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Straßenkindheit und soziale Devianz als Folge zunehmender Urbanisierung in Deutschland

Gesellschaft und Pädagogik um 1900

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 23 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Urbanisierung in Deutschland

3 Prozess der Verhäuslichung

4 Kindheit um 1900
4.1 Rezeption von Straßenkindheit
4.2 Cliquen und Banden
4.3 Bürgerliche Vorstellung von Kindheit
4.4 Reformatorische Konzeption von Kindheit

5 Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll die Thematik der Straßenjungen in Deutschland in der Zeit um 1900 behandelt werden. Straßenkindheit war zu der Zeit um 1900 ein immer größer werdendes Problem, nicht nur für die bürgerliche Gesellschaft. Damit das Phänomen umfassend verstanden werden kann, wird zunächst auf die Geschichte der Urbanisierung eingegangen. Dabei wird sowohl eine Definition für Urbanisierung gegeben, als auch deren Bedeutung für die Bevölkerung des damaligen Deutschlands dargestellt. Die zunehmende Veränderung der Städte als Folge der Urbanisierung und die aufkommende Industrialisierung sind dabei für die Entwicklung der Bevölkerung entscheidende Faktoren.

In einem weiteren Schritt wird die zunehmende Verhäuslichung untersucht. Dazu wird der Prozess der Verhäuslichung, der nicht nur auf Erziehung beschränkt ist, näher beleuchtet. Historische Entwicklungstendenzen sind dabei ebenso von Bedeutung, wie neuere Errungenschaften der Gesellschaft. Verschachtelte Handlungsräume spielen dabei eine entscheidende Rolle, was ebenfalls genauer dargestellt wird, bevor wir zu der Frage kommen, was eine Straßenkindheit von einer verhäuslichten Kindheit unterscheidet. Dazu werden verschiedene Positionen gegenübergestellt und die Rezeption der damaligen Zeit dargestellt. Wie wird Kindheit wahrgenommen, sowohl bürgerlich, als auch auf der Straße.

Das Verhalten von Kindern auf der Straße soll genauer betrachtet werden und besonders, welche Probleme es für die bürgerliche Schicht bereiten könnte. Dazu werden das Bandenverhalten und die Cliquen als eine der Ursachen für die Probleme in Betracht gezogen.

Wie sieht eine bürgerliche Kindheit aus und wie sind die Erziehungsvorstellungen der bürgerlichen Schicht? Schließlich soll die reformatorische Konzeption von Kindheit, mit Ellen Key als eine bedeutende Vertreterin der Reformpädagogik in Deutschland, kurz dargestellt werden. Diese Betrachtungsweise der damaligen Zeit ist Grundlage und Nährboden für die stärker aufkommende soziale Arbeit. Hier wird beispielhaft für andere (Settlement-)Bewegungen die Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost (SAG) aufgeführt. Sie engagierte sich für Kinder der Arbeiterklasse in Berlin und kam daher direkt mit den Straßenkindern in Kontakt. Die Ziele der SAG sollen kurz erläutert werden, sowie durch die Klubarbeit eine Facette der Bewegung näher betrachtet werden. Schließlich sollen die Erfolge und Grenzen der Bewegung Aufschluss darüber geben, wie konkret Unterstützung gegeben werden konnte.

2 Urbanisierung in Deutschland

Unter Urbanisierung versteht man im deutschen Sprachgebrauch die „Ausbreitung städtischer Lebens-, Wirtschafts- und Verhaltensweisen“ (Bähr 2011). Im engeren Sinne ist damit ein „allgemeiner, unaufhaltsamer und für viele Jahrzehnte irreversibler Prozeß“ (Reulecke 1985, S.14) gemeint. In Deutschland setzt dieser Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Zu den Kernbegriffen der Urbanisierung zählen neben dem bloßen Erschließen von Land für eine Stadt oder deren Straßen auch Prozesse, die eine Mobilisierung voraussetzen. Dabei sind mehrere Deutungsmöglichkeiten der Mobilisierung möglich. Zum einen gibt es die räumliche Mobilisierung, die den Zuzug von Menschen und ganzen Bevölkerungsschichten meint und die soziale Mobilisierung, die nicht nur eine geographische Bezugsgröße berücksichtigt, sondern auch Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs.

Äußere Kennzeichen der Urbanisierung waren um 1800 etwa das Entfernen von Stadtmauern und das Auffüllen der Gräben. Die räumlichen Grenzen der Stadt waren somit nicht mehr sichtbar und eine spürbare Öffnung für das Umland war die Folge. Eine neue Mentalität bildete sich heraus und man wollte, dass die Stadt wächst und sich weiterentwickelt. Diesen Gedanken griff der Staat Preußen auf und gab den Bürgern der Städte mehr Einfluss durch eine Art kommunale Selbstverwaltung. Bürgern war es nun möglich, selbst Entscheidungen für ihre Stadt zu treffen und ihre Meinung wurde in kommunalen Gremien wertgeschätzt.

Zur Zeit der Reichsgründung 1871 besaßen acht Städte mehr als 100.000 Einwohner. 1911 waren es schon 48 Städte. Das machte einen Bevölkerungsanteil von 21,3% aus (1871: 4,8%). Damit lebte etwa jeder fünfte Mensch in einer Großstadt. Zusätzlich kam es zu einer „Bevölkerungsexplosion“. Von 1871 bis 1911 stieg die Bevölkerungszahl von 41 Millionen auf 65 Millionen Menschen (+58%). Ebenso vergrößerte sich die Zahl der in Gemeinden mit 5.000 Einwohnern lebenden Menschen von 9,7 Millionen auf 31,7 Millionen (+228,8%) (vgl. Reulecke 1985, S. 68 ff.).

Mit der Urbanisierung fällt auch gleichzeitig immer das Stichwort der Industrialisierung. James Watt erfand 1778 die Dampfmaschine, die sich im Laufe der Industrialisierung von England aus, immer mehr in Deutschland etablierte. Damit war es möglich, industrielle Betriebe aufzubauen, die unabhängig von Wasserkraft waren. Freie Flächen in der Stadt wurden aufgekauft und Fabriken gebaut. Für die immer größer werdenden Fabriken benötigte man entsprechend mehr Arbeitskräfte und so entstand eine neue Bevölkerungsgruppe, die Arbeiterklasse. Der Zuzug der Arbeitskräfte veränderte ebenfalls die gesamte Bevölkerung einer Stadt. Aus ehemaligen „Bürgerstädten“ wurden nun „Einwohnerstädte“ (Häussermann 2012). Die Abschaffung der Leibeigenschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die damit verbundene Freizügigkeit, ermöglichte erst die dynamische Bewegung von Arbeitskräften auf dem Lande. Durch die Bauernbefreiung wurden viele Menschen ihre Existenzgrundlage genommen und waren zum Teil überflüssig (vgl. Häussermann 2012). Schließlich zwang der Hunger und die Möglichkeit einer besseren Zukunft die Menschen zu einer Landflucht. Die Städte boten zu der Zeit viel, auch wenn das Leben real für die ehemaligen Landarbeiter nicht viel besser war. So gab es zumindest in den Großstädten sanitäre Anlagen und Waschhäuser. Als Gegenmaßnahme für Krankheiten wie z.B. der Cholera waren sie unentbehrlich. Allerdings war es nicht möglich, dass alle Maßnahmen sofort umgesetzt werden konnten. Die Modernisierung der Kanalisation brauchte Zeit, Geld und nicht zuletzt auch Knowhow. Schließlich waren aber im Jahr 1885/86 bereits etwa 90% aller Grundstücke in Berlin an einer modernisierten Kanalanlage angeschlossen. Die Wasserversorgung wurde aber nach wie vor zu 60% dezentral geregelt (vgl. Reulecke 1985, S.59). Grundwasser wurde durch Brunnen erschlossen, das aufgrund der Kanalisation aber mittlerweile eine sehr gute Qualität besaß. In der Stadt wurden nun immer mehr Aufgaben zentral geregelt. Wasserwerke wurden einer Gemeinnützigkeit unterworfen, ebenso wie andere Bereiche, wie z.B. die Bereitstellung von Gas für Straßenlaternen. Durch die Art der Vorsorge und Technik wurden auch immer neue Berufe und Qualifikationen gefordert. Es war nicht möglich, dass ungeschulte Arbeiter sämtliche Tätigkeiten verrichten konnten. Die Forderung nach einer neuen, modernen und berufspraktischen Ausbildung wurde immer lauter. Dies führte schließlich zu der sog. Reformpädagogik.

Mit dem heutigen Begriff der „Daseinsvorsorge (Ernst Forsthoff)“ (Reulecke 1985, S. 62), lässt sich gut beschreiben, welche Aufgaben die Stadt in den Augen der Bewohner zu erfüllen hatte. So wurde die Stadt mehr und mehr ein Sehnsuchtsort für die ärmeren Bevölkerungsgruppen, denen es an diesen wichtigen Errungenschaften einer Stadt fehlte.

3 Prozess der Verhäuslichung

Unter Verhäuslichung versteht man eine spezielle, zivilisatorische Entwicklungsrichtung der Kindheit im 19. und 20. Jahrhundert, die im Zuge der Industrialisierung von zentraler Bedeutung geworden ist. Verhäuslichung meint dabei eine Eingrenzung von Handlungsräumen. Bei Kindern ist eine Abgrenzung von der Umwelt und von anderen Handlungsorten prägend. Die Lebenswelt der Kinder wird in geschützte Räume verlagert. Verhäuslichung findet in der Gesellschaft parallel und keineswegs nur bezogen auf Kindheit statt. Dennoch verläuft sie bei Kindern anders als bei Erwachsenen oder Jugendlichen, die bereits eine stärkere Einbindung in die strukturellen Gegebenheiten der Gesellschaft aufweisen. Die ambivalente Betrachtungsmöglichkeit der Verhäuslichung von Kindheit lässt mehrere Deutungsmöglichkeiten zu. Zum einen können Kinder als Opfer der Verhäuslichung betrachtet werden, indem ihnen immer mehr die freie Entfaltungsmöglichkeit ohne begrenzende Einflüsse genommen wird. Zum anderen aber ist es durch eine Verhäuslichung möglich, Kindheit erst als solche zu konstituieren. Durch das Prinzip der Verhäuslichung kommt es zu einer neuen Pädagogisierung von Kindheit durch z.B. öffentlich-rechtliche Gestaltungsprinzipien. Die Schule ist ein solcher Ort, der planmäßiges Steuern bestimmter Entwicklungsabläufe bei der nachfolgenden Generation erst ermöglicht. Durch ein geschlossenes Gebäude, das einen geschlossen Handlungsraum darstellt, wird ein großer Teil der Kindheit hier abgeschlossen von anderen Einflüssen verbracht. Damit das Prinzip der Verhäuslichung, als Grundlage für eine veränderte Betrachtungsweise von Kindheit, verstanden werden kann, ist es von Bedeutung, dass es als ein zivilisatorisches Prinzip erkannt wird, das nicht erfunden wurde, sondern dessen Entwicklung sich über lange Zeit hingezogen hat, bis es schließlich auch auf Kindheit, bzw. Gesellschaft im allgemeinen Anwendung fand (vgl. Zinnecker 1990, S.142 ff.).

Verhäuslichung ist ein gesellschaftliches Gestaltungsprinzip, um durch Isolierung von sozialen Handlungen stabile und berechenbare Handlungsräume zu schaffen. Dies kann durch Abgrenzung erfolgen. Der Boden wird versiegelt, der Himmel überdacht und die offenen Seiten werden durch Wände verschlossen. Diese Abschirmung schafft etwas, das es lange Zeit nicht gab, nämlich konstante Lebensbedingungen. Dies hat schließlich auch die Vergesellschaftung von Menschen gefördert, indem Handlungen planbar waren. Die menschlichen Tätigkeiten werden unabhängiger von der natürlichen Umgebung. Man ist vor den Einflüssen des Wetters geschützt und kann mit Feuer und später elektrischem Licht sogar den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus bewältigen. Dies alles schafft die Grundlage für eine enorme Konstanz und Zielgerichtetheit der Arbeitsprozesse. Die Erledigung von einfachen Arbeiten ist nun wesentlich effizienter und man kann einzelne Schritte nahezu ungestört beenden. Pausen werden nur nötig, wenn der eigene Körper es einem vorschreibt und nicht, wenn es die Natur und mit ihr unmittelbare Umwelt vorgibt. Mit Wänden, die durch Fenster trotzdem einen Blick nach draußen ermöglichten, wurden die Einflüsse des Außenraums auf den Menschen deutlich erschwert. Dies erhöhte die Konzentrationsfähigkeit auf eine einzelne Aufgabe enorm, was die Effizienz ebenfalls steigen ließ (ebd. S. 144 f.).

Verhäuslichte Handlungsorte sind dauerhafter und standhafter als nicht verhäuslichte. Man kann sich darauf verlassen, dass das, was gestern an einem bestimmten Ort stattfand, auch heute noch dort stattfindet. Durch diese Möglichkeit der Beständigkeit konnten sich erst größere Gesellschaften und Städte, wie wir sie kennen, entwickeln. Aufgrund der dauerhaften Befestigung kommt es zu einer normativen Zuweisung von Handlungstypen zu bestimmten Handlungsorten. Es finden sich gesellschaftlich vorgegebene Handlungstypen an vorgegebenen Handlungsorten, die vorgegeben sind und andere, die an diesem Ort ausgeschlossen werden. Diese räumliche und zugleich soziale Ordnung lässt sich stabil in der Gesellschaft verankern. Sie ist Ausdruck eines Besitzrechts für einen Ort und zugleich Legitimation des Selbigen.

Verhäuslichung ist dabei als Entwicklungstendenz zu betrachten, die historisch notwendig und auch bedingt ist. Zum einen ist sie eine soziale Errungenschaft, zum anderen aber auch ein dynamischer, schwer formbarer und ungeplanter Prozess in der Entwicklung von Gesellschaften. Eine Vervielfältigung von abschließbaren Handlungsorten führt dabei zu einer Ausdifferenzierung von Räumen im Innern von Gebäuden. Diese Entwicklung setzte sich fort, bis es ein eigenes Zimmer für jeden Typus von Tätigkeiten und jeder Person in diesem Gebäude gab. Nicht nur in Gebäuden ist eine Verhäuslichung zu beobachten, sondern auch in weiteren Formen ist sie zu finden. Verkehrsmittel sind ebenfalls eigene Räume, die als „Raumkapseln“ (Zinnecker 1990, S. 145) betrachtet werden und als mobiler Wohn-, Arbeits- und Freizeitort fungieren. Handelswaren werden, zum einen wegen des Schutzes vor Beschädigung, und zum anderen wegen der erhöhten Distanz, in Schachteln verpackt. Übergreifend lässt sich sagen, dass Distanzen sich habitualisiert haben und immer selbstverständlicher und akzeptierter in der Gesellschaft sind.

Die zunehmende Verschachtelung von Handlungsräumen ist aber nicht nur positiv zu betrachten. Die Tendenz, dass es für jede Handlung einen speziellen Handlungsort bedarf, vervielfältigt zwangsläufig die Anzahl der Handlungsräume. Gesellschaften handeln dabei nach einer Selektions- und Optimierungsmaxime. Alles was vorhanden ist, kann verbessert werden. Dies ist mit Sicherheit auch ein Grund dafür, warum die Kosten für verhäuslichte Handlungsorte steigen. Bei nicht verhäuslichten Orten sind die Kosten deutlich geringer. Dies hat zur Folge, dass es zu einer maximalen Ausnutzung der vorhandenen Handlungsorte kommen muss und die Räume möglichst eng gestaltet werden, damit möglichst viele getrennte Orte existieren. Diese Art der Effizienz sorgt für eine gute Kosten-Nutzendeckung. Es ist aber auch eine der Ursachen dafür, warum es möglich ist, dass es in Städten zu zyklischen Überfüllungskrisen des Wohnraums der unteren Schichten kommt. Auch für Kinder kommt es zu einem neuen Erleben von „Enge“. Immer mehr Schüler werden nun in einer Schule unterrichtet. Auch hier sollen die vorhandenen Räume optimal genutzt werden, was bedeutet, dass mehr Schüler auf weniger Raum unterrichtet werden sollen. Die Tendenz der Verhäuslichung sorgt aber auch dafür, dass Defizite der Vereinzelung von Handlungsorten offensichtlich werden und Gegenentwürfe sich genauso durchsetzen können. So gibt es Veränderungen in der Anordnung von Geschäften. Ein großes Warenhaus bietet verschiedene Geschäfte mit unterschiedlichen Produkten unter einem Dach an. Ebenso werden Großraumbüros moderner und stoßen auf mehr Akzeptanz in der Gesellschaft. Auch Häuser können einen großen Raum haben, der als Empfangsraum und auch als Raum zum Leben genutzt wird (vgl. Zinnecker 1990, S. 146 ff.).

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Details

Seiten
23
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668396197
ISBN (Buch)
9783668396203
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353560
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Erziehungswissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
straßenkindheit devianz folge urbanisierung deutschland gesellschaft pädagogik

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Titel: Straßenkindheit und soziale Devianz als Folge zunehmender Urbanisierung in Deutschland