmt und der Begriff Jude erstmals rassisch definiert. Jude zu sein bestand fortan nicht mehr darin, der jüdischen Religion anzugehören, sondern „jüdi- sches Blut“ in sich zu tragen. Damit gerieten auch Personen, die aus interkonfessionellen oder aus nationalsozialistischer Definition „gemischtrassischen“ Ehen entstanden waren, in den Blick der Rassenpolitik.

„Arier“ waren als „Herrenrasse“ der „jüdischen Rasse“ überlegen. „Blutmischung“ führte nach Ansicht der Nationalsozialisten zur „Verunreinigung“ des „deutschen Blutes“ und musste unter allen Umständen verhindert werden. Den Nationalsozialisten war nicht nur daran gelegen, zukünftige Vermischungen deutschen und jüdischen Blutes auszuschließen. Alle, die irgendwann einmal einen jüdischen Vorfahren gehabt hatten, mussten aus dem „deutschen Volkskörper“ ausscheiden. Diese Forderungen, wonach alle „Mischlinge“ - unabhängig von der Anzahl der Geschlechterfolgen seit der „Vermischung“ von jüdischem und deutschem Blut - ausgegrenzt werden sollten, ließen sich mit der praktischen Politik nicht vereinbaren. Diese sah vor, als „Nichtarier“ alle diejenigen auszugrenzen, die min- destens einen jüdischen Großelternteil hatten. Auch das Ziel, alle „jüdischen Mischlinge“ ebenso wie die „Volljuden“ in den Vernichtungsprozess mit einzubeziehen, hielt der prak- tischen Politik nicht stand. Rücksichtnahme auf enge verwandtschaftliche Verbindungen zu „Deutschblütigen“ und eine zu befürchtende Verschlechterung der Stimmungslage be- wog die Nationalsozialisten dazu, eine Einbeziehung aller „jüdischen Mischlinge“ in den Vernichtungsprozess auf eine Zeit nach dem Krieg zu verschieben.1

Da in den von Deutschland seit 1939 besetzten Gebieten keine Rücksicht auf die Gesamt- bevölkerung genommen werden musste, stellte sich die Situation für die Betroffenen „jüdischen Mischlinge“ grundsätzlich anders als im Großdeutschen Reich dar. So wurden insbesondere in den besetzten Ostgebieten die „jüdischen Mischlinge“ „in der Regel den Juden gleichgestellt.“2 Auch in den westlichen Besatzungsgebieten, und damit auch in den Niederlanden, gingen die Bestrebungen dahin, „jüdische Mischlinge“ den „Volljuden“ gleichzustellen und ausnahmslos in den Vernichtungsprozess mit einzubeziehen.

Gegenstand dieser Arbeit ist es, die nationalsozialistische Mischlingspolitik in Deutschland und den von Deutschland besetzten Niederlanden darzustellen und dabei zu untersuchen, ob, und wenn inwieweit sich die Behandlung „jüdischer Mischlinge“ in Deutschland und den besetzten Niederlanden unterschied. Dabei ist von besonderem Interesse, herauszufinden, ob die von den Nationalsozialisten angekündigte rigorose Vorgehensweise gegenüber den „jüdischen Mischlingen“ in den besetzten Niederlanden dazu führte, diese ebenso wie die meisten „Volljuden“ in den Vernichtungsprozess mit einzubeziehen.

Die Behandlung dieser Thematik erscheint umso notwendiger, da zum einen der „Misch- lingspolitik“ im nationalsozialistischen Deutschland und den besetzten Niederlanden von der Forschung bisher nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt wurde3 und zum anderen ein Vergleich der „Mischlingspolitik“ in den beschriebenen Gebieten bis heute noch nicht ge- zogen wurde. Neben Historikern, die sich lediglich am Rande mit der „Mischlingspolitik“ beschäftigen, sind es insbesondere J. F. Tent mit dem Buch „Im Schatten des Holocaust. Schicksale deutsch-jüdischer „Mischlinge“ im Dritten Reich“ aus dem Jahr 2007, John Grenville mit dem im Jahr 1986 erschienenen Aufsatz „Die ‚Endlösung‘ und die ‚Juden- mischlinge‘ im Dritten Reich“ und Jeremy Noakes mit dem Beitrag „The Development of Nazi policy towards the German-Jewish “Mischlinge” 1933-1945“ im Leo Baeck Institute Year Book 1989, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Vor allem aber ist es Beate Meyer, die mit ihrer 2007 in dritter Auflage erschienenen umfangreichen Arbeit „Jüdische Mischlinge. Rassenpolitik und Verfolgungserfahrung 1933-1945“ grundlegende Untersu- chungen zur „Mischlingspolitik“ der Nationalsozialisten vorlegte.

Untersuchungen, die sich in der Hauptsache mit der „Mischlingspolitik“ in den besetzten Niederlanden beschäftigen, fehlen vollständig. Behandelt wird das Thema jedoch ausführ- lich im Zusammenhang mit der Person Hans Georg Calmeyer, im Reichskommissariat für die besetzten niederländischen Gebiete von 1941 bis 1944 zuständig für die Bearbeitung von Zweifelsfällen jüdischer Abstammung. Hierbei sind zu nennen der Osnabrücker Jurist Mathias Middelberg, bekannt für seine aus dem Jahr 2015 wohlwollende Betrachtung des ebenfalls aus Osnabrück stammenden Juristen Calmeyer, der niederländische Historiker Coen Stuldreher, der in seinem 2007 erschienenen Werk „De legale rest. Gemengd gehuwde Joden onder de Duitse bezetting“ eine eher negative Sicht Calmeyers vertritt und in ihm eher einen „Schwindler“ als denn einen „Schindler“ sieht. Als dritte Arbeit aus die- sem Bereich gilt als Grundlage der Betrachtung das im Jahr 2008 vorgelegte Werk „Het geval Calmeyer“ von Geraldine von Frijtag Drabbe Künzel, die in Bezug auf Calmeyer ei- ne eher neutrale Position einnimmt.

In der vorliegenden Arbeit wird zunächst auf die sich mit der Machtübernahme der Natio- nalsozialisten schlagartig ändernde Situation der Juden im Deutschen Reich und in den Niederlanden eingegangen. Ausgangspunkte der Betrachtung ist hierbei in Deutschland das Jahr 1933, da ab diesem Zeitpunkt erste Maßnahmen gegen Juden eingeleitet wurden, die dann sukzessive eine Verschärfung erfuhren. Für die Niederlande ist veränderte Situation der jüdischen Bevölkerung durch die deutschen Nationalsozialisten erst ab dem Zeitpunkt der Besetzung im Jahr 1940 in dieser Arbeit zu betrachten. Im Unterschied zu Deutschland trafen die Unterdrückungsmaßnahmen die Juden plötzlich und nicht allmählich.

Die Kapitel 3 und 3.1 beschäftigen sich mit der „Mischlingspolitik“ im Deutschen Reich und beleuchten grundsätzliche Einstellungen der Nationalsozialisten gegenüber „jüdischen Mischlingen“ und zeigen die Entwicklung des stetig wachsenden Verfolgungsdrucks von anfänglichen Diskriminierungen bis hin zu Zwangsarbeit und Deportation. Viele der hierzu erlassenen Gesetze und Verordnungen wurden später auch in den besetzten Niederlanden als Grundlage für die Verfolgung der „jüdischen Mischlinge“ benutzt. Daher findet sich vieles in diesen Kapiteln ausführlich Dargestellte nicht noch einmal in gleicher Ausführlichkeit in den Kapiteln 4 und 4.1, die sich mit der Umsetzung der gegen „Mischlinge“ gerichteten Politik in den Niederlanden beschäftigen.

Auf eine Besonderheit „jüdischer Mischlingspolitik“ wird in den Kapiteln 3.2 und 4.2 ein- gegangen. Hier soll nicht nur theoretisch aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten sich für Personen, deren jüdische Abstammung nicht eindeutig geklärt war, bestanden, einer Ver- folgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. Vielmehr wird anhand von konkreten Fallbeispielen die menschenverachtende Behandlung „nichtarischer“ Menschen in Deutschland und den Niederlanden deutlich.

Im Fazit werden die erzielten Ergebnisse nochmals in verdichteter Form präsentiert und dadurch direkt miteinander verglichen. Besonderer Augenmerk wird dabei zum einen da- rauf gelegt, ob die Behandlung „jüdischer Mischlinge“ in Deutschland und den Niederlan- den tatsächlich so stark wie von den Nationalsozialisten angekündigt voneinander abwich und dadurch tatsächlich - anders als in Deutschland - die Vernichtung großer Teile dieser Minderheit in den Niederlanden zum Ergebnis hatte. Zum anderen wird betrachtet, inwie- weit die Behandlung „rassischer Zweifelsfälle“ in den zwei Ländern voneinander abwich. Verhielt es sich auch hier so, dass die Behandlung und damit auch die Entscheidungen in diesen Fällen für die Betroffenen in den Niederlanden ungünstiger ausfielen als im Deut- schen Reich?

2. Juden im Deutschen Reich und in den Niederlanden

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 veränderte sich inner- halb kürzester Zeit das politische und gesellschaftliche Leben in Deutschland drastisch. Die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik, die am 9. November 1918 die Monarchie des Deutschen Kaiserreiches abgelöst hatte, fand ein abruptes Ende und wurde durch die zwölf Jahre währende nationalsozialistische Schreckensherrschaft abgelöst. Die neuen Machthaber verboten nicht nur politische Parteien und andere demokratische Orga- nisationen, sondern schränkten auch viele Grundrechte wie Presse-, Meinungs- und Ver- sammlungsfreiheit ein. Weite Teile der Bevölkerung mussten unter dem Terror der Natio- nalsozialisten leiden. Neben politischen Gegnern geriet vor allem die jüdische Minderheit schnell in den Fokus der Nationalsozialisten: „With the Machtergreifung in the spring of 1933, the Nazi party began to translate its antisemitism from demagogy into concrete policy.“4

Die etwa 500.000 zu dieser Zeit im Deutschen Reich lebenden Personen, die der jüdischen Religionsgemeinschaft angehörten und 0,8 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten5, waren in Deutschland überwiegend gut integriert. Die jüdische Emanzipation des 19. Jahr- hunderts hatte in Deutschland zur völligen Gleichberechtigung mit der christlichen Bevöl- kerung geführt. Die Juden waren nicht nur in der deutschen Gesellschaft angekommen, viele von ihnen bekleideten auch bedeutende Positionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Kul- tur und Politik. Diese weitgehende Assimilierung sowie eine fortschreitende Säkularisie- rung hatten dazu geführt, dass eine große Zahl von Juden ihre Religionsgemeinschaft ver- ließ, zum Christentum überwechselte oder auch christliche Ehepartner heiratete. Viele Kinder und Enkel, die aus diesen Ehen, die von den Nationalsozialisten als „jüdische Mischehen“ bezeichnet wurden, hervorgegangenen waren, gehörten teilweise weiter der jüdischen Religionsgemeinschaft an, der überwiegende Teil war jedoch christlich getauft. Oftmals war diesen Nachfahren ihre teilweise jüdische Herkunft nicht einmal bekannt. Auch für die neuen Machthaber war also nicht immer zu erkennen, wer Jude oder „jüdi- scher Mischling“ war.6

Für die regierenden Nationalsozialisten ergab sich aus dieser Entwicklung eine aus ihrer Sicht schwierige Situation, da sich ihre Judenfeindlichkeit nicht alleine gegen die Religi- onszugehörigkeit, sondern insbesondere gegen eine aus ideologischer Betrachtung vermu- tete rassische Minderwertigkeit der Juden wandte. Nicht mehr der seit dem Altertum und besonders im Mittelalter geprägte Antijudaismus, also die auf religiösen Motiven beruhen- de Ablehnung des Judentums, war ausschlaggebend für die von den Nationalsozialisten ge- sehene Minderwertigkeit der Juden, sondern eine rassisch begründete Judenfeindlichkeit, der sogenannte Antisemitismus.7 Somit war nicht nur Jude, wer offiziell einer jüdischen Gemeinde angehörte, sondern auch wer christlich getauft oder aus der jüdischen Religi- onsgemeinschaft ausgetreten war sowie dessen Nachkommen. Alle aus Sicht der National- sozialisten dem Judentum zuzurechnenden Menschen waren den Ariern nicht nur unterle- gen, vielmehr stellten sie eine Bedrohung für die deutsche Volksgemeinschaft dar, aus der sie daher unter allen Umständen ausgeschlossen werden mussten.8

Um das Ziel der völligen „Ausschaltung“ der Juden aus dem deutschen Gemeinwesen zu erreichen, wurden die Verfolgungsmaßnahmen gegen die jüdische Minderheit im Verlauf der zwölfjährigen Regierungszeit der Nationalsozialisten immer weiter verschärft. Sie reichten von anfänglicher Ausgrenzung aus dem Wirtschafts- und Berufsleben über Ent- rechtung, „Umsiedlung“ in Ghettos bis hin zur physischen Vernichtung in Konzentrations- und Vernichtungslagern.9

Mit Kriegsbeginn im September 1939 und der Eroberung großer Teile des europäischen Kontinents weiteten die Nationalsozialisten die Judenverfolgung auch in den unterworfe- nen Gebieten, und damit auch in den Niederlanden, aus. Am 10. Mai 1940 überfiel die Wehrmacht die neutralen Niederlande, die nach kurzem Kampf gegen den übermächtigen Gegner am 15. Mai kapitulieren musste. Bereits am 13. Mai hatte das Königshaus und die Regierung das Land verlassen, um in London eine Exilregierung zu bilden.10 In den nun vom Deutschen Reich besetzten Niederlanden installierte Hitler eine zivile Besatzungsre- gierung, in der die Ministerien, geleitet von den Generalsekretären, ihre Arbeit fortsetz- ten.11 Zum „Reichskommissar“ und Chef der Besatzungsverwaltung wurde der Österrei- cher Arthur Seyß-Inquart ernannt. Er hatte sich bereits beim „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich am 13. März 1938 in den Augen der Nationalsozialisten große Ver- dienste erworben, indem er als österreichischer Innenminister und kurzzeitiger Bundes- kanzler maßgeblich an der reibungslosen Annexion seines Heimatlandes mitgewirkt hatte. In den Augen Hitlers erschien ein nationalsozialistischer Politiker geeigneter als ein rang- hoher Militär, um die Besatzungsverwaltung zu übernehmen. In den besetzten Niederlan- den sollte eine Politik der Zurückhaltung gegenüber der Bevölkerung betrieben werden. Hinter dieser eher „weichen“12 Politik der Besatzungsmacht standen „völkische“ Überle- gungen. Für die Nationalsozialisten waren die Niederländer ebenso wie die Deutschen „Germanen“, die „re-germanisiert“ und somit als „Brudervolk“ für den Nationalsozialis- mus gewonnen werden sollten.13 Um dieses Ziel zu erreichen, war es geboten, unliebsame Maßnahmen im Rahmen der Besatzung zu vermeiden, die die niederländische Bevölke- rung als abschreckend empfunden hätte. Da die niederländische Gesellschaft kaum antise- mitisch eingestellt war14, entschieden sich die Besatzer deswegen zunächst dazu, auch die jüdische Bevölkerung weitgehend unangetastet zu lassen, um keine ungünstige, gegen die Besatzer gerichtete Stimmung zu erzeugen.15 Dennoch war es ausgemachtes Ziel der deut- schen Besatzer, die 140.000 Juden16 und zahlreiche „jüdische Mischlinge“ in den Nieder- landen ebenso wie im Deutschen Reich aus der Gesellschaft auszuschließen.

3. „Jüdische Mischlinge“ im Deutschen Reich

Seit der Einführung der Zivilehe in Deutschland im Jahr 1875 kam es immer häufiger zu Ehen zwischen Christen und Juden.17 Zwischen 1875 und 1932 wurden 53.000 „Mischehen“ geschlossen, und zur Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung gab es laut Schätzungen noch etwa 35.000 Mischehen im Deutschen Reich.18 In diesen „Mischehen“ war weitaus häufiger der Mann jüdisch und die Frau nichtjüdisch. In Deutschland alteingesessene Juden gingen häufiger Mischehen ein als orthodoxere Ostjuden.19

Diese Zahlen waren jedoch ab 1933 hinfällig, berücksichtigten sie doch lediglich Ehe- schließungen, bei der ein Partner noch einer jüdischen Gemeinde angehörte. War dies in etwa wegen eines Austritts aus dem Judentum nicht mehr der Fall, zählte die Ehe nicht als „Mischehe“. Die nationalsozialistische Definition einer „Mischehe“ reichte freilich weiter und orientierte sich nicht an der Religions-, sondern an der Rassenzugehörigkeit der Ge- trauten. Für die Nationalsozialisten waren „sowohl die getauften Juden als auch die in Mischehen lebenden Ehepartner jüdischer Herkunft in den deutschen „Volkskörper“ einge- sickert und ihre Kinder zum personifizierten Ausdruck der gefürchteten „Blutsmischung“ geworden [...]“.20 Demnach wurden Juden und deren aus „Mischehen“ hervorgegangenen Nachkommen nicht als „Arier“, also einer von den Indogermanen abstammenden und als biologisch besonders wertvoll angesehenen „Rasse“ betrachtet, sondern waren Mitglieder der „minderwertigen Rasse“ der Semiten, die aus dem ehemaligen Palästina nach Europa eingewandert waren und auch nach der Annahme der Sprache und vieler Verhaltensweisen der ansässigen Bevölkerung, also der vermeintlichen Assimilierung, aufgrund ihrer „Bluts- zugehörigkeit“ niemals „Arier“ werden konnten.21 Unmittelbar nach der Machtergreifung begannen die Nationalsozialisten, diese Ideologie gesetzlich zu verankern und die Rechte der Juden und deren Nachkommen einzuschränken. Die Volkszählung der Nationalsozia- listen von 1939 ergab, dass 56.327 „volljüdische“ Ehepaare und 20.454 Mischehen im Deutschen Reich lebten.22 Beinahe die Hälfte aller „Mischehepaare“ hatte das Land also bereits vor dem Krieg verlassen.

Ebenso, wie die genaue Zahl von „Mischehen“ im Jahr 1933 nicht bekannt war, existieren auch nur Schätzungen darüber, wie viele Kinder aus diesen Ehen entsprungen waren. Diese besagen, dass es 1933 rund 150.000 „jüdische Mischlinge“ in Deutschland gab.23 Diese Zahl ist weitaus geringer als die, von der die Nationalsozialisten vor der Volkszählung im Jahr 1939 fälschlicherweise ausgingen. Im Jahr 1935 rechnete das Reichsinnenministerium mit insgesamt 750.000 „jüdischen Mischlingen 1. und 2. Grades“ im Deutschen Reich.24 Die 150.000 „jüdischen Mischlinge“ im Deutschen Reich gehörten in der Regel einer christlichen Glaubensgemeinschaft an. Von den „jüdischen Mischlingen 1. Grades“ waren 60,8% protestantischen und 17,2% katholisch getauft, nur 9,9% waren jüdischer Konfessi- on. Von den „jüdischen Mischlingen 2. Grades“ gehörten nur 1,2% dem jüdischen Glauben an, wohingegen 71,6% protestantisch und 19,5% katholisch getauft waren.25 Diese Zahlen belegen den hohen Grad der Assimilation der Juden durch Mischehen und die Integration ihrer Minderheit in die deutsche Gesellschaft.

Der Zensus vom 17. Mai 1939 brachte den Machthabern nun erstmals verlässliche Zahlen. Um sich Gewissheit darüber zu verschaffen, wer „jüdischer Mischling“ war und wie hoch die totale Anzahl von „jüdischen Mischlingen“ im Deutschen Reich war, ließen die Natio- nalsozialisten „Ergänzungskarten“ für die Volkszählung erstellen. In diesen „Ergänzungs- karten“ musste die Religionszugehörigkeit aller vier Großeltern angegeben werden, um so die „Rassenzugehörigkeit“ ermitteln zu können. Für falsche Angaben wurden Gefängnis- strafen angedroht. Vielen radikalen Antisemiten in der NSDAP ging diese Klassifizierung allerdings noch nicht weit genug. So war beispielsweise nach Ansicht des Gauleiters der Kurmark, Wilhelm Kube, Jude, „wer mehr als 10 Prozent jüdischer Blutsteile in sich trägt.“26

Bei der Volkszählung unterschieden die Nationalsozialisten zwischen „Volljuden“, „jüdi- schen Mischlingen 1. Grades“ und „jüdischen Mischlingen 2. Grades“. „Jüdische Misch- linge“ waren demnach Deutsche, die von einem oder zwei „volljüdischen“ Großeltern ab- stammten, jedoch keine weitergehende Bindung zum Judentum hatten, also selbst christ- lich getauft oder konfessionslos waren. So findet sich im 1944 in Berlin erschienenen Rechtswörterbuch „Das Recht der Neuzeit. Ein Führer durch das geltende Recht des Groß- deutschen Reichs und das preußische Landesrecht. 1914-1944“ unter dem Stichwort „Mischling“ folgender Eintrag: „Als Mischling ersten Grades wird ein jüdischer M. mit 2 volljüdischen Großeltern, als Mischling 2. Grades ein jüdischer M. mit 1 volljüdischen Großeltern bezeichnet (Nr. 2f des Erl. 26.11.35., MBliV. 1429). - Im übr. S. Jude.“27

Laut den Ergebnissen der Volksbefragung lebten sechs Jahre nach der Machtergreifung noch rund 72.000 „Mischlinge 1. Grades“ und 39.000 „Mischlinge 2. Grades“ im nationalsozialistischen Deutschland.28 Diese unerwartet niedrige Zahl erleichterte nicht nur Rassenhygieniker,29 sondern veranlasste auch die Zeitschrift „Der Erbarzt“ zu folgendem Kommentar: „Es kann die durchaus erfreuliche Tatsache festgestellt werden, dass die Zahl der Juden durch Auswanderung erheblich abgenommen hat und dass die Zahl der jüdischen Mischlinge doch nicht so groß ist, als nach den bisherigen Schätzungen angenommen wurde.“30 Jedoch muss auch diese von den Nationalsozialisten ermittelte Zahl auf Richtigkeit hinterfragt werden, da von einer Dunkelziffer durch gefälschte oder verheimlichte Angaben der Betroffenen ausgegangen werden muss.

Gemessen an der Gesamtbevölkerung Deutschlands machten die „jüdischen Mischlinge“ natürlich eine kleine Zahl aus: 0,09% entfielen auf „Mischlinge 1. Grades“ und 0,05% auf „Mischlinge 2. Grades“.31 Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die Nachkom- men aus den jüdisch-deutschen „Mischehen“ mehrheitlich in den Großstädten des Deut- schen Reichs lebten. In Hamburg gab es etwa 4.428 „Mischlinge 1. Grades“ und 3.359 „Mischlinge 2. Grades“, was einen Anteil von 0,3% an der Hamburger Gesamtbevölkerung ausmachte, der also deutlich höher als der Reichsdurchschnitt war. Mit dieser Zahl ver- zeichnete die norddeutsche Hansestadt auch nach Berlin und Wien die dritthöchste Zahl der „jüdischen Mischlinge“.32

Zu den Hauptforderungen der NSDAP gehörte seit ihrer Gründung im Jahr 1920 die Besei- tigung der Juden aus dem deutschen Volk.33 Dementsprechend konnte diese Forderung erst dann als erfüllt angesehen werden, wenn es keine Juden mehr in Deutschland gab. Von der seit der Mitte des 19. Jahrhunderts angestrebten Integration des Judentums in das deutsche Volk konnte nun keine Rede mehr sein. Auch für in „Mischehen“ lebende Juden und deren Nachkommen gab es jetzt keinen Raum mehr in der deutschen Gesellschaft. Sie wurden ebenso wie die „Volljuden“ nach der nationalsozialistischen Machtübernahme mit in die Ausgrenzungsmaßnahmen einbezogen, wenn auch hierbei von nationalsozialistischer Seite besondere Vorsicht geboten war: Jeder „Mischling“ hatte natürlich auch „arische“ Ver- wandte, die teilweise sogar zu führenden Kreisen der NSDAP, der Staatsverwaltung oder der Wehrmacht gehörten. Weder mit diesen „Eliten“ noch mit den „einfachen Volksgenos- sen“ wollten und konnten die Nationalsozialisten in Konflikt geraten und so der „Stim- mung“ im Reich schaden.34 Hieraus ergab sich für die nationalsozialistische Führung das Problem, dass einerseits die „Mischlinge“ genauso wie die „Volljuden“ aus der Gesell- schaft verdrängt werden sollten, andererseits aber auch auf deren „arische“ Verwandtschaft Rücksicht genommen werden musste. Aufgrund dieser Tatsache unterscheiden sich die ge- gen „Mischlinge“ gerichtete Ausgrenzungsmaßnahmen von denen, die gegen „Volljuden“ gerichtet waren. Besonders deutlich wird dies daran, dass die „Mischlinge“ keinen Juden- stern tragen und keine Judenvermögensabgabe zahlen mussten und im Wesentlichen nicht in die seit 1942 begonnene physische Vernichtung einbezogen wurden. Diese Schonung war wohl darauf zurückzuführen, dass man jegliche Gegnerschaft der Verwandtschaft „jü- discher Mischlinge“ in der Endphase des Krieges vermeiden wollte.35 Insgesamt lässt sich dennoch ein wachsender Verfolgungsdruck erkennen, der - wenn auch mit geringen Unter- schieden - gleichermaßen für „Volljuden“ und „Mischlinge“ galt. Faktisch wurde in den Jahren 1933-1935 zwischen „Volljuden“ und „Mischlingen“ nicht unterschieden und beide Gruppen als „Nichtarier“ in gleicher Weise diskriminiert.

Anders als die „Volljuden“ nahmen die „jüdischen Mischlinge“ die Verfolgung durch die Nationalsozialisten nicht als geschlossene Gruppe, sondern als isolierte Individuen wahr. Die „Volljuden“ waren zum größten Teil Mitglieder jüdischer Gemeinden, die Freunde und Familien waren ebenfalls jüdisch. In diesem Umfeld nahmen die Betroffenen das erlit- tene Unrecht gemeinsam wahr. Sie tauschten sich in der „Gruppe“ aus, hörten oder berich- teten von Familienmitgliedern, die ausgewandert waren oder in die Lager deportiert wur- den. Darüber hinaus wurde im September 1933 die „Reichsvereinigung der deutschen Ju- den“ gegründet, der alle „Glaubensjuden“ und später alle „Volljuden“, auch wenn sie christlich getauft waren, zwangsweise beitreten mussten. Ab 1939 wurde diese Vereinigung direkt der Regierung unterstellt und im Jahr 1943 endgültig aufgelöst und durch die „Neue Reichsvereinigung“ ersetzt. Diese hielt unter Kontrolle der Gestapo weiterhin Kontakt zu den noch wenigen „Volljuden“ im Deutschen Reich.

Die „jüdischen Mischlinge“ waren weder Zwangsmitglieder noch hatten sie die Möglich- keit, der „Reichsvereinigung der deutschen Juden“ beizutreten. Nicht nur aus diesem Grund nahmen sie die Verfolgungserfahrungen zumeist individuell wahr. Als getaufte Christen hatten sie keinen Kontakt mehr zu jüdischen Gemeinden. Auch Kontakte zu jüdi- schen Verwandten entfielen häufig. Sie befanden sich in der Regel in einer arischen Um- gebung und erlebten als Einzelpersonen immer neue Ausgrenzungen. Viele „Mischlinge“ hatten bisher nicht einmal von ihrer „teiljüdischen“ Herkunft gewusst. Sie konnten ihr Schicksal also kaum mit anderen teilen. Ein Gefühl der Minderwertigkeit oder auch das Empfinden, anderen zu schaden, war die Folge. Schon früh bemühten sich die „jüdischen Mischlinge“ daher, Vereinigungen zu gründen, die ihre Interessen vertreten sollten.

Im Jahr 1933 wurde der „Reichsverband christlich-deutscher Staatsbürger nichtarischer oder nicht rein arischer Abstammung“ gegründet.36 Nach mehreren Namensänderungen bestand dieser Verein bis zur Auflösung durch die Gestapo im Jahr 1939 als „Vereinigung 1937“ weiter. Die Mitgliedschaft in der Vereinigung war weder Pflicht noch wurden viele „Nichtarier“ überhaupt Mitglied. Stärker zu beobachten war das Bemühen vieler „Mischlinge“, möglichst unauffällig zu leben, um so nach Möglichkeit von der Umgebung nicht als „Mischling“ erkannt zu werden. Dieses Bemühen wurde wesentlich dadurch erleichtert, dass die „Mischlinge“ im Gegensatz zu den „Volljuden“ nicht die Pflicht hatten, ab dem 1. September 1941 den „Judenstern“ tragen zu müssen.

3.1 Wachsender Verfolgungsdruck für „jüdische Mischlinge“ im Deutschen Reich

Mit der Verkündung der „Nürnberger Gesetze“ vom 15. September 1935 wurde auch für die „jüdischen Mischlinge“ eine neue Phase der Behandlung durch die Nationalsozialisten eingeleitet. Mit diesen Rassengesetzen gossen die Nationalsozialisten ihre antisemitischen Einstellungen nun auch in Gesetzesform. Die zwei wesentlichen Gesetzesbestandteile, die sich mit der Stellung der Juden und „Mischlinge“ befassten, waren das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, also das sogenannte Blutschutzgesetz, und das „Reichsbürgergesetz“. Das „Blutschutzgesetz“ definierte genau, wer als „Deutschblütiger“, „Volljude“, „Geltungsjude“, „Halbjude“ und „Vierteljude“ galt. Es regelte darüber hinaus, welche Möglichkeiten und Einschränkungen hinsichtlich der Eheschließungen von Juden und „Mischlingen der verschiedenen Grade“ bestanden. Das „Reichsbürgergesetz“ regelte die Staatszugehörigkeit. Hiernach konnten nur „Staatsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes“ Reichsbürger sein. „Jüdischen Mischlingen“ wurde eine „vorläufige Reichsbürgerschaft“ verliehen.

Die Bedeutung der „Nürnberger Rassengesetze“ für den Status der „jüdischen Mischlinge“ lag darin, dass nun stärker zwischen „Volljuden“ und „Mischlingen“ unterschieden wurde. Wurden „Volljuden“ und „Mischlinge“ bislang als „Nichtarier“ gleichen Beschränkungen unterworfen, wurden die einzelnen „Mischlingsgrade“ jetzt differenzierter einer Ausgren- zung unterzogen. Für die „Volljuden“ bedeuteten die „Nürnberger Gesetze“ eine deutliche- re Verschlechterung ihrer Lage, da ihnen mittlerweile fast alle Rechte entzogen waren und sie sich einer ständig größer werdenden Willkür der Nationalsozialisten ausgesetzt sahen.

Für die meisten „Mischlinge“ ergab sich durch die Gesetze insofern eine „Besserstellung“, als dass sie jetzt als „Gruppe“ von den „Volljuden“ abgegrenzt wurden, der zumindest eine „vorübergehende“ Duldung durch die Verleihung einer „vorübergehenden Reichsbürger- schaft“ zugebilligt wurde.37 In der bevorrechteten Gruppe der „Mischlinge“ wurden dieje- nigen mit nur einem jüdischen Großelternteil, also „jüdische Mischlinge 2. Grades“, deut- lich privilegiert. Das „rassisch bessere und kostbarere arische Blut“ der „Vierteljuden“ würde sich im Laufe der nachfolgenden Generationen gegen den minderwertigeren jüdi- schen Blutsanteil durchsetzen und müsse deshalb bewahrt bleiben. Aus diesem Grund durf- ten „jüdische Mischlinge 2. Grades“ auch noch nach den Rassegesetzen arische Deutsche heiraten. Untereinander durften „jüdische Mischlinge 2. Grades“ hingegen nicht mehr hei- raten. Für die Eheschließung eines „jüdischen Mischlings 1. Grades“ mit einem „jüdischen Mischling 2. Grades“ oder einem Arier bedurfte es einer „Genehmigung des Reichsminis- ters des Inneren und des Stellvertreters des Führers oder der von ihnen bestimmte Stelle.“38 In §3 Abs. 2 der „ersten Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zum Schutze des deut- schen Blutes und der deutschen Ehre“ vom 14. November 1935 heißt es dazu weiter: „Bei der Entscheidung sind insbesondere zu berücksichtigen die körperlichen, seelischen und charakterlichen Eigenschaften des Antragstellers, die Dauer der Ansässigkeit seiner Fami- lie in Deutschland, seine oder seines Vaters Teilnahme am Weltkrieg und seine sonstige Familiengeschichte.“39 Diese Möglichkeiten der Befreiung von den Vorschriften der Aus- führungsverordnungen nutzten „Volljuden“ und „Geltungsjuden“, die zu „Mischlingen 1. Grades“ oder zu „Deutschblütigen“ „aufsteigen“ wollten. Auch stellten „Mischlinge 1. Grades“ Anträge auf Anerkennung zu „Mischlingen 2. Grades“ oder „Deutschblütigen“. Von 1935 bis Mai 1941 wurden 9.636 Anträge eingereicht, von denen nur 263 positiv ent- schieden wurden.40 Im Jahr 1942 wurden im Zuge der „Vereinfachung der Verwaltung“ solche Anträge nicht mehr bearbeitet: „Bis auf weiteres unterbleibt grundsätzlich die Bear- beitung der Gesuche von Juden und jüdischen Mischlingen (...) Die Bearbeitung laufender Sachen ist sofort einzustellen (...) Neue Gesuche sind den Einsendern unter Hinweis auf diese Anordnung zurückzugeben. Bescheide auf mir bereits vorgelegte Sachen sind in der Regel nicht mehr zu erwarten.“41

Eine weitere Verschärfung der Verfolgung brachte die am 20. Januar 1942 unter Vorsitz von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich in einer Villa am Wannsee vor den Toren Berlins einberufene Besprechung, an der mehrere hochrangige Vertreter nationalsozialisti- scher Reichsbehörden und Parteidienststellen teilnahmen, um über das weitere Vorgehen und die Art und Weise der vollständigen Vernichtung der „jüdischen Rasse“ zu beschlie- ßen. Dort wurde die bereits begonnene „Endlösung der Judenfrage“ weiter organisiert und koordiniert. Alle Juden sollten in den Osten „deportiert“ und dort in speziell errichteten Vernichtungslagern ermordet werden.42

Einen großen Raum bei den Besprechungen nahm auch die Frage der Einbeziehung der „jüdischen Mischlinge“ in den Vernichtungsprozess ein. Gemäßigtere Positionen standen extremeren gegenüber. Einige Mitglieder dieser Besprechung, die erst nach dem Krieg den Namen „Wannseekonferenz“ erhielt, forderten die völlige Vernichtung nicht nur der „Voll- juden“, sondern auch die der „Halbjuden“ und in vielen Fällen auch „Vierteljuden“. Zu den Verfechtern dieser Lösung gehörte unter anderem der Gastgeber Heydrich.43 Eine andere Position bestand darin, „Halbjuden“ mit in den Vernichtungsprozess einzubeziehen und „Vierteljuden“ den „Deutschblütigen“ gleichzustellen und damit zu verschonen.

[...]


1 Vgl. Meyer, Beate, „Jüdische Mischlinge“. Rassenpolitik und Verfolgungserfahrung 1933-1945, Hamburg 2007, S. 24ff.

2 Hoppe, Bert/Glass, Hiltrud (Hrsg.), Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Band 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten I - Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien, München 2011, S. 528.

3 Vgl. Meyer (2007), S. 9.

4 Noakes, Jeremy, The Development of Nazi policy towards the German-Jewish “Mischlinge” 1933-1945, in: Leo Baeck Institute Year Book 34 (1989), S. 291-354, hier S. 291

5 Die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich 1933-1945, online unter https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/einfuehrung.html.de?page=2#fnY2, eingesehen am 08.10.2015. 6

6 Vgl. Grenville, John A. S., Die “Endlösung“ und die „Judenmischlinge“ im Dritten Reich, in: Büttner, Ursula, Das Unrechtsregime. Internationale Forschung über den Nationalsozialismus. Band 2: Verfolgung - Exil - Belasteter Neubeginn, Hamburg 1986, S. 91-122, hier S. 102f.

7 Vgl. Hagen, William W., German history in modern times. Four lives of the nation, New York 2012, S. 320.

8 Vgl. Boterman, Frits, Moderne geschiedenis van Duitsland. 1800 - heden, Amsterdam 2005, S. 356. 7

9 Vgl. ebd., S. 364f.

10 Vgl. Castan, Joachim, Hans Calmeyer und die Judenrettung in den Niederlanden, Göttingen 2003, S. 32.

11 Vgl. Houwink ten Cate, Johannes, Mangelnde Solidarität gegenüber Juden in den besetzten niederländischen Gebieten?, in: Wetzel, Juliane (Hrsg.)/Benz, Wolfgang, Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit. Regionalstudien 3: Dänemark, Niederlande, Spanien, Portugal, Ungarn, Albanien, Weißrussland, Berlin 1999, S. 87-134, hier S. 91.

12 Middelberg, Mathias, „Wer bin ich, dass ich über Leben und Tod entscheide?“. Hans Calmeyer - „Rassenreferent“ in den Niederlanden 1941-1945, Göttingen 2015, S. 43.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. Houwink ten Cate (1999), S. 87f.

15 Vgl. ebd., S. 46.

16 Vgl. Castan (2003), S. 35.

17 Vgl. Meyer (2007), S. 24.

18 Vgl. Büttner (1988), S. 14.

19 Vgl. Meyer (2007), S. 24.

20 Ebd., S. 26.

21 Vgl. Grenville (1986), S. 93.

22 Vgl. ebd.

23 Vgl. Gruner (2008), S. 46.

24 Vgl. Grenville (1986), S. 102.

25 Noakes (1989), S. 294.

26 Büttner, Ursula, Die Not der Juden teilen. Christlich-jüdische Familien im Dritten Reich, Hamburg 1988, S. 12.

27 Hoche, Werner (Hrsg.)/Schlegelberger, Franz, Das Recht der Neuzeit. Ein Führer durch das geltende Recht des Großdeutschen Reichs und das preußische Landesrecht. 1914-1944, Berlin 1944, S. 323.

28 Jäckel, Eberhard/Longerich, Peter/Schoeps, Julius H., Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Band 2 , Berlin 1993, S. 956.

29 Vgl. Meyer (2007), S. 162.

30 Ebd.

31 Vg. ebd.

32 Vgl. ebd.

33 Vgl. Grenville (1986), S. 92f.

34 Vgl. Büttner (1988), S. 12.

35 Vgl. Büttner (1988), S. 70f.

36 Vgl. Meyer (2007), S. 12.

37 Vgl. Büttner (1988), S. 26f.

38 Erste Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre vom 14. November 1935, online unter http://www.verfassungen.de/de/de33-45/blutschutz35-v1.htm, eingese- hen am 24.09.2015.

39 Ebd.

40 Vgl. Noakes (1989), S. 318f.

41 Meyer (2007), S. 105.

42 Vgl. Grenville (1986), S. 107.

43 Vgl. Jäckel/Longerich/Schoeps (1993), S. 956.

Details

Seiten
51
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668398559
ISBN (Buch)
9783668398566
Dateigröße
752 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353770
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Schlagworte
mischlingspolitik deutschland niederlanden vergleich

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Titel: Die nationalsozialistische "Mischlingspolitik" in Deutschland und den besetzten Niederlanden. Ein Vergleich