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Musikunterricht in der Sekundarstufe I der Deutschen Demokratischen Republik

Bachelorarbeit 2016 73 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Nachkriegssituation - „Existenzberechtigung des Fachs Musik“?

2. Entwicklungsaspekte der schulischen Musikpädagogik in der Deutschen Demokratischen Republik
2.1 Entwicklung schulmusikalischer Leitsätze von 1946-1989
2.1.1 Allgemeine Schulsituation und ersterLehrplan 1946/1947
2.1.2 Hintergründe des Musiklehrplans 1951/1953 und die Zeit danach
2.1.2.1 Veröffentlichung des Curriculums
2.1.2.2 Inhalte
2.1.2.3 Zentrale Organe der Musikpädagogik und deren Beschlüsse
2.1.3 Lehrplanwerk 1959 - Theorie und Praxis
2.1.4 Lehrplan 1968-1972 - Prinzipien und Leitfäden
2.1.5 Musikpädagogische Situation von 1980-1989
2.2 Lehrplan und Lehrplaninhalte 1989 der allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule
2.2.1 Musiktheorie und Tonsatz
2.2.2 Musikgeschichte und Formenlehre in den Klassen 7 und 8
2.2.3 Einsatz von Lehrmitteln
2.2.4 Liedgut und Gesang
2.3 Die Musiklehrkraft
2.3.1 Ausbildung
2.3.2 Richtlinien zur Vorbereitung und Gestaltung von Musikunterricht
2.4 Methodiken und Zielsetzungen für eine sozialistische Kollektiverziehung
2.5 Reflexion der Schüler über den Musikunterricht
2.6 Außerunterrichtliche Begegnungen mit Musik
2.6.1 Singeklub
2.6.2 Tanzmusik und Unterhaltungsmusik
2.6.3 Konzertbesuch
2.6.4 Beat und Jazz als neue Musikrichtungen
2.6.5 Filmmusik

3. Befragung eines Zeitzeugen über die Umstände des Fachs Musik und des Musiklebens in der Deutschen Demokratischen Republik
3.1 Leitfadenstrukturiertes Interview
3.2 Angaben zur Person
3.3 Auswertung und Interpretation des Interviews

4. Fazit und Forschungsansätze

Anhang

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Vorwort

An dieser Stelle möchte all jenen danken, die mich bei der Anfertigung dieser Bachelorarbeit unterstützt haben. Mein ganz besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. Daniel Mark Eberhard, der meine Arbeit durch sein fachliches und persönliches Engagement begleitet hat. Durch die relativ schnelle Wahl und Konkretisierung meines Themas ist mir der Zeitdruck erspart geblieben. Weiterhin hat er mir die nötigen theoretisch relevanten Inhalte verdeutlicht und mir praktische Hinweise gegeben.

Des Weiteren danke ich Frau B., die mit ihrem Einverständnis zu einer Befragung über die damalige Zeit in der DDR maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Arbeit einen empirischen Teil enthält.

Darüber hinaus möchte ich mich bei meinen Eltern Christine und Rainer und meinen Schwestern Angelina und Julia bedanken, die mir während der Bearbeitung die erforderliche Sicherheit gegeben und deren Anregungen meine Arbeit stetig verbessert haben.

Alexander Siegert, Ingolstadt, 13.06.2016

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Rieger, Eva: Schulmusikerziehung in der DDR, 1. Auflage Frankfurt am Main, Berlin, München: Diesterweg 1977, S. 81, in: Schriftenreihe zur Musikpädagogik, hrsg. v. Jakoby, Richard (Im Folgenden angeführt als: „Rieger 1977“)

Abbildung 2 Rieger 1977, S. 93

Abbildung 3 Lehrplan der zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule Musik Klassen 5-10. Ministerrat der DDR. Ministerium für Volksbildung, 1. Auflage Berlin: Volk u. Wissen 1989, S. 55 (Im Folgenden zitiert als: „Lehrplan 1989“)

Abbildung 4 Lehrplan 1989, S. 45

Abbildung 5 Hoffmann, Karl: Methodik Musikunterricht. Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der Deutschen Demokratischen Republik. 2. Auflage Berlin: Volk und Wissen 1979, S. 209, (Im Folgenden zitiert als: „Methodik 1979“).

Abbildung 6 Methodik 1979, S.162

Abbildung 7 Rieger 1977, S. 148

Abbildung 8 Lehrplan 1989, S. 25

Abbildung 9 http://www.bnmsp.de/home/e.huber/brueder/Foto%205c.jpg (zuletzt aufgerufen am 13.06.2016)

Abbildung 10 Gruhn, Wilfried: Geschichte der Musikerziehung, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage Hofheim: Wolke Verlag 1993, 2003, S. 404 (Im Folgenden angeführt als: „Gruhn 1993, 2003“)

Abbildung 11 Brockhaus, Heinz Alfred/ Niemann, Konrad: Musikgeschichte in der Deutschen Demokratischen Republik Band V, Berlin: Verlag Neue Musik Berlin 1979, S. 421 (Im Folgenden zitiert als „Musikgeschichte 1979“)

Abbildung 12 Musikgeschichte, S. 325

Abbildung 13 Musikgeschichte, S. 340

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Musikgeschichte 1979, S. 359

1. Nachkriegssituation - „Existenzberechtigung“des Fachs Musik

Definitiv stellt die Musikpädagogik seit vielen Jahrzehnten einen wichtigen Teil unserer Gesellschaft dar.[1] Der Drang, den jungen Menschen musikalisch „auszurüsten“, hat fortwährend Bestand und erfordert durchdachte methodische Ansätze und Vorgehensweisen. Heutzutage erleben wir Musikpädagogik als etabliertes System in der Schule, das ständig weiterentwickelt und verbessert wird, zugunsten der Schülerinnen und Schüler. Angebote zum Erlernen eines Instruments, das Konzept einer Bläserklasse beziehungsweise einer Gesangsklasse oder Ähnlichem, Konzertbesuche und strukturierter Musikunterricht sind nur einige Aspekte, die viele Schulen in Deutschland anbieten. Dabei sollen die Schülerinnen und Schüler mit grundlegenden musikalischen Kenntnissen ausgestattet werden, denn oft hat Musik nicht die Bedeutung in der Gesellschaft, die ihr zuteil werden sollte. Hier ist nun von wenig musikalischer Präsenz zuhause die Rede, denn wer kann sich denn heutzutage schon leisten, die Kinder nachmittags in die Musikschule zu fahren, wenn beide Eltern berufstätig sind? Aufgrund solcher Missstände ist es von enormer Wichtigkeit, dass schon in der Schule eine elementare Ausbildung in Musik und all ihren Facetten stattfinden sollte. Das Level der Ausbildung und Forschung auf dem musikpädagogischen Sektor, auf dem wir uns heutzutage befinden, lag vor einigen Jahrzehnten jedoch sehr viel niedriger. Greift man die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg heraus, so muss festgestellt werden, dass die Schulmusik einen sehr schlechten Stand hatte, was teilweise nachvollziehbar ist. Betrachtet man die Situation im dritten Reich, so sieht man, dass die Musikpädagogik, so weit diese Bezeichnung überhaupt zutrifft, in ihrer Art und Weise derart propagandistisch missbraucht wurde, dass solche „Fehler“ sich nicht wiederholen sollten. Geschichtlich entscheidend war wohl zunächst die Gründungsphase der beiden deutschen Staaten nach Kriegsende: Die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland. Einhergehend mit allen anderen Abweichungen zur Bundesrepublik bezüglich Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft, vollzog sich auch in der Musikpädagogik ein Wechsel in Theorie und Methodik in der DDR.

So wurde beispielsweise entschieden, dass die Musikstunden radikal gekürzt wurden, da „eine allgemeine Mindereinschätzung des Fachs im Vergleich zu wissenschaftlichen Fächern“[2] vorherrschend war. Des Weiteren beklagten Musikpädagogen im Rahmen einer Tagung 1947, das Fach hätte wohl nur noch die Funktion zur „kulturellen Umrahmung von Schulfeiern“[3]. Weiterhin zu nennen ist der „Tonsilbenstreit“. Dabei ging es primär um die Verknüpfung von „Politik, Ökonomie und Pädagogik“[4], welcher im Schuljahr 1948/49 laut wurde. Es war Tatsache, dass sich die DDR wirtschaftlich gleichwertig mit den „Konkurrenten“ aus Westdeutschland sehen wollte und es nötig war, viele Arbeitskräfte zur Erhöhung der Ertragfähigkeit benötigte. Dem Fach Musik wurde hier nur wenige Bedeutung und Interesse zugeschrieben. Aufgrund vieler solcher Entscheidungen, wie auch die anfangs nicht vorhandene Neuausbildung von Lehrkräften und das Vorurteil, dass Nichtmusiker und auch die Musikpädagogen selbst die Musik als Medium zur Realitätsflucht bezeichneten und regelrecht abwerteten, bescherten dem Fach Musik wenig Gutes. Völlig zurecht kann hier nun der Begriff „Existenzberechtigung“[5] verwendet werden. Zieht man nun Bilanz, so war es notwendig, einige Neuerungen in den nächsten Lehrplan zu bringen und somit die Wertigkeit des Faches in die Höhe zu treiben.

Eben diese Entwicklung der Schulmusik in der DDR ist Kern dieser Arbeit. Außerdem wird konkret auf den Lehrplan der Polytechnischen Oberschule der Klassen 5-10 in Musik eingegangen und es werden Parallelen gezogen. Die These soll durch einen empirischen Teil in Form eines leitfadengestützten Interviews gefestigt werden, denn der Gehalt an Information, vor allem, wenn sie von einer Person stammt, die zur damaligen Zeit in der DDR lebte und zur Schule ging, ist von unschätzbarem Wert und lässt den Leser noch tiefer in die Materie eintauchen. Folglich wird auch der Bezug zum vorher Analysierten hergestellt und mit den Aussagen der befragten Person verglichen. Ein Fazit zum Erarbeiteten soll die Arbeit abrunden und zusammenfassen, zumal sich dadurch auch weitere Möglichkeiten zur Forschung der Schulmusik in der DDR eröffnen.

2. Entwicklungsaspekte der schulischen Musikpädagogik in der Deutschen Demokratischen Republik

Im Folgenden wird nun konkret auf grundlegende musikpädagogische Entwicklungen, Begrifflichkeiten und Aspekte eingegangen. Von großer Wichtigkeit ist hierbei die Weiterentwicklung des Lehrplans der Deutschen Demokratischen Republik, methodische Vorgehensweisen und Richtlinien des Fachs Musik, eine Analyse des Lehrplans der Polytechnischen Oberschule der Klassen 5-10 im Fach Musik und das Aufeinandertreffen der Schülerinnen und Schüler mit außerunterrichtlicher Musik.

2.1 Entwicklung schulmusikalischer Leitsätze von 1946-1989

Im Verlauf der folgenden Punkte wird ein chronologisches Bild der verschiedenen Lehrpläne gegeben, beginnend im Jahre 1946 mit der Erscheinung des ersten Lehrplans für Musik bis hin zur Situation in den 80er Jahren.

2.1.1 Allgemeine Schulsituation und erster Lehrplan 1947/1947

Da die schulische Situation unmittelbar nach Kriegsende ziemlich verworren war, bedurfte es einer schnellen Reaktion, um den Schulbetrieb wieder gangbar zu machen. Nach dem „Zusammenbruch des Deutschen Reichs im Mai 1945 wurde der nach dem Verlust der deutschen Ostgebiete verbleibende Teil Deutschlands durch die Berliner Vier-Mächte­Erklärung in vier Besatzungszonen aufgeteilt.“[6] Speziell in der sowjetischen Besatzungszone war die Situation desolat. Viel zu wenig Lehrer und vor allem Musiklehrer führten das Lehrerhandwerk aus. Sogar noch 1949, also schon nach Veröffentlichung des Lehrplans 1946/1947, herrschte Lehrerknappheit. Dabei sah es beispielsweise im Land Thüringen folgendermaßen aus: Es gab „Für 410000 Schülerinnen und Schüler an den 1800 Grundschulen nur ca. 100 Musiklehrer [...]; an den 98 Oberschulen mit 52000 Schülern unterrichteten etwa 60 Musiklehrer.“[7]

Weiterhin war ein entscheidender Faktor das Schulgebäude. „Zerstörte oder nicht benutzbare Schulen“[8] waren die Regel. Betrachtet man die generelle Lehrersituation, so kommt man zu dem Schluss, dass „von den 40000 Lehrkräften [...] rund 29000 Parteimitglieder der NSDAP gewesen“[9] sind. Eine Neuausbildung der Lehrer gestaltete sich angesichts der sehr schlechten wirtschaftlichen Zustände als extrem schwierig. Weiterhin ergaben sich durch die abermals sofortige Politisierung der Pädagogik weitere Probleme. „Hermann Deiters, Robert Alt und Wilhelm Heise, um nur einige Namen zu nennen, propagierten ihre Ideen einer sozialistischen Welt nicht nur innerhalb wissenschaftlicher Institute“[10], sondern man versuchte auch, diverse Überlegungen in die Pädagogik miteinfließen zu lassen. Aus diesen Zahlen und Fakten, die Mitte des Jahres 1945 ebenfalls so zu Buche standen, ist ersichtlich, dass dringend Handlungsbedarf bestand.

Die Deutsche Zentralverwaltung für Volksbildung, die schon im Juni 1945 ins Leben gerufen wurde, veranlasste in der Sowjetischen Besatzungszone, dass pädagogische wertvolle Werke sowjetischer Herkunft ins Deutsche übertragen wurden.[11]

„[Man; d. Verf.] [definierte; d. Verf.] [nun; d. Verf.] drei schulpolitische Hauptaufgaben:

- das Bildungswesen von der Ideologie des Faschismus und von allen zum Faschismus führenden Ideologien zu säubern;
- die Jugend im Geist einer „kämpferischen Demokratie“ umzuerziehen;
- den Klassencharakter der Erziehung durch Aufhebung von Bildungsprivilegien und Bildungsschranken zu verändern.“[12]

Aus diesen Thesen wird schon früh klar, welche Ziele, politisch gesehen, verfolgt wurden und welche bereits schon im Schüler verankert werden sollten. Im Juli 1946 erschien dann der erste Lehrplan für Musik, in dem Musik ein Kernfach war. Anzumerken ist hier die Tatsache, dass, aufgrund von Nichtvorhandensein einer „theoretischen Diskussionsbasis“[13], ein Bezug auf vergangene pädagogische Ansätze zwangsläufig notwendig war. Zudem ließen sich einige Aspekte der Reform Kestenbergs aus den 20er Jahren nicht vermeiden.

„Dabei fand schwerpunktmäßig das Singen Berücksichtigung.“[14] Dieser Grundsatz sollte auch im Lehrplan 1946 eine Rolle spielen. Logischerweise wurden daher viele Bereiche des Lehrplans von 1942 auch in den späteren mitaufgenommen, da diese vorher auch schon Bestand hatten. So findet sich im Lehrplan 1942 folgende Äußerung: „Der Musikunterricht im Besonderen hat durch frohes Singen und Spielen die Freude der Schüler an der Musik zu wecken, ihre musikalischen Kräfte zu entwickeln und das für diese Aufgaben geeignete ... Musikgut zu pflegen.“[15] Vergleicht man dieses Zitat nun mit einer These aus dem Lehrplan von 1946, so ist der Inhalt fast derselbe: „Die Musikerziehung hat zum Ziel, die musischen Anlagen im Kinde zu wecken und ihm dadurch den Zugang zur Musik, wie zur Kunst überhaupt, als einer Quelle der inneren Freude und seelischen Bereicherung zu erschließen.“[16] Um dem Hauptbestandteil „Singen“ die nötige Achtung zu gewähren, wurde es gleich in zwei von drei Lernzielen eingebettet:

„Bestandteile des Musiklehrplans:

1. [...]'DasMusizieren'- hier nahmdasSingen denbreitestenRaumein,
2. [...] 'Musikalische Grundausbildung' - sie beinhaltete Hinweise auf die persönlichkeitsbildende Wirkung des Singens Sowie Ausführungen zum 'musikalisch richtigen Singen' und zur 'sängerischen Improvisation' als 'eigene schöpferische Äußerung im Singen',
3. [.] 'Musikkunde'“[17]

Betrachtet man nun eine Art Präambel im Lehrplan 1946, so sticht sofort der Begriff Gemeinschaft heraus, welcher aber noch keine politische Prägung erfahren hat. Viel mehr lassen sich Gemeinsamkeiten zur musischen Bildung erkennen:[18]

„Darüber hinaus ist sie (die Musik), vor allem in den wichtigen Jahren der Entwicklung, ein wesentliches Mittel zur Bildung einer harmonischen Persönlichkeit. Die jungen Menschen sollen in das deutsche und ausländische Musikgut und das Musikleben unseres Volkes hineinwachsen und fähig werden, auch nach der Schulzeit die Musik als eine gemeinschaftsbildende und den Menschen über sich hinaushebende Kraft zu erleben.“[19]

Besonders bemerkenswert ist außerdem die starke Betonung des rhythmischen Charakters im Fach Musik. Zurückführen ist dieser Punkt auf die Körper- und Bewegungskultur, die schon im Dritten Reich Verwendung gefunden hatte und mit Musik und Sprache in Verbindung gebracht wurde. Weiterhin bringen die Verfasser die Schulmusik auf eine Ebene der „seelisch betonten Ergänzung“[20]. Damit soll Musik als ein Gegensatz zu kognitiv fordernden Fächern fungieren, um den Schüler quasi zu entlasten. Dementsprechend gestaltete sich die Stundenverteilung so, dass Musik von Klasse 1-8 zweistündig und von Klasse 9-12 einstündig abgehalten werden sollte.[21] Besonders fordernd für den Schüler erscheint die Tatsache, dass „im 3. Schuljahr [...] die Kinder einfache Rhythmen bereits schriftlich wiedergeben“[22] sollten.

Beleuchtet man die Liederarbeitung, so sieht man, dass man sich der Schulmusikreform Kretzschmars bediente, um das Blattsingen voranzutreiben, mit diesem grundlegende musikalische Fähigkeiten erworben werden sollten.[23] Unschwer lässt sich erkennen, dass die Anforderungen an die damaligen Schülerinnen und Schüler durchaus sehr hoch waren. Durchaus erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass bei der Behandlung der einzelnen musikgeschichtlichen Epochen einige stets bevorzugt wurden, was nicht konform mit einer umfassenden Ausbildung im Fach Musik einherging.

Die Romantik führt diese Liste mit 53 aufgeführten Komponisten an. Im Gegenzug werden neue musikalischen Strömungen komplett ignoriert, woraus man erkennen kann, dass der klassischen Musik mehr Bedeutung zugesprochen wurde.[24] Um einige Verbesserung im Lehrplan vorzunehmen, brachte man 1947 eine neue Fassung heraus, bei der es sich „im großen und ganzen [sic!] [.] um die Übernahme der ersten Fassung“[25] handelte. Lediglich ist unter anderem eine „Rücknahme der Anforderungen an die rhythmische Erziehung“[26] zu verzeichnen. Des Weiteren bleibt die Liedauswahl nahezu identisch und enthält „fast ausnahmslos [Stücke] deutscher Herkunft.“[27]

Betrachtet man nun beide Fassungen, so stellt man fest, dass viele pädagogische und methodische Überlegungen aus der Feder von Musikwissenschaftlern stammen. Folglich erweckt der Lehrplan den Eindruck, als ginge es hier nur die reine Behandlung von Stoff, bei dem die erzieherischen Anteile sich in Grenzen halten. Zudem geht „der Lehrplan [...] in seiner Stoffülle [sic!] über die Möglichkeiten der Schulpraxis hinaus und trägt den Charakter eines Maximalprogramms.“28 „Nicht viel anders hatten die Ziele im Reformlehrplan von Kestenberg gelautet.“29

2.1.2 Hintergründe des Musiklehrplans 1951-1953 und die Zeit danach

Um den pädagogisch gesehen relativ dürftigen Lehrplan 1946/1947 abzulösen, bemühte man sich unmittelbar darum, neue methodische Überlegungen in den nächsten Lehrplan mit einzubetten. Bereits 1953 erschien ein komplettes großes Lehrplanwerk, in dem sich natürlich auch das Fach Musik wiederfand. Um die Fülle an Lehrplänen, die in den 50er Jahren erschien, etwas einzudämmen, wird verstärkt auf den eben 1953 erschienenen Plan eingegangen. Eine Analyse jedes neuveröffentlichten Werks, welches im Vergleich zu seinen Vorgängern meistens nur geringfügig verändert wurde, würde wohl den Rahmen der Arbeit sprengen. Um dennoch einen Überblick zu gewährleisten, kann man hier chronologisch folgende Reihe verfolgen, denn die Zeit nach der Veröffentlichung des Plans 1951/1953 war eine Art Experimentierphase, in der immer wieder einmal Elemente herausgenommen und verändert wurden, der zentrale Ausgangspunkt ist dennoch das Werk 1951/1953:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Übersicht über die verschiedenen Lehrpläne, erschienen in den 50er Jahren.

2.1.2.1 Veröffentlichung des Curriculums

Nach und nach wurden Äußerungen „nach einem vom Marxismus-Leninismus durchdrungenen Lehrplanwerk“[28] laut, das durchaus mehr politisch motiviert sein sollte. Zentrale Figur war hier Hugo Hartung, welcher einige Forderungen anführt, dass das Fach Musik gleichwertig zum restlichen Fächerkanon stehen sollte.[29] Dabei macht er sich für „zwei gleichstarke Säulen 'Wissenschaft und Kunst'“[30] stark. Mit einer konsequenten und sinnvollen Ausbildung müsste demnach bereits in der Grundschule begonnen werden, um spätere Fortschritte gewährleisten zu können.

„[So; d. Verf.] [forderte; d. Verf.] [er; d. Verf.] auf einer Musikkonferenz:

- 'Grundlage und Ausgang des Musikunterrichts in der Grundschule bildet die musikalische Wirklichkeit; die Notenschrift ist deren wesensgemäße graphische Festlegung.
- Der Weg zum bewußten [sic!] Musizieren folgt dem systematischen Aufbau der Klangwelt unter der Berücksichtigung des psychischen Entwicklungsstandes.
- Bis zur wissenschaftlichen Klärung des Wertes der Tonsilbensysteme für den Musikunterricht wird empfohlen, vorläufig auf Tonsilben zu verzichten.'“[31]

„Folgerichtig ergibt sich daraus die Forderung: 'Die Grundschule muß [sic!] in die Kunstmusik einführen.'“[32]

Besondere Bedeutung sollte auch dem demokratischen Wesen des Musikunterrichts, der Wichtigkeit des Liedgesangs und damit verbundenem Hören von Stücken, auch in Dur und Moll, zuteil werden.[33] Jedoch muss angemerkt werden, dass sich im Vergleich zum Lehrplan 1946/1947 nur marginale Unterschiede finden, vor allem aber die Herausnahme von Unterrichtsstoff.

Der Schüler musste nach der Volksschule Sonatenform, Programmmusik und Sinfonie kennen, Kunstlieder und Kantaten sollten auf Volkslieder in der Grundschule folgen. Bei der Komponistenliste hat sich wenig verändert, zentraler Aspekt ist Gehörbildung.[34]

Negativ angemerkt wurde bei Hartungs Thesen, dass sich rein von der Methodik fast überhaupt nichts vom Lehrplan 1946 unterscheidet.[35] Problem war, dass Hartung die Musiktheorie des 19. Jahrhunderts für ein Musikverständnis heutzutage voraussetzte, sehr zum Missfallen einiger Wissenschaftler und Pädagogen. Somit war die vorläufige Fassung nicht salonfähig und es bedurfte einiger Nachbesserungen. Die Endfassung des Lehrplans wurde 1953 veröffentlicht, bei der Siegfried Bimberg federführend war. Es lassen sich Gemeinsamkeiten zu 1946/1947 kennen, das „Liedgut“ gewinnt hier schon an Bedeutung:

„Der Musikunterricht soll durch vier Faktoren 'erzieherisch wirken':

- eigenes Musizieren
- die Aneignung wertvollen Liedgutes
- Kenntnisse aus der Musiklehre und -geschichte
- Verständnis für wertvolle deutsche und ausländische Werke“[36]

Dabei setzen die Autoren das eigene Musizieren mit der Praxis von Gesang gleich, wobei schon ab dem dritten Schuljahr politisch motiviertes Liedgut verwendet wird, wie es Anfang der 50er Jahre von vielen gefordert wurde, sollte der Lehrplan schon ideologisch ausgerichtet sein. Vor allem bemerkenswert ist, dass erstmalig moderne Komponisten aus der DDR genannt und behandelt wurden.

Mit „Hervorhebung des Singens und Hörens“[37] erfuhr auch der Text mehr und mehr eine größere Bedeutung und kam den Forderungen der Pädagogen in erster Linie nach,[38] jedoch wurde das auch wissenschaftlich begründet, denn die Hörfähigkeit sollte auch schon früh mit Dur und Moll geschult werden.[39]

Geschichtlich wurde die Veröffentlichung vom Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in Berlin begleitet, der durch sowjetisches Militär blutig niedergeschlagen wurde. Man erkannte, dass es notwendig war, die Bildung noch mehr zu politisieren, um den Geist des Volkes zu stärken. So wurde „als gemeinsame Hauptaufgabe ... die Festigung des Vertrauens der Lehrer zur Regierung der DDR“[40] aufgerufen. Um den Lehrplan für gut zu verkaufen, wurden einige vorher geäußerte Forderungen durch Ergebnisse ergänzt, die der neue Lehrplan 1953 mit sich gebracht haben soll.

Besonders hervorzuheben sind hier die Aspekte „der Forderung nach einem verbindlichen Lehrplan fur die Oberstufe“[41], denn vorher war das Lehrplanwerk sehr grundschullastig. Weiterhin spielt die Zulassung des Fachs Musik als Prüfungsfach eine entscheidende Rolle, denn dann dadurch sollte die Gleichsetzung mit anderen Fächern gewährleistet werden.[42] Dieser Forderung wurde aber zum Beispiel in der Grundschule nicht nachgekommen, denn die abschließende Prüfung dort sah vor, dass Musik und Kunst in der niedrigsten Stufe III, also die Wichtigkeit der Fächer betreffend, angeführt war.[43] Weiterhin hatte das Fach dort noch die „ungeliebte Bezeichnung Gesangsunterricht“[44] inne. Führt man die Linie fort und begutachtet die Situation in der Sekundarstufe, so sieht man, dass 1954, und das ist durchaus problematisch.

„Untersuchungen [ergaben; d. Verf.]:

- 76,5% der Schüler kennen keine Noten;
- 66% der Schüler haben noch nie eine Oper oder ein Konzert besucht;
- nur 2 % der Schüler haben ein Instrument erlernt.“[45]

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass mit der Veröffentlichung des neuen Lehrplans einige Neuerungen und Fortschritte erkennbar waren,jedoch sich diese wohl an einer Hand abzählen lassen, zumal das Singen an sich zuvor schon eine sehr große Bedeutung hatte. Viele Aspekte wurden vom vorherigen Werk übernommen und erfuhren nur geringfügige Veränderungen. Jedoch als gravierender Unterschied zu den Jahren 1946/1947 kann wohl „die bewußte [sic!] Einbindung politischer Ziele der DDR und damit eine beginnende Verflechtung gesellschaftlicher und fachspezifischer Inhalte“[46] angesehen werden, welche durch die Staatsführung bedingt war, denn die Musik sollte fortan als „gesellschaftliche Kraft“[47] fungieren.

2.1.2.2 Inhalte

Um die Zielsetzungen des Lehrplan besser nachvollziehen zu können, ist ein Blick auf die stofflichen und zielgerichteten Inhalte unausweichlich. Der Musikunterricht wurde nun auf diese vier zentralen Aspekte gelenkt, die vorher bereits Erwähnung gefunden haben, also Musizieren, Liedgut, Musiktheorie und -geschichte und Verständnis für wertvolle Werke. Mit der Einbeziehung politischer Elemente wurden „zum erstenmal [sic!] [...] Stücke des sozialistischen Realismus einbezogen.“[48] Besonderes Gewicht wurde dem Faktor Melodie zuteil:

„Die Überbetonung der Melodie führt zu einer entsprechenden Akzentuierung in der Musiklehre; harmonische und rhythmische Zielstellungen werden dafür reduziert. Der Schüler soll die 8. Klasse abschließen mit der relativ hoch zu bewertenden Fähigkeit, einfachere Melodien vom Notenbild abzusingen sowie gehörte Melodien aufzuschreiben.“[49]

Hugo Hartung stellte zudem eine Methode zur Melodieerarbeitung vor, in der das Vom- Blatt-Singen wieder an oberster Stelle stand, jedoch bestand er darauf, dass diese Methode nicht zwingend notwendig sein sollte.[50] „Das Gefühl für das 'Wahre und Schöne in der Musik'“[51] sollte weiterhin durch das Singen und dessen Unterricht geweckt werden. „Der Anteil des Gesangsunterrichts an der patriotischen Erziehung liegt in der großen Möglichkeit, unmittelbar auf das Gefühl der Kinder einzuwirken und durch das Lied den Schülern die Heimat, die Geschichte und die Gegenwart lebendig zu machen.“[52] Wie die Lehrkraft das zu bewerkstelligen hatte, wurde im Lehrplan nicht erwähnt.

Einige Kollegen äußerten Probleme, denn eine Wochenstunde für die Vorbereitung von Schulfeiern beispielsweise war zu wenig.[53] Wendet man diese Analyse auf die Klassen 9-12 an, so sollte erreicht werden, dass „der Jugendliche [...] musikalische Werke der Vergangenheit und Gegenwart“[54] zu verstehen hatte. Ausgangspunkt ist hier mehr das Werkverständnis und dessen Interpretation.

Um einige Veränderungen zum Lehrplan 1951/1953 zu erwähnen, folgen chronologische Anmerkungen: Die Gliederung erfolgte in „Musiziergut“, „Aufgaben und Übungen“ und „Musikkunde“. Musiktheoretisch gesehen, wurde zum Beispiel der Themenkomplex „Unterscheidung zwischen Dur und Moll“ von Klasse 6 auf Klasse 7 verschoben. Rückt man das Liedgut ins Licht, so ist genau die Hälfte von 36 Liedern politisch motiviert.

Um den Gesangsunterricht ab der 7. und 8. Klasse zu stützen, erfuhr das Musikhören 1957 eine Aufwertung. Generell sind die Jahre nach 1953 „gekennzeichnet von verstärkten Bemühungen um eine erfolgreiche Bewältigung der schulmusikalischen Probleme.“[55] Zentralisiert man die Überlegungen und Thesen des Lehrplanwerks und dessen „kleine“ Nachfolger, so sind die 50er Jahre „von Widersprüchen geprägt [...]. Indem die Lehrplangestalter zuvor das Fach Musik einseitig mit Bildungsgut befrachtet hatten, vernachlässigten sie die erzieherische Komponente.“[56] Es wurde sich eben verstärkt nur um das Singen bemüht. Jedoch kamen hier „die unterschiedlichen Bemühungen um den Liedgesang wie die ausführliche Behandlung von Fragen zur Stimmbildung [...] letztendlich der gesamten Entwicklung des Liedgesangs zugute, d.h. Sie ermöglichten [...] einen künstlerischen Niveauanstieg“,[57] zumal dem Thema Melodie besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde.[58]

2.1.2.3 Zentrale Organe der Musikpädagogik und deren Beschlüsse

Damit die Unterschiede ersichtlich sind, wird im folgenden Punkt auf Institute, Personen und Tagungen eingegangen, an denen Beschlüsse gefasst wurden und somit ein kurzer chronologischer Abriss gegeben. Dabei spielen vor allem das MfV, die SED, die KPD, die Zeitschrift „Musik in der Schule“, der VDK, die KpdSU und das DPZI eine wichtige Rolle. Nachdem 1945 die SMAD den russischen Teil der Besatzungszone übernahm, bestand dringend Handlungsbedarf bezüglich Bildung und Erziehung. Kurz vor Erscheinen des ersten Lehrplans 1946, fand „am 21./22.4.1946 [.]in Berlin der Vereinigungsparteitag der KPD und der SPD und die Gründung der SED statt.“[59] Sie verkündete unmittelbar danach das „Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule.“[60]

Der Lehrplan wurde folglich 1946 in einer ersten Fassung veröffentlicht.

Kurz darauf bemühte man sich durch die Gründung der Zeitschrift „Die neue Schule“, die kontinuierlich neue Beiträge zu vielen Fächern brachte, die Bildung stetig zu erhöhen.[61] Weiterhin sollte man einem Beschluss der KPdSU Beachtung schenken, der am 10.2.1948 besagte, dass „wieder stärker an die Tradition der russischen Musik“[62] angeknüpft werden sollte. Als wichtiges Ereignis, bei dem bedeutende musikpädagogisches Entscheidungen getroffen wurden, fand 1949 „Der IV. Pädagogische Kongreß [sic!]“[63] statt. Unter anderem wurde erreicht, dass eine Fachzeitschrift für Musik beschlossen wurde, nämlich die „Musik in der Schule“, welche im November 1949 herausgegeben wurde.

Darüber hinaus formulierte die SED 1951, dass das ganze Schulsystem nun sozialistisch ausgerichtet werden sollte.[64] Um dieses Vorhaben zu festigen, „wurde u.a. das Deutsche Pädagogische Zentralinstitut gegründet, das pädagogische und fachwissenschaftliche Forschungsarbeit leisten [...] sollte.“[65] Wie vorher bereits angeführt, fanden kurz nach Erscheinen des Lehrplans 1946 erhebliche Kürzungen der Musikstunden statt, zumal versuchte das MfV, welches 1950 aus der Regierung hervorging, das Fach Musik in den 11. und 12. Klassen zuerst komplett zu streichen, lenkte dann aber ein und man einigte sich auf „einen vierzehntägigen Wechsel mit dem Fach Kunsterziehung“.[66] Dieser Wechsel blieb aber ohne Erfolg, denn der Lehrermangel war nach wie vor ein Thema. Ebenfalls erwähnenswert ist, dass die SED anschließend versuchte, den Lehrkörper zu entlasten, jedoch dies sehr zum Leidwesen der Musiklehrer vonstatten ging. Folgender Leserbrief spricht Bände:

„Die verbitterte Äußerung eines Beteiligten ist stellvertretend für alle: 'Der Musikunterricht steht und fällt vor allem auch mit der Zeit, die man dem Fach einräumt. Wenn man der Meinung ist, daß [sic!] man mit einer Stunde Musik in der Woche auskommt und Chorstunden nicht nötig sind, dann bleibt der Musikunterricht eben ein Anhängsel, für die Stundentafel kaum Zeit übrig hat. Dann bleibt er Drill zum Einpauken der paar Gesänge, die die Schule zur Repräsentation braucht, und alle Erwägungen über einen zukünftigen Lehrplan können wir uns schenken.“[67]

Wie auch bereits in den einleitenden Worten erwähnt, versuchte die Staatsführung die Erziehung eng mit „Politik, Ökonomie und Pädagogik“[68] zu verknüpfen, was sich nicht positiv auf die Schulmusik auswirkte. Nach dem Arbeiteraufstand 1953 machte der VDK, der 1951 gegründet wurde, um eine Strukturierung der Publikationen der Musikwissenschaftler vorzunehmen, einige Zugeständnisse: „Man verurteile u.a. die Einengung der Thematik auf eine konfliktlose, schöngefärbte Widerspiegelung der Wirklichkeit, insbesondere beim geliebten und geförderten Massenlied und beim Chorlied.“[69]

Da schon im Vorjahr 1952 auf einem Parteitag der SED das Fehlen der Erziehung zur Ästhetik bemängelt wurde, nahm sich diesem Missstand endlich 1953 die Zeitschrift „Musik in der Schule“ an:[70]

„Joachim Rothe versucht, die marxistische Kunsttheorie konkret auf die Musik anzuwenden [...]: Durch die Forderung nach Textbezogenheit und musikalischem Programm umgehe der musikalische Realismus die Gefahr der Unbestimmtheit und Gegenstandslosigkeit. 'Unsere Forderungen an das Liedgut ... werden sich mit dem Inhalt des musikalischen Programms oder Textes [.] beschäftigen.'“[71]

Hervorzuheben ist, dass die Autoren den Begriff der Ästhetik mit dem „Inhalt des musikalischen Programms“ gleichsetzen, jedoch die Wahrnehmung viel mehr als nur den Inhalt einschließt.

Christine Lost, eine Wissenschaftlerin, führt an, dass jeder Lehrplan ab 1953 nun von Pädagogen und Schulpolitikern erarbeitet worden ist.[72] Rieger (1977) äußert sich dazu folgendermaßen: „Losts Bemerkung ist vermutlich so zu verstehen, daß [sic!] der Plan zwar von Musikern erstellt wurde, jedoch von Erziehungswissenschaftlern und Schulpolitikern begutachtet“[73] wurde. Man erkennt, dass die Erstellung durch Fachleute erfolgte, das letzte Wort jedoch der Staat hatte. Somit konnte eine solide Musikerziehung nicht zweifelsfrei gewährleistet werden, zumal das Lied den Kern des Unterrichts bildete. Den Gipfel markiert die Entscheidung, dass 1955 das Fach in der Grundschule in Gesangsunterricht umbenannt wurde, was jedoch zu heftigen Kontroversen führte.[74]

Dadurch sah man sich genötigt, diesen Schritt 1959 wieder rückgängig zu machen.

Um dem Fach Musik wieder mehr an Bedeutung zu schenken, wurden 1956 zum ersten Mal die Schulmusiktage in Leipzig durchgeführt, welche vom VDK und vom MfV veranstaltet wurden.[75] Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde über die Situation des Fachs, methodische Fragen und Musikkultur diskutiert. Eine wichtige Rolle nahm hier auch das Verhältnis zwischen Musikpädagogen und Musikwissenschaftlern ein, denn beide Parteien waren auf dieser Tagung vor Ort. „Über die Musikerziehung verlautete auf dieser Konferenz nichts. Jedoch bemühten sich die Musikwissenschaftler endlich um die Belange der Schulmusik, wenn auch anfangs zögernd“[76].

Der VDK handelte und hielt 1957 eine Zusammenkunft über die Klärung schulmusikalischer Grundprinzipien ab.[77] Im selben Jahr wurde sich auch langsam die SED der Tatsache im Rahmen einer Kulturkonferenz bewusst, dass „den Künstlern [...] auch eine Art Lehrer-Funktion zugeschrieben [werden; d. Verf.] [sollte; d. Verf.]“[78].

Man war sich 1958 im Rahmen einer Schulkonferenz einig, dass der Unterricht enger mit dem Sozialismus verbunden werden sollte. Ideologische Arbeit war also auch verstärkt an der Schule zu verrichten.[79] Man artikulierte das folgendermaßen:

„Alle Teilgebiete der Musikerziehung müssen auf der Grundlage des historisch­dialektischen Materialismus erforscht werden, um die Bedeutung der Musikerziehung im Gesamtsystem der sozialistischen Erziehung zu klären und die entsprechenden Maßnahmen daraus abzuleiten.“[80]

So ist zusammenfassend durchaus zu erkennen, dass das Fach Musik eine Aufwertung erfuhr, was sich auch in den darauffolgenden Lehrplänen bemerkbar machte.

2.1.3 Lehrplanwerk 1959 - Theorie und Praxis

Sieht man nun von den vielen weiteren Ausgaben von Lehrplänen ab, deren Veränderung zum Vorgänger manchmal nur minimal war, so kann die große Edition von 1959 durchaus als richtungsweisend angesehen werden.

Hauptziel, das noch mehr in den Lehrplan verankert werden sollte, war die polytechnische Erziehung. Dieses Mal sollte sie aber noch stärker im Unterricht umgesetzt werden, zumal sie Hauptbestandteil „der 4. Tagung des ZK der SED 1959 war, in deren Zentrum die Entwicklung der polytechnischen, sozialistischen Oberschule und ihre Aufgaben beim weiteren Aufbau des Sozialismus standen.“[81]

Konkret hieß das, dass polytechnische Bildung naturwissenschaftlich-technisch und technologisch-ökonomisch orientiert war und gleichzeitig Erziehung zur gesellschaftlich nützlichen und produktiven Arbeit, Berufsorientierung und -lenkung in Zusammenarbeit mit Betrieben vorantrieb.[82] Einhergehend mit dieser These, sollten auch gleich sinnhaft ähnliche Grundsätze mit in den neuen Lehrplan einfließen. Definitiv Vorrang hatten die wissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Themenbereiche, die im Unterricht vermehrt behandelt werden sollten. Parallelen bezüglich des Fachs Musik können auch im Lehrplan 1959 erkannt werden, denn die polytechnische Erziehung sah eine intensive musikalische Ausbildung nicht direkt vor. Man versuchte, durch diverse Formulierungen dem Fach mehr Bedeutung zuzuschreiben:

„Die neuen Erlebnisinhalte, die durch den polytechnischen Unterricht entstehen, sind auch für die musische Erziehung von großer Bedeutung. Der gesamte Unterricht ... muß [sic!] auf verschiedene Weise mit musischer Erziehung durchdrungen werden. Dies wird die Erziehung der Schüler zu allseitig gebildeten Menschen fördern.“[83]

Ferner wurde seitens der Schöpfer des Lehrplans argumentiert, der Fächerkanon sollte sich komplett der sozialistischen Erziehung verschreiben, jedoch konnten „diese übergeordneten Ziele [...] dem Fach Musik wenig Hilfe bieten“[84], denn konkret fand man keine Realisierungsmöglichkeit im Lehrplan wieder. Blickt man nun auf einige Äußerungen, so ist nur schwer eine Methode auszumachen: „Den Schülern muß [sic!] zum Bedürfnis geworden sein, wertvolle Musik zu hören [...] gegen Kitsch und Dekadenz [anzu]kämpfen.“[85] Generell wurde im neuen Lehrplan nun auch zwischen „Singen und Musizieren“, „Musikhören“ und „Erfassen musikalischer Zusammenhänge“ unterschieden.

[...]


[1] Rieger, Eva: Schulmusikerziehung in der DDR, 1. Auflage Frankfurt am Main, Berlin, München: Diesterweg 1977, S. 20, in: Schriftenreihe zur Musikpädagogik, hrsg. v. Jakoby, Richard. (Im Folgenden angeführt als: „Rieger 1977“).

[2] Rieger 1977,S.23.

[3] ebenda, S. 23.

[4] ebenda, S. 27.

[5] ebenda, S.20.

[6] Gruhn, Wilfried: Geschichte der Musikerziehung, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage Hofheim: Wolke Verlag 1993, 2003, S. 395. (Im Folgenden angeführt als: „Gruhn 1993, 2003“).

[7] ebenda, S. 396.

[8] Siedentop, Sieglinde: Musikunterricht in der DDR. Musikpädagogische Studien zu Erziehung und Bildung in den Klassen 1-4, Augsburg: Wißner-Verlag 2000, S. 130, in: Forum Musikpädagogik, Bd. 33, Hallesche Schriften zur Musikpädagogik. (Im Folgenden angeführt als: „Siedentop 2000“).

[9] Rieger 1977, S.13.

[10] ebenda, S. 13

[11] vgl. Rieger 1977, S. 14.

[12] Rieger 1977, S. 14.

[13] ebenda, S. 15.

[14] Siedentop 2000, S. 135.

[15] Rieger, S. 15.

[16] Gruhn 1993, 2003, S. 397.

[17] LehrplanMusik 1947, S. 23-25, zitiertnach Siedentop 2000, S. 135.

[18] vgl. Rieger 1977, S. 16.

[19] Lehrplan für die Grund- und Oberschulen in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Kunst Musikunterricht, 1.7.1946, zitiertnach Rieger 1977, S. 16.

[20] Rieger 1977, S. 16.

[21] vgl. Rieger 1977, S. 16.

[22] Rieger 1977, S. 17.

[23] vgl. Siedentop 2000, S. 136.

[24] vgl. Rieger 1977, S. 17.

[25] Rieger 1977, S. 19.

[26] ebenda, S. 19.

[27] Siedentop 2000, S. 136.

[28] Rieger 1977, S. 40.

[29] vgl. Rieger 1977, S.41.

[30] Rieger 1977, S.41.

[31] Hartung/Wi>

[32] Gruhn 1993, 2003, S. 397.

[33] vgl. Siedentop 2000, S. 155.

[34] vgl. Rieger 1977, S. 43.

[35] vgl. Rieger, S. 43.

[36] ebenda, S. 45.

[37] Siedentop 2000, S. 156.

[38] vgl. Rieger 1977, S. 45-47.

[39] vgl. Siedentop 2000, S. 156.

[40] Konferenzbericht ohne Verf., Der 17. Juni - ein Bewährungsprobe auch für unsere Schule, in: Die neue Schule 35/1953, S. 7, zitiertnach Rieger 1977, S. 49.

[41] Rieger 1977, S.51.

[42] vgl. Siedentop 2000, S. 150.

[43] vgl. Rieger 1977, S. 53.

[44] Siedentop 2000, S. 150.

[45] Lorenz, Ferdinand: Aus der Arbeit der Musikreferenten der Pädagogischen Kabinette, in: MSch 4/1954, S. 185, zitiertnach Rieger 1977, S. 55.

[46] Siedentop 2000, S. 157.

[47] Rieger 1977, S. 52.

[48] Rieger 1977 S. 47.

[49] ebenda, S. 47.

[50] vgl. Siedentop 2000, S. 162.

[51] ebenda, S. 83.

[52] Lehrplan für Grundschulen. Musik. 1.-8. Schuljahr, hrsg. v. d. Regierung der DDR, Ministerium für Volksbildung, HAUnterrichtundErziehung, 1953, zitiertnach Rieger 1977, S. 83.

[53] vgl. Siedentop 2000, S. 157.

[54] Rieger 1977, S. 84.

[55] Rieger 1977, S. 50.

[56] ebenda, S. 86.

[57] Siedentop 2000, S. 177.

[58] vgl. Siedentop 2000, S. 177.

[59] Rieger 1977, S. 14.

[60] ebenda, S. 14.

[61] vgl. Rieger 1977, S. 20.

[62] Rieger 1977, S. 33.

[63] ebenda, S. 22.

[64] vgl. Siedentop 2000, S. 139.

[65] Siedentop 2000, S. 139.

[66] Rieger 1977, S. 24.

[67] Pammler, Rudolf: Leserbrief, in: MSch 3/1951, S. 101, zitiert nach Rieger 1977, S. 26.

[68] Rieger 1977, S. 27.

[69] Siedentop 2000, S. 141.

[70] vgl. Rieger 1977, S. 38.

[71] Rieger 1977, S. 38.

[72] vgl. Rieger 1977, S. 45.

[73] Rieger 1977, S. 45.

[74] vgl. Siedentop 2000, S. 141.

[75] vgl. Rieger 1977, S. 59.

[76] Rieger 1977, S. 67.

[77] vgl. Rieger 1977, S. 67.

[78] Siedentop 2000, S. 143.

[79] vgl. Siedentop 2000, S. 143.

[80] Entschließung 1958, in: MSch 9/1958, S. 413, zitiertnach Gruhn 1993, 2003, S. 400.

[81] Siedentop 2000, S. 179.

[82] vgl. http://www.wissen.de/lexikon/polytechnische-bildung

[83] Über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der DDR. Thesen des ZK vom 17.1.59, in: MonPaed. VII/1, S. 187, zitiertnachRieger 1977, S. 89.

[84] Rieger 1977, S. 89.

[85] ebenda, S. 90.

Details

Seiten
73
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668408883
ISBN (Buch)
9783668408890
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353625
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Schlagworte
Musik Musikunterricht DDR Deutsche Demokratische Republik Sekundarstufe I Musikpädagogik

Autor

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Titel: Musikunterricht in der Sekundarstufe I der Deutschen Demokratischen Republik